DEUTSCH

 


 

Erste Russische Revolution

1905 - 1907

 

 

"Wie die Volkserhebung in Rußland im Jahre 1905 unter der Führung des Proletariats gegen die zaristische Regierung zum Zwecke der Eroberung einer demokratischen Republik entstand, so werden kommende Jahre eben im Zusammenhange mit diesem Raubkriege die Volkserhebungen in Europa unter der Führung des Proletariats, gegen die Macht des Finanzkapitals, gegen die Großbanken, gegen die Kapitalisten erstehen lassen, und diese Erschütterungen können nicht anders als durch Expropriation der Bourgeoisie, als durch den Sieg des Sozialismus zu Ende kommen."

(W. I. LENIN)

 

 

"Wartet nur, das Jahr 1905 kommt wieder!"

(Lenin)


Lenin

Am 9. Januar 1905 begann in Russland die Revolution

Aus: "Ein kurzer Abriss seines Lebens und Wirkens"

Moskau 1947

(Auszug Seite 102 - 136)

 

W I. Lenin

in englischer Sprache

 Über die

Erste Russische Revolution 1905 - 1907

NEUES BUCH !!!

HERAUSGEBER:

Komintern (SH)

veröffnetlicht am 21. Januar 2015

Auswahl von Schriften aus den Gesammelten Werken

- zusammengestellt von Wolfgang Eggers -

aus Anlass des 110. Jahrestags des "Blutigen Sonntag"

- 22. (9.) Januar 1905

und aus Anlass des 91. Todestags von Lenin

 

 

Resolution über den bewaffneten Aufstand


(7) III. Parteitag der SDAPR

16. April 1905

 

 

ZWEI TAKTIKEN DER SOZIALDEMOKRATIE
IN DER DEMOKRATISCHEN REVOLUTION

Juli 1905

 

 

Der Partisanenkrieg

"Proletari" Nr. 5, 30. September 1906

 

 

 

Ein Vortrag über die Revolution von 1905

9. Januar 1917

 

 

"Die Revolution zeigte, dass die Bolschewiki anzugreifen verstehen, wenn die Situation es erfordert, dass sie gelernt hatten, in den ersten Reihen anzugreifen und das Volk zum Sturm mitzureißen. Die Revolution zeigte aber außerdem, dass die Bolschewiki auch verstehen, sich geordnet zurückzuziehen, wenn die Situation sich ungünstig gestaltet, wenn die Revolution im Abebben ist, dass die Bolschewiki gelernt hatten, den Rückzug richtig durchzuführen, ohne Panik und ohne Hast, um ihre Kader zu erhalten, Kräfte zu sammeln und nach einer der neuen Situation entsprechenden Umgruppierung von neuem gegen den Feind zum Angriff zu schreiten." (J. W. Stalin)

Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ( Bolscheviki ) - Kurzer Lehrgang

Kapitel III (1904-1907)

Die erste Russische Revolution



 

 

Lenin - Revolution 1905

(VIDEO - in russischer Sprache)

 

 

 

Februar 1905

AN DIE BÜRGER
ES LEBE DAS ROTE BANNER!

Große Hoffnungen und große Enttäuschungen! An Stelle der nationalen Feindschaft gegenseitige Liebe und Vertrauen! An Stelle des brudermörderischen Pogroms eine grandiose Demonstration gegen den Zarismus, den Urheber der Pogrome! Gescheitert sind die Hoffnungen der Zarenregierung: es ist ihr doch nicht gelungen, die Nationalitäten von Tiflis aufeinanderzuhetzen! ...

Schon lange bemüht sich die Zarenregierung, die Proletarier aufeinanderzuhetzen, schon lange bemüht sie sich, die gemeinsame Bewegung des Proletariats in Teile zu zerschlagen. Eben deshalb veranstaltete sie Pogrome in Gomel, Kischinew und anderen Orten. Zu dem gleichen Zweck zettelte sie in Baku einen brudermörderischen Krieg an. Und schließlich blieben die Blicke der Zarenregierung an Tiflis haften. Hier, im Zentrum Kaukasiens, wollte sie eine blutige Tragödie aufführen und sie dann in die Provinz übertragen! Keine Kleinigkeit: die Nationalitäten Kaukasiens aufeinanderzuhetzen und das kaukasische Proletariat in seinem eigenen Blut zu ertränken! Die Zarenregierung rieb sich die Hände vor Freude. Sie verbreitete sogar Proklamationen mit der Aufforderung, die Armenier zu schlagen! Und sie hoffte auf Erfolg. Plötzlich aber versammelt sich am 13.Februar eine vieltausendköpfige Menge von Armeniern, Georgiern, Tataren und Russen, gleichsam der Zarenregierung zum Trotz, auf dem umfriedeten Platz der Wank-Kathedrale und schwört sich gegenseitig Unterstützung „im Kampf gegen den Teufel, der Zwietracht zwischen uns sät". Die Einmütigkeit ist vollständig. Es werden Reden gehalten, die dazu aufrufen, „sich zu vereinigen". Die Masse klatscht den Rednern Beifall. Unsere Proklamationen werden verbreitet (in 3000 Exemplaren). Die Masse reißt sich um sie. Die Stimmung der Masse ist im Anstieg begriffen. Der Regierung zum Trotz beschließt sie, sich am anderen Tage auf dem umfriedeten Platz der gleichen Kathedrale zu versammeln, um sich noch einmal „gegenseitige Liebe zu schwören".

Der 14. Februar. Der ganze umfriedete Platz der Kathedrale und die anliegenden Straßen sind voll von Menschen. Unsere Proklamationen werden ganz offen verbreitet und gelesen. Die Masse teilt sich in Gruppen und erörtert den Inhalt der Proklamationen. Es werden Reden gehalten. Die Stimmung der Masse ist im Anstieg begriffen. Sie beschließt, demonstrativ an der Zions-Kathedrale und an der Moschee vorbeizuziehen, sich „gegenseitige Liebe zu schwören", auf dem Persischen Friedhof haltzumachen, noch einmal zu schwören und auseinanderzugehen. Die Masse setzt ihren Beschluß in die Tat um. Unterwegs, in der Nähe der Moschee und auf dem Persischen Friedhof, werden Reden gehalten und unsere Proklamationen verbreitet (an diesem Tage werden 12000 Proklamationen verteilt). Die Stimmung der Masse steigt immer höher. Die angesammelte revolutionäre Energie drängt nach außen. Die Masse beschließt, demonstrativ durch die Dworzowaja-Straße und den Golowinprospekt zu marschieren und erst dann auseinanderzugehen. Unser Komitee benutzt den Augenblick und organisiert sofort einen kleinen führenden Kern. Dieser Kern, an dessen Spitze fortschrittliche Arbeiter stehen, nimmt die zentrale Stelle ein, - und unmittelbar vor dem Schloss wird ein improvisiertes rotes Banner entfaltet. Der Bannerträger, den die Demonstranten auf ihre Arme heben, hält eine flammende politische Rede, in der er vor allem die Genossen ersucht, sich nicht dadurch irremachen zu lassen, dass auf dem Banner die sozialdemokratische Losung fehlt. Die Demonstranten antworten - „Nein, nein, wir tragen sie im Herzen!" Weiter erklärt er die Bedeutung des roten Banners, kritisiert die Vorredner vom Standpunkt der Sozialdemokratie, entlarvt die Halbheit ihrer Reden, weist hin auf die Notwendigkeit der Vernichtung des Zarismus und des Kapitalismus und ruft die Demonstranten auf zum Kampf unter dem roten Banner der Sozialdemokratie. „Es lebe das rote Banner!" antwortet die Masse. Die Demonstranten marschieren weiter zur Wank-Kathedrale. Unterwegs machen sie dreimal halt, um den Bannerträger anzuhören. Dieser ruft die Demonstranten abermals zum Kampf gegen den Zarismus auf und bittet zu schwören-, dass sie ebenso einmütig zum Aufstand schreiten werden wie jetzt zur Demonstration. „Wir schwören!" antwortet die Masse. Die Demonstranten erreichen die Wank-Kathedrale, und nach einem kleinen Zusammenstoß mit den Kosaken gehen sie auseinander.

Das war die „Demonstration der 8000 Tifliser Bürger".

So antworteten die Tifliser Bürger auf die pharisäische Politik der Zarenregierung. So rächten sie sich an der niederträchtigen Regierung für das Blut der Bakuer Bürger. Ruhm und Ehre den Bürgern von Tiflis!

Vor der vieltausendköpfigen Menge der Tifliser Bürger, die sich unter dem roten Banner versammelten und mehreremal das Todesurteil gegen die Zarenregierung aussprachen, mussten die elenden Lakaien einer elenden Regierung zurückweichen. Sie verzichteten auf den Pogrom.

Heißt dies jedoch, Bürger, dass die Zarenregierung auch in Zukunft nicht danach trachten wird, Pogrome zu veranstalten? Bei weitem nicht! Solange sie am Leben ist, und je mehr sie an Boden verliert, desto häufiger wird sie zu Pogromen ihre Zuflucht nehmen. Das einzige Mittel, die Pogrome aus der Welt zu schaffen, ist die Vernichtung der zaristischen Selbstherrschaft.

Euch ist euer Leben und das Leben der euch nahe stehenden Menschen teuer? Ihr liebt eure Freunde, eure Verwandten, und ihr wollt keine Pogrome? Dann müsst ihr wissen, Bürger, dass nur mit der Vernichtung des Zarismus die Pogrome und das damit verbundene Blutvergießen aus der Welt geschafft werden!

Der Sturz der zaristischen Selbstherrschaft, das ist es, was ihr vor allem anstreben müsst!

Ihr wollt die Vernichtung jeglicher nationalen Feindschaft? Ihr strebt nach der vollen Solidarität der Völker? Dann müsst ihr wissen, Bürger, dass erst mit der Vernichtung der Ungleichheit, erst mit der Beseitigung des Kapitalismus jegliche nationale Zwietracht vernichtet werden wird!

Der Triumph des Sozialismus, das ist es, wonach ihr zu guter Letzt streben müsst!

Wer aber wird die schändlichen Zustände des Zarismus vom Antlitz der Erde wegfegen, wer wird euch von den Pogromen erlösen? - Das Proletariat, geführt von der Sozialdemokratie.

Wer aber wird die kapitalistischen Zustände zunichte machen, wer wird die internationale Solidarität auf der Erde aufrichten? - Gleichfalls das Proletariat, geführt von der gleichen Sozialdemokratie.

Das Proletariat und nur das Proletariat wird euch Freiheit und Frieden erobern.

So schart euch denn um das Proletariat zusammen und tretet unter das Banner der Sozialdemokratie!

Unter das rote Banner, Bürger!

Nieder mit der zaristischen Selbstherrschaft!

Es lebe die demokratische Republik!

Nieder mit dem Kapitalismus!

Es lebe der Sozialismus!

Es lebe das rote Banner!

15. Februar 1905,

 

 

 

15. Juli 1905.

DER BEWAFFNETE AUFSTAND UND UNSERE TAKTIK

Die revolutionäre Bewegung „hat gegenwärtig die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands schon herbeigeführt" - dieser vom III. Parteitag unserer Partei ausgesprochene Gedanke wird mit jedem Tage immer mehr bestätigt. Die Flamme der Revolution greift immer stärker um sich, bald hier, bald dort lokale Aufstände hervorrufend. Drei Tage Barrikaden und Straßenkämpfe in Lodz, der Streik vieler Zehntausender Arbeiter in Iwanowo-Wosnessensk samt den unvermeidlichen blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, der Aufstand in Odessa, der „Aufruhr" in der Schwarzmeerflotte und unter den Libauer Marinetruppen, die Tifliser „Woche" - alles dies sind Vorboten des nahenden Gewitters. Es naht, es naht unaufhaltsam und wird sich heute oder morgen über Rußland entladen und mit einem machtvollen reinigenden Strom alles Morsche, Verfaulte wegtragen, von dem russischen Volk die jahrhundertealte Schande abwaschen, die Selbstherrschaft heißt. Die letzten krampfhaften Anstrengungen des Zarismus - die Verstärkung der verschiedenen Arten der Gewaltmaßnahmen, die Verhängung des Ausnahmezustands über die Hälfte des Reichs, die Vermehrung der Galgen und daneben die lockenden Reden an die Liberalen und die verlogenen Reformversprechungen - werden ihn nicht vor seinem historischen Schicksal retten. Die Tage der Selbstherrschaft sind gezählt, das Gewitter ist unabwendbar. Schon entsteht eine neue Ordnung, vom ganzen Volke begrüßt, das von ihr Erneuerung und Wiedergeburt erwartet.

Vor welche neuen Fragen wird unsere Partei nun durch dieses nahende Gewitter gestellt? Wie müssen wir unsere Organisation und Taktik den neuen Anforderungen des Lebens anpassen, um aktiver und organisierter teilnehmen zu können an dem Aufstand, der der einzig notwendige Anfang der Revolution ist? Müssen wir - der Vortrupp der Klasse, die nicht nur die Vorhut, sondern auch die wichtigste wirkende Kraft der Revolution ist - spezielle Apparate schaffen, um den Aufstand zu leiten, oder genügt hierfür der schon bestehende Parteimechanismus?

Es sind nun schon mehrere Monate, dass diese Fragen vor der Partei stehen und unaufschiebbar Lösung heischen. Für Menschen, die die „Elementargewalt" anbeten und die Ziele der Partei bloß darin sehen, dem Lauf des Lebens zu folgen, die im Nachtrab trotten und nicht an der Spitze marschieren, wie sich das für den bewussten Vortrupp geziemt, existieren solche Fragen nicht. Der Aufstand sei spontan, sagen sie, ihn zu organisieren und vorzubereiten sei unmöglich, jeder im voraus ausgearbeitete Aktionsplan sei eine Utopie (sie sind gegen jeden „Plan" - das wäre ja „Bewusstheit" und nicht eine „spontane Erscheinung"!), ein vergeblicher Kraftaufwand, - das gesellschaftliche Leben habe seine unerforschten Wege, und es werde alle unsere Projekte zerschlagen. Deshalb müssten wir uns auf die Propaganda und Agitation der Idee des Aufstands, der Idee der „Selbstbewaffnung" der Massen beschränken, wir müssten nur die „politische Führung" ausüben, und das aufständische Volk möge „technisch" leiten, wer da wolle.

Aber wir haben doch auch bis jetzt stets diese Führung ausgeübt! wenden die Gegner der „Nachtrabpolitik" ein. Es ist klar, dass eine umfassende Agitation und Propaganda, dass die politische Führung durch das Proletariat absolut notwendig sind. Sich auf diese allgemeinen Aufgaben beschränken bedeutet jedoch, dass wir uns entweder um die Beantwortung einer Frage drücken, die direkt vom Leben aufgeworfen wird, oder dass wir uns völlig unfähig zeigen, unsere Taktik den Bedürfnissen des stürmisch um sich greifenden revolutionären Kampfes anzupassen. Selbstverständlich müssen wir jetzt die politische Agitation verzehnfachen, müssen wir nicht nur das Proletariat, sondern auch jene zahlreichen Schichten des „Volkes", die sich allmählich der Revolution anschließen, unter unseren Einfluss bringen, müssen wir bestrebt sein, In allen Bevölkerungsklassen die Idee von der Notwendigkeit des Aufstands zu popularisieren. Aber wir dürfen uns nicht hierauf allein beschränken! Damit das Proletariat die kommende Revolution für die Zwecke seines Klassenkampfes nutzbar machen könne, damit es eine demokratische Ordnung errichten könne, die den nachfolgenden Kampf um den Sozialismus am meisten erleichtere, - dafür ist es notwendig, dass das Proletariat, um das sich die Opposition schart, nicht nur im Zentrum des Kampfes stehe, sondern auch der Führer und Leiter des Aufstands werde. Gerade die technische Führung und die organisatorische Vorbereitung des allrussischen Aufstands bilden jene neue Aufgabe, die das Leben dem Proletariat gestellt hat. Will nun unsere Partei der wirkliche politische Führer der Arbeiterklasse sein, so kann und darf sie sich der Erfüllung dieser neuen Aufgaben nicht entziehen.

Was müssen wir also unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen? Welches müssen unsere ersten Schritte sein?

Viele unserer Organisationen haben diese Frage bereits praktisch gelöst, indem sie einen Teil ihrer Kräfte und Mittel für die Bewaffnung des Proletariats bereitstellten. Unser Kampf gegen die Selbstherrschaft ist jetzt in eine Periode eingetreten, wo die Bewaffnung von allen als notwendig erkannt wird. Aber allein das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Bewaffnung ist ja nicht ausreichend, - der Partei muss die praktische Aufgabe direkt und klar gestellt werden. Deshalb müssen unsere Komitees überall im Lande schon jetzt, sofort beginnen mit der Bewaffnung des Volkes, mit der Schaffung spezieller Gruppen, die dies in die Wege leiten sollen, mit der Organisierung von örtlichen Gruppen zwecks Beschaffung von Waffen, mit der Organisierung von Werkstätten zur Herstellung verschiedener Sprengstoffe, mit der Ausarbeitung eines Plans für die Besetzung der staatlichen und privaten Waffenlager und Arsenale. Wir müssen das Volk bewaffnen nicht nur mit dem „brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung", wie uns die neue „Iskra" rät, sondern müssen auch praktisch „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats treffen", wie der III. Parteitag uns das zur Pflicht gemacht hat. Bei der Lösung dieser Frage können wir leichter als bei irgendeiner anderen Frage zu einem Einvernehmen gelangen sowohl mit dem abgespaltenen Teil der Partei (wenn er wirklich im Ernst an die Bewaffnung denkt, und nicht nur „von dem brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung" schwatzt) als auch mit den nationalen sozialdemokratischen Organisationen, wie z. B. den armenischen Föderalisten und anderen, die sich die gleichen Ziele stecken. Einen solchen Versuch hat es schon in Baku gegeben, wo unser Komitee, die „Balachany-Bibi-Eibater"-Gruppe und das Komitee der Gntschakisten nach dem Februargemetzel aus ihrer Mitte eine Organisationskommission für Bewaffnungsfragen gebildet hatten. Es ist unbedingt notwendig, dass diese schwierige und verantwortungsvolle Sache mit gemeinsamen Kräften in die Wege geleitet wird, und wir meinen, dass fraktionelle Streitigkeiten die Vereinigung aller sozialdemokratischen Kräfte auf diesem Boden am allerwenigsten behindern dürfen.

Außer der Vergrößerung der Waffenvorräte, der Organisierung ihrer Beschaffung und ihrer fabrikmäßigen Herstellung muss der Bildung aller möglichen Kampfscharen zur Ausnutzung der gewonnenen Waffen die ernsteste Aufmerksamkeit zugewandt werden. Auf keinen Fall dürfen solche Handlungen zugelassen werden wie die direkte Verteilung der Waffen an die Massen. Da wir wenig Mittel besitzen und es sehr schwierig ist, die Warfen vor dem wachsamen Auge der Polizei zu verbergen, würde es uns nicht gelingen, einigermaßen bedeutende Bevölkerungsschichten zu bewaffnen, und unsere Mühen würden umsonst sein. Ganz anders steht die Sache, wenn wir eine spezielle Kampforganisation schaffen. Unsere Kampf scharen werden in der Handhabung der Waffen gut ausgebildet, während des Aufstandes - ob er nun spontan beginnt oder vorher vorbereitet wird - werden sie als Haupttrupps und Vortrupps wirken, um sie wird sich das aufständische Volk scharen und unter ihrer Leitung in den Kampf gehen. Dank ihrer Erfahrenheit und Organisiertheit, aber auch dank ihrer guten Bewaffnung wird es möglich sein, alle Kräfte des aufständischen Volkes auszunutzen und dadurch das nächste Ziel zu erreichen - die Bewaffnung des ganzen Volkes und die Durchführung des vorher ausgearbeiteten Aktionsplans. Sie werden sich rasch der verschiedenen Waffenlager, der Regierungsbehörden und öffentlichen Institutionen, der Post, des Telefonamts u. dgl. bemächtigen, was für die weitere Entwicklung der Revolution notwendig sein wird.

Aber diese Kampfscharen sind nicht nur dann notwendig, wenn der revolutionäre Aufstand bereits die ganze Stadt erfaßt hat, nicht weniger groß ist ihre Bedeutung auch am Vorabend des Aufstandes. Während des letzten halben Jahres haben wir uns klar davon überzeugt, dass die Selbstherrschaft, die sich in den Augen aller Bevölkerungsklassen diskreditiert hat, ihre ganze Energie aufgeboten hat, um die finsteren Kräfte des Landes - seien dies nun Berufsbanditen oder unaufgeklärte und fanatisierte Elemente aus der Mitte der Tataren - für den Kampf gegen die Revolutionäre zu mobilisieren. Von der Polizei bewaffnet und begönnert, terrorisieren sie die Bevölkerung und schaffen für die Befreiungsbewegung eine drückende Atmosphäre. Unsere Kampforganisationen müssen stets bereit sein, allen Vorstößen dieser finsteren Kräfte die gehörige Abfuhr zu erteilen, und sich bemühen, die durch ihre Handlungen hervorgerufene Empörung und Abwehr in eine gegen die Regierung gerichtete Bewegung zu verwandeln. Die bewaffneten Kampfscharen, die jeden Augenblick bereit sind, auf die Straße zu gehen und sich an die Spitze der Volksmassen zu stellen, können das vom III. Parteitag gesteckte Ziel leicht erreichen, nämlich „die bewaffnete Abwehr der Vorstöße der Schwarzen Hundert und überhaupt aller von der Regierung geleiteten reaktionären Elemente zu organisieren" („Resolution über die Stellung zur Taktik der Regierung am Vorabend des Umsturzes" - siehe „Benachrichtigung").

Eine der Hauptaufgaben unserer Kampfscharen und unserer militärtechnischen Organisation überhaupt muss es sein, einen Auf standsplan für ihr Gebiet auszuarbeiten und ihn mit dem von der Partei zentrale für ganz Rußland ausgearbeiteten Plan zu koordinieren. Beim Gegner die schwächsten Stellen finden, die Punkte bezeichnen, von denen aus er angegriffen werden muss, alle Kräfte im Gebiet verteilen, die Topographie der Stadt gut studieren - alles dies muss vorher getan werden, damit wir unter keinen Umständen überrascht werden. Es ist hier völlig unangebracht, diese Seite der Tätigkeit unserer Organisationen eingehend zu erörtern. Eine strenge Konspiration bei der Ausarbeitung des Aktionsplans muss begleitet sein von einer möglichst weiten Verbreitung militärtechnischer Kenntnisse unter dem Proletariat, wie sie für die Führung des Straßenkampfes unbedingt notwendig sind. Zu diesem Zweck müssen wir die in der Organisation vorhandenen Militärpersonen heranziehen. Zu dem gleichen Zweck können wir auch eine ganze Anzahl sonstiger Genossen von uns heranziehen, die mit ihren Talenten und Neigungen dabei von großem Nutzen sein werden.

Nur eine solche allseitige Vorbereitung zum Aufstand kann die führende Rolle der Sozialdemokratie in den kommenden Kämpfen zwischen dem Volk und der Selbstherrschaft gewährleisten.

Nur die völlige Kampfbereitschaft wird dem Proletariat die Möglichkeit geben, die einzelnen Scharmützel mit der Polizei und dem Militär zu einem allgemeinen Volksaufstand zu gestalten, um an Stelle der Zarenregierung eine provisorische revolutionäre Regierung zu schaffen.

Das organisierte Proletariat wird, den Anhängern der „Nachtrabpolitik" zum Trotz, alle seine Kräfte aufbieten, um sowohl die technische als auch die politische Führung des Aufstands in seinen Händen zu konzentrieren. Diese Führung ist die unerlässliche Bedingung, um die herannahende Revolution im Interesse unseres Klassenkampfes ausnutzen zu können.

 

 

 

15. August 1905

DIE PROVISORISCHE REVOLUTIONÄRE REGIERUNG UND DIE SOZIALDEMOKRATIEN

I

Die Volksrevolution wächst an. Das Proletariat bewaffnet sich und entrollt das Banner des Aufstands. Die Bauernschaft strafft den Rücken und vereinigt sich um das Proletariat. Nicht mehr fern ist die Zeit, wo auch der allgemeine Aufstand ausbrechen und den verhassten Thron des verhassten Zaren „vom Antlitz der Erde hinwegfegen" wird. Die Zarenregierung wird gestürzt werden. Auf ihren Trümmern wird eine Regierung der Revolution geschaffen werden - eine provisorische revolutionäre Regierung, die die finsteren Kräfte entwaffnen, das Volk bewaffnen und sofort zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung schreiten wird. So wird die Herrschaft des Zaren abgelöst werden von der Herrschaft des Volkes. Diesen Weg geht gegenwärtig die Volksrevolution.

Was muss die provisorische Regierung tun?

Sie muss die finsteren Kräfte entwaffnen, die Feinde der Revolution bändigen, damit sie nicht die Selbstherrschaft des Zaren wiederherstellen können. Sie muss das Volk bewaffnen und dazu beitragen, dass die Revolution zu Ende geführt wird. Sie muss die Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen u. dgl. verwirklichen. Sie muss die indirekten Steuern abschaffen und eine progressive Steuer auf Profite und Erbschaften einführen. Sie muss Bauernkomitees ins Leben rufen, die die Bodenangelegenheiten im Dorfe regeln werden. Sie muss schließlich die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche trennen...

Außer diesen allgemeinen Forderungen muss die provisorische Regierung auch die Klassenforderungen der Arbeiter verwirklichen: die Streik- und Koalitionsfreiheit, den achtstündigen Arbeitstag, die staatliche Arbeiterversicherung, hygienische Arbeitsbedingungen, Schaffung von „Arbeitsbörsen" usw.

Kurzum, die provisorische Regierung muss unser Minimalprogramm (Über das Minimalprogramm siehe die „Benachrichtigung über den II. Parteitag der SDAPR".) restlos verwirklichen und sofort zur Einberufung einer vom ganzen Volke zu wählenden Konstituierenden Versammlung schreiten, die die im gesellschaftlichen Leben erfolgten Wandlungen „für immer" gesetzlich verankern wird.

Wer soll in die provisorische Regierung eintreten?

Die Revolution wird vom Volke vollbracht, das Volk aber ist das Proletariat und die Bauernschaft. Es ist klar, dass sie es auch übernehmen müssen, die Revolution zu Ende zu führen, die Reaktion zu bändigen, das Volk zu bewaffnen usw. Für alles dies aber ist es notwendig, dass das Proletariat und die Bauernschaft Verfechter ihrer Interessen in der provisorischen Regierung haben. Das Proletariat und die Bauernschaft werden die Straße beherrschen, sie werden ihr Blut vergießen, - es ist klar, dass sie auch in der provisorischen Regierung herrschen müssen.

Alles dies trifft zu, sagt man uns, aber was gibt es Gemeinsames zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft?
Das Gemeinsame ist, dass sie beide die Überreste der Leibeigenschaft hassen, dass sie beide einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Zarenregierung führen, dass sie beide die demokratische Republik wollen.

Dies kann uns jedoch nicht veranlassen, die Wahrheit zu vergessen, dass der Unterschied zwischen ihnen viel bedeutender ist.

Worin besteht dieser Unterschied?

Darin, dass das Proletariat der Feind des Privateigentums ist, die bürgerlichen Zustände hasst, und dass es die demokratische Republik nur braucht, um Kräfte zu sammeln und dann die bürgerliche Ordnung zu stürzen, während die Bauernschaft am Privateigentum festhält, an den bürgerlichen Zuständen hängt und die demokratische Republik braucht, um die Grundlagen der bürgerlichen Ordnung zu festigen.

Es erübrigt sich, darüber zu reden, dass sich die Bauernschaft (D. h. die Kleinbourgeoisie) nur insoweit gegen das Proletariat wenden wird, als das Proletariat das Privateigentum wird aufheben wollen. Auf der anderen Seite ist es gleichfalls klar, dass die Bauernschaft das Proletariat nur insoweit unterstützen wird, als das Proletariat die Selbstherrschaft wird stürzen wollen. Die gegenwärtige Revolution ist eine bürgerliche Revolution, d. h. sie tastet das Privateigentum nicht an, folglich hat die Bauernschaft gegenwärtig keinerlei Anlass, ihre Waffen gegen das Proletariat zu kehren. Dafür lehnt die gegenwärtige Revolution von Grund aus die Zarenmacht ab, folglich ist die Bauernschaft daran interessiert, sich entschlossen dem Proletariat als dem führenden Kraftfaktor der Revolution anzuschließen. Es ist klar, dass auch das Proletariat daran interessiert ist, die Bauernschaft zu unterstützen und gemeinsam mit ihr gegen den gemeinsamen Feind - die Zarenregierung - vorzugehen. Nicht umsonst sagt der große Engels, dass das Proletariat bis zum Siege der proletarischen Revolution Seite an Seite mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehenden Zustände vorgehen muss. (Siehe „Iskra" Nr. 96. Diese Stelle ist abgedruckt in Nr. 5 des „Sozialdemokrat“ Siehe „Demokratie und Sozialdemokratie".) Und wenn unser Sieg bis zur völligen Bändigung der Feinde der Revolution nicht als Sieg bezeichnet werden kann, wenn die Bändigung der Feinde und die Bewaffnung des Volkes Pflicht der provisorischen Regierung sind, wenn die Vollendung des Sieges von der provisorischen Regierung übernommen werden muss, - so ist es selbstverständlich, dass der provisorischen Regierung, außer Verteidigern der Interessen der Kleinbourgeoisie, auch Vertreter des Proletariats als Verteidiger seiner Interessen angehören müssen. Es wäre töricht, wenn das Proletariat, das als Führer der Revolution auftritt, es der Kleinbourgeoisie allein überlassen wollte, sie zu Ende zu führen: dies wäre ein Verrat an sich selber. Nur darf nicht vergessen werden, dass das Proletariat als Feind des Privateigentums seine eigene Partei haben muss und auch nicht für einen Augenblick von seinem Wege abschwenken darf.

Mit anderen Worten, das Proletariat und die Bauernschaft müssen mit vereinten Kräften Schluss machen mit der Zarenregierung, sie müssen mit vereinten Kräften die Feinde der Revolution bändigen, und gerade deshalb muss neben der Bauernschaft auch das Proletariat in der provisorischen Regierung Verteidiger seiner Interessen haben - die Sozialdemokraten.

Dies ist so klar, so augenscheinlich, dass es sogar überflüssig erscheinen mag, davon zu reden.

Da aber kommt die „Minderheit", bezweifelt dies und behauptet hartnäckig, es stehe der Sozialdemokratie nicht an, sich an der provisorischen Regierung zu beteiligen, dies widerspreche den Prinzipien.

Untersuchen wir diese Frage. Welches sind die Argumente der „Minderheit"? Vor allem beruft sie sich auf den Amsterdamer Kongress. Dieser Kongress hat, entgegen dem Jaurèismus, den Beschluß gefasst, dass die Sozialisten nicht nach der Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung streben dürfen, und da die provisorische Regierung eine bürgerliche Regierung sei, so sei die Beteiligung an der provisorischen Regierung für uns unzulässig. So urteilt die „Minderheit" und bemerkt nicht, dass wir bei einer solchen schülerhaften Auffassung des Kongressbeschlusses uns auch an der Revolution nicht beteiligen dürfen. In der Tat: wir sind Feinde der Bourgeoisie, die gegenwärtige Revolution aber ist eine bürgerliche, - folglich dürfen wir uns in keiner Weise an dieser Revolution beteiligen! Auf diesen Weg drängt uns die Logik der „Minderheit". Die Sozialdemokratie dagegen erklärt, dass wir, die Proletarier, uns nicht nur an der gegenwärtigen Revolution beteiligen müssen, sondern auch an ihre Spitze treten, sie leiten und zu Ende führen müssen. Die Revolution zu Ende zu führen ist aber unmöglich ohne die Beteiligung an der provisorischen Regierung. Kein Zweifel, dass die Logik der „Minderheit" hier auf beiden Beinen hinkt. Von zwei Dingen eins: entweder müssen wir, gleich den Liberalen, den Gedanken aufgeben, dass das Proletariat der Führer der Revolution ist, - dann entfällt von selbst die Frage nach unserer Beteiligung an der provisorischen Regierung; oder wir müssen diese sozialdemokratische Idee offen anerkennen und zugleich die Notwendigkeit, uns an der provisorischen Regierung zu beteiligen. Die „Minderheit" dagegen will weder mit dem einen noch mit dem anderen brechen, sie will sowohl bei den Liberalen als auch bei den Sozialdemokraten mitmachen! So schonungslos vergewaltigt sie die ganz unschuldige Logik...

Was den Amsterdamer Kongress anbelangt, so hatte er die ständige Regierung Frankreichs im Auge, nicht aber eine provisorische revolutionäre Regierung. Die Regierung Frankreichs ist reaktionär-konservativ, sie verteidigt das Alte und kämpft gegen das Neue, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in diese Regierung gar nicht eintreten wird, während die provisorische Regierung revolutionär-progressiv ist, sie kämpft gegen das Alte, bahnt dem Neuen den Weg, sie dient den Interessen der Revolution, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in sie eintreten und sich an der Krönung der Sache der Revolution aktiv beteiligen wird. Wie man sieht, sind dies verschiedene Dinge. So dass die „Minderheit" sich vergeblich an den Amsterdamer Kongress klammert: er wird sie nicht vor dem Fiasko retten.

