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J. W. STALIN

GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)
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KURZER LEHRGANG

Unter Redaktion einer Kommission des Zentralkomitees der KPdSU(B) 
Gebilligt vom Zentralkomitee der KPdSU(B) 1938

 

KAPITEL III
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode des Russisch- Japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution
(1904-1907)

1
Der Russisch-Japanische Krieg
Der weitere Aufschwung der revolutionären Bewegung in Russland
Die Streiks in Petersburg
Die Demonstration der Arbeiter vor dem Winterpalast am 9. Januar 1905
Die Niederschießung der Demonstranten
Der Beginn der Revolution

Ende des 19. Jahrhunderts gingen die imperialistischen Staaten zum verschärften Kampf um die Herrschaft am Stillen Ozean, um die Aufteilung Chinas über. An diesem Kampf nahm auch das zaristische Russland teil. Im Jahre 1900 schlugen zaristische Truppen, gemeinsam mit japanischen, deutschen, englischen und französischen, den Volksaufstand in China, dessen Spitze sich gegen die ausländischen Imperialisten richtete, mit beispielloser Grausamkeit nieder. Schon vorher hatte die zaristische Regierung China gezwungen, die Halbinsel Liau-tung mit der Festung Port-Arthur an Russland abzutreten. Russland erzwang sich das Recht, auf chinesischem Territorium Eisenbahnen zu bauen. In der Nordmandschurei wurde eine Eisenbahn - die Ostchinabahn - erbaut; zu ihrem Schutz wurden russische Truppen entsandt. Die Nordmandschurei wurde vom zaristischen Russland militärisch okkupiert. Der Zarismus schickte sich zum Sprunge nach Korea an. Die russische Bourgeoisie schmiedete Pläne für die Schaffung eines „Gelbrussland“ in der Mandschurei.

Bei seinen Eroberungen im Fernen Osten stieß der Zarismus auf einen anderen Räuber, auf Japan, das sich rasch in ein imperialistisches Land verwandelt hatte und ebenfalls Annexionen auf dem asiatischen Festlande anstrebte, in erster Linie auf Kosten Chinas. Japan trachtete ebenso wie das zaristische Russland, Korea und die Mandschurei an sich zu reißen. Japan sann schon damals auf die Eroberung Sachalins und des Fernen Ostens. England, das die Stärkung des zaristischen Russland im Fernen Osten fürchtete, stand insgeheim auf der Seite Japans. Der Russisch-Japanische Krieg reifte heran. Zu diesem Krieg wurde die zaristische Regierung von der Großbourgeoisie, die neue Märkte suchte, und von den reaktionärsten Schichten der Gutsbesitzer gedrängt.

Ohne abzuwarten, dass die zaristische Regierung den Krieg erklärt, begann Japan zuerst den Krieg. Japan, das in Russland über einen guten Spionagedienst verfügte, rechnete damit, dass es in diesem Kampf einen unvorbereiteten Gegner haben werde. Ohne Kriegserklärung überfiel Japan im Januar 1904 unerwartet die russische Festung Port-Arthur und fügte der dort befindlichen russischen Flotte ernste Verluste zu.

So begann der Russisch-Japanische Krieg.

Die zaristische Regierung rechnete darauf, dass der Krieg ihr helfen werde, ihre Stellung politisch zu festigen und der Revolution Einhalt zu tun. Sie hatte sich jedoch verrechnet. Der Krieg erschütterte den Zarismus noch mehr.

Die schlecht ausgerüstete und ausgebildete, von unfähigen und käuflichen Generalen geführte russische Armee erlitt eine Niederlage nach der anderen.

An dem Kriege bereicherten sich Kapitalisten, Beamte, Generale. Ringsum blühte der Diebstahl. Die Truppen wurden schlecht versorgt. Als es an Geschossen fehlte, erhielt die Armee wie zum Hohn ganze Waggons mit Heiligenbildern. Die Soldaten sagten mit Bitterkeit: „Die Japaner traktieren uns mit Geschossen, wir sie mit Heiligenbildern.“ Statt die Verwundeten abzutransportieren, beförderten Sonderzüge das von den zaristischen Generalen zusammengeraubte Gut.

Die Japaner belagerten die Festung Port-Arthur und nahmen sie dann ein. Nachdem die zaristische Armee eine Reihe von Niederlagen erlitten hatte, wurde sie von den Japanern vor Mukden vernichtend geschlagen. Die 300000 Mann starke zaristische Armee verlor in dieser Schlacht gegen 120000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Darauf erfolgte in der Meerenge von Tsushima die völlige Zerstörung und der Untergang der zaristischen Flotte, die aus der Ostsee dem belagerten Port-Arthur zu Hilfe gesandt worden war. Die Niederlage bei Tsushima bedeutete eine völlige Katastrophe: von den zwanzig vom Zaren entsandten Kriegsschiffen wurden dreizehn versenkt bzw. vernichtet, vier vom Feinde erbeutet. Das zaristische Russland hatte den Krieg endgültig verloren.

Die zaristische Regierung war gezwungen, mit Japan einen schmählichen Frieden zu schließen. Japan riss Korea an sich, nahm Russland Port-Arthur und die Hälfte von Sachalin ab.

Die Volksmassen hatten diesen Krieg nicht gewollt und waren sich seiner Schädlichkeit für Russland bewusst. Das Volk musste die Rückständigkeit des zaristischen Russland teuer bezahlen.

Die Bolschewiki und die Menschewiki verhielten sich zu diesem Krieg verschieden.

Die Menschewiki, darunter Trotzki, sanken auf die Position der Vaterlandsverteidigung hinab, das heißt der Verteidigung des „Vaterlandes“ des Zaren, der Gutsbesitzer und der Kapitalisten.

Lenin und die Bolschewiki hielten im Gegenteil die Niederlage der zaristischen Regierung in diesem räuberischen Kriege für nützlich, da sie zur Schwächung des Zarismus und zur Stärkung der Revolution führen werde.

Die Niederlagen der zaristischen Truppen deckten vor den breitesten Volksmassen die Fäulnis des Zarismus auf. Der Hass gegen den Zarismus wuchs in den Volksmassen von Tag zu Tag. Der Fall Port-Arthurs - das ist der Beginn des Falles der Selbstherrschaft, schrieb Lenin.

Der Zar wollte durch den Krieg die Revolution ersticken. Er erreichte das Gegenteil. Der Russisch-Japanische Krieg beschleunigte die Revolution.

Im zaristischen Russland wurde das kapitalistische Joch durch das Joch des Zarismus noch schwerer. Die Arbeiter litten nicht nur unter der kapitalistischen Ausbeutung, unter dem Zuchthausregime der Arbeit, sondern auch unter der Rechtlosigkeit des gesamten Volkes. Deshalb strebten die klassenbewussten Arbeiter danach, in der revolutionären Bewegung aller demokratischen Elemente in Stadt und Land gegen den Zarismus die Führung zu übernehmen. Die Bauernschaft erstickte vor Landlosigkeit, litt schwer unter den zahlreichen Überresten der Leibeigenschaft; sie befand sich in der Schuldknechtschaft der Gutsbesitzer und Kulaken. Die Völker, die das zaristische Russland bewohnten, stöhnten unter dem Doppeljoch ihrer eigenen und der russischen Gutsbesitzer und Kapitalisten. Die Wirtschaftskrise der Jahre 1900-1903 hatte die Leiden der werktätigen Massen gesteigert, der Krieg verschärfte sie noch mehr. Die Niederlagen im Kriege steigerten in den Massen den Hass gegen den Zarismus. Die Geduld des Volkes näherte sich ihrem Ende.

Wie man sieht, gab es mehr als genug Ursachen für die Revolution.

Im Dezember 1904 wurde unter Leitung des bolschewistischen Komitees in Baku ein riesiger, gut organisierter Streik der Arbeiter von Baku durchgeführt. Dieser Streik endete mit dem Sieg der Arbeiter, mit dem Abschluss eines Kollektivvertrages zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen, des ersten Kollektivvertrages in der Geschichte der Arbeiterbewegung Russlands.

Der Bakuer Streik war der Beginn des revolutionären Aufschwungs in Transkaukasien und in einer Reihe von Gebieten Russlands.

„Der Bakuer Streik diente als Signal für die ruhmvollen Januar-Februar-Aktionen in ganz Russland.“ (Stalin.)

Dieser Streik war gleichsam ein gewitterkündender Blitz am Vorabend des großen revolutionären Sturmes.

Der revolutionäre Sturm begann mit den Ereignissen vom 9. Januar (22. Januar neuen Stils) 1905 in Petersburg.

Am 3. (16.) Januar 1905 begann ein Streik in dem größten Petersburger Betrieb, den Putilow-Werken (jetzt Kirow-Werke). Dieser Streik begann wegen der Entlassung von vier Arbeitern aus dem Betrieb. Der Streik in den Putilow-Werken griff schnell um sich; ihm schlossen sich andere Werke und Fabriken Petersburgs an. Der Streik wurde zum Generalstreik. Die Bewegung wuchs drohend an. Die zaristische Regierung entschloss sich, die Bewegung in ihren Anfängen zu ersticken.

Schon im Jahre 1904, vor dem Streik in den Putilow-Werken, hatte die Polizei mit Hilfe eines Provokateurs, des Popen Gapon, ihre Organisation unter den Arbeitern, den „Verein russischer Fabrik- und Betriebsarbeiter“, geschaffen. Diese Organisation hatte ihre Abteilungen in allen Bezirken Petersburgs. Als der Streik begann, schlug der Pope Gapon in den Versammlungen seines Vereins einen provokatorischen Plan vor: am 9. Januar mögen sich alle Arbeiter versammeln und in friedlichem Zuge mit Kirchenfahnen und Zarenbildern zum Winterpalast ziehen und dem Zaren eine Petition (Bittschrift) über ihre Nöte überreichen. Der Zar werde gewiss zum Volke herauskommen, es anhören und seine Forderungen erfüllen. Gapon übernahm es, der zaristischen Ochrana zu helfen, ein Blutbad unter den Arbeitern zu provozieren und die Arbeiterbewegung in Blut zu ertränken. Der Plan der Polizei kehrte sich jedoch gegen die zaristische Regierung.

Die Petition wurde in Arbeiterversammlungen erörtert, es wurden Verbesserungen und Abänderungen an ihr vorgenommen. In diesen Versammlungen traten auch Bolschewiki auf, ohne sich offen als Bolschewiki zu bezeichnen. Unter ihrem Einfluss wurden in die Petition Forderungen aufgenommen, wie Presse- und Redefreiheit, Freiheit der Arbeiterverbände, Einberufung einer Konstituierenden Versammlung zur Abänderung der Staatsordnung Russlands, Gleichheit aller vor dem Gesetz, Trennung der Kirche vom Staat, Beendigung des Krieges, Einführung des achtstündigen Arbeitstages, Übergabe des Bodens an die Bauern.

Die in diesen Versammlungen auftretenden Bolschewiki bewiesen den Arbeitern, dass man die Freiheit nicht mit Bittschriften an den Zaren erreicht, sondern mit der Waffe in der Hand erkämpft. Die Bolschewiki sagten warnend voraus, dass man auf die Arbeiter schießen werde. Sie konnten jedoch den Zug zum Winterpalast nicht verhindern. Ein bedeutender Teil der Arbeiter glaubte noch, dass der Zar ihnen helfen werde. Die Bewegung hatte die Massen mit ungeheurer Kraft erfasst.

In der Petition der Petersburger Arbeiter hieß es:

„Wir, die Arbeiter der Stadt Petersburg, unsere Frauen, Kinder und hilflosen greisen Eltern sind zu Dir, Herrscher, gekommen, um Wahrheit und Schutz zu suchen. Wir sind verelendet, wir werden unterdrückt, mit unsagbar schwerer Arbeit belastet, man höhnt uns, sieht in uns keine Menschen... Wir haben geduldig alles ertragen, aber wir werden immer tiefer in den Abgrund des Elends, der Rechtlosigkeit und Unwissenheit gestoßen; uns würgen Despotismus und Willkür... Die Geduld hat ihre Grenze erreicht. Für uns ist jener furchtbare Augenblick eingetreten, wo der Tod besser ist als die Fortdauer der unerträglichen Leiden...“

Am frühen Morgen des 9. Januar 1905 zogen die Arbeiter zum Winterpalast, wo sich damals der Zar aufhielt. Die Arbeiter zogen zum Zaren mit ihren Familien, mit Frauen, Kindern und Greisen, trugen Zarenbilder und Kirchenfahnen, sangen Kirchenlieder, marschierten ohne Waffen. Insgesamt versammelten sich in den Straßen mehr als 140000 Menschen.

Nikolaus II. empfing sie feindselig. Er gab den Befehl, auf die unbewaffneten Arbeiter zu schießen. Mehr als 1000 Arbeiter wurden an diesem Tage von den zaristischen Truppen getötet, mehr als 2000 verwundet. Die Straßen Petersburgs waren rot vom Blute der Arbeiter.

Die Bolschewiki marschierten zusammen mit den Arbeitern. Viele von ihnen wurden getötet oder verhaftet. Gleich an Ort und Stelle, auf den von Arbeiterblut überströmten Straßen, erklärten die Bolschewiki den Arbeitern, wer der Schuldige an dieser grässlichen Missetat sei und wie man gegen ihn kämpfen müsse.

