DEUTSCH

 


 

 

 

 

 

12. Januar 1848

Revolution in Palermo

 

 

 

 

Bürgerlich-demokratische Revolution

in Italien 1848

 

wie Marx und Engels sie sahen ...

 

Auf Grund des allgemeinen Wahlrechts, das durch den Volksaufstand vom 16. November 1848 erkämpft worden war, und der weiteren Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rom wurde am 21. Januar 1949 die Konstituierende Versammlung gewählt, die am 9. Februar dem Papst die weltliche Macht entzog und die Republik ausrief. Die Römische Republik bestand bis 3. Juli 1849. Sie wurde durch die österreichische und französische Intervention wieder beseitigt.

* * *

Eine deutsche Revolution ist eine ganz anders ernsthafte Sache als eine neapolitanische. In Neapel stehen sich bloß Östreich und England gegenüber; in einer deutschen Revolution stehen sich der ganze Osten und der ganze Westen gegenüber. Eine neapolitanische Revolution hat von selbst ihr Ziel erreicht, sobald entschiedene Bourgeois-Institutionen erobert sind; eine deutsche fängt erst recht an, wenn sie so weit gekommen ist.

Daher müssen die Deutschen erst vor allen übrigen Nationen gründlich kompromittiert sein, sie müssen noch mehr, wie sie es schon sind, zum Gespött von ganz Europa werden, sie müssen gezwungen werden, die Revolution zu machen. Dann aber werden sie auch aufstehen, nicht die feigen deutschen Bürger, sondern die deutschen Arbeiter; sie werden sich erheben, der ganzen unsaubern, verworrenen offiziellen deutschen Wirtschaft ein Ende machen und durch eine radikale Revolution die deutsche Ehre wiederherstellen. (Friedrich Engels, Drei neue Konstitutionen; MEW, Band 4, Seite 518)



Friedrich Engels

 

Die Bewegungen von 1847

[„Deutsche-Brüsseler-Zeitung"
Nr. 7 vom 23. Januar 1848]

Italien

In Italien haben wir das merkwürdige Schauspiel erlebt, daß der Mann, der die reaktionärste Stellung in ganz Europa einnimmt, der die versteinerte Ideologie des Mittelalters repräsentiert, daß der Papst [Pius IX. - 2 Leopold II., Großherzog von Toskana] sich an die Spitze einer liberalen Bewegung gestellt hat. Die Bewegung ist über Nacht mächtig geworden, sie hat den östreichischen Erzherzog in Toskana2 und den Verräter Karl Albert von Sardinien mit fortgerissen, sie unterwühlt den Thron Ferdinands von Neapel, ihre Wogen schlagen über die Lombardei bis an die Tiroler und Steirischen Alpen.

Die gegenwärtige Bewegung in Italien ist dieselbe, die in Preußen 1807 bis 1812 vor sich ging. Es handelt sich, wie damals in Preußen, um zweierlei:

um Unabhängigkeit nach außen, um Reformen nach innen. Man verlangt vorderhand keine Konstitutionen, man verlangt bloße administrative Reformen, man vermeidet einstweilen alle ernstlichen Konflikte mit der Regierung, um gegenüber der fremden Übermacht möglichst einig zu sein. Aber welcher Art sind diese Reformen? wem kommen sie zugut? Vor allen Dingen der Bourgeoisie. Die Presse wird begünstigt, die Bürokratie wird dem Interesse der Bourgeoisie dienstbar gemacht (vgl. die sardinischen Reformen, die römische Consulta und die Reorganisation der Ministerien), die Bourgeois erhalten ausgedehntem Einfluß auf die Kommunalverwaltung, das bon plaisir des Adels und der Bürokratie wird beschränkt, die Bourgeoisie wird als guardia civica2 bewaffnet. Bis jetzt sind alle Reformen ausschließlich im Interesse der Bourgeoisie gewesen und mußten es sein. Man vergleiche hiermit die preußischen Reformen aus der napoleonischen Zeit. Es sind genau dieselben, nur daß sie in vieler Beziehung noch weiter gehen: die Administration dem Interesse der Bourgeoisie untergeordnet, die Willkür des Adels und der Bürokraten gebrochen, die Städteordnung, die Landwehr, die Ablösung der Frondienste. Wie damals in Preußen, ist jetzt.in Italien die Bourgeoisie, vermöge ihres steigenden Reichtums und namentlich vermöge der steigenden Bedeutung der Industrie und des Handels für die Existenz des ganzen Volks, die Klasse geworden, von der die Befreiung des Landes aus der Fremdherrschaft hauptsächlich abhängt. Die Bewegung in Italien ist also eine entschiedene Bourgeoisbewegung.

Alle reformbegeisterten Klassen, von Fürsten und Adel bis zu den Pifferari und Lazzaroni, treten einstweilen als Bourgeois auf, und der Papst ist vorderhand der erste Bourgeois von Italien. Aber alle diese Klassen werden sich sehr enttäuscht finden, sobald das östreichische Joch einmal abgeschüttelt sein wird. Dann, wenn die Bourgeois mit dem auswärtigen Feinde fertig sind, werden sie zu Hause die Böcke von den Schafen scheiden; dann werden die Fürsten und Grafen Ostreich wieder um Hilfe anschreien, aber es wird zu spät sein, und dann werden die Arbeiter von Mailand, Florenz und Neapel entdecken, daß ihre Arbeit erst recht anfängt.

Wir können uns sogar eines ironischen Lächelns nicht erwehren, wenn wir sehen, mit welchem schrecklichen Ernst, mit welcher pathetischen Begeisterung fast überall die Bourgeois ihren Zwecken nachstreben.

Die Herren glauben wirklich, sie arbeiteten für sich selbst. Sie sind beschränkt genug, zu glauben, daß mit ihrem Siege die Welt ihre definitive Gestaltung bekomme. Und doch ist nichts augenscheinlicher, als daß sie nur uns, den Demokraten und Kommunisten, überall den Weg bahnen, als daß sie höchstens einige Jahre unruhigen Genusses erobern werden, um alsdann sofort wieder gestürzt zu werden. Überall steht hinter ihnen das Proletariat, hier an ihren Bestrebungen und teilweise an ihren Illusionen teilnehmend, wie in Italien und der Schweiz, dort schweigsam und zurückhaltend, aber unterderhand den Sturz der Bourgeoisie vorbereitend, wie in Frankreich und Deutschland; dort endlich, in England und Amerika, in offner Rebellion gegen die herrschende Bourgeoisie.

Wir können noch mehr tun. Wir können den Bourgeois das alles geradezu sagen, wir können mit offenen Karten spielen. Sie mögen es vorher wissen, daß sie nur in unsrem Interesse arbeiten. Sie können darum doch ihren Kampf gegen die absolute Monarchie, den Adel und die Pfaffen nicht aufgeben.

Sie müssen siegen oder schon jetzt untergehen.

Ja, in sehr kurzer Zeit werden sie in Deutschland sogar unseren Beistand anrufen müssen.

Kämpft also nur mutig fort, ihr gnädigen Herren vom Kapital! Wir haben euch vorderhand nötig, wir haben sogar hie und da eure Herrschaft nötig.

Ihr müßt uns die Reste des Mittelalters und die absolute Monarchie aus dem Wege schaffen, ihr müßt den Patriarchalismus vernichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger besitzlosen Klassen in wirkliche Proletarier, in Rekruten für uns, verwandeln, ihr müßt uns durch eure Fabriken und Handelsverbindungen die Grundlage der materiellen Mittel liefern, deren das Proletariat zu seiner Befreiung bedarf. Zum Lohn dafür sollt ihr eine kurze Zeit herrschen. Ihr sollt Gesetze diktieren, ihr sollt euch sonnen im Glanz der von euch geschaffnen Majestät, ihr sollt bankettieren im königlichen Saal und die schöne Königstochter freien, aber, vergeßt es nicht - „Der Henker steht vor der Türe."

 

"Die Niederlage der italienischen Revolution wird das Signal sein zum Losbruch der europäischen Revolution."

Friedrich Engels



Friedrich Engels

Die öffentliche Meinung in Deutschland ist entschieden auf seiten der Italiener. Das deutsche Volk hat ein ebenso großes Interesse am Fall Östreichs wie das italienische. Es begrüßt mit ungeteiltem Beifall jeden Fortschritt der Italiener, und es wird, so hoffen wir, zur rechten Zeit nicht auf dem Schlachtfelde fehlen, um der ganzen östreichischen Herrlichkeit ein für allemal ein Ende zu machen.

F. Engels

MEW, Band 4, S. 526 - 527

"Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 16 vom 24. Februar 1848



Friedrich Engels

Italien,

das sich Preßfreiheit, Geschworne, Konstitution eroberte, ehe denn Deutschland aus dem faulsten Schlaf erwachte; Italien, das in Palermo die erste Revolution dieses Jahres durchkämpfte; Italien, das in Mailand die "unübertrefflichen" Österreicher ohne Waffen besiegte.

(Friedrich Engels - MEW, Band 5, Seite 369 - 372)

 



Friedrich Engels

Der Irrtum der Italiener besteht jetzt darin, daß sie von der gegenwärtigen Regierung Frankreichs Rettung erwarten. Nur der Sturz dieser Regierung könnte sie erretten. Die Italiener irren ferner darin, daß sie die Befreiung ihres Landes für möglich halten, während in Frankreich, Deutschland etc. die Demokratie täglich mehr an Terrain verliert. Die Reaktion, unter deren Schlägen jetzt Italien erlegen, ist kein bloß italienisches, sie ist ein europäisches Faktum. Italien kann sich nicht allein befreien aus den Krallen dieser Reaktion und am wenigsten durch Anrufung der französischen Bourgeoisie, die für die Reaktion in ganz Europa gerade den eigentlichen Eckpfeiler bildet.

Erst muß die Reaktion in Frankreich selber besiegt sein, ehe sie in Italien und Deutschland vernichtet werden kann. Erst muß also dort die demokratisch-soziale Republik proklamiert sein, erst muß das französische Proletariat seiner Bourgeoisie den Fuß auf den Nacken gesetzt haben, ehe an den dauerhaften Sieg der Demokratie in Italien, Deutschland, Polen, Ungarn etc. zu denken ist.

Geschrieben von Friedrich Engels

(Friedrich Engels - MEW, Band 5, Seite 376 - 377)

 


 


Karl Marx

Brief an den Redakteur der Zeitung "L'Alba"

Geschrieben Ende Mai 1848.
Aus dem Italienischen. 

MEW, Band 5, S. 8 - 9


["L'Alba" Nr. 258 vom 29. Juni 1848]

<8> Geehrter Herr!