Offenbar hat auch die „Minderheit" selbst dies gespürt, weshalb sie zu einem anderen Argument greift: sie beschwört jetzt die Manen von Marx und Engels. So wiederholt z. B. der „Sozialdemokrat" hartnäckig, Marx und Engels hätten die Beteiligung an einer provisorischen Regierung „von Grund aus abgelehnt". Aber wo, wann haben sie abgelehnt? Was sagt denn z.B. Marx? Es stellt sich heraus, Marx sagt: „...die. demokratischen Kleinbürger ... predigen ... dem Proletariat... die ... Herstellung einer großen Oppositionspartei, die alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfasst...", „Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem (der Kleinbürger) Vorteile und ganz zum Nachteile des Proletariats ausfallen" (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5) usw. Kurzum, das Proletariat müsse eine selbständige Klassenpartei haben. Aber wer ist denn dagegen, Sie „gelehrter Kritiker"? Weshalb kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Der „Kritiker" zitiert nichtsdestoweniger auch weiter Marx. „Für den Fall eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht es keiner besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu bekämpfen ist, fallen die Interessen beider Parteien für den Moment zusammen, und wird sich ... diese nur für den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen... Während des Kampfes und nach dem Kampf müssen die Arbeiter neben den Forderungen" (der „Sozialdemokrat" übersetzt „Anforderungen") „der bürgerlichen Demokratie ihre eigenen Forderungen" (wieder „Anforderungen") „bei jeder Gelegenheit aufstellen... Mit einem Worte: vom ersten Augenblicke des Sieges an muss sich das Misstrauen ... gegen ihre bisherigen Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5.) Mit anderen Worten, das Proletariat müsse seinen eigenen Weg gehen und die Kleinbourgeoisie nur so weit unterstützen, als dies seinen Interessen nicht widerspricht Wer aber ist denn dagegen, erstaunlicher „Kritiker", und weshalb mussten Sie sich auf die Worte von Marx berufen? Hat Marx etwa irgendetwas von einer provisorischen revolutionären Regierung gesagt? Kein Sterbenswörtchen! Sagt Marx etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während einer demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Weshalb also gerät unser Autor in helle Begeisterung, wo hat er den „prinzipiellen Widerspruch" zwischen uns und Marx aufgegabelt? Der arme „Kritiker"! Er hat sich aus Leibeskräften bemüht, um einen solchen Widerspruch zu finden, aber zu seinem Leidwesen war alles verlorene Mühe.

Was aber sagt Engels, der Erklärung der Menschewiki zufolge? Er sagt in einem Brief an Turati, wie man erfährt, dass die kommende Revolution in Italien eine kleinbürgerliche, und nicht eine sozialistische sein werde, dass das Proletariat bis zu ihrem Sieg gemeinsam mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehende Ordnung vorgehen müsse, wobei es jedoch unbedingt seine eigene Partei haben müsse, es werde aber außerordentlich gefährlich sein, wenn die Sozialisten nach dem Siege der Revolution in die neue Regierung einträten. Hiermit würden sie den Fehler Louis Blancs und anderer französischer Sozialisten von 1848 wiederholen usw. (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5 Der „Sozialdemokrat" bringt diese "Worte in Anführungszeichen. Man könnte glauben, Engels’ Worte seien genau angeführt. In Wirklichkeit ist dies nicht der Fall, denn hier wird nur der Inhalt des Engelsschen Briefes mit eigenen Worten wiedergegeben.) Mit anderen Worten, da die italienische Revolution eine demokratische, und keine sozialistische Revolution sein werde, so wäre es ein großer Fehler, von der Herrschaft des Proletariats zu träumen und auch nach dem Sieg in der Regierung zu bleiben, nur bis zum Sieg könne das Proletariat gemeinsam mit den Kleinbürgern gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Aber wer bestreitet denn das, wer sagt denn, dass wir die demokratische Revolution mit der sozialistischen verwechseln müssen? Weshalb brauchte man sich auf Turati, diesen Anhänger Bernsteins, zu berufen? Oder weshalb war es notwendig, an Louis Blanc zu erinnern? Louis Blanc war ein kleinbürgerlicher „Sozialist", bei uns aber ist von Sozialdemokraten die Rede. In der Zeit Louis Blancs gab es keine sozialdemokratische Partei, hier aber handelt es sich gerade um eine solche Partei. Die französischen Sozialisten hatten die Eroberung der politischen Macht im Auge, uns aber interessiert die Frage nach der Beteiligung an der provisorischen Regierung... Sagt Engels etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während der demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Wozu also ein solcher Wortschwall, mein lieber Menschewik, wieso begreifen Sie nicht, dass Fragen durcheinander bringen nicht heißt, sie zu lösen? Weshalb mussten Sie die Manen von Marx und Engels zwecklos beunruhigen?

Die „Minderheit" spürt wohl selbst, dass die Namen von Marx und Engels sie nicht retten, und klammert sich nun an ein drittes „Argument". Ihr wollt den Feinden der Revolution doppelte Zügel anlegen, sagt uns die „Minderheit", ihr wollt, dass „der Druck des Proletariats auf die Revolution nicht nur, ‚von unten’, nicht nur von der Straße, sondern auch von oben, aus den Prunkgemächern der provisorischen Regierung komme" (Siehe „Iskra" Nr. 93) Dies aber widerspreche dem Prinzip, wirft uns die „Minderheit" vor.

Somit behauptet die „Minderheit", wir müssten „nur von unten´´ auf den Gang der Revolution einwirken. Die „Mehrheit" ist im Gegenteil der Auffassung, dass wir die Aktion „von unten" ergänzen müssen durch die Aktion „von oben", damit der Druck allseitiger wäre.

Wer aber setzt sich in diesem Falle in Widerspruch mit dem Prinzip der Sozialdemokratie, die „Mehrheit" oder die „Minderheit"?

Wenden wir uns an Engels. In den siebziger Jahren brach in Spanien ein Aufstand aus. Es erhob sich die Frage einer provisorischen revolutionären Regierung. Damals machten sich dort die Bakunisten (Anarchisten) mausig. Sie lehnten jede Aktion von oben ab, und dies rief eine Polemik zwischen ihnen und Engels hervor. Die Bakunisten predigten das gleiche, was jetzt die „Minderheit" sagt. Engels führt aus, dass „die Bakunisten seit Jahren gepredigt hatten, jede revolutionäre Aktion von oben nach unten sei verderblich, alles müsse von unten nach oben organisiert und durchgesetzt werden" (Siehe Nr. 3 des „Proletari", worin diese Worte von Engels angeführt sind.) Ihrer Meinung nach „kann jede Organisation einer politischen, so genannten provisorischen oder revolutionären Gewalt nur eine neue Prellerei sein und würde für das Proletariat ebenso gefährlich sein wie alle jetzt bestehenden Regierungen" (Ebenda) Engels verspottet diese Ansicht und sagt, das Leben habe diese Lehre der Bakunisten unbarmherzig widerlegt. Die Bakunisten hätten den Forderungen des Lebens nachgeben müssen, und ... „ganz gegen ihre anarchischen Grundsätze eine revolutionäre Regierung gebildet" (Ebenda) So „schlugen sie ihrem kaum erst proklamierten Glaubenssatz ins Gesicht: dass die Errichtung einer revolutionären Regierung nur eine neue Prellerei und ein neuer Verrat an der Arbeiterklasse sei..." (Ebenda)

So sagt Engels.

Es stellt sich also heraus, dass das Prinzip der „Minderheit" -Aktion nur „von unten" - ein anarchistisches Prinzip ist, das der sozialdemokratischen Taktik aber wirklich von Grund aus widerspricht. Die Ansicht der „Minderheit", dass jede Beteiligung an einer provisorischen Regierung für die Arbeiter verderblich sei, ist eine anarchistische Phrase, die schon Engels verspottet hat. Es stellt sich ferner heraus, dass das Leben die Ansichten der „Minderheit" verwerfen und sie spielend zerschlagen wird, wie das den Bakunisten passiert ist.

Die „Minderheit" versteift sich trotzdem weiter - „wir wollen nämlich nicht gegen die Prinzipien handeln". Eine seltsame Vorstellung haben diese Leute von den sozialdemokratischen Prinzipien. Man nehme doch nur ihre prinzipiellen Ansichten bezüglich der provisorischen revolutionären Regierung und der Reichsduma. Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von den Interessen der Revolution ins Leben gerufen wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die von den Interessen der Selbstherrschaft ins Leben gerufen wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von dem revolutionären Volk geschaffen und vom Volke auch legalisiert werden wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die vom absolutistischen Zaren einberufen und vom Zaren auch legalisiert wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu begraben, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu festigen, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien... Von welchen Prinzipien redet ihr denn, Verehrteste, von den Prinzipien der Liberalen oder denen der Sozialdemokraten? Ihr werdet wohl tun, wenn ihr auf diese Frage eine direkte Antwort gebt. Wir haben hierbei einige Zweifel.

Lassen wir jedoch diese Fragen auf sich beruhen. Die Sache ist die, dass die „Minderheit", die nach Prinzipien sucht, auf den Weg der Anarchisten hinab geglitten ist. Das ist es, was jetzt klar geworden ist.

II

Unseren Menschewiki haben die auf dem III. Parteitag beschlossenen Resolutionen nicht gefallen. Ihr wahrhaft revolutionärer Sinn hat den menschewistischen „Sumpf" aufgewühlt und ihn „kritiklustig" gemacht. Offenbar hat sich auf ihre opportunistische Geistesverfassung hauptsächlich die Resolution über die provisorische revolutionäre Regierung ausgewirkt, und sie haben damit begonnen, sie zu „vernichten". Da sie jedoch nichts darin gefunden haben, woran sie sich klammern könnten, um daran ihre Kritik zu üben, so griffen sie zu ihrem üblichen und dabei billigen Mittel - zur Demagogie! Diese Resolution sei abgefasst worden, um die Arbeiter zu ködern, zu betrügen und zu blenden, schreiben diese „Kritiker". Und offenbar sind sie mit diesem ihrem Treiben sehr zufrieden. Sie wähnten den Gegner zu Tode getroffen, sich selbst aber siegreiche Kritiker und rufen aus: „Und sie (die Verfasser der Resolution) wollen das Proletariat führen!" Du blickst auf diese „Kritiker" und vor deinem geistigen Auge erscheint der unzurechnungsfähige Held Gogols, der sich König von Spanien wähnte. Das ist das Schicksal von Leuten, die an Größenwahn leiden!

Sehen wir uns jene „Kritik" näher an, die wir in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" finden. Wie ihr bereits wisst, können unsere Menschewiki nicht ohne Furcht des blutigen Gespenstes der provisorischen revolutionären Regierung gedenken, und rufen ihre Heiligen an – die Martynows und Akimows -, damit diese sie von dem Ungeheuer befreien und es durch den Semski Sobor, jetzt schon durch die Reichsduma, ersetzen. Zu diesem Zweck heben sie den „Semski Sobor" in den Himmel und bemühen sich, diese faule Ausgeburt des faulen Zarismus als gesunde Frucht an den Mann zu bringen: „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat, ohne eine provisorische Regierung zu besitzen", schreiben sie. Und das wäre alles? Weiter wisst ihr nichts, „Verehrte"? Etwas dürftig! Man müsste etwas mehr wissen! Man müsste z. B. auch wissen, dass die große französische Revolution als bürgerliche revolutionäre Bewegung triumphiert hat, während in Rußland die „revolutionäre Bewegung als Bewegung der Arbeiter triumphieren oder überhaupt nicht triumphieren wird", wie G. Plechanow mit Recht sagt. In Frankreich stand die Bourgeoisie an der Spitze der Revolution, in Rußland dagegen ist es das Proletariat. Dort lenkte die erstere das Schicksal der Revolution, hier das letztere. Und ist es etwa nicht klar, dass ein solcher Wechsel der führenden revolutionären Kräfte nicht ein und dieselben Resultate für die eine und die andere Klasse zeitigen kann? Erntete in Frankreich die Bourgeoisie, an der Spitze der Revolution stehend, die Früchte der Revolution, muss sie dann auch in Rußland ihre Früchte ernten, obgleich an der Spitze der Revolution das Proletariat steht? Jawohl, sagen unsere Menschewiki, was dort, in Frankreich, vor sich gegangen ist, das muss auch hier, in Rußland, geschehen. Diese Herrschaften nehmen, einem Sargtischler ähnlich, an einem längst Verstorbenen Maß und messen damit die Lebenden. Außerdem haben sie hier eine erhebliche Schiebung begangen: sie haben dem uns interessierenden Gegenstand den Kopf abgenommen und den Schwerpunkt der Polemik auf den Schwanz verlegt. Wir sprechen, ebenso wie jeder andere revolutionäre Sozialdemokrat, von der Errichtung einer demokratischen Republik. Sie dagegen haben das Wort „demokratisch" irgendwo versteckt und begonnen, sich in Phrasen über die „Republik" zu ergehen. „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat", predigen sie. Jawohl, sie hat die Republik errichtet, aber was für eine, - eine wirklich demokratische? Eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands sie fordert? Hat diese Republik dem Volk das Recht auf allgemeine Wahlen gegeben? Waren die damaligen Wahlen in vollem Maße direkt? Wurde eine progressive Einkommensteuer eingeführt? Ist dort irgendetwas von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einer Herabsetzung des Arbeitstags, einer Lohnerhöhung usw. gesagt worden? ... Nein. Nichts davon gab es dort, und konnte es auch nicht geben, denn die Arbeiter hatten damals keine sozialdemokratische Erziehung. Deshalb wurden ihre Interessen in der damaligen französischen Republik auch vergessen und von der Bourgeoisie umgangen. Und vor einer solchen Republik neigt ihr, Herrschaften, wirklich eure „höchst ehrenwerten" Häupter? Das ist euer Ideal? Gute Reise! Aber denkt daran, Verehrte, dass die Anbetung einer solchen Republik mit der Sozialdemokratie und ihrem Programm nichts gemein hat - dies ist ein Demokratismus schlechtester Sorte. Ihr aber bringt alles dies als Konterbande herein und deckt euch mit dem Namen der Sozialdemokratie.

Außerdem müssen die Menschewiki wissen, dass die Bourgeoisie Rußlands mit ihrem Semski Sobor uns nicht einmal eine solche Republik bescheren wird wie in Frankreich, - sie hat durchaus nicht die Absicht, die Monarchie abzuschaffen. Da sie die „Dreistigkeit" der Arbeiter dort, wo es keine Monarchie gibt, sehr wohl kennt, bemüht sie sich, diese Festung unversehrt zu erhalten und sie zu ihrem eigenen Werkzeug gegen den unversöhnlichen Feind - das Proletariat - zu machen. Eben zu diesem Zweck führt sie ja im Namen des „Volkes" Verhandlungen mit dem Henkerzaren und gibt ihm den Rat, im Interesse des „Vaterlandes" und des Throns einen Semski Sobor einzuberufen, um die „Anarchie" zu vermeiden. Wisst ihr, Menschewiki, denn alles dies wirklich nicht?

Wir brauchen nicht eine solche Republik, wie die französische Bourgeoisie im 18. Jahrhundert sie eingeführt hat, sondern eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands im 20. Jahrhundert sie fordert. Eine solche Republik können aber nur der siegreiche Volksaufstand mit dem Proletariat an der Spitze und die von ihm eingesetzte provisorische revolutionäre Regierung schaffen. Nur eine solche provisorische Regierung kann unser Minimalprogramm provisorisch verwirklichen und derartige Umgestaltungen der von ihr einberufenen Konstituierenden Versammlung zur Bestätigung unterbreiten.

Unsere „Kritiker" glauben nicht, dass die Konstituierende Versammlung, gemäß unserem Programm einberufen, dem Willen des Volkes Ausdruck geben könnte (und wie können sie sich das auch vorstellen, wenn sie nicht über die große französische Revolution hinausgehen, die vor 115-116 Jahren vor sich ging). „Vermögende und einflussreiche Personen", fahren die „Kritiker" fort, „haben so viele Mittel, um die Wahlen zu ihren Gunsten zu fälschen, dass das Gerede vom wirklichen Volkswillen ganz überflüssig ist. Damit die Wähler aus den unbemittelten Schichten nicht den Willen der Reichen zum Ausdruck bringen, bedarf es eines großen Kampf es, einer lang andauernden Parteidisziplin" (die von den Menschewiki nicht anerkannt wird?). „Sogar in Europa (?) ist alles dies, trotz langjähriger politischer Erziehung, nicht verwirklicht. Und da glauben unsere Bolschewiki, dass eine provisorische Regierung diesen Talisman in Händen habe!"

Eine richtige Nachtrabpolitik! Das ist doch die „im Herrn entschlafene" „Taktik als Prozess" und „Organisation als Prozess" in ihrer ganzen natürlichen Lebensgröße! In Rußland zu fordern, was in Europa noch nicht verwirklicht ist, davon könne gar nicht die Rede sein, belehren uns die „Kritiker"! Wir wissen doch, dass nicht nur in „Europa", sondern auch in Amerika unser Minimalprogramm nicht restlos verwirklicht ist, folglich ist, wer es annimmt und für seine Verwirklichung in Rußland nach dem Sturz der Selbstherrschaft kämpft, nach der Meinung der Menschewiki ein unverbesserlicher Träumer, ein kläglicher Don Quichotte! Kurzum, unser Minimalprogramm sei falsch, utopisch und habe nichts gemein mit dem wirklichen „Leben"! Ist es nicht so, ihr Herren „Kritiker"? Gerade so kommt es bei euch heraus. Dann habt mehr Mut und erklärt das direkt, ohne Winkelzüge! Dann werden wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, und ihr werdet die euch verhassten Programmformalitäten los! Jetzt aber sprecht ihr so schüchtern, so feige von der Unbedeutsamkeit des Programms, dass natürlich, außer den Bolschewiki, viele noch glauben, ihr erkenntet das sozialdemokratische Programm Rußlands an, das auf dem II. Parteitag beschlossen worden ist. Wozu aber dieses Pharisäertum?

Hier sind wir nun unmittelbar an die Grundlage unserer Meinungsverschiedenheiten herangekommen. Ihr glaubt nicht an unser Programm und bestreitet seine Richtigkeit, wir dagegen gehen immer von ihm aus, bringen alle unsere Handlungen mit dem Programm in Einklang.

Wir glauben, dass die „vermögenden und einflussreichen Personen", wenn die Wahlagitation frei ist, nicht das ganze Volk bestechen und betrügen können. Denn wir werden ihrem Einfluss und ihrem Gold das sozialdemokratische wahre Wort entgegenstellen (und an dieser Wahrheit zweifeln wir, zum Unterschied von euch, nicht im geringsten) und dadurch die gaunerischen Machenschaften der Bourgeoisie schwächen. Ihr aber glaubt nicht daran und zerrt deshalb die Revolution zum Reformismus.

„Im Jahre 1848", fahren die „Kritiker" fort, „ließ die provisorische Regierung in Frankreich (wieder Frankreich!), an der sich auch Arbeiter beteiligten, eine Konstituierende Versammlung wählen, in die kein einziger Delegierter des Pariser Proletariats hineinkam." Da haben wir noch einmal ein volles Unverständnis für die sozialdemokratische Lehre und eine schablonenhafte Vorstellung von der Geschichte! Weshalb mit Phrasen um sich werfen? In Frankreich kam, obgleich Arbeiter an der provisorischen Regierung beteiligt waren, nichts heraus, und deshalb muss die Sozialdemokratie auch in Rußland auf die Beteiligung an ihr verzichten, denn auch hier werde nichts herauskommen, schließen die „Kritiker". Aber kommt es etwa auf die Beteiligung der Arbeiter an? Sagen wir etwa, dass ein Arbeiter, wer er auch sei und zu welcher Richtung er auch gehöre, sich an der provisorischen revolutionären Regierung beteiligen müsse? Nein, wir sind bis jetzt noch nicht eure Anhänger geworden und versehen nicht jeden Arbeiter mit dem Attest eines Sozialdemokraten. Die, an der französischen provisorischen Regierung beteiligten Arbeiter, aber Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zu nennen, ist uns gar nicht eingefallen! Wozu diese unangebrachte Analogie! Ja, und wie kann man überhaupt das politische Bewusstsein des französischen Proletariats von 1848 mit dem politischen Bewusstsein des Proletariats Rußlands im gegenwärtigen Augenblick vergleichen? Ist denn das französische Proletariat der damaligen Zeit auch nur ein einziges Mal zu einer politischen Demonstration gegen die damalige Ordnung angetreten? Hat es jemals den 1. Mai unter dem Zeichen des Kampfes gegen die bürgerliche Ordnung gefeiert? War es in einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei organisiert? Besaß es das Programm der Sozialdemokratie? Wir wissen, dass dies nicht der Fall war. Von alledem hatte das französische Proletariat nicht einmal eine Vorstellung. Es fragt sich, ob das französische Proletariat damals die Früchte der Revolution in demselben Maße ernten konnte, wie das Proletariat Rußlands sie heute ernten kann, jenes Proletariat, das längst in einer sozialdemokratischen Partei organisiert ist, ein durchaus bestimmtes sozialdemokratisches Programm besitzt und sich bewusst den Weg zu seinem Ziel bahnt. Jeder, der auch nur die mindeste Fähigkeit hat, reale Dinge zu begreifen, wird hierauf verneinend antworten. Und nur Menschen, die fähig sind, historische Tatsachen auswendig zu lernen, sich jedoch nicht ihren Ursprung nach Ort und Zeit zu erklären wissen, können diese beiden verschiedenen Größen einander gleichstellen.

„Notwendig ist", so lehren die „Kritiker" immer wieder, „Gewaltanwendung von Seiten des Volkes, permanente Revolution, nicht aber, dass man sich mit den Wahlen zufrieden gibt und nach Hause geht." Wieder eine Verleumdung! Wer hat euch, Verehrte, denn gesagt, dass wir uns mit den Wahlen zufrieden geben und nach Hause gehen? Nennt uns den Mann!

Unsere „Kritiker" regen sich weiter darüber auf, dass wir von der provisorischen revolutionären Regierung die Verwirklichung unseres Minimalprogramms verlangen, und rufen aus: „Das ist völlige Unkenntnis der Sachlage; die Sache ist die, dass die politischen und ökonomischen Forderungen unseres Programms nur mit Hilfe der Gesetzgebung verwirklicht werden können, die provisorische Regierung aber ist keine gesetzgebende Institution." Beim. Lesen dieser Staatsanwaltsrede gegen „gesetzwidrige Taten" beschleicht einen der Zweifel, ob diesen Artikel nicht irgendein liberaler Bourgeois, der vor der Legalität in Ehrfurcht erstirbt, dem „Sozialdemokrat" gewidmet hat. (Dieser Gedanke drängt sich umso mehr auf, als die Menschewiki in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" von der ganzen Tifliser Bourgeoisie nur etwa zehn Kaufleute für Verräter an der „gemeinsamen Sache" erklärt haben Die übrigen sind offenbar ihre Anhänger und machen mit den Menschewiki „gemeinsame Sache". Kein Wunder also, wenn irgendeiner von diesen Anhängern der „gemeinsamen Sache" dem Organ seiner Kollegen einen „kritischen" Artikel gegen die unversöhnliche „Mehrheit" geschickt hat) Wie soll man jene bürgerliche Klugrederei, die provisorische revolutionäre Regierung habe nicht das Recht, die alten Gesetze aufzuheben und neue Gesetze einzuführen, anders erklären! Riecht denn dies Räsonnement nicht nach flachem Liberalismus? Und ist es nicht seltsam, sie aus dem Munde eines Revolutionärs zu hören? Alles dies erinnert doch an den Fall des zum Tode Verurteilten, dem der Kopf abgeschlagen werden sollte, und der darum bat, einen Pickel an seinem Hals nicht zu berühren, übrigens kann man den „Kritikern" alles verzeihen, die keinen Unterschied machen zwischen der provisorischen revolutionären Regierung und einem gewöhnlichen Ministerkabinett (auch sind sie hieran nicht schuld, ihre Lehrer, die Martynows und Akimows, haben sie dahin gebracht). Was ist ein Ministerkabinett? - Das Resultat des ´Bestehens einer ständigen Regierung. Und was ist eine provisorische revolutionäre Regierung? - Das Resultat der Vernichtung der ständigen Regierung. Das erstere vollzieht die geltenden Gesetze mit Hilfe des stehenden Heeres. Die zweite schafft die geltenden Gesetze ab und legalisiert an ihrer Stelle mit Hilfe des aufständischen Volkes den Willen der Revolution. Was haben beide miteinander gemein?

Nehmen wir an, die Revolution habe triumphiert und das siegreiche Volk habe eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet. Es taucht die Frage auf, was diese Regierung tun soll, wenn sie nicht das Recht hat, Gesetze aufzuheben und neue zu erlassen. Auf die Konstituierende Versammlung warten? Aber die Einberufung dieser Versammlung erfordert doch gleichfalls den Erlass neuer Gesetze, z. B. eines allgemeinen, direkten usw. Wahlrechts, der Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen usw. Alles dies aber gehört zu unserem Minimalprogramm. Und wenn die provisorische revolutionäre Regierung es nicht verwirklichen kann, wovon wird sie sich dann bei der Einberufung der Konstituierenden Versammlung leiten lassen? Etwa von dem Programm, das Bulygin abgefasst und Nikolaus II. gebilligt hat?

Nehmen wir weiter an, das siegreiche Volk, das zahllose Opfer gebracht hat, weil es an Waffen fehlte, verlange von der provisorischen revolutionären Regierung zwecks Bekämpfung der Konterrevolution die Abschaffung des stehenden Heeres und die Bewaffnung des Volkes. Zu dieser Zeit treten die Menschewiki mit der Predigt auf: Abschaffung des stehenden Heeres und Bewaffnung des Volkes seien nicht Sache dieser Behörde (der provisorischen revolutionären Regierung), sondern einer anderen - der Konstituierenden Versammlung -, appelliert an sie, verlangt keine gesetzwidrigen Akte usw.. Schöne Ratgeber, nichts zu sagen!

Sehen wir jetzt zu, mit welcher Begründung die Menschewiki der provisorischen revolutionären Regierung die „Rechtsfähigkeit" absprechen. Erstens mit der Begründung, dass sie keine legislative Institution sei, und zweitens würde dann die Konstituierende Versammlung nichts zu tun haben. Bis zu einer derartigen Schande versteigen sich diese politischen Säuglinge! Sie wissen nicht einmal, wie sich herausstellt, dass eine siegreiche Revolution und ihr Willensverkünder - die provisorische revolutionäre Regierung - bis zur Bildung einer ständigen Regierung die Herren der Lage sind und folglich Gesetze aufheben und neu erlassen können! Wäre dem anders, hätte die provisorische revolutionäre Regierung diese Rechte nicht, so hätte ihre Existenz überhaupt keinen Sinn und das aufständische Volk würde ein solches Organ nicht schaffen. Sonderbar, dass die Menschewiki das Abc der Revolution vergessen haben.

Die Menschewiki fragen: Was soll denn die Konstituierende Versammlung tun, wenn die provisorische revolutionäre Regierung unser Minimalprogramm verwirklicht hat? Ihr befürchtet, Verehrte, das sie dann arbeitslos sein wird. Habt keine Angst, sie wird genug zu tun haben. Sie wird die Veränderungen sanktionieren, die die provisorische revolutionäre Regierung mit Hilfe des aufständischen Volkes vorgenommen haben wird, sie wird eine Staatsverfassung ausarbeiten, von der unser Minimalprogramm nur einen Bestandteil bilden wird. Das werden wir von der Konstituierenden Versammlung verlangen!

„Sie (die Bolschewiki) können sich keine Spaltung zwischen der Kleinbourgeoisie selbst und den Arbeitern vorstellen, eine Spaltung, die sich auch auf die Wahlen auswirkt, und folglich wird die provisorische Regierung die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen", schreiben die „Kritiker". Verstehe diese Weisheit, wer da kann! Was heißt das, „die provisorische Regierung wird die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen"!!? Von was für einer provisorischen Regierung sprechen sie, mit was für Windmühlen kämpfen diese Don Quichottes? Hat denn etwa irgendjemand gesagt, die Kleinbourgeoisie werde, wenn sie die provisorische revolutionäre Regierung allein beherrscht, dennoch die Interessen der Arbeiter verteidigen? Wozu drängt man seine eigene Denkunfähigkeit anderen auf? Wir sagen, dass zusammen mit den Vertretern der Demokratie unter bestimmten Bedingungen auch die Beteiligung unserer sozialdemokratischen Delegierten an der provisorischen revolutionären Regierung zulässig ist. Ist dies der Fall, handelt es sich um eine provisorische revolutionäre Regierung, der auch Sozialdemokraten angehören, wieso wird sie dann ihrer Zusammensetzung nach kleinbürgerlich sein? Wir dagegen gründen unsere Argumente hinsichtlich einer Beteiligung an der provisorischen revolutionären Regierung auf die Tatsache, dass die Verwirklichung unseres Minimalprogramms den Interessen der Demokratie - der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie (die ihr Menschewiki in eure Partei einladet) - im wesentlichen nicht widerspricht, und deshalb halten wir es für möglich, es gemeinsam mit ihr durchzuführen. Wenn aber die Demokratie die Durchführung einiger Punkte des Minimalprogramms verhindert, so werden unsere Delegierten, von der Straße her durch ihre Wähler, das Proletariat, unterstützt, sich bemühen, dieses Programm mit Machtmitteln durchzuführen, falls es solche gibt (gibt es diese Machtmittel nicht, so werden wir nicht in die provisorische Regierung eintreten, und man wird uns auch gar nicht in sie hinein wählen). Wie man sieht, muss die Sozialdemokratie in die provisorische revolutionäre Regierung eben zu dem Zweck eintreten, dort die sozialdemokratischen Ansichten zu verteidigen, d.h. es nicht zuzulassen, dass andere Klassen den Interessen des Proletariats Abbruch tun.

Die Vertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands in der provisorischen revolutionären Regierung werden nicht dem Proletariat den Kampf ansagen, wie das den Menschewiki infolge ihrer Denkunfähigkeit scheinen mag, sondern gemeinsam mit dem Proletariat den Feinden des Proletariats. Aber was liegt euch, Menschewiki, an alledem, was liegt euch an der Revolution und ihrer provisorischen Regierung! Euer Platz ist dort, in der „Rei[chsduma"]... (Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.)

 

 

 

 

 

15. Oktober 1905

DIE REAKTION VERSTÄRKT SICH

Schwarze Wolken ballen sich über uns zusammen. Die morsche Selbstherrschaft erhebt das Haupt und waffnet sich „mit Feuer und Schwert". Die Reaktion marschiert! Man spreche uns nicht von den zaristischen „Reformen", die berufen sind, die niederträchtige Selbstherrschaft zu festigen: die „Reformen" sind eine Maskierung der nämlichen Kugeln und Peitschen, mit denen uns die vertierte Zarenregierung so freigebig bewirtet.

Es gab eine Zeit, wo die Regierung von Blutvergießen innerhalb des Landes absah. Damals führte sie Krieg gegen den „äußeren Feind" und brauchte „innere Ruhe". Deshalb übte sie auch in gewissem Maße „Nachsicht" gegenüber den „inneren Feinden" und sah der um sich greifenden Bewegung „durch die Finger".

Jetzt sind andere Zeiten gekommen. Durch das Gespenst der Revolution erschreckt, hat sich die Zarenregierung beeilt, mit dem „äußeren Feind", mit Japan, Frieden zu schließen, um Kräfte zu sammeln und mit dem „inneren Feind" „gründlich" abzurechnen. Und nun begann die Reaktion. Schon früher deckte sie in den „Moskowskije Wjedomosti" ihre „Pläne" auf. Die Regierung ... „musste nebeneinander zwei Kriege führen...", schrieb diese reaktionäre Zeitung, „einen äußeren Krieg und einen inneren Krieg. Wenn sie beide nicht mit der genügenden Energie geführt hat..., so lässt sich dies teilweise dadurch erklären, dass der eine Krieg den anderen behinderte... Wenn jetzt der Krieg im Fernen Osten aufhört...", so erhalte die Regierung „...endlich freie Hand, um auch den inneren Krieg siegreich zu beendigen ... und ohne alle Verhandlungen ... die inneren Feinde ... niederzuschlagen..." „Mit der Beendigung des Krieges wird die ganze Aufmerksamkeit Rußlands (lies: der Regierung) auf sein inneres Leben, und zwar hauptsächlich auf die Unterdrückung der Wirren konzentriert werden“ (Siehe „Moskowskije Wjedomosti" vom 18. August.)

Das also waren die „Pläne" der Zarenregierung beim Abschluss des Friedens mit Japan.

Später, nach dem Friedensschluss, wiederholte sie die gleichen „Pläne" durch den Mund ihres Ministers, der da sagte: „Wir werden die extremen Parteien Rußlands in Blut ertränken." Vermittels ihrer Statthalter und Generalgouverneure setzt sie die erwähnten „Pläne" bereits in die Tat um: nicht umsonst hat sie Rußland in ein Heerlager verwandelt, nicht umsonst hat sie die Zentren der Bewegung mit Kosaken und Soldaten überschwemmt und die Maschinengewehre gegen das Proletariat gerichtet - man könnte meinen, dass die Regierung sich anschicke, das unermessliche Rußland ein zweites Mal zu erobern!

Wie man sieht, erklärt die Regierung der Revolution den Krieg, und die ersten Schläge richtet sie gegen ihren Vortrupp - das Proletariat. So sind ihre Drohungen an die Adresse der „extremen Parteien" zu verstehen. Natürlich wird sie auch die Bauernschaft nicht „zu kurz kommen lassen" und sie freigebig mit Peitschen und Kugeln bewirten - wenn sie sich als „ungenügend vernünftig" erweisen und ein menschliches Leben fordern wird -, vorläufig aber bemüht sich die Regierung, sie zu betrügen: sie verspricht ihr Grund und Boden und lädt sie in die Duma ein, wobei sie für die Zukunft „alle möglichen Freiheiten" ausmalt.