Der 9. Januar wurde von nun an der „Blutige Sonntag“ genannt. Am 9. Januar erhielten die Arbeiter eine blutige Lehre. An diesem Tage wurde der Glaube der Arbeiter an den Zaren zerschossen. Sie begriffen, dass sie nur durch Kampf ihre Rechte erringen können. Schon am Abend des 9. Januar begann man in den Arbeiterbezirken Barrikaden zu bauen. Die Arbeiter sagten: „Der Zar hat uns gedroschen, nun gut - auch wir werden ihn dreschen!“

Die furchtbare Kunde von der blutigen Missetat des Zaren verbreitete sich überall. Empörung und Entrüstung erfasste die gesamte Arbeiterklasse, das ganze Land. Es gab keine Stadt, wo die Arbeiter zum Zeichen des Protestes gegen das Verbrechen des Zaren nicht gestreikt und politische Forderungen aufgestellt hätten. Die Arbeiter gingen jetzt mit der Losung „Nieder mit der Selbstherrschaft“ auf die Straße. Die Zahl der Streikenden erreichte im Januar das riesige Ausmaß von 440000. In einem Monat streikten mehr Arbeiter als in dem ganzen vorhergehenden Jahrzehnt. Die Arbeiterbewegung erhob sich zu gewaltiger Höhe.

In Russland begann die Revolution.

 

 

2
Die politischen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter
Das Anwachsen
der revolutionären Bewegung der Bauern
Der Aufstand
auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“

Nach dem 9. Januar nahm der revolutionäre Kampf der Arbeiter einen schärferen, politischen Charakter an. Von wirtschaftlichen Streiks und Solidaritätsstreiks gingen die Arbeiter zu politischen Streiks, zu Demonstrationen und stellenweise zu bewaffnetem Widerstand gegen die zaristischen Truppen über. Einen besonders hartnäckigen und organisierten Charakter trugen die Streiks in den großen Städten, wo bedeutende Arbeitermassen konzentriert waren, - in Petersburg, Moskau, Warschau, Riga, Baku. In den ersten Reihen des kämpfenden Proletariats marschierten die Metallarbeiter. Die fortgeschrittenen Arbeitertrupps rüttelten durch ihre Streiks die weniger klassenbewussten Schichten auf, rissen die gesamte Arbeiterklasse zum Kampfe mit. Der Einfluss der Sozialdemokratie wuchs rasch.

Die Demonstrationen am 1. Mai waren in vielen Orten von Zusammenstößen mit Polizei und Militär begleitet. In Warschau gab es infolge der Beschießung der Demonstration einige hundert Tote und Verwundete. Die Arbeiter antworteten auf das Blutvergießen in Warschau, dem Aufruf der polnischen Sozialdemokratie folgend, mit einem allgemeinen Proteststreik. Während des ganzen Monats Mai hörten die Streiks und Demonstrationen nicht auf. An den Maistreiks nahmen in Russland mehr als 200000 Arbeiter teil. Die Arbeiter von Baku, Lodz, Iwanowo-Wosnessensk traten in den Generalstreik. Immer häufiger kam es zu Zusammenstößen der streikenden Arbeiter und Demonstranten mit den zaristischen Truppen. Solche Zusammenstöße ereigneten sich in einer Reihe von Städten - in Odessa, Warschau, Riga, Lodz und anderen Orten.

Besonders heftigen Charakter nahm der Kampf in der Stadt Lodz an, dem großen Industriezentrum Polens. Die Arbeiter von Lodz errichteten in den Straßen der Stadt Dutzende Barrikaden und führten drei Tage lang (vom 22. bis 24. Juni 1905) Straßenkämpfe gegen die zaristischen Truppen. Die bewaffnete Aktion verschmolz hier mit dem Generalstreik. Lenin betrachtete diese Kämpfe als die erste bewaffnete Aktion der Arbeiterschaft in Russland.

Unter den Sommerstreiks nimmt der Streik der Iwanowo-Wosnessensker Arbeiter einen besonderen Platz ein. Er dauerte von Ende Mai bis Anfang August 1905, das heißt beinahe zweieinhalb Monate. An diesem Streik nahmen ungefähr 70000 Arbeiter teil, darunter viele Frauen. Der Streik wurde vom Nordkomitee der Bolschewiki geleitet. Fast täglich versammelten sich außerhalb der Stadt, am Flusse Talka, Tausende von Arbeitern. Hier, in den Versammlungen, besprachen sie ihre Arbeiternöte. In den Versammlungen der Arbeiter traten Bolschewiki auf. Um den Streik zu unterdrücken, befahlen die zaristischen Behörden den Truppen, die Arbeiter auseinanderzujagen und auf sie zu schießen. Einige Dutzend Arbeiter wurden getötet und einige hundert verwundet. Über die Stadt wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Arbeiter hielten sich jedoch standhaft und gingen nicht zur Arbeit. Die Arbeiter und ihre Familien hungerten, aber sie ergaben sich nicht. Erst die äußerste Erschöpfung zwang sie, die Arbeit aufzunehmen. Der Streik stählte die Arbeiter. Er bot ein vorbildliches Beispiel des Mutes, der Standhaftigkeit, Ausdauer und Solidarität der Arbeiterklasse. Er war eine wahre Schule der politischen Erziehung der Iwanowo-Wosnessensker Arbeiter.

Während dieses Streiks schufen die Arbeiter von Iwanowo-Wosnessensk einen Sowjet der Vertrauensmänner, der faktisch einer der ersten Sowjets von Arbeiterdeputierten in Russland war.

Die politischen Streiks der Arbeiter rüttelten das ganze Land auf. Nach der Stadt begann sich das Dorf zu erheben. Im Frühjahr kam es zu Bauernunruhen. In riesigen Haufen zogen die Bauern gegen die Gutsbesitzer, zerstörten deren Gutshöfe, Zuckerfabriken und Branntweinbrennereien, setzten die gutsherrlichen Paläste und Landsitze in Brand. In einer Reihe von Orten nahmen die Bauern Gutsherrnland gewaltsam in Besitz, machten sich an das massenhafte Abholzen der Wälder, forderten die Übergabe der gutsherrlichen Ländereien an das Volk. Die Bauern beschlagnahmten das Getreide und sonstige Vorräte der Gutsbesitzer und verteilten sie an die Hungernden. Die von Schrecken erfassten Gutsbesitzer waren gezwungen, in die Stadt zu flüchten. Die zaristische Regierung entsandte Soldaten und Kosaken zur Niederwerfung der Bauernaufstände. Die Truppen schossen die Bauern nieder, verhafteten die „Rädelsführer“, peitschten und misshandelten sie. Die Bauern jedoch stellten den Kampf nicht ein.

Die Bewegung der Bauern verbreitete sich immer mehr im Zentrum Russlands, im Wolgagebiet, in Transkaukasien, insbesondere in Georgien.

Die Sozialdemokraten drangen immer tiefer in das Dorf ein. Das Zentralkomitee der Partei gab einen Aufruf an die Bauern heraus: „Bauern, euch gilt unser Wort.“ Die sozialdemokratischen Komitees von Twer, Saratow, Poltawa, Tschernigow, Jekaterinoslaw, Tiflis und vieler anderer Gouvernements gaben Aufrufe an die Bauern heraus. Die Sozialdemokraten veranstalteten in den Dörfern Versammlungen, organisierten Bauernzirkel, schufen Bauernkomitees. Im Sommer 1905 kam es in einer Reihe von Orten zu Landarbeiterstreiks, die von den Sozialdemokraten organisiert waren.

Das war jedoch erst der Beginn der Bauernkämpfe. Die Bauernbewegung hatte nur 85 Kreise, das heißt annähernd den siebenten Teil aller Kreise des europäischen Teils des zaristischen Russland erfasst.

Die Arbeiter- und Bauernbewegung und eine Reihe von Niederlagen der russischen Truppen im Russisch-Japanischen Krieg übten ihren Einfluss auf die Armee aus. Diese Stütze des Zarismus geriet ins Wanken.

Im Juni 1905 brach in der Schwarzmeerflotte, auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“, ein Aufstand aus. Der Panzerkreuzer lag zu dieser Zeit unweit von Odessa, wo ein Generalstreik der Arbeiter im Gange war, vor Anker. Die aufständischen Matrosen rechneten mit den ihnen am meisten verhassten Offizieren ab und führten den Panzerkreuzer nach Odessa. Der Panzerkreuzer „Potemkin“ ging auf die Seite der Revolution über.

Lenin maß diesem Aufstand gewaltige Bedeutung bei. Er hielt es für notwendig, dass die Bolschewiki diese Bewegung leiten, sie mit der Bewegung der Arbeiter, Bauern und örtlichen Garnisonen verbinden.

Der Zar entsandte Kriegsschiffe gegen den „Potemkin“; die Matrosen dieser Schiffe weigerten sich jedoch, auf ihre aufständischen Kameraden zu schießen. Einige Tage wehte auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ die rote Fahne der Revolution. Damals jedoch, im Jahre 1905, war die Partei der Bolschewiki nicht die einzige Partei, die die Bewegung leitete, wie das später, im Jahre 1917, der Fall war. Auf dem „Potemkin“ gab es nicht wenige Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten. Deshalb hatte der Aufstand, obwohl einzelne Sozialdemokraten an ihm teilnahmen, keine richtige und genügend erfahrene Leitung. In den entscheidenden Augenblicken begann ein Teil der Matrosen zu schwanken. Die übrigen Schiffe der Schwarzmeerflotte schlossen sich dem aufständischen Panzerkreuzer nicht an. Mangel an Kohle und Lebensmitteln zwang den aufständischen Panzerkreuzer, auf die Küste Rumäniens Kurs zu nehmen und sich den rumänischen Behörden zu ergeben.

Der Aufstand der Matrosen auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ endete mit einer Niederlage. Die Matrosen, die der zaristischen Regierung später in die Hände fielen, wurden vor Gericht gestellt. Ein Teil wurde hingerichtet, ein Teil zu Zwangsarbeit verurteilt. Aber schon die Tatsache des Aufstands hatte außerordentlich große Bedeutung. Der Aufstand auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ war die erste revolutionäre Massenaktion in Armee und Flotte, der erste Übergang einer größeren Einheit der zaristischen Streitkräfte auf die Seite der Revolution. Dieser Aufstand bewirkte es, dass der Gedanke eines Anschlusses der Armee und Flotte an die Arbeiterklasse, an das Volk, den Massen der Arbeiter und Bauern, besonders den Massen der Soldaten und Matrosen selber verständlicher und vertrauter wurde.

Der Übergang der Arbeiter zu politischen Massenstreiks und Demonstrationen, die Verstärkung der Bauernbewegung, die bewaffneten Zusammenstöße des Volkes mit Polizei und Militär, endlich der Aufstand in der Schwarzmeerflotte - alles das zeugte davon, dass die Bedingungen für den bewaffneten Aufstand des Volkes heranreiften. Dieser Umstand bewog die liberale Bourgeoisie, sich ernsthaft aufzuraffen. Die liberale Bourgeoisie, die selbst die Revolution fürchtete und gleichzeitig den Zaren mit der Revolution schreckte, wollte mit dem Zaren ein Kompromiss gegen die Revolution abschließen und forderte kleinere Reformen „für das Volk“, um das Volk „zu beruhigen“, die Kräfte der Revolution zu spalten und dadurch den „Schrecken der Revolution“ vorzubeugen. „Man muss den Bauern Land abtreten, sonst werden sie uns zertreten“, sagten die liberalen Gutsbesitzer. Die liberale Bourgeoisie schickte sich an, mit dem Zaren die Macht zu teilen. „Das Proletariat kämpft, die Bourgeoisie schleicht sich zur Macht“, schrieb Lenin in diesen Tagen über die Taktik der Arbeiterklasse und die Taktik der liberalen Bourgeoisie.

Die zaristische Regierung fuhr fort, die Arbeiter und Bauern mit wilder Grausamkeit zu unterdrücken. Sie musste jedoch einsehen, dass man mit Gewaltmaßnahmen allein der Revolution unmöglich Herr werden kann. Deshalb nahm sie außer zu Gewaltmaßnahmen zur Politik des Lavierens ihre Zuflucht. Einerseits hetzte sie mit Hilfe ihrer Provokateure die Völker Russlands gegeneinander, organisierte Judenpogrome und armenisch-tatarische Massaker. Anderseits versprach sie, eine „Vertretungskörperschaft“ in Gestalt eines Semski Sobor [Semski Sobor - Versammlung der Ständevertreter in Russland, die im 16. und 17. Jahrhundert von Zeit zu Zeit zu Beratungen mit der Regierung einberufen wurde. Der Übers.] oder einer Reichsduma einzuberufen, und beauftragte den Minister Bulygin, den Entwurf für eine solche Duma auszuarbeiten, jedoch mit dem Vorbehalt, dass diese Duma keine gesetzgeberischen Rechte erhalte. Alle diese Maßnahmen wurden ergriffen, um die Kräfte der Revolution zu spalten und die gemäßigten Volksschichten von der Revolution loszureißen.

Die Bolschewiki erklärten der Bulyginschen Duma den Boykott und stellten sich das Ziel, diese Karikatur einer Volksvertretung zu vereiteln.

Die Menschewiki beschlossen im Gegenteil, die Duma nicht zu vereiteln, und hielten es für notwendig, sich an ihr zu beteiligen.