Unter dem Titel "Neue Rheinische Zeitung" und unter der Leitung von Herrn Karl Marx wird hier in Köln ab 1. Juni d.J. eine neue Tageszeitung herausgegeben. Diese Zeitung wird bei uns im Norden Europas die gleichen demokratischen Grundsätze verfechten, die "L'Alba" in Italien vertritt. Es kann daher nicht zweifelhaft sein, welche Stellung wir hinsichtlich der gegenwärtig schwebenden italienisch-österreichischen Frage einnehmen werden. Wir werden die Sache der italienischen Unabhängigkeit verteidigen und den österreichischen Despotismus in Italien genau wie in Deutschland und Polen auf Tod und Leben bekämpfen. Wir reichen dem italienischen Volk brüderlich die Hand und wollen ihm zeigen, daß die deutsche Nation in jeder Weise die Unterdrückungspolitik verwirft, die bei Ihnen von den gleichen Leuten durchgeführt wird, die auch bei uns immer die Freiheit verfolgt haben. Wir wollen alles tun, um die Einigkeit und das gute Einvernehmen der beiden großen und freien Nationen herbeizuführen, die ein schändliches Regierungssystem bisher glauben ließ, sie seien Feinde. Aus diesem Grunde werden wir fordern, daß die brutale österreichische Soldateska unverzüglich Italien verläßt und das italienische Volk ohne jede Bevormundung eine Regierungsform wählen kann, die seinem Willen entspricht.

Um uns zu ermöglichen, die italienischen Verhältnisse zu beobachten, und um Ihnen Gelegenheit zu bieten, die Aufrichtigkeit unserer Versprechungen zu beurteilen, schlagen wir Ihnen einen Austausch unserer beiden Zeitungen vor; wir würden Ihnen also die "Neue Rheinische Zeitung" und Sie uns "L'Alba" täglich übermitteln. Wir hoffen, daß es Ihnen gefallen möge, diesen Vorschlag zu akzeptieren, und bitten, die Versendung der <9> "L'Alba" so bald wie möglich zu beginnen, damit wir schon in unseren ersten Nummern davon Nutzen haben.

Sollte es sich ergeben, daß Sie auch andere Mitteilungen nach hier zu senden haben, so bitten wir Sie, dies zu tun, wobei wir Ihnen versprechen, daß alles, was der Sache der Demokratie in dem einen oder anderen Land dienen kann, bei uns stets die größte Aufmerksamkeit finden wird.

Mit brüderlichem Gruß!

Die Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung"

Der Redakteur Dr. Karl Marx

 

 

Italienische Antwort auf den Brief von Karl Marx

" ... Wir danken Euch herzlich für die Achtung, welche Ihr gegen unser armes Italien hegt. Indem wir Euch aufrichtig versichern, daß die Italiener sämtlich wissen, wer eigentlich ihre Freiheit antastet und bekämpft, und daß ihr tödlichster Feind nicht sowohl das mächtige und hochherzige deutsche Volk als vielmehr die despotische, ungerechte und grausame Regierung desselben ist; indem wir Euch versichern, daß jeder wahre Italiener nach dem Augenblick schmachtet, wo er frei dem deutschen Bruder wird die Hand reichen können, welcher, wenn einmal seine unverjährbaren Rechte festgestellt sind, sie zu verteidigen und sie selbst zu achten, wie ihnen bei allen seinen Brüdern Achtung zu verschaffen wissen wird. Indem wir in die Prinzipien Vertrauen setzen, deren sorgfältige Entwickelung Ihr Euch zur Aufgabe macht, unterzeichnen wir hochachtungsvoll

Eure ergebenen Freunde und Brüder
(gez.) L. Alinari"

* * *

Die "Alba" ist eines der wenigen Blätter in Italien, das entschieden demokratische Prinzipien vertritt.

( Friedrich Engels.)

* * *

 


Karl Marx

1848

Die revolutionäre Bewegung in Italien

 

Neue Rheinische Zeitung Nr. 156

 

 



Friedrich Engels

Der italienische Befreiungskampf und die Ursache seines jetzigen Mißlingens

"Neue Rheinische Zeitung" Nr. 73 vom 12. August 1848

MEW, Band 5, S. 366-368

 

<366> * Mit der nämlichen Schnelligkeit, als die Östreicher im März aus der Lombardei hinausgeschlagen wurden, sind sie jetzt triumphierend zurückgekehrt und bereits in Mailand eingezogen.

Das italienische Volk hat es an keinem Opfer fehlen lassen. Mit Gut und Blut stand es bereit, das angefangene Werk zu Ende zu führen und seine nationale Selbständigkeit zu erkämpfen.

Allein dem Mute, der Begeisterung, der Aufopferungsfähigkeit entsprachen nirgends diejenigen, welche am Ruder standen. Offen oder geheim taten sie alles, nicht um die in ihre Hände gelegten Mittel zur Befreiung von der brutalen Tyrannei Östreichs zu verwenden, sondern um die Volkskraft zu lähmen und die alten Zustände ihrem Wesen nach baldmöglichst zurückzuführen.

Der Papst <Pius IX.>, von der östreichisch-jesuitischen Politik täglich mehr bearbeitet und gewonnen, legte dem Ministerium Mamiani alle Hindernisse in den Weg, die ihm in Verbindung mit den "Schwarzen" und den "Schwarz-Gelben" zu Gebote standen. Das Ministerium selbst hielt sehr patriotische Reden vor beiden Kammern, besaß aber nicht die nötige Energie, um seinen guten Willen zur Tat zu machen.

In Toskana trat die Regierung zwar mit schönen Worten, aber mit noch weniger Taten hervor. Allein, der Hauptfeind der italienischen Freiheit unter den einheimischen Fürsten war und ist Karl Albert. Die Italiener hätten stündlich den Spruch wiederholen und beachten sollen: "Der Himmel beschütze uns vor unsern Freunden, vor unsern Feinden werden wir uns schon selber schützen!" Den Bourbonen Ferdinand brauchten sie nur wenig zu <367> fürchten; er war längst demaskiert. Dagegen ließ sich Karl Albert als "la spada d'Italia" (das Schwert Italiens) überall Loblieder singen und als den Helden preisen, dessen Degenspitze für Italiens Freiheit und Selbständigkeit die sicherste Garantie biete.

Seine Emissäre gingen aus nach allen Orten Oberitaliens und schilderten ihn als den einzigen Mann, der das Vaterland retten könne und werde. Damit er dies könne, sei freilich die Bildung eines oberitalischen Königreichs notwendig. Erst dadurch werde ihm die nicht bloß zum Widerstande gegen Östreich, sondern zum Hinauswerfen desselben aus Italien erforderliche Macht in die Hände gelegt. Der Ehrgeiz, der ihn früher zur Verbindung mit den Carbonaris vermocht, die er später verriet, dieser Ehrgeiz war stärker als je erwacht und ließ ihn von einer Machtfülle und Herrlichkeit träumen, vor denen der Glanz aller übrigen Fürsten Italiens sehr bald erbleichen müßte. Die ganze Volksbewegung des Jahres 1848 glaubte er zum Besten seiner kläglichen Person konfiszieren zu können. Von Haß und Mißtrauen gegen alle wahrhaft liberalen Männer erfüllt, umgab er sich mit Leuten, die mehr oder weniger dem Absolutismus ergeben und zur Förderung des königlichen Ehrgeizes geneigt waren. Er stellte an die Spitze des Heeres solche Generale, deren geistiges Übergewicht oder deren politische Ansichten er nicht zu fürchten hatte, die aber weder das Vertrauen der Soldaten noch das Talent besaßen, welches zur glücklichen Führung des Krieges erfordert wurde. Pomphaft nannte er sich den "Befreier" Italiens, während er den zu Befreienden sein Joch als Bedingung auferlegte. Die Umstände waren ihm günstig wie selten einem Menschen. Seine Gier, recht viel und womöglich alles zu haben, ließ ihn endlich auch das verlieren, was er bereits gewonnen. Solange der Anschluß der Lombardei an Piemont noch nicht völlig entschieden, solange die Möglichkeit einer republikanischen Regierungsform noch vorhanden war, blieb er den Östreichern gegenüber, so schwach sie auch verhältnismäßig zu jener Zeit waren, unbeweglich in seinen Verschanzungen. Er ließ Radetzky, d'Aspre, Welden etc. eine Stadt und Festung nach der andern in den venetianischen Provinzen erobern, er rührte sich nicht. Venedig zeigte sich für ihn erst der Hülfe würdig, als es sich unter seine Krone geflüchtet. So mit Parma und Modena. Inzwischen hatte sich Radetzky verstärkt und alle Maßregeln zum Angriff, und der Unfähigkeit und der Blindheit Karl Alberts und seiner Generale gegenüber, zum entscheidenden Siege getroffen. Der Ausgang ist bekannt. Von nun an können und werden die Italiener ihre Befreiung nicht mehr in die Hände eines Fürsten oder Königs legen; behufs ihrer Rettung müssen sie vielmehr diese "spada d'ltalia" als untauglich möglichst schnell ganz beiseite schaffen. Hätten sie das früher getan, den König <368> und sein System nebst allen Anhängern desselben in Ruhestand versetzt und eine demokratische Union unter sich hergestellt, so befand sich jetzt wahrscheinlich kein Östreicher mehr in Italien. Statt dessen haben sie nicht bloß umsonst alle Leiden eines von ihren Feinden wütend und barbarisch geführten Krieges umsonst erduldet und vergebens die schwersten Opfer gebracht, sondern sie sind auch dem ganzen Rachedurst der metternich-östreichischen Reaktionsmänner und ihrer Soldateska schutzlos preisgegeben. Wer die von Radetzky an die Bewohner der Lombardei, von Welden an die römischen Legationen gerichteten Manifeste überliest, der wird begreifen, daß den Italienern Attila mit seinen Hunnenscharen noch als Engel der Milde erscheinen müßte. Die Reaktion und Restauration ist vollständig. Der Herzog von Modena, "il carnefice" (der Henker) genannt, der den Östreichern 1.200.000 Gulden zur Kriegsführung vorgestreckt, kehrt ebenfalls zurück. Die Völker haben sich durch ihre Großmut schon so oft ihre eigene Grube gegraben, daß sie endlich klug werden und ein bißchen von ihren Feinden lernen müssen. Die Modenesen ließen den Herzog, der während seiner frühern Regierung Tausende wegen politischer Bestrebungen hatte einkerkern, hängen und erschießen lassen, ruhig seines Weges ziehen. Dafür kehrt er zu ihnen zurück, um mit verdoppelter Lust sein fürstliches Blutamt auszuüben.

Die Reaktion und Restauration ist vollständig. Sie ist es aber nur interimistisch. Der revolutionäre Geist ist zu tief ins Volk gedrungen, als daß man ihn auf die Dauer bemeistern könnte. Mailand, Brescia und andere Orte haben im März gezeigt, was dieser Geist vermag. Das Übermaß der Leiden wird zu einer neuen Erhebung führen. Mit Zurateziehung der bittern Erfahrungen während der letzten Monate wird Italien neue Illusionen zu vermeiden und unter einheitlichem demokratischen Banner seine Selbständigkeit zu sichern wissen.

