DEUTSCH

 


 

 

 

 

 

König Louis-Phillipe von Frankreich dankte sofort ab. Guizot der französische Premierminister wurde entlassen und Fürst Metternich von Österreich fiel innerhalb weniger Wochen.

Karl Marx und Friedrich Engels, die den Verlauf der Französischen Revolution von 1848 studierten, kamen zu dem Schluss, dass die elende Lage der Massen der Hauptgrund für die Februarrevolution war.

Marx und Engels erkannten, dass die Revolutionen von 1848 das "unmittelbare Vorspiel der proletarischen Revolution" waren. Sie begrüßten sofort die Revolution, die am 24. Februar 1848 in Frankreich ausbrach.

Im dialektischen Sinne ebneten die Erfahrungen aus der Niederlage der Revolutionen von 1848 den Weg zum Sieg der proletarischen Revolution. Allerdings dauerte es 23 Jahre, bis die glorreiche Pariser Kommune im Jahre 1871 (der erste Arbeiterstaat der Geschichte) die proletarische Revolution erneut auf die Tagesordnung des europäischen Kontinents setzte.

 

 

Das französische Proletariat hat sich durch diese glorreiche Revolution wieder an die Spitze der europäischen Bewegung gestellt. Ehre den Pariser Arbeitern! Sie haben der Welt einen Stoß gegeben, den alle Länder nach der Reihe fühlen werden; denn der Sieg der Republik in Frankreich ist der Sieg der Demokratie in ganz Europa.

Unsere Zeit, die Zeit der Demokratie bricht an. Die Flammen der Tuilerien und des Palais Royal sind die Morgenröte des Proletariats. Die Bourgeoisherrschaft wird jetzt überall zusammenkrachen oder zusammengeworfen werden.

(Friedrich Engels, 27. Februar 1848)

 

 

 

 

Bürgerlich-demokratische Revolution

in Frankreich

Ende Februar 1848

 

wie Marx und Engels sie sahen

 



Friedrich Engels

Die Reformbewegung in Frankreich

MEW, Band 4, Seite399 -406 und 409 - 412

 

 

Friedrich Engels

 

Die Bewegungen von 1847

[„Deutsche-Brüsseler-Zeitung"
Nr. 7 vom 23. Januar 1848]

(Frankreich)

Frankreich scheint allein eine Ausnahme zu machen. Die Herrschaft, 1830 der ganzen großen Bourgeoisie zugefallen, beschränkt sich von Jahr zu Jahr mehr auf die Herrschaft der reichsten Fraktion dieser großen Bourgeoisie, auf die Herrschaft der Rentiers und Börsenspekulanten. Sie haben die Majorität der großen Bourgeoisie ihrem Interesse dienstbar gemacht. Die Minorität, an deren Spitze ein Teil der Fabrikanten und Reeder stehen, wird immer geringer. Diese Minorität hat sich jetzt mit den vom Wahlrecht ausgeschlossenen mittleren und kleinen Bourgeois verbunden und feiert ihre Allianz in den Reformbanketts. Sie verzweifelt daran, mit den bisherigen Wählern je zur Herrschaft zu kommen. Sie hat sich daher nach langem Schwanken entschlossen, den zunächst unter ihr stehenden Bourgeois, und namentlich den Bourgeoisideologen, als den allerungefährlichsten, den Advokaten, Medizinern usw., einen Anteil an der politischen Macht zu versprechen.

Sie ist freilich noch weit davon entfernt, ihr Versprechen halten zu können.

So sehen wir auch in Frankreich den Kampf innerhalb der Bourgeoisie herannahen, der in England schon fast beendigt ist. Nur daß, wie immer, in Frankreich die Situation einen schärfer gezeichneten, revolutionären Charakter hat. Diese entschiedne Trennung in zwei Lager ist auch ein Fortschritt der Bourgeoisie.

* * *

Wir können uns sogar eines ironischen Lächelns nicht erwehren, wenn wir sehen, mit welchem schrecklichen Ernst, mit welcher pathetischen Begeisterung fast überall die Bourgeois ihren Zwecken nachstreben.

Die Herren glauben wirklich, sie arbeiteten für sich selbst. Sie sind beschränkt genug, zu glauben, daß mit ihrem Siege die Welt ihre definitive Gestaltung bekomme. Und doch ist nichts augenscheinlicher, als daß sie nur uns, den Demokraten und Kommunisten, überall den Weg bahnen, als daß sie höchstens einige Jahre unruhigen Genusses erobern werden, um alsdann sofort wieder gestürzt zu werden. Überall steht hinter ihnen das Proletariat, hier an ihren Bestrebungen und teilweise an ihren Illusionen teilnehmend, wie in Italien und der Schweiz, dort schweigsam und zurückhaltend, aber unterderhand den Sturz der Bourgeoisie vorbereitend, wie in Frankreich und Deutschland; dort endlich, in England und Amerika, in offner Rebellion gegen die herrschende Bourgeoisie.

Wir können noch mehr tun. Wir können den Bourgeois das alles geradezu sagen, wir können mit offenen Karten spielen. Sie mögen es vorher wissen, daß sie nur in unsrem Interesse arbeiten. Sie können darum doch ihren Kampf gegen die absolute Monarchie, den Adel und die Pfaffen nicht aufgeben.

Sie müssen siegen oder schon jetzt untergehen.

Ja, in sehr kurzer Zeit werden sie in Deutschland sogar unseren Beistand anrufen müssen.

Kämpft also nur mutig fort, ihr gnädigen Herren vom Kapital! Wir haben euch vorderhand nötig, wir haben sogar hie und da eure Herrschaft nötig.

Ihr müßt uns die Reste des Mittelalters und die absolute Monarchie aus dem Wege schaffen, ihr müßt den Patriarchalismus vernichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger besitzlosen Klassen in wirkliche Proletarier, in Rekruten für uns, verwandeln, ihr müßt uns durch eure Fabriken und Handelsverbindungen die Grundlage der materiellen Mittel liefern, deren das Proletariat zu seiner Befreiung bedarf. Zum Lohn dafür sollt ihr eine kurze Zeit herrschen. Ihr sollt Gesetze diktieren, ihr sollt euch sonnen im Glanz der von euch geschaffnen Majestät, ihr sollt bankettieren im königlichen Saal und die schöne Königstochter freien, aber, vergeßt es nicht -

„Der Henker steht vor der Türe."