 

 

3
Die taktischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bolschewiki und Menschewiki
Der III. Parteitag
Das Buch Lenins „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“
Die taktischen Grundlagen der marxistischen Partei

Die Revolution brachte alle Klassen der Gesellschaft in Bewegung. Der Umschwung im politischen Leben des Landes, den die Revolution hervorgerufen hatte, drängte sie aus den alten, herkömmlichen Positionen und veranlasste sie, sich der neuen Situation entsprechend umzugruppieren. Jede Klasse, jede Partei bemühte sich, ihre Taktik, die Linie ihres Verhaltens, ihre Stellung zu den anderen Klassen, ihr Verhältnis zur Regierung auszuarbeiten. Selbst die zaristische Regierung sah sich gezwungen, eine eigene, für sie ungewohnte, neue Taktik auszuarbeiten, die in dem Versprechen bestand, eine „Vertretungskörperschaft“, die Bulyginsche Duma, einzuberufen.

Auch die Sozialdemokratische Partei musste ihre Taktik ausarbeiten. Das erforderte der herannahende Aufschwung der Revolution. Das erforderten die unaufschiebbaren praktischen Fragen, vor die sich das Proletariat gestellt sah: die Frage der Organisierung des bewaffneten Aufstandes, des Sturzes der zaristischen Regierung, die Frage der Schaffung einer provisorischen revolutionären Regierung, der Teilnahme der Sozialdemokratie an dieser Regierung, die Frage des Verhältnisses zur Bauernschaft, des Verhältnisses zur liberalen Bourgeoisie usw. Es war notwendig, eine einheitliche und durchdachte marxistische Taktik der Sozialdemokratie auszuarbeiten.

Infolge des Opportunismus und der Spaltungstätigkeit der Menschewiki war jedoch die Sozialdemokratie Russlands zu dieser Zeit in zwei Fraktionen gespalten. Die Spaltung konnte noch nicht als vollständig angesehen werden, und diese zwei Fraktionen waren formell noch nicht zwei verschiedene Parteien, in Wirklichkeit aber erinnerten sie sehr an zwei verschiedene Parteien, die ihre eigenen Zentren, ihre eigenen Zeitungen hatten.

Die Vertiefung der Spaltung wurde durch den Umstand gefördert, dass die Menschewiki ihren alten Meinungsverschiedenheiten mit der Mehrheit der Partei in organisatorischenFragen neue Meinungsverschiedenheiten hinzufügten - Meinungsverschiedenheiten in taktischenFragen.

Das Fehlen einer einheitlichen Partei hatte das Fehlen einer einheitlichen Parteitaktik zur Folge.

Ein Ausweg aus dieser Lage wäre zu finden gewesen, wenn der nächste, der III. Parteitag unverzüglich einberufen, auf dem Parteitag eine einheitliche Taktik festgelegt und die Minderheit verpflichtet worden wäre, die Beschlüsse des Parteitags ehrlich durchzuführen, sich den Beschlüssen der Mehrheit des Parteitags zu fügen. Eben diesen Ausweg schlugen die Bolschewiki den Menschewiki auch vor. Aber die Menschewiki wollten vom III. Parteitag nicht einmal hören. Da die Bolschewiki es als ein Verbrechen ansahen, die Partei weiterhin ohne eine von der Partei gebilligte und alle Parteimitglieder bindende Taktik zu lassen, beschlossen sie, die Initiative zur Einberufung des III. Parteitags selbst zu ergreifen.

Zum Parteitag wurden alle Organisationen der Partei, sowohl die bolschewistischen als auch die menschewistischen, eingeladen. Die Menschewiki lehnten jedoch die Teilnahme am III. Parteitag ab und beschlossen, ihren eigenen Parteitag einzuberufen. Sie bezeichneten ihren Parteitag als Konferenz, da sich herausstellte, dass sie nur wenige Delegierte hatten; tatsächlich jedoch war dies ein Parteitag der Menschewiki, dessen Beschlüsse für alle Menschewiki als bindend angesehen wurden.

Der III. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands wurde im April 1905 nach London einberufen. Zum Parteitag trafen 24 Delegierte von 20 bolschewistischen Komitees ein. Alle größeren Organisationen der Partei waren vertreten.

Der Parteitag verurteilte die Menschewiki als „Teil der Partei, der sich abgespalten hat“, und ging zur Tagesordnung, zur Ausarbeitung der Parteitaktik über.

Gleichzeitig mit dem Parteitag versammelte sich in Genf die Konferenz der Menschewiki.

„Zwei Parteitage - zwei Parteien“, so kennzeichnete Lenin die Lage.

Sowohl der Parteitag wie die Konferenz erörterten im Grunde genommen die gleichen taktischen Fragen, aber die Beschlüsse, die zu diesen Fragen angenommen wurden, trugen direkt entgegengesetzten Charakter. Die zwei verschiedenartigen Gruppen von Resolutionen, die auf dem Parteitag und der Konferenz angenommen wurden, deckten die ganze Tiefe der taktischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem III. Parteitag und der Konferenz der Menschewiki, zwischen den Bolschewiki und Menschewiki, auf.

Hier die grundlegenden Punkte dieser Meinungsverschiedenheiten:

Die taktische Linie des III. Parteitags. Der Parteitag war der Auffassung, dass trotz des bürgerlich-demokratischen Charakters der vor sich gehenden Revolution, trotz des Umstandes, dass sie im gegebenen Moment nicht über den Rahmen des unter dem Kapitalismus Möglichen hinausgehen könne, vor allem das Proletariat an ihrem vollen Siege interessiert ist, denn der Sieg dieser Revolution gäbe dem Proletariat die Möglichkeit, sich zu organisieren, sich politisch aufzurichten, Erfahrung und Übung in der politischen Führung der werktätigen Massen zu erwerben und von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution überzugehen.

Die auf den vollen Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution abzielende Taktik des Proletariats kann nur von der Bauernschaft unterstützt werden, da diese ohne den vollen Sieg der Revolution mit den Gutsbesitzern nicht fertig werden und das Gutsbesitzerland nicht erhalten kann. Die Bauernschaft ist daher der natürliche Verbündete des Proletariats.

Die liberale Bourgeoisie ist an dem vollen Sieg dieser Revolution nicht interessiert, da sie die zaristische Macht als Knute gegen die Arbeiter und Bauern braucht, die sie am meisten fürchtet. Sie wird daher bestrebt sein, die zaristische Macht zu erhalten und sie in ihren Rechten nur etwas einzuschränken. Deshalb wird die liberale Bourgeoisie danach trachten, die Sache durch ein Kompromiss mit dem Zaren auf der Basis einer konstitutionellen Monarchie zum Abschluss zu bringen.

Die Revolution wird nur dann siegen, wenn das Proletariat an ihre Spitze tritt; wenn das Proletariat als Führer der Revolution es versteht, das Bündnis mit der Bauernschaft zu sichern; wenn die liberale Bourgeoisie isoliert wird; wenn die Sozialdemokratie an der Organisierung des Volksaufstands gegen den Zarismus aktiv Anteil nimmt; wenn infolge des siegreichen Aufstandes eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet wird, die fähig ist, die Konterrevolution mit Stumpf und Stiel auszurotten und eine vom gesamten Volk getragene Konstituierende Versammlung einzuberufen; wenn die Sozialdemokratie nicht darauf verzichtet, beim Vorliegen günstiger Bedingungen an der provisorischen revolutionären Regierung teilzunehmen, um die Revolution zu Ende zu führen.

Die taktische Linie der Konferenz der Menschewiki. Da die Revolution eine bürgerliche ist, so könne nur die liberale Bourgeoisie Führer der Revolution sein. Nicht an die Bauernschaft, sondern an die liberale Bourgeoisie solle das Proletariat Annäherung suchen. Das wichtigste sei hier - die liberale Bourgeoisie nicht durch eine revolutionäre Haltung abzuschrecken und ihr keinen Anlass zu geben, von der Revolution abzuschwenken; denn wenn sie von der Revolution abschwenkt, werde die Revolution geschwächt.

Es sei möglich, dass der Aufstand siegt; die Sozialdemokratie jedoch müsse nach dem Sieg das Feld räumen, um die liberale Bourgeoisie nicht abzuschrecken. Es sei möglich, dass infolge des Aufstandes eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet werde, die Sozialdemokratie aber dürfe auf keinen Fall an ihr teilnehmen, da diese Regierung ihrem Charakter nach keine sozialistische sein werde, und, was die Hauptsache ist, durch die Teilnahme an ihr und durch ihre revolutionäre Haltung könne die Sozialdemokratie die liberale Bourgeoisie abschrecken und damit die Revolution vereiteln.

Vom Standpunkt der Perspektiven der Revolution sei es besser, wenn irgendeine Vertretungskörperschaft in der Art eines Semski Sobor oder einer Reichsduma einberufen würde, die von außen her unter den Druck der Arbeiterklasse gesetzt werden könnte, um sie in eine Konstituierende Versammlung zu verwandeln oder sie dahin zu drängen, eine Konstituierende Versammlung einzuberufen.

Das Proletariat habe seine besonderen, rein proletarischen Interessen und solle eben diesen Interessen nachgehen, aber nicht versuchen, Führer der bürgerlichen Revolution zu werden, die eine allgemeine politische Revolution sei und daher alle Klassen, nicht nur das Proletariat, angehe.

Dies waren, kurz gesagt, die zwei Taktiken der zwei Fraktionen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

Eine klassische Kritik an der Taktik der Menschewiki und eine geniale Begründung der bolschewistischen Taktik hat Lenin in seinem historisch gewordenen Buch „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ gegeben.

Diese Arbeit erschien im Juli 1905, das heißt zwei Monate nach dem III. Parteitag. Urteilt man nach dem Titel des Buches, so könnte man glauben, dass Lenin darin die Fragen der Taktik nur der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution behandle und nur die russischen Menschewiki im Auge habe. In Wirklichkeit entlarvte er in seiner Kritik der Taktik der Menschewiki zugleich die Taktik des internationalen Opportunismus; in der Begründung der Taktik der Marxisten in der Periode der bürgerlichen Revolution und in der Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen der bürgerlichen Revolution und der sozialistischen Revolution aber formulierte er gleichzeitig die Grundlagen der marxistischen Taktik in der Periode des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution.

Hier die grundlegenden taktischen Leitsätze, die Lenin in seiner Schrift „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat:

1. Der grundlegende taktische Leitsatz, der das Buch Lenins durchdringt, ist der Gedanke, dass das Proletariat der Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution, der Leiter der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland sein kann und muss.

Lenin anerkannte den bürgerlichen Charakter dieser Revolution, da sie, wie er betonte, „nicht fähig ist, unmittelbar über den Rahmen eines bloß demokratischen Umsturzes hinauszugehen“. Er war aber der Auffassung, dass sie nicht eine Revolution von oben, sondern eine Volksrevolution ist, die das gesamte Volk, die gesamte Arbeiterklasse, die gesamte Bauernschaft in Bewegung bringt. Deshalb betrachtete Lenin die Versuche der Menschewiki, die Bedeutung der bürgerlichen Revolution für das Proletariat herabzumindern, die Rolle des Proletariats in ihr zu verkleinern und das Proletariat von ihr fernzuhalten, als Verrat an den Interessen des Proletariats.

„Der Marxismus“, schrieb Lenin, „lehrt den Proletarier nicht, sich von der bürgerlichen Revolution fernzuhalten, auf die Teilnahme an ihr zu verzichten, die Führung in ihr der Bourgeoisie zu überlassen, sondern im Gegenteil, er lehrt die energischste Teilnahme, den entschiedensten Kampf für einen konsequenten proletarischen Demokratismus, für die Durchführung der Revolution bis zu Ende.“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Dietz Verlag, Berlin 1946, 3. Aufl., S. 46.)

„Wir dürfen nicht vergessen“, schrieb Lenin weiter, „dass es in der gegenwärtigen Zeit ein anderes Mittel weder gibt noch geben kann, um den Sozialismus näher zu bringen, als die volle politische Freiheit, als die demokratische Republik.“ (Ebenda, S.108.)

Lenin sah zwei Möglichkeiten des Ausgangs der Revolution voraus:

a) entweder endet sie mit einem entscheidenden Sieg über den Zarismus, mit dem Sturz des Zarismus und der Errichtung der demokratischen Republik;

b) oder, falls die Kräfte nicht reichen, so kann sie mit einem Kompromiss des Zaren mit der Bourgeoisie auf Kosten des Volkes enden, mit irgendeiner kümmerlichen Konstitution, am ehesten mit der Karikatur selbst einer solchen Konstitution.

Das Proletariat ist an dem besten Ausgang der Revolution, das heißt an einem entscheidenden Sieg über den Zarismus interessiert. Aber ein solcher Ausgang ist nur dann möglich, wenn das Proletariat es versteht, Führer, Leiter der Revolution zu werden.

„Der Ausgang der Revolution“, schrieb Lenin, „hängt davon ab, ob die Arbeiterklasse die Rolle eines Handlangers der Bourgeoisie, der zwar in seiner Stoßkraft gegen die Selbstherrschaft mächtig, politisch jedoch ohnmächtig ist, oder aber die Rolle des Führers der Volksrevolution spielen wird.“ (Ebenda, S.11.)

Lenin war der Auffassung, dass das Proletariat alle Möglichkeiten hat, sich von dem Los eines Handlangers der Bourgeoisie frei zu machen und Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution zu werden. Diese Möglichkeiten bestehen nach Lenin in folgendem:

Erstens ist „das Proletariat, das seiner Stellung nach die fortgeschrittenste und einzig konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen, die führende Rolle in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Russlands zu spielen“. (Ebenda, S.69.)

Zweitens hat das Proletariat seine eigene, von der Bourgeoisie unabhängige politische Partei, die ihm die Möglichkeit gibt, sich „zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft“ zusammenzuschließen. (Ebenda, S.69.)