Geschrieben von Friedrich Engels.

 

 


Karl Marx

[„Neue Rheinische Zeitung" Nr. 141

vom 12. November 1848, Zweite Ausgabe]

MEW, Band 6, Seite 9-10


* Köln, 11 .November.

Die europäische Revolution beschreibt einen Kreislauf.

In Italien begann sie, in Paris nahm sie einen europäischen Charakter an, in Wien war der erste Widerschlag der Februarrevolution, in Berlin der Widerschlag der Wiener Revolution. In Italien, zu Neapel, führte die europäische Kontrerevolution ihren ersten Schlag, in Paris - die Junitage - nahm sie einen europäischen Charakter an, in Wien war der erste Widerschlag der Juni-Kontrerevolution, in Berlin vollendet sie sich und kompromittiert sie sich. Von Paris aus wird der gallische Hahn noch einmal Europa wacherähen.

 

 



Karl Marx

Die revolutionäre Bewegung

 

[„Neue Rheinische Zeitung"

Nr. 184 vom I.Januar 1849]

MEW, Band 6, Seite 148 - 149



* Köln, 31 .Dezember. Nie wurde eine revolutionäre Bewegung mit so erbaulicher Ouvertüre eröffnet wie die revolutionäre Bewegung von 1848. Der Papst segnete sie kirchlich ein, Lamartines Aolsharfe erzitterte unter weichklingend philanthropischen Weisen, deren Text die Fraternite, die Verbrüderung der Gesellschaftsglieder und der Nationen, war.

Seid umschlungen Millionen,

Diesen Kuß der ganzen Welt!

In diesem Augenblicke sitzt der Papst zu Gaeta, aus Rom vertrieben, unter dem Schutze des tigeridioten Ferdinand, der „Iniciatore" Italiens, gegen Italien mit dessen angestammtem Todfeinde, mit Ostreich intrigierend, das er in seiner glücklichen Periode mit dem Banne bedroht hatte. Die letzte französische Präsidentenwahl lieferte zu Lamartines, des Verräters, Unpopularität die statistischen Tabellen. Nichts menschenfreundlicher, humaner, schwächer als die Februar- und Märzrevolutionen, nichts brutaler als die notwendigen Folgen dieser Humanität der Schwäche. Zeugen: Italien, Polen, Deutschland und vor allem die Besiegten des Juni.

Mit der Niederlage der französischen Arbeiter im Juni wurden indes die Sieger des Juni selbst besiegt. Ledru-Rollin und die andern Männer des Bergs wurden von der Partei der Bourgeoisrepublikaner, von der Partei des „National"1731 verdrängt; die Partei des „National" von der dynastischen Opposition, Thiers-Bar rot, und diese selbst würde den Legitimisten weichen müssen, wenn nicht der Kreislauf der drei Restaurationen erschöpft und Louis-Napoleon mehr als eine hohle Urne wäre, worin die französischen

Bauern ihren Eintritt in die revolutionär-soziale Bewegung und die französischen Arbeiter ihre Verdammungsvota gegen alle Führer der durchgemachten Epochen, Thiers-Barrot, Lamartine und Cavaignac-Marrast, niedergelegt hätten. Aber notieren wir die Tatsache, daß die Niederlage der revolutionären französischen Arbeiterklasse die Niederlage der republikanischen französischen Bourgeoisie, der sie eben erlegen war, als unvermeidliche Folge nach sich zog.

Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig die neue Knebelung der Nationalitäten, die das Krähen des gallischen Hahns mit heroischen Emanzipationsversuchen beantwortet hatten. Polen, Italien und Irland wurden noch einmal von preußischen, östreichischen und englischen Sbirren gebrandschatzt, geschändet, gemeuchelmordet. Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig die Niederlage der Mittelklassen in allen europäischen Ländern, wo die Mittelklassen, einen Augenblick mit dem Volke vereint, das Krähn des gallischen Hahns mit blutiger Schilderhebung gegen den Feudalismus beantwortet hatten. Neapel, Wien, Berlin!

Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig der Sieg des Ostens über den Westen, die Niederlage der Zivilisation unter der Barbarei. In der Walachei begann die Unterdrückung der Romanen durch die Russen und ihre Werkzeuge, die Türken; in Wien erwürgten Kroaten, Pandurent, Tschechen, Sereschaner und ähnliches Lumpengesindel die germanische Freiheit, und in diesem Augenblicke ist der Zar allgegenwärtig in Europa. Der Sturz der Bourgeoisie in Frankreich, der Triumph der französischen Arbeiterklasse, die Emanzipation der Arbeiterklasse überhaupt ist also das Losungswort der europäischen Befreiung.


 

 

 

Friedrich Engels

 

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 222 vom 15. Februar 1849]

MEW, Band 6, S. 270 - 286 und 308

Man weiß, wie in Italien die magyarischen Husaren massenweise zu den Italienern übergegangen sind, wie in Ungarn ganze italienische Bataillone sich zur Verfügung der magyarischen revolutionären Regierung stellten und noch unter der magyarischen Fahne kämpfen; man weiß, wie in Wien die deutschen Regimenter mit dem Volke hielten und selbst in Galizien durchaus nicht zuverlässig waren; man weiß, daß östreichische und nichtöstreichische Polen in Massen in Italien, in Wien, in Ungarn gegen die östreichischen Armeen kämpften und in den Karpaten noch kämpfen;

Die Revolution von 1848 zwang alle europäischen Völker, sich für oder gegen sie zu erklären. In einem Monat hatten alle zur Revolution reifen Völker ihre Revolution gemacht, alle unreifen Völker sich gegen die Revolution alliiert.

Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus — nicht im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution!

* * *

Die Proklamation der Republik in Rom

[„Neue Rheinische Zeitung" Nr.222 vom 28. Februar 1849]

* Die italienische Konstituante ist keine Frankfurter Nationalversammlung.

Die Italiener wissen, daß die Einheit eines in feudale Fürstentümer zersplitterten Landes nicht anders herzustellen ist als durch Abschaffung des Fürstentums. Die Italiener haben 1848 den Reigen eröffnet, sie eröffnen ihn 1849. Aber welcher Fortschritt! In Italien kein Pius nonus1 mehr wie in Frankreich kein Lamartine. Die phantastische Periode der europäischen Revolution, die Periode der Schwärmerei, des guten Willens und der Rednerblumen ist mit Brandkugeln, Abschlächtereien im Großen und Deportationen würdig beschlossen worden. Österreichische Noten, preußische Noten, russische Noten waren die besten entsprechenden Antworten auf die Lamartineschen Proklamationen.

Die Deutschen sind gewohnt, von dem Pythiadreistuhl[293] ihrer Gründlichkeit und Ausdauer vornehm verächtlich auf die italienische Oberflächlichkeit herabzusehen. Die Parallele zwischen dem italienischen Jahre 1848 und dem deutschen Jahre 1848 würde die schlagendste Antwort liefern. In dieser Parallele müßte man vor allen in Rechnung bringen, daß das revolutionäre Italien von Deutschland und Frankreich im Schach gehalten, während das revolutionäre Deutschland in seinen Bewegungen durchaus nicht gehemmt wurde.

Die Republik in Rom! ist das erste Wort des Revolutionsdramas von 1849.

 

 

 

Friedrich Engels

Der Krieg in Italien und Ungarn

Gegen Verrat und Feigheit der Regierung gibt es nur ein Mittel: die Revolution.

 

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 257 vom 28. März 1849]

MEW, Band 6, S. 381-384

 

*Köln, 27. März. Der Krieg in Italien hat begonnen. Mit ihm hat sich die habsburgische Monarchie eine Last aufgeladen, der sie wahrscheinlich erliegen wird.

Solange Ungarn nicht in offenem Kriege mit der Gesamtmonarchie, sondern bloß in einem schwankenden Kriegszustande gegen die Südslawen sich befand, solange war es keine Kunst für Östreich, mit den nur halb revolutionierten, zersplitterten, durch dreifachen fürstlichen Verrat gelähmten Italienern fertig zu werden. Und doch, welche Mühe hat es nicht gekostet! Erst mußten der Papst <Pius IX.>, der toskanische Großherzog <Leopold II.> ihre Truppen - direkt oder indirekt - aus dem Venetianischen zurückziehen, erst mußten Karl Albert und seine teils unfähigen, teils verkauften Feldherrn direkten Verrat an der Sache Italiens begehen, erst mußten vor allem bald die Magyaren, bald die Südslawen durch achselträgerische Politik und scheinbare Konzessionen zur Truppenstellung nach Italien gebracht werden, ehe Radetzky seine Siege am Mincio erfechten konnte. Man weiß, daß erst die massenweise nach Italien gezogenen südslawischen Grenzregimenter die desorganisierte östreichische Armee wieder kampffähig machten.

Solange ferner der Waffenstillstand mit Piemont dauerte, solange Östreich bloß genötigt war, seine italienische Armee auf der bisherigen Stärke zu erhalten, ohne sie außerordentlich verstärken zu müssen, solange konnte es die Hauptmasse seiner 600.000 Soldaten gegen Ungarn richten, konnte die Magyaren aus einer Position in die andere zurückdrängen, und endlich sogar, durch täglich nachrückende Verstärkungen, dahin gelangen, die magyarische Macht zu erdrücken. Der Übermacht hätte Kossuth auf die Dauer ebensogut wie Napoleon erliegen müssen.

Aber der Krieg in Italien ändert die Lage der Dinge sehr. Von dem Augenblick an, wo die Kündigung des Waffenstillstandes gewiß war, mußte Östreich seine Truppensendungen nach Italien verdoppeln, mußte seine frisch ausgehobnen Rekruten zwischen Windischgrätz und Radetzky teilen. Auf diese Weise steht zu erwarten, daß keiner genug bekommt.

Während es sich daher bei den Magyaren und Italienern bloß darum handelt, Zeit zu gewinnen - Zeit, um Waffen zu beziehen und anzufertigen, Zeit, um Landsturm und Nationalgarden zu felddienstfähigen Soldaten einzuüben, Zeit, um die Revolutionierung des Landes durchzuführen - verliert Östreich im Verhältnis zu seinen Gegnern jeden Tag an Macht.

Während Rom, Toskana und selbst Piemont durch den Krieg selbst immer tiefer in die Revolution hineingeschleudert, täglich zu größerer revolutionärer Energie gezwungen werden, während sie auf die mit raschen Schritten heranrückende Krisis in Frankreich warten können, währenddes gewinnt in Östreich das dritte desorganisierende Element, die slawische Opposition, täglich mehr Terrain und organisiert sich täglich besser. Die oktroyierte Verfassung, die die Slawen zum Dank dafür, daß sie Östreich gerettet, hinter den März zurückschleudert, die vielen Beleidigungen der Slawen durch bürokratische und soldatische Übergriffe sind geschehene Tatsachen, an denen sich nichts ändern läßt.