Friedrich Engels

Revolution in Paris

[„Deutsche-Brüsseler-Zeitung"

Nr. 17 vom 27. Februar 1848]


Das Jahr 1848 wird gut. Kaum ist die sizilianische Revolution mit ihrem langen Schweif von Konstitutionen1 vorüber, so erlebt Paris eine siegreiche Insurrektion.

Die Deputierten der Opposition hatten sich öffentlich verpflichtet, durch eine mutige Demonstration das Versammlungsrecht gegen Guizot, Duchätel und Hebert zu verteidigen.

Alle Vorbereitungen waren getroffen. Der Saal war fertig und erwartete die Gäste des Banketts. Da plötzlich, als es zum Handeln kam, zogen sich die Poltrons der Linken, Herr Odilon Barrot an der Spitze, wie immer feig zurück.

Das Bankett wurde abbestellt. Aber das Volk von Paris, aufgeregt durch die großen Maulhelden der Kammer, wütend über die Feigheit dieser Epiciers und zugleich durch eine anhaltende allgemeine Arbeitslosigkeit unzufrieden gemacht, das Volk von Paris ließ sich nicht abbestellen.

Am Dienstagmittag2 war ganz Paris in den Straßen. Die Massen schrien:

Nieder mit Guizot, es lebe die Reform!" Sie zogen vor Guizots Hotel, das mit Mühe von den Truppen geschützt wurde; die Fenster wurden indes doch

eingeworfen.

Die Massen zogen aber auch vor Odilon Barrots Haus, schrien „Nieder mit Barrot!" und warfen ihm ebenfalls die Fenster ein. Herr Barrot, der feige Urheber der ganzen Erneute, schickte zur Regierung und bat um eine Sicherheitswache!

Die Truppen standen dabei und sahen ruhig zu. Nur die Munizipalgarde hieb ein, und zwar mit der größten Brutalität. Die Munizipalgarde ist ein Korps, das meistens aus Elsässern und Lothringern, also Halbdeutschen, besteht, die dreieinhalb Fr [ancs] per Tag bekommen und sehr feist und wohlgenährt aussehen. Die Munizipalgarde ist das niederträchtigste Korps von Soldaten, das es gibt, schlimmer als die Gensdarmerie, schlimmer als die alte Schweizergarde; wenn das Volk siegt, wird es ihr schlimm gehen.

Gegen Abend fing das Volk an, Widerstand zu leisten. Barrikaden wurden gebildet, Wachtposten erstürmt und in Brand gesteckt. Ein Polizeispion wurde auf dem Bastillenplatz niedergestochen. Waffenläden wurden geplündert.

Um fünf Uhr wurde Generalmarsch für die Nationalgarde geschlagen.

Aber nur sehr wenige kamen, und die kamen, riefen: „Nieder mit Guizot!"

In der Nacht wurde die Ruhe wiederhergestellt. Die letzten Barrikaden wurden genommen, und die Erneute schien beendigt.

Am Mittwochmorgen fing der Aufstand indes mit erneuter Kraft wieder an. Ein großer Teil des Zentrums von Paris, der östlich von der Rue Montmartre liegt, wurde stark verbarrikadiert; seit elf Uhr wagten sich die Truppen nicht mehr hinein. Die Nationalgarde kam zahlreich zusammen, aber nur, um die Truppen von allen Angriffen aufs Volk zurückzuhalten und um zu rufen: „Nieder mit Guizot, es lebe die Reform!"

Es waren 50000 Soldaten in Paris, die nach dem Verteidigungsplan des Marschalls Gerard aufgestellt waren und alle strategischen Punkte besetzt hielten. Aber dieser Punkte waren so viele, daß alle Truppen damit beschäftigt und schon dadurch zur Untätigkeit gezwungen wurden. Man hatte außer der Munizipalgarde fast gar keine Soldaten zum Angriff frei. Der vortreffliche Plan Gerards hat der Erneute unendlich genützt; er lähmte die Truppen und erleichterte ihnen die Passivität, zu der sie ohnehin geneigt waren. Die detachierten Forts haben der Regierung ebenfalls nur geschadet.

Sie mußten besetzt bleiben und zogen dadurch auch einen starken Teil der Truppen vom Kampfplatz. An ein Bombardement dachte niemand. Überhaupt dachte kein Mensch daran, daß die Bastillen nur existierten. Ein Beweis mehr, wie fruchtlos alle Verteidigungspläne gegenüber dem massenhaften Aufstand einer großen Stadt sind!

Gegen Mittag wurde das Geschrei gegen das Ministerium so stark in den Reihen der Nationalgarde, daß mehrere Obersten nach den Tuilerien sagen

ließen: sie ständen nicht für ihre Legion, wenn das Ministerium bliebe.

Um zwei Uhr war der alte Louis-Philippe gezwungen, Guizot fallenzulassen und ein neues Ministerium zu bilden. Kaum war dies angezeigt, so ging die Nationalgarde jubelnd nach Hause und illuminierte ihre Häuser.

Aber das Volk, die Arbeiter, die einzigen, die die Barrikaden errichtet, die den Kampf gegen die Munizipalgarde geführt, die sich den Kugeln, den Bajonetten, den Pferdehufen entgegengeworfen hatten, die Arbeiter hatten keine Lust, sich bloß für Herrn Mole und Herrn Billault zu schlagen. Sie setzten den Kampf fort. Während der Boulevard des Italiens voll Jubel und Freude war, schoß man sich heftig in der Rue Sainte-Avoie und Rambuteau.

Der Kampf dauerte noch bis spät in der Nacht und wurde Donnerstagmorgen fortgesetzt. Daß die Arbeiter sich allgemein an diesem Kampfe beteiligten, dafür spricht die Losreißung der Schienen auf allen Eisenbahnen um Paris.

Die Bourgeoisie hat ihre Revolution gemacht, sie hat Guizot und mit ihm die ausschließliche Herrschaft der großen Börsenmänner gestürzt. Jetzt aber, in dem zweiten Akt des Kampfes, steht nicht mehr ein Teil der Bourgeoisie dem andern, jetzt steht das Proletariat der Bourgeoisie gegenüber.

Soeben kommt die Nachricht, daß das Volk gesiegt und die Republik proklamiert hat. Wir gestehen, daß wir diesen glänzenden Erfolg des Pariser Proletariats nicht gehofft haben.