Drittens ist das Proletariat an einem entscheidenden Siege der Revolution mehr interessiert als die Bourgeoisie, weshalb „in einem gewissen Sinne die bürgerliche Revolution für das Proletariat vorteilhafter ist als für die Bourgeoisie“. (Ebenda, S.44.)

„Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft“, schrieb Lenin, „sich gegen das Proletariat auf einige Überreste der alten Zeit zu stützen, zum Beispiel auf die Monarchie, auf das stehende Heer und dgl. Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft, dass die bürgerliche Revolution nicht gar zu entschieden mit allen Überresten der alten Zeit aufräumt, sondern einige von ihnen bestehen lässt, das heißt, dass diese Revolution nicht völlig konsequent ist, nicht bis zu Ende geht, dass sie nicht entschieden und schonungslos ist … Für die Bourgeoisie ist es vorteilhafter, dass sich die notwendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung langsamer, allmählicher, vorsichtiger, unentschiedener, auf dem Wege von Reformen und nicht auf dem Wege der Revolution vollziehen …, dass diese Umgestaltungen die revolutionäre Selbsttätigkeit, Initiative und Energie des einfachen Volkes, das heißt der Bauernschaft und besonders der Arbeiter, möglichst wenig entwickeln. Denn sonst wird es den Arbeitern um so leichter, ‚das Gewehr von einer Schulter auf die andere zu legen’, wie die Franzosen sagen, das heißt die Waffen, mit denen die bürgerliche Revolution sie ausrüstet, jene Freiheit, die sie ihnen gibt, und jene demokratischen Institutionen, die auf dem von der Leibeigenschaft gesäuberten Boden entstehen werden, gegen die Bourgeoisie selbst zu richten. Umgekehrt ist es für die Arbeiterklasse vorteilhafter, dass sich die notwendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung eben nicht auf dem Wege der Reformen, sondern auf revolutionärem Wege vollziehen, denn der Weg der Reformen ist ein Weg der Verschleppung, der Amtsschimmelei, des qualvoll langsamen Absterbens der faulenden Teile des Volksorganismus. Unter dieser Fäulnis leiden zuerst und zumeist das Proletariat und die Bauernschaft. Der revolutionäre Weg ist der Weg der raschen, für das Proletariat am wenigsten schmerzhaften Operation; er ist der Weg der direkten Entfernung der faulenden Teile, der Weg der geringsten Nachgiebigkeit und Nachsicht gegenüber der Monarchie und den ihr entsprechenden abscheulichen und widerlichen, faulen und mit ihrer Fäulnis die Luft verpestenden Institutionen.“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 44/45.)

„Deshalb eben“, führte Lenin weiter aus, „kämpft das Proletariat in den vordersten Reihen für die Republik und weist mit Verachtung die dummen und seiner unwürdigen Ratschläge zurück, darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Bourgeoisie möglicherweise abschwenkt.“ (Ebenda, S.95.)

Damit die Möglichkeiten der proletarischen Führung der Revolution zur Wirklichkeit werden, damit das Proletariat in der Tat zum Führer, zum Leiter der bürgerlichen Revolution werde, dazu sind nach Lenin mindestens zwei Bedingungen notwendig.

Dazu ist erstens notwendig, dass das Proletariat einen Verbündeten hat, der an einem entscheidenden Sieg über den Zarismus interessiert ist und dafür gewonnen werden kann, die Führung des Proletariats anzunehmen. Dies erforderte schon die Idee der Führung, denn der Leiter hört auf, Leiter zu sein, wenn es keine Geleiteten gibt, der Führer hört auf, Führer zu sein, wenn es keine Geführten gibt. Als solchen Verbündeten sah Lenin die Bauernschaft an.

Dazu ist zweitens notwendig, dass die Klasse, die mit dem Proletariat um die Führung der Revolution kämpft und danach strebt, selbst der einzige Führer der Revolution zu werden, von der Führerstelle verdrängt und isoliert werde. Auch dies erforderte schon die Idee der Führung, die die Möglichkeit, zwei Führer der Revolution zuzulassen, ausschließt. Als solche Klasse betrachtete Lenin die liberale Bourgeoisie.

„Ein konsequenter Kämpfer für die Demokratie“, schrieb Lenin, „kann nur das Proletariat sein. Ein siegreicher Kämpfer für den Demokratismus kann das Proletariat nur unter der Bedingung werden, dass sich die Masse der Bauernschaft seinem revolutionären Kampfe anschließt.“ (Ebenda, S.55.)

Und weiter:

„Die Bauernschaft umfasst eine Masse halbproletarischer Elemente neben kleinbürgerlichen Elementen. Dieser Umstand macht auch die Bauernschaft unbeständig, so dass das Proletariat genötigt wird, sich zu einer streng klassenmäßigen Partei zusammenzuschließen. Aber die Unbeständigkeit der Bauernschaft ist von der Unbeständigkeit der Bourgeoisie grundverschieden, denn die Bauernschaft ist im gegebenen Augenblick nicht so sehr an dem unbedingten Schutz des Privateigentums, als vielmehr an der Enteignung des Gutsbesitzerlandes, einer der Hauptformen des Privateigentums, interessiert. Ohne dadurch sozialistisch zu werden, ohne aufzuhören, kleinbürgerlich zu sein, ist die Bauernschaft fähig, zum völligen und radikalsten Anhänger der demokratischen Revolution zu werden. Die Bauernschaft wird unweigerlich ein solcher Anhänger der Revolution werden, wenn nur der sie aufklärende Gang der revolutionären Ereignisse nicht durch den Verrat der Bourgeoisie und die Niederlage des Proletariats allzu früh unterbrochen wird. Die Bauernschaft wird unter der aufgezeigten Bedingung unweigerlich zur Stütze der Revolution und der Republik werden, denn einzig die zum vollen Sieg gelangte Revolution wird der Bauernschaft auf dem Gebiete der Agrarreformen alles zu bieten vermögen: alles das, was die Bauernschaft will, was sie erträumt, was tatsächlich für sie notwendig ist.“ (Ebenda, S. 95/96.)

In der Auseinandersetzung mit den Einwendungen der Menschewiki, die behaupteten, eine solche Taktik der Bolschewiki werde „die bürgerlichen Klassen veranlassen, von der Sache der Revolution abzuschwenken und dadurch deren Schwung abschwächen“, charakterisierte Lenin diese Einwendungen als „Taktik des Verrats an der Revolution“, als „Taktik der Verwandlung des Proletariats in ein klägliches Anhängsel der bürgerlichen Klassen“ und schrieb :

„Wer die Rolle der Bauernschaft in der siegreichen russischen Revolution wirklich versteht, der könnte unmöglich davon reden, dass der Schwung der Revolution sich abschwächt, wenn die Bourgeoisie von ihr abschwenkt. Denn in Wirklichkeit wird der wahre Schwung der russischen Revolution erst dann einsetzen, wird der wirklich höchste revolutionäre Schwung, der in der Epoche der bürgerlich-demokratischen Umwälzung möglich ist, erst dann vorhanden sein, wenn die Bourgeoisie abschwenken und die Masse der Bauernschaft an der Seite des Proletariats als aktiver Revolutionär auftreten wird. Damit unsere demokratische Revolution konsequent zu Ende geführt werde, muss sie sich auf solche Kräfte stützen, die fähig sind, die unvermeidliche Inkonsequenz der Bourgeoisie zu paralysieren, das heißt fähig sind, sie eben zu ‚veranlassen, abzuschwenken’.“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 97.)

Das ist der grundlegende taktische Leitsatz über das Proletariat als Führer der bürgerlichen Revolution, der grundlegende taktische Leitsatz über die Hegemonie (führende Rolle) des Proletariats in der bürgerlichen Revolution, den Lenin in seinem Werke „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat.

Das war eine neue Einstellung der marxistischen Partei zu den Fragen der Taktik in der bürgerlich-demokratischen Revolution, die sich tiefgehend von den taktischen Einstellungen unterschied, die bis dahin im marxistischen Arsenal existierten. Bis dahin lief die Sache darauf hinaus, dass in den bürgerlichen Revolutionen, zum Beispiel im Westen, der Bourgeoisie die führende Rolle verblieb, das Proletariat, mochte es wollen oder nicht, die Rolle ihres Handlangers spielte, die Bauernschaft aber die Reserve der Bourgeoisie bildete. Die Marxisten hielten eine solche Kombination für mehr oder minder unvermeidlich, machten jedoch gleich hier den Vorbehalt, dass das Proletariat dabei nach Möglichkeit seine unmittelbaren Klassenforderungen verteidigen und seine eigene politische Partei haben muss. Jetzt, unter den neuen historischen Verhältnissen, nahmen nach Lenins Einstellung die Dinge eine solche Wendung, dass das Proletariat zur führenden Kraft der bürgerlichen Revolution wurde, dass die Bourgeoisie von der Führung der Revolution abgedrängt wurde und die Bauernschaft sich in die Reserve des Proletariats verwandelte.

Das Gerede darüber, dass für die Hegemonie des Proletariats Plechanow „ebenfalls eintrat“, beruht auf einem Missverständnis. Plechanow liebäugelte mit der Idee der Hegemonie des Proletariats und war nicht abgeneigt, sie in Worten anzuerkennen - das stimmt -, aber in Wirklichkeit trat er gegen das Wesen dieser Idee auf. Die Hegemonie des Proletariats bedeutet die führende Rolle des Proletariats in der bürgerlichen Revolution bei einer Politik des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, bei einer Politik der Isolierung der liberalen Bourgeoisie, während Plechanow bekanntlich gegen die Politik der Isolierung der liberalen Bourgeoisie, für eine Politik der Verständigung mit der liberalen Bourgeoisie, gegen die Politik des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft war. In Wirklichkeit war die taktische Stellungnahme Plechanows die menschewistische Stellungnahme der Verneinung der Hegemonie des Proletariats.

2. Das wichtigste Mittel zum Sturze des Zarismus und zur Eroberung der demokratischen Republik sah Lenin im siegreichen bewaffneten Aufstand des Volkes. Im Gegensatz zu den Menschewiki war Lenin der Auffassung, „dass die allgemeindemokratische revolutionäre Bewegung dieNotwendigkeit des bewaffneten Aufstandes schonherbeigeführt hat“, dass „die Organisierung des Proletariats für den Aufstand“ schon „als eine der wesentlichen, hauptsächlichen und notwendigen Aufgaben der Partei auf die Tagesordnung gesetzt“ ist, dass es notwendig ist, „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats und zur Sicherung der Möglichkeit einer unmittelbaren Leitung des Aufstandes zu treffen“ (ebenda, S.69).

Um die Massen an den Aufstand heranzuführen und ihn zu einem Aufstand des gesamten Volkes zu machen, hielt Lenin es für notwendig, solche Losungen, solche Aufrufe an die Massen herauszugeben, die geeignet wären, die revolutionäre Initiative der Massen zu entfesseln, sie für den Aufstand zu organisieren und den Machtapparat des Zarismus zu desorganisieren. Als solche Losungen betrachtete er die taktischen Beschlüsse des III. Parteitags, deren Verfechtung das Buch Lenins „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ gewidmet ist.

Als solche Losungen betrachtete er:

a) die Anwendung von „politischen Massenstreiks, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstandes große Bedeutung haben können“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S.69);

b) die Organisierung der „sofortigen, auf revolutionärem Wege erfolgenden Verwirklichung des achtstündigen Arbeitstages und der anderen auf der Tagesordnung stehenden Forderungen der Arbeiter-klasse“ (ebenda, S. 30) ;

c) „die sofortige Organisierung von revolutionären Bauernkomitees zur“ - auf revolutionärem Wege erfolgenden - „Durchführung aller demokratischen Umgestaltungen“ bis zur Konfiskation der Gutsbesitzerländereien (ebenda, S.87);

d) die Bewaffnung der Arbeiter.

Hier sind zwei Momente besonders interessant:

Erstens die Taktik der revolutionären Verwirklichung des achtstündigen Arbeitstages in der Stadt und der demokratischen Umgestaltungen auf dem Lande, das heißt eine Verwirklichung, die mit den Behörden nicht rechnet, auf das Gesetz keine Rücksicht nimmt, die sowohl die Behörden wie die Gesetzlichkeit ignoriert, die bestehenden Gesetze bricht und eigenmächtig, durch Schaffung vollendeter Tatsachen, neue Zustände herbeiführt. Das war ein neues taktisches Mittel, dessen Anwendung den Machtapparat des Zarismus lähmte, die Aktivität und schöpferische Initiative der Massen auslöste. Auf der Grundlage dieser Taktik erwuchsen die revolutionären Streikkomitees in der Stadt und die revolutionären Bauernkomitees auf dem Lande, von denen sich die ersteren dann zu Sowjets der Arbeiterdeputierten und die letzteren zu Sowjets der Bauerndeputierten entwickelten.

Zweitens die Anwendung von politischen Massenstreiks, die Anwendung von politischen Generalstreiks, die dann im Verlauf der Revolution bei der revolutionären Mobilisierung der Massen eine überragende Rolle spielten. Das war eine neue, sehr wichtige Waffe in den Händen des Proletariats, die bis dahin in der Praxis der marxistischen Parteien unbekannt war und sich später Bürgerrecht erworben hat.