Was das „solidere Publikum" anbelangt, so wird die Regierung mit ihm natürlich „etwas delikater" umgehen und sich bemühen, ein Bündnis mit ihm zu schließen: denn dazu existiert doch eigentlich die Reichsduma. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die Herren liberalen Bourgeois „Abmachungen" nicht ablehnen werden. Schon am 5. August erklärten sie durch den Mund ihres Führers, sie seien entzückt über die zaristischen Reformen: „...es müssen alle Anstrengungen aufgeboten werden, damit Rußland ... nicht den revolutionären Weg Frankreichs beschreitet" (siehe die „Russkije Wjedomosti" vom 5. August, Artikel Winogradows). Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die tückischen Liberalen eher die Revolution verraten werden als Nikolaus II. Das hat ihr letzter Kongress zur Genüge gezeigt...

Kurzum, die Zarenregierung bietet alle Kräfte auf, um die Volksrevolution zu unterdrücken.

Kugeln für das Proletariat, verlogene Versprechungen für die Bauernschaft und „Rechte" für die Großbourgeoisie - mit solchen Mitteln bewaffnet sich die Reaktion.

Entweder den Tod - oder die Niederwerfung der Revolution - das ist heute die Losung der Selbstherrschaft.

Auf der anderen Seite schlummern auch die Kräfte der Revolution nicht, sondern setzen ihr großes Werk fort. Die durch den Krieg verschärfte Krise und die häufiger gewordenen politischen Streiks haben das ganze Proletariat Rußlands aufgerüttelt und es der zaristischen Selbstherrschaft von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt. Der Ausnahmezustand hat das Proletariat nicht nur nicht eingeschüchtert - im Gegenteil, er hat Öl ins Feuer gegossen und die Situation noch mehr verschlimmert. Wer die zahllosen Rufe der Proletarier: „Nieder mit der Zarenregierung, nieder mit der zaristischen Duma!" gehört hat, wer aufmerksam auf den Pulsschlag der Arbeiterklasse gelauscht hat, für den kann es keinen Zweifel geben, dass der revolutionäre Geist des Proletariats, als des Führers der Revolution, einen immer größeren Aufschwung nehmen wird. Was nun die Bauern anbelangt, so haben schon die Einziehungen für den Krieg sie gegen die bestehende Ordnung aufgebracht, die nämlichen Einziehungen, die ihre Heimstätten zerstört und der Familie die besten Arbeitskräfte geraubt haben. Zieht man nun noch in Betracht, dass hierzu die Hungersnot kommt, die 26 Gouvernements ergriffen hat, so wird es nicht schwer sein zu begreifen, welchen Weg die hart geprüfte Bauernschaft einschlagen muss. Schließlich beginnen auch die Soldaten zu murren, und dieses Murren nimmt mit jedem Tage einen für die Selbstherrschaft bedrohlicheren Charakter an. Die Kosaken, diese Stütze der Selbstherrschaft, beginnen bei den Soldaten Hass hervorzurufen: kürzlich haben Soldaten in Nowaja Alexandria 300 Kosaken zusammengeschlagen. (Siehe „Proletari" Nr. 17.) Derartige Tatsachen mehren sich allmählich...

Kurzum, das Leben bereitet eine neue revolutionäre Woge vor, die allmählich anwächst und sich gegen die Reaktion richtet. Die letzten Ereignisse in Moskau und Petersburg sind die Vorboten dieser Woge.

Wie müssen wir uns diesen Ereignissen gegenüber verhalten, was müssen wir Sozialdemokraten tun?

Wollte man auf den Menschewik Martow hören, so müssen wir gleich heute eine Konstituierende Versammlung wählen, um die Grundlagen der Selbstherrschaft für immer zu untergraben. Seiner Meinung nach müssen gleichzeitig mit den legalen Dumawahlen auch noch illegale Wahlen durchgeführt werden. Es sollen Wahlkomitees gebildet werden, die die Bevölkerung aufrufen, „durch allgemeine Stimmabgabe ihre Vertreter zu wählen. Diese Vertreter sollen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Stadt zusammenkommen und sich als Konstituierende Versammlung erklären..." So „muss die Liquidierung der Selbstherrschaft erfolgen" (Siehe „Proletari" Nr. 15, wo Martows „Plan" mitgeteilt wird.) Mit anderen Worten, obgleich die Selbstherrschaft noch am Leben ist, können wir dennoch in ganz Rußland allgemeine Wahlen durchführen! Obgleich die Selbstherrschaft wütet, können „illegale" Vertreter des Volkes sich dennoch als Konstituierende Versammlung erklären und die demokratische Republik errichten! Es bedarf, wie sich herausstellt, keiner Bewaffnung, keines Aufstands, keiner provisorischen Regierung - die demokratische Republik wird von selbst kommen, es ist nur notwendig, dass die „illegalen" Vertreter sich als Konstituierende Versammlung bezeichnen! Der biedere Martow hat nur vergessen, dass diese sagenhafte „Konstituierende Versammlung" sich eines schönen Tages in der Peter-Pauls-Festung wieder finden wird! Der Genfer Martow begreift nicht, dass die Praktiker in Rußland nicht die Muße haben, sich mit bürgerlichem Tändelspiel zu befassen.

Nein, wir wollen etwas anderes tun.

Die schwarze Reaktion sammelt die finsteren Kräfte und bemüht sich mit aller Macht, sie zu vereinigen - unsere Aufgabe ist es, die sozialdemokratischen Kräfte zu sammeln und sie fester zusammenzuschließen.

Die schwarze Reaktion beruft die Duma ein, sie will neue Bundesgenossen gewinnen und die Armee der Konterrevolution vergrößern - unsere Aufgabe ist es, der Duma den aktiven Boykott zu erklären, der ganzen Welt ihr konterrevolutionäres Gesicht zu zeigen und die Reihen der Anhänger der Revolution zu mehren.

Die schwarze Reaktion geht zum tödlichen Angriff gegen die Revolution vor, sie will Verwirrung in unsere Reihen tragen und der Volksrevolution das Grab graben - unsere Aufgabe ist es, die Reihen zu schließen, an allen Orten zum gleichzeitigen Angriff gegen die Selbstherrschaft des Zaren vorzugehen und die Erinnerung an sie für immer auszulöschen.

Nicht Martows Kartenhaus, sondern den allgemeinen Aufstand - das ist es, was wir brauchen.

Die Rettung des Volkes liegt im siegreichen Aufstand des Volkes selber.

Entweder den Tod - oder den Sieg der Revolution - das muss heute unsere revolutionäre Losung sein.

 

 

 

 

 

Oktober 1905

BÜRGER!

Der mächtige Riese - das Proletariat Rußlands ist erneut in Bewegung geraten... Rußland ist von einer breiten, alle Gegenden erfassenden Streikbewegung ergriffen. Wie auf einen Wink mit dem Zauberstab ist in dem ganzen unermesslichen Räume Rußlands das Wirtschaftsleben mit einem Schlage zum Stillstand gekommen. Allein in Petersburg mit seinen Eisenbahnen ist mehr als eine Million Arbeiter in den Streik getreten. Moskau - die stille, regungslose, romanowtreue alte Hauptstadt - ist völlig von der revolutionären Feuersbrunst ergriffen. Charkow, Kiew, Jekaterinoslaw und andere Kultur- und Industriezentren, ganz Zentral- und Südrußland, ganz Polen und schließlich ganz Kaukasien halten ein und schauen der Selbstherrschaft drohend ins Auge.

Was wird werden? Mit Zittern und mit stockendem Herzen erwartet ganz Rußland die Antwort auf diese Frage. Das Proletariat sagt dem verfluchten zweiköpfigen Ungeheuer den Kampf an. Wird dieser Herausforderung ein wirkliches Ringen folgen, wird der Streik in den offenen bewaffneten Aufstand übergehen, oder wird er, ähnlich wie frühere Streiks, „friedlich" enden und „abklingen"?

Bürger! Wie auch die Antwort auf diese Frage lauten möge, wie der jetzige Streik auch enden möge, eins muss allen klar und unzweifelhaft sein: Wir stehen am Vorabend eines Auf Stands, der das gesamte Volk ganz Rußlands erfaßt - und die Stunde dieses Aufstands ist nahe. Der in solcher Großartigkeit nicht nur in der Geschichte Rußlands, sondern auch der ganzen Welt noch nie dagewesene, beispiellose politische Generalstreik, der sich jetzt abspielt, kann vielleicht heute enden, ohne in einen allgemeinen Volksaufstand auszumünden, aber nur, um morgen erneut und mit noch größerer Gewalt das Land zu erschüttern und in jenen grandiosen bewaffneten Aufstand auszumünden, der die uralte Fehde des russischen Volkes mit der Selbstherrschaft des Zaren entscheiden und diesem abscheulichen Ungeheuer den Kopf zerschmettern muss.

Der allgemeine bewaffnete Volksaufstand - das ist die Entwirrung des Schicksalsknotens, zu der in der letzten Zeit die Ereignisse des politischen und gesellschaftlichen Lebens unseres Landes in ihrer Gesamtheit mit historischer Unvermeidlichkeit treiben! Der bewaffnete Aufstand des ganzen Volkes - das ist die große Aufgabe, vor der gegenwärtig das Proletariat Rußlands steht und die gebieterisch Lösung heischt!

Bürger! Es liegt im Interesse euer aller, mit Ausnahme der Handvoll Finanz- und Bodenaristokraten, dem Kampfruf des Proletariats Folge zu leisten und mit ihm gemeinsam diesem rettenden allgemeinen Volksaufstand zuzustreben.

Die verbrecherische Selbstherrschaft des Zaren hat unser Land an den Rand des Abgrundes gebracht. Der Ruin der mehr als hundert Millionen zählenden Bauernschaft Rußlands, die gedrückte und elende Lage der Arbeiterklasse, die maßlosen Staatsschulden und drückenden Steuern, die Rechtlosigkeit der ganzen Bevölkerung, die endlosen Willkür- und Gewalttaten, die in allen Sphären des Lebens herrschen, schließlich die völlige Unsicherheit für das Leben und Eigentum der Bürger - das ist das furchtbare Bild, das Rußland heute bietet. So kann es nicht mehr lange weitergehen! Die Selbstherrschaft, die alle diese düsteren Schrecken ins Leben gerufen hat, muss vernichtet werden! Und sie wird vernichtet werden! Die Selbstherrschaft wird sich dessen bewusst, und je mehr sie sich dessen bewusst wird, desto düsterer werden diese Schrecken, desto grauenvoller wird der Höllentanz, den sie um sich her veranstaltet. Außer den Hunderten und Tausenden friedlicher Bürger, jenen Arbeitern, die sie auf den Straßen der Städte getötet hat, außer den zehntausenden Arbeitern und Intellektuellen, den besten Söhnen des Volkes, die in den Gefängnissen und in der Verbannung schmachten, außer den unaufhörlichen Morden und Gewalttaten, die die Zarenschergen in den Dörfern, unter der Bauernschaft in dem ganzen weiten Rußland verüben, hat die Selbstherrschaft nun noch neue Schrecken ersonnen. Sie hat begonnen, Feindschaft und Groll inmitten des Volkes selbst zu säen und einzelne Schichten der Bevölkerung sowie ganze Nationalitäten gegeneinander zu hetzen. Sie hat russische Rowdys bewaffnet und auf russische Arbeiter und Intellektuelle losgelassen, sie hetzt rückständige und hungernde Massen der Russen und Moldauer in Bessarabien auf die Juden und schließlich die unwissende und fanatische Tatarenmasse auf die Armenier. Sie hat mit Hilfe der Tataren eines der revolutionären Zentren Rußlands und das revolutionärste Zentrum Kaukasiens - Baku - zertrümmert und die gesamte armenische Provinz von der Revolution abgeschreckt. Sie hat das ganze vielstämmige Kaukasien in ein Kriegslager verwandelt, wo die Bevölkerung jeden Augenblick Überfälle nicht nur von seiten der Selbstherrschaft erwartet, sondern auch von seiten der Nachbarstämme, dieser unglückseligen Opfer der Selbstherrschaft. So kann es nicht weitergehen! Und nur die Revolution kann alledem ein Ende setzen!

Es wäre seltsam und lächerlich, zu erwarten, dass die Selbstherrschaft, die die Urheberin aller dieser höllischen Schrecken ist, mit ihnen selber Schluss machen wollte oder könnte. Keinerlei Reformen, keinerlei Flicken auf die Selbstherrschaft - vom Schlage der Reichsduma, der Semstwos u. dgl. -, auf die die liberale Partei sich, beschränken will, können diesen Schrecken ein Ende setzen. Im Gegenteil, alle Versuche in dieser Richtung und die Zurückdämmung des revolutionären Dranges des Proletariats werden dazu beitragen, diese Schrecken zu steigern.

Bürger! Das Proletariat, die revolutionärste Klasse unserer Gesellschaft, das den ganzen Kampf gegen die Selbstherrschaft bisher auf seinen Schultern getragen hat und ihr entschlossenster und standhaftester Gegner bis zum letzten ist, rüstet zur offenen bewaffneten Aktion.

Es ruft euch, alle Klassen der Gesellschaft, auf, ihm Hilfe und Unterstützung zu erweisen. Bewaffnet euch, helft ihm, sich zu bewaffnen, und rüstet zum entscheidenden Kampf.

# Bürger! Die Stunde des Aufstands ist nahe! Notwendig ist, dass wir für sie vollauf gerüstet sind! Nur in diesem Falle, nur mit Hilfe des allgemeinen, allerorts und gleichzeitig beginnenden bewaffneten Aufstands werden wir unseren niederträchtigen Feind - die verfluchte Selbstherrschaft des Zaren - besiegen und auf ihren Trümmern die für uns notwendige freie demokratische Republik errichten können.

Nieder mit der Selbstherrschaft!
Es lebe der allgemeine bewaffnete Aufstand!
Es lebe die demokratische Republik!
Es lebe das kämpf ende Proletariat Rußlands!

 

 

 

 

19. Oktober 1905

AN ALLE ARBEITER

Die Revolution marschiert! Das revolutionäre Volk Rußlands hat sich erhoben und die Zarenregierung umzingelt, um zum Sturmangriff auf sie anzusetzen! Es flattern die roten Banner, es werden Barrikaden gebaut, das Volk greift zu den Waffen und stürmt die staatlichen Ämter. Wieder erklingt der Kampfruf der Tapferen, wieder erbraust das verstummte Leben. Das Schiff der Revolution hat die Segel gehisst und ist zur Freiheit ausgelaufen. Dieses Schiff wird vom Proletariat Rußlands geführt.

Was wollen die Proletarier Rußlands, wohin streben sie?

Stürzen wir die zaristische Duma und schaffen wir eine Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes - sagen heute die Proletarier Rußlands. Das Proletariat wird von der Regierung nicht kleine Zugeständnisse fordern, es wird von ihr nicht die Aufhebung des „Ausnahmezustands" und die Einstellung der „Exekutionen" in einigen Städten und Dörfern fordern, - das Proletariat wird sich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Wer von der Regierung Zugeständnisse fordert, der glaubt nicht an den Tod der Regierung, - das Proletariat aber lebt und webt in diesem Glauben. Wer von der Regierung „Vergünstigungen" erwartet, der glaubt nicht an die Macht der Revolution, - das Proletariat aber lebt in diesem Glauben. Nein! Das Proletariat wird seine Energie nicht auf unvernünftige Forderungen verzetteln. Es hat an die zaristische Selbstherrschaft nur eine Forderung: Nieder mit ihr, Tod der Selbstherrschaft! Und da erklingt in den Weiten Rußlands immer kühner der revolutionäre Kampfruf der Arbeiter: Nieder mit der Reichsduma! Es lebe die Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes! Das ist es, was das Proletariat Rußlands heute anstrebt.

Der Zar wird keine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung gewähren, der Zar wird seine eigene Selbstherrschaft nicht aufheben - er wird das nicht tun! Die gestutzte „Verfassung", die er „gewährt", ist ein zeitweiliges Zugeständnis, ein pharisäisches Versprechen des Zaren und weiter nichts! Selbstredend werden wir uns dieses Zugeständnis zunutze machen, wir werden es nicht ablehnen, der Krähe die Nuss zu entreißen und ihr mit dieser Nuss den Schädel einzuschlagen. Aber die Tatsache bleibt dennoch Tatsache, dass das Volk sich nicht auf das Versprechen des Zaren verlassen kann - es darf sich nur auf sich selbst verlassen, es darf sich nur auf seine eigene Kraft stützen: die Befreiung des Volkes muss mit den Händen des Volkes selber vollzogen werden. Nur auf den Knochen der Unterdrücker kann die Volksfreiheit errichtet werden, nur mit dem Blut der Unterdrücker kann der Boden für die Selbstherrschaft des Volkes gedüngt werden! Nur wenn das bewaffnete Volk mit dem Proletariat an der Spitze auf den Plan tritt und das Banner des allgemeinen Aufstands erhebt - nur dann kann die auf Bajonette gestützte Zarenregierung gestürzt werden. Keine leeren Phrasen, keine sinnlose „Selbstbewaffnung", sondern wirkliche Bewaffnung und bewaffneter Aufstand - dahin streben heute die Proletarier ganz Rußlands.

Der siegreiche Aufstand wird zur Niederlage der Regierung führen. Aber besiegte Regierungen sind nicht selten wieder auf die Beine gekommen. Auch bei uns kann sie wieder auf die Beine kommen. Die dunklen Kräfte, die sich während des Aufstands in den Schlupfwinkeln verbergen, werden gleich am Tage nach dem Aufstand aus ihren Löchern kriechen und die Regierung wieder auf die Beine stellen wollen. So werden besiegte Regierungen von den Toten auferweckt. Das Volk muss unbedingt dieser dunklen Kräfte Herr werden, es muss sie vom Antlitz der Erde hinwegfegen! Dazu aber ist es notwendig, dass sich das ganze siegreiche Volk, klein und groß, gleich am Tage nach dem Aufstand bewaffnet, sich in eine revolutionäre Armee verwandelt und immer bereit ist, mit den Waffen in der Hand die eroberten Rechte zu verteidigen.

Nur wenn das siegreiche Volk sich in eine revolutionäre Armee verwandelt, nur dann wird es imstande sein, die verkrochenen dunklen Kräfte endgültig zu schlagen. Nur die revolutionäre Armee kann den Handlungen der provisorischen Regierung Nachdruck verleihen, nur die provisorische Regierung wird eine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung einberufen können, die die demokratische Republik errichten soll. Die revolutionäre Armee und die revolutionäre provisorische Regierung - dahin streben heute die Proletarier Rußlands.
Das ist der Weg, den die russische Revolution beschritten hat. Dieser Weg führt zur Selbstherrschaft des Volkes, und das Proletariat ruft alle Freunde des Volkes auf, diesen Weg zu beschreiten.

Die Selbstherrschaft des Zaren stellt sich der Volksrevolution in den Weg, sie will mit ihrem gestrigen Manifest diese große Bewegung hemmen - es ist klar, dass die Wogen der Revolution die Selbstherrschaft des Zaren verschlingen und beiseite werfen werden...

Verachtung und Hass allen denjenigen, die nicht den Weg des Proletariats beschreiten - sie sind niederträchtige Verräter an der Revolution! Schmach und Schande denjenigen, die diesen Weg in Wirklichkeit beschritten haben, in Worten aber anderes sagen - denn sie fürchten kleinmütig die Wahrheit!

Wir fürchten die Wahrheit nicht, wir fürchten die Revolution nicht! Möge der Donner stärker rollen, möge der Sturm stärker losbrechen! Die Stunde des Sieges ist nahe!

So lasst uns denn begeistert die Losungen des Proletariats Rußlands verkünden:

Nieder mit der Reichsduma!
Es lebe der bewaffnete Aufstand!
Es lebe die revolutionäre Armee!
Es lebe die revolutionäre provisorische ´Regierung!
Es lebe die Konstituierende "Versammlung des ganzen "Volkes!
Es lebe die demokratische Republik!
Es lebe das Proletariat!

 

 

 

 

20. November 1905

Die Große Russische Revolution hat begonnen!

Schon haben wir den ersten stürmischen Akt dieser Revolution erlebt, der formal mit dem Manifest vom 17. Oktober abgeschlossen wurde. Der selbstherrliche Zar „von Gottes Gnaden" hat sein „gekröntes Haupt" vor dem revolutionären Volke gebeugt und ihm die „unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit" versprochen...

Aber dies ist nur der erste Akt. Dies ist erst der Anfang vom Ende. Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, die der Großen Russischen Revolution würdig sind. Diese Ereignisse rücken mit der unerbittlichen Strenge der Geschichte, mit eherner Notwendigkeit auf uns zu. Der Zar und das Volk, die Selbstherrschaft des Zaren und die Selbstherrschaft des Volkes - das sind zwei feindliche, einander diametral entgegengesetzte Elemente. Die Niederlage des einen und der Sieg des anderen kann nur das Resultat eines entschiedenen Ringens zwischen beiden, das Resultat eines verzweifelten Kampfes, eines Kampfes auf Leben und Tod sein. Dieser Kampf hat noch nicht stattgefunden. Er steht noch bevor. Und der mächtige Titan der russischen Revolution - das Proletariat ganz Rußlands - rüstet zu ihm mit allen Kräften, mit allen Mitteln.

Die liberale Bourgeoisie versucht dieses schicksalsschwere Ringen abzuwenden. Sie findet, es sei bereits an der Zeit, der „Anarchie" ein Ende zu setzen und mit friedlicher „schöpferischer" Arbeit, mit der Arbeit des „Staatsaufbaus" zu beginnen. Sie hat recht. Ihr genügt das, was das Proletariat dem Zarismus bereits bei seinem ersten revolutionären Ansturm entrissen hat. Jetzt kann sie ruhig mit der Zarenregierung ein Bündnis schließen - zu für sie vorteilhaften Bedingungen -, und mit vereinten Kräften gegen den gemeinsamen Feind, gegen ihren „Totengräber" - das revolutionäre Proletariat - vorgehen. Die bourgeoise Freiheit, die Freiheit der Ausbeutung ist bereits gesichert, und das genügt ihr vollauf. Die russische Bourgeoisie, die auch nicht für einen Augenblick lang revolutionär ist, tritt bereits offen auf die Seite der Reaktion. Viel Glück auf den Weg! Wir werden ihr keine Tränen nachweinen. Das Schicksal der Revolution lag niemals in der Hand des Liberalismus. Gang und Ausgang der russischen Revolution hängen ganz und gar von der Haltung des revolutionären Proletariats und der revolutionären Bauernschaft ab.

Das von der Sozialdemokratie geführte revolutionäre städtische Proletariat und mit ihm die revolutionäre Bauernschaft werden trotz aller Ränke der Liberalen ihren Kampf unentwegt fortsetzen, bis sie den völligen Sturz der Selbstherrschaft erreicht und auf ihren Trümmern die freie demokratische Republik errichtet haben.

Das ist die nächste politische Aufgabe des sozialistischen Proletariats, das ist sein Ziel in der gegenwärtigen Revolution, und es wird, unterstützt von der Bauernschaft, dieses Ziel erreichen, koste es, was es wolle.

Der Weg, der es zur demokratischen Republik führen soll, ist von ihm ebenfalls klar und bestimmt vorgezeichnet worden.

1. Das entschlossene, verzweifelte Ringen, von dem wir oben gesprochen haben, 2. die revolutionäre Armee, die im Prozesse dieses „Ringens" organisiert wird, 3. die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt der revolutionären provisorischen Regierung, errichtet als Ergebnis des siegreichen „Ringens", 4. die Konstituierende Versammlung, die von ihr auf der Grundlage des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts einberufen wird, - das sind die Etappen, die die Große Russische Revolution durchschreiten muss, bevor sie an das ersehnte Ende gelangt.

Keinerlei Drohungen der Regierung oder großspurige Manifeste des Zaren, keinerlei provisorische Regierungen vom Schlage der Regierung Witte, von der Selbstherrschaft zu ihrer eigenen Rettung eingesetzt, keinerlei von der Zarenregierung einberufene Reichsduma, auch wenn sie auf der Grundlage des allgemeinen usw. Wahlrechts einberufen wird, können das Proletariat von seinem einzig richtigen revolutionären Wege abbringen, der es zur demokratischen Republik führen soll.

Wird das Proletariat genügend Kraft haben, um diesen Weg bis zu Ende zu gehen, genügend Kraft, um aus dem gigantischen, blutigen Kampf, der ihm auf diesem Wege bevorsteht, in Ehren hervorzugehen?

Gewiss!

So denkt das Proletariat selbst und rüstet kühn und entschlossen zum Kampfe.

 

 

 

7. Januar 1906.

Ihr erinnert euch gewiss

des 9. Januar vorigen Jahres...

 

Das war der Tag, wo das Petersburger Proletariat der Zarenregierung von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat und gegen seinen Willen mit ihr zusammenprallte. Jawohl, gegen seinen Willen, denn es ging friedlich zum Zaren mit der Bitte um „Brot und Gerechtigkeit", aber man empfing es feindselig und überschüttete es mit einem Hagel von Kugeln. Es setzte seine Hoffnungen auf die Zarenbilder und Kirchenfahnen, aber die einen und die ändern wurden in Fetzen gerissen und ihm ins Gesicht geschleudert, wodurch man ihm augenscheinlich zeigte, dass man den Waffen nur Waffen entgegenstellen kann. Und es griff zu den Waffen - wo es nur irgend Waffen hatte -, es griff zu ihnen, um dem Feind auf Feindesart zu begegnen und an ihm Rache zu nehmen. Aber es ließ Tausende von Opfern auf dem Kampffelde, zog sich unter großen Verlusten zurück und verschloss seinen Groll in der Brust...

Das ist es, woran uns der 9. Januar des vorigen Jahres erinnert.

Heute, wo das Proletariat Rußlands den Jahrestag des 9. Januar begeht, dürfte es nicht überflüssig sein, die Frage zu stellen: Warum hatte sich das Petersburger Proletariat im vorigen Jahre aus dem damaligen Ringen zurückgezogen und wodurch unterscheidet sich das damalige Ringen von dem Generalringen im Dezember?

Vor allem zog es sich zurück, weil es auch jenes Minimum des revolutionären Bewusstseins nicht besaß, das für den Sieg des Aufstands unbedingt notwendig ist. Ein Proletariat, das betend und hoffend zu dem Blutzaren geht, der seine ganze Existenz auf der Unterdrückung des Volkes aufgebaut hat, ein Proletariat, das vertrauensvoll zu seinem geschworenen Feind geht, um ein „Körnchen Gnade" zu erflehen - kann ein solches Proletariat etwa im Straßenkampf die Oberhand gewinnen?...

Allerdings öffneten später, kurze Zeit nachher, die Gewehrsalven dem betrogenen Proletariat die Augen und zeigten ihm klar das abscheuliche Gesicht der Selbstherrschaft, allerdings rief es schon wuterfüllt: „Der Zar hat uns gedroschen, nun gut - auch wir werden ihn dreschen!" Aber was nützt das, wenn man keine Waffen in der Hand hat, was kann man mit bloßen Händen im Straßenkampf tun, auch wenn man Bewusstsein besitzt - trifft die Kugel des Feindes einen aufgeklärten Kopf nicht ebenso wie einen unaufgeklärten?

Jawohl, das Fehlen von Waffen - das war die zweite Ursache für den Rückzug des Petersburger Proletariats.

Aber was konnte Petersburg allein tun, auch wenn es Waffen gehabt hätte? Als in Petersburg das Blut floss und Barrikaden gebaut wurden, rührte in den anderen Städten niemand einen Finger - das ist der Grund, weshalb die Regierung aus anderen Gegenden Truppen heranziehen und die Straßen mit Blut röten konnte. Und erst später, als das Petersburger Proletariat, das die getöteten Kameraden bestattet hatte, zu seiner Alltagsarbeit zurückgekehrt war - erst dann ertönte in verschiedenen Städten der Kampfruf der streikenden Arbeiter: Gruß den Petersburger Helden! Wem aber galt dieser verspätete Gruß und was konnte er nützen? Das ist der Grund, weshalb die Regierung diese zersplitterten und unorganisierten Aktionen nicht ernst nahm und das in einzelnen Gruppen zersprengte Proletariat ohne große Mühe zerstreute.

Folglich waren das Fehlen des organisierten allgemeinen Aufstands, die Unorganisiertheit der Aktionen des Proletariats die dritte Ursache für den Rückzug des Petersburger Proletariats.

Ja, und wer sollte auch den allgemeinen Aufstand organisieren? Das Volk im ganzen konnte dies nicht übernehmen, und der fortgeschrittene Teil des Proletariats - die Partei des Proletariats - war selbst nicht organisiert, da sie von Meinungsverschiedenheiten in der Partei zerrissen wurde - der innere Kampf, die Parteispaltung machten sie von Tag zu Tag schwächer. Kein Wunder, dass die in zwei Teile getrennte junge Partei die Organisierung des allgemeinen Aufstands nicht auf sich nehmen konnte.

Folglich war das Fehlen einer einheitlichen und geschlossenen Partei die vierte Ursache für den Rückzug des Proletariats.

Wenn schließlich die Bauernschaft und die Truppen sich dem Aufstand nicht anschlossen und ihm keine neuen Kräfte zuführten, so geschah auch dies, weil sie in dem schwachen und kurzfristigen Aufstand keine besondere Kraft sehen konnten, Schwachen aber pflegt man sich bekanntlich nicht anzuschließen.

Das ist der Grund, weshalb das heroische Proletariat Petersburgs im Januar vorigen Jahres sich zurückzog.

Die Zeit verging. Das von der Krise und der Rechtlosigkeit aufgerüttelte Proletariat rüstete zu einer neuen Schlacht. Es irrten sich diejenigen, die gedacht hatten, die Opfer des 9. Januar würden im Proletariat jeden Kampfwillen ertöten - im Gegenteil, noch fieberhafter und opfermütiger rüstete es zur „letzten" Schlacht, noch mutiger und hartnäckiger kämpfte es gegen die Truppen und die Kosaken. Der Aufstand der Matrosen auf dem Schwarzen Meer und auf der Ostsee, der Aufstand der Arbeiter in Odessa, Lodz und anderen Städten, die unaufhörlichen Zusammenstöße der Bauern mit der Polizei bewiesen klar, welches unverlöschliche revolutionäre Feuer in der Brust des Volkes brennt.

Das revolutionäre Bewusstsein, das dem Proletariat am 9. Januar fehlte, hat es sich in der letzten Zeit mit erstaunlicher Geschwindigkeit angeeignet. Man sagt, dass zehn Jahre Propaganda das Bewusstsein des Proletariats nicht so stark heben könnten, wie die Tage des Aufstands es gehoben haben. So muss es auch sein, denn der Prozess der Klassenschlachten ist jene hohe Schule, in der das revolutionäre Bewusstsein des Volkes nicht täglich, sondern stündlich wächst.

Der allgemeine bewaffnete Aufstand, den in der ersten Zeit nur eine kleine Gruppe des Proletariats propagierte, der bewaffnete Aufstand, dem manche Genossen sogar zweifelnd gegenüberstanden - hat allmählich die Sympathie des Proletariats gefunden, und es organisierte fieberhaft rote Abteilungen, beschaffte sich Waffen usw. Der Generalstreik im Oktober hat anschaulich gezeigt, dass eine gleichzeitige Aktion des Proletariats möglich ist. Damit war die Möglichkeit des organisierten Aufstands bewiesen - und das Proletariat beschritt entschlossen diesen Weg.

Notwendig war nur eine geschlossene Partei, eine einheitliche und unteilbare sozialdemokratische Partei, die sich bei der Organisierung des allgemeinen Aufstands an die Spitze gestellt, die revolutionäre Vorbereitungsarbeit, die von den einzelnen Städten isoliert betrieben wurde, zusammengefasst und die Initiative zum Angriff übernommen hätte. Um so mehr, als das Leben selbst den neuen Aufschwung vorbereitete - Krise in der Stadt, Hunger auf dem Lande und andere derartige Ursachen machten eine neue revolutionäre Explosion von Tag zu Tag unvermeidlicher. Das Unglück war, dass eine solche Partei erst jetzt geschaffen wurde: die von der Spaltung entkräftete Partei begann sich eben erst zu erholen und die Sache des Zusammenschlusses in die Wege zu leiten.

Eben in diesem Augenblick stand das Proletariat Rußlands vor seiner zweiten Schlacht, der ruhmreichen Dezemberschlacht.

Sprechen wir jetzt von dieser Schlacht.

Sagten wir von der Januarschlacht, dass es ihr an revolutionärem Bewusstsein gebrach, so müssen wir von der Dezemberschlacht sagen, dass ein solches Bewusstsein diesmal vorhanden war. Die elf Monate revolutionären Sturms hatten dem kämpfenden Proletariat Rußlands die Augen genügend geöffnet, und die Losungen: Nieder mit der Selbstherrschaft! Es lebe die demokratische Republik! waren zu Losungen des Tages, zu Losungen der Massen geworden. Hier sahen wir keine Kirchenfahnen, keine Ikonen und Zarenbilder mehr - stattdessen flatterten rote Banner und prangten die Porträte von Marx und Engels. Hier hörten wir nicht mehr den Gesang von Psalmen und „Gott, schütze den Zaren", - statt dessen wurden die Klänge der „Marseillaise" und der „Warschawjanka" laut, die den Unterdrückern in die Ohren gellten.