Daß unter diesen Umständen die "Kölnische Zeitung" die möglichste Eile hat, die Kaiserlichen mit dem unangenehmen ungarischen Krieg fertig werden zu lassen, ist begreiflich. Gestern läßt sie sie demgemäß in drei Kolonnen über die Theiß gehen - eine Nachricht, die um so glaubwürdiger ist, je weniger sie bis jetzt durch ein Bulletin bestätigt wird. Von anderer Seite dagegen wird berichtet, daß ganz im Gegenteil die magyarische Armee in Eilmärschen gegen Pest rücke und offenbar den Entsatz Komorns beabsichtige. Komorn, obwohl heftig bombardiert, hält sich tapfer. Während des Bombardements taten sie keinen Schuß; als aber die Östreicher einen Sturm versuchten, wurden sie durch ein mörderisches Kartätschenfeuer mit großem Verlust zurückgeschlagen. Das polnische Ulanenregiment Herzog Coburg soll, als Dembinski seinen Angriff ruhig erwartete und die Melodie "Noch ist Polen nicht verloren" aufspielen ließ, zu den Magyaren übergegangen sein.

Das sind alle Nachrichten vom ungarischen Kriegsschauplatz, die wir heute zu geben imstande sind. Die Wiener Post vom 23. ist ausgeblieben.

Wenden wir uns jetzt zum italienischen Kriegsschauplatz. Hier ist die piemontesische Armee in einem langen Bogen längs des Tessin und des Po aufgestellt. Ihre erste Linie dehnt sich von Arona über Novara, Vigevano Voghera bis Castel San Giovanni vor Piacenza. Ihre Reserve steht einige Meilen weiter zurück an der Sesia und Bormida, bei Verzelli, Trnio und Alessandria. Am äußersten rechten Flügel bei Sarzana an der toskanisch-modenesischen Grenze steht ein detachiertes Korps unter La Marmora, bereit, durch die Pässe der Lunigiane nach Parma und Modena einzufallen, sich links an den rechten Flügel der Hauptarmee, rechts an die toskanische und römische Armee anzuschließen, je nach Umständen Po und Etsch zu überschreiten und im Venetianischen zu operieren.

Gegenüber, auf dem linken Ufer des Tessin und Po, steht Radetzky. Seine Armee ist bekanntlich in zwei Korps geteilt, von denen eins die Lombardei, das andre das Venetianische besetzt hält. Während aus letzterer Provinz gar keine Truppendislokationen gemeldet werden, hören wir von allen Seiten, daß Radetzky in der Lombardei sein ganzes Heer am Tessin konzentriert. Er hat seine sämtlichen Truppen aus Parma gezogen und in Modena nur ein paar hundert Mann in der Zitadelle zurückgelassen. Varese, Como, Val d'Intelvi und Valtellina sind von Truppen gänzlich entblößt, und selbst die Grenzwächter der Douane sind verschwunden.

Die ganze disponible Streitmacht Radetzkys, 50.000 Mann stark, steht von Magenta bis Pavia den Tessin, von Pavia bis Piacenza den Po entlang aufgestellt.

Radetzky selbst soll den tollkühnen Plan gehabt haben, mit dieser Armee sofort über den Tessin zu gehen und unter dem Schutz der unvermeidlichen Bestürzung der Italiener direkt auf Turin zu marschieren. Man erinnert sich noch vom vorigen Jahre, wie Radetzky mehr als einmal dergleichen napoleonische Gelüste hegte und wie sie ihm bereits damals bekamen. Diesmal widersetzte sich jedoch der ganze Kriegsrat, und man beschloß, ohne entscheidende Schlacht gegen die Adda, den Oglio, und im Notfall selbst den Chiese zurückzugehen, um dort aus dem Venetianischen und aus Illyrien Verstärkungen an sich zu ziehen.

Es wird von den Manövern der Piemontesen und von dem Kriegseifer der Lombarden abhängen, ob dieser Rückzug ohne Verlust abgehen und ob es den Östreichern gelingen wird, die Piemontesen lange aufzuhalten. Der südliche Alpenabhang nämlich, die Comasca, die Brianza, die Bergamaska, das Veltlin (Val Tellina) und das Brescianische, die jetzt schon größtenteils von den Östreichern verlassen sind, eignen sich im höchsten Grade zum nationalen Parteigängerkriege. Die in der Ebene konzentrierten Östreicher müssen das Gebirge freilassen, Hier können die Piemontesen durch rasches Vordringen mit leichten Truppen auf dem rechten Flügel der Östreicher schnell Guerillas organisieren, die die Flanke und, im Fall der Niederlage eines einzelnen Korps, den Rückzug der Kaiserlichen bedrohen, ihnen die Zufuhren abschneiden, und die Insurrektion bis in die Tritentiner Alpen fortpflanzen. Garibaldi wäre hier an seinem Platz. Aber es wird ihm nicht einfallen, nochmals unter dem Verräter Karl Albert zu dienen.

Die toskanisch-römische Armee, von La Marmora unterstützt, wird die Po-Linie von Piacenza bis Ferrara zu besetzen, möglichst bald den Po und in zweiter Linie die Etsch zu passieren, Radetzky von dem östreich-venetianischen Korps zu trennen und auf seinem linken Flügel, resp. in seinem Rücken zu operieren haben. Sie wird indes schwerlich rasch genug eintreffen, um auf die ersten Kriegsoperationen einen Einfluß zu üben.

Aber mehr als alles das entscheidet die Haltung der Piemontesen. Die Armee ist gut und kriegslustig; aber wenn sie wieder verraten wird, wie im vorigen Jahr, so muß sie geschlagen werden. Die Lombarden rufen nach Waffen, um sich gegen diese Unterdrücker zu schlagen; aber wenn wieder, wie voriges Jahr, eine schwankende Bourgeoisregierung den Aufstand in Masse lähmt, so kann Radetzky noch einmal seinen Einzug in Mailand halten.

Gegen Verrat und Feigheit der Regierung gibt es nur ein Mittel: die Revolution. Und vielleicht ist gerade ein neuer Wortbruch Karl Alberts, eine neue Treulosigkeit des lombardischen Adels und der Bourgeoisie nötig, um die italienische Revolution und zugleich mit ihr den italienischen Unabhängigkeitskrieg durchzuführen. Dann aber wehe den Verrätern

Geschrieben von Friedrich Engels.

 

 


Friedrich Engels

Die Niederlage der Piemontesen

 

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 260 vom 31. März 1849]

MWE, Band 6, S. 385-392

 

 

 

*Köln, 30. März. Der Verrat Ramorinos hat seine Früchte getragen. Die piemontesische Armee ist bei Novara vollständig geschlagen und nach Borgomanero, an den Fuß der Alpen zurückgetrieben. Die Östreicher haben Novara, Vercelli und Trino besetzt, und die Straße nach Turin steht ihnen offen.

Es fehlen bis jetzt alle näheren Angaben. Soviel aber steht fest, daß ohne Ramorino, der den Östreichern erlaubte, sich zwischen die verschiedenen piemontesischen Divisionen zu drängen und einen Teil derselben zu isolieren, der Sieg unmöglich war.

Daß Karl Albert ebenfalls Verrat geübt hat, kann nicht bezweifelt werden. Ob aber bloß durch Vermittelung Ramorinos oder auch sonst noch, werden wir erst später erfahren.

Ramorino ist derselbe Abenteurer, der, nach einer mehr als zweideutigen Laufbahn im polnischen Kriege von 1830/31, auf dem Savoyerzuge 1834 an demselben Tage, wo die Sache einen ernsthaften Charakter annahm, mit der ganzen Kriegskasse verschwand, und der später in London dem Ex-Herzog von Braunschweig für 1.200 Pfd. Sterl. einen Plan zur Eroberung Deutschlands machte.

Daß ein solcher Industrieller nur angestellt werden konnte, beweist, wie sehr Karl Albert, der die Republikaner von Genua und Turin mehr fürchtet als die Östreicher, von vornherein schon auf Verrat sann.

Daß man nach dieser Niederlage eine Revolution und die Proklamierung der Republik in Turin erwartet, geht daraus hervor, daß man ihr durch die Abdankung Karl Alberts zugunsten seines ältesten Sohnes <Viktor Emanuel II.> vorzubeugen versucht.

Die Niederlage der Piemontesen ist wichtiger als alle deutschen Kaiserpossen zusammen. Sie ist die Niederlage der gesamten italienischen Revolution. Nach der Besiegung Piemonts kommt die Reihe an Rom und Florenz.

Aber wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird gerade diese Niederlage der italienischen Revolution das Signal sein zum Losbruch der europäischen Revolution. Das französische Volk sieht in demselben Verhältnis, als es im Innern des Landes von der eigenen Kontrerevolution mehr und mehr geknechtet wird, die bewaffnete Kontrerevolution des Auslandes seinen Grenzen näher rücken. Dem Junisieg und der Diktatur Cavaignac in Paris entsprach der siegreiche Marsch Radetzkys bis an den Mincio; der Präsidentschaft Bonaparte, Barrot und dem Klubgesetz entspricht der Sieg bei Novara und der Marsch der Österreicher an die Alpen. Paris ist reif zu einer neuen Revolution. Savoyen, das seit einem Jahr seinen Abfall von Piemont und seinen Anschluß an Frankreich vorbereitet, das sich sträubte, am Kriege sich zu beteiligen, Savoyen wird sich Frankreich in die Arme werfen wollen; Barrot und Bonaparte müssen es zurückweisen. Genua, vielleicht Turin, wenn es noch Zeit ist, werden die Republik proklamieren und Frankreichs Hülfe anrufen; und Odilon Barrot wird ihnen gravitätisch zur Antwort geben, er werde die Integrität des sardinischen Gebiets zu schützen wissen.

Aber wenn das Ministerium es nicht wissen will, das Volk von Paris weiß es, daß Frankreich die Östreicher in Turin und Genua nicht dulden darf. Und das Volk von Paris wird sie dort nicht dulden. Es wird auf die Italiener durch eine siegreiche Erhebung antworten, und die französische Armee, die einzige in Europa, die seit dem 24. Februar nicht auf offenem Schlachtfelde stand, wird sich ihm anschließen.

Die französische Armee brennt vor Begierde, die Alpen zu überschreiten und sich mit den Östreichern zu messen. Sie ist nicht gewohnt, einer Revolution entgegenzutreten, die ihr neuen Ruhm und neue Lorbeeren verheißt, die mit der Fahne des Kriegs gegen die Koalition auftritt. Die französische Armee ist nicht "Mein herrliches Kriegsheer".

