veröffentlicht von der Komintern (SH) aus Anlass des 100. Jahrestages der Novemberrevolution

 

ROTE FAHNEN ÜBER KIEL

Alfred Rebe

aus:

"ROTE FAHNE"

vom 2. November 1928

 

Noch am 1. November lag Kiel in größter Ruhe.

Ruhig und gleichmäßig plätscherten im Hafen die Wellen, auf ihrem Rücken die Kriegsschiffe seiner Majestät, die schwarz-weiß-rote Kriegsflagge am Heck. Barkassen und Pinassen, die Beiboote der großen Kriegsschiffe brachten Offiziere an Land oder holten sie von dort. Die Urlauber der Mannschaften wurden in Motorjollen an Land gebracht. Auf Deck der Schiffe ein buntes Gemisch. Matrosen in weißen Anzügen neben solchen in blauen, dazwischen hin und wieder ein Stoker (Heizer), der für den Hafenbetrieb eingeteilt war. An den Ufern Werften und Kasernen. Auf den Höfen der Kasernen exerzierende Gruppen. Von den Werften her schallte Pochen und Hämmern und Zischen weithin über den Hafen.

Nur ein aufmerksamer Beobachter konnte das Straßenbild von Kiel beshreiben, dass nicht mehr alles so wahr wie einst:

Viele Matrosen grüßten ihre Offiziere nicht mehr ! Das ging schon sehr lange so. Seit 1917. Als Köbes und Reichpietsch erschossen worden waren.

 

 

Und ein Dutzend anderer Matrosen in die Zuchthäuser geworfen waren. Als "Meuterer", als "Verschwörer".

Seitdem wurden die Offiziere von den Mannschaften verachtet, gehasst. Sie gehörten zu den Mitschuldigen.

Die Drohung: "Ich stelle Sie zum Rapport" verfing höchstens noch bei ganz jungen Rekruten. Die Angehörigen der alten Jahrgänge lachten darüber. Den Offizieren ins Gesicht. Meistens aber kümmerten sich die Matrosen nicht einmal mehr um den Offizier, wenn er sie anrief, um sie zur Rede zu stellen. Sie ließen ihn stehen und gingen ruhig ihres Weges.

Instinktiv- nicht bewusst - empfanden es die Matrosen: das ist eine andere Klasse Menschen. Nicht Kamerad, sondern Beherrscher. Ihre Beherrscher hassten sie. Mit den Meuterern fühlten sie sich verbunden. Das waren ihre Kameraden. Die russischen Matrosen hatten ihre Offiziere sogar davon gejagt. Oder an die Wand gestellt.

Über die Revolution in Russland wurde überhaupt viel gesprochen. Mit Begeisterung. "Warum kommt es bei uns nicht so?" Ein Wink eines Beherzten hätte genügt. Tausende von Marineangehörigen hätten zu den Waffen gegriffen.

Am 2. November 1918 fiel ein Funke ins Pulverfass.

"Was ist denn los?"

Am Ufer des Hafens sammelten sich Matrosen, von den Schiffen beurlaubte Landgänger. Aus Neugierde.

Einige 30 Kameraden wurden da an Land gesetzt. Mit ihren Kleidersäcken auf dem Rücken. Und ihren Utensilienkästen unter dem Arm. So wurden Matrosen ins Gefängnis geschickt, für längere Zeit.

Diese Kameraden ins Gefängnis ? Warum ? Meuterer ? Neue Zuchthausurteile ? Neu Todesurteile ? - - -

Wie ein Lauffeuer ging das Gespräch über diese Verhaftung durh Kiel.

Der Apparat der Kommandantur trat in Funktion. Wie 1917.

"Meuterer", "Aufwiegler". 1918 wussten die Matrosen, was damit gemeint war. Von 1917 her. Und shneller als der Kommandantur lieb gewesen, war in Kiel bekannt, was vorgefallen war.

Das dritte Geschwader sollte Dampf machen. Die Flotte sollte ausfahren. Die Heizer weigerten sich. Führten die Befehle# der Offiziere nicht aus.

Mögen die Offiziere die Flotte seiner Majestät opfern, die Heizer wollten ihr Leben nicht mehr opfern. Sie wollten nicht "auf dem Felde der Ehre" sterben. Sie waren gegen den Krieg, für den Frieden.

Dienstverweigerung im Kriege, das galt als Meuterei.

Eine Welle der Empörung setzte unter den Matrosen ein. Die Nacht zum 3. November verlief noch verhältnismäßig ruhig. Für den 3. November war eine Versammlung festgesetzt. Auf dem großen Exerzierplatz. Abends.