Lenin war der Auffassung, dass in der Folge eines siegreichen Volksaufstands die zaristische Regierung durch eine provisorische revolutionäre Regierung ersetzt werden soll. Die Aufgaben der provisorischen revolutionären Regierung bestehen darin, die Errungenschaften der Revolution zu verankern, den Widerstand der Konterrevolution zu unterdrücken und das Minimalprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands zu verwirklichen. Lenin war der Auffassung, dass ohne Verwirklichung dieser Aufgaben ein entscheidender Sieg über den Zarismus unmöglich war. Um aber diese Aufgaben zu verwirklichen und über den Zarismus einen entscheidenden Sieg zu erringen, darf die provisorische revolutionäre Regierung keine gewöhnliche Regierung sein, sondern muss eine Regierung der Diktatur der siegreichen Klassen, der Arbeiter und Bauern, sie muss die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein. Unter Hinweis auf die bekannte These von Marx: „Jede provisorische Staatsordnung nach einer Revolution erfordert eine Diktatur, und zwar eine energische Diktatur“, kam Lenin zu dem Schluss, dass die provisorische revolutionäre Regierung, will sie den entscheidenden Sieg über den Zarismus sichern, nichts anderes sein kann als die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

„Ein entscheidender Sieg der Revolution über den Zarismus“, schrieb Lenin, „ist die revolutionär-demokratische Diktaturdes Proletariats und der Bauernschaft ... Und ein solcher Sieg wird eben eine Diktatur sein, das heißt, er wird sich unweigerlich auf militärische Gewalt, auf die Bewaffnung der Masse, auf den Aufstand stützen müssen, nicht aber auf diese oder jene auf ,legalem’, ,friedlichem’ Wege geschaffenen Institutionen. Das kann nur die Diktatur sein, denn die Verwirklichung der für das Proletariat und die Bauernschaft unverzüglich und unabweislich notwendigen Umgestaltungen wird den verzweifelten Widerstand sowohl der Gutsbesitzer als auch der Großbourgeoisie und des Zarismus hervorrufen. Ohne Diktatur diesen Widerstand zu brechen, die konterrevolutionären Anschläge abzuwehren, ist unmöglich. Doch wird das selbstverständlich keine sozialistische, sondern eine demokratische Diktatur sein. Sie wird nicht imstande sein (ohne eine ganze Reihe Zwischenstufen der revolutionären Entwicklung), die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten. Sie wird im besten Fall imstande sein, eine radikale Neuverteilung des Grundeigentums zugunsten der Bauernschaft vorzunehmen, einen konsequenten und vollen Demokratismus bis zur Errichtung der Republik durchzuführen, alle asiatischen Wesenszüge und Knechtschaftsverhältnisse im Leben nicht nur des Dorfes, sondern auch der Fabrik auszumerzen und für eine ernstliche Verbesserung der Lage der Arbeiter, für die Hebung ihrer Lebenshaltung den Grund zu legen, und schließlich - das Letzte der Stelle, aber nicht der Bedeutung nach - die Flamme der Revolution nach Europa zu tragen. Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen; die demokratische Umwälzung wird aus dem Rahmen der bürgerlichen gesellschaftlich-ökonomischen Beziehungen nicht unmittelbar hinaustreten; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Entwicklung sowohl Russlands als auch der ganzen Welt gigantisch sein. Nichts wird die revolutionäre Energie des Weltproletariats so sehr steigern, nichts wird den Weg, der zu seinem vollen Siege führt, so sehr abkürzen wie dieser entscheidende Sieg der in Russland begonnenen Revolution.“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 51/52.)

Was die Stellung der Sozialdemokratie zur provisorischen revolutionären Regierung und die Zulässigkeit der Teilnahme der Sozialdemokratie an ihr betrifft, so verfocht Lenin in vollem Umfang die entsprechende Resolution des III. Parteitags. Sie lautet:

„Je nach dem Kräfteverhältnis und den anderen Faktoren, die im voraus nicht genau bestimmt werden können, ist die Teilnahme von Bevollmächtigten unserer Partei an der provisorischen revolutionären Regierung zwecks schonungsloser Bekämpfung aller konterrevolutionären Anschläge und zwecks Wahrung der selbständigen Interessen der Arbeiterklasse zulässig; die unerlässliche Vorbedingung für eine solche Teilnahme ist eine strenge Kontrolle der Partei über ihre Bevollmächtigten und die unentwegte Wahrung der Unabhängigkeit der Sozialdemokratie, die die volle sozialistische Umwälzung anstrebt und insoweit allen bürgerlichen Parteien in unversöhnlicher Feindschaft gegenübersteht; unabhängig davon, ob die Teilnahme der Sozialdemokratie an der provisorischen revolutionären Regierung möglich sein wird oder nicht, muss in den weitesten Schichten des Proletariats Propaganda gemacht werden für die Idee von der Notwendigkeit eines ständigen Drucks auf die provisorische Regierung durch das bewaffnete und von der Sozialdemokratie geführte Proletariat, zum Zwecke der Verteidigung, Festigung und Erweiterung der revolutionären Errungenschaften.“ (Ebenda, S.16.)

Die Einwendungen der Menschewiki, dass die provisorische Regierung doch eine bürgerliche Regierung sein werde, dass die Teilnahme der Sozialdemokraten an einer solchen Regierung nicht zugelassen werden dürfe, wenn man nicht denselben Fehler begehen wolle, den der französische Sozialist Millerand beging, der an einer französischen bürgerlichen Regierung teilnahm, entkräftete Lenin mit dem Hinweis darauf, dass die Menschewiki hier zwei verschiedene Dinge durcheinander bringen und ihre Unfähigkeit zeigen, an die Frage marxistisch heranzugehen: in Frankreich handelte es sich um die Teilnahme von Sozialisten an einer reaktionären bürgerlichen Regierung in einer Periode, da es im Lande keinerevolutionäre Situation gab, und das verpflichtete die Sozialisten, an einer solchen Regierung nicht teilzunehmen; in Russland aber geht es um die Teilnahme der Sozialisten an einer revolutionären bürgerlichen Regierung, die für den Sieg der Revolution in einer Periode kämpft, da die Revolution vollentbranntist - ein Umstand, der die Teilnahme der Sozialdemokraten an einer solchen Regierung zulässig und bei günstigen Bedingungen zurPflicht macht, um die Konterrevolution nicht nur „von unten“, von außen, sondern auch „von oben“ zu schlagen, aus der Mitte der Regierung heraus.

3. In seinem Kampfe für den Sieg der bürgerlichen Revolution und für die Erringung der demokratischen Republik dachte Lenin keineswegs daran, in der demokratischen Etappe stehen zu bleiben und den Schwung der revolutionären Bewegung auf die Erfüllung bürgerlich-demokratischer Aufgaben zu beschränken. Im Gegenteil: Lenin war der Auffassung, dass gleich nach Erfüllung der demokratischen Aufgaben der Kampf des Proletariats und der anderen ausgebeuteten Massen nunmehr für die sozialistische Revolution werde beginnen müssen. Lenin wusste das und hielt es für die Pflicht der Sozialdemokratie, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit die bürgerlich-demokratische Revolution in die sozialistische Revolution hinüberzuwachsen beginne. Die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft war nach Lenin nötig, nicht um nach vollbrachtem Sieg der Revolution über den Zarismus die Revolution damit zu beenden, sondern um den Revolutionszustand soweit als möglich zu verlängern, um die Reste der Konterrevolution bis auf den Grund zu vernichten, um die Flamme der Revolution nach Europa hinüberzuschleudern und - nachdem die Revolution dem Proletariat die Möglichkeit gegeben hat, sich während dieser Zeit politisch zu schulen und sich zu einer großen Armee zu organisieren - den direkten Übergang zur sozialistischen Revolution zu beginnen.

Bei der Erörterung der Frage über den Schwung der bürgerlichen Revolution und über den Charakter, den die marxistische Partei diesem Schwung geben soll, schrieb Lenin:

„Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand des Absolutismus mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren. Das sind die Aufgaben des Proletariats, die sich die Leute von der neuen ‚Iskra’ (das heißt die Menschewiki. Die Red.) in allen ihren Betrachtungen und Resolutionen über den Schwung der Revolution so beschränkt vorstellen.“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 97/98.)

Oder weiter

„An der Spitze des gesamten Volkes und besonders der Bauernschaft - für die volle Freiheit, für die konsequente demokratische Umwälzung, für die Republik! An der Spitze aller Werktätigen und Ausgebeuteten - für den Sozialismus! Das muss in der Tat die Politik des revolutionären Proletariats sein, so muss die Klassenlosung lauten, die während der Revolution die Lösung jeder taktischen Frage und jeden praktischen Schritt der Arbeiterpartei bestimmen und durchdringen muss.“ (Ebenda, S. 110.)

Um keinerlei Unklarheiten übrig zu lassen, gab Lenin zwei Monate nach Erscheinen seines Buches „Zwei Taktiken“ in seinem Artikel „Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung“ folgende Erläuterung:

„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 541.)

Das war eine neue Stellungnahme zu der Frage des gegenseitigen Verhältnisses zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution, eine neue Theorie der Umgruppierung der Kräfte um das Proletariat gegen Ende der bürgerlichen Revolution zum Zwecke des direkten Übergangs zur sozialistischen Revolution - die Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution.

Bei der Ausarbeitung dieser neuen Einstellung stützte sich Lenin erstens auf die bekannte These von Marx über die ununterbrochene Revolution, die dieser Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten“ aufgestellt hat, und zweitens auf den bekannten Gedanken von Marx über die Notwendigkeit der Verknüpfung der revolutionären Bauernbewegung mit der proletarischen Revolution, den er in einem Brief an Engels im Jahre 1856 geäußert hat, wo er sagte : „The whole thing in Germany“ (Die ganze Sache in Deutschland) „wird abhängen von der Möglichkeit, to back the Proletarian revolution by some second edition of the Peasants’ war“ (die proletarische Revolution durch eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges zu unterstützen). Diese genialen Gedanken von Marx sind jedoch in den späteren Arbeiten von Marx und Engels nicht entwickelt worden, und die Theoretiker der II. Internationale taten ihrerseits alles, um sie zu begraben und der Vergessenheit zu überliefern. Lenin fiel die Aufgabe zu, diese vergessenen Thesen von Marx ans Licht zu ziehen und sie in vollem Umfang wiederherzustellen. Bei der Wiederherstellung dieser Thesen von Marx hat sich Lenin aber nicht darauf beschränkt - und konnte sich nicht darauf beschränken -, sie einfach zu wiederholen, sondern er entwickelte sie weiter und arbeitete sie zu einer geschlossenen Theorie der sozialistischen Revolution aus, wobei er dem Problem ein neues Moment, als unerlässliches Moment der sozialistischen Revolution hinzufügte - das Bündnis des Proletariats mit den halbproletarischen Elementen in Stadt und Land als Vorbedingung des Sieges der proletarischen Revolution.

Diese Einstellung zerstörte völlig die taktischen Positionen der westeuropäischen Sozialdemokratie, die davon ausging, dass die Bauernmassen, darunter auch die Massen der armen Bauern, nach der bürgerlichen Revolution unbedingt von der Revolution abschwenken müssen, und dass infolgedessen nach der bürgerlichen Revolution eine lang andauernde Periode der Pause, eine lange Periode der „Befriedung“ von 50 bis 100 Jahren, wenn nicht noch länger, eintreten müsse, in deren Verlauf das Proletariat „friedlich“ ausgebeutet wird, während die Bourgeoisie sich „gesetzlich“ bereichert, bis die Zeit für eine neue, die sozialistische Revolution anbricht.

Es war dies eine neue Theorie der sozialistischen Revolution, die nicht von einem isolierten Proletariat gegen die gesamte Bourgeoisie, sondern vom Proletariat als Hegemon durchgeführt wird, das in den halbproletarischen Elementen der Bevölkerung, in den Millionen der „werktätigen und ausgebeuteten Massen“, Verbündete hat.

Nach dieser Theorie musste die Hegemonie des Proletariats in der bürgerlichen Revolution bei einem Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft hinüberwachsen in die Hegemonie des Proletariats in der sozialistischen Revolution bei einem Bündnis des Proletariats mit den übrigen werktätigen und ausgebeuteten Massen, wobei die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft den Boden für die sozialistische Diktatur des Proletariats vorbereiten musste.

Diese Theorie warf die landläufige Theorie der westeuropäischen Sozialdemokraten über den Haufen, die die revolutionären Möglichkeiten der halbproletarischen Massen in Stadt und Land leugneten und davon ausgingen, dass „wir außer der Bourgeoisie und dem Proletariat keine anderen gesellschaftlichen Kräfte sehen, auf die sich bei uns oppositionelle oder revolutionäre Kombinationen stützen könnten“ (Worte Plechanows, die für die westeuropäischen Sozialdemokraten typisch sind).

Die westeuropäischen Sozialdemokraten waren der Auffassung, dass in der sozialistischen Revolution das Proletariat allein gegen die gesamte Bourgeoisie, ohne Verbündete, gegen alle nichtproletarischen Klassen und Schichten stehen wird. Sie wollten nicht mit der Tatsache rechnen, dass das Kapital nicht nur die Proletarier ausbeutet, sondern auch die Millionen der halbproletarischen Schichten in Stadt und Land, die der Kapitalismus zu Boden drückt und die im Kampfe für die Befreiung der Gesellschaft vom kapitalistischen Joch Verbündete des Proletariats sein können. Deshalb waren die westeuropäischen Sozialdemokraten der Meinung, dass die Bedingungen für die sozialistische Revolution in Europa noch nicht herangereift seien, dass man diese Bedingungen erst dann als herangereift betrachten könne, wenn das Proletariat infolge der weiteren ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft zur Mehrheit der Nation, zur Mehrheit der Gesellschaft geworden sei.