Die Niederlage der Italiener ist bitter. Kein Volk, außer den Polen, ist so schmählich von der Gewalt übermächtiger Nachbarn erdrückt worden, keins hat so oft und so mutig versucht, den Druck abzuschütteln. Und jedesmal muß dies unglückliche Volk seinen Unterdrückern wieder erliegen; das Ziel aller Anstrengungen, aller Kämpfe ist nichts als neue Niederlagen! Aber wenn diese Niederlage eine Revolution in Paris zur Folge hat und den europäischen Krieg zum Ausbruch bringt, dessen Vorzeichen an allen Ecken und Enden sich zeigen; wenn sie der Anstoß ist zu einer neuen Bewegung über den ganzen Kontinent, einer Bewegung, die diesmal einen andern Charakter haben wird als die des vorigen Jahres - dann haben selbst die Italiener Ursache, sich dazu Glück zu wünschen.

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 261 vom 1. April 1849, Zweite Ausgabe]

*Köln, 1. April. Nach den letzten Berichten, die aus Italien eintreffen, ist die Niederlage der Piemontesen bei Novara keineswegs so entscheidend, wie die nach Paris gesandte telegraphische Depesche berichtet hatte.

Die Piemontesen sind geschlagen, sie sind von Turin abgeschnitten und ins Gebirge geworfen worden. Das ist alles.

Wäre Piemont eine Republik, wäre die Turiner Regierung revolutionär und hätte sie den Mut, zu revolutionären Mitteln zu greifen - es wäre nichts verloren. Aber die italienische Unabhängigkeit geht verloren - nicht an der Unbesiegbarkeit der östreichischen Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums.

Wodurch haben die Östreicher gesiegt? Dadurch, daß in der piemontesischen Armee durch den Verrat Ramorinos zwei Divisionen von den übrigen drei getrennt und diese drei isoliert durch die östreichische Überzahl geschlagen wurden. Diese drei Divisionen sind jetzt an den Fuß der Walliser Alpen zurückgedrängt.

Es war von vornherein ein enormer Fehler, daß die Piemontesen den Östreichern bloß eine regelmäßige Armee entgegensetzen, daß sie mit ihnen einen gewöhnlichen, bürgerlichen, honetten Krieg führen wollten. Ein Volk, das sich seine Unabhängigkeit erobern will, darf sich nicht auf die gewöhnlichen Kriegsmittel beschränken. Aufstand in Masse, Revolutionskrieg, Guerillas überall, das ist das einzige Mittel, wodurch ein kleines Volk mit einem großen fertig werden, wodurch eine minder starke Armee in den Stand gesetzt werden kann, der stärkeren und besser organisierten zu widerstehen.

Die Spanier haben es 1807-[18]12 bewiesen, die Ungarn beweisen es noch jetzt.

Chrzanowski war bei Novara geschlagen und von Turin abgeschnitten; Radetzky stand 9 Meilen von Turin. In einer Monarchie, wie Piemont, selbst in einer konstitutionellen, war damit der Feldzug entschieden; man kam um Frieden bei Radetzky ein. Aber in einer Republik war damit gar nichts entschieden. Hätte nicht die unvermeidliche Feigheit der Monarchien, die nie den Mut hat, zu den äußersten revolutionären Mitteln zu greifen, hätte nicht diese Feigheit davon zurückgehalten, die Niederlage Chrzanowskis hätte ein Glück für Italien werden können.

Wäre Piemont eine Republik, die keine Rücksicht auf monarchische Traditionen zu nehmen hätte, so stand ihm ein Weg offen, den Feldzug ganz anders zu beendigen.

Chrzanowski war nach Biella und Borgomanero zurückgetrieben. Dort, wo die Schweizeralpen jeden weitern Rückzug, wo die zwei oder drei engen Flußtäler jede Zerstreuung der Armee so gut wie unmöglich machen, dort war es leicht, die Armee zu konzentrieren und durch einen kühnen Marsch Radetzkys Sieg fruchtlos zu machen.

Wenn die Chefs der piemontesischen Armee revolutionären Mut besaßen, wenn sie wußten, daß in Turin eine revolutionäre, aufs äußerste gefaßte Regierung saß, so war ihre Handlungsweise sehr einfach.

Am Lago Maggiore standen nach der Schlacht von Novara 30[.000] bis 40.000 Mann piemontesischer Truppen. Dies Korps, in zwei Tagen konzentriert, konnte sich in die Lombardei werfen, in der nicht 12.000 Mann Östreicher stehn; es konnte Mailand, Brescia, Cremona besetzen, den allgemeinen Aufstand organisieren, die einzelnen aus dem Venetianischen heranrückenden östreichischen Korps einzeln schlagen und damit Radetzky's ganze Operationsbasis in die Luft sprengen.

Radetzky, statt auf Turin zu marschieren, hätte sofort umdrehen und in die Lombardei zurückkehren müssen, verfolgt von dem Massenaufgebot der Piemontesen, das natürlich die lombardische Insurrektion unterstützen mußte.

Dieser wirkliche Nationalkrieg, ein Krieg, wie ihn die Lombarden im März 1848 führten und womit sie Radetzky hinter den Oglio und Mincio jagten, dieser Krieg hätte ganz Italien in den Kampf gejagt und den Römern und Toskanern ganz andere Energie eingeflößt.

Während Radetzky noch zwischen Po und Tessin stand und sich besann, ob er vorwärts oder rückwärts gehen solle, konnten die Piemontesen und Lombarden bis vor Venedig marschieren, Venedig entsetzen, La Marmora und römische Truppen an sich ziehen, den östreichischen Feldmarschall durch zahllose Guerillasschwärme beunruhigen und schwächen, seine Truppen zersplittern und ihn endlich schlagen. Die Lombardei wartete nur des Einmarsches der Piemontesen; sie erhob sich schon, ohne ihn abzuwarten. Nur die östreichischen Zitadellen hielten die lombardischen Städte im Zaum. Zehntausend Mann Piemontesen waren schon in der Lombardei; wären noch 20[.000]-30.000 hineinmarschiert, so war Radetzkys Rückzug unmöglich.

Aber der Aufstand in Masse, die allgemeine Insurrektion des Volkes, das sind Mittel, vor deren Anwendung das Königtum zurückschreckt. Das sind Mittel, die nur die Republik anwendet - 1793 liefert den Beweis dafür. Das sind Mittel, deren Ausführung den revolutionären Terrorismus voraussetzt, und wo ist ein Monarch gewesen, der sich dazu entschließen konnte?

Was die Italiener also ruiniert hat, das ist nicht die Niederlage von Novara und Vigevano, das ist die Feigheit und Mäßigung, in die die Monarchie sie hineinzwängt. Die verlorne Schlacht von Novara brachte bloß einen strategischen Nachteil: Sie waren von Turin abgeschnitten, während den Österreichern der Weg dahin offen stand. Dieser Nachteil war gänzlich bedeutungslos, wenn der verlorenen Schlacht der wirkliche Revolutionskrieg auf dem Fuße folgte, wenn der Rest der italienischen Armee sich sogleich zum Kern der nationalen Massenerhebung erklärte, wenn der honette strategische Armeekrieg in einen Volkskrieg umgewandelt wurde, wie die Franzosen ihn 1793 führten.

Aber freilich! Revolutionskrieg, Massenerhebung und Terrorismus - dazu wird die Monarchie sich nie verstehen. Eher schließt sie Frieden mit ihrem bittersten, ebenbürtigen Feind, ehe sie sich mit dem Volk verbündet.

Karl Albert mag Verräter sein oder nicht - die Krone Karl Alberts, die Monarchie allein hätte hingereicht, Italien zu ruinieren.

Aber Karl Albert ist Verräter. Durch alle französischen Blätter geht die Nachricht von dem großen europäischen Kontrerevolutionskomplott zwischen sämtlichen Großmächten, von dem Feldzugsplan der Kontrerevolution zur schließlichen Unterdrückung aller europäischen Völker. Rußland und England, Preußen und Österreich, Frankreich und Sardinien haben diese neue Heilige Allianz unterzeichnet.

Karl Albert hatte den Befehl, mit Östreich Krieg anzufangen, sich schlagen zu lassen und dadurch den Östreichern Gelegenheit zu geben, in Piemont, in Florenz, in Rom die "Ruhe" wiederherzustellen und überall standrechtliche Konstitutionen oktroyieren zu lassen. Dafür bekam Karl Albert Parma und Piacenza, die Russen pazifizierten Ungarn; Frankreich sollte Kaiserreich werden, und damit war die Ruhe Europas hergestellt. Das ist, nach französischen Blättern, der große Plan der Kontrerevolution; und dieser Plan erklärt Ramorinos Verrat und erklärt die Niederlage der Italiener.

Die Monarchie aber hat durch den Sieg Radetzkys einen neuen Stoß erhalten. Die Schlacht bei Novara und die darauf folgende Lähmung der Piemontesen beweist, daß ein Volk in den äußersten Fällen, wo es seiner ganzen Kraftanstrengung bedarf, um sich zu retten, durch nichts mehr gehemmt wird, als durch die Monarchie. Wenn Italien nicht an der Monarchie zugrunde gehen soll, so muß vor allem die Monarchie in Italien zugrunde gehen.

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 263 vom 4. April 1849]

* Jetzt endlich liegen die Ereignisse des piemontesischen Feldzugs bis zum Sieg der Österreicher bei Novara offen und deutlich vor uns.

Während Radetzky absichtlich das falsche Gerücht verbreiten ließ, er werde sich auf der Defensive halten und gegen die Adda zurückgehen, zog er in der Stille seine sämtlichen Truppen um Sant Angelo und Pavia zusammen. Er war durch den Verrat der österreichisch-reaktionären Partei in Turin vollständig von allen Plänen und Dispositionen Chrzanowskis, von der ganzen Stellung seiner Armee unterrichtet, wogegen es ihm gelang, die Piemontesen über die seinigen vollständig zu täuschen. Daher die Aufstellung der piemontesischen Armee zu beiden Seiten des Po, die nur darauf berechnet war, von allen Seiten zugleich mit einer konzentrischen Bewegung gegen Mailand und Lodi vorzudringen.

Aber dennoch war bei einem ernsthaften Widerstand im Zentrum der piemontesischen Armee keineswegs an die raschen Erfolge zu denken, die Radetzky jetzt errungen hat. Trat ihm das Korps Ramorino bei Pavia in den Weg, so blieb Zeit genug, ihm den Übergang über den Tessin zu bestreiten, bis Verstärkungen herangezogen waren. Inzwischen konnten die Divisionen, die auf dem rechten Po-Ufer und bei Arona standen, ebenfalls eintreffen; die piemontesische Armee, parallel dem Tessin aufgestellt, deckte Turin und war mehr als hinreichend, die Armee Radetzkys zu Paaren zu treiben. Darauf, daß Ramorino seine Schuldigkeit tun würde, mußte natürlich gerechnet werden.