Die Spannung wuchs fieberhaft. Eine Versammlung ? Öffentlich ? Noch 1917 waren ja Kameraden wegen Abhaltung oder Teilnahme an Versammlungen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Wieviel werden kommen zu dieser Versammlung? Das war die große Frage. Und eine bange Frage. Eine Versammlung am 1. November zählte etwa 1 000 Teilnehmer. Für den 2. November gelang eine solche nicht. Infolge des Eingreifens des Stationskommandanten. Patroillen von der Kommandantur geschickt, warnten vor der Teilnahme.

- - -

Der Sonntagabend brach an. Matrosen in Gruppen zogen zum Exerzierplatz. Schnell waren es Hunderte. Bald waren es tausend. Und dann zweitausend. Mehr und mehr kamen: dreitausend, viertausend. (Die sozialdemokratische "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung" gab in ihrem Bericht 3 000 zu.)

Schnell musste die Versammlung zu Ende geführt werden.

Tausende auf einem Platz - da hätte die Kommandantur leichte Arbeit gehabt. - - -

Kameraden sprachen zu den Versammelten. Über die Verhaftungen. Man müsse zu den Kameraden stehen. Sie befreien - - -

"Befreien!!!"

Das Wort war gefallen und hatte gezündet. Bei Tausenden - - Da, noch ein Redner. Ein Sozialdemokrat. Er will zur "Besonnenheit" mahnen. Die sozialdemokratischen Vertrauensmänner würden am Montag nachmittag zusammentreten. - Ein Ruf der Empörung - noch einer. Hunderte, Tausende.

Befreien, die Verhafteten den Klauen der Militärjustiz entreißen, die Köbes und Reichpietsch erschießen ließ. Und Dutzend Andere ins Zuchthaus, ins Gefängnis hatte werfen lassen.

Hunderte setzten sich bereits in Bewegung. Die Zaghaften wurden mitgerissen.

"Hin zur Waldwiese". Dort in der Kaserne waren die Verhafteten.

- - - Die Spitze stand vor dem Tor. Der Wachthabende stürzte heraus, kopflos. Er wird überrannt. Der Posten entwaffnet. Die Kaserne gestürmt. Kein Widerstand. Matrosen aus der Kaserne hatten mit an der Versammlung teilgenommen. Klärten die Zurückgebliebenden schnell auf.

Da - Eisengitter vor Fenstern. Das Gefängnis. Die Insassen zittern. Sie wissen ja nicht, was draußen vorgeht, können sich den Lärm nicht erklären. - - -

Die Türen krachten. Die verhafteten Meuterer, wissen nicht was ihnen geschieht.

Frei ! Brausender Jubel begrüßt sie. Befreier und Befreite marschieren. Das Ganze hatte knapp eine Stunde gedauert.

In der Kommandantur - Bestürzung.

"Das ist keine Meuterei - das ist Aufstand."

"Die ganze Garnison im Aufstand?"

"Die Schiffsbesatzungen mit den Aufständischen?"

Wo sind noch dem Kaiser, seinen Offizieren Ergebene, Gehorsame ? - - - Deckoffizierschule ! - - - Alarmbefehl nach dorthin !

Ein Kommando von 50 Deckoffizieranwärtern wird schnell zusammen gestellt. Bewaffnete - - - ein Leutnant übernimmt die Führung.

Die Matrosen marschieren von der Waldwiese zurück. Kommen ungehindert bis Brunsyker Ecke Karlstraße.

Da - Straße abgesperrt, durch Deckoffizieranwärter. Karrieremacher, die in Staatsstellen wollten. Mit dem Zivilversorgungsschein. Und junge Bürschchen, Applikanten, die Offiziere werden sollten. Der Leutnant schnarrt die Spitze der Demonstration an: "Auseinander gehen!" Die Matrosen, Demonstranten marschieren weiter.

"Auseinander gehen!"

Die Tausende dachten nicht daran. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um den Offizier. Die an der Spitze marschieren. Am hinteren Teil des Zuges auch nicht. Schritt für Schritt wälzt sich die Masse voran. And die Absperrung. An die 50 Deckoffizieranwärter.

Nur noch kaum 100 Schritte ist die Spitze von der Absperrung entfernt.

Da blitzt ein Schuss. Auf Befehl des Leutnants. Noch ein Schuss. Eine Salve.

Demonstranten schreien auf. Getroffen. Rotes Blut färbt das Straßenpflaster Kiels. Auf Befehl des Leutnants. Ein Kamerad stirbt. Getroffen von den Kugeln der Schergen des Leutnants.