Diese faule und antiproletarische Einstellung der westeuropäischen Sozialdemokraten wurde durch die Leninsche Theorie der sozialistischen Revolution völlig über den Haufen geworfen.

In der Theorie Lenins war die direkte Schlussfolgerung, dass der Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande möglich ist, noch nicht enthalten. Aber in ihr waren alle oder fast alle Grundelemente enthalten, die notwendig waren, um früher oder später eine solche Schlussfolgerung zu ziehen.

Bekanntlich kam Lenin im Jahre 1915, das heißt zehn Jahre später, zu diesem Schluss.

Das sind die grundlegenden taktischen Leitsätze, die Lenin in seinem historisch gewordenen Werke „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat.

Die historische Bedeutung dieses Werkes Lenins besteht vor allem darin, dass es die kleinbürgerliche taktische Einstellung der Menschewiki ideologisch zertrümmerte, die Arbeiterklasse Russlands für die weitere Entfaltung der bürgerlich-demokratischen Revolution, für den neuen Ansturm gegen den Zarismus wappnete und den russischen Sozialdemokraten die klare Perspektive von der Notwendigkeit des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution gab.

Aber damit ist die Bedeutung des Werkes Lenins nicht erschöpft. Seine unschätzbare Bedeutung besteht darin, dass es den Marxismus durch eine neue Theorie der Revolution bereicherte und das Fundament zu jener revolutionären Taktik der bolschewistischen Partei legte, mit deren Hilfe das Proletariat unseres Landes im Jahre 1917 den Sieg über den Kapitalismus errang.

 

 

4
Der weitere Aufschwung der Revolution
Der gesamtrussische politische Streik im Oktober 1905
Der Rückzug des Zarismus
Das Manifest des Zaren
Die Entstehung der Sowjets der Arbeiterdeputierten

Im Herbst 1905 erfasste die revolutionäre Bewegung das ganze Land. Sie wuchs mit Riesenkraft an.

Am 19. September (2. Oktober) begann in Moskau der Streik der Buchdrucker. Er griff auf Petersburg und eine Reihe anderer Städte über. In Moskau selbst wurde der Streik der Buchdrucker von den Arbeitern anderer Produktionszweige unterstützt und verwandelte sich in einen politischen Generalstreik.

Anfang Oktober begann der Streik auf der Moskau-Kasaner Eisenbahn. Einen Tag später brach der Streik auf allen Eisenbahnen des Moskauer Knotenpunkts aus. Bald wurden alle Eisenbahnen des Landes vorn Streik erfasst. Post und Telegraph stellten die Arbeit ein. In den verschiedenen Städten Russlands versammelten sich die Arbeiter zu vieltausendköpfigen Meetings und beschlossen, die Arbeit niederzulegen. Der Streik erfasste Betrieb um Betrieb, Stadt um Stadt, Gebiet um Gebiet. Den streikenden Arbeitern schlossen sich kleine Angestellte, Studierende und Intellektuelle - Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte- an.

Der politische Oktoberstreik wurde zu einem gesamtrussischen Streik, erfasste nahezu das ganze Land bis in die entferntesten Gebiete, erfasste nahezu alle Arbeiter bis in die rückständigsten Schichten hinein. An dem politischen Generalstreik beteiligten sich allein von den Industriearbeitern ungefähr eine Million, die Eisenbahner, Post-, Telegraphen- und anderen Angestellten nicht mitgerechnet, die ebenfalls in großer Zahl an dem Streik teilnahmen. Das gesamte Leben des Landes kam zum Stillstand. Die Macht der Regierung war gelähmt.

Die Arbeiterklasse stand an der Spitze des Kampfes der Volksmassen gegen die Selbstherrschaft.

Die von den Bolschewiki ausgegebene Losung des politischen Massenstreiks hatte ihre Resultate gezeitigt.

Der Oktober-Generalstreik, der die Kraft, die Macht der proletarischen Bewegung bekundete, zwang den zu Tode erschrockenen Zaren, das Manifest vom 17. (30.) Oktober zu erlassen. Im Manifest vom 17. Oktober 1905 wurden dem Volke die „unerschütterlichen Grundlagen bürgerlicher Freiheit: wirkliche Unantastbarkeit der Person, Gewissens- und Redefreiheit, Freiheit der Versammlungen und Koalitionen“ versprochen. Es wurde das Versprechen gegeben, eine gesetzgebende Duma einzuberufen, alle Klassen der Bevölkerung zur Teilnahme an den Wahlen heranzuziehen.

So wurde durch die Kraft der Revolution die Bulyginsche beratende Duma hinweggefegt. Die bolschewistische Taktik des Boykotts der Bulyginschen Duma erwies sich als richtig.

Ungeachtet dessen war das Manifest vom 17. Oktober dennoch ein Betrug an den Volksmassen, ein Manöver des Zaren, eine Art Atempause, die der Zar brauchte, um die Leichtgläubigen einzulullen, Zeit zu gewinnen, Kräfte zu sammeln und dann gegen die . Revolution loszuschlagen. Die zaristische Regierung, die in Worten Freiheit versprach, gab in Wirklichkeit nichts von Belang. Die Arbeiter und Bauern hatten bis jetzt, außer Versprechungen, von der Regierung nichts erhalten. Anstatt der erwarteten umfassenden politischen Amnestie wurde am 21. Oktober eine Amnestie für einen unbedeutenden Teil der politischen Gefangenen erlassen. Gleichzeitig organisierte die Regierung, um die Kräfte des Volkes zu spalten, eine Reihe blutiger Judenpogrome, bei denen tausende und aber tausende Menschen umkamen, und gründete polizeiliche Banditenorganisationen wie den „Bund des russischen Volkes“, den „Bund des Erzengels Michael“, um mit der Revolution blutige Abrechnung zu halten. Diese Organisationen, in denen reaktionäre Gutsbesitzer, Kaufleute, Popen und halbkriminelle Elemente aus dem Lumpenproletariat eine große Rolle spielten, hat das Volk „Schwarzhundertschaft“ getauft. Die Schwarzhunderter misshandelten und erschlugen in aller Öffentlichkeit, unter Beihilfe der Polizei, fortgeschrittene Arbeiter, revolutionäre Intellektuelle und Studenten, legten Feuer und schossen in die Meetings und Volksversammlungen. So sahen vorläufig die Resultate des Zarenmanifestes aus.

Damals war im Volke das folgende Liedchen über das Manifest des Zaren im Umlauf:

„Der Zar in seinem Schrecken
erließ ein Manifest:
den Toten gab er Freiheit,
den Lebenden - Arrest!“

Die Bolschewiki erläuterten den Massen, dass das Manifest vom 17. Oktober eine Falle sei. Sie brandmarkten die Haltung der Regierung nach dem Manifest als Provokation. Die Bolschewiki riefen die Arbeiter zu den Waffen, riefen sie zur Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes auf.

Die Arbeiter gingen noch energischer an die Schaffung von Kampfscharen. Es wurde ihnen klar, dass der erste Sieg vom 17. Oktober, errungen durch den politischen Generalstreik, von ihnen weitere Anstrengungen, weiteren Kampf für den Sturz des Zarismus erforderte.

Lenin wertete das Manifest vom 17. Oktober als Ausdruck eines gewissen zeitweiligen Gleichgewichts der Kräfte, da das Proletariat und die Bauernschaft dem Zaren zwar das Manifest abgetrotzt hatten, aber noch nicht die Kraft besaßen, den Zarismus niederzuwerfen, - der Zarismus hingegen mit den früheren Mitteln allein schon nicht mehr regieren konnte und gezwungen war, in Worten „bürgerliche Freiheiten“ und eine „gesetzgebende“ Duma zu versprechen.

In den stürmischen Tagen des politischen Oktoberstreiks, im Feuer des Kampfes gegen den Zarismus, schuf die revolutionäre Schöpferkraft der Arbeitermassen eine neue mächtige Waffe - die Sowjets der Arbeiterdeputierten.

Die Sowjets der Arbeiterdeputierten, die eine Versammlung von Delegierten aller Fabriken und Werke darstellten, waren eine in der Welt noch nicht dagewesene politische Massenorganisation der Arbeiterklasse. Die Sowjets, erstmalig im Jahre 1905 entstanden, waren das Vorbild der Sowjetmacht, die vom Proletariat unter Führung der bolschewistischen Partei im Jahre 1917 errichtet wurde. Die Sowjets waren eine neue revolutionäre Form der Schöpferkraft des Volkes. Sie wurden ausschließlich von den revolutionären Schichten der Bevölkerung gebildet und stießen alle Gesetze und Normen des Zarismus um. Sie waren eine Äußerung der selbsttätigen Kraft des Volkes, das sich zum Kampf gegen den Zarismus erhoben hatte.

Die Bolschewiki betrachteten die Sowjets als Keime der revolutionären Macht. Sie waren der Meinung, dass die Kraft und Bedeutung der Sowjets ganz und gar von der Kraft und dem Erfolg des Aufstandes abhängen.

Die Menschewiki hielten die Sowjets weder für Keime der revolutionären Macht, noch für Organe des Aufstandes. Sie sahen in ihnen Organe der örtlichen Selbstverwaltung, von der Art demokratisierter städtischer Selbstverwaltungen.

Am 13. (26.) Oktober 1905 gingen in Petersburg in allen Fabriken und Werken die Wahlen zum Sowjet der Arbeiterdeputierten vor sich. In der Nacht fand die erste Sitzung des Sowjets statt. Gleich nach Petersburg wurde in Moskau ein Sowjet der Arbeiterdeputierten organisiert.

Der Sowjet der Arbeiterdeputierten von Petersburg als Sowjet des größten industriellen und revolutionären Zentrums Russlands, der Hauptstadt des Zarenreiches, hätte in der Revolution von 1905 eine entscheidende Rolle spielen müssen. Der Sowjet erfüllte jedoch infolge seiner schlechten, menschewistischen Führung seine Aufgaben nicht. Bekanntlich war Lenin damals noch nicht in Petersburg, er weilte immer noch im Ausland. Die Menschewiki nützten die Abwesenheit Lenins aus, schlichen sich in den Petersburger Sowjet ein und rissen dessen Führung an sich. Kein Wunder, dass es unter solchen Umständen den Menschewiki Chrustalew, Trotzki, Parvus und anderen gelang, den Petersburger Sowjet gegen die Politik des Aufstands zu kehren. Anstatt die Soldaten dem Sowjet näher zu bringen und sie in den gemeinsamen Kampf einzubeziehen, forderten sie die Entfernung der Soldaten aus Petersburg. Anstatt die Arbeiter zu bewaffnen und sie zum Aufstand vorzubereiten, rührte sich der Sowjet nicht vom Fleck und stand der Vorbereitung des Aufstands ablehnend gegenüber.

Eine ganz andere Rolle spielte in der Revolution der Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten. Der Moskauer Sowjet führte von den ersten Tagen seines Bestehens an eine konsequent revolutionäre Politik durch. Im Moskauer Sowjet hatten die Bolschewiki die Führung. Dank den Bolschewiki entstand neben dem Sowjet der Arbeiterdeputierten in Moskau ein Sowjet der Soldatendeputierten. Der Moskauer Sowjet wurde zum Organ des bewaffneten Aufstandes.

In der Zeitspanne von Oktober bis Dezember 1905 wurden in einer Reihe großer Städte und in fast allen Arbeiterzentren Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet. Es wurden Versuche unternommen, Sowjets der Soldaten- und Matrosendeputierten zu organisieren und sie mit den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu vereinigen. Hier und da wurden Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten gebildet.

Der Einfluss der Sowjets war gewaltig. Obwohl sie häufig spontan entstanden, obwohl sie ungeformt und in ihrer Zusammensetzung verschwommen waren, fungierten sie als Machtorgane. Die Sowjets verwirklichten aus eigener Machtvollkommenheit die Freiheit der Presse, führten den achtstündigen Arbeitstag ein, wandten sich an das Volk mit der Aufforderung, an die zaristische Regierung keine Steuern zu entrichten. In einzelnen Fällen beschlagnahmten sie Gelder der zaristischen Regierung und verwendeten sie für die Zwecke der Revolution.

 

 

5
Der bewaffnete Aufstand vom Dezember
Die Niederlage des Aufstandes
Der Rückzug der Revolution
Die I. Reichsduma Der IV. (Vereinigungs-)Parteitag

Im Oktober und November 1905 entwickelte sich der revolutionäre Kampf der Massen mit gewaltiger Kraft weiter. Die Streiks der Arbeiter dauerten an.

Der Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer nahm im Herbst 1905 breite Ausmaße an. Im ganzen Lande wurde mehr als ein Drittel der Landkreise von der Bauernbewegung erfasst. In den Gouvernements Saratow, Tambow, Tschernigow, Tiflis, Kutais und einigen anderen kam es zu regelrechten Bauernaufständen. Dennoch war der Ansturm der Bauernmassen noch ungenügend. Der Bauernbewegung mangelte es an Organisiertheit und Führung.

In einer Reihe von Städten - Tiflis, Wladiwostok, Taschkent, Samarkand, Kursk, Suchumi, Warschau, Kiew, Riga - griffen die Unruhen auch unter den Soldaten um sich. In Kronstadt und unter den Matrosen der Schwarzmeerflotte in Sewastopol flammten Aufstände auf (im November 1905). Da diese Aufstände aber zersplittert waren, wurden sie vom Zarismus niedergeworfen.