Er tat sie nicht. Er gestattete Radetzky den Übergang über den Tessin, und damit war das piemontesische Zentrum durchbrochen, waren die jenseits des Po aufgestellten Divisionen isoliert. Damit war eigentlich der Feldzug schon entschieden.

Radetzky stellte nun seine ganze 60.000-70.000 Mann mit 120 Kanonen starke Macht zwischen dem Tessin und der Agogna auf und nahm die fünf den Tessin entlang aufgestellten piemontesischen Divisionen in die Flanke. Die zunächst aufgestellten vier schlug er mit seiner kolossalen Übermacht bei Mortara, Garlasco und Vigevano am 21. zurück, nahm Mortara, zwang dadurch die Piemontesen, sich auf Novara zurückzuziehen, und bedrohte die einzige ihnen noch offne Straße nach Turin, die von Novara über Vercelli und Chivasso.

Diese Straße war aber bereits für die Piemontesen verloren. Um ihre Truppen zusammenzuziehen und namentlich um die am äußersten linken Flügel um Arona aufgestellte Division Solaroli heranziehen zu können, mußten sie Novara zum Knotenpunkt ihrer Operationen machen, während sie sonst hinter der Sesia eine neue Aufstellung nehmen konnten.

Von Turin daher bereits so gut wie abgeschnitten, blieb ihnen nichts, als entweder eine Schlacht bei Novara anzunehmen oder sich in die Lombardei zu werfen, den Volkskrieg zu organisieren und Turin seinem Schicksal, den Reserven und den Nationalgarden zu überlassen. Radetzky würde in diesem Fall sich gehütet haben, weiter vorzudringen.

Dieser Fall setzt aber voraus, daß in Piemont selbst der Aufstand in Masse vorbereitet war, und das war eben nicht der Fall. Die bürgerliche Nationalgarde war bewaffnet; aber die Masse des Volks war waffenlos, so laut sie nach den Waffen verlangte, die in den Arsenalen lagen.

Die Monarchie hatte es nicht gewagt, an dieselbe unwiderstehliche Gewalt zu appellieren, welche Frankreich 1793 rettete.

Die Piemontesen mußten also die Schlacht von Novara annehmen, so ungünstig ihre Stellung und so groß die feindliche Übermacht auch war.

40.000 Piemontesen (zehn Brigaden) mit verhältnismäßig schwacher Artillerie standen der ganzen östreichischen Macht, mindestens 60.000 Mann mit 120 Kanonen, gegenüber.

Die piemontesische Armee war zu beiden Seiten der Straße von Mortara unter den Mauern von Novara aufgestellt.

Der linke Flügel, unter Durando, zwei Brigaden, stutzte sich auf eine ziemlich starke Stellung, Le Bicocca.

Das Zentrum, unter Bès, drei Brigaden, lehnte sich an ein Gehöft, La Cittadella.

Der rechte Flügel, unter Perrone, zwei Brigaden, an das Plateau von Corte Nuove (Straße von Vercelli) angelehnt.

Zwei Reserve-Korps, das eine von zwei Brigaden unter dem Herzog von Genua, das nach dem linken, das zweite von einer Brigade und den Garden, nach dem rechten Flügel zu aufgestellt, unter dem Herzog von Savoyen, jetzigen König.

Die Aufstellung der Östreicher ist nach ihrem Bulletin weniger klar.

Das zweite östreichische Korps unter d'Aspre griff den linken Flügel der Piemontesen zuerst an, während hinter ihm das dritte Korps unter Appel, so wie das Reserve- und das vierte Korps aufmarschierten. Es gelang den Östreichern, ihre Schlachtlinie vollständig zu entfalten und einen konzentrischen Angriff auf alle Punkte der piemontesischen Schlachtordnung zugleich mit solcher Übermacht auszuführen, daß dadurch die Piemontesen erdrückt wurden.

Der Schlüssel der piemontesischen Stellung war die Bicocca; hatten die Östreicher sich ihrer bemächtigt, so wurde das Zentrum und der linke Flügel der Piemontesen zwischen die (nicht befestigte) Stadt und den Kanal eingeschlossen und konnten entweder zersprengt oder gezwungen werden, die Waffen niederzulegen.

Auf den linken piemontesischen Flügel, dessen Hauptstütze die Bicocca war, richtete sich daher auch der Hauptangriff. Hier wurde mit großer Heftigkeit, jedoch lange ohne Resultat gekämpft.

Das Zentrum wurde ebenfalls sehr lebhaft angegriffen. Die Cittadella wurde mehrere Male verloren, und mehrere Male von Bès wiedergenommen.

Als die Östreicher sahen, daß sie hier auf einen zu starken Widerstand stießen, wendeten sie ihre Hauptstärke wieder gegen den piemontesischen linken Flügel. Die beiden piemontesischen Divisionen wurden auf die Bicocca zurückgeworfen und die Bicocca endlich selbst erstürmt. Der Herzog von Savoyen warf sich mit den Reserven auf die Östreicher; umsonst. Die Übermacht der Kaiserlichen war zu groß, die Position war verloren, und damit die Schlacht entschieden. Der einzige Rückzug, der den Piemontesen blieb, war der gegen die Alpen, nach Biella und Borgomanero.

Und diese, durch Verrat vorbereitete und durch Übermacht gewonnene Schlacht nennt die "Kölnische Zeitung", die so lange nach einem Siege der Österreicher geschmachtet,

"eine Schlacht, die in der Kriegsgeschichte für alle Zeiten glänzen wird (!), da der Sieg, den der alte Radetzky davongetragen hat, ein Resultat so geschickt kombinierter Bewegungen und so wahrhaft großartiger Tapferkeit ist, daß seit den Tagen des großen Schlachten-Dämons Napoleon nichts Ähnliches vorgekommen ist (!!!)".

Radetzky, oder vielmehr Heß, sein Generalstabschef, hat sein Komplott mit Ramorino ganz gut durchgeführt, wir geben es zu. Daß allerdings seit Grouchys Verrat bei Waterloo eine so großartige Niederträchtigkeit wie die Ramorinos nicht vorgekommen, ist auch wahr. Aber nicht mit dem "Schlachten-Dämon"(!) Napoleon, sondern mit Wellington gehört Radetzky in dieselbe Klasse: Ihre Siege kosteten beiden von jeher mehr bares Geld als Tapferkeit und Geschicklichkeit.

Auf die übrigen gestern abend von der "Köln[ischen] Z[ei]t[un]g" verbreiteten Lügen, als seien die demokratischen Deputierten von Turin durchgebrannt, als hätten die Lombarden sich wie "feiges Gesindel benommen" usw., gehen wir gar nicht ein. Die letzten Ereignisse haben sie schon widerlegt. Diese Lügen konstatieren weiter nichts als die Freude der "Kölnischen Zeitung" darüber, daß das große Östreich, und noch mit Hülfe des Verrats, das dazu kleine Piemont erdrückt hat.

Geschrieben von Friedrich Engels.

 

 


Karl Marx

aus: "Lohnarbeit und Kapital"

[„Neue Rheinische Zeitung"
Nr. 264 vom 5. April 1849]

 

Der Junikampf zu Paris, der Fall Wiens, die Tragikomödie des Berliner Novembers1, die verzweifelten Anstrengungen Polens, Italiens und Ungarns, Irlands Aushungerung – das waren die Hauptmomente, in denen sich der europäische Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse zusammenfaßte, an denen wir nachwiesen, daß jede revolutionäre Erhebung, mag ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassenkampf scheinen, scheitern muß, bis die revolutionäre Arbeiterklasse siegt, daß jede soziale Reform eine Utopie bleibt, bis die proletarische Revolution und die feudalistische Kontrerevolution sich in einem Weltkrieg mit den Waffen messen. In unserer Darstellung, wie in der Wirklichkeit, waren Belgien und die Schweiz tragikomische karikaturmäßige Genrebilder in dem großen historischen Tableau, das eine der Musterstaat der bürgerlichen Monarchie, das andere der Musterstaat der bürgerlichen Republik, beides Staaten, die sich einbilden, ebenso unabhängig von dem Klassenkampf zu sein wie von der europäischen Revolution.

 


Karl Marx

Die englisch-französische Vermittlung in Italien ist aufgegeben. Der Totenkopf der Diplomatie grinst nach jeder Revolution und namentlich nach den Reaktionen, die jeder Revolution folgen. Die Diplomatie verkriecht sich in ihr parfümiertes Beinhaus, sooft der Donner einer neuen Revolution grollt.

Fortschritt - Assoziation - Moralgesetz - Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit - Assoziation - Familie, Gemeinde, Staat - Heiligkeit des Eigentums - Kredit - Erziehung - Gott und Volk - Dio e Popolo. Diese Phrasen figurieren in allen Manifesten der 1848er Revolutionen

MEW, Band 7, S. 421-463.

 

 


 


Karl Marx

 

Der italienische Aufstand

 

[„New-York Daily Tribüne"

Nr. 3701 vom 25. Februar 1853]

London, Freitag, II.Februar 1853



Die politische Erstarrung, die hier unter dem Schutze des trübsten Nebels der Welt so lange Zeit geherrscht hat, ist plötzlich gewichen, als aus Italien revolutionäre Nachrichten eintrafen. Der elektrische Telegraph übermittelte die Nachricht, daß es am 6. in Mailand zu einem Aufstand kam; daß zwei Proklamationen angeschlagen worden seien, eine von Mazzini, die andere von Kossuth, in denen die Ungarn in der österreichischen Armee aufgefordert werden, sich den Revolutionären anzuschließen; daß der Aufstand zuerst niedergeschlagen worden sei, dann aber wieder begonnen habe; daß die Österreicher, die im Arsenal stationiert waren, massakriert worden seien usw.; daß die Tore Mailands geschlossen worden seien. Wohl veröffentlicht die französische Presse zwei weitere Depeschen, aus Bern, datiert vom 8. und aus Turin vom 9., in denen berichtet wird, die Erhebung sei am 7. endgültig unterdrückt worden. Die Freunde Italiens betrachten es jedoch als ein günstiges Anzeichen, daß seit zwei Tagen keinerlei direkte Nachricht an das englische Auswärtige Amt gelangt ist.

In Paris kursieren Gerüchte, daß in Pisa, Lucca und anderen Städten große Aufregung herrsche.

In Turin trat das Ministerium infolge einer Mitteilung des österreichischen Konsuls eilig zusammen, um über den Stand der Angelegenheiten in der Lombardei zu verhandeln. Es war der 9. Februar, als die erste Nachricht London erreichte; dieser Tag ist merkwürdigerweise auch der Jahrestag der Proklamation der Römischen Republik im Jahre 1849, der Enthauptung Karls I. im Jahre 1649 und der Entthronung Jakobs II. im Jahre 1689.