Aus den Reihen der Aufständischen wird das Feuer erwidert. Straßenschlacht. - - -

Die bewaffneten Aufständischen drängen nach vorn. Die Unbewaffneten strömen davon.

Feiglinge ? Nein ! In die Kaserne geht es. Die einzelnen Posten, soweit sie Widerstand leisten, werden entwaffnet ! - - -

Gewehre, Munition - - nur dieser eine Gedanke beseelt die Zurückstürmenden.

Die Gewehrschränke in den Kasernen verschlossen. Ein Versuch, sie zu öffnen, misslingt.

Schnell, schnell Gewehre - - - und Munition - - -

Ein Teil der Aufständishen beschäftigt sich mit dem Erbrechen der Gwewehrschränke. Die Türen geben nicht nach. Da kracht's ! Die Türen sind nur noch Splitter.

Gewehre, und jetzt Munition - - -

Die Munitionskisten sind schon erbrochen - - - es war keine Zeit hinzuschauen, was für Munition gegriffen wurde.

Heraus aus den Kasernen - -

Brunswyker Ecke Karlstraße lagen 8 Tote. 8 Tote Kameraden und 29 Verwundete.

Rache!

Die Straßen Kiels schwarz vor Menschen. In Aufruhr " - Partei der Matrosen nehmen sie. Kein Offizier zu sehn - - -

"Sucht sie!"

Die Suche setzt ein.

Achselstücke flogen in den Straßendreck. Und Kokarden, ganze Mützen.

Die Nacht brach herein.

Die Kasernen waren in den Händen der Aufständischen. Sich um die Schiffe zu kümmern, war noch keine Zeit gewesen.

Aber jetzt. "Heran an die Schiffe"

Im Laufschritt ging es zum Hafen. Zum Liegeplatz der Vorpostenschiffe. Das waren Fischdampfer, für Kriegszwecke gechartert. Jeder Heizer eines Kriegsschiffes hätte sie fahren können, wenn Not an Mann gewesen wäre. Es war keine Not.

Die Besatzungen der Vorpostenschiffe waren solidarisch. Die Befehlshaber waren schon nicht mehr an Bord. Im Nu lagen ein, zwei, drei Schiffe unter Dampf. Ein Obermatrose schwang sich auf die Kommandobrücke. Er war Steuermannsgast gewesen. Wusste Bescheid. Die Hebel der Maschinentelegraphen flogen auf "Langsam Voraus".

Die Glocke im Heizerraum schrillte, zeigte as Kommando an. Der Heizer an der Maschine öffnet langsam die Drosselklappe. Dampf strömt in die Zylinder der Maschine. Der Kolben hebt sich, setzt die Kurbelwelle in Bewegung.

Die Maschinen stampfen.

Die Schraube schlägt, das Schiff fährt. Der Maschinentelegraph zeigt "Große Fahrt an.

Große Fahrt ! Hinaus in den Hafen, heran an die großen schwimmenden Festungen. Heran an die Panzerschiffe. An die Kreuzer und Linienschiffe.

Scheinwerfer blitzen über den Hafen. Es sollter keiner entkommen von den Offizieren.

Das erste Schiff war erreicht. Die Besatzung mit den Aufständischen.

Die Offiziere ? Wo sind die Offiziere ?

Von Bord.

Wie war das möglich ? Das wissen nur die Offiziere selber ...

Wir haben gesucht. Nichts mehr gefunden. Ein Rätsel.

Nicht anders war es zu erklären, als dass die Offiziere den Rock ihres Kaisers abgelegt, sich in die Kluft der Kulis gesteckt hatten. Um als einfache Matrosen zu erscheinen. In die Barkassen und Pinassen müssen sie sich gestürzt, selbst die Motoren und Maschinen bedient haben, um in die Nacht hinauszufahren. Irgendwohin, wo die Aufständischen nicht so schnell sein konnten. Und solcher Stellen gab es genug um den Kielder Hafen herum.

Alle Schiffsbesatzungen im Kieler Hafen waren mit den Aufständischen.

Die Aufständischen waren zufrieden - - -

In den Kasernen brannte Licht. Schlaf gab es nicht. Die ganze Nacht. Die Kasernentore besetzt. Mit starken Sicherungsposten. Trommler und Hornisten bei jedem Posten, um bei Gefahr sofort Alarm zu schlagen. Starke Patrouillen durchzogen die Stadt. Post, Telegraphie, alle öffentlichen Gebäude wurden besetzt.

Die Nacht verlief ruhig. Der Aufstand hatte die Kraft der Revolution kristallisiert.