Drei Mitglieder der provisorischen Regierung gehören der entschiedenen demokratischen Partei an, deren Organ die „Reformfe" ist. Der vierte ist ein Arbeiter [1] - zum erstenmal in irgendeinem Lande der Welt. Die übrigen sind Lamartine, Dupont de l'Eure und zwei Leute vom „National".

Das französische Proletariat hat sich durch diese glorreiche Revolution wieder an die Spitze der europäischen Bewegung gestellt. Ehre den Pariser Arbeitern! Sie haben der Welt einen Stoß gegeben, den alle Länder nach der Reihe fühlen werden; denn der Sieg der Republik in Frankreich ist der Sieg der Demokratie in ganz Europa.

Unsere Zeit, die Zeit der Demokratie bricht an. Die Flammen der Tuilerien und des Palais Royal sind die Morgenröte des Proletariats. Die Bourgeoisherrschaft wird jetzt überall zusammenkrachen oder zusammengeworfen werden.

Deutschland wird hoffentlich folgen. Jetzt oder nie wird es sich aus seiner Erniedrigung emporraffen. Wenn die Deutschen einige Energie, einigen Stolz, einigen Mut besitzen, so können wir in vier Wochen auch rufen:

Es lebe die deutsche Republik!"

[1] Albert

 

An die Bürger Mitglieder der Provisorischen Regierung der Französischen Republik

Grußadresse des Komitees der Demokratischen Gesellschaft zur Einigung und Verbrüderung aller Völker

Brüssel, den 28. Februar 1848


Bürger!


Die Demokratische Gesellschaft, deren Ziel die Einigung und Verbrüderung aller Völker ist, hat seit einiger Zeit ihren Sitz in Brüssel und umfaßt Angehörige mehrerer Nationen Europas, die, zusammen mit den Belgiern und auf deren Boden, das hier schon seit langem bestehende Recht der freien und offenen Äußerung aller politischen und religiösen Meinungen genießen.

Es drängt uns, Sie zu dem großen Werk, das die französische Nation dieser Tage vollbracht hat, zu beglückwünschen und Sie unserer Dankbarkeit zu versichern für den unermeßlichen Dienst, den jetzt Ihre Nation der Sache der Menschheit erwiesen hat.

Wir hatten bereits Anlaß, die Schweizer zu beglückwünschen, weil sie unlängst den Auftakt gaben zum Werke der Befreiung der Völker; zu dem Werke, das Sie mit jener ganzen Kraft fortsetzen sollten, die die heldenhafte Pariser Bevölkerung immer entfaltet, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wohl rechneten wir damit, wie den Schweizern nach nicht allzu langer Zeit den Franzosen unsere Bewunderung ausdrücken zu dürfen. Aber Frankreich ist dem Zeitpunkt, den wir hierfür erhofft hatten, weit vorausgeeilt. Im übrigen sehen wir darin nur einen Anlaß mehr für alle Nationen, schneller von nun an Ihn'en auf Ihrem Wege zu folgen.

Wir glauben mit Sicherheit annehmen zu können, daß die Länder, die Frankreich am nächsten liegen, als erste folgen werden auf der Bahn, die es beschritten hat.

Diese Annahme ist um so gewisser, weil die Revolution, die Frankreich vollzogen hat, viel mehr dazu beitragen wird, die Bande, die Frankreich mit allen Nationen verbinden, zu festigen, als irgendeine Nation in ihrer Unabhängigkeit zu bedrohen. In dem Frankreich vom Februar 1848 begrüßen wir das Vorbild der Völker und nicht ihren Gebieter. Von nun an wird Frankreich auch keiner anderen Ehrung mehr bedürfen.

Wir sehen bereits die große Nation - deren Geschicke Sie, einzig und allein befugt durch das Vertrauen aller, heute leiten - , wir sehen bereits diese große Nation, selbst mit den Völkern, in denen sie lange Zeit die Rivalen ihrer Macht sah, jenes Bündnis schließen, das nur die verhaßte Politik einiger weniger Männer hat erschüttern können. England und Deutschland reichen von neuem Ihrem großen Lande die Hand. Spanien, Italien, die Schweiz und Belgien werden sich entweder erheben, oder sie werden ruhig und frei unter Ihrer Ägide leben. Polen wird wie Lazarus auferstehen, wenn es Ihren Ruf in drei Sprachen hört.

Und selbst Rußland wird schließlich seine Stimme erheben müssen, deren Klang den Völkern des Westens und Südens bisher nur wenig vertraut ist.

Euch, Franzosen, Euch gebührt die Ehre, gebührt der Ruhm, das Fundament zu jener Allianz der Völker gelegt zu haben, das Euer unsterblicher Béranger so prophetisch besungen hat.

Aus dem überströmenden Empfinden unwandelbarer Brüderlichkeit heraus entbieten wir Ihnen, Bürger, den Tribut unserer tiefsten Dankbarkeit.

Das Komitee der Demokratischen Gesellschaft zur Einigung und Verbrüderung aller Völker, mit dem Sitz in Brüssel.

L. Jottrand, Advokat, Präsident

K.Marx, Vizepräsident

General Mellinet, Ehrenpräsident

Lelewel

Spilthoorn

Maynz

F. Ballin, Schatzmeister

A.Battaille, Vizesekretär

J.Pellering, Arbeiter

Labiaux

Nach der Handschrift.

Aus dem Französischen.

 

 

* * *

 

 

JUNI-REVOLUTION 1848

Karl Marx und Friedrich Engels über die Junirevolution 1848

 

Die unglückliche Lage der Masse; diese Lage ist die wirkliche lebendige Ursache der Junirevolution.

Die Junirevolution ist nur eine Fortsetzung der Februarrevolution. Er ist eine Fortsetzung des durch ganz Europa gehenden Kampfes wegen gerechterer Verteilung der jährlichen Arbeitserzeugnisse. Die Regierung hat zuerst die Arbeiter gegen die Mittelklasse gehetzt und ist jetzt der letzteren behilflich, die getäuschten, betrogenen und nun wütend gewordenen Arbeiter
von der Erde zu tilgen.


Sturz der Bourgeoisie!

Diktatur der Arbeiterklasse!