Die Chancen der jetzigen Erhebung in Mailand sind gering, wenn nicht einige österreichische Regimenter zu den Aufständischen übergehen. Hoffentlieh wird es mir auf Grund von Privatbriefen aus Turin, die ich täglich erwarte, möglich sein, das ganze Ereignis eingehend zu beschreiben.


 


Karl Marx

Der Mailänder Aufstand

 

[„New»York Daily Tribüne"

Nr. 3710 vom 8. März 1853]

London, Dienstag, 22. Februar 1853

 

Daß die Revolution selbst dann siegt, wenn sie fehlschlägt, zeigt uns der Schrecken, den die Mailänder echauffourée [kühne, aber unbesonnene Tat] den kontinentalen Herrschern bis ins Innerste einjagte.


Unmittelbar nachdem die revolutionäre Erhebung in Mailand unterdrückt war, gab Radetzky Befehl, jede Mitteilung nach Piemont und der Schweiz abzufangen.

Sie werden schon vor diesem Brief die spärlichen Nachrichten bekommen haben, die von Italien nach England durchsickern durften. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nun auf einen charakteristischen Zug der Mailänder Ereignisse lenken.

Obzwar Feldmarschall-Leutnant Graf Strassoldo in seinem ersten Erlaß vom 6. d. M. unumwunden zugibt, daß das Gros der Bevölkerung an dem Aufstand absolut unbeteiligt war, verhängt er trotzdem den strengsten Belagerungszustand über Mailand. Radetzky verdreht in einer späteren Proklamation, datiert Verona, 9. Februar, die Darstellung seines Untergebenen und macht sich die Rebellion zunutze, um unter falschen Vorspiegelungen Geld zu erlangen. Alle Personen, die nicht notorisch der österreichischen Partei angehören, belegt er mit Geldstrafen in beliebiger Höhe zugunsten der Garnison.

In seiner Proklamation vom U.d.M. erklärt er, „daß die Mehrheit der Einwohner, mit wenigen rühmenswerten Ausnahmen, sich der kaiserlichen Regierung nicht fügen wolle" und instruiert alle gerichtlichen Behörden, d. h. die Kriegsgerichte, das Vermögen sämtlicher Mitschuldigen zu sequestrieren.

Den Ausdruck „Mitschuld" erklärt er so:

Che tale complicitä consista semplicimente nella omissione della denuncia a cui ogntmo

b tenuto."1

______

1 „Eine solche Mitschuld besteht einfach schon in der Unterlassung der Anzeige, zu der jeder

verpflichtet ist."


Er hätte ebensogut ganz Mailand auf einmal unter dem Vorwand konfiszieren können, daß die Erhebung vom 6. nicht schon am 5. von den Einwohnern angezeigt worden sei. Wer also nicht zum Spion und Spitzel der Habsburger werden will, läuft Gefahr, die gesetzliche Beute der Kroaten zu werden. Mit einem Wort, Radetzky verkündet ein neues System der Massenplünderung.

Die Mailänder Erhebung ist bedeutsam als Symptom der nahenden revolutionären Krise auf dem ganzen europäischen Kontinent. Und bewunderswert ist sie als Akt des Heroismus einiger weniger Proletarier, die, nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40000 Mann der besten Truppen ganz Europas wagten, indes die Söhne Mammons inmitten des Blutes und der Tränen ihrer erniedrigten und gemarterten Nation tanzten, sangen und tafelten. Armselig erscheint sie allerdings, wenn sie das Endergebnis der ewigen Verschwörung Mazzinis, seiner bombastischen Proklamationen und seiner anmaßenden Kapuzinaden gegen das französische Volk bilden soll. Hoffen wir, daß die revolutions improvisées [ improvisierten Revolutionen] , wie die Franzosen sie nennen, nunmehr zu Ende sind.

Hat man je gehört, daß große Improvisatoren auch große Dichter sind? Und wie in der Poesie so in der Politik. Revolutionen werden nicht auf Befehl gemacht.

Seit den schrecklichen Erfahrungen von 1848 und 1849 braucht man etwas mehr als papierne Erlasse von entfernten Führern, um nationale Revolutionen heraufzubeschwören. Kossuth hat die Gelegenheit benützt, um öffentlich die Insurrektion im allgemeinen und die in seinem Namen veröffentlichte Proklamation im besonderen zu verleugnen. Gleichwohl sieht es einigermaßen verdächtig aus, daß er post factum [hinterdrein] für sich eine Überlegenheit über seinen Freund Mazzini als Politiker beansprucht. Der „Leader" bemerkt hierzu:


Wir halten es für nötig, unsere Leser darauf hinzuweisen, daß die Angelegenheit ausschließlich Herrn Kossuth und Herrn Mazzini angeht, und daß letzterer im Augenblick nicht in England ist."


Deila Rocca, ein Freund Mazzinis, äußert sich in einemBrief an die „Daily News" über Kossuths und Agostinis Ableugnungen. Er sagt:


Es gibt Leute, die sie im Verdacht haben, daß sie, ebenso bereit, die Ehren des Gelingens für sich zu beanspruchen, wie die Verantwortlichkeit für das Mißlingen

zurückzuweisen, erst die definitiven Nachrichten über den Erfolg oder Mißerfolg des Aufstandes abwarteten."


B.Szemere, Exminister von Ungarn, protestiert in einem an den Herausgeber des „Morning Chronicle" gerichteten Brief dagegen, „daß Kossuth illegitimerweise den Namen Ungarns usurpiere". Er sagt:


Wer sich ein Urteil über ihn als Staatsmann bilden will, der möge nur die Geschichte der letzten ungarischen Revolution aufmerksam lesen, und wer seine Geschicklichkeit

als Verschwörer kennenlernen will, der werfe nur einen Rückblick auf die vorjährige unglückselige Hamburger Expedition."


Daß die Revolution selbst dann siegt, wenn sie fehlschlägt, zeigt uns der Schrecken, den die Mailänder echauffourée [kühne, aber unbesonnene Tat] den kontinentalen Herrschern bis ins Innerste einjagte. Man betrachte bloß den Brief, den die offizielle „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung"veröffentlicht:


Berlin, 15. Februar. Man ist hier tief beeindruckt von den Mailänder Ereignissen. Die telegraphische Nachricht erreichte den König am 9., just als er sich auf einem Hofball befand. Der König erklärte sofort, daß die Bewegung mit einer tiefgehenden Verschwörung verknüpft sei, die sich überallhin verzweige, und daß sich angesichts dieser revolutionären Bewegungen ein enges Bündnis zwischen Preußen und Österreich als unbedingte Notwendigkeit erweise... Ein hoher Würdenträger rief aus: ,Wir werden also vielleicht die preußische Krone an den Ufern des Po zu verteidigen haben!'"


So groß war der Schrecken im ersten Augenblick, daß ohne jede andere Ursache als diesen „tiefen Eindruck" etwa 20 Bewohner Berlins verhaftet wurden. Die „NeuePreußischeZeitung"',das ultraroyalistische Blatt, wurde konfisziert, weil sie das angeblich von Kossuth herrührende Dokument veröffentlicht hatte. Am 13. legte der Minister von Westphalen dem Herrenhaus einen eiligen Gesetzentwurf vor, der die Regierung ermächtigen soll, alle Broschüren und Zeitungen zu konfiszieren, die außerhalb Preußens erscheinen. In Wien sind Verhaftungen und Haussuchungen an der Tagesordnung.

Zwischen Rußland, Preußen und Österreich fanden sofort Verhandlungen darüber statt, daß bei der englischen Regierung ein gemeinsamer, die politischen Flüchtlinge betreffender Protest einzulegen sei. So schwach, so machtlos sind die sogenannten „Mächte". Bei dem leisesten Anzeichen eines revolutionären Erdbebens fühlen sie schon die Throne Europas in ihren Grundfesten wanken. Inmitten ihrer Armeen, ihrer Verliese, ihrer Galgen zittern sie vor dem, was sie „umstürzlerische Versuche einiger weniger bezahlter Bösewichte" nennen.

Die Ruhe ist wiederhergestellt." Jawohl, jene schreckliche, unheilvolle Ruhe zwischen dem ersten Aufbrausen des Sturmes und dem nächsten dröhnenden Donnerschlag.



 

Friedrich Engels

Vom 2. Dezember 1851 bis Mitte dieses Jahres [1858] war der europäische Kontinent in politischer Hinsicht wie mit einem Leichentuch bedeckt. Die Mächte, die dank ihrer Armeen siegreich aus dem großen revolutionären Kampf hervorgegangen waren, durften nach ihrem Belieben regieren, Gesetze erlassen oder umstoßen, befolgen oder verletzen, wie es ihnen gerade gefiel. Überall waren die Vertreterkörperschaften zu einem bloßen Schein herabgewürdigt worden; es gab kaum irgendwo eine Parlamentsopposition; die Presse war geknebelt; und hätte es nicht dann und wann ein plötzlich aufflammendes Feuerzeichen gegeben, eine Erhebung in Mailand, eine Landung in Salerno, einen Aufstand in Chalon, ein Attentat auf Louis-Napoleon, hätte es nicht einige politische Prozesse in Angers und anderswo gegeben, im Verlauf derer sich der alte revolutionäre Geist für eine kurze Zeit, um welchen Preis auch immer, in einer lauten und Aufsehen erregenden Selbstbehauptung offenbarte, dann hätte man denken können, der europäische Kontinent habe nach der Erfahrung von 1848 alle Ideen von einem politischen Leben aufgegeben und der Militärdespotismus, das cäsarische Regime sei überall als die einzig mögliche Regierungsform hingenommen worden.

Als die vulkanischen Ausbrüche des Jahres 1848 vor den Augen der erstaunten liberalen Bourgeoisie Europas plötzlich das gigantische Gespenst einer bewaffneten, für die politische und soziale Emanzipation kämpfenden Arbeiterklasse erstehen ließen, opferte die Bourgeoisie, der der sichere Besitz ihres Kapitals von unermeßlich höherer Bedeutung als die direkte politische Macht war, diese Macht und alle Freiheiten, für die sie gekämpft hatte, um die Unterdrückung der proletarischen Revolution zu sichern.

Die Bourgeoisie erklärte sich politisch für unmündig, für unfähig, die Angelegenheiten der Nation zu leiten und fügte sich in den militärischen und bürokratischen Despotismus. Dann begann jene krampfhafte Ausdehnung der Fabriken, Bergwerke, Eisenbahnen und der Dampfschiffahrt, jene Epoche der Crédits mobiliers, des Schwindels in Aktienunternehmungen, des Betruges und der Wechselreiterei, in der sich die europäische Bourgeoisie für ihre politischen Niederlagen durch industrielle Siege, für ihre kollektive Impotenz durch individuellen Reichtum schadlos zu halten suchte. Doch mit ihrem Reichtum wuchs ihre gesellschaftliche Macht und im gleichen Verhältnis erweiterten sich ihre Interessen; sie begann wieder, die ihr auferlegten politischen Ketten zu spüren. Die gegenwärtige Bewegung in Europa ist die natürliche Folge und der Ausdruck dieses Gefühls, gepaart mit einem wiedererlangten Vertrauen in ihre eigene Macht über ihre Arbeiter, wiedererlangt in den zehn Jahren ungestörter industrieller Tätigkeit.