Folglich unterschied sich die Dezemberschlacht hinsichtlich des revolutionären Bewusstseins in grundlegender Weise von der Januarschlacht.

Der Januarschlacht fehlte es an Waffen, das Volk ging damals unbewaffnet in den Kampf. Die Dezemberschlacht tat einen Schritt vorwärts, alle Kämpfer drängten jetzt zu den Waffen, mit Revolvern, Gewehren, Bomben und an manchen Stellen sogar mit Maschinengewehren in der Hand. Waffen mit Waffengewalt zu erlangen - wurde zur Tageslosung. Alle suchten Waffen, alle fühlten die Notwendigkeit, Waffen zu besitzen, bedauerlich war nur, dass es sehr wenig Waffen gab und dass nur eine unbedeutende Anzahl von Proletariern bewaffnet auftreten konnte.

Der Januaraufstand war völlig isoliert und unorganisiert, jeder handelte damals aufs Geratewohl.. Der Dezemberaufstand tat auch hierin einen Schritt vorwärts. Der Petersburger und der Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten und die Zentren der „Mehrheit" und der „Minderheit" „trafen Maßnahmen", soweit das möglich war, damit die revolutionäre Aktion gleichzeitig erfolgte - sie riefen das Proletariat Rußlands zum gleichzeitigen Angriff auf. Während des Januaraufstands aber war nichts Derartiges getan worden. Da jedoch diesem Aufruf keine längere und zähe Vorbereitung der Partei auf den Aufstand vorangegangen war, so blieb der Aufruf ein Aufruf und die Aktion erwies sich faktisch als ein isoliertes, unorganisiertes Vorgehen. Nur ein Streben nach dem gleichzeitigen und organisierten Aufstand war vorhanden.

Den Januaraufstand „leiteten" hauptsächlich die Gapons. Der Dezemberaufstand hatte in dieser Beziehung den Vorzug, dass Sozialdemokraten an seiner Spitze standen. Bedauerlich war jedoch, dass die letzteren in einzelne Gruppen geteilt waren, die keine einheitliche, geschlossene Partei darstellten und deshalb nicht koordiniert handeln konnten. Noch einmal fand der Aufstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands unvorbereitet und zersplittert...

Die Januarschlacht hatte keinen Plan, sie ließ sich von keiner bestimmten Politik leiten, sie stand nicht vor der Frage: Angriff oder Verteidigung? Die Dezemberschlacht hatte nur den Vorzug, dass sie diese Frage klar aufwarf, aber auch das nur im Laufe des Kampfes und nicht gleich am Anfang des Kampfes. Was die Lösung dieser Frage betrifft, so zeigte der Dezemberaufstand eine ebensolche Schwäche wie der Januaraufstand. Wären die Moskauer Revolutionäre gleich von Anfang an der Politik des Angriffs gefolgt, hätten sie, sagen wir, gleich am Anfang den Nikolaus-Bahnhof angegriffen und besetzt, so wäre der Aufstand selbstredend von längerer Dauer gewesen und hätte eine erwünschtere Richtung eingeschlagen. Oder wenn z. B. die lettischen Revolutionäre die Politik des Angriffs entschlossen durchgeführt und nicht zu schwanken begonnen hätten, so hätten sie sich zweifellos zu allererst der Geschützbatterien bemächtigt, die Administration dadurch jeder Stütze beraubt, die anfänglich die Besetzung der Städte durch die Revolutionäre zuließ, dann aber, neuerlich zum Angriff übergehend, die besetzten Gegenden mit Hilfe der Geschütze zurückeroberte.

Das gleiche muss auch hier über die anderen Städte gesagt werden. Nicht umsonst sagte Marx: Im Aufstand siegt die Kühnheit, und restlos kühn kann nur derjenige sein, der sich an die Angriffspolitik hält.

Das sind die Ursachen, die den Rückzug des Proletariats Mitte Dezember hervorriefen.

Wenn sich die Bauernschaft und die Truppen in ihrer erdrückenden Masse dem Dezemberaufstand nicht anschlössen, wenn diese Schlacht sogar in manchen „demokratischen" Kreisen Unzufriedenheit hervorrief, so geschah dies, weil sie nicht mit dem Krafteinsatz geführt wurde und anhaltend genug war, wie das für die Ausbreitung des Aufstands und seinen Sieg so notwendig ist.

Aus dem Gesagten ist klar, was wir, die Sozialdemokraten Rußlands, heute tun müssen.

Erstens ist es unsere Aufgabe, das von uns bereits begonnene Werk - die Schaffung einer einheitlichen und unteilbaren Partei - zu vollenden. Die gesamtrussischen Konferenzen der „Mehrheit" und der „Minderheit" haben bereits die organisatorischen Grundlagen für die Vereinigung ausgearbeitet. Die Leninsche Formulierung der Parteimitgliedschaft und der demokratische Zentralismus wurden angenommen. Die ideologischen Zentren und die mit der praktischen Arbeit beauftragten Zentren sind bereits verschmolzen, und die Verschmelzung der örtlichen Organisationen ist schon fast beendet. Notwendig ist nur ein Vereinigungsparteitag, der die faktische Vereinigung formell vollendet und damit die einheitliche und unteilbare Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands schafft. Unsere Aufgabe ist es, dieses für uns teure Werk zu fördern und den Vereinigungsparteitag sorgfältig vorzubereiten, der bekanntlich in der nächsten Zeit eröffnet werden soll.

Zweitens ist es unsere Aufgabe, der Partei bei der Organisierung des bewaffneten Aufstands Beistand zu leisten, aktiv in diese heilige Sache einzugreifen und unermüdlich für sie zu arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, die roten Kampfscharen zu mehren, sie auszubilden und zusammenzuschweißen, unsere Aufgabe ist es, mit Waffengewalt Waffen zu beschaffen, die Lage der staatlichen Institutionen zu ermitteln, die Kräfte des Feindes zu berechnen, seine starken und schwachen Seiten auszuforschen und dementsprechend den Aufstandsplan auszuarbeiten. Unsere Aufgabe ist es, eine systematische Agitation für den Aufstand in der Armee und auf dem Lande zu betreiben, besonders in den Dörfern nahe den Städten, die zuverlässigen Elemente dieser Dörfer zu bewaffnen usw. usw...

Drittens ist es unsere Aufgabe, mit allen Schwankungen Schluss zu machen, jede Unbestimmtheit zu verurteilen und entschlossen die Angriffspolitik durchzuführen...

Kurzum, eine geschlossene Partei, ein von der Partei organisierter Aufstand und eine Angriffspolitik - das ist es, was wir heute für den Sieg des Aufstands nötig haben.

Und diese Aufgabe wird umso akuter und dringlicher, je mehr sich der Hunger auf dem Lande und die Industriekrise in der Stadt vertiefen und verschärfen.

Manche Leute sind, wie sich herausstellt, von Zweifeln an der Richtigkeit dieser Abc-Wahrheit befallen, und sie sagen hoffnungslos: was kann die Partei tun, und wäre sie auch einheitlich, wenn sie es nicht versteht, das Proletariat um sich zu scharen, das Proletariat aber sei zerschlagen, es habe die Hoffnung verloren und ihm sei nicht nach Initiative zumute, Rettung dürften wir jetzt nur vom Dorf e erwarten, die Initiative müsste vom Dorf ausgehen usw. Man kann nicht umhin zu bemerken, dass die Genossen, die so urteilen, schwer im Irrtum sind. Das Proletariat ist keineswegs zerschlagen, denn dies würde seinen Tod bedeuten, im Gegenteil, es lebt nach wie vor und gewinnt jeden Tag an Kräften. Es hat sich nur zurückgezogen, um, wenn es Kräfte gesammelt hat, die letzte Schlacht mit der Zarenregierung aufzunehmen.

Als am 15. Dezember der Sowjet der Arbeiterdeputierten Moskaus - des gleichen Moskaus, das faktisch den Dezemberaufstand geleitet hat - vor dem ganzen Volke erklärte: wir stellen zeitweilig den Kampf ein, um uns ernstlich vorzubereiten, um das Banner des Aufstands abermals zu erheben - da sprach er die sehnlichsten Wünsche des Proletariats ganz Rußlands aus.

Wenn nun manche Genossen trotzdem die Tatsachen leugnen, wenn sie keine Hoffnungen mehr auf das Proletariat setzen und sich jetzt an die Dorfbourgeoisie klammern - so fragt es sich: Mit wem haben wir es zu tun, mit Sozialrevolutionären oder mit Sozialdemokraten? Denn kein einziger Sozialdemokrat wird die Wahrheit bezweifeln, dass das städtische Proletariat der faktische (und nicht nur der ideologische) Führer des Dorfes ist.

Man versicherte uns seinerzeit, die Selbstherrschaft sei nach dem 17. Oktober zerschlagen gewesen, wir aber glaubten auch das nicht, denn dies würde ihren Tod bedeutet haben, sie aber ist nicht nur nicht gestorben, sondern sie hat neue Kräfte gesammelt für einen neuen Angriff. Wir sagten, dass die Selbstherrschaft sich nur zurückgezogen hatte. Es hat sich herausgestellt, dass wir recht hatten...

Nein, Genossen! Das Proletariat Rußlands ist nicht geschlagen, es hat sich nur zurückgezogen und rüstet jetzt zu neuen, ruhmreichen Kämpfen. Das Proletariat Rußlands wird das blutgerötete Banner nicht senken, es wird die Leitung des Aufstands an niemand abtreten, es wird der einzige würdige Führer der russischen Revolution sein.

 

 

 

 

17. (30.) April 1906

"Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so wird die Frage in der Partei gestellt, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten."

Es ist für niemand ein Geheimnis, dass in der Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Lebens Rußlands zwei Wege sichtbar geworden sind: der Weg der Pseudoreformen und der Weg der Revolution. Klar ist auch, dass den ersten Weg die Großfabrikanten und Gutsbesitzer mit der Zarenregierung an der Spitze beschreiten, den zweiten Weg aber die revolutionäre Bauernschaft und die Kleinbourgeoisie mit dem Proletariat an der Spitze. Die sich entwickelnde Krise in den Städten und die Hungersnot in den Dörfern machen eine neue Explosion unvermeidlich - folglich sind Schwankungen hier unzulässig: entweder nimmt die Revolution einen Aufschwung, und wir müssen sie zu Ende führen, oder sie ebbt ab, und wir können und dürfen uns eine solche Aufgabe nicht stellen. Rudenko glaubt mit Unrecht, eine solche Fragestellung sei nicht dialektisch. Rudenko sucht eine Mittellinie, er möchte sagen, dass die Revolution gleichzeitig ansteigt und nicht ansteigt, dass man sie zu Ende führen und nicht zu Ende führen müsse, denn seiner Meinung nach verpflichtet die Dialektik gerade zu einer solchen Fragestellung! Wir haben eine andere Vorstellung von der Marxschen Dialektik...

Wir stehen also am Vorabend einer neuen Explosion, die Revolution steigt an, und wir müssen sie zu Ende führen. Darüber sind wir uns alle einig. Unter welchen Verhältnissen aber können und müssen wir dies tun: unter den Verhältnissen der Hegemonie des Proletariats oder unter den Verhältnissen der Hegemonie der bürgerlichen Demokratie? Eben hier beginnt die grundlegende Meinungsverschiedenheit.

Genösse Martynow hat schon in „Zwei Diktaturen“ gesagt, die Hegemonie des Proletariats sei in der gegenwärtigen bürgerlichen Revolution eine schädliche Utopie. Durch seine gestrige Rede zieht sich der gleiche Gedanke. Die Genossen, die ihm applaudiert haben, sind gewiss mit ihm einverstanden. Wenn dem so ist, wenn wir nach der Meinung der menschewistischen Genossen nicht die Hegemonie des Proletariats, sondern die Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie brauchen, dann ist es von selbst klar, dass wir uns weder an der Organisierung des bewaffneten Auf Stands noch an der Machtergreifung unmittelbar aktiv beteiligen müssen. Das ist das „Schema“ der Menschewiki.

Umgekehrt, wenn die Klasseninteressen des Proletariats zu seiner Hegemonie führen, wenn das Proletariat nicht im Nachtrab, sondern an der Spitze der gegenwärtigen Revolution marschieren soll, so ist es klar, dass das Proletariat weder auf die aktive Teilnahme an der Organisierung des bewaffneten Aufstands noch auf die Machtergreifung verzichten kann. Das ist das „Schema“ der Bolschewiki.

Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so wird die Frage in der Partei gestellt, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten.

 

 

 

13. Juli 1906

Die Bolschewiki sagen, in einen spontan begonnenen und isolierten Aufstand muss Bewusstheit und Organisiertheit hineingetragen werden.

Der Menschewik N. Ch. weiß, dass Kühnheit Städte erstürmt und ... erkühnt sich noch einmal, die Bolschewiki des Blanquismus zu bezichtigen (siehe „Simartle“ Nr. 7).

Daran ist natürlich nichts Erstaunliches. Die deutschen Opportunisten Bernstein und Vollmar bezeichnen Kautsky und Bebel schon lange als Blanquisten. Die französischen Opportunisten Jaurès und Millerand bezichtigen Guesde und Lafargue schon lange des Blanquismus und des Jakobinertums. Trotzdem weiß die ganze Welt, dass Bernstein, Millerand, Jaurès und andere Opportunisten sind, dass sie den Marxismus verraten, während Kautsky, Bebel, Guesde, Lafargue und andere revolutionäre Marxisten sind. Was ist daran Erstaunliches, wenn die Opportunisten Rußlands und ihr Parteigänger N. Ch. die Opportunisten Europas nachahmen und uns als Blanquisten bezeichnen? Das bedeutet nur, dass die Bolschewiki ebenso wie Kautsky und Guesde revolutionäre Marxisten sind.

Damit könnten wir das Gespräch mit N. Ch. beenden. Aber er „vertieft“ die Frage und bemüht sich, seine Behauptung zu beweisen. „Wir wollen ihn also nicht kränken, sondern hören ihn an.

N.Ch. ist mit der folgenden Meinung der Bolschewiki nicht einverstanden:

„Sagen wir (Hier hat N. Ch. die Worte „sagen wir“ durch das Wort „wenn“ ersetzt, was den Sinn etwas ändert.), das Stadtvolk ist von Hass gegen die Regierung (Hier hat N. Ch. die Worte „gegen die Regierung“ ausgelassen (siehe „Achali Zchowreba“ Nr. 6) erfüllt, es kann sich stets zum Kampf erheben, wenn die Gelegenheit dazu sich bietet. Dies bedeutet, dass wir quantitativ schon bereit sind. Aber das ist noch ungenügend. Um den Aufstand zu gewinnen, muss man im voraus den Kampfplan aufstellen, muss man die Kampftaktik im voraus ausarbeiten, muss man organisierte Kampfabteilungen haben usw.“ (Siehe „Achali Zchowreba“ Nr. 6.)

N. Ch. ist damit nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei! Also will N.Ch. weder die „Kampftaktik“ noch die „organisierten Kampfabteilungen“ noch auch eine organisierte Aktion, - alles dies sei, so erfährt man, etwas Unwesentliches und überflüssiges. Die Bolschewiki sagen, dass „Hass gegen die Regierung allein ungenügend“ ist, dass das Bewusstsein allein „ungenügend“ ist, man braucht außerdem noch „Kampfabteilungen und eine Kampftaktik“. N.Ch. lehnt alles das ab und nennt es Blanquismus.

Merken wir uns dies und gehen wir weiter.

N. Ch. gefällt der folgende Gedanke Lenins nicht:

„Wir müssen die Erfahrungen des Aufstandes in Moskau, im Donezbecken, in Rostow und anderer Aufstände sammeln, diese Erfahrungen verbreiten, beharrlich und geduldig neue Kampfkräfte vorbereiten und sie in einer Anzahl von Kampfaktionen der Partisanen schulen und stählen. Vielleicht wird die neue Explosion im Frühjahr noch nicht eintreten, aber sie rückt heran und ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht allzufern. Wir müssen ihr bewaffnet, militärisch organisiert und zu entschlossenen Angriffsaktionen fähig entgegentreten.“ (Siehe „Partinyje Iswestija“.)

N. Ch. ist mit diesem Gedanken Lenins nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei!

Nach der Meinung N. Ch’s ergibt sich also, dass wir nicht „die Erfahrungen des Dezemberaufstands sammeln“ müssen und nicht „sie verbreiten“ müssen. Allerdings rückt die Explosion näher, aber nach der Meinung N. Ch.´s müssen wir nicht „ihr bewaffnet entgegentreten“, wir müssen uns nicht „zu entschlossenen Angriffsaktionen“ rüsten. Weshalb? Wahrscheinlich weil wir unbewaffnet und unvorbereitet eher siegen werden! Die Bolschewiki sagen, dass die Explosion zu erwarten ist und dass es deshalb unsere Pflicht ist, uns auf sie sowohl hinsichtlich der Bewusstheit als auch hinsichtlich der Bewaffnung vorzubereiten. N. Ch. weiß, dass eine Explosion zu erwarten ist, aber außer einer Agitation in Worten erkennt er nichts an und deshalb zweifelt er an der Notwendigkeit der Bewaffnung und hält sie für überflüssig. Die Bolschewiki sagen, in einen spontan begonnenen und isolierten Aufstand müsse Bewusstheit und Organisiertheit hineingetragen werden. N. Ch. gibt auch das nicht zu - das sei Blanquismus. Die Bolschewiki sagen, in einem bestimmten Augenblick seien „entschlossene Angriffsaktionen“ notwendig. Weder die Entschlossenheit noch die Angriffsaktionen gefallen N. Ch. - alles dies sei Blanquismus.

Merken wir uns alles dies und sehen wir, wie Marx und Engels zum bewaffneten Aufstand standen.

Marx schrieb in den fünfziger Jahren:

„...hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l´audace, de l´audace, encore de l´audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] (Siehe K. „Marx, „Historische Skizzen“, S. 95.)

So spricht der größte Marxist - Karl Marx.

Wie man sieht, muss, nach Ansicht von Marx, wer den Sieg des Aufstands will, den Weg der Offensive einschlagen. Wir wissen jedoch, dass derjenige, der den Weg der Offensive einschlägt, sowohl über Warfen als auch über militärische Kenntnisse als auch über ausgebildete Kampfabteilungen verfügen muss, - ohne das ist eine Offensive unmöglich. Was nun die kühnen Angriffsaktionen anbelangt, so sind diese nach der Meinung von Marx das Fleisch und Blut jedes Aufstands. N. Ch. aber verspottet sowohl die kühnen Angriffsaktionen als auch die Politik der Offensive, sowohl die organisierten Kampfabteilungen als auch die Verbreitung militärischer Kenntnisse, - alles dies sei Blanquismus! Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist, Marx aber Blanquist wäre! Armer Marx! Könnte er doch aus dem Grabe aufstehen und das Gestammel N.Ch’s anhören.

Und was sagt Engels vom Aufstand? Engels spricht an einer Stelle in einer seiner Broschüren über den spanischen Aufstand und erhebt Einwände gegen die Anarchisten, um dann fortzufahren:

„Trotzdem hatte der, wenn auch hirnlos eingeleitete, Aufstand immer noch große Aussicht auf Erfolg, wäre er nur mit einigem Verstand geleitet worden, selbst nur nach der Weise der spanischen Militärrevolten, wo die Garnison einer Stadt sich erhebt, zur nächsten zieht, die schon vorher bearbeitete Garnison dieser Stadt mit sich fortreißt, und lawinenartig anschwellend gegen die Hauptstadt vordringt, bis ein glückliches Gefecht oder der Übertritt der gegen sie gesandten Truppen den Sieg entscheidet. Diese Methode war diesmal ganz besonders anwendbar. Die Insurgenten waren überall seit längerer Zeit in Freiwilligenbataillone organisiert“ (hören Sie, Genosse, Engels spricht von Bataillonen!), „deren Disziplin zwar erbärmlich war, aber sicher nicht erbärmlicher als die der Reste der alten, größtenteils auseinander gegangnen spanischen Armee. Die einzig zuverlässigen Truppen der Regierung waren die Gendarmen (guardias civiles), und diese waren über das ganze Land zerstreut. Es kam vor allem darauf an, die Zusammenziehung der Gendarmen zu verhindern, und dies konnte nur geschehn, indem man angriffsweise verfuhr und sich aufs offne Feld wagte...“ (Achtung, Achtung, Genossen!) „und wollte man siegen, so gab´s kein anderes Mittel...“ Weiter liest Engels den Bakunisten die Leviten, die als ihr Prinzip erklärten, was man vermeiden konnte; nämlich „die Zersplitterung und Vereinzelung der revolutionären Kräfte, die denselben Regierungstruppen erlaubte, einen Aufstand nach dem ändern niederzuschlagen...“ (Siehe F. Engels, „Die Bakunisten an der Arbeit“.)

So spricht der bekannte Marxist Friedrich Engels...

Organisierte Bataillone, Politik der Offensive, Organisierung des Aufstands, Zusammenfassung der einzelnen Aufstände - das war nach der Meinung von Engels für den Sieg des Aufstands notwendig.

Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist ist, Engels aber Blanquist! Armer Engels!

Wie man sieht, ist N. Ch. mit der Ansicht von Marx und Engels über den Aufstand nicht bekannt.

Das wäre noch nicht so schlimm. Wir erklären aber, dass die von N. Ch. vorgeschlagene Taktik die Bedeutung der Bewaffnung, der roten Kampfabteilungen, der militärischen Kenntnisse herabsetzt und faktisch leugnet. Diese Taktik ist eine Taktik des unbewaffneten Aufstands. Diese Taktik drängt uns zur „Dezemberniederlage“. Weshalb hatten wir im Dezember keine Waffen, keine Kampfabteilungen, keine militärischen Kenntnisse u. dgl.? Weil die Taktik der Genossen vom Schlage eines N. Ch. in der Partei große Verbreitung hatte...

Der Marxismus und das reale Leben widerlegen aber gleicherweise eine derartige unbewaffnete Taktik.

Das besagen die Tatsachen.

 

 

 

 

 

"Blutiger Sonntag"

Januar 22 (9), 1905

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ernst Tälmann

"Der Moskauer Aufstand im Jahre 1905"

(20. Dezember 1925.)


Die Kommunistische Partei Rußlands hält in diesen Tagen ihren XIV. Parteitag ab, auf dem für die Partei entscheidende Probleme zur Erörterung stehen. Diese Tage rufen die Erinnerung wach an den III. Parteitag der SDAPR, der im Jahre 1905 in London zusammentrat. Auf diesem Parteitag fand die erste selbständige Truppenschau der Bolschewiki statt. Die Beschlüsse waren für die Entwicklung der Bolschewiki und damit für die russische Revolution von entscheidender Bedeutung. Das Hauptverdienst dieses Parteitages bestand darin, daß er zum ersten Male die programmatisch ausgearbeitete Idee der Vereinigung des Generalstreiks mit dem bewaffneten Aufstande aufstellte.

Die auf den Parteitag in London folgenden Ereignisse des Jahres 1905 erbrachten bereits den Beweis für die Richtigkeit der in London gefaßten Beschlüsse.

Die Ereignisse des Jahres 1905, angefangen bei den Streikkämpfen am 22. Januar - die zum ersten Male zeigten, daß es in Rußland außer den herrschenden Mächten, der Zarenmonarchie und der Opposition der liberalen Bourgeoisie, noch eine Macht gab, die Arbeiterklasse, die einen selbständigen, mächtigen politischen Faktor darstellte - über die Oktoberkämpfe, die zur Bildung der ersten Sowjets führten, bis zum bewaffneten Aufstand im Dezember 1905, waren sowohl für die Entwicklung der Partei der Bolschewiki wie für die russische Revolution wichtige Marksteine. Wer die siegreiche Revolution des Jahres 1917 in ihrer großen Bedeutung für das internationale Proletariat verstehen lernen will, darf an den Ereignissen des Jahres 1905 nicht vorübergehen. Er muß die Geschichte unserer russischen Bruderpartei, jeden ihrer Schritte auf dem schweren Wege bis zur Machteroberung eingehend studieren.

Die folgenden Zeilen sollen anläßlich des zwanzigsten Gedenktages des Dezemberaufstandes diesen Ereignissen gewidmet sein. Sie können nur eine kurze Darstellung sein; die Lehren, die aus diesen Ereignissen von jedem Revolutionär gezogen werden müssen, können nur angedeutet werden.

Die revolutionären Ereignisse von 1905, deren Höhepunkt der Rote Oktober und der bewaffnete Dezemberaufstand bildeten, waren die unmittelbare Folge des Russisch-Japanischen Krieges im Jahre 1905. Der Krieg wurde zu einem Faktor, der das russische Proletariat in schnellem Tempo revolutionierte und es so der Revolution näherbrachte. Die Unzufriedenheit des Landes, die dumpfe Erregung in der Arbeiterschaft entluden sich zum ersten Male in den Streikkämpfen des 22. Januar, in denen sich zeigte, daß die parteilose Arbeitermasse über den Kopf der Parteiorganisationen hinweg auf die Straße ging. Das Auftreten der Massen am 22. Januar erschütterte ganz Rußland. Die Arbeiterklasse zeigte, daß sie lebte. Gleichzeitig stellte diese elementare Bewegung für die Bolschewiki die Frage, wie die Partei diese Bewegung der Arbeiter leiten sollte, die den Kampf für ihre Freiheit begannen, aber noch kein Programm hatten und noch nicht klar wußten, was sie wollten.

Immerhin vernichtete der Ausgang der Januarereignisse in der Arbeitermasse den Glauben an die Monarchie. Die Arbeiter, die noch an die Monarchie geglaubt hatten, und der Meinung waren, daß nur die Minister „schlecht“ seien, sahen, daß ihr schlimmster Feind gerade die Monarchie, der Zarismus, war.

Das zweite historische Ereignis des Jahres 1905 war der Oktoberstreik, der Rote Oktober, wie er schon damals von den Bolschewiki bezeichnet wurde. In ganz Rußland kam es zu gewaltigen Streikbewegungen, die am 17.Oktober zu Zugeständnissen der Autokratie und schließlich zur Konstitution führten. Aus den Oktoberkämpfen heraus entstand in den Massen die Idee der Sowjets, der jetzigen Träger des russischen Arbeiter- und Bauernstaates.

Wie sich die Schlußfolgerung aus der Voraussetzung ergibt, so ergab sich aus dem Roten Oktober der Moskauer bewaffnete Dezemberaufstand. Im Mittelpunkt dieses Kampfes, der fast gleichzeitig in 33 Städten entbrannte, stand Moskau. Anderthalb Wochen lang hielt eine kleine Kämpferschar gegen eine Übermacht von Militär stand. Zählten die Revolutionäre, die auf den Barrikaden kämpften, nur nach Hunderten, ihre Hilfstruppen bei der Errichtung der Barrikaden zählten nach Tausenden. Noch größere Massen umgaben die kämpfenden Revolutionäre mit der Atmosphäre der Sympathie, die sich aber nicht bis zur aktiven Unterstützung steigerte.

Der Ausgang des Dezemberaufstandes war bedingt durch die überlegene mechanische Kraft der Reaktion. Er scheiterte nicht an den taktischen Fehlern der Bolschewiki, sondern an den Bajonetten der Armee des Zarismus. Es gibt Niederlagen, die wertvoller sind als mancher Sieg. Der Dezemberaufstand von 1905 endete mit einer solchen Niederlage. Die Erfahrungen dieses Kampfes wie der Kämpfe des Jahres 1905 überhaupt, waren es, die es den Bolschewiki ermöglichten, zwölf Jähre später, im Oktober 1917, das russische Proletariat durch die siegreiche Revolution zur Macht zu führen.

Welches sind die Lehren des Moskauer Aufstandes?

Lenin hat in einem Aufsatz, der am 29. August 1906 im „Proletari” erschien, diese Erfahrungen gezeigt. Zunächst stellt Lenin fest, daß die Hauptform des Dezemberaufstandes der friedliche Streik und die Demonstrationen waren, an denen die Mehrheit der Arbeiter aktiv teilnahm. Im Verlaufe des Kampfes aber zeigte sich, daß der Generalstreik sich als selbständige Hauptform des Kampfes überlebt hat, daß die Bewegung mit unaufhaltsamer Elementargewalt aus diesem engen Rahmen herausgeht und eine höhere Form, den Aufstand, erzeugt. Diese Entwicklung, die einerseits die Basis der aktiv am Kampf Beteiligten verengerte, zwang andererseits die Reaktion, im Widerstand gegen den revolutionären Ansturm bis ans Ende zu gehen. So erbrachte der Dezemberaufstand den Beweis, daß es erforderlich ist, den Massen die Notwendigkeit des vernichtenden Kampfes gegen den Gegner als unmittelbare Aufgabe der Aktion aufzuzeigen.

Die zweite Lehre, die Lenin aus dem Dezemberkampf zog, betrifft den Charakter des Aufstandes, die Art seiner Führung, die Bedingungen, unter denen die Soldaten auf die Seite des Volkes übergehen. Lenin stellt fest, daß die Bolschewiki im Dezember 1905 noch nicht vermochten, ihre Kräfte für einen ebenso aktiven, kühnen, unternehmenden und offensiven Kampf um die schwankenden Truppen auszunützen, wie ihn die Zarenregierung angefangen und durchgeführt hat. Wir haben, so heißt es in dem Aufsatz Lenins, die ideologische „Bearbeitung” der Armee vor-bereitet und werden sie noch energischer vorbereiten. Aber wir werden klägliche Pedanten bleiben, falls wir vergessen, daß im Moment des Aufstandes auch der physische Kampf gegen die Truppen notwendig ist.

Als dritte Lehre stellte Lenin fest, daß der Dezemberaufstand anschaulich einen von den Opportunisten vergessenen Satz von Marx bestätigt hat, daß der Aufstand eine Kunst, und die Hauptregel dieser Kunst die tollkühne, unerschütterliche Offensive ist.

Unmittelbar vor der Machtergreifung des russischen Proletariats im Jahre 1917 hat Lenin erneut in einem Artikel auf Grund der Erfahrungen der Revolution des Jahres 1905 die Voraussetzungen für den Sieg des bewaffneten Aufstandes wie folgt formuliert:

Um erfolgreich zu sein, darf sich der Aufstand nicht auf eine Verschwörung, nicht auf die Partei stützen, sondern muß sich auf die fortgeschrittenste Klasse stützen. Dies zum ersten. Der Aufstand muß sich auf den revolutionären Aufschwung des Volkes stützen. Dies zum zweiten. Der Aufstand muß sich auf einen solchen Wendepunkt in der Geschichte der anwachsenden Revolution stützen, wo die Aktivität der vordersten Reihen des Volkes am größten ist, wo die Schwankungen in den Reihen der Feinde und in den Reihen der schwachen, halben, unentschlossenen Freunde der Revolution am stärksten sind. Dies zum dritten.” [W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, S. 132/133. Die Red.]

Das entscheidende Problem aber, daß durch die Revolution des Jahres 1905 den Bolschewiki gestellt wurde und das Lenin sofort mit aller Schärfe aufgriff, war die Rolle der Bauernschaft in der Revolution, das Bündnis zwischen Industrieproletariat und Bauernschaft. Die russische Bauernschaft stellte unter dem Zarismus das Hauptkontingent für die zaristische Armee und damit für die Niederhaltung der proletarischen Revolution. Die ungeheure Notlage der russischen Bauern, ihre skrupellose Ausbeutung durch den Großgrundbesitz stellten auch damals schon auf dem Lande die Revolution auf die Tagesordnung. Während des Roten Oktobers flammten bereits in mehreren Landorten kleine Streikbewegungen auf, die aber schnell wieder zusammenbrachen. Lenin schlußfolgerte, daß die siegreiche proletarische Revolution ohne ein Bündnis zwischen Industrieproletariat und Bauernschaft unmöglich sei, und stellte nach dem Dezemberaufstand der Partei verstärkt die Losung: Bündnis mit der Bauernschaft!

Die russische Revolution im Jahre 1917 konnte nur dadurch siegreich durchgeführt werden, daß sich große Schichten der russischen Bauernschaft aktiv auf die Seite des revolutionären Industrieproletariats stellten. So wurden die russischen Bauern unter der Führung des Industrieproletariats ebenfalls Träger der siegreichen proletarischen Revolution.

Die Ereignisse des Jahres 1905 waren ein gewaltiges Vorspiel zu dem revolutionären Sieg des Jahres 1917, der mit der Errichtung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates seine Krönung fand.

Die Kommunistische Partei Deutschlands muß die Geschichte der russischen Revolution in all ihren Epochen und Kämpfen studieren und sich die Erfahrungen der Bolschewiki zu eigen machen. Die Partei muß lernen, den Weg der russischen Bruderpartei zu gehen, den Weg, der über Niederlagen zum endgültigen Siege, zur siegreichen proletarischen Revolution führt.

Die Rote Fahne”

vom 20. Dezember 1925.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Karl Liebknecht

Der Kampf im Ruhrrevier und die Revolution in Russland 

12. Februar 1905

 

 

Die Revolution in Russland

 

Januar 1905

 

 

 

Nach dem ersten Akt

 

(russische Revolution 1905)

Januar 1905

 

 

Die Revolution in Russland (2) 

Januar 1905

 

 

Das Problem der "hundert Völker"

(über die russische Revolution 1905) - Januar 1905

 

 

 

Die Revolution in Russland (3) 

Februar 1905

 

 

 

 

Terror

(über die russische Revolution 1905)  - Februar 1905

 

 

 

Der Bittgang des Proletariats

(über die russische Revolution 1905) 

Februar 1905

 

 

 

Eine Probe aufs Exempel

(über die russische Revolution 1905) 

März 1905

 

 

 

 

Im Feuerscheine der Revolution

(über die russische Revolution 1905) 

April1905

 

 

 

 

In revolutionärer Stunde:

Was weiter?