Die trikolore Republik trägt nur mehr eine Farbe, die Farbe der Geschlagenen, die Farbe des Bluts. Sie ist zur roten Republik geworden.

Es ist überhaupt wunderbar, wie rasch die Arbeiter sich den Operationsplan aneigneten, wie gleichmäßig sie einander in die Hände arbeiteten, wie geschickt sie das so verwickelte Terrain zu benutzen wußten. Dies wäre rein unerklärlich, wenn nicht die Arbeiter schon in den Nationalwerkstätten ziemlich militärisch organisiert und in Kompanien eingeteilt gewesen wären, so daß sie ihre industrielle Organisation nur auf ihre kriegerische Tätigkeit zu übertragen brauchten, um sogleich eine vollständig gegliederte Armee zu bilden.

Hätten
die Arbeiter dieselben gewaltsamen Mittel angewandt wie die Bourgeois und Bourgeoisknechte, Paris läge in Trümmern, aber sie hätten triumphiert.
Die Bourgeois wollten von Schonung nichts wissen. Selbst auf die Gefahr hin, einen Teil ihres Eigentums durch ein Bombardement zu verlieren, waren sie entschlossen, ein für allemal ein Ende zu machen mit den Feinden der Ordnung, den Plünderern, Räubern, Brandstiftern und Kommunisten.
Die ganze bewaffnete Macht, die gegen die Insurrektion zu Felde zog, betrug am 25. gewiß an 150000 bis 200000 Mann, die Arbeiter waren höchstens den vierten Teil so stark, hatten weniger Munition, gar keine militärische Direktion und keine brauchbaren Kanonen. Aber sie schlugen sich schweigend und verzweifelt gegen die kolossale Übermacht.

Gegen Barrikaden, gegen Häuser war
noch nie Artillerie angewandt und noch viel weniger Granaten und Brandraketen. Das Volk war noch nicht darauf vorbereitet; es war wehrlos dagegen, und das einzige Gegenmittel, das Brennen, widerstrebte seinem noblen Gefühl. Das Volk hatte bisher keine Ahnung von solch einer algierschen Kriegführung mitten in Paris gehabt. Darum wich es zurück, und sein erstes Zurückweichen entschied seine Niederlage. Die Insurgenten waren vertrieben oder massakriert, und die „Ordnung" triumphierte unter den blutbefleckten Trümmern.


Mit welcher heldenmütigen Tapferkeit, mit welcher Ubereinstimmung, mit welcher Disziplin und welchem militärischen
Geschick die Pariser Arbeiter sich schlugen !

Ihrer 40000 schlugen sich vier Tage lang gegen eine vierfache Ubermacht, und nur ein Haar fehlte, so waren sie Sieger. Nur ein Haar und sie faßten Fuß im Zentrum von Paris, sie nahmen
das Stadthaus, sie setzten eine provisorische Regierung ein und verdoppelten
ihre Anzahl, sowohl aus den eroberten Stadtteilen wie aus den Mobilgarden, die damals nur eines Anstoßes bedurften, um überzugehn. Wenn 40000 Pariser Arbeiter schon so Gewaltiges ausrichteten gegen die vierfache Überzahl, was wird erst die
Gesamtmasse der Pariser Arbeiter zustande bringen, wenn sie einstimmig und im Zusammenhange wirkt!


Kersausie

- der erste Barrikadenfeldherr in der Geschichte

ist gefangen und in diesem Augenblick wohl schon erschossen. Erschießen können ihn die Bourgeois, aber ihm nicht den Ruhm nehmen,
daß er zuerst den Straßenkampf organisiert hat. Erschießen können sie ihn, aber keine Macht der Erde wird verhindern, daß seine Erfindungen in Zukunft bei allen Straßenkämpfen benutzt werden. Erschießen können sie ihn, aber nicht verhindern, daß sein Name als der des ersten Barrikadenfeldherrn in der Geschichte fortdauert.




Die Bourgeoisie erklärte die Arbeiter nicht für gewöhnliche Feinde, die man besiegt, sondern für Feinde der Gesellschaft, die man vernichtet.

 

Einer tritt auf die Barrikade, die Fahne in der Hand. Die andern beginnen das Feuer. Der Fahnenträger fällt. Da ergreift die eine Grisette, ein Mädchen die Fahne, steigt über die Barrikade und geht auf die Nationalgarde zu. Das Feuer dauerte fort, und die Bourgeois der Nationalgarde schossen das Mädchen nieder, als sie dicht vor ihren Bajonetten angekommen war. Sofort springt eine andere Grisette vor, ergreift die Fahne, hebt den Kopf ihrer Gefährtin auf, und da sie sie tot findet, schleudert sie wütend Steine auf die Nationalgarde. Auch sie fällt unter den Kugeln der
Bourgeois.

Besser an einer Kugel sterben als am Hunger!

Das Volk war wieder zu großmütig. Hätte es auf die Brandraketen und Haubitzen mit Brennen geantwortet, es wäre am Abend Sieger gewesen. Aber es dachte nicht daran, gleiche Waffen zu gebrauchen wie seine Gegner.

In den Reihen der Nationalgarde ein gewaltsam
losbrechender Haß, eine kalte Wut gegen die empörten Arbeiter. Die Bourgeoisie führt mit klarem Bewußtsein einen Vernichtungskrieg gegen sie. Ob sie für den Augenblick siegt, oder ob sie gleich unterliegt, die Arbeiter werden eine fürchterliche Rache an ihr nehmen. Nach einem solchen Kampfe wie dem der drei Junitage ist nur noch Terrorismus möglich, sei er von der einen oder der andern Partei ausgeübt.

 

Erst seine Niederlage in der Junirevolution überzeugte das französische Proletariat von der Wahrheit, daß die geringste Verbesserung seiner Lage eine Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen Republik. An die Stelle der bürgerlichen Februarrevolution trat die kühne revolutionäre Kampfparole des Proletariats:
Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!


Die Arbeiter von Paris kämpften ganz
allein gegen die bewaffnete Bourgeoisie, gegen die Mobilgarde, die neuorganisierte republikanische Garde und gegen die Linientruppen aller Waffengattungen. Sie haben den Kampf bestanden mit beispielloser Tapferkeit, der
nichts gleichkommt als die ebenso beispiellose Brutalität ihrer Gegner.