Führer. Es galt weiterzukommen. Die eroberten Positionen mussten gehalten werden. Auch die anderen Tage verliefen äußerlich ruhig. Die Kriegsflaggen am Heck der Schiffe waren verschwunden.

Bedauerlicherweise waren auch Ereignisse nicht ausgeblieben, die im Gefolge solcher Bewegungen nicht vermieden werden können. Die Kleiderkammern usw. waren gestürmt und geplündert worden.

Im Kieler Bahnhof lief ein Zug ein. Mit Feldgrauen. Sie steigen aus. Formieren sich auf dem Bahnsteig. Ein Offizier kommandiert. Matrosen durchschreiten die Sperre. Mit roten Armbinden. Sprechen zu den Feldgrauen.

Ein Jubel - - -

"Nehmt unsere Gewehre!"

Solidarisch mit den Aufständischen. Sie waren kommandiert, die "Meuterer" zur Räson zu bringen, "Ruhe und Ordnung" wieder herzustellen.

Das waren die Meuterer ? Mit roten Armbinden ? Rot ist die Farbe der Freiheit, der Freiheit des Proletariats.

Die Gewehre werden den Aufständischen überlassen.

Der erste Einsatz gegen die Aufständischen war missglückt.

Einige Stunden später tauchten Husaren in Kiel auf. Aus Wandsbek. Auch sie hatten Kommando, die Meuterer zu attackieren.

Sie kamen, sahen und - - - erklärten sich mit den Aufständischen solidarisch.

Ein Gerücht ging durch Kiel: Bei Nacht und Nebel sei ein Auto durch das Holsteiner Land gesaust. Prinz Heinrich von Preußen, Köigliche Hoheit, Bruder Seiner Majestät Wilhelms II, Großadmiral der Flotte, sei geflohen. Eine rote Fahne habe er aufgesteckt. Matrosen hätten ihn begleitet. Matrosen ? Offiziere in Matrosenuniform !

Der Bruder des Kaisers geflohen.

Von den Soldaten hatte der Kaiser gefordert, ihr Leben zu opfern, der "Königlichen Hoheit" ist aber ihr armseliges Leben zu wertvoll, um es für Kaiser und Reich in die Schanze zu schlagen. - - -

Der Aufstand durfte keine lokale Angelegenheit bleiben. Das hatten die Führer der revolutionären Matrosen bald erkannt. Und die Matrosen hatten es begriffen.

Hinaus ins Land ! war die Losung. In die Hafenstädte und Nach Süden, Westen, Osten.

Die Kieler Sozialdemokratische Partei hatte einen Beauftragten nach Berlin entsandt. Einen Herrn Kürbis.

Der hatte mit Ebert gesprochen. Und den Bescheid zurück gebracht, die Arbeiter sollen in den Betrieben bleiben. Die Partei lehnte jede nutzlose Fortführung des Kampfes ab.

Das war die Umsturzpartei ? Die Feine der Monarchie ?

Die Betriebe waren im Ausstand. Die Matrosen rüsteten, ins Land zu fahren.

Ein Arbeiter - und Soldatenrat wurde gebildet.

"Für die sozialistische Republik" wurde die Losung, sozialdemokratische Arbeiter und Unabhängige hatten das gemeinsame große Ziel.

Unter dieser Losung fuhren die Kieler Matrosen hinaus ins Land.

Rote Fahnen wehten von den Schiffen im Kieler Hafen.

Unter roten Fahnen rollten die Züge aus dem Kieler Bahnhof. Nach Hamburg, nach Bremen, nach Wilhelmshaven, nach Berlin, nach München - - - rollten über die Sozialdemokratie hinweg. Überall mit Jubel begrüßt. Überall mit Begeisterung empfangen. Überall wurde die Losung "Für die sozialistische Republik!" die Kampflosung. Die Matrosen aus Kiel waren die Verkünder. Eine Klasse, eine Masse für die sozialistische Republik. Bereit, ihr Leben hierfür einzustezen

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Die ersten Meldungen der Delegationen der roten Matrosen aus dem Reich wurden jedes Mal mit größter Begeisterung aufgenommen. Es stand ja gut um unsere Sache, auch im Reich.

In Kiel trat Beruhigung ein. Auch in den Kasernen. Die Macht ist unser. Die alten Gewalten können sie uns nicht mehr entreißen, wenn wir zusammenstehen: für die sozialistische Republik.

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Die eintretende Beruhigung ließ die Offiziere wieder Morgenluft wittern. Sie hatten sich aber geirrt, die Herren. Die Aufständischen packten noch immer zu. Und wie frech die "Herren" wieder auftraten.