(über die russische Revolution 1905) 

April - Mai 1905

 

 

 

Die kommenden Männer in Russland

(über die russische Revolution 1905) 

Juni 1905

 

 

Russische Parteistreitigkeiten

(über die russische Revolution 1905) 

Juni 1905

Rosa Luxemburg-Gesammelte Werke

1893-1905

Band 1 (Zweiter Halbband), Seite 592 - 594

 

* * *

"In all den Fragen, in denen Rosa Luxemburg eine andere Auffassung als Lenin vertrat, war ihre Meinung irrig, so daß die ganze Gruppe der deutschen Linksradikalen in der Vorkriegs- und Kriegszeit sehr erheblich an Klarheit und revolutionärer Festigkeit hinter den Bolschewiki zurückblieb. Rosa Luxemburgs Fehler in der Akkumulationstheorie, in der Bauernfrage, in der nationalen Frage, in der Frage des Problems der Revolution, in der Frage der proletarischen Diktatur, in der Organisationsfrage, in der Frage der Rolle der Partei bzw. der Spontaneität der Massen - das alles ergibt ein System von Fehlern, die Rosa Luxemburg nicht zur vollen Klarheit eines Lenin aufsteigen ließen."

(Ernst Thälmann - 19. Februar 1932 - Zur Frage des Luxemburgismus) 

 

 

Rede über die erste russische Revolution und die deutsche Arbeiterbewegung

(Parteitag der Sozialdemokratie 1905 in Jena) 

September 1905

 

 

 

 

 

Die Lösung der Frage

(über die russische Revolution 1905) 

November 1905

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eternal glory to The Potemkin.

 

Eisenstein - Video - Russische Revolution 1905

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VIDEOS

Die Erste Revolution von 1905

(Video)

 

Heroisches Presnya .1905

(Video - Historical and Memorial Museum "Presnya".)

 

Die erste Revolution of 1905

(pictures - video)

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Blutiger Sonntag - Januar 9, 1905

(pictures - video)

 

 

 

 

WOLFGANG EGGERS

Die Lehren des

Aufstandes 1905 in

Russland

geschrieben 6. 3. 2005

Auszug aus dem Lehrbuch

Über die marxistisch-leninistischen Grundlagen der

weltproletarischen Militärwissenschaft

und der Kunst der

weltrevolutionären Klassenkriegsführung


 


Über die Frage des Aufstandes muss man ernsthaft, ohne liberales Gekicher sprechen, wie Lenin sich einmal ausdrückte.

Einer offenen Behandlung der Frage des Aufstandes auszuweichen – das ist von jeher und stets das Bestreben unserer Opportunisten gewesen“ (Lenin, Band 11, Seite 147).

Der Aufstand

Der Marxismus-Leninismus untersucht die Frage des Aufstandes methodisch mit Hilfe des dialektischen und historischen Materialismus. Er analysiert die Bedingungen des wirklichen Aufstandes, wie er geführt wurde und geführt wird. Wer nimmt den Aufstand in Angriff und wer vollzieht ihn? Die marxistisch-leninistische Methode verlangt festzustellen, welche Interessen welcher Klassen den Umsturz erfordern, welche materiellen Bedingungen den revolutionären Aufstand hervorrufen, welche Zusammenhänge und Beziehungen zwischen dem „zu Stürzenden“ und den „Stürzenden“ bestehen. Man darf das ABC des Marxismus-Leninismus nicht vergessen und muss zuallererst auf Grund der tatsächlich vorhandenen revolutionären Bewegung festzustellen versuchen, welche Klassen durch den Gang der revolutionären Bewegung selbst, häufig unabhängig von ihrem „Bewusstsein“ gezwungen werden, die Machtinstitutionen zu stürzen, die ihnen im Wege stehen. Die Geschichte der Aufstände in allen Ländern der Welt enthält genügend Beispiele wie dort die Machtinstitutionen gestürzt wurden und die uns also verallgemeinernd dabei hilft, über den weltrevolutionären, völligen Sturz der zentralen Macht des Weltimperialismus nachzudenken und die richtigen Schlussfolgerungen und Lehren zu ziehen. Die marxistisch-leninistische militärische Wissenschaft beschäftigt sich also mit den militärischen Gesetzen internationaler Aufstände.

Lenin lehrte: Es ist einer Arbeiterpartei unwürdig, mit dem Aufstand zu spielen“; „Zum Aufstand aufzurufen, ohne sich militärisch ernsthaft auf ihn vorzubereiten, ohne an ihn zu glauben, wäre ein unwürdiges Spiel mit dem Aufstand“ (Lenin, Band 10, Seite 134 und 135).

Vorzeitige Aufstandsversuche wären der Gipfel der Unvernunft. Die proletarische Avantgarde muss begreifen, dass die grundlegenden Voraussetzungen für einen reichtzeitigen – d.h. siegreichen – bewaffneten Aufstand in Russland die Unterstützung der Arbeiterklasse durch die demokratische Bauernschaft und die aktive Beteiligung der Armee sind. (...) Ohne eine illegale Partei lässt sich diese Arbeit nicht durchführen und hat es gar keinen Zweck darüber zu sprechen. (...) Das Anwachsen der Massenstreiks, die Einbeziehung anderer Klassen in den Kampf, der Zustand der Organisationen, die Stimmung der Massen – all das wird von selbst den Moment zeigen, da sich alle Kräfte im einmütigen, entschlossenen, offensiven, rückhaltlos kühnen Vorstoß der Revolution gegen die Zarenmonarchie werden vereinigen müssen. Ohne siegreiche Revolution wird es in Russland keine Freiheit geben. Ohne Sturz der Zarenmonarchie durch den Aufstand des Proletariats und der Bauernschaft wird es in Russland keine siegreiche Revolution geben“ (Lenin, Band 18, Seite 98/99).

Aufstand – das ist ein sehr großes Wort. Die Aufforderung zum Aufstand ist eine äußerst ernste Aufforderung. Je komplizierter die Gesellschaftsordnung wird, je höher die Organisation der Staatsmacht und je vollkommener die Militärtechnik ist, desto unzulässiger ist es, eine solche Losung leichtsinnig auszugeben. Und wir haben mehr als einmal gesagt, dass die revolutionären Sozialdemokraten die Aufstellung dieser Losung seit langem vorbereitet, sie aber als direkte Aufforderung erst dann ausgegeben haben, als es keinen Zweifel mehr geben konnte über den Ernst, die Breite und die Tiefe der revolutionären Bewegung, keinen Zweifel darüber, dass die Dinge im wahren Sinne dieses Wortes ihrer Entscheidung zutreiben. Mit großen Worten muss man behutsam umgehen. Die Schwierigkeiten, sie in große Taten umzusetzen, sind kolossal. Doch eben deshalb wäre es unverzeihlich, wollte man über die Schwierigkeiten mit Phrasen hinweggehen (...)“ (Lenin, Band 9, Seite 366). „Diese Losung darf nicht ausgegeben werden, solange die allgemeinen Bedingungen des Umsturzes nicht herangereift sind, solange die Erregung und die Bereitschaft der Massen zur Tat nicht klar zu Tage getreten sind und solange die äußeren Umstände nicht zu einer offenkundigen Krise geführt haben. Ist aber eine solche Losung erst einmal aufgestellt, so wäre es geradezu schmählich, vor ihr wieder zurückzuschrecken und sich wieder mit der moralischen Kraft, mit einer der Bedingungen, die dem Aufstand den Boden bereiten, mit einem der `möglichen Übergänge`[Lenin meint hier die friedlichen, opportunistischen Übergänge – Anmerkung des Verfassers] usw.usf. zu begnügen. Nein, sind die Würfel einmal gefallen, so muss man alle Ausflüchte beiseite lassen, so muss man den breitesten Massen direkt und offen erklären, welches jetzt die praktischen Bedingungen des erfolgreichen Umsturzes sind“ (Lenin, Band 9, Seite 367-368).

Lenin definiert den Aufstand ( u.a.) als die energischste, die einheitlichste und zweckmäßigste `Antwort` des gesamten Volkes an die Regierung“ (Lenin, Band 5, Seite 537)... „im Augenblick der größten Kopflosigkeit der Regierung, im Augenblick der größten Erregung des Volkes“ (Lenin, Band 8, Seite 11). Lenin bezeichnete den bewaffneten Aufstandals die von der Bewegung erreichte höchste Form des Kampfes“ (Lenin, Band 10, Seite 135). Lenin definierte die Formen des Aufstandes als besondere Formen der Revolution (siehe Lenin, Band 11, Seite 342). Ferner:Aufstand ist Bürgerkrieg, ein Krieg aber erfordert eine Armee“ (Lenin, Band 9, Seite 214). „Die Losung des Aufstandes bedeutet, dass die Frage durch die materielle Kraft entschieden wird (...) nur die militärische Kraft“ (Lenin, Band 9, Seite 367). Welche Kräfte sind es aber, die zusammen die revolutionäre Armee bilden? Lenin zählte auf, woraus 1905 die militärischen Kräfte des Volkes bestanden:

1. aus dem bewaffneten Proletariat und der bewaffneten Bauernschaft, 2. aus den organisierten Vortrupps der Vertreter dieser Klassen, 3. aus den Truppenteilen, die bereit sind, auf die Seite des Volkes überzugehen. Das alles macht zusammen die revolutionäre Armee aus“ (Lenin, Band 9, Seite 365). Hier haben wir also die klassische marxistisch-leninistische Definition der Zusammensetzung der revolutionären Armee: Hammer, Sichel und Gewehr!!! Und davon lassen sich heute noch die marxistisch-leninistischen Parteien, die Kommunistische Internationale leiten, das ist in allen wichtigen Dokumenten ausgedrückt und hundertfach wiederholt worden: Wir können und dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es schließlich gelingen wird, die drei einzelnen Ströme von Aufständen – der Arbeiter, der Bauern und des Militärs – zum einheitlichen siegreichen Aufstand zusammenfließen zu lassen“ (Lenin, Band 10, Seite 106).

Der Aufstand pocht an die Tore, wenn die Revolution bereits herangereift ist, wenn die Offensive mit Volldampf eingesetzt hat und die Heranziehung der Reserven an die Avantgarde die entscheidende Bedingung für den Erfolg ist (Stalin, Band 6, Seite 138). Der Aufstand tritt in Erscheinung auf einer hohen Stufe der Entwicklung der Revolution, wenn die Stärke der revolutionären Kräfte einen solchen Höhepunkt erreicht haben, dass sie sich gewaltsam entladen müssen. Alle bisherigen Kampfformen, wie die wachsende Zahl und Größe von Massendemonstrationen in immer kürzeren Abständen und schließlich in Steigerung ihrer unmittelbaren Aufeinanderfolgen, ökonomische und politische Massenstreiks, Überschreitungen der Legalität, Zusammenstöße mit der Konterrevolution im ganzen Land ( Konzentration auf den Höhepunkt, Sammlung der Kräfte, ohne sich vorher schon von den Provokationen der Konterrevolution aufreiben zu lassen, Festsetzen von Teilaufständen, Herausbildung eines aufständischen Zentrums, Aufstand wächst in die Tiefe und in die Breite; einzelne Ausbrüche fügen sich zu dem Bild einer auflodernden Feuersbrunst zusammen!) , Generalstreik usw. usf. kulminieren, erhitzen sich, verschmelzen ineinander, um in ihren höchsten Aggregatzustand der Revolution, in den bewaffneten Volksaufstand direkt überzugehen und damit in eine qualitativ neue, auf dem Spitzpunkt des Klassenkampfes sprungartig umzuschlagen von einer Kraft, die sich schon nicht mehr ausschließlich auf das Abschütteln des unerträglich gewordenen Jochs, auf die Befreiungsbewegung von den alten Fesseln der Lohnsklaverei und des Massenelends, in eine Kraft, die sich im selben Moment ganz von selbst auf die Tagesordnung stellt: die neuen revolutionären Macht der Diktatur des Proletariats. Ob dieses Macht nun siegen oder wieder fallen wird, ist eine andere Frage, die von vielen Bedingungen abhängt. Entscheidend aber wird auf jeden Fall sein, wie das Proletariat seine Macht organisiert, worauf es sich stützt, wie es seine Macht festigt, inwieweit es sich eine Atempause gönnen kann, um seine enorm verausgabten Kräfte wieder zu reaktivieren und wie weit es auf der anderen Seite dem Gegener gelingt oder nicht gelingt, den Aufstand durch Sammlung und Konzentrierung seiner Kräfte und Reserven wieder niederzuschlagen. Das Schicksal der Weltgeschichte hängt in solchen dramtischen Situationen für den Bruchteil einer Sekunde sozusagen wie ein Zünglein an der Waage.

Niemand kann sich unbedingt verbürgen, dass er [Lenin meint hier den unvorbereiteten, spontanen, zersplitterten Aufstand – Anmerkung des Verfassers] bis zum umfassenden und einheitlichen bewaffneten Volksaufstand voranschreiten wird, denn das hängt sowohl vom Zustand der revolutionären Kräfte ab ( die man nur im Kampfe selbst ganz ermessen kann) als auch von der Haltung der Regierung und der Bourgeoisie sowie von einer Reihe anderer Umstände, die nicht genau errechnet werden können“ (Lenin, Band 9, Seite 57). Und Lenin betonte ferner,dass sich der revolutionäre Augenblick von den gewöhnlichen, alltäglichen, vorbereitenden historischen Zeitabschnitten eben dadurch unterscheidet, dass die Stimmung, die Erregung, die Überzeugung der Massen in der Aktion in Erscheinung treten müssen und tatsächlich in Erscheinung treten. Der vulgäre Revolutionarismus versteht nicht, dass auch das Wort eine Tat ist; dieser Grundsatz ist unbestreitbar in seiner Anwendung auf die Geschichte überhaupt oder auf jene Epochen der Geschichte, wenn es keine offene politische Aktion der Massen gibt, die ja durch keinerlei Putsch ersetzt oder künstlich hervorgerufen werden kann. Die Revolutionäre der Nachtrabpolitik verstehen nicht, dass zu einer Zeit, da der revolutionäre Augenblick angebrochen ist, da der alte `Überbau` in allen Fugen kracht, da die offene politische Aktion der Klassen und Massen, die sich einen neuen Überbau schaffen, zur Tatsache geworden ist, da der Bürgerkrieg begonnen hat – dass es dann Lebensfremdheit, Todesstarre, Räsoniererei oder aber Verrat an der Revolution und Fahnenflucht ist, wenn man sich wie in alter Zeit auf das `Wort` beschränkt, ohne die direkte Losung des Übergangs zur `Tat` auszugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 58-59).

Der dialektische Prozess der Entwicklung bringt wirklich schon im Schoße des Kapitalismus Elemente der neuen Gesellschaft hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente“ (Lenin, Band 9, Seite 370). Genauso bringt umgekehrt die sozialistische Gesellschaft in ihrem Schoß Elemente der alten Gesellschaft, kapitalistisch-revisionistische Elemente hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente. Heute müssen wir Marxisten-Leninisten es verstehen, die Stückchen vom Ganzen zu unterscheiden, müssen das Ganze und nicht das Stückchen als Losung aufstellen. So ist auchDas ist auch auf den Sozialismus in einem Land

Zu unterstreichen ist das historische Moment der äußersten Zuspitzung des Kampfes bestimmter Klassen als Voraussetzung des Aufstandes. Hervorzuheben ist dabei der Charakter des bewaffneten Aufstandes als eine besondere Art der Massenbewegung, als besondere Art des proletarischen Klassenkampfes. Zu untersuchen ist ferner die Rolle der einzelnen Klassen, die Abhängigkeit der Bewegung in den Truppenverbänden von dem sozialen Kräfteverhältnis, die Unabtrennbarkeit der politischen Seite des Aufstandes von seiner militärischen, die Bedeutung breiter Organisationen der Volksmassen als Voraussetzung für eine provisorische revolutionäre Regierung, die aus dem Aufstand unmittelbar hervorgehen wird. In der vom III. Parteitag der SDAPR verabschiedeten Resolution heißt es: d) den bewaffneten Widerstand gegen die Aktionen der Schwarzhunderter und überhaupt aller von der Regierung angeleiteten reaktionären Elemente zu organisieren“ (Zitat bei Lenin, Band 9, Seite 23). Sobald die ersten Kampfhandlungen eines Aufstandes beginnen, wird der Mangel der militärischen Organisationen immer stärker und stärker fühlbar, werden Sünden von Handwerkelei und schlechter systematischer Vorbereitung dieser Kampfhandlungen durch die Konterrevolution - nach kürzester Zeit eines Überraschungseffekts – grausam bestraft. Solange die Kräfte für den bewaffneten Aufstand und seinen Sieg noch nicht ausreichen, ust es lächerlich, von einer revolutionären Selbstverwaltung des Volkes zu sprechen. Diese ist nicht der Prolog, sondern der Epilog des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 191). „Ist der Aufstand möglich und notwendig, so bedeutet das, dass die Regierung `das Bajonett auf die Tagesordnung gesetzt`, den Bürgerkrieg eröffnet und den Belagerungszutsand als Antikritik der demokratischen Kritik in Feld geführt hat“ (Lenin, Band 9, Seite 269). „Nur in dem Maße, wie der Aufstand siegreich und sein Sieg eine entscheidende Niederlage des Feindes sein wird – nur in dem Maße wird auch die Versammlung der Volksvertreter nicht nur auf dem Papier vom ganzen Volk gewählt und nicht nur in Worten kostituierend sein“ (Lenin, Band 9, Seite 465).

Der Aufstand erzeugt die direkte Gegenüberstellung der mobilisierten Revolution gegenüber der mobilisierten Konterrevolution, und es werden nach dem Aufstand auf beiden Seiten breitere Elemente mobilisiert. Meistens verlaufen die Folgen des Aufstandes, egal ob Niederlage oder Sieg, blutiger und mit viel größeren Opfern als während des Aufstands selbst. In der Oktoberrevolution 1917 beispielsweise fiel kein Schuss, aber in dem aus ihr hervorgegangenen und ihr folgenden Bürgerkrieg = 3 Millionen Tote. Weitere 5 Millionen starben durch die Folgen der wirtschaftlichen Zerrüttung.

Die Erfahrungen der Niederlagen in den hunderten von Arbeiteraufständen sind nicht umsonst gemacht worden, und das Arbeiterblut ist nicht umsonst geflossen:



Die Lehren des Aufstandes 1905 in Russland



Lenin fasste diese Lehren in seinem Artikel Die Lehren des Moskauer Aufstands“ zusammen. (nachzulesen im Band 11, Seite 157 – 165). Dieser Artikel wird hier dringend als wichtiger Schulungstext empfohlen. Im Augenblick beschränken wir uns auf knappe Zitate und AuszügeIn aus Lenins Text :

Die Hauptformen der Dezemberbewegung in Moskau waren der friedliche Streik und die Demonstration. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitermassen beteiligte sich aktiv nur an diesen Kampfformen. Und doch hat gerade die Moskauer Dezemberaktion anschaulich gezeigt, dass sich der Generalstreik als selbständige und haiptsächliche Kampfform überlebt hat, dass die Bewegung mit elementarer, unwiderstehlicher Gewalt diesen engen Rahmen durchbricht und eine höhere Kampfform, den Aufstand gebiert.

Als die revolutionären Parteien und die Gewerkschaften in Moskau den Streik proklamierten, haben sie alle erkannt, ja gefühlt, dass es unvermeidlich in den Aufstand umschlagen müsse. Am 6. Dezember beschloss der Sowjet der Arbneiterdeputierten, `die Überleitung des Streiks in den bewaffneten Aufstand anzustreben`. In Wirklichkeit aber war keine Organisation hierauf vorbereitet, sogar der Kolitionsrat der Kampfgruppen sprach (am 9. Dezember!) vom Aufstand als von etwas weit Entferntem, und zweifellos brach der Straßenkampf über seinen Kopf hinweg aus und verlief ohne seine Beteiligung. Die Organisationen blieben hinter dem Anwachsen und dem Schwung der Bewegung zurück.

Der Streik wuchs in den Aufstand hinüber, vor allem unter dem Druck der objektiven Verhältnisse, wie sie sich nach dem Oktober gestaltet hatten. Es war schon nicht mehr möglich, die Regierung durch einen Generalstreik zu überrumpeln, sie hatte bereits die Konterrevolution organisiert, die zu militärischen Aktionen gerüstet war.

Vom Streik und von Demonstrationen zu einzelnen Barrikaden, von einzelnen Barrikaden zu massenweiser Errichtung von Barrikaden und zum Straßenkampf mit den Truppen.

Vom politischen Massenstreik wurde die Bewegung auf eine höhere Stufe gehoben. Sie zwang die Reaktion, in ihrem Widerstand bis zum Letzten zu gehen,, und brachte dadurch mit Riesenschritten den Augenblick nahe, in dem die Revolution im Begrauch der Angriffsmittel ebenfalls bis zum Letzten gehen wird. Die Reaktion kann nicht weiter gehen als bis zum Artilleriebeschuss von Barrikaden, Häusern und der menschenmenge auf den Straßen. Die Revolution kann noch weiter gehen als bis zum Kampf der Moskauer Kampfgruppen, sie kann noch viel, viel weiter gehen, in die Breite und in die Tiefe. Und die Revolution ist seit dem Dezember weit vorangeschritten. Die Basis der revolutionären Krise ist unermesslich breiter geworden – die Schneide ihrer Waffe muss jetzt viel schärfer sein.

Den Wechsel in den objektiven Bedingungen des Kampfes, der den Übergang vom Streik zum Aufstand erforderte, hat das Proletariat früher als seine Führer gefühlt. Die Praxis ist, wie stets, der Theorie vorangegangen. Der friedliche Streik und die Demonstrationen hörten mit einem Schlage auf, den Arbeitern zu genügen; sie fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Die Anweisung zum Barrikadenbau traf in den Stadtteilen mit riesiger Verspätung ein, zu einer Zeit, als im Zentrum schon Barrikaden errichtet wurden. Die Arbeiter gingen in Massen ans Werk, gaben sich aber auch damit nicht zufrieden, fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Wir, die Führer des sozialdemokratischen Proletariats, glichen im Dezember dem Heerführer, der seine Regimenter so unsinnig aufgestellt hat, dass der größte Teil seiner Truppen nicht aktiv an der Schlacht teilnimmt. Die Arbeitermassen suchten vergeblich Anweisungen für aktive Massenaktionen.

Den Massen die Notwendigkeit eines erbitterten, blutigen, vernichtenden Krieges als unmittelbare Aufgabe der bevorstehenden Aktion verhehlen heißt sich selbst und das Volk betrügen. Das ist die erste Lehre der Dezemberereignisse

Die zweite Lehre betrifft den Charakter des Aufstands, die Art, wie er durchgeführt wurde, die Bedingungen für den Übergang der Truppen auf die Seite des Volkes [alles unterstrichen vom Verfasser].

Es versteht sich von selbst, dass von einem ernsten Kampf keine Rede sein kann, solange die Revolution nicht zu einer Massenbewegung geworden ist und nicht auch die Truppen erfasst hat. Selbstverständlich ist die Arbeit unter den Truppen notwendig. Aber man darf sich diesen Übergang der truppen nicht als einfachen, einmaligen Akt vorstellen, der das ergebnis einerseits der Überzeugung und andererseits des bewusstseins ist. Der Moskauer Aufstand zeigt uns anschaulich, wie schablonenhaft und lebensfremd eine solche Auffassung ist. In der Praxis führt das Schwanken der Truppen, dass jede wirkliche Volksbewegung zwangsläufig mit sich bringt, bei Verschärfung des revolutionären Kampfes im wahsten Sinne des Wortes zum Kampf um das Heer. Der Moskauer Aufstand zeigt uns gerade das Bild eines äußerst erbitterten, verzweifelten Kampfes der Reaktion und der Revolution um das Heer. Dubassow selbst erklärte, dass von den 15 000 Mann der Moskauer Truppen nur 5 000 zuverlässig seien. Die Regierung suchte die Schwankenden durch die mannigfachsten, verzweifeltsten Mittel zurückzuhalten: Man suchte sie zu überzeugen, schmeichelte ihnen, bestach sie durch Verteilung von Uhren, von Geld usw., man sparte nicht mit Schnaps, man suchte sie zu betrügen, einzuschüchtern, sperrte sie in die Kasernen ein, entwaffnete sie, griff mit Hilfe von Verrat und Gewalt Soldaten heraus, die man für besonders unzuverlässig hielt. Und man muss den Mut haben, geradeheraus und offen zuzugeben, dass wir in dieser Beziehung hinter der Regierung zurückgeblieben sind. Wir haben es nicht verstanden, die Kräfte, über die wir verfügten, für einen ebensolchen aktiven, kühnen, mit Initiative und offensiv geführten Kampf um das schwankende Heer zu nutzen, wie ihn die Regierung begann und erfolgreich zu Ende führte. Wir haben mit der geistigen `Bearbeitung` der Truppen begonnen und werden sie noch beharrlicher betreiben. Aber wir werden traurige Pedanten sein, wenn wir vergessen, dass im Augenblick des Aufstands auch ein physischer Kampf um die Truppen erforderlich ist. (...) Malachow ließ die Soldaten von Dragonern umzingeln, wir aber umzingelten die Malachows nicht durch Bombisten. Wir konnten das und hätten das tun müssen.

Der Dezember hat einen weiteren tiefgründigen und von den Opportunisten vergessenen Satz von Marx anschaulich bestätigt, dass nämlich der Aufstand eine Kunst und dass die Hauptregel dieser Kunst die mit verwegener Kühnheut und größter Entschlossenheit geführte Offensive ist. Wir haben uns diese Wahrheit nicht genügend zu eigen gemacht. Wir haben diese Kunst, diese Regel der Offensive um jeden Preis selbst nicht genügend gelernt und die Massen darin nicht genügend unterrichtet. Wir müssen jetzt mit aller Energie das Versäumte nachholen. Es genügt nicht, die Menschen nach ihrem Verhältnis zu politischen Losungen zu gruppieren, darüber hinaus ist es erforderlich, sie nach ihrer Einstellung zum bewaffneten Aufstand zu gruppieren. Wer gegen ihn ist, wer sich nicht auf ihn vorbereitet, den muss man rücksichtslos aus der Zahl der Anhänger der Revolution streichen und zu ihren Gegnern, zu den Verrätern oder Feiglingen rechnen, denn es naht der Tag, an dem der Gang der Ereignisse, die Situation des Kampfes uns zwingen wird, Feinde und Freunde nach diesem Merkmal voneinander zu scheiden. Nicht Passivität müssen wir propagieren, nicht ein einfaches `Draufwarten`, dass die Truppen `übergehen` - nein, wir müssen die Trommel rühren und weit und breit verkünden, dass es notwendig ist, kühn und mit der Waffe in der Hand anzugreifen, dass es notwendig ist, hierbei die militärischen Führer zu vernichten und den allertatkräftigsten Kampf um die schwankenden Truppen zu führen.

Die dritte große Lehre, die uns Moskau erteilt hat, betrifft die Taktik und die Organisation der Kräfte für den Aufstand. Die militärische Taktik hängt von dem Niveau der militärischen Technik ab [unterstrichen vom Verfasser] diese Tatsache hat Engels [ Anti-Dühring zum Beispiel – Anmerkung des Verfassers] wiederholt erläutert und den Marxisten eingehämmert. Die militärische Technik ist jetzt eine andere als in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gegen die Artillerie scharenweise vorzugehen und mit Revolvern die Barrikaden zu verteidigen wäre eine Dummheit. Und Kautsky hatte Recht, als er schrieb, dass es nach dem Moskauer Aufstand an der Zeit sei, Engels` Schlussfolgerung zu überprüfen, und dass Moskau eine `neue Barrikadentaktik` geschaffen habe. Diese Taktik war die Taktik des Partisanenkrieges [hervorgehoben vom Verfasser]. Die Organisation, die durch eine solche Taktik bedingt wurde, war die leicht bewegliche und außerordentlich kleine Abteilung: Zehnergruppen, Dreiergruppen, ja sogar Zweiergruppen.

Moskau hat diese Taktik hervorgebracht, aber noch lange nicht genug entwickelt, bei weitem nich nicht wirklich zur Taktik der breiten Massen gemacht. Es gab wenig Kampfgruppen, die Losung verwegener Überfälle wurde nicht in die Arbeitermasse getragen und von ihr nicht verwirklicht, die Partisanenabteilungen waren ihrem Charakter nach allzu gleichartig, ihre Waffen und ihre Kampfmethode unzulänglich, ihre Fähigkeiten, die Massen zu führen, nur wenig ausgebildet. Wir müssen das alles nachholen und werden es nachholen, indem wir die Lehren des Moskauer Aufstandes auswerten, indem wir diese Lehren unter den Massen verbreiten und die schöpferische Kraft der Massen selbst wecken, um diese Lehren weiter zu entwickeln. Der Partisanenkrieg, der Massenterror, der jetzt nach dem Dezember überall in Russland fast pausenlos ausgeübt wird, wird zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick des Aufstandes die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muss diesen Massenterror billigen und zum Bestandteil ihrer Taktik machen, dabei muss sie ihn natürlich organisieren und kontrollieren, den Interessen und Bedingungen der Arbeiterbewegung und des allgemeinen revolutionären Kampfes unterordnen und rücksichtlos die `lumpenproletarischen` Verzerrungen dieses Partisanenkrieges beseitigen und ausmerzen, mit denen die Moskauer in den Tagen des Aufstands und die Letten in den Tagen der vielgenannten lettischen Republiken so prächtig und rücksichtslos aufgeräumt haben.

In der allerletzten Zeit macht die militärische Technik wiederum neue Fortschritte. Der japanische Krieg hat die handgranate eingeführt. Die Gewehrfabriken haben das Schnellladegewehr auf den Markt geworfen. Beide werden in der russischen Revolution zwar schon erfolgreich angewandt, aber bei weitem nich nicht in genügendem Maße. Wir können und müssen uns technische Vervollkommnungen zu Nutze machen, müssen die Arbeiterabteilungen lehren, Bomben in Massen herzustellen, müssen ihnen und unseren Kampfgruppen helfen, sich Vorräte an Sprengstoffen, Zündern und Selbstladegewehren zu besorgen. Wenn sich die Arbeitermassen am Aufstand in der Stadt beteiligen, wenn sich die Massen auf den Feind stürzen, wenn der Kampf um die Truppen, die nach der Duma, nach Sveaborg und Kronstadt noch mehr schwanken, entschlossen und geschickt geführt wird und die Teilnahme des Dorfes am gemeinsamen Kampf gesichert ist, dann werden wir im nächsten bewaffneten Aufstand, der ganz Russland ergreifen wird, den Sieg davontragen!“

Soweit die Lehren aus dem Moskauer Aufstand. Lange bevor wurden hierzu Beschlüsse vom III. Parteitag der SDAPR gefasst. In der Resolution des III. Parteitags der SDAPR heißt es beispielsweise über den Aufstand:

In Erwägung,

1. dass das Proletariat, das seiner Lage nach die fortgeschrittenste und einzige konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen ist, die Führung in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Russlands zu verwirklichen;

2. dass diese Bewegung gegenwärtig bereits zur Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes geführt hat;

3. dass sich das Proletariat unvermeidlich auf das tatkräftigste an diesem Aufstand beteiligen und dass diese Beteiligung das Schicksal der Revolution in Russland entscheiden wird;

4. dass das Proletariat die Führung in dieser Revolution nur verwirklichen kann, wenn es zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft unter dem Banner der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengeschlossen ist, die seinen Kampf nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch leitet;

5. dass nur die Verwirklichung dieser Führung dem Proletariat die günstigsten Bedingungen für den Kampf um den Sozialismus gegen die besitzenden Klassen des bürgerlich-demokratischen Russlands sichern kann-

erkennt der III. Parteitag der SDAPR an, dass die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren, eine der wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben der Partei im gegenwärtigen revolutionären Zeitpunkt ist. Der Parteitag beauftragt daher alle Parteiorganisationen:

a) dem Proletariat durch Propaganda und Agitation nicht nur die politische Bedeutung, sondern auch die praktisch-organisatorische Seite des bevorstehenden Aufstands klarzumachen;

b) bei dieser Propaganda und Agitation die Rolle der politischen Massenstreiks zu erläutern, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstands große Bedeutung haben können;

c) die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats sowie zur Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands und der unmittelbaren Leitung des Aufstands zu ergreifen und soweit erforderlich, zu diesem Zweck besondere Gruppen aus Parteifunktionären zu bilden“ (zitiert von Lenin in Band 9, Seite 61-62).

Wenn man sich auf den Aufstand vorbereiten muss, so gehört zu dieser Vorbereitung notwendigerweise auch die Verbreitung und Erläuterung der Losungen: bewaffneter Volksaufstand, revolutionäre Armee, provisorische revolutionäre Regierung. Wir müssen sowohl selbst die neuen Kampfmethoden, ihre Bedingungen, ihre Formen, ihre Gefahren, ihre praktische Durchführung usw. studieren als auch die Massen darüber aufklären“ (Lenin, Band 9, Seite 245).