 

Paris in Blut schwimmend

die Insurrektion entwickelt sich zur größten Revolution, die je stattgefunden hat, zur Revolution
des Proletariats gegen die Bourgeoisie

Die Junirevolution ist die Revolution der Verzweiflung, und mit dem schweigenden Groll, mit der finstren Kaltblütigkeit der Verzweiflung wird sie gekämpft; die Arbeiter wissen es, daß sie einen Kampf auf Leben und Tod führen.

Die Einstimmigkeit der Februarrevolution ist verschwunden, jene poetische Einstimmigkeit voll blendender Täuschungen, voll schöner Lügen, die durch den schönrednerischen Verräter Lamartine so würdig repräsentiert wurde. Heute zerreißt der unerbittliche Ernst der Wirklichkeit alle die gleisnerischen Versprechungen des 25. Februar. Die Februarkämpfer bekämpfen heut einander selbst, und - was noch nie vorkam - es gibt keine Indifferenz mehr, jeder waffenfähige Mann kämpft wirklich mit, in der Barrikade oder vor der Barrikade.
Die Armeen, die sich in den Straßen von Paris bekämpfen, sind so stark wie die Armeen, die die Völkerschlacht von Leipzig schlugen. Das allein
beweist die ungeheure Bedeutung der Junirevolution.



(MEW, Band 5, Seite 116 u. 118 u. 119)

Der unmittelbare Eindruck, den die Nachricht von der Juniniederlage auf uns hervorbrachte, der Leser wird uns erlauben, ihn mit den Worten der „Neuen Rheinischen Zeitung" zu schildern:
„Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die Brandraketen Cavaignacs. Die Fraternite, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon die eine die andere exploitiert, diese Fraternite, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben auf die Stirne von Paris geschrieben, auf jedes Gefängnis, auf jede Kaserne - ihr wahrer, unverfälschter, ihr prosaischer Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit flammte vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. Die Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war. - Pedanten der alten revolutionären Überlieferung von 1793, sozialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für das Volk bettelten und denen erlaubt wurde, lange Predigten zu halten und sich so lange zu kompromittieren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden mußte, Republikaner, welche die ganze alte bürgerliche Ordnung mit Abzug des gekrönten Kopfes verlangten, dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines Ministerwechsels den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisten, welche die Livree nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren die Bundesgenossen, womit das Volk seinen Februar machte... Die Februarrevolution war die schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königtum eklatierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die Existenz der Phrase, des Worts.
Die Junirevolution ist die häßliche Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst entblößte, indem sie ihm die schirmende und versteckende Krone abschlug. - Ordnung! war der Schlachtruf Guizots. Ordnung! schrie Sebastiani, der Guizotin, als Warschau russisch wurde. Ordnung! schreit Cavaignac, das brutale Echo der französischen Nationalversammlung und der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartätschen, als sie den Leib des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die Ordnung, denn sie ließ die Herrschaft der Klasse, sie ließ die Sklaverei der Arbeiter, sie ließ die bürgerliche Ordnung bestehen, sooft auch die politische Form dieser Herrschaft und dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!" („N. Rh. Z.", 29. Juni 1848.)

Wehe über den Juni! schallt das europäische Echo zurück.
Von der Bourgeoisie wurde das Pariser Proletariat zur Juniinsurrektion gezwungen. Schon darin lag sein Verdammungsurteil. Weder sein unmittelbares
eingestandenes Bedürfnis trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie gewaltsam erkämpfen zu wollen, noch war es dieser Aufgabe gewachsen. Der „Monifear" mußte ihm offiziell eröffnen, daß die Zeit vorüber, wo die Republik vor seinen Illusionen die Honneurs zu machen sich veranlaßt sah, und erst seine Niederlage überzeugte es von der Wahrheit, daß die geringste Verbesserung seiner Lage eine Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen Republik, eine Utopie, die zum Verbrechen wird, sobald sie sich verwirklichen will. An die Stelle seiner, der Form nach überschwenglichen, dem Inhalte nach kleinlichen und selbst noch bürgerlichen Forderungen, deren Konzession es der Februarrepublik abdringen wollte, trat die kühne revolutionäre Kampfparole:
Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!
Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der bürgerlichen Republik machte, zwang es sie sogleich, in ihrer reinen Gestalt herauszutreten als der Staat, dessen eingestandener Zweck ist, die Herrschaft des Kapitals, die Sklaverei der Arbeit zu verewigen. Im steten Hinblicke auf den narbenvollen, unversöhnbaren, unbesiegbaren Feind - unbesiegbar, weil seine Existenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist - mußte die von allen Fesseln befreite Bourgeoisherrschaft sofort in den Bourgeoisterrorismus umschlagen.
Das Proletariat einstweilen von der Bühne beseitigt, die Bourgeoisdiktatur offiziell anerkannt, mußten die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft, Kleinbürgertum und Bauernklasse, in dem Maße, als ihre Lage unerträglicher und ihr Gegensatz gegen die Bourgeoisie schroffer wurde, mehr und mehr sich an das Proletariat anschließen. Wie früher in seinem Aufschwünge, mußten sie jetzt in seiner Niederlage den Grund ihrer Misere finden.
Wenn die Juniinsurrektion überall auf dem Kontinent das Selbstgefühl der Bourgeoisie hob und sie offen in einen Bund mit dem feudalen Königtum gegen das Volk treten ließ, wer war das erste Opfer dieses Bundes? Die kontinentale Bourgeoisie selbst. Die Juniniederlage verhinderte sie, ihre Herrschaft zu befestigen und das Volk auf der untergeordnetsten Stufe der bürgerlichen Revolution halb befriedigt, halb verstimmt, stillstehen zu machen.
Endlich verriet die Juniniederlage den despotischen Mächten Europas das Geheimnis, daß Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach außen
aufrechterhalten müsse, um den Bürgerkrieg nach innen führen zu können.
So wurden die Völker, die den Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der Übermacht Rußlands, Österreichs und Preußens preisgegeben, aber gleichzeitig wurde das Schicksal dieser nationalen Revolutionen dem Schicksal der proletarischen Revolution unterworfen, ihrer scheinbaren Selbständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der großen sozialen Umwälzung beraubt. Der Ungar soll nicht frei sein, nicht der Pole, nicht der Italiener, solange der Arbeiter Sklave bleibt!
Endlich nahm Europa durch die Siege der Heiligen Allianz eine Gestalt an, die jede neue proletarische Erhebung in Frankreich mit einem Weltkriege unmittelbar zusammenfallen läßt. Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden zu verlassen und das europäische Terrain zu erobern, auf dem allein die soziale Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann.
Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen, innerhalb deren Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das Blut der Juniinsurgenten getaucht, wurde die Trikolore zur Fahne der europäischen Revolution - zur roten Fahne!
Und wir rufen: Die Revolution ist tot! - Es lebe die Revolution!
(Karl Marx, "Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 - 1850, Band 7, Seite 31 - 34)