 

(Friedrich Engels - MEW, Band 12, S. 654-658.)

 

 

 

Friedrich Engels

Vorwort

zur italienischen Ausgabe

(1893)

Die Veröffentlichung des "Manifests der Kommunistischen Partei" fiel fast auf den Tag genau mit dem 18. März 1848 zusammen, mit den Revolutionen von Mailand und Berlin, wo sich im Zentrum des europäischen Kontinents einerseits und des Mittelländischen Meeres andrerseits zwei Nationen erhoben, die bis dahin durch territoriale Zerstückelung und inneren Hader geschwächt und daher unter Fremdherrschaft geraten waren. Während Italien dem Kaiser von Österreich |Ferdinand I.| unterworfen war, hatte Deutschland, wenn auch nicht so unmittelbar, das nicht minder schwere Joch des Zaren aller Reußen |Nikolaus I.| zu tragen. Die Auswirkungen des 18. März 1848 befreiten Italien und Deutschland von dieser Schmach; wenn beide großen Nationen in der Zeit von 1848 bis 1871 wiederhergestellt und gewissermaßen sich selbst wiedergegeben wurden, so geschah dies, wie Karl Marx sagte, deshalb, weil dieselben Leute, die die Revolution von 1848 niederwarfen, dann wider Willen zu ihren Testamentsvollstreckern wurden.

Die Revolution war damals überall das Werk der Arbeiterklasse; die Arbeiterklasse war es, die die Barrikaden errichtete und ihr Leben in die Schanze schlug. Nur die Arbeiter von Paris hatten, als sie die Regierung stürzten, die ausgesprochene Absicht, das Bourgeoisregime zu stürzen. Doch so sehr sie sich auch des unvermeidlichen Antagonismus bewußt waren, der zwischen ihrer eigenen Klasse und der Bourgeoisie bestand, hatte weder der wirtschaftliche Fortschritt des Landes noch die geistige Entwicklung der französischen Arbeitermassen jenen Grad erreicht, der eine Umgestaltung der Gesellschaft ermöglicht hätte. Die Früchte der Revolution wurden daher letzten Endes von der Kapitalistenklasse eingeheimst. In den anderen Ländern, in Italien, Deutschland, Österreich, Ungarn, taten die Arbeiter von Anfang an nichts anderes, als die Bourgeoisie an die Macht zu bringen. Aber in keinem Lande ist die Herrschaft der Bourgeoisie ohne nationale Unabhängigkeit möglich. Die Revolution von 1848 mußte somit die Einheit und Unabhängigkeit derjenigen Nationen nach sich ziehen, denen es bis dahin daran gebrach: Italien, Deutschland, Ungarn; Polen wird zu seiner Zeit nachfolgen.

Wenn also die Revolution von 1848 keine sozialistische Revolution war, so ebnete sie dieser doch den Weg, bereitete für sie den Boden vor. Mit der Entwicklung der großen Industrie in allen Ländern hat das Bourgeoisregime in den letzten 45 Jahren allenthalben ein zahlreiches, festgefügtes und starkes Proletariat hervorgebracht, hat es, um einen Ausdruck des "Manifests" zu gebrauchen, seine eignen Totengräber produziert. Ohne Wiederherstellung der Unabhängigkeit und Einheit jeder europäischen Nation hätte sich weder die internationale Vereinigung des Proletariats noch ein ruhiges, verständiges Zusammenwirken dieser Nationen zur Erreichung gemeinsamer Ziele vollziehen können. Man stelle sich einmal ein gemeinsames internationales Vorgehen der italienischen, ungarischen, deutschen, polnischen, russischen Arbeiter unter den politischen Verhältnissen der Zeit vor 1848 vor!

Die Schlachten von 1848 waren also nicht vergebens, nicht vergebens auch die 45 Jahre, die uns von jener revolutionären Etappe trennen. Die Früchte kommen zur Reife, und ich wünschte nur, daß die Veröffentlichung dieser italienischen Übersetzung des "Manifests" ein gutes Vorzeichen für den Sieg des italienischen Proletariats werde, so wie die Veröffentlichung des Originals es für die internationale Revolution war.

Das "Manifest" läßt der revolutionären Rolle, die der Kapitalismus in der Vergangenheit gespielt hat, volle Gerechtigkeit widerfahren. Die erste kapitalistische Nation war Italien. Der Ausgang des feudalen Mittelalters und der Anbruch des modernen kapitalistischen Zeitalters sind durch eine große Gestalt gekennzeichnet - durch den Italiener Dante, der zugleich der letzte Dichter des Mittelalters und der erste Dichter der Neuzeit war. Heute bricht, wie um 1300, ein neues geschichtliches Zeitalter an. Wird uns Italien den neuen Dante schenken, der die Geburtsstunde des proletarischen Zeitalters verkündet?

London, 1. Februar 1893

Friedrich Engels


 

 

Friedrich Engels

Die Totengräber der Revolution von 1848 waren ihre Testamentvollstrecker geworden. Und neben ihnen erhob sich schon drohend der Erbe von 1848, das Proletariat, in der INTERNATIONALE.

(Einleitung zu: "Die Klassenkämpfe in Frankreich" - Ausgabe 1895)

 

 

 

Lenin

Band 9, Seite 76-77

Der „Wperjod" (Nr. 14)* erkannte die Richtigkeit der Marxschen Theorie vom Unterschied der drei Hauptkräfte in den Revolutionen des 19. Jahrhunderts im großen und ganzen durchaus an. Nach dieser Theorie treten der alten Gesellschaftsordnung, der Selbstherrschaft, dem Feudalismus, der Leibeigenschaft, entgegen:

1. die liberale Großbourgeoisie;

2. das radikale Kleinbürgertum;

3. das Proletariat.

Die erste kämpft lediglich für die konstitutionelle Monarchie, das zweite für die demokratische Republik, das dritte für die sozialistische Umwälzung. Die Verwechslung des kleinbürgerlichen Kampfes für die vollständige demokratische Umwälzung mit dem proletarischen Kampf für die sozialistische Revolution droht dem Sozialisten mit politischem Bankrott. Diese Warnung von Marx ist durchaus richtig. Aber gerade aus diesem Grunde ist eben die Losung der „revolutionären Kommunen" falsch, denn die in der Geschichte bekannten Kommunen haben ja gerade die demokratische Umwälzung mit der sozialistischen verwechselt.

Unsere Losung:

revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft hingegen bietet die volle Garantie, daß dieser Fehler vermieden wird. Denn unsere Losung erkennt vorbehaltlos den bürgerlichen Charakter der Revolution an, die unfähig ist, über den Rahmen einer nur demokratischen Umwälzung unmittelbar hinauszugehen, treibt aber zugleich diese Umwälzung vorwärts, ist bestrebt, dieser Umwälzung die für das Proletariat vorteilhaftesten Formen zu geben, und ist folglich bestrebt, die demokratische Umwälzung für die Zwecke des weiteren erfolgreichen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus in denkbar bester Weise auszunutzen.

 

Lenin

Band 12, Seite 330-331

Wenn die Sozialdemokraten die gegenwärtige Revolution als eine bürgerliche bezeichnen, so wollen sie damit keineswegs ihre Aufgaben herabsetzen, ihre Bedeutung schmälern. Im Gegenteil. Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Klasse der Kapitalisten kann sich nicht genügend breit entfalten und nicht siegreich enden, bevor nicht die älteren historischen Feinde des Proletariats gestürzt sind.

Darum ist es im gegenwärtigen Augenblick die Hauptaufgabe des Proletariats, die größtmögliche Freiheit zu erringen und den gutsherrlichen (fronherrlichen) Grundbesitz möglichst vollständig zu vernichten. Nur eine solche Tätigkeit, nur die völlige demokratische Zertrümmerung der alten, halbfronherrlichen Gesellschaft kann das Proletariat voll und ganz zur selbständigen Klasse erstarken lassen, nur so kann es aus den „dem ganzen rechtlosen Volk" gemeinsamen demokratischen Aufgaben seine besonderen, d. h. die sozialistischen Aufgaben voll und ganz herausheben und sich die besten Bedingungen eines möglichst freien, breit entfalteten und verstärkten Kampfes für den Sozialismus sichern. Angesichts einer nicht abgeschlossenen, nicht zu Ende geführten bürgerlich-demokratischen Freiheitsbewegung muß das Proletariat seine Kräfte weitaus stärker nicht für proletarisch-klassenmäßige, d. h. für sozialistische, sondern für allgemein-demokratische, d. h. bürgerlich-demokratische Aufgaben einsetzen.

Kann aber das sozialistische Proletariat selbständig und als führende Kraft die - bürgerliche Revolution vollbringen? Bedeutet nicht der Begriff bürgerliche Revolution, daß nur die Bourgeoisie sie vollbringen kann?

Zu dieser Ansicht gelangen häufig die Menschewiki. Aber diese Ansicht ist eine Karikatur auf den Marxismus. Die - ihrem sozial-ökonomischen Inhalt nach - bürgerliche Befreiungsbewegung ist nicht ihren Triebkräften nach bürgerlich. Nicht die Bourgeoisie kann ihre treibende Kraft sein, sondern das Proletariat und die Bauernschaft. Warum ist das möglich?

Weil das Proletariat und die Bauernschaft noch mehr als die Bourgeoisie unter den Überresten der Leibeigenschaft zu leiden haben, noch mehr der Freiheit und der Liquidierung des Gutsbesitzerjochs bedürfen.

Umgekehrt bringt ein völliger Sieg die Bourgeoisie in Gefahr: das Proletariat wird sich die volle Freiheit gegen die Bourgeoisie zunutze machen, und zwar um so leichter zunutze machen, je vollständiger die Freiheit, je vollständiger die Vernichtung der Gutsbesitzermacht ist.

Daher das Bestreben der Bourgeoisie, mit der bürgerlichen Revolution auf halbem Wege Schluß zu machen, sie zu beenden mit der halben Freiheit, durch einen Pakt mit der alten Staatsmacht und mit den Gutsbesitzern.

Dieses Bestreben wurzelt in den Klasseninteressen der Bourgeoisie.

Es trat schon in der deutschen bürgerlichen Revolution von 1848 so klar in Erscheinung, daß der Kommunist Marx die ganze Spitze der proletarischen Politik damals auf den Kampf gegen die liberale „Vereinbarer"-bourgeoisie (ein Ausdruck von Marx) richtete.