Die These `Wir sind einstweilen nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen` ist falsch. Die Ereignisse auf dem `Potjomkin` haben vielmehr gezeigt, dass wir nicht imstande sind, verfrühte Ausbrüche des in Vorbereitung befindlichen Aufstands zu verhindern. Die Matrosen des `Pozjomlin waren weniger vorbereitet als die Matrosen anderer Schiffe, und der Aufstand war daher weniger umfassend, als er hätte sein können. Was folgt daraus? Dass es zur Aufgabe der Vorbereitung eines Aufstandes gehört, verfrühte Ausbrüche eines in Vorbereitung befindlichen oder schon fast vorbereiteten Aufstands zu verhindern. Dass der elementar anwachsende Aufstand unsere bewusste und planmäßige Arbeit seiner Vorbereitung überholt(Lenin, Band 9, Seite 245-246).

Theoretische Diskussionen über die Notwendigkeit des Aufstandes können und müssen geführt, taktische Resolutionen in dieser Frage sollen sorgfältig durchdacht und ausgearbeitet werden, aber bei alledem darf man nicht vergessen, dass der elementare Gang der Ereignisse sich ohne jede Rücksicht auf Weisheitskrämereien machtvoll Bahn bricht. Man darf nicht vergessen, dass sich die Entwicklung aller jener großen Widersprüche, die sich jahrhundertelang im russischen Leben angehäuft haben, mit unerbittlicher Gewalt vollzieht, dass sie die Volksmassen auf den Plan ruft und die toten, leblosen Lehren vom friedlichen Fortschritt auf den Kehrrichthaufen wirft (...) „Tote Doktrinen bleiben stets hinter dem stürmischen Strom der Revolution zurück, der die grundlegenden Erfordernisse des Lebens, die tiefsten Interessen der Volksmassen zum Ausdruck bringt (...) Eine schlechte Doktrin wurd durch eine gute Revolution glänzend korrigiert(Lenin, Band 9, Seite 196). „Wer für den Aufstand ist, mit dem wird das Proletariat `vereint schlagen`, wenn auch `getrennt marschieren` ; wer gegen den Aufstand ist, den werden wir schonungslos bekämpfen“ (Lenin, Band 10, Seite 136).

Was die Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands anbelangt und wie die Leitung des Kampfes konkret auszusehen hat, beschrieb Lenin sehr eindringlich - weit entfernt davon, sich mit der Abfassung von Resolutionen des Parteitags zu begnügen. So schrieb Lenin offenherzig „als Berater“ an den Kampfausschuss des St.-Petersburger Komitees am 16. Oktober 1905:

Alle diese Schemas, alle diese Pläne der organisation des Kampfausschusses machen den Eindruck papernen Formelkrams – ich bitte meine Offenheit zu entschuldigen (...) Ich sehe mit Entsetzen, wahrhaftig mit Entsetzen, dass man schon länger als ein halbes Jahr von Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt hat! (...) Geht zur Jugend. Gründet sofort Kampfgruppen, überall und allerorts, sowohl bei den Studenten als auch besonders bei den Arbeitern usw. usf. Trupps von 3 bis 10, bis zu 30 usw. Mann sollen sich unverzüglich formieren. Sie sollen sich unverzüglich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit Revolvern, Messern, petroleumgetränkten Lappen, um Feuer anzulegen usw. Diese Kampfabteilungen sollen sich unverzüglich Führer wählen und sich nach Möglichkeit mit dem Kampfausschuss des Petersburger Komitees in Verbindung setzen. Verlangt keinerlei Formalitäten, pfeift um Himmels willen auf alle Schemas, schickt im Gottes willen alle `Funktionen, Rechte und Privilegien` zum Teufel. Besteht nicht auf den Beitritt zur SDAPR – das wäre für den bewaffneten Aufstand eine absurde Forderung. Weigert euch nicht, mit jedem Zirkel in Verbindung zu treten, auch wenn er nur aus drei Personen besteht, unter der einzigen Bedingung, dass er in Bezug auf die Polizei unverdächtig und bereit ist, gegen die zaristischen Truppen zu kämpfen. Sollen die Gruppen, die das wünschen, der SDAPR beitreten oder sich der SDAPR anschließen, das wäre ausgezeichnet; aber ich würde es unbedingt für eien Gehler halten, das zu fordern. Die Rolle des Kampfausschusses beim Petersburger Komitee soll darin bestehen, diesen Abteilungen der revolutionären Armee zu helfen, ihnen als Verbindungs`büro` zu dienen usw. Jede Abteilung wird eure Dienste gern annehmen, aber wenn ihr in einer solchen Sache mit Schemas und mit Reden über die `Rechte` des Kampfausschusses ankommt, werdet ihr das Ganze zu Grunde richten, glaubt mir, unwiederbringlich zu Grunde richten! Hier muss man durch breite Propaganda wirken. Sollen 5 – 10 Menschen in einer Woche Hunderte von Arbeiter – und Studentenzirkel aufsuchen, überall eindringen, wo es nur irgend möglich ist, und überall den klaren, kurzen, direkten und einfachen Plan vorschlagen: Bildet sofort eine Kampfabteilung, bewaffnet euch, so gut ihr könnt, arbeitet aus allen Kräften, wir werden euch soweit möglich helfen, aber erwartet nichts von uns, arbeitet selber.

Der Schwerpunkt bei einer solchen Sache liegt in der Initiative der Masse der kleinen Zirkel. Sie schaffen alles. Ohne sie ist euer ganzer Kampfausschuss nichts. Ich neige dazu, die Arbeitsproduktivität des Kampfausschusses nach der Anzahl solcher Abteilungen zu messen, mit denen er in Verbindung steht. Wenn der Kampfausschuss in ein bis zwei Monaten nicht minimum 200-300 Abteilungen in Petersburg hat, dann ist er ein toter Kampfausschuss. Dann muss man ihn begraben. Wer bei der gegenwärtigen Siedehitze nicht Hunderte von Kampfabteilungen auf die Beine bringt, der steht außerhalb des Lebens. Die Propagandisten sollen jeder Abteilung kurze und einfache Bombenrezepte und eine elementare Erläuterung der ganzen Arbeitsart geben, dann aber die ganze Tätigkeit ihr selbst überlassen. Die Abteilungen sollen jetzt gleich, unverzüglich ihre militärische Ausbildung mit praktischen Kampfhandlungen beginnen. Die einen werden sofort einen Spitzel töten oder ein Polizeirevier in die Luft sprengen, andere werden eine Bank überfallen, um Geldmittel für den Aufstand zu konfiszieren, wieder andere werden eine Übung veranstalten oder Kartenskizzen anfertigen usw. Jedenfalls muss man gleich von Anfang an in der Praxis lernen, darf sich vor diesen versuchsweisen Überfällen nicht fürchten. Sie können natürlich ins Extrem ausarten, doch das ist eine Gefahr von morgen, die Gefahr von heute aber liegt in unserer Trägheit, un unserem Doktrinarismus, in der gelehrten Schwerfälligkeit und senilen Angst vor der Initiative. Jede Abteilung soll selbständig lernen, sei es auch durch Verprügelung von Polizisten: Die Dutzende von Opfern werden reichlich aufgewogen durch die Hunderte erfahrener Kämpfer, die morgen Hunderttausende in den Kampf führen werden“ (Lenin, Band 9, Seite 342-344).

Lenin arbeitete die Aufgaben der zu schaffenden Abteilungen der revolutionären Armee bis in jede kleine Einzelheit konkret aus:

1. Selbständige militärische Aktionen.

2. Leitung der Menge.

Die Abteilungen können beliebig stark sein, von zwei bis drei Mann an. Die Abteilungen müssen sich selbst bewaffnen, jeder womit er kann (Gewehr, Revolver, Bombe, Messer, Schlagring, Knüppel, mit Petroleum getränkte Lappen, um Feuer anzulegen, Stricke oder Strickleitern, Schaufeln für den Bau von Barrikaden, Sprengpatronen, Stacheldraht, Nägel {gegen Kavallerie} usw. usf.). Unter keinen Umständen darf man von anderer Seite, von oben oder von außen Hilfe erwarten, sondern muss alles selbst beschaffen.

Die Abteilungen müssen möglichst aus Personen gebildet werden, die nahe beieinander wohnen oder häufig, regelmäßig, zu bestimmten Stunden zusammentreffen (am besten beides, denn das regelmäßige Zusammentreffen kann durch den Aufstand unterbrochen werden). Ihre Aufgabe ist, es so einzurichten, dass sie in den kritischen Augenblicken, in den unvorhergesehendsten Situationen zusammenkommen können. Jede Abteilung muss daher im Voraus Mittel und Wege festlegen, um ein gemeinsames Vorgehen zu sichern: Zeichen an den Fenstern usw., um einander leichter zu finden; verabredete Rufe oder Pfiffe, um den Genossen in der Menge zu erkennen; vereinbarte Zeichen für den Fall eines nächtlichen Zusammentreffens usw. usf. Jeder energische Mann kann mit zwei bis drei Genossen eine ganze Reihe solcher Regeln und Methoden ausarbeiten, die zusammengestellt, auswendig gelernt und praktisch geübt werden müssen. Man darf nicht vergessen, dass die Ereignisse mit 99 Prozent Wahrscheiblichkeit überraschend eintreten werden und dass es nötig sein wird, unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen zusammenzukommen.

Sogar unbewaffnete Abteilungen können eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn sie 1. die Menge leiten; 2. bei günstiger Gelegenheit einen Polizisten oder einen zufällig von seinen Kameraden getrennten Kosaken überfallen (ein Fall in Moskau) usw. und entwaffnen; 3. Verhaftete oder Verwundete retten, wenn die Polizeikräfte schwach sind; 4. auf Hausdächer, in obere Stockwerke usw. steigen und die Truppen mit Steinen bewerfen, mit kochendem Wasser begießen usw. Eine organisierte, geschlossen und energisch vorgehende Abteilung ist eine ungeheure Kraft. Unter keinen Umständen darf die Bildung einer Abteilung unter dem Vorwand des Waffenmangels verweigert oder aufgeschoben werden.

Die Abteilungen müssen die Funktionen möglichst im Voraus verteilen und den Leiter, den Abteilungsführer, manchmal im Voraus wählen. Es wäre natürlich unvernünftig, in eine Spielerei mit Rangabzeichen zu verfallen, man darf aber die kolossale Bedeutung einer einheitlichen Führung, eines raschen und entschlossenen Vorgehens nicht vergessen. Entschlossenheit und kühner Angriff sind drei Viertel des Erfolgs (unterstrichen vom Verfasser].

Die Abteilungen müssen sich sofort nach nach ihrer Bildung, also schon jetzt, an eine vielseitige Arbeit machen, und zwar keineswegs nur theoretische, sondern unbedingt auch praktische. Zur theoretischen Arbeit rechnen wir das Studium der Kriegswissenschaften, die Beschäftigung mit militärischen Fragen, Referate über militärische Fragen, Aussprachen mit Militärs (mit Offizieren, Unteroffizieren usw. usf., nicht zuletzt auch mit ehemaligen Soldaten aus der Arbeiterschaft); die Lektüre, Besprechung und Verarbeitung illegaler Broschüren und Zeitungsartikel über den Straßenkampf usw. usf.

Wir wiederholen, mit den praktischen Arbeiten muss sofort begonnen werden. Sie zerfallen in vorbereitende und in militärische Operationen. Zu den vorbereitenden gehört die Beschaffung jeder Art von Waffen und Munition, die Auswahl günstig gelegener Wohnungen für den Straßenkampf (die geeignet sind für den Kampf von oben, für die Lagerung von Bomben, Steinen usw. oder von Säuren zum Begießen der Polizisten usw. usf., sowie für das Stabsquartier, für den Nachrichtendienst, als Zufluchtsort für Verfolgte, Unterkünfte für Verwundete usw. usf.). Zu den vorbereitenden Arbeiten gehört ferner rechtzeitige Aufklärung und Erkundung: Beschaffung von Plänen der Gefängnisse, Polizeireviere, Ministerien usw., Auskundschaftung der Arbeitseinteilung in den staatlichen Institutionen, in den Banken usw., sowie ihrer Bewachung; Anknüpfung von Beziehungen, die nützlich sein können (mit Polizei-, Bank-, Gerichts-, Gefängnis-, Post- und Telegrafenbeamten usw.), Feststellung von Waffenlagern von sämtlichen Waffenläden der Stadt usw. Es gibt hier massenhaft Arbeit, und zwar solche, bei der jeder größten Nutzen bringen kann, sogar der zum Straßenkampf völlig Untaugliche, sogar körperlich ganz schwächliche Menschen, Frauen, Jugendliche, Greise u.a. Man muss bestrebt sein, schon jetzt unbedingt und ausnahmslos alle in den Abteilungen zusammenzuschließen, die sich am Aufstand beteiligen wollen, denn es gibt keinen Menschen und kann keinen geben, der nicht den größten Nutzen brächte, wenn er arbeiten will, auch wenn er keine Waffen hat, auch wenn er persönlich zum Kampf untauglich ist.

Sodann dürfen sich die Abteilungen der revolutionären Armee keinesfalls nur auf vorbereitende Arbeiten beschränken, sie müssen sobald wie möglich auch zu militärischen Aktionen übergehen, um:

1. ihre Kampfkraft zu üben; 2. die schwachen Stellen des Feindes zu erkunden; 3. dem Feind Teilniederlagen beizubringen; 4. Gefangene (Verhaftete) zu befreien; 5. Waffen zu erobern; 6. Geldmittel für den Aufstand zu gewinnen (Regierungsgelder zu konfiszieren) usw. usf. Die Abteilungen können und müssen unverzüglich jede Gelegenheit zu lebendiger Arbeit ergreifen, sie dürfen das keineswegs bis zum allgemeinen Aufstand verschieben, denn steht man nicht schon vorher im Feuer, so erwirbt man die Tauglichkeit auch zum Aufstand nicht [unterstrichen vom Verfasser].

Gewiss ist jede Übertreibung von Übel; alles Gute und Nützliche kann, auf die Spitze getrieben, schlecht und schädlich werden, ja muss es sogar, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird. Undisziplinierte, unvorbereitete kleine Terrorakte können, auf die Spitze getrieben, die Kräfte lediglich zersplittern und vergeuden. Das ist richtig und darf natürlich nicht vergessen werden. Aber andererseits darf man auch keinesfalls vergessen, dass jetzt die Losung des Aufstandes schon ausgegeben ist, dass der Aufstand schon begonnen hat. Mit Angriffsaktionen zu beginnen, wenn die Umstände günstig sind, ist nicht nur das Recht, sondern auch die direkte Pflicht eines jeden Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser]. Tötung von Spitzeln, Polizisten und Gendarmen, Sprengung von Polizeirevieren, Befreiung von Verhafteten, Konfiskation von Regierungsgeldern für die Erfordernisse des Aufstandes – solche Aktionen werden überall dort, wo sich der Aufstand ausbreitet, in Polen und im Kaukasus, bereits unternommen, und jede Abteilung der revolutionären Armee muss jeden Augenblick zu solchen Aktionen bereit sein. Jede Abteilung muss daran denken, dass sie sich unverzeihlicher Tatenlosigkeit, der Passivität schuldig macht, wenn sie die für eine Aktion günstige Gelegenheit nicht heute schon ausnützt – und eine solche Schuld ist in der Epoche des Aufstands das größte Verbrechen eines Revolutionärs, die größte Schmach für jeden, der nicht nur in Worten, sondern in der Tat die Freiheit erstrebt [unterstrichen vom Verfasser].

Über die Zusammensetzung dieser Abteilungen lässt sich folgendes sagen: die zweckmäßigste Anzahl der Mitglieder und die Verteilung ihrer Funktionen wird die Erfahrung lehren. Man muss selbst anfangen, sich diese Erfahrungen anzueignen, ohne Weisungen von außen abzuwarten. Man soll natürlich die örtliche revolutionäre Organisation bitten, einen militärisch geschulten Revolutionär für Vorträge, Aussprachen und Ratschläge zu schicken, aber falls sich ein solcher nicht findet, muss man unbedingt selbst mit allem zurechtkommen.

Was die Parteigruppierungen betrifft, so werden die Mitglieder einer Partei es natürlich vorziehen, sich in den gleichen Abteilungen zusammenzuschließen. Aber man soll Mitgliedern anderer Parteien nicht unbedingt den Beitritt zu einer Abteilung verweigern. Gerade hier müssen wir den Zusammenschluss, die praktische Verständigung (selbstverständlich ohne jedwede Verschmelzung der Parteien) des sozialistischen Proletariats mit der revolutionären Demokratie verwirklichen. Wer für die Freiheit kämpfen will und seine Bereitschaft durch die Tat beweist, der kann zu den revolutionären Demokraten gerechnet werden, mit dem muss man gemeinsam an der Vorbereitung des Aufstandes zu arbeiten trachten (natürlich nur dann, wenn zu der Person oder zu der Gruppe volles Vertrauen vorhanden ist). Alle übrigen `Demokraten` müssen als Quasi-Demokraten, als liberale Schwätzer scharf zurückgewiesen werden, denn es wäre von Revolutionären unverzeihlich, sich auf sie zu verlassen, und verbrecherisch, ihnen Vertrauen zu schenken [unterstrichen vom Verfasser].

Es ist natürlich wünschenswert, dass die Abteilungen sich miteinander vereinigen, und außerordentlich nützlich, Formen und Bedingungen für die gemeinsame Tätigkeit auszuarbeiten. Aber man darf dabei keinesfalls in das Extrem verfallen, komplizierte Pläne, allgemeine Schemas usw. zu erfinden und der lebendigen Sache durch pedantische Tüfteleien Abbruch zu tun. Die Begleitumstände des Aufstands werden unweigerlich so sein, dass die nichtorganisierten Elemente tausendfach zahlreicher sind als die organisierten; es wird sich nicht vermeiden lassen, dass man sofort, an Ort und Stelle, zu zweit oder allein handeln muss – und man muss sich darauf vorbereiten, auf eigene Faust zu handeln. Verzögerungen und Diskussionen, Säumigkeit und Unentschlossenheit sind der Tod des Aufstands. Mit größter Entschlossenheit und Energie vorgehen, jeden günstigen Augenblick unverzüglich ausnutzen, die revolutionäre Leidenschaft der Menge sofort entfachen, ihr die Richtung zu entschlosseneren und entschlossensten Aktionen weisen – das ist die erste Pflicht des Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser].

Eine ausgezeichnete militärische Übung für die Soldaten der revolutionären Armee, in der sie ihre Feuertaufe erhalten und durch die sie der Revolution ungeheuren Nutzen bringen, ist der Kampf gegen die Schwarzhunderter. Die Abteilungen der revolutionären Armee müssen unverzüglich feststellen, von wem, wo und wie die Schwarzhundertschaften organisiert werden, und dürfen sich dann nicht auf Agitation allein beschränken (das ist nützlich, genügt aber nicht), sondern müssen auch mit Waffengewalt vorgehen, die Schwarzhunderter niederschlagen, sie töten, ihre Stabsquartiere sprengen usw. usf.“ (Lenin, Band 9, Seite 423-427; geschrieben Ende Oktober 1905).

Es kann hier keinen Zweifel daran bestehen, dass der Tag kommt, an dem wir dazu übergehen müssen, die revolutionären Armeen in Abteilungen der internationalen Weltarmee zu verwandeln. Der bewaffnete Aufstand wir in nicht in all zu ferner Zukunft die ganze Welt erfassen, nicht nur als einzelner Vorgang, sondern sich wiederholend und immer mehr ausweitend in die Breite und in die Tiefe – und darauf gilt es sich jetzt schon vorzubereiten !!

Lenin wies also nicht nur die Notwendigleit des Aufstandes nach und rief nicht nur zum Aufstand auf, sondern er forderte auch diesofortige Organisierung einer revolutionären Armee (...). Nur die kühnste, breiteste Organisierung einer solchen Armee kann der Prolog zum Aufstand sein“ (Lenin, Band 9, Seite 180). Die revolutionäre Regierung bezeichnete Lenin alsOrgan des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 202). Die revolutionäre Staatsmacht hielt Lenin füreines der größten und höchsten `Mittel` , den politischen Umsturz zu verwirklichen“ (Lenin, Band 9, Seite 245).

Für das Gelingen eines Aufstandes waren für Lenin gleichwohl zwei Einrichtungen notwendig: Die revolutionäre Armee und die revolutionäre Regierung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Es sind zwei Einrichtungen, die zum Gelingen des Aufstandes und zur Verankerung seiner Errungenschaften gleich notwendig sind. Es sind zwei Losungen, die unbedingt aufgestellt und erläutert werden müssen, weil sie die einzigen konsequenten, revolutionären Losungen sind“ (Lenin, Band 8, Seite 571). Die revolutionäre Regierung muss das `Volk` mobilisieren und seine revolutionäre Aktivität organisieren“ (Lenin, ebenda, Seite 570). „Vom `Sieg` des Volksaufstandes, von der Errichtung einer provosorischen Regierung sprechen und nicht auf den Zusammenhang dieser `Schritte` und Akte mit der Erkämpfung der Republik hinweisen – das heißt eine Resolution schreiben, nicht um den Kampf des Proletariats zu leiten, sondern hinter der proletarischen Bewegung einherzutrotten“ (Lenin, Band 9, Seite 24) Deswegen die marxistische Formel: Keine revolutionäre Regierung ohne Mitwirkung eines Aufstands und kein Aufstand ohne Mitwirkung einer revolutionären Regierung – ansonsten kann das aufständische Volk nicht siegreich sein – das ist die marxistisch-leninistische Formel des bewaffneten Aufstandes und der aufständischen Regierung als dessen Organ.

Natürlich kann der reale Rückhalt einer solchen Regierung nur der bewaffnete Aufstand sein. Aber die geplante Regierung wird ja auch nichts anderes sein als das Organ dieses schon heranwachsenden und heranreifenden Aufstands. Man durfte die Bildung einer revolutionären Regierung praktisch nicht in Angriff nehmen, solange der Aufstand nicht Ausmaße erreicht hatte, die allen sichtbar, sozusagen allen greifbar waren. Gerade jetzt ist es aber notwendig, diesen Aufstand politisch zusammenzufassen, ihn zu organisieren, ihm ein klares Programm zu geben und alle die schon zahlreich und zahlenmäßig rasch zunehmenden Abteilungen der revolutionären Armee zur Stütze und zu Hebeln dieser neuen, wirklich freien und wirklich vom Volk getragenen Regierung zu machen (Bürger! (...) Stellt die Zahlung aller Abgaben und Steuern ein, richtet alle Anstrengungen auf die Organisierung und Bewaffnung einer freien Volkswehr (...) Wer nicht für die Revolution ist, ist gegen die Revolution. Wer kein Revolutionär ist, der ist ein Schwarzhunderter (...) So etwa denke ich mir die Entwicklung des Sowjets der Arbeiterdeputierten zu einer provisorischen revolutionären Regierung“ (Lenin, Band 10, Seite 10 und 12). Wie wird die zusammengebrochene reaktionäre Regierung also durch eine revolutionäre Regierung abgelöst? Das Organ der Volksmacht, das zeitweilig die Obliegenheiten der zusammengebrochenen Regierung übernimmt, nennt man im schlichten und klaren Russisch provisorische revolutionäre Regierung. Eine solche Regierung muss provisorisch sein, denn ihre Vollmachten laufen ab, sobald eine vom Volk gewählte konstituierende Versammlung zusammentritt. Eine solche Regierung muss revolutionär sein, denn sie löst die zusammengebrochene Regierung ab, gestützt auf die Revolution. Dieser Wechsel kann nicht anders als auf revolutionärem Wege erfolgen“ (Lenin, Band 10, Seite 53). „Die provisorische revolutionäre Regierung ist das Organ des Aufstands, das alle Aufständischen vereinigt und den Aufstand politisch leitet“ (Lenin, Band 10, Seite 54).



Höhepunkt und Niedergang des russischen Aufstandes von 1905

Lenin beurteilte die Ereignisse in Moskau, verglich sie mit den anderen vorausgegangenen Aufständen und schätzte ihren weiteren Entwicklungsprozess trotz erlittener Niederlagen positiv ein:

Wie spärlich diese Nachrichten auch sein mögen, so erlauben sie doch, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass der Ausbruch des Aufstandes in Moskau, verglichen mit den anderen Aufständen, keine höhere Stufe der Bewegung darstellt. Weder traten rechtzeitig vorbereitete und gut bewaffnete revolutionäre Kampfabteilungen in Aktion noch ging wenigstens ein gewisser Teil der Truppen auf die Seite des Volkes über, und auch die `neuen` Arten der Volksbewaffnung, die Bomben (die am 26. September [9.Oktober] in Tiflis den Kosaken und Soldaten einen solchen Schrecken eingejagt hatten), kamen nicht umfassend zur Anwendung. Fehlte aber auch nur eine dieser Bedingungen, so konnte weder mit der bewaffnung einer großen Zahl von Arbeitern noch mit dem Sieg des Aufstandes gerechnet werden. Die Bedeutung der Moskauer Ereignisse ist, wie wir bereits festgestellt haben, eine andere: ein großes Zentrum hat dadurch die Feuertaufe erhalten, ein riesiges Industriegebiet ist in den ernsten Kampf einbezogen worden. Das Anwachsen des Aufstandes in Russland verläuft natürlich nicht in einem gleichmäßigen und geradlinigen Aufschwung und kann auch nicht so verlaufen. Am 9. Januar war in Petersburg das vorherrschende Merkmal die rasche und einmütige Bewegung gigantischer Massen, die unbewaffnet waren und nicht in den Kampf traten, aber eine große Kampfeslehre erhielten. In Polen und im Kaukasus zeichnet sich die Bewegung durch eine ungeheure Hartnäckigkeit und eine verhältnismäßig häufigere Anwendung von Waffen und Bomben seitens der Bevölkerung aus. In Odessa bestand das besondere Merkmal im Übergang eines Teils der Truppen zu den Aufständischen. In allen Fällen und immer war die Bewegung in ihrem Kern proletarisch und unlösbar mit dem Massenstreik verbunden. In Moskau verlief die Bewegung in demselben Rahmen wie in einer ganzen Reihe anderer, weniger großer Industriezentren. Vor uns taucht naturgemäß die Frage auf: Wird die revolutionäre Bewegung auf diesem bereits erreichten, `gewohnt` und vertraut gewordenen Entwicklungsstadium stehenbleiben oder wird sie sich auf eine höhere Stufe erheben? Wenn man sich überhaupt auf das gebiet der Einschätzung so komplizierter und unübersichtlicher Ereignisse wagen kann, wie es die Ereignisse der russischen Revolution sind, so gelangen wir unvermeidlich zu der ungleich größeren Wahrscheinlichkeit der zweiten Antwort auf diese Frage. Gewiss, auch die gegebene, bereits erlernte, wenn man sich so ausdrücken darf, Kampfform – Partisanenkrieg, unaufhörliche Streiks, Erschöpfung der Kräfte des Feindes durch Überfälle und Straßenkämpfe bald an dem einen, bald an dem anderen Ende des Landes – auch diese Kampfform ergab und ergibt die ernsthaftesten Resultate. Kein Staat hält auf die Dauer diesen hartnäckigen Kampf aus, der das industrielle Leben lahmlegt, in die Bürokratie und in die Armee völlige Demoralisation hineinträgt und in allen Volkskreisen Unzufriedenheit mit der Lage der Dinge sät. Um so weniger ist die absolutistische Regierung imstande, einen solchen Kampf auszuhalten. Wir können völlig überzeugt sein, dass die beharrliche Fortsetzung des Kampfes, auch wenn er sich in den Formen hält, die von der Arbeiterbewegung bereits hervorgebracht worden sind, unweigerlich zum Zusammenbruch des Zarismus führen wird.

Es ist jedoch im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass die revolutionäre Bewegung im heutigen Russland auf der Stufe stehenbleiben wird, die sie gegenwärtig bereits erreicht hat. Im Gegenteil, alle Tatsachen sprechen eher dafür, dass dies nur eine der ersten Stufen des Kampfes ist. Noch haben sich alle Folgen des schmachvollen unmd verderblichen Krieges im Volk bei weitem nicht ausgewirkt. Die Wirtschaftskrise in den Städten und die Hungersnot auf dem Lande steigern die Erbitterung ungeheuer. Die mandschurische Armee ist, nach allen Informationen zu urteilen, äußerst revolutionär gestimmt, und die Regierung fürchtet sich, sie zurückzurufen; aber es ist unmöglich, diese Armee nicht zurückzurufen, denn es drohen sonst neue und noch ernstere Aufstände. Die politische Agitation unter den Arbeitern und der Bauernschaft war in Russland noch nie so umfassend, so planmäßig und so tiefgehend wie jetzt. Die Komödie der Reichsduma wird der Regierung unvermeidlich neue Niederlagen bringen und in der Bevölkerung neue Erbitterung hervorrufen. Der Aufstand ist vor unseren Augen in knapp zehn Monaten ungeheur angewachsen, und es ist weder ein Hirngespinst noch ein frommer Wunsch, sondern eine direkte und unbedingte Schlussfolgerung aus den Tatsachen des Massenkampfes, wenn man feststellt, dass sich der Aufstand binnen kurzem auf eine neue, höhere Stufe erheben wird, auf eine Stufe, wo die Kampfabteilungen der Revolutionäre oder meuternden Truppentzeile der Volksmenge zur Hilfe kommen werden, wo sie den Massen helfen werden, sich Waffen zu verschaffen, wo sie in die Reihen der `zaristischen`(noch zaristischen, denn schon bei weitem nicht mehr völlig zaristischen) Truppen die größten Schwankungen hineingetragen werden, wo der Aufstand zu einem ernsthaften Sieg führen wird, vor dem sich der Zarismus nicht mehr erholen kann.

Die zaristischen Truppen haben in Moskau den Sieg über die Arbeiter davongetragen. Doch dieser Sieg hat die Besiegten nicht entkräftet, sondern sie nur fester zusammengeschweißt, ihren Hass vertieft und sie den praktischen Aufgaben des ernsten Kampfes nähergebracht. Die Truppen beginnen erst jetzt zu erkennen, und zwar nicht nur an hand der gesetze, sondern auch aus eigener Erfahrung, dass sie jetzt einzig und allein zum Kampf gegen den `inneren` Feuind mobilisiert werden. Der Krieg mit Japan ist zu Ende. Doch die Mobilmachung dauert fort, die Mobilmachung gegen die Revolution. Wir fürchten eine solche Mobilmachung nicht, wir stehen nicht an, sie zu begrüßen, denn je größer die Zahl der Soldaten sein wird, die man zum systematischen Kampf gegen das Volk einberuft, desto rascher wird die politische und revolutionäre Aufklärung dieser Soldaten vor sich gehen. Durch die Mobilmachung immer neuer Truppenteile zum Krieg gegen die Revolution schiebt der Zarismus die Entscheidung auf, aber dieser Aufscgub ist von größtem Vorteil für uns, denn in diesem langwierigen Partisanenkrieg lernen die Proletarier kämpfen, während die Truppen unvermeidlich ins politische Leben hineingezogen werden. Und der Ruf dieses Lebens, der Kampfruf des jungen Russlands, dringt sogar durch die dicksten Kasernenmauern, weckt die Unaufgeklärtesten, die Rückständigsten und die Eingeschüchtertsten. Der Ausbruch des Aufstands ist noch einmal unterdrückt worden. Noch einmal: Es lebe der Aufstand!“ (Lenin, „Blutige Tage in Moskau“, Band 9, Seite 337-339). Lenin räumte im Verlauf der revolutionären Ereignisse ein: „Doch diese Bewegung war noch äußerst unbewusst in revolutionärer Beziehung und völlig hilflos im Sinne der Bewaffnung und militärischen Bereitschaft“ (Lenin, Band 9, Seite 351). „Die Moskauer Ereignisse haben die wirkliche Gruppierung der gesellschaftlichen Kräfte gezeigt: Die Liberalen sind von der Regierung zu den Radikalen gerannt, um diesen den revolutionären Kampf auszureden. Die Radikalen haben in den Reihen des Proletariats gekämpft. Vergessen wir diese Lehre nicht“ (ebenda, Seite 353). „Im Großen und Ganzen ist die Bewegung in Moskau nicht bis zu einem entscheidenden Kampf der revolutionären Arbeiter mit den Streitkräften des Zarismus gelangt. Das waren nur kleinere Vorpostengeplänkel, teilweise vielleicht eine militärische Demonstration im Bürgerkrieg, aber keine jener Schlachten, die den Ausgang des Krieges bestimmen (...), dass wir es nicht mit einem Beginn, sondern nur mit einer Probe des entscheidenden Ansturms zu tun haben“ (Lenin, Band 9, Seite 375). „In jedem Krieg machen die Gegner, deren Kräfte sich die Waage halten, eine Weile halt, sammeln Kräfte, rasten, werten die gemachten Erfahrungen aus, bereiten sich vor und – stürzen sich in den neuen Kampf. (...) So war es und so wird es immer sein in jedem großen Bürgerkrieg“ (Lenin, Band 10, Seite 392). Lenin schätzte die Taktik der Regierung im Zustand des relativen Gleichgewichts der kämpfenden Kräfte klar ein:Es ist zweifellos ein Lavieren und ein Rückzug mit Nachhutgefechten. Und das ist eine ganz richtige Taktik vom Standpunkt der Interessen der Selbstherrschaft. Es wäre ein großer Irrtum, eine verhängnisvolle Illusion, wenn die Revolutionäre vergäßen, dass die Regierung noch lange, sehr lange zurückweichen kann, ohne das Wesentliche aufzugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 378). „Die Selbstherrschaft hat nicht mehr die Kraft, offen gegen die Revolution vorzugehen. Die Revolution hat noch nicht die Kraft, dem Feind den entscheidenden Schlag zu versetzen. Dieses Schwanken der Kräfte, die sich fast die Waage halten, erzeugt bei der Staatsmacht unvermeidlich Kopflosigkeit und bewirkt, dass sie von Repressalien zu Zugeständnissen, zu Gesetzen über Presse- und Versammlungsfreiheit übergeht“ (Lenin, Band 9, Seite 394-395) und die Daumenschrauben werden etwas lockert, Ventile etwas geöffnet, damit die Empörung des Volkes wieder gefahrlos entweichen und das Machtverhältnis aufrecht erhalten bleiben kann.Verhandlungen mit dem aufständischen Volk, Zurückziehen der Truppen – das ist der Anfang vom Ende. Das zeigt besser als alle Vernunftsgründe, dass sich die militärischen Spitzen im höchsten Grade unsicher fühlten. Das zeigt, dass die Unzufriedenheit unter den Truppen ein wahrhaft erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. In Kiew wurden Soldaten verhaftet, die sich geweigert hatten, zu schießen. In Polen gab es ähnliche Fälle. In Odessa hielt man die Infanterie in den Kasernen zurück, weil man sich fürchtete, sie auf die Straße zu führen. In Petersburg begann eine offene Gärung in der Flotte, und man sprach von völliger Unzuverlässigkeit der Garde. Und was die Schwarzmeerflotte betrifft, so ist es bisher nicht gelungen, wirklich die Wahrheit zu erfahren. Schon am 17. Oktober meldeten Telegramme, dass sich das Gerücht von einer neuen Empörung dieser Flotte hartnäckig erhalte, dass von den Behörden, die alle Mittel aufböten, um die Verbreitung von Nachrichten über die Ereignisse zu verhindern, alle Telegramme abgefangen würden. Reiht man alle diese bruchstückhaften Nachrichten aneinander, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Lage der Selbstherrschaft sogar vom rein militärischen Standpunkt aus verzweifelt war. Zwar wurden noch einzelne Aufstände unterdrückt, zwar nahmen die Truppen noch hier und da Barrikaden, doch diese einzelnen Zusammenstöße entfachten nur die Leidenschaften, steigerten nur die Empörung, rückten nur eine noch mächtigere allgemeine Explosion näher, und gerade davor fürchtete sich die Regierung, da sie sich nicht mehr auf die Truppen verlassen konnte“ (Lenin, Band 9, Seite 432). Der Aufstand der Matrosen und Soldaten in Kronstadt begann am 26. Oktober (8. November) 1905. Die Aufständischen erhoben die Forderungen: Einberufung einer konstitutionellen Versammlung auf Grund allgemeiner Wahlen, Errichtung einer demokratischen Republik, Rede- , Koalitions- und Versammlungsfreiheit, Verbesserung der Lage der Matrosen und Soldaten. Am 28. Oktober (10. November) wurde der Aufstand niedergeschlagen. Das Beispiel von Kronstadt zeigt (...), mag sie [die Regierung – Anmerkung des Verfassers] jetzt Hunderte von Matrosen erschießen, die wieder einmal die rote Flagge gehisst haben – diese Flagge wird noch höher wehen, denn sie ist das Banner aller Werktätigen und Ausgebeuteten in der ganzen Welt[hervorgehoben vom Verfasser], (Lenin, Band 9, Seite 467). Ende November 1905 schrieb Lenin:

Der bewaffnete Aufstand in Kiew macht offenbar noch einen weiteren Schritt vorwärts, den Schritt zur Verschmelzung der revolutionären Armee mit den revolutionären Arbeitern und Studenten. Davon zeugt jedenfalls ein Bericht der `Rus` über ein sechzehntausendköpfiges Meeting im Kiewer Polyklinikum unter dem Schutz eines Pionierbataillons der aufständischen Soldaten“ (Lenin, Band 10, Seite 52).