Anlass zu den Aufständen in einzelnen Teilen der Armee und Flotte waren nicht selten das ungemein grobe Verhalten der Offiziere, die schlechte Verpflegung („Erbsen-Revolten“) usw. Die Masse der aufständischen Matrosen und Soldaten hatte noch nicht das klare Bewusstsein von der Notwendigkeit, die zaristische Regierung zu stürzen, von der Notwendigkeit, den bewaffneten Kampf energisch fortzusetzen. Die aufständischen Matrosen und Soldaten waren noch viel zu friedfertig und gutmütig gestimmt; nicht selten machten sie den Fehler, die zu Beginn des Aufstandes verhafteten Offiziere freizulassen, und ließen sich durch Versprechungen und Überredung der Vorgesetzten beschwichtigen.

Die Revolution kam dicht an den bewaffneten Aufstand heran. Die Bolschewiki riefen die Massen zum bewaffneten Aufstand gegen den Zaren und die Gutsbesitzer auf, erklärten ihnen dessen Unvermeidlichkeit. Rastlos bereiteten die Bolschewiki den bewaffneten Aufstand vor. Unter den Soldaten und Matrosen wurde revolutionäre Arbeit geleistet, in der Armee wurden Militärorganisationen der Partei geschaffen. In einer Reihe von Städten wurden Kampfscharen aus Arbeitern geschaffen; die Mitglieder der Kampfscharen lernten die Waffen handhaben. Der Ankauf von Waffen im Ausland und ihre geheime Beförderung nach Russland wurden organisiert. An der Organisierung des Waffentransportes nahmen führende Parteiarbeiter teil.

Im November 1905 kehrte Lenin nach Russland zurück. Vor den Nachstellungen der zaristischen Gendarmen und Spione geborgen, nahm Lenin in diesen Tagen an der Vorbereitung des bewaffneten Aufstands unmittelbaren Anteil. Seine Artikel in der bolschewistischen Zeitung „Nowaja Shisn“ (Neues Leben) dienten als Anweisungen für die tagtägliche Arbeit der Partei.

In dieser Zeit leistete Genosse Stalin eine gewaltige revolutionäre Arbeit in Transkaukasien. Genosse Stalin entlarvte und geißelte die Menschewiki als Gegner der Revolution und des bewaffneten Aufstands. Festen Willens bereitete er die Arbeiter zum entscheidenden Kampf gegen die Selbstherrschaft vor. Am Tage der Verkündung des zaristischen Manifestes sagte Genosse Stalin auf einem Meeting in Tiflis den Arbeitern:

„Was brauchen wir, um wirklich zu siegen? Dazu sind drei Dinge nötig: erstens - Bewaffnung, zweitens - Bewaffnung, drittens - Bewaffnung und noch einmal Bewaffnung.“

Im Dezember 1905 trat in Finnland, in Tammerfors, die Konferenz der Bolschewiki zusammen. Obwohl Bolschewiki und Menschewiki formal derselben Sozialdemokratischen Partei angehörten, bildeten sie faktisch zwei verschiedene Parteien mit eigenen, besonderen Zentren. Auf dieser Konferenz trafen sich Lenin und Stalin zum ersten Male persönlich. Bis dahin unterhielten sie durch Briefe oder durch Genossen Verbindung miteinander.

Von den Beschlüssen der Tammerforser Konferenz müssen zwei hervorgehoben werden: der eine - über die Wiederherstellung der Einheit der Partei, die faktisch in zwei Parteien gespalten war, und der andere - über den Boykott der ersten, so genannten Witteschen Duma.

Da zu dieser Zeit in Moskau der bewaffnete Aufstand schon seinen Anfang genommen hatte, beendete die Konferenz auf Lenins Rat eilig ihre Arbeit, und die Delegierten fuhren zu ihren Ortsorganisationen zurück, um an dem Aufstand persönlich teilzunehmen.

Aber auch die zaristische Regierung schlief nicht. Sie rüstete ebenfalls zum entscheidenden Kampf. Durch den Friedensschluss mit Japan hatte die zaristische Regierung ihre schwierige Lage erleichtert, und nun ging sie gegen die Arbeiter und Bauern zum Angriff über. Die zaristische Regierung verhängte über mehrere Gouvernements, die von Bauernaufständen erfasst waren, den Kriegszustand, gab blutrünstige Befehle aus - „Gefangene werden nicht gemacht“, „keine Patronen sparen“ -, erließ die Verfügung, die Führer der revolutionären Bewegung zu verhaften und die Sowjets der Arbeiterdeputierten auseinanderzujagen.

Die Moskauer Bolschewiki und der von ihnen geleitete Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten, der mit den breiten Massen der Arbeiter verbunden war, entschlossen sich unter solchen Umständen, die Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand unverzüglich durchzuführen. Am 5. (18.) Dezember fasste das Moskauer Komitee den Beschluss: den Sowjet aufzufordern, den politischen Generalstreik auszurufen, um ihn im Verlauf des Kampfes in den Aufstand überzuleiten. Dieser Beschluss wurde von Massenversammlungen der Arbeiter unterstützt. Der Moskauer Sowjet trug dem Willen der Arbeiterklasse Rechnung und beschloss einmütig, den politischen Generalstreik zu beginnen.

Als das Proletariat Moskaus den Aufstand begann, besaß es eine eigene Kampforganisation von ungefähr 1000 Freischärlern, von denen mehr als die Hälfte Bolschewiki waren. Kampfscharen gab es auch in einer Reihe Moskauer Fabriken. Im Ganzen zählten die Aufständischen ungefähr 2000 Freischärler. Die Arbeiter rechneten darauf, die Garnison zu neutralisieren, einen Teil der Garnison abzuspalten und auf ihre Seite zu ziehen.

Am 7. (20.) Dezember begann in Moskau der politische Streik. Es gelang jedoch nicht, den Streik über das ganze Land auszudehnen, er fand in Petersburg keine genügende Unterstützung, und das schwächte von Anfang an die Erfolgchancen des Aufstandes. Die Nikolaus-, heute Oktober-Eisenbahn blieb in der Hand der zaristischen Regierung. Auf dieser Eisenbahnlinie wurde der Verkehr nicht eingestellt, und die Regierung konnte von Petersburg nach Moskau Garderegimenter zur Niederwerfung des Aufstandes hinüberwerfen.

In Moskau selbst schwankte die Garnison. Zum Teil auch in der Erwartung, von der Garnison Unterstützung zu erhalten, begannen die Arbeiter den Aufstand. Die Revolutionäre verpassten jedoch den Augenblick, und die zaristische Regierung wurde der Unruhen in der Garnison Herr.

Am 9. (22.) Dezember tauchten in Moskau die ersten Barrikaden auf. Bald bedeckten sich Moskaus Straßen mit Barrikaden. Die zaristische Regierung setzte Artillerie ein. Sie zog Truppen zusammen, die die Kräfte der Aufständischen um ein Vielfaches überstiegen. Neun Tage lang führten einige tausend bewaffnete Arbeiter einen heldenmütigen Kampf. Erst als der Zarismus Regimenter aus Petersburg, Twer und dem Westgebiet herangezogen hatte, konnte er den Aufstand niederwerfen. Die leitenden Organe des Aufstandes waren am Vorabend des Kampfes zum Teil verhaftet, zum Teil isoliert worden. Das Moskauer Komitee der Bolschewiki war verhaftet. Die bewaffnete Aktion verwandelte sich in den Aufstand einzelner voneinander getrennter Stadtteile. Des leitenden Zentrums beraubt, beschränkten sich die Stadtteile, die keinen gemeinsamen Kampfplan für die Stadt hatten, hauptsächlich auf die Verteidigung. Das war der Hauptgrund für die Schwäche des Moskauer Aufstandes und eine der Ursachen seiner Niederlage, wie Lenin nachher hervorhob.

Besonders hartnäckigen und erbitterten Charakter trug der Aufstand in dem Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja. Krasnaja Presnja war die Hauptfestung des Aufstandes, sein Zentrum. Hier konzentrierten sich die besten Kampfscharen, die unter der Führung der Bolschewiki standen. Krasnaja Presnja wurde jedoch mit Feuer und Schwert niedergeworfen, in Blut erstickt und flammte lichterloh im Feuerschein der Brände, die von der Artillerie hervorgerufen wurden. Der Moskauer Aufstand war niedergeworfen.

Der Aufstand blieb nicht allein auf Moskau beschränkt. Von revolutionären Aufständen waren auch eine Reihe anderer Städte und Bezirke erfasst. Zu bewaffneten Aufständen kam es in Krasnojarsk, Motowilicha (Perm), Noworossijsk, Sormowo, Sewastopol und Kronstadt.

Zum bewaffneten Kampf erhoben sich auch die unterdrückten Völker Russlands. Fast ganz Georgien war vom Aufstand erfasst. Zu einem großen Aufstand kam es im Donezbecken in der Ukraine: in Gorlowka, Alexandrowsk und Lugansk (Woroschilowgrad). Zähen Charakter trug der Kampf in Lettland. In Finnland schufen die Arbeiter ihre Rote Garde und erhoben sich zum Aufstand.

Alle diese Aufstände wurden jedoch ebenso wie der Moskauer Aufstand vom Zarismus mit unmenschlicher Grausamkeit niedergeworfen.

Die Menschewiki und die Bolschewiki gaben dem bewaffneten Dezemberaufstand eine verschiedene Einschätzung.

Nach dem bewaffneten Aufstand kam der Menschewik Plechanow der Partei mit dem Vorwurf: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.“ Die Menschewiki suchten nachzuweisen, dass der Aufstand ein überflüssiges und schädliches Unternehmen sei, dass man In der Revolution ohne Aufstand auskommen, dass man den Erfolg nicht durch einen bewaffneten Aufstand, sondern durch friedliche Kampf-mittel erringen könne.

Die Bolschewiki brandmarkten eine solche Einschätzung als Verrat. Sie waren der Auffassung, dass die Erfahrung des Moskauer bewaffneten Aufstandes die Möglichkeit eines erfolgreichen bewaffneten Kampfes der Arbeiterklasse nur bestätigt hat. Auf den Vorwurf Plechanows: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“, antwortete Lenin:

„Im Gegenteil, man hätte entschlossener, energischer und offensiver zu den Waffen greifen, hätte den Massen die Unmöglichkeit eines bloß friedlichen Streiks und die Notwendigkeit eines furchtlosen und rücksichtslosen bewaffneten Kampfes klarmachen müssen.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 546.)

Der Dezemberaufstand von 1905 war der Höhepunkt der Revolution. Im Dezember brachte die zaristische Selbstherrschaft dem Aufstand eine Niederlage bei. Nach der Niederlage des Dezemberaufstandes begann eine Wendung zum schrittweisen Rückzug der Revolution. Der Aufschwung der Revolution wich ihrem allmählichen Abebben.

Die zaristische Regierung beeilte sich, diese Niederlage auszunützen, um die Revolution endgültig niederzuschlagen. Die zaristischen Henker und Kerkermeister gingen an ihr blutiges Werk. Hemmungslos wüteten Strafexpeditionen in Polen, Lettland, Estland, Transkaukasien und Sibirien.

Die Revolution war jedoch noch nicht unterdrückt. Die Arbeiter und revolutionären Bauern zogen sich langsam, kämpfend zurück. Neue Arbeiterschichten wurden in den Kampf hineingezogen. Im Jahre 1906 beteiligten sich an den Streiks mehr als eine Million Arbeiter, im Jahre 1907 - 740000. Die Bauernbewegung erfasste im ersten Halbjahr 1906 ungefähr die Hälfte der Landkreise des zaristischen Russland, im zweiten Halbjahr ein Fünftel aller Kreise. Die Unruhen in Armee und Flotte dauerten an.

Die zaristische Regierung beschränkte sich in ihrem Kampfe gegen die Revolution nicht allein auf Gewaltmaßnahmen. Nach den ersten Erfolgen, die sie durch die Gewaltmaßnahmen erreicht hatte, beschloss sie, durch die Einberufung einer neuen, „gesetzgebenden“ Duma der Revolution einen neuen Schlag zu versetzen. Sie rechnete darauf, durch die Einberufung einer solchen Duma die Bauern von der Revolution abzuspalten und dadurch der Revolution den letzten Stoß zu versetzen. Im Dezember 1905 erließ die zaristische Regierung ein Gesetz über die Einberufung der neuen, „gesetzgebenden“ Duma, zum Unterschied von der alten, „beratenden“ Bulyginschen Duma, die durch den bolschewistischen Boykott hinweggefegt worden war. Das zaristische Wahlgesetz war natürlich antidemokratisch. Es gab kein allgemeines Wahlrecht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung war überhaupt des Stimmrechts beraubt, zum Beispiel die Frauen und mehr als zwei Millionen Arbeiter. Es gab kein gleiches Wahlrecht. Die Wähler waren in vier Kurien, wie man damals sagte, geteilt: die Grundbesitzerkurie (die Gutsherren), die Städtekurie (die Bourgeoisie), die Bauernkurie und die Arbeiterkurie. Es gab keine direkten, sondern mehrstufige Wahlen. Es gab faktisch keine geheimen Wahlen. Das Wahlgesetz sicherte dem Häuflein von Gutsbesitzern und Kapitalisten in der Duma ein gewaltiges Übergewicht über die Millionen der Arbeiter und Bauern.