Eines Abends hatte eine Patrouille wieder so einen erwischt. Von der Gilde, der auch der Leutnant angehört hatte, auf dessen Konto 8 Tote, neunundzwanzig Verwundete standen. Deren Blut die Ecke Brunswyker und Karlstraße gefärbt hatte. Die Patrouille erklärte ihn für verhaftet. Ein freches Grinsen die Erwiderung (Wer ihnen das Recht gäbe - - - ?).

- - - eine Kugel streckte ihn nieder - - -

Die Beruhigung, Siegesgewissheit in den Kasernen brachte Disziplin mit sich. Selbstdisziplin. Es wurden Führer gewählt, anstelle der Offiziere. Ehemalige Deckoffiziere, Unteroffiziere, die sich den Soldaten unterstellten. Der Arbeitsdienst wurde aufgenommen.

Manche zogen zu den Bauern in der Umgegend, um bei der Ernte zu helfen. Andere gingen zu anderen notwendigen Arbeiten.

Ein großer Teil blieb aber auch zurück. Sie wollten auf ihre Entlassung warten. Lagen in den Kasernen umher. Mßiggänger ? Ja und nein, weil sie keine Selbstdisziplin übten, sich zu den Arbeiten einteilen zu lassen.

Und nein: weil keine Kraft da war, die sie zur Verteidigung der Herrschaft organisierte. Gewiss waren auch sie damals für die sozialistische Republik. Mitgerissen durch den Heroismus der Besten. Aber wer sagte ihnen, wie die sozialistische Republik geschaffen, wie sie gebaut werden muss. Nicht einmal die meisten Sozialisten konnten das sagen.

Ich entsinne mich noch einer Diskussion in einer Kasernenstube. Als er gefragt wurde, was nun wird, erklärt er nur: "Morgen wird Scheidemann die Republik ausrufen."

Etwas anders sah es auf den Schiffen aus. Da wurde gearbeitet. Für diejenigen, die ins Land hinein gefahren waren, mit. Kessel und Maschinen wurden gereinigt usw. Es ging bald wieder so wie vordem. Aber nicht mehr auf Kommando, sondern ohne Offiziere.

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Der Gouverneur aus Kiel dankte ab. Wer soll sein Nachfolger werden ? Das war die Frage, die vor den Soldaten stand.

Die Sozialdemokratie hatte von ihrem Standpunkt aus bereits gute Arbeit geleistet. Die Wahl fiel auf Noske - - - Noskes Domizil wurde das Admiralitätsgebäude. Mit welchen Aufträgen kam er ? Niemand wusste es. Kam er als revolutionärer Sozialist ? Als Umstürzler ?

Noske schuf keine Sicherungen für die Revolution. Die festgesetzten Offiziere beispielsweise kamen vor kein Revolutionstribunal. Es dauerte nicht lange, da waren sie sogar wieder Gäste in den Offiziersquartieren, in den Stabsgebäuden.

In den Kasernen wurde die alte "Ordnung" wieder hergestellt. Appelle, Kammandierungen - - -

Die Offiziere liefen bald wieder frei in Kiel herum. In voller Ausrüstung. Nur auf die kaiserlichen Kokarden verzichteten sie noch.

Die Führer in den Kasernen waren bals instruiert, zu sorgen, dass die Matrosen wieder "ordnungsgemäß" gekleidet gingen. Bisher waren sie natürlich nicht unordentlich gekleidet, aber sie trugen keine Kokarden der Monarchie. Das nannten die Führer: nicht ordentlich gekleidet.

Es wurde appelliert, die roten Kokarden ab, und die "alten" Kokarden wieder anzulegen. Das war der Geist Noskes. Der Geist jener sozialdemokratischer Führer, die während des Krieges den deutschen Imperialismus unterstützten, den Sozialismus verrieten und jetzt sich anschickten, die blutigen Geschäfte der Konterrevolution zu besorgen.

Damals, am 8. November 1918, sahen die revolutionären Matrosen noch nicht, welchen Weg man sie führen wollte. Damals glaubten noch viele von ihnen an die Phrasen von "Einheit, Ruhe und Ordnung", mit denen man sie einschläferte und gegen Spartakus hetzte.

Der blutige Anschaungsunterricht, der bald folgte, zeigte den wirklichen Charakter des Systems Noske, das mit der Anlegung der monarchistischen Kokarde begann und mit Matrosenmord in der Französischen Straße im März 1919 seinen Gipfelpunkt erreichte.

Die erste Etappe der Revolution schloss mit einer Niederlage. Über Niederlagen ging der Weg weiter, aber aus ihnen schöpfte das Proletariat Deutschlands die Lehren, die für seinen kommenden Sieg notwendig sind.