Wir dürfen mit vollem Recht triumphieren. Das Zugeständnis des Zaren ist in der Tat ein großer Sieg der Revolution, doch entscheidet dieser Sieg noch lange nicht das Schicksal der ganzen Sache der Freiheit. Der Zar hat noch lange nicht kapituliert. Die Selbstherrschaft hat durchaus noch nicht aufgehört zu bestehen. Sie hat nur den Rückzug angetreten und dem Feind das Schlachtfeld überlassen, sie hat in einer äußerst ernsten Schlacht den Rückzug angetreten, aber sie ist noch lange nicht geschlagen, sie sammelt noch ihre Kräfte, und das revolutionäre Volk muss noch viele ernste Kampfaufgaben lösen, um die Revolution zum wirklichen und vollen Sieg zu führen“ (Lenin, Band 9, Seite 430). „Aber das Gleichgewicht der Kräfte schließt den Kampf keineswegs aus, sondern macht ihn im Gegenteil noch schärfer. Der Rückzug der Regierung bedeutet lediglich, wie wir schon sagten, dass sie eine neue, von ihrem Standpunkt aus günstigere Kampfstellung bezieht“ (Lenin, Band 9, Seite 450). „Alles gewähre ich, außer der Macht – erklärt der Zarismus. Alles ist Blendwerk, außer der Macht – erwidert das revolutionäre Volk“ (Lenin, Band 9, Seite 452). „Wer für die Freiheit des Volkes kämpft, ohne für die volle Macht des Volkes im Staate zu kämpfen, der ist entweder inkonsequent oder unaufrichtig“ (Lenin, Band 10, Seite 388).

Sind die Klassengegner kräftemäßig ebenbürtig, das Kräfteverhältnis ausgeglichen, dann wird der Sieg um so schwerer zu erringen sein, dann ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass sich der Kampf in die Länge zieht, dass die Anstrengungen und Verluste auf beiden Seiten außerordentlich zunehmen können, dass es auf die Mobilisierung der Reserven, auf das Durchhaltevermögen in einem Stellungs- oder Belagerungskrieg und viele anderer Faktoren ankommt, dass die Fronten komplizierter und härter werden, dass er sich ausweitet und die Entscheidung auf sich warten lässt, dass derjenige eine Niederlage erleidet, dessen Kräfte schließlich zuerst erschöpft sind. In Patt-Situationen kann häufig nur die bessere Kriegskunst über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Solange die Macht in den Händen des Klassenfeindes ist, kann er dieses Gleichgewicht auf der Waage der sich im Krieg befindenen antagonistischen Klassenkräfte zu halten versuchen, kann er abwarten und seine konterrevolutionären Kräfte sammeln, hat er Zeit, um seiner Kopflosigkeit wieder Herr zu werden – zu mehr reicht seine Kraft allerdings nicht. Die Kräfte der Konterrevolution reichen an einem bestimmten Punkt nicht mehr aus, um die Revolution aufzuhalten und niederzuringen. Auf der Seite der Revolution sind die Kräfte an jenem Punkt jedoch für einen Sieg noch nicht ausreichend, um den entscheidenden Schlag zu führen. Für die Konterrevolution ist es unvorteilhaft, vorzugehen und anzugreifen in einem solchen Moment, während für das Proletariat und für seine Verbündeten dieser Zustand noch viel zu unbefriedigend und kritisch ist, denn: Wenn wir nicht noch eine Stufe höher steigen, wenn wir die Aufgabe des selbständigen Angriffs nicht bewältigen, wenn wir die Kräfte des Zarismus nicht brechen, seine faktische Macht nicht zerstören, dann wird die Revolution halbschlächtig sein, dann wird die Bourgeoisie die Arbeiter nasführen“ (Lenin, Band 9, Seite 416) und das trat ja denn auch ein: “Die Verschwörung ist da. Man hat beschlossen, den Streik durch Massenentlassungen von Arbeitern zu bekämpfen(...) Man will das durch den vorangegangenen Kampf erschöpfte Petersburger Proletariat zu einer neuen Schlacht unter den ungünstigsten Bedingungen provozieren“ (Lenin, Band 10, Seite 37); „Die Schwarzhunderter fingen an zu wüten. (...) Es herrscht der weiße Terror. (...) Die Konterrevolution tobt sich aus. (...) vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer – überall ein und dasselbe Bild (..) Racheakte und `Revanche`“ (Lenin, Band 9, Seite 453/454). „Zu einem solchen Zeitpunkt ist es wichtiger denn je, alle Bemühungen auf die Vereinigung der Armee der Revolution in ganz Russland zu richten, ist es wichtig, die Kräfte zu schonen, die eroberten Freiheiten zu verhundertfachter Agitation und Organisation auszunutzen und sich auf neue entscheidende Schlachten vorzubereiten“ (Lenin, Band 10, Seite 37/38), damit die konterrevolutionäre Provokation des durch den Aufstand kräftemäßig verausgabten und regenerierungsbedürftigen Proletariats missglückt.

Dieses oben erwähnte relative Gleichgewicht der Kräfte wird auch eines Tages unvermeidlich im Weltmaßstab in Erscheinung treten, müssen wir aus der Taktik von 1905 die richtigen Schlussfolgerungen ziehen – und die weltrevolutionäre Flutwelle wird scheinbar wieder abflauen, um erneut anzuschwellen – die internationale Konterrevolution wird gnadenlos und die Opfer der Racheakte zahlreich sein, aber mit jeder `Revanche`gegen die Weltrevolution wird auch die internationale Konterrevolution ein weiteres Stück zersetzt und die Macht der Weltbourgeoisie unaufhaltsam dahinschwinden. Aber die Weltrevolutionäre dürfen sich heute nach 2 Weltkriegen, mitten in den permanent fortgesetzten Kriegen in der „Friedensperiode“ zwischen den Weltkriegen, nicht der Illusion hingeben, dass die Weltbourgeoisie und ihre Regierungen auf dieser Erde nicht mehr genug Rückzugsraum vorfinden, dass das System des Weltkapitalismus nicht noch eine ganze Weile überlebensfähig bleibt, dass die Weltmacht des Imperialismus im Wesentlichen noch eine gewisse Periode bestehen bleibt, und dass das Weltproletariat an der Spitze der Völker noch so manche internationale Schlacht zu schlagen hat, insbesondere gegen solche Kräfte in den eigenen Reihen, die dem Weltimperialismus erst diese Rückzugs- und Regenerationsräume für den nächsten Weltkrieg ermöglichen, dadurch dass sie Verrat am Weltproletariat, Verrat an den revolutionären Völkern üben. Wenn sich der Feind zurückzuziehen versucht, muss man ihn verfolgen – darf man ihm keine Atempause gönnen. Wenn der Feind sich vom Schlachtfeld zurückzieht, ist das nur der halbe Sieg. Je leichter sich der Gegener zurückziehen kann, desto schneller und gestärkter wird er auch wieder auf das Schlachtfeld zurückkehren – nur besser vorbereiten und ausgerüstet, wird unser Sieg nicht leichter zu erkämpfen sein, wenn wir nicht unsererseits noch besser vorbereitet und noch gerüsteter sein werden, um die Revolution auf der Welt immer wieder erneut zu entflammen. Der III. Parteitag der SDAPR war eines der ersten Initiativen für die Entflammung Europas, zur Entfaltung der Weltrevolution:

Der III. Parteitag der SDAPR beschloss im Mai 1905 `die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren`. (...) Zum ersten Mal in der Weltgeschichte war eine so hohe Stufe der Entwicklung und eine so große Stärke des revolutionären Kampfes erreicht, dass der bewaffnete Aufstand in Verbindung mit dem Massenstreik, dieser spezifischen proletarischen Waffe, in Erscheinung trat. Es ist klar, dass diese Erfahrung für ALLE proletarischen Revolutionen von überragender Bedeutung ist. (...) Durch die Massenstreiks und bewaffneten Aufstände wurde die Frage der revolutionären Macht und der Diktatur von selbst auf die Tagesordnung gestellt, denn diese Kampfmethoden führten unvermeidlich – zunächst im örtlichen Maßstab – zur Verjagung der alten Behörden, zur Ergreifung der Macht durch das Proletariat und die revolutionären Klassen, zur Vertreibung der Gutsbesitzer, mitunter zur Besetzung von Fabriken usw. usf. Der revolutionäre Massenkampf jener Zeit rief solche in der Weltgeschichte noch nie dagewesene Organisationen ins Leben wie Sowjets der Arbeiterdeputierten, sodann auch Sowjets der Soldatendeputierten, Bauernkomitees usw. Die Hauptfragen (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), die heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der klassenbewussten Arbeiter der ganzen Welt stehen, waren somit bereits Ende 1905 praktisch gestellt worden“ ( Lenin, Band 31, Seite 333-334, „Geschichtliches zur Frage der Diktatur), dt. Ausgabe).

Die Ereignisse haben alle, selbst Leute die dem Marxismus gänzlich fernstehen, gelehrt, die Zeitrechnung der Revolution mit dem 9. Januar 1905 zu beginnen, d.h. mit der ersten bewusst politischen Bewegung von Massen, die einer bestimmten Klasse angehören“ (Lenin, Band 13, Seite 107). „Die `Koalition von Proletariat und Bauernschaft`, die in einer bürgerlichen Revolution siegt, ist nichts anderes als die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft (...) . Bei uns ist der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich“ (Lenin, Band 15, Seite 45 und 46).

Es ist das weltgeschichtliche Verdienst des Bolschewismus, dass er in der Revolution von 1905 vom ersten Schritt an eine Strategie und Taktik des Kampfes entwickelte, die den Verhältnissen der neuen Epoche entsprachen und die Arbeiterklasse zur bewussten Erkenntnis der vor ihr stehenden historischen Aufgaben erzogen. Lenin notierte 1905 den Aufstand als internationalistische Aufgabe: Europa entflammen!“ (Lenin, Band 9, Seite 202). „Das Proletariat wird sich nicht mehr nur mit dem Mittel des friedlichen Streiks, sondern mit der Waffe in der Hand sowohl für Russlands als auch für Polens Freiheit erheben“ (Lenin, Band 10, Seite 9). Und Stalin wertete den proletarischen Aufstand, den revolutionären Aufstand der Soldaten und Matrosen ebenfalls als internationalistische, weltrevolutionäre Aktion:Der Aufstand der deutschen Flotte ist höchster Ausdruck der sich entfaltenden sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa“ (Stalin- Geschichte der KpdSU).

Lenin bezeichnete 1905 Europa alsReserve der russischen Revolution. Die Zeiten sind vorüber, da die Völker und Staaten abgesondert voneinander leben konnten. Schaut euch um: Europa ist schon in Wallung. Seine Bourgeoisie ist bestürzt und bereit, Millionen und Milliarden herzugeben, nur um der Feuersbrunst in Russland Einhalt zu gebieten. Die Herrscher der europäischen Militärmächte erwägen eine militärische Unterstützung des Zaren. Wilhelm hat bereits einige Kreuzer und zwei Torpedoboots-Divisionen entsandt, um eine direkte Verbindung zwischen der deutschen Soldateska und Peterhof herzustellen. Die europäische Konterrevolution reicht der russischen Konterrevolution die Hand. Versuchen Sie es, versuchen Sie es, Bürger Hohenzollern! Auch wir haben eine europäische Reserve der russischen Revolution, die internationale revolutionäre Sozialdemokratie. Die Arbeiter der ganzen Welt begrüßen mit glühender Begeisterung den Sieg der russischen Arbeiter, und im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen den Abteilungen der internationalen Armee des Sozialismus rüsten auch sie zum großen und entscheidenden Kampf“ (Lenin, Band 9, Seite 437). Dies ist eine bedeutsame und hervorragende Sichtweise Lenins, auf die sich die ganze weltproletarische Militärwissenschaft heute mehr denn je stützt, auf der die Notwendigkeit der Schaffung einer proletarischen revolutionären Weltarmee beruht! Und es werden sich schließlich umgekehrt die Reserven der sozialistischen Revolutionen in den einzelnen Ländern in Reserven der proletarischen sozialistischen Weltrevolution verwandeln. Lenin hat uns stets gemahnt, nie zu vergessen, dass der volle Sieg der Revolution in einem Land auf dem Bündnis des revolutionären Proletariats dieses oder jenes Landes mit den sozialistischen Arbeitern aller Länder beruht und engstens mit ihnen verknüpft ist sowie umgekehrt, dass der volle Sieg der Weltrevolution auf den siegreichen Revolutionen in den einzelnen Ländern beruht und eng mit ihnen verknüpft ist.

Lenin unterzog unzählige Aufstände einer materialistisch - historischen Analyse, verglich sie miteinander und arbeitete ihre Unterschiedlichkeit heraus, insbesondere untersuchte er die jeweiligen konkreten Ursachen und Entstehungsgeschichte von Aufständen, verallgemeinerte die Erfahrungen, die Gründe für Sieg und Niederlage und zog daraus für die konkrete Vorbereitung, Durchführung und Leitung von Aufständen wertvolle Schlussfolgerungen, gab taktische Direktiven praktisch-organisatorischen Charakters soohl für den Fall des Sieges als als auch für den Fall der Niederlage des Aufstandes, also für einen geordneten Rückzug – und Lenin erwies sich in dieser Hinsicht als bester Schüler von Marx und Engels. An den einzelnen Kämpfen und Ausbrüchen lernt das Volk, was Revolution ist – und Lenins vortreffliche Sache war es, nicht hinter den Aufgaben der Stunde zurückzubleiben, sondern stets imstande zu sein, die nächstfolgende, höhere Stufe des Kampfes aufzuzeigen, die Erfahrungen und Lehren der Vergangenheit und der Gegenwart zu verwerten und die Arbeiter und Bauern immer nachdrücklicher und eindringlicher aufzufordern, vorwärts, immer weiter vorwärts zu stürmen, bis zum vollständigen Sieg des Volkes. Und Lenin ging noch weiter: Er richtete sein Augenmerk auch auf die Revolutionen in Westeuropa und stellte die notwendigen Verbindungen des russischen Aufstandes mit der internationalen Sozialdemokratie her, um zu verhindern, dass die europäische Bourgeoisie die europäischen Völker zwingt, die Rolle der Henker der russischen Freiheit zu spielen“ (Lenin, Band 8, Seite 558).

So verurteilte Lenin im europäischen Maßstab, dass die russische Konterrevolution die nationalen Grenzen zu überschreiten versuchte und deswegen bedeutete für Leninjedes Abweichen von der [internationalistischen – Anmerkung des Verfassers] Aufgabe des Aufstandes (...) , jede Ausflucht vor der Notwendigkeit, sich am Aufstand zu beteiligen [ + jede Ausflucht vor der Notwendigkeit, sich gegen die Bekämpfung des Aufstandes von außen aktiv zu beteiligen - eben im Lenin`schen Sinne des proletarischen Internationalismus – Anmerkung des Verfassers], eine Kapitulation vor der Bourgeoisie, eine Verwandlung des Proletariats in ihren Trabanten. Das Proletariat hat noch nirgends in der Welt und noch kein einziges Mal die Waffen aus der Hand gegeben, wenn ein ernsthafter Kampf entbrannt war; es ist noch kein einziges Mal vor dem verfluchten Erbe der Unterdrückung und Ausbeutung zurückgewichen, ohne dass es seine Kräfte mit dem Feind gemessen hätte“ (Lenin, Band 9, Seite 255-56). „Vom Aufstand, von seiner Kraft, vom natürlichen Übergang zu ihm zu sprechen und nichts über die revolutionäre Armee zu sagen, ist Unsinn und Konfusion, und zwar um so mehr, je besser mobilisiert, die konterrevolutionäre Armee ist“ (Lenin, Band 9, Seite 365). Heute von Weltrevolution, von ihrer Kraft zu reden, vom natürlichen Übergang zu ihr sprechen, ohne etwas über die revolutionäre Weltarmee zu sagen, ist mit den Worten Lenins ausgedrückt ebenso Unsinn und Konfusion, und zwar um so mehr, je besser mobilisiert die internationale konterrevolutionäre Armee ist !! Und das ist ja wohl zweifellos der Fall wie man täglich sieht oder etwa nicht? Von den Weltrevolutionären wird die revolutionäre Weltarmee nur von denjenigen ignoriert, die hoffnungslos im Schlepptau der Revisionisten einhertrotten. Die Unverzichtbarkeit der revolutionären Weltarmee ist der einzig richtige, der marxistisch-leninistische Weg; jeder Weg ohne sie ist revisionistisch ! Der Erfolg der Weltrevolution hängt ab 1. von der weltrevolutionären Agitation und Organisation, von der moralischen Kraft und 2. von der materiellen Kraft , der revolutionären Weltarmee, wobei die erste Bedingung längst anerkannt, die zweite aber noch längst nicht anerkannt ist, ja man kann sagen, dass sie eigentlich und tatsächlich erst erkannt wurde von der Komintern/ML und insbesondere durch dieses Lehrbuch und... dass es bis zu ihrer vollständigen (praktischen) Anerkennung noch entscheidender Kämpfe in der Zukunft bedarf. Aber die revolutionäre Weltarmee wird kommen, daran kann kein Zweifel sein, und das wird niemand weder ignorieren noch verhindern können!

Lenin veranschaulichte treffend die Haltung der damaligen menschewistischen Opportunisten („Neuiskristen“) zum Aufstand, ( -* und wir sprechen ja heute auch von den Revisionisten als „Feuerlöscher der Revolution“ - ) indem Lenin folgenden Vergleich heranzog:

Anstatt das Feuer dadurch zu schüren, dass man die Fenster einschlägt und dem frischen Luftzug der Arbeiteraufstände Zutritt gewährt, mühen sie sich im Schweiße ihres Angesichts, Spielzeugblasebälge zu erfinden und die revolutionäre Glut der Oswoboshdenzen [ „Bund der Befreiung“ 1902-1905; Organisation der liberalen Bourgeoisie unter Führung von P. B. Struve; Kern der liberal-monarchistischen Kadettenpartei , die später Vertreterin der imperialistischen Bourgeoisie wurde – Anmerkung des Verfassers ] dadurch anzublasen, dass sie ihnen närrische Forderungen und Bedingungen stellen (...) Einen wirklichen und nicht eingebildeten Druck kann man nur durch den Aufstand ausüben. Sobald der Bürgerkrieg das ganze Land erfasst, wird der Druck durch militärische Gewalt, in offener Schlacht ausgeübt, und alle anderen Versuche, einen Druck auszuüben, sind hohle und erbärmliche Phrasen“ (Lenin, Band 9, Seite 254). [Und es muss nicht extra wieder angemerkt werden, dass dies auch auf die Aufstände in allen Ländern, auf den internationalen Bürgerkrieg, auf das offene internationale Schlachtfeld zutrifft, wovon Lenin immer wieder gesprochen hat].

Für die Bourgeoisie ist die präventive Feuerbekämpfung von Aufständen die effektivste. Kann sie das Ausbrechen eines Aufstandes trotzdem nicht verhindern, bekämpft sie zunächst das Zentrum des Brandherdes, bekämpft sie das Feuer da, wo es sich nährt, richtet sie sich gegen die „Rädelsführer“, „Aufrührer“ und „Brandstifter“, die das Feuer schüren, bekämpft sie die Organisierung der Aufständischen. Treten die Brandherde an unabhängigen Orten einer nach dem anderen auf, kann jeder auch einer nach dem anderen gelöscht werden, bevor es zur Vereinigung und Zusammenfassung aller Teilbrände kommt; einzeln sind die Ausbrüche machtlos, das weiß auch die Konterrevolution, also versucht sie Schneisen zu legen. Hat sich der Brand aber erst einmal im Volk ausgebreitet zu einem unaufhaltsamen Feuersturm, wird es immer schwerer und schließlich unmöglich sein, den Aufstand mit der „Feuerwehr“ zu bekämpfen, und dann mischt man sich unter das Volk, um es zu betrügen und von „unten“ bzw. von „innen“ her die erhitzten Gemüter zu besänftigen und wieder die Macht zurückzuerobern. Aufstände sind nicht gleich Aufstände und deswegen muss man genau wissen, welchen man schüren [nicht zu verwechseln mit künstlichem Schüren!) und welchen man aufhalten muss. Auch die Bourgeoisie hat im Laufe der Geschichte gelernt, dass sie mit selbst provozierten Aufständen die für sie tatsächlich bedrohlichen und gefährlichen Aufstände bekämpfen können, dass man ihnen zuvorkommen kann, so wie die Feuerwehr bestimmte Brände legt, Gegenfeuer entfacht, um die Ausbreitung des eigentlichen Brandes einzudämmen oder zu verhindern: kurz, den Aufstand mit der Waffe des „Aufstandes“ zu schlagen. 1. Alles vermeiden, um einen Aufstand zu provozieren; Konfliktvermeidungsstrategien 2. Alles tun, um den Aufstand zu provozieren, um die Konzentration und Zentralisierung der aufständischen Kräfte vor der Entscheidungsschlacht aufzureiben und in die Organisierung mit Saboteuren und Provokateuren einzudringen – die Konterrevolution als „l` agent provocateur“. 3. Erbarmungslose Hetzjagd auf die niedergeschlagenen Aufständischen – Rachefeldzug; „Lehre erteilen“; dann wieder bis zum nächsten Aufstand 1.; 2.; 3.; usw.usf.

Ist die gesamte Bevölkerung zum „inneren Risiko“ geworden, sind Polizei und Armee auf sich allein gestellt schnell am Ende ihres „Lateins“. Mit Verfolgung revolutionärer Agitatoren kommt die Regierung nicht weiter, also schickt die Bourgeoisie ihre eigenen Gegenagitatoren ins Volk und hetzt die Medien gegen sie auf. Revolutionäre Organisationen unterdrücken, damit kann sich die Regierung nicht mehr begnügen, also organisiert sie selber ihre konterrevolutionären Verbände. Der Aufstand zwingt die Regierung nicht nur zu zittern, sondern Gegenrevolutionen zu inszinieren, und so organisiert die Konterrevolution ihre eigenen Aufstände, entfesselt sie den Bürgerkrieg. Aus Angst vor der Revolution greift die Regierung selber zu Waffen der Revolution: zur Organisation, zur Propaganda und Agitation. Mit diesem zweischneidigen Schwert, mit der die Regierung Schauspiele der Volksempörung inszeniert, maskiert sie ihren Faschismus/Sozialfaschismus, richtet sie ihren Staatsterror „legal“ gegen das aufständische Volk. Unterdrückung erzeugt bekanntlich den Kampf gegen die Unterdrückung, und der Kampf gegen die Unterdrückung erzeugt wiederum Gegenunterdrückung – ohne Revolution keine Gegenrevolution, ohne bewaffnete Gegenrevolution keinen bewaffneten revolutionären Kampf etc. Nun hat es in der Geschichte nicht wenige Beispiele gegeben, wo sich ausgerechnet die Konterrevolution der Kunst des Aufstandes bedient hat, um damit der Revolution zuvorzukommen und sie zu erwürgen, bevor sie ausbricht. All das muss stets auf die internationale Leinwand projeziert werden, denn die Weltbourgeoisie ist schon lange zur ihrer mehr oder weniger koordinierten internationalen Brandbekämpfung übergegangen, wird sie ihre Anstrengungen auf diesem Gebiet mit allergrößter Wahrscheinlichkeit weiter erhöhen – und zwar in dem Masse, wie die revolutionären Brände sich internationalisieren.

Schwer und mühselig ist der Weg der russischen Revolution. Jedem Aufschwung, jedem Teilerfolg folgt eine Niederlage, folgt Blutvergießen, folgen wüste Ausschreitungen der Selbstherrschaft gegen die Freiheitskämpfer. Doch nach jeder `Niederlage` wird die Bewegung immer breiter, der Kampf immer umfassender, die Masse der Klassen und Gruppen des Volkes, die in den Kampf hineingezogen werden und an ihm mitwirken, immer größer. Jedem Ansturm der Revolution, jedem Schritt vorwärts in der Organisierung der streitbaren Demokratie folgt ein geradezu wütender Ansturm der Reaktion, folgt ein Schritt vorwärts in der Organisierung der Schwarzhunderterelemente im Volk, jedesmal wächst die Unverfrorenheit der Konterrevolution, die verzweifelt um ihr Dasein kämpft. Aber die Kräfte der Reaktion schwinden trotz aller ihrer Anstrengungen unaufhaltsam. Auf die Seite der Revolution tritt ein immer größerer Teil der Arbeiter, Bauern und Soldaten, die gestern noch indifferent waren oder im Lager der Schwarzhunderter standen. Illusion um Illusion wird zerstört, immer mehr fallen die Vorurteile, die das russische Volk zu einem vertrauensseligen, geduldigen, treuherzigen, ergebenen, alles ertragenden und alles vergebenden Volk machten. Der Selbstherrschaft sind zahlreiche Wunden geschlagen, aber sie ist noch nicht tot. Sie steckt vom Kopf bis zu den Füßen in Binden und Bandagen, aber sie hält sich noch aufrecht, lebt noch, ja sie schlägt um so wütender um sich, je mehr sie blutet“ (Lenin, Band 11, Seite 122).

Mit provozierten Aufständen hat die Bourgeoisie schon bereits im 19. Jahrhundert ausprobiert, welche Wirkung ein kleiner „Aderlass“ hat. Zum blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom Juni 1848 sagte Engels:

Es war das erste Mal, dass die Bourgeoisie zeigte, zu welcher wahnsinnigen Grausamkeit der Rache sie aufgestachelt wird, sobald das Proletariat es wagt, ihr gegenüber als aparte Klasse mit eigenen Interessen und Forderungen aufzutreten. Und doch war 1848 noch ein Kinderspiel gegen ihr Wüten von 1871“ (Engels, MEW, Band 22, Seite 190).

Lenin verglich u.a. die Lehren aus der französischen Umwälzung der bürgerlichen Demokratie 1789 mit den Aufständen in Deutschland in den Jahren 1848 und 1849 und stellte fest, dass sie in Frankreich verwirklicht wurde, aber in Deutschland unvollendet blieb. Diese Besonderheiten sind auch der Bourgeoisie nicht unbekannt gewesen. Lenin kritisierte daher gerade solche bürgerlichen Schreiberlinge, die nur deswegen den deutschen Weg gegenüber dem französischen Weg vorzogen, weil sie von der Konterrevolution leichter einzudämmen waren. In den Jahren 1848 und 1849 gab es in Deutschland eine ganze Reihe von Aufständen und sogar provisorischen revolutionären Regierungen. Doch keiner dieser Aufstände war völlig siegreich. Der erfolgreichste Aufstand, der Berliner Aufstand vom 18. Märt 1848, endete nicht mit dem Sturz der Königsmacht, sondern mit Zugeständnissen des an der Macht gebliebenen Königs, der sich von der Teilniederlage sehr rasch erholen und alle diese Zugeständnisse zurücknehmen konnte. Der gelehrte Historiker der Bourgeoisie fürchtet also nicht die Aufstände des Volkes. Er fürchtet den Sieg des Volkes. Er fürchtet nicht, dass das Volk der Reaktion, der Bürokratie, der ihm verhassten Bürokratie, einen kleinen Denkzettel geben könnte. Er fürchtet den Sturz der reaktionären Macht durch das Volk. Er hasst die Selbstherrschaft und wünscht von ganzem Herzen ihren Sturz, Russlands Untergang aber erwartet er nicht von der Erhaltung der Selbstherrschaft, nicht von der Vergiftung des Volksorganismus durch das langsame Verfaulen des nicht abgetöteten Parasiten der monarchistischen Regierungsmacht, sondern vom vollen Sieg des Volkes“ (Lenin, Band 9, Seite 237).

Die Konterrevolution hat schon so manchen Aufstand provoziert und so manche Arbeiterklasse hat diesen Provokationen nicht widerstanden, so die Provokation eines rumänischen Bergarbeiteraufstandes zum Schutz des sozialfaschistischen Regimes gegenüber der rumänischen Bewegung für das ausländische Kapital. Das rumänische Proletariat hätte zunächst das eigene sozialfaschistische Regime stürzen und sogleich den revolutionären Kampf gegen die Vertreter des ausländischen Kapitals aufnehmen müssen. Die Arbeiterklasse kann sich weder auf die eine noch auf die andere Seite stellen, sie kann sich nur auf den Standpunkt ihrer eigenen Interessen stellen, wenn sie sich für den Weg des Aufstandes entschlossen hat.Proletarierblut ist zu kostbar, als dass man es ohne Not und ohne Hoffnung auf den Sieg vergießen dürfte“ (Lenin, Band 10, Seite 439). Die vom Geheimdienst provozierten Aufstände haben das Blut der Arbeiter somit nur vergossen, um sie noch tiefer ins Elend zu stürzen und der arbeiterfeindlichen Regierung noch fester in den Sattel zu helfen. Doch diese aufständischen Arbeiter sind durch eine harte Schule gegangen, in der sie gestählt und desillusioniert wurden. Es sind gerade diese aufständischen Arbeiter, die zukünftigen Provokationen am diszipliniertesten widerstehen werden. Die Beseitigung der Desillusionen, die ein provozierter Aufstand bei den Arbeitern hinterlassen hat, ist die erste Voraussetzung für den Sieg eines jeden erneuten Aufstandes, der sich ausschließlich auf die Selbständigkeit und auf die eigenen Kräfte der Aufständischen stützt, die sich nicht missbrauchen und nicht wieder in feindliches Gewässer manövrieren lassen, auch wenn es mit roter Tarnfarbe überstrichen ist.

Wir revolutionären Sozialdemokraten erblicken in den Aufstandsversuchen den Beginn des Aufstandes der Massen, einen missglückten, verfrühten, unrichtigen Beginn, aber wir wissen, dass die Massen den erfolgreichen Aufstand nur an Hand der Erfahrung missglückter Aufstände erlernen (...) Die durch die Kaserne am ärgsten eingeschüchterten Arbeiter und Bauern haben begonnen, sich zu erheben – so sagen wir. Daraus ergibt sich die klare und direkte Schlussfolgerung: man muss ihnen erläutern, um welcher Ziele willen und wie der erfolgreiche Aufstand vorzubereiten ist.