Mit der Duma wollte der Zar die Massen von der Revolution ablenken. Ein beträchtlicher Teil der Bauernschaft glaubte zu jener Zeit an die Möglichkeit, durch die Duma Boden zu erhalten. Die Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre täuschten den Arbeitern und Bauern vor, man könne ohne Aufstand, ohne Revolution, die für das Volk nötigen Zustände erreichen. Im Kampf gegen diesen Betrug am Volk wurde von den Bolschewiki entsprechend dem auf der Konferenz von Tammerfors angenommenen Beschluss die Taktik des Boykotts der 1. Reichsduma verkündet und durchgeführt.

Während die Arbeiter gegen den Zarismus im Kampfe standen, erhoben sie zugleich die Forderung nach Einheit der Kräfte der Partei, nach der Vereinigung der Partei des Proletariats. Die Bolschewiki, mit dem bekannten Beschluss der Konferenz von Tammerfors über die Einheit ausgerüstet, unterstützten diese Forderung der Arbeiter und schlugen den Menschewiki vor, einen Vereinigungsparteitag einzuberufen. Unter dem Druck der Arbeitermassen waren die Menschewiki gezwungen, der Vereinigung zuzustimmen.

Lenin war für die Vereinigung, aber für eine solche Vereinigung, bei der die Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Revolution nicht vertuscht werden. Großen Schaden fügten der Partei die Versöhnler (Bogdanow, Krassin und andere) zu, die nachzuweisen sich bemühten, dass es zwischen Bolschewiki und Menschewiki keine ernsten Meinungsverschiedenheiten gebe. Im Kampf gegen die Versöhnler forderte Lenin, dass die Bolschewiki zum Parteitag mit ihrer Plattform kommen, damit den Arbeitern klar werde, welche Positionen die Bolschewiki einnehmen und auf welcher Grundlage die Vereinigung erfolgt. Die Bolschewiki arbeiteten eine solche Plattform aus und legten sie den Parteimitgliedern zur Diskussion vor.

Im April 1906 versammelte sich in Stockholm (Schweden) der IV. Parteitag der SDAPR, der Vereinigungsparteitag genannt. Auf dem Parteitag waren 111 Delegierte mit beschließender Stimme anwesend, die 57 Ortsorganisationen der Partei vertraten. Außerdem waren auf dem Parteitag Vertreter der nationalen sozialdemokratischen Parteien anwesend: drei vom „Bund“, drei von der Polnischen Sozialdemokratischen Partei und drei von der lettischen sozialdemokratischen Organisation.

Infolge der Zerschlagung der bolschewistischen Organisationen während und nach dem Dezemberaufstand konnten nicht alle Organisationen Delegierte entsenden. Außerdem hatten die Menschewiki in den „Tagen der Freiheit“ des Jahres 1905 eine Masse kleinbürgerlicher Intellektueller in ihre Reihen aufgenommen, die mit dem revolutionären Marxismus nichts gemein hatten. Es genügt, darauf hinzuweisen, dass die Tifliser Menschewiki (und in Tiflis gab es wenig Industriearbeiter) ebenso viele Delegierte zum Parteitag entsandten wie die stärkste proletarische Organisation, - die von Petersburg. So kam es, dass die Menschewiki auf dem Stockholmer Parteitag über eine, allerdings nur unbedeutende Mehrheit verfügten.

Eine solche Zusammensetzung des Parteitags bestimmte in einer ganzen Reihe von Fragen den menschewistischen Charakter der Beschlüsse.

Auf diesem Parteitag erfolgte nur eine formale Vereinigung. Dem Wesen nach blieben Bolschewiki und Menschewiki bei ihren Auffassungen, behielten sie ihre selbständigen Organisationen.

Die wichtigsten Fragen, die auf dem IV. Parteitag erörtert wurden, waren: die Agrarfrage, die Einschätzung der gegebenen Situation und der Klassenaufgaben des Proletariats, das Verhältnis zur Reichsduma und Organisationsfragen.

Obwohl die Menschewiki auf diesem Parteitag die Mehrheit hatten, waren sie gezwungen, die Leninsche Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, anzunehmen, um die Arbeiter nicht von sich abzustoßen.

In der Agrarfrage verfocht Lenin die Nationalisierung des Bodens. Lenin hielt die Nationalisierung des Bodens nur beim Sieg der Revolution, nur nach dem Sturze des Zarismus für möglich. In diesem Falle würde die Nationalisierung des Bodens dem Proletariat im Bündnis mit der Dorfarmut den Übergang zur sozialistischen Revolution erleichtern. Die Nationalisierung des Bodens erforderte die entschädigungslose Enteignung (Konfiskation) des gesamten Bodens der Gutsbesitzer zugunsten der Bauern. Das bolschewistische Agrarprogramm rief die Bauern zur Revolution gegen den Zaren und die Gutsbesitzer auf.

Auf anderen Positionen standen die Menschewiki. Sie verteidigten das Programm der Munizipalisierung. Nach diesem Programm kam der Boden der Gutsbesitzer nicht in die Verfügungsgewalt, ja nicht einmal in die Nutzung der Bauerngemeinschaften, sondern in die Verfügung der Munizipalitäten (das heißt der örtlichen Selbstverwaltungen oder Semstwos). Diesen Boden sollten die Bauern, jeder seinen Kräften entsprechend, pachten.

Das menschewistische Programm der Munizipalisierung war kompromisslerisch und deshalb für die Revolution schädlich. Es konnte die Bauern nicht zum revolutionären Kampf mobilisieren, es war nicht auf die vollständige Vernichtung des gutsherrlichen Bodenbesitzes berechnet. Das menschewistische Programm war auf eine Revolution berechnet, deren Ergebnis eine Halbheit sein sollte. Die Menschewiki wollten nicht die Bauern zur Revolution mobilisieren.

Der Parteitag nahm mit Stimmenmehrheit das menschewistische Programm an.

Die Menschewiki enthüllten ihr antiproletarisches, opportunistisches Wesen insbesondere bei der Erörterung der Resolution über die Einschätzung der augenblicklichen Lage und über die Reichsduma. Der Menschewik Martynow trat offen gegen die Hegemonie des Proletariats in der Revolution auf. Den Menschewiki antwortete Genosse Stalin, der die Frage in aller Schärfe stellte:

„Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so steht die Frage in der Partei, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten.“

Was die Reichsduma betrifft, so priesen die Menschewiki sie in ihrer Resolution als das beste Mittel zur Lösung der Fragen der Revolution, zur Befreiung des Volkes vom Zarismus. Die Bolschewiki dagegen betrachteten die Duma als machtloses Anhängsel des Zarismus, als eine Hülle, die die Eiterbeulen des Zarismus verdeckt, die er sofort abwerfen wird, wenn sie sich ihm als unbequem erweist.

In das Zentralkomitee, das auf dem IV. Parteitag gewählt wurde, kamen drei Bolschewiki und sechs Menschewiki. In die Redaktion des Zentralorgans wurden nur Menschewiki gewählt.

Es war klar, dass der innerparteiliche Kampf fortdauern werde.

Der Kampf zwischen Bolschewiki und Menschewiki entbrannte nach dem IV. Parteitag mit neuer Kraft. In den formal vereinigten Ortsorganisationen traten sehr häufig zwei Referenten mit Berichten über den Parteitag auf: ein Bolschewik und ein Menschewik. Die Erörterung der beiden Linien ergab, dass sich die Mehrheit der Mitglieder der Organisationen in den meisten Fällen auf die Seite der Bolschewiki stellte.

Das Leben bewies immer klarer, dass die Bolschewiki Recht hatten. Das auf dem IV. Parteitag gewählte menschewistische Zentralkomitee offenbarte immer mehr seinen Opportunismus, seine völlige Unfähigkeit, den revolutionären Kampf der Massen zu leiten. Im Sommer und Herbst 1906 schwoll der revolutionäre Kampf der Massen von neuem an. In Kronstadt und Sveaborg kam es zu Matrosenaufständen, der Kampf der Bauernschaft gegen die Gutsbesitzer flammte auf. Das menschewistische Zentralkomitee gab aber opportunistische Losungen aus, denen die Massen nicht folgten.

 

 

6
Die Auseinanderjagung der I. Reichsduma
Die Einberufung der II. Reichsduma
Der V. Parteitag
Die Auseinanderjagung
der II. Reichsduma
Die Ursachen der Niederlage
der ersten russischen Revolution

Da sich die I. Reichsduma als nicht genügend gefügig erwies, jagte die zaristische Regierung sie im Sommer 1906 auseinander. Die Regierung verstärkte die Gewaltmaßnahmen gegen das Volk noch mehr, dehnte die Pogromtätigkeit der Strafexpeditionen über das ganze Land aus und gab ihren Entschluss bekannt, in kurzer Zeit die II. Reichsduma einzuberufen. Die zaristische Regierung wurde ganz offenkundig immer dreister. Sie fürchtete die Revolution nicht mehr, da sie sah, dass die Revolution im Abflauen begriffen war.

Die Bolschewiki hatten die Frage der Teilnahme an der II. Duma oder ihres Boykotts zu entscheiden. Wenn die Bolschewiki vom Boykott sprachen, so meinten sie gewöhnlich den aktiven Boykott, nicht aber eine einfache und passive Wahlenthaltung. Die Bolschewiki betrachteten den aktiven Boykott als ein revolutionäres Mittel zur Warnung des Volkes vor den Versuchen des Zaren, das Volk vom revolutionären Wege auf den Weg der zaristischen „Konstitution“ hinüberzulenken, als Mittel, einen solchen Versuch zu vereiteln und einen neuen Ansturm des Volkes gegen den Zarismus zu organisieren.

Die Erfahrung des Boykotts der Bulyginschen Duma hatte gezeigt, dass der Boykott „die einzig richtige Taktik war, der die Ereignisse in vollem Umfang recht gegeben haben“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S.553). Dieser Boykott war erfolgreich, da er nicht nur das Volk vor der Gefahr des zaristisch-konstitutionellen Weges gewarnt hatte, sondern auch die Duma sprengte, noch ehe sie dazu kam, das Licht der Welt zu erblicken. Er war erfolgreich, weil er während des wachsenden Aufschwungs der Revolution durchgeführt wurde und sich auf diesen Aufschwung stützte, nicht aber beim Abebben der Revolution, denn die Duma konnte nur unter den Bedingungen des Aufschwungs der Revolution gesprengt werden.

Der Boykott der Witteschen, das heißt der I. Duma wurde nach der Niederlage des Dezemberaufstands durchgeführt, als der Zar sich als Sieger erwies, das heißt zu einer Zeit, da man glauben konnte, dass die Revolution abzuflauen beginne.

„Aber“, schrieb Lenin, „selbstverständlich lag damals noch kein Grund vor, diesen Sieg (des Zaren. Die Red.) als entscheidend anzusehen. Der Dezemberaufstand von 1905 fand seine Fortsetzung in einer ganzen Reihe zersplitterter militärischer Teilaufstände und in den Streiks des Sommers 1906. Die Losung des Boykotts der Witteschen Duma war eine Losung des Kampfes für die Konzentrierung und Verallgemeinerung dieser Aufstände.“ (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XII, S. 20 russ.)

Der Boykott der Witteschen Duma konnte die Duma nicht sprengen, obwohl er die Autorität dieser Duma beträchtlich untergrub und bei einem Teil der Bevölkerung den Glauben an die Duma schwächte; er konnte die Duma nicht sprengen, da er, wie jetzt klar wurde, unter den Bedingungen des Zurückflutens, des Abebbens der Revolution durchgeführt wurde. Deshalb erwies sich der Boykott der I. Duma im Jahre 1906 als nicht erfolgreich. Im Zusammenhang damit schrieb Lenin in seiner berühmten Broschüre „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“:

„Der bolschewistische Boykott des ‚Parlaments’ im Jahre 1905 hat das revolutionäre Proletariat um eine außerordentlich wertvolle politische Erfahrung bereichert, indem er zeigte, dass es bei Kombinierung von legalen und illegalen, parlamentarischen und außerparlamentarischen Kampfformen bisweilen nützlich, ja sogar notwendig ist, zu verstehen, auf die parlamentarischen Kampfformen zu verzichten ... Der Boykott der ‚Duma’ durch die Bolschewiki im Jahre 1906 war bereits ein Fehler, wenn auch ein kleiner, leicht korrigierbarer Fehler … Für die Politik und die Parteien gilt - mit entsprechenden Änderungen - dasselbe, was für einzelne Personen gilt. Klug ist nicht, wer keine Fehler macht. Solche Menschen gibt es nicht und kann es nicht geben. Klug ist, wer keine allzu wesentlichen Fehler macht und es versteht, sie leicht und rasch zu korrigieren.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. II, S. 683.)

Was die II. Reichsduma betrifft, so war Lenin der Auffassung, dass die Bolschewiki angesichts der veränderten Situation und des Abebbens der Revolution „die Frage des Boykotts der Reichsduma revidieren müssen“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 552).

„Die Geschichte hat gezeigt“, schrieb Lenin, „dass der Zusammentritt der Duma die Möglichkeit bietet, eine nützliche Agitation innerhalb der Duma und um die Duma herum zu entfalten; dass eine Taktik der Annäherung an die revolutionäre Bauernschaft gegen die Kadetten innerhalb der Duma möglich ist.“ (Ebenda, S. 555/56.)

Aus alledem ging hervor, dass man verstehen muss, nicht nur entschieden anzugreifen, in den vordersten Reihen anzugreifen, wenn ein Aufschwung der Revolution vorhanden ist, sondern sich auch in richtiger Weise zurückzuziehen, sich als letzte zurückzuziehen, wenn der Aufschwung schon vorbei ist