* * *

Die Junirevolution ist das Zentrum, worum sich die europäische Revolution und Kontrerevolution dreht. Die Entfernung von der Junirevolution war, wie wir während ihres Verlaufs aussprachen, die Sonnenhöhe der Kontrerevolution, die ihre Tour um Europa machen mußte. Die Rückkehr auf die Junirevolution ist der eigentliche Beginn der europäischen Revolution. (MEW, Band 6, Seite 19)

 

„Gesetzt, die Kontrerevolution lebte in ganz Europa durch die Waffen, sie würde in ganz Europa sterben durch das Geld. Das Fatum, das den Sieg kassieren würde, wäre der europäische - Bankerutt, der
Staatsbankerutt. An den 'ökonomischen' Pointen brechen die Spitzen der Bajonette wie mürber Zunder. Aber die Entwicklung wartet den Verfalltag
jener Wechsel nicht ab, die die europäischen Staaten auf die neue europäische Gesellschaft gezogen haben.
In Paris wird der vernichtende Gegenschlag der Junirevolution geschlagen werden. Mit dem Siege der 'roten Republik' zu Paris werden die Armeen aus dem Innern der Länder an und über die Grenzen ausgespien werden, und die wirkliche Macht der ringenden Parteien wird sich rein herausstellen. Dann werden wir uns erinnern an den Juni, an den Oktober, und auch wir werden rufen: 'WEHE DEN BESIEGTEN!'

"Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni- und Oktobertagen, das langweilige Opferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Kontrerevolution selbst wird die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die
mörderischen Todeswehn der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehn
der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur
ein Mittel - den revolutionären Terrorismus." (MEW, Band 5, Seite 457)

Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen. Aber die royalistischen Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechts-Gnaden, in der Praxis sind sie brutal, verächtlich, gemein, in der Theorie feig, versteckt, doppelzüngig, in beiden Beziehungen ehrlos." (MEW, Band 6, Seite 505)


„Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg - der Krieg ist die erste Folge der siegreichen Arbeiterrevolution in Frankreich." (MEW, Band 6, Seite 150)

„Die Aufgabe der Presse ist es, alle
Grundlagen des Bestehenden zu unterwühlen."

"Die Seele der Junirevolution war die Seele unsrer Zeitung." (Marx unbd Engels - Neue Rheinische Zeitung)

 

 

Karl Marx und Friedrich Engels

Über die Junirevolution in Frankreich 1848

(Sammlung ihrer Schriften)

 

In der Junirevolution wurden 3000 aufständische Arbeiter blutig niedergemetzelt.

Die Bourgeoisie, die durch den mutigen Einsatz der Arbeiter in der Februarrevolution 1848 zur Macht gekommen war, trieb mit den Arbeitern ein hinterlistiges Spiel. Sie ging zunächst zum Schein auf die berechtigten Forderungen der Arbeiter auf einen gesicherten Arbeitsplatz ein. So wurden in Paris die über 100 000 Arbeitslosen vor allem zu Erdarbeiten eingesetzt und man schuf Nationalwerkstätten. Zugleich formierte die bürgerliche Regierung eine ihr hörige Polizeitruppe. Ferner brachten die Wahlen am 23. April 1848 den konservativen Republikanern eine Mehrheit im Parlament. Sie nutzten ihren Wahlsieg, in dem sie die Nationalwerkstätten schlossen und die Erdarbeiten einstellten. Die Pariser Arbeiter wurden willkürlich ohne Geld auf die Straße gesetzt. Sie hatten keine Möglichkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Die Pariser Arbeiter beantworteten diese Schikanen mit einem bewaffneten Aufstand. 40 000 Arbeiter lieferten sich in den Arbeitervierteln von Paris eine erbitterte Schlacht mit dem Militär und den Polizeitruppen.
Der Juniaufstand in der französischen Hauptstadt Paris 1848 war eine eindeutig proletarische Erhebung. Auf den Barrikaden wurde unter den Losungen wie

  • „Brot oder Tod!“

  • „ Arbeit oder Tod!“ oder

  • „Es lebe die soziale Republik!“

gekämpft. In ihren Aufrufen forderten die Arbeiter

  • die Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung, deren Mitglieder vor Gericht gestellt werden sollten wegen des Bruches ihrer bisherigen Zusagen an die Arbeiter. Diese forderten weiterhin

  • den Abzug der Truppen und

  • den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.

  • Das Volk sollte die Verfassung ausarbeiten können, wobei das Recht auf Arbeit zu garantieren sei.

„Wenn Paris in Ketten liegt wird ganz Europa ebenfalls versklavt werden“ schrieben die Aufständischen in einem Aufruf, der die internationale Bedeutung ihres Kampfes hervorhob.

Straßenkämpfe in Paris

Vier Tage vom 23. bis 26. Juni 1848 tobten die erbitterten Straßenkämpfe in Paris. Auf der einen Seite kämpften 40 000 bis 50 000 Arbeiter, auf der anderen Barrikadenseite waren 250 000 Mann Regierungstruppen zur Niederschlagung des Aufstandes im Einsatz. An der Spitze aller Regierungstruppen stand der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Kriegsminister General CAVAIGNAC. Hauptstützpunkt der aufständischen Arbeiter war die Vorstadt Saint Antoine. Die Barrikaden, die die Arbeiter in dem Stadtbezirk errichtet hatten, reichten bis zum vierten Stockwerk der Häuser. Trotz allen Heldentums der Barrikadenkämpfer wurde der Pariser Juniaufstand niedergeschlagen. Ein erbarmungsloser Terror der Konterrevolution setzte ein. Die Sieger ermordeten selbst die verwundeten Arbeiter. 25 000 Teilnehmer des Aufstandes erhielten langjährige Zuchthausstrafen. 3 500 Menschen wurden in entfernte Strafkolonien verbannt. Die Arbeiterviertel von Paris waren fast ohne Einwohner.
Die internationale Konterrevolution nahm die blutige Niederlage der Pariser Arbeiter mit Freude auf. Zar NIKOLAUS I. sandte CAVAIGNAC sogar ein Glückwunschschreiben.

 

 

 

Karl Marx

Der achtzehnte Brumaire

 

Der Bürgerkrieg in Frankreich

 

 

Friedrich Engels

Die Totengräber der Revolution von 1848 waren ihre Testamentvollstrecker geworden. Und neben ihnen erhob sich schon drohend der Erbe von 1848, das Proletariat, in der INTERNATIONALE.

(Einleitung zu: "Die Klassenkämpfe in Frankreich" - Ausgabe 1895)

 

 

 

Lenin

aus: "STAAT UND REVOLUTION" (Kapitel II)

DIE ERFAHRUNGEN DER JAHRE 1848-1851

 

 

Lenin

Band 2, Seite 10-11

Die Revolution von 1848, die zuerst in Frankreich ausbrach, griff dann auch auf andere Länder Westeuropas über.

 

Lenin

Band 9, Seite 76-77

Der „Wperjod" (Nr. 14)* erkannte die Richtigkeit der Marxschen Theorie vom Unterschied der drei Hauptkräfte in den Revolutionen des 19. Jahrhunderts im großen und ganzen durchaus an. Nach dieser Theorie treten der alten Gesellschaftsordnung, der Selbstherrschaft, dem Feudalismus, der Leibeigenschaft, entgegen:

1. die liberale Großbourgeoisie;

2. das radikale Kleinbürgertum;

3. das Proletariat.

Die erste kämpft lediglich für die konstitutionelle Monarchie, das zweite für die demokratische Republik, das dritte für die sozialistische Umwälzung. Die Verwechslung des kleinbürgerlichen Kampfes für die vollständige demokratische Umwälzung mit dem proletarischen Kampf für die sozialistische Revolution droht dem Sozialisten mit politischem Bankrott. Diese Warnung von Marx ist durchaus richtig. Aber gerade aus diesem Grunde ist eben die Losung der „revolutionären Kommunen" falsch, denn die in der Geschichte bekannten Kommunen haben ja gerade die demokratische Umwälzung mit der sozialistischen verwechselt.

Unsere Losung:

revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft hingegen bietet die volle Garantie, daß dieser Fehler vermieden wird. Denn unsere Losung erkennt vorbehaltlos den bürgerlichen Charakter der Revolution an, die unfähig ist, über den Rahmen einer nur demokratischen Umwälzung unmittelbar hinauszugehen, treibt aber zugleich diese Umwälzung vorwärts, ist bestrebt, dieser Umwälzung die für das Proletariat vorteilhaftesten Formen zu geben, und ist folglich bestrebt, die demokratische Umwälzung für die Zwecke des weiteren erfolgreichen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus in denkbar bester Weise auszunutzen.

 

Lenin

Band 12, Seite 330-331

Wenn die Sozialdemokraten die gegenwärtige Revolution als eine bürgerliche bezeichnen, so wollen sie damit keineswegs ihre Aufgaben herabsetzen, ihre Bedeutung schmälern. Im Gegenteil. Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Klasse der Kapitalisten kann sich nicht genügend breit entfalten und nicht siegreich enden, bevor nicht die älteren historischen Feinde des Proletariats gestürzt sind.

Darum ist es im gegenwärtigen Augenblick die Hauptaufgabe des Proletariats, die größtmögliche Freiheit zu erringen und den gutsherrlichen (fronherrlichen) Grundbesitz möglichst vollständig zu vernichten. Nur eine solche Tätigkeit, nur die völlige demokratische Zertrümmerung der alten, halbfronherrlichen Gesellschaft kann das Proletariat voll und ganz zur selbständigen Klasse erstarken lassen, nur so kann es aus den „dem ganzen rechtlosen Volk" gemeinsamen demokratischen Aufgaben seine besonderen, d. h. die sozialistischen Aufgaben voll und ganz herausheben und sich die besten Bedingungen eines möglichst freien, breit entfalteten und verstärkten Kampfes für den Sozialismus sichern. Angesichts einer nicht abgeschlossenen, nicht zu Ende geführten bürgerlich-demokratischen Freiheitsbewegung muß das Proletariat seine Kräfte weitaus stärker nicht für proletarisch-klassenmäßige, d. h. für sozialistische, sondern für allgemein-demokratische, d. h. bürgerlich-demokratische Aufgaben einsetzen.

Kann aber das sozialistische Proletariat selbständig und als führende Kraft die - bürgerliche Revolution vollbringen? Bedeutet nicht der Begriff bürgerliche Revolution, daß nur die Bourgeoisie sie vollbringen kann?

Zu dieser Ansicht gelangen häufig die Menschewiki. Aber diese Ansicht ist eine Karikatur auf den Marxismus. Die - ihrem sozial-ökonomischen Inhalt nach - bürgerliche Befreiungsbewegung ist nicht ihren Triebkräften nach bürgerlich. Nicht die Bourgeoisie kann ihre treibende Kraft sein, sondern das Proletariat und die Bauernschaft. Warum ist das möglich?

Weil das Proletariat und die Bauernschaft noch mehr als die Bourgeoisie unter den Überresten der Leibeigenschaft zu leiden haben, noch mehr der Freiheit und der Liquidierung des Gutsbesitzerjochs bedürfen.

Umgekehrt bringt ein völliger Sieg die Bourgeoisie in Gefahr: das Proletariat wird sich die volle Freiheit gegen die Bourgeoisie zunutze machen, und zwar um so leichter zunutze machen, je vollständiger die Freiheit, je vollständiger die Vernichtung der Gutsbesitzermacht ist.

Daher das Bestreben der Bourgeoisie, mit der bürgerlichen Revolution auf halbem Wege Schluß zu machen, sie zu beenden mit der halben Freiheit, durch einen Pakt mit der alten Staatsmacht und mit den Gutsbesitzern.

Dieses Bestreben wurzelt in den Klasseninteressen der Bourgeoisie.

Es trat schon in der deutschen bürgerlichen Revolution von 1848 so klar in Erscheinung, daß der Kommunist Marx die ganze Spitze der proletarischen Politik damals auf den Kampf gegen die liberale „Vereinbarer"-bourgeoisie (ein Ausdruck von Marx) richtete.

 

 

 

Lenin

Band 25, Seite 48-49

 

Wir erinnern daran, daß Louis Blanc ein berühmter kleinbürgerlicher Sozialist war, der 1848 in die Regierung eintrat und 1871 zu gleichermaßen trauriger Berühmtheit gelangte.

Louis Blanc hielt sich für den Führer der „Arbeitsdemokratie" oder der „sozialistischen Demokratie" (gerade dieses letztere Wort wurde 1848 in Frankreich nicht minder häufig gebraucht als 1917 in der Literatur der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki), in Wirklichkeit aber war Louis Blanc ein Anhängsel der Bourgeoisie, ein Spielzeug in ihren Händen.

In den fast 70 Jahren, die seit jener Zeit Vergangen sind, hat die Bourgeoisie im Westen wieder und wieder dieses Manöver durchgeführt, das für Rußland neu ist. Das Wesen dieses Manövers besteht darin, daß man die vom Sozialismus und von der Revolution „abschwenkenden" Führer der „sozialistischen Demokratie" zu einem für die Bourgeoisie unschädlichen Anhängsel der bürgerlichen Regierung macht, diese Regierung mit Hufe der beinah-sozialistischen Minister vor dem Volke schützt und das konterrevolutionäre Wesen der Bourgeoisie durch das glänzende, wirkungsvolle Aushängeschild des „sozialistischen" Ministerialismus verdeckt.

In Frankreich ist diese Methode der Bourgeoisie besonders gut ausgearbeitet worden, und auch in den angelsächsischen, den skandinavischen und in vielen romanischen Ländern wurde sie vielfach erprobt.

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Anmerkung der Komintern (SH):

Und so wie Lenin an Louis Blanc erinnert, erinnern wir heute an Dimitroff und an seine Volksfront, dieses restaurierte "Anhängsel der bürgerlichen Regierung."

 

 

 

Lenin

Band 25, Seite 83-84

Rufen wir uns die Rolle ins Gedächtnis, die Cavaignac, klassenmäßig gesehen, spielte. Im Februar 1848 wurde in Frankreich die Monarchie gestürzt. Die Bourgeoisrepublikaner gelangten an die Macht. Genauso wie unsere Kadetten wollten sie die „Ordnung", worunter sie die Wiederherstellung und Festigung der monarchistischen Werkzeuge zur Unterdrückung der Massen: der Polizei, des stehenden Heeres und des privilegierten Beamtentums, verstanden. Genauso wie unsere Kadetten wollten sie der Revolution ein Ende bereiten, haßten sie das revolutionäre Proletariat mit seinen damals noch sehr unklaren „sozialen" (d. h. Sozialistischen) Bestrebungen. Genauso wie unsere Kadetten standen sie der Politik der Ausweitung der französischen Revolution auf ganz. Europa, der Politik ihrer Umwandlung in die proletarische Weltrevolution, äußerst feindlich gegenüber. Genauso wie unsere Kadett» bedienten sie sich geschickt des kleinbürgerlichen „Sozialismus" Louis Blancs, indem sie ihn zum Minister ernannten und aus einem Führer der sozialistischen Arbeiter, der er sein wollte, in ein Anhängsel, einen Lakaien der Bourgeoisie verwandelten.

Dies waren die Klasseninteressen, die Position und die Politik der herrschenden Klasse.

Die zweite grundlegende gesellschaftliche Kraft war das schwankende, durch das rote Gespenst eingeschüchterte, dem Geschrei gegen die „Anarchisten" erliegende Kleinbürgertum. In seinen Bestrebungen träumerisch und phrasenhaft „sozialistisch", fürchtete das Kleinbürgertum, das sich selbst mit Vorliebe als „sozialistische Demokratie" bezeichnete (sogar diesen Ausdruck übernehmen jetzt die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki), sich der Führung des revolutionären Proletariats anzuvertrauen, ohne zu begreifen, daß diese Furcht es dazu verdammt, sich blind der Bourgeoisie anzuvertrauen. Denn in einer Gesellschaft des erbitterten Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, besonders bei der unvermeidlichen Verschärfung dieses Kampfes durch die Revolution, kann es keine „mittlere" Linie geben. Das ganze Wesen der Klassenlage und der Bestrebungen des Kleinbürgertums besteht aber eben darin, das

Unmögliche zu wollen, nach dem Unmöglichen zu trachten, d. h. Gerade nach einer solchen „mittleren Linie".

Die dritte entscheidende Klassenkraft war das Proletariat, das nicht nach der „Aussöhnung" mit der Bourgeoisie strebte, sondern nach dem Siege über sie, das bestrebt war, furchtlos die Revolution auch in internationalem Maßstab weiter voranzutreiben.

Das war der objektive historische Boden, der einen Cavaignac hervorbrachte.

Durch seine Unschlüssigkeit hatte sich das Kleinbürgertum als aktiv handelnde Kraft „ausgeschlossen", und der französische Kadett, General Cavaignac, nutzte die Angst des Kleinbürgertums, sich dem Proletariat anzuvertrauen, schritt zur Entwaffnung der Pariser Arbeiter und ließ sie in Massen erschießen.

Mit diesem historischen Blutbad endete die Revolution; das zahlenmäßig überwiegende Kleinbürgertum war und blieb ein politisch ohnmächtiges Anhängsel der Bourgeoisie, und drei Jahre später wurde in Frankreich die cäsarische Monarchie in einer besonders abscheulichen Form wiederhergestellt.


 

 

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Historische Karte der Revolutionen von 1848

 

 

 

 

 

 

 

 

 

in Frankreich wird im Februar 1848 der Bürgerkönig Louis Philippe gestürzt.

 

Karrikatur von der Februarrevolution

 

Die Zeichnung zeigt den König von Frankreich, Louis Phlippe (1773-1850), auf seiner Flucht ins englische Exil, zu der er sich nach seiner Abdankung im Zuge der Februarrevolution 1848 gezwungen sah. Zu dieser Flucht wird die Reise des Prinzen von Preußen nach England am 21. März 1848 in Beziehung gesetzt, vermutlich in der Hoffnung, dass dessen Englandaufenthalt ebenfalls zum Exil werden möge.