Die Liberalen urteilen anders: Die Soldaten werden zu `verzweifelten Protestausbrüchen` `getrieben` , sagen sie. Für die Liberalen ist der aufstämdische Soldat nicht Subjekt der Revolution, nicht der erste Vorbote der sich erhebenden Massen, sondern ein Objekt der Regierungswillkür (`man treibt ihn zur Verzweiflung`), das zur Demonstrierung dieser Willkür dient. Seht, wie schlecht unsere Regierung ist, dass sie die Soldaten zur Verzweiflung treibt und sie dann mit der Kugel zur Ruhe bringt – sagt der Liberale. (Schlussfolgerung: Seht ihr, wenn wir Liberalen an der Macht wärem, so gäbe es bei uns keine Soldatenaufstände.)

Seht, wie die revolutionäre Energie im Schoße der breiten Massenm heranreift – sagt der Sozialdemokrat-, wenn sogar die durch den Kasernenhofdrill niedergedrückten Soldaten und Matrosen sich zu erheben beginnen und dadurch, dass sie ihren Aufstand schlecht machen, lernen, wie man einen erfolgreichen Aufstand macht“ (Lenin, Band 18, Seite 374; 1912).

Jeder Aufstand, der mit einer Niederlage endet, bereitet den nächsten Aufstand vor, schafft sich die Bedingungen, die notwendig sind für einen erfolgreichen Ausgang des nächsten Aufstandes, lässt ungelöste Widersprüche offen, die sich verschärfen und erneut jene revolutionäre Situation heranreifen lassen, die einen erneuten Aufstand unvermeidlich macht. Solch eine günstige Situation sah Lenin 1905 gegeben, als sich Russland in einem volksfeindlichen Krieg befand und als der asiatische Konservatismus der Selbstherrschaft seine Fratze zeigte (siehe Lenin, Band 8, Seite 389).

Wann wird die taktische Losung des Aufstandes wieder von der Tagesordnung gestrichen?

Die Frage, wann die aufständischen proletarischen Kräfte „erschöpft“ sind, wann die Losung des Aufstandes abgesetzt werden müsse, ist eine äußerst wichtige und ernste Frage, die die Partei klipp und klar zu beantworten hat. Der Zeitpunkt der Absetzung der Losung des bewaffneten Aufstandes ist mindestens genauso wichtig wie der Zeitpunkt ihres Ausgebens – manchmal sogar noch wichtiger, was – wie die Erfahrung zeigt – häufig falsch eingeschätzt bzw. unterschätzt wird. Deswegen hat sich Lenin intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sie nicht dem Zufall, nicht der spontanen Bewegung überlassen, sondern ist wissenschaftlich an diese Frage herangegangen durch ökonomische Analyse, durch Feststellung der politischen Bestrebungen der verschiedenen Klassen, durch Untersuchung der Bedeutung der ideologischen Strömungen. Erst wenn all das bewiesen ist, werden wir alle Reden über den Aufstand für Phrasendrescherei erklären“ (Lenin, Band 11, Seite 349). Lenin bestand darauf hinzuweisen,dass es unsere Pflicht ist, den spontanen Aufstand in einen planmäßigen Aufstand umzuwandeln, indem wir zäh und beharrlich, im Laufe langer Monate oder vielleicht sogar Jahre an dieser Umwandlung arbeiten, nicht aber, uns vom Aufstand loszusagen, wie das alle möglichen Judasse tun“ (ebenda, Seite 350).

Nur wegen einer vorübergehend resignativen, gedrückten Stimmung, wegen einer Verschnaufpause darf man nicht den bewaffneten Aufstand von der Tagesordnung streichen. Erst dann, als Marx die unausbleibliche `Erschöpfung` der `wirklichen Revolution` sah – erst dann änderte er seine Ansicht. Und nachdem er seine Meinung geändert hatte, forderte er direkt ind offen, die Taktik grundlegend zu ändern und die Vorbereitung des Aufstandes völlig einzustellen“ (Lenin, Band 10, Seite 129). „Die äußere Ähnlichkeit der Dezemberniederlage der Arbeiter in Moskau mit der Juniniederlage der Arbeiter in Paris (1848) steht außer Zweifel. Hier wie dort wurde der bewaffnete Aufstand der Arbeiter von der Regierung `provoziert`, ehe die Arbeiterklasse genügend organisiert war. Hier wie dort siegte die Reaktion trotz des heroischen Widerstands der Arbeiter“ (Lenin, Band 10, Seite 130-131). Lenin unterstützte die Schlussfolgerungen, die der damals noch revolutionäre Kautsky aus einem Vergleich des russischen und französischen Aufstandes zog:

Vier grundlegende Unterschiede sieht Kautsky zwischen der Pariser Niederlage (1848) und der Moskauer Niederlage (1905) des Proletariats.

Erstens, die Niederlage von Paris war die Niederlage ganz Frankreichs. Nichts degleichen kann man von Moskau sagen. Die Arbeiter von Petersburg, Kiew, Odessa, Warschau und Lodz stehen noch ungebrochen da. Wenn auch von dem furchtbar schweren kampf erschöpft, der sich nun schon ein volles Jahr hinzieht, sind sie dennoch nicht entmutigt und sammeln nur Kräfte, um das Ringen um die Freiheit von neuem aufzunehmen.

Zweitens, ein noch wesentlicherer Unterschied besteht darin, dass die Bauern 1848 in Frankreich auf Seiten der Reaktion standen, während sie 1905 in Russland auf Seiten der Revolution stehen. Bauernaufstände lodern. Ganze Armeen sind aufgeboten, sie zu unterdrücken. Diese armeen verwüsten das Land, wie nur Deutschland im Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde. Die militärischen Exekutionen mögen die Bauern eune Zeitlang einschüchtern, aber sie vermehren nur ihr Elend, machen ihre Lage noch auswegloser. Sie werden unvermeidlich, ähnlich den Verwüstungen des Dreißugjährigen krieges, immer wieder neue Menschenmassen erzeugen, die genötigt sind, der bestehenden Ordnung den Krieg zu erklären, die das Land nicht zur Ruhe kommen lassen und bereit sind, sich jedem Aufstand anzuschließen.

Der dritte, außerordentlich wichtige Unterschied ist der Folgende: Die Revolution von 1848 war vorbereitet worden durch die Krise und die Hungersnot von 1847. Die Reaktion stützte sich auf das Ende der krise und den Aufschwung der Industrie. `Das jetzige Schreckensregiment in Rusland muss dagegen zur Verschärfung der wirtschaftlichen Depressopn führen, die seit Jahren auf dem Lande lastet`. Die Hungersnot von 1905 wird sich erst in den kommenden Monaten voll auswirken. Die Niederwerfung der Revolution ist ein großer Bürgerkrieg, ein Krieg gegen das ganze Volk. Dieser Krieg ist nicht minder kostspielig als der auswärtige Krieg, wobei er kein fremdes. Sondern das eigene Land zerstört. Ein finanzieller Zusammenbruch steht bevor. Und außerdem drohen die neuen Handelsverträge Russlands stärkstens zu erschüttern, ja sie können eine allgemeine ökonomische Weltkrise hervorrufen. Je länger also die Schreckensherrschaft der Reaktion dauert, desto verzweifelter wird die ökonomische Lage des Landes, desto gewaltiger schwillt die Empörung gegen das fluchwürdige Regime an. `Das ist eine Situation`, sagt Katsky,`die jede kraftvolle Erhebung gegen den Zarismus unwiderstehlich macht. Und an dieser Erhebung wird es nicht fehlen. Dafür wird das proletariat Russlands sorgen, das schon so viele herrliche Proben seines heldenmutes und seiner Selbstlosigkeit abgelegt hat`.

Der vierte von Kautsky aufgezeigte Unterschied ist für die russischen Marxisten von besonderem Interesse. Bei uns ist augenblicklich leider ein zahnloses, im Grunde rein kadettisches Gekicher über `Brownings` und `Kampfgruppen` im Schwange. Zu sagen, der Aufstand sei aussichtslos und es habe keinen Sinn mehr, ihn vorzubereiten, diese von Marx bewiesene Kühnheit und Offenheit bringt niemand auf. Aber über die militärischen Aktionen der Revolutionäre zu kichern, lieben wir sehr. Wir nennen uns Marxisten, aber vor einer Analyse der militärischen Seite des Aufstands (der Marx und Engels stets große Bedeutung beigemessen haben) drücken wir uns lieber, indem wir mit unnachahmlich erhabenem Doktrinarismus erklären: `Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen`. Kautsky verfährt anders. Wie wenig Angaben er zunächst auch über den Aufstand besaß, ist er dennoch bemüht, sich auch in die militärische Seite der Frage hineinzudenken. Er ist bemüht, die Bewegung als eine neue, von den Massen erarbeitete Form des Kampfes zu würdigen und nicht so, wie unsere revolutionären Kuropatkins [Prototyp eines Niederlagenstrategen – Anmerkung bei Lenin] Schlachten beurteilen: Was man dir gibt, das nimm; wenn man dich schlägt, dann laufe; und bist du geschlagen worden, nun, so hätte man eben nicht zu den Waffen greifen sollen!“ (Lenin, Band 10, Seite 131-132).

Die demokratische Revolution in Russland flaut keineswegs ab, sondern geht im Gegenteil einem neuen Aufschwung entgegen und die jetzige Periode verhältnismäßiger Ruhe ist nicht als eine Niederlage der revolutionären Kräfte zu betrachten, sondern als eine Periode der Sammlung revolutionärer Energie, der Aneignung aller politischen Erfahrungen der durchlaufenen Stadien, der Einbeziehung neuer Volksschichten in die Bewegung und folglich der Vorbereitung eines neuen, noch machtvolleren revolutionären Ansturms“ (Lenin, Band 10, Seite 143). „Wir müssen die Erfahrungen der Aufstände in Moskau, im Donezbecken, in Rostow und anderswo sammeln, diese Erfahrungen verbreiten, beharrlich und geduldig neue Kampfkräfte vorbereiten und sie in einer Reihe von Kampfaktionen der Partisanenschulen und stählen. Vielleicht wird der neue Ausbruch im Frühjahr noch nicht erfolgen, aber er rückt heran und ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht all zu fern. Er muss uns bewaffnet, militärisch organisiert und zu entscheidenden Angriffsaktionen befähigt finden“ (Lenin, Band 10, Seite 106). Das waren die Schlussfolgerungen Lenins aus den Aufständen – noch bessere Vorbereitung für die kommenden Aufstände treffen!Sorgen wir dafür, dass die neue Woge das russische Proletariat in neuer Kampfbereitschaft vorfindet“ (Lenin, Band 10, Seite 108).

Es ist möglich und vielleicht sogar am wahscheinlichsten, dass infolge der wachsenden Erregung und im Anschluss an einen der unvermeidlichen plötzlichen Ausbrüche der neue Kampf ebenso spontan und unerwartet wie die früheren Kämpfe entbrennen wird. Wenn das der Fall ist, wenn sich ein solcher Gang der Entwicklung uls unvermeidlich abzeichnet, dann werden wir auch keine Entscheidung über den Zeitpunkt der Aktion zu treffen brauchen, dann wird unsere ganze Aufgabe darin bestehen, unsere Agitation und unsere organisatorische Arbeit in allen oben aufgezeigten Richtungen zu verzehnfachen.

Vielleicht werden indes die Ereignisse von uns, den Führern, verlangen, dass wir den Zeitpunkt der Aktion bestimmen. Sollte dem so sein, so würden wir raten, die Aktion im gesamtrussischen Rahmen, den Streik und den Aufstand, auf das Ende des Sommers oder den Anfang des Herbstes, auf Mitte oder Ende August, anzusetzen. Es würde wichtig sein, die Bausaison in den Städten und die Beendigung der sommerlichen Feldarbeiten auszunutzen. Wenn es gelänge, eine Verständigung aller einflussreichen revolutionären Organisationen und Verbände über den Zeitpunkt der Aktion zu erzielen, dann wäre die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, eben zu der angesetzten zeit die Aktion zu beginnen. Ein gleichzeitiger Kampfbeginn in ganz Russland wäre ein gewaltiger Vorteil. Es hätte sogar wahrscheinlich keine verhängnisvolle Bedeutung, wenn die Regierung vom Zeitpunkt des Streiks unterrichtet wäre, handelt es sich doch nicht um eine Verschwörung, nicht um einen militärischen Überfall, der überraschend durchgeführt werden muss. Auf die Truppen in ganz Russland hätte es wahrscheinlich besonders demoralisierende Wirkung, wenn sie Woche um Woche der Gedanke beunrihigen würde, dass der Kampf unvermeidlich ist, wenn man sie wochenlang in Bereitschaft hielte, während die verschiedensten Organisationen zusammen mit einer Masse von `parteilosen` Revolutionären ihre Agitation immer zielbewusster betrieben (...) Vereinzelte und gänzlich nutzlose Ausbrüche, wie `Revolten` der Soldaten und hoffnungslose Aufstände der Bauern, könnten vielleicht verhindert werden, wenn das gesamte revolutionäre Russland fest an die Unvermeidlichkeit dieses großen allgemeinen Kampfes glaubte. Wir wollen jedoch wiederholen, dass dies nur im Falle einer vollen Verständigung aller einflussreichen Organisationen möglich ist. Andernfalls bleibt der alte Weg des spontanen Anwachsens der Erregung. (...) Die Wahrscheinlichkeit der Verschmelzung aller Teilaufstände zu einem allgemeinen Aufstand wird größer [auch im internationalen Maßstab !! – Anmerkung des Verfassers]. (...) Unsere Aufgabe ist es, die breiteste Agitation für den gesamtrussischen Aufstand zu entfalten, die hiermit zusammenhängenden politischen und organisatorischen Aufgaben zu erklären, alle Kräfte anzuspannen, so dass jedermann die Unvermeidlichkeit dieses Aufstandes erkennt, jedermann die Möglichkeit des gemeinsamen Ansturms sieht, so dass man nicht mehr zur `Revolte` schreitet, nicht zur `Demonstration` , zu einfachen Streiks und Demolierungen, sondern zum Kampf um die Macht, zum Kampf, dessen Ziel der Sturz der Regierung ist.“ (Lenin, Band 11, Seite 116-117). Für den Fall, dass es möglich ist, einen Aufschub von vorzeitigen Teilaufständen zu erreichen, sollte man dies unbedingt tun. Andernfalls, wenn darauf kein Einfluss mehr genommen werden kann, dann muss man diese Teilaufstände natürlich tatkräftig unterstützen, um zu erreichen, dass der Teilaufstand sich zum allgemeinen Aufstand ausweitet. So ist Lenin auch an den Aufstand von Sveaburg herangegangen (siehe Lenin, Band 11, Seite 118).

Lenin war im März 1906 nicht bereit, den Aufstand von der Tagesordnung zu streichen und bekämpfte die menschewistische „Resolution gegen den bewaffneten Aufstand“, weil er die Revolution als permanenten Prozess auffasste, der unter den sich verändernden Bedingungen durch neue Kampfmethoden unbedingt fortgesetzt werden müsse. Lenin war dafür, den Bürgerkrieg zu proklamieren und stellte deshalb die Losung der Vorbereitung, Durchführung und Überleitung defensiven zu offensiven Kampfformen des bewaffneten Aufstandes auf:

1. Der bewaffnete Aufstand ist gegenwärtig nicht nur ein notwendiges Mittel des Kampfes um die Freiheit, sondern eine faktisch schon erreichte Stufe der Bewegung, eine Stufe, die Kraft des Heranwachsens und der Zuspitzung einer neuen politischen Krise den Übergang von defensiven zu offensiven Formen des bewaffneten Kampfes einleitet;

2. Der politische Generalstreik ist im gegenwärtigen Zeitabschnitt der Bewegung nicht so sehr als ein selbständiges Kampfmittel denn vielmehr als ein Hilfsmittel für den Aufstand [hervorgehoben vom Verfasser] zu betrachten; daher ist es wünschenswert, die Wahl des Zeitpunkts für einen solchen Streik, die Wahl des Ortes und der Arbeitszweige, die er erfassen soll, dem Zeitpunkt und den Bedingungen der Hauptform des Kampfes, des bewaffneten Aufstands, unterzuordnen [hervorgehoben vom Verfasser];

3. In der Propaganda- und Agitationsarbeit der Partei muss verstärkte Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, die praktischen Erfahrungen des Dezemberaufstandes zu studieren, seine militärische Seite zu kritisieren und die unmittelbaren Lehren für die Zukunft zu ziehen;

4. Es ist eine noch energischere Tätigkeit zu entfalten, um die Zahl der Kampfgruppen zu vergrößern, ihre Organisation und ihre Versorgung mit Waffen aller Art zu verbessern, wobei die Kampfgruppen, wie die Erfahrunge gelehrt hat, nicht nur aus Mitgliedern der Partei, sondern auch aus mit ihr Sympathisierenden oder völlig Parteilosen organisiert werden müssen;

5. Es ist notwendig, die Arbeit in den Truppen zu verstärken, wobei man im Auge behalten muss, dass für den Erfolg der Bewegung die Gärung in den Truppen allein nicht genügt, sondern dass eine direkte Verständigung mit organisierten, revolutionär-demokratischen Elementen der Truppe zwecks entschiedenster offensiver Aktionen gegen die Regierung erforderlich ist;

6. Im Hinblick auf die anwachsende Bauernbewegung, die in nächster Zukunft zu einem richtigen Aufstand entflammen kann, ist es wünschenswert, dass Anstrengungen gemacht werden, um ein einheitliches Vorgehen der Arbeiter und der Bauern herbeizuführen und möglichst gemeinsame und gleichzeitige Kampfaktionen zu irganisieren“ (Lenin, Band 10, Seite 145).

Die Lehren aus dem ersten russischen Bauernaufstand von 1902 zog Lenin wie folgt:

Die klassenbewussten Arbeiter werden aus allen Kräften bemüht sein, den Bauern klarzumachen, warum der erste Bauernaufstand (1902) niedergeschlagen worden ist und was man tun muss, damit die Bauern und Arbeiter und nicht die Zarenknechte den Sieg davontragen. Der Baiernaufstand wurde niedergeschlagen, weil er der Aufstand einer unwissenden, unbewussten Masse war, ein Aufstand ohne bestimmte, klare politische Forderungen, d.h. ohne die Forderung, die Staatsordnung zu ändern. Der Bauernaufstand wurde niedergeschlagen, weil er nicht vorbereitet war. Der Bauernaufstand wurde niedergeschlagen, weil die Proletarier der Dörfer mit den Proletariern der Städte noch nicht verbündet waren. Das sind drei Ursachen des ersten Misserfolgs der Bauern. Für einen erfolgreichen Aufstand ist es notwendig, dass er eine bewusste und vorbereitete Aktion ist, dass er ganz Russland erfasst und im Bunde mit den städtischen Arbeitern unternommen wird. (...) Die Bauernaufstände werden aufhören, gefühlsmäßige Ausbrüche zu sein, sobald immer größere Massen des Volkes das verstehen werden“ (Lenin, Band 6, Seite423 und 424). „Dem Bauernaufstand müssen wir auf jede Art und Weise helfen, bis zur Konfiskation der Ländereien einschließlich – aber durchaus nicht bis zu allerlei kleinbürgerlichen Projekten einschließlich. Wir unterstützen die Bauernbewegung, soweit sie revolutionär-demokratisch ist. Wir bereiten uns vor (und zwar sofort, unverzüglich), sie zu bekämpfen, sobald sie sich als reaktionär, als antiproletarisch entpuppen wird. Der ganze Sinn des Marxismus liegt in dieser doppelten Aufgabe, die nur von Leuten, die den Marxismus nicht verstehen, vereinfacht und zu einer einheitlichen und gewöhnlichen Aufgabe verflacht werden kann“ (Lenin, Band 9, Seite 231). „Wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratische Revolution zu vollbringen, damit es uns, der Partei des Proletariats, um so leichter sei, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution, überzugehen. Wir versprechen nach dem Siege des jetzigen Bauernaufstands keinerlei Harmonie, keinerlei Ausgleichung und keinerlei `Sozialisierung`, im Gegenteil, wir `versprechen` neuen Kampf, neue Ungleichheit und eine neue Revolution. (...) Wir sind für den Aufstand der Bauernschaft.(...) Es lebe der Aufstand gegen die Selbstherrschaft in Stadt und Land! Es lebe die revolutionäre Sozialdemokratie, die Vorhut der gesamten revolutionären Demokratie in der gegenwärtigen Revolution!“ (ebenda, Lenin, Band 9, Seite 233 und 234).

Lenin hob hervor, dass das Bündnis zwischen der Bauernschaft und dem proletariat die ganze Periode der russischen Revolution 1905 – 1907 beherrscht hat:

Der Oktoberstreik und der Dezemberaufstand wie die örtlichen Bauernaufstände und die Aufstände der Soldaten und Matrosen waren eben das `Bündnis der Kräfte` des Proletariats und der Bauernschaft. Dieses Bündnis kam spontan zustande, hatte noch keine bestimmte Form und wurde oft unbewusst geschlossen. Diese Kräfte waren noch recht unorganisiert, zersplittert, entbehrten einer wirklich leitenden zentralen Führung usw, aber die Tatsache des `Bündnisses der Kräfte` des Proletariats und der Bauernschaft als die Hauptkräfte, die in die alte Selbstherrschaft eine Bresche schlugen, kann nicht mehr bestritten werden“ ( Lenin, Band 15, Seite 332).

Und im Zusammenhang mit der Revolution von 1905 verband Lenin die Ziele des allgemeinen Aufstandes mit der Forderung derVertreibung der Gutsbesitzer und die Inbesitznahme ihrer Ländereien. Zweifellos müssen die Bauern noch vor der Entscheidung der vom Volke gewählten konstituierenden Versammlung bestrebt sein, den gutsherrlichen Grundbesitz faktisch zu beseitigen. Darüber braucht man nicht viel Worte zu verlieren, weil sich wohl niemand einen Bauernaufstand vorstellen kann, bei dem nicht mit den Gutsbesitzern abgerechnet und nicht ihr Land in Besitz genommen würde. Es versteht sich, dass es um so seltener zur Vernichtung von Baulichkeiten, Inventar, Vieh usw. kommen wird, je bewusster und je besser organisiert dieser Aufstand ist. Vom militärischen Standpunkt aus sind Zerstörungen, die bestimmten militärischen Zwecken dienenz.B. das Niederbrennen von Gebäuden oder manchmal auch von Inventar - , Maßregeln, die durchaus gerechtfertigt und in bestimmten Fällen unerlässlich sind [unterstrichen vom Verfasser]. Nur Pedanten (oder Volksverräter) können es besonders beklagen, dass die Bauern stets zu solchen Mitteln greifen. Aber es hat keinen Zweck, die Augen davor zu verschließen, dass die Zerstörung von Gebäuden und Inventar mitunter nur eine Folge der Unorganisiertheit ist, der Unfähigkeit, vom Eigentum des Feindes Besitz zu ergreifen und es festzuhalten, anstatt es zu zerstören – oder eine Folge der Schwäche, wenn nämlich der Kämpfende sich an seinem Gegner rächt, weil er nicht die Kraft hat, ihn vernichtend zu schlagen. Wir müssen natürlich in unserer Agitation den Bauern einerseits auf jede Art und Weise klarmachen, dass der erbarmungslose Kampf gegen den Feind – bis zur Zerstörung seines Eigentums – völlig rechtmäßig und notwendig ist, andererseits aber ihnen zeigen, dass, abhängug vom Grade der Organisiertheit, ein bedeutend vernünftigerer und vorteilhafterer Ausgang möglich ist: die Ausrottung des Feindes (der Gutsbesitzer und der Beamten, insbesondere der Polizei) und die Übergabe allen Eigentums in den Besitz des Volkes oder in den Besitz der Bauern ohne jede Zerstörung (oder bei möglichst geringer Zerstörung) dieses Eigentums“ (Lenin, Band 11, Seite 110). Dass der Grad der Organisiertheit im internationalen Maßstab am höchsten sein muss, dass dies eine noch viel scherere Aufgabe ist und noch größerer Anforderungen und Anstrengungen bedarf, braucht wohl nicht näher begründet zu werden.



Was die Soldatenaufstände der Jahre 1905/1906 anbelangte, so stellte er deren Niederlagen in den Zusammenhang mit der sozialen Zusammensetzung der Soldaten: Man nehme die Soldatenaufstände der Jahre 1905/1906. Ihrer sozialen Herkunft nach stammten diese Kämpfer unserer Revolution aus der Bauernschaft und dem Proletariat. Das letztere bildete die Minderheit; darum zeigt die Bewegung innerhalb des Heeres auch nicht annähernd jene Geschlossenheit im Maßstab ganz Russlands, nicht jenes Parteibewusstsein, wie das Proletariat es an den Tag legte, das wie auf einen Wink mit dem Zauberstab sozialdemokratisch wurde. Andererseits ist nichts irriger als die Auffassung, die Soldatenaufstände seien misslungen, weil es an Führern aus dem Offizierskorps gefehlt hätte. Im Gegenteil, der gigantische Fortschritt der Revolution seit den Zeiten der `Narodnaja Wolja` äußerte sich gerade darin, dass der `Muschkote` , dessen Selbständigkeit die liberalen Gutsherren und das liberale Offizierskorps so sehr erschreckte, zur Waffe gegen die Obrigkeit griff. Der Soldat war voller Sympathie für die Sache der Bauern; seine Augen leuchteten auf, sobald nur ein Wort vom Boden fiel. So manches Mal ging die Befehlsgewalt in der Truppe in die Hände der Soldatenmasse über, aber entschlossen ausgenutzt wurde diese Gewalt fast nie; die Soldaten schwankten; einige Tage, mitunter wenige Stunden, nachdem sie irgendeinen verhassten Vorgesetzten getötet hatten, setzten sie die anderen wieder auf freien Fuss, nahmen Verhandlungen mit den Behörden auf und ließen sich dann erschießen, sich mit Ruten auspeitschen, sich wieder ins Joch spannen (...)“ (Lenin, Band 15, Seite 203). Was die Frage der sozialen Zusammensetzung der Armee Maos zur Befreiung Chinas anbelangt, so sei hier eine kurze Anmerkung gestattet: An Hand der hier von Lenin gegebenen Einschätzung muss man auch die Schwächen in der Entwicklung des chinesischen Befreiungskampfes an der sozialen Zusammensetzung der Befreiungsarmee festmachen. Mao hat die führende Rolle des Proletariats in der Armee völlig unterschätzt, ja nicht nur das, er hat sogar diejenigen in seinen eigenen Reihen bekämpft, die dies zu korrigieren versuchten. Doch dazu später Genaueres.



Im März 1906 bestimmte Lenin das weitere taktische Vorgehen der provisorischen revolutionären Regierung und der örtlichen Organe der revolutionären Staatsmacht auf Grund der Erfahrungen des bewaffneten Aufstandes, die er folgendermaßen zusammenfasste,

1. dass die revolutionäre Bewegung gegen die absolutistische Regierung beim Übergang zum bewaffneten Kampf bislang die Form isolierter örtlicher Aufstände angenommen hat;

2. dass in diesem Kampf die Elemente (...) vor die Notwendigkeit gestellt waren, Organisationen zu schaffen, die faktisch Keimformen einer neuen, revolutionären Staatsmacht darstellten – Sowjets der Arbeiterdeputierten (...);

3. dass entsprechend der anfänglichen, der Keimform des Aufstandes diese seine Organe genauso isoliert, zufällig, in ihrem Handeln unentschlossen waren und sich nicht auf eine organisierte bewaffnete Macht der Revolution stützten, weshalb sie bei den ersten Angriffshandlungen der konterrevolutionären Armee unvermeidlich zum Untergang verurteilt waren;

4. dass nur eine provisorische Regierung als Organ des siegreichen Aufstands imstande ist, jeglichen Widerstand der Reaktion zu brechen (...)

Einerlei, ob eine Teilnahme der Sozialdemokratie an einer provisorischen revolutionären Regierung möglich sein wird, ist in den breitesten Schichten des Proletariats der Gedanke zu propagieren, dass ein ständiger Druck auf die provisorische Regierung durch das bewaffnete und von der Sozialdemokratie geführte Proletariat notwendig ist, damit die Errungenschaften der Revolution gesichert, gefestigt und erweitert werden“ [hervorgehoben vom Verfasser];

Bei der Ausweitung der Tätigkeit und der Einflusssphäre der Sowjets der Arbeiterdeputierten ist unbedingt darauf hinzuweisen, dass solche Einrichtungen, falls sie sich nicht auf eine revolutionäre Armee stützen und die Regierungsbehörden nicht stürzen (d.h., sich nicht in provisorische revolutionäre Regierungen verwandeln), unvermeidlich zum Untergang verurteilt sind; daher muss die Bewaffnung des Volkes und die Verstärkung der militärischen Organisationen des Proletariats als eine Hauptaufgabe dieser Einrichtungen in jeder revolutionären Situation betrachtet werden.

Zeitweilige Kampfabkommen sind im gegebenen Zeitpunkt nur mit Elementen statthaft und zweckmäßig, die den bewaffneten Aufstand als Kampfmittel anerkennen und ihn aktiv unterstützen“ (Lenin, Band 10, Seite 147-148 – 149 – 150).

Und Lenin sagte auch, warum diese Bedingung notwendig war:

Die Sitzungen der Reichsduma hatten begonnen – in wahren Sturzbächen ergossen sich die liberal-bürgerlichen Reden vom friedlichen, konstitutionellen Weg -, und zugleich haben die von Agenten der Regierung organisierten Überfälle auf friedliche Demonstranten, Brandstiftungen in Häusern, wo Volksversammlungen stattfinden, und schließlich direkte Progrome eingesetzt und sich immer mehr verstärkt (...) Man kann der alten Macht, die stets die Gesetze selbst gemacht hat und die mit den letzten, den verzweifeltsten, barbarischsten und bestialischsten Mitteln um ihre Existenz kämpft, nicht durch einen Appell an die Gesetzlichkeit Einhalt gebieten!“ (Lenin, Band 10, Seite 514 und 515).

Ein Appell findet besonders Widerhall unter den Massen in der revolutionären Phase. Ist diese Periode am Abflauen, tritt eine Revolutionsphase ein, wo eine ganze Reihe von Appellen keinen Widerhall in den Massen mehr gefunden hat (obwohl es damals im Juni 1907 noch zu militärischen Aufständen in Kiew und in der Schwarzmeerflotte gekommen war!!) , dann trifft das ein, was Lenin über den Appell in Worten“ 1907 gesagt hat: Wenn der Kampf im Gange ist, sich ausdehnt, anwächst, von allen Seiten näherrückt, dann ist eine `Proklamierung` gerechtfertigt und notwendig, dann ist es Pflicht des revolutionären Proletariats, den Schlachtruf auszugeben. Doch erfinden kann man diesen Kampf nicht, man kann ihn auch nicht durch einen Schlachtruf allein auslösen. Und wenn eine ganze Reihe von Kampfappellen, die wir aus unmittelbaren Anlässen erprobten, sich als resultatlos erwiesen hat, so müssen wir natürlicherweise ernste Gründe für die `Proklamierung` einer Losung suchen, die unsinnig ist, wenn nicht die Bedingungen für die Realisierung der Kampfappelle betehen“ (Lenin, Band 13, Seite 22).

Es ist höchst wichtig, sich über den Satz klarzuwerden, den die Erfahrungen aller Länder, in denen die Revolution Niederlagen erlitten hat, bestätigen, dass nämlich in der Niedergeschlagenheit des Opportunisten wie in der Verzweiflung des Terroristen ein und dieselbe psychische Wesensart, ein und dieselbe spezifische Klassennatur, z. B. des Kleinbürgertums, zum Ausdruck kommt“ (Lenin, Band 15, Seite 145).

Die Lehren des bewaffneten Aufstands von 1905, die Lehren des bewaffneten proletarischen Kampfes überhaupt besagen, dassalles, was den Feinden abgerungen, alles was an Errungenschaften von Dauer ist, nur in dem Maße abgerungen und zu halten [ist], wie der revolutionäre Kampf auf allen Gebieten proletarischer Arbeit stark und lebendig ist“ (Lenin, Band 17, Seite 112).

Wie reifte der Aufstand von 1905 heran und was führte zu seiner Niederlage? Eine abschließende kurze Zusammenfassung gibt Lenin wie folgt:

Wie reifte der Aufstand von 1905 heran?

Erstens häuften sich durch Massenstreiks, Demonstrationen und Kundgebungen die Zusammenstößte der menge mit Polizei und Militär.

Zweitens ermunterten die Massenstreiks die Bauernschaft zu einer Reihe einzelner, zersplitterter, halb spobtaner Aufstände.

Drittens griffen die Massenstreiks sehr schnell auf Heer und Flotte über, lösten Zusam,menstöße auf wirtschaftlicher Basis („erbsenmeutereien“ usw.) und dann Aufstände aus.

Viertens begann die Konterrevolution selbst den Bürgerkrieg mit Progromen, Misshandlungen von demokraten isw.

Die Revolution von 1905 endete keineswegs deshalb mit einer Niederlage, weil sie „zu weit“ gegangen, weil der Dezemberaufstand „künstlich“ gewesen wäre, wie die liberalen Renegaten usw. glauben. Im Gegenteil, die Ursache der Niederlage liegt darin, dass die Erkenntnis seiner Notwendigkeit in den revolutionären Klassen nicht weit genug vorbereitet war und nicht genügend festen Fuß gefasst hatte, dass der Aufstand nicht einmütig, entschlossen, organisiert, gleichzeitig, offensiv durchgeführt wurde“ (Lenin, Band 18, Seite 96).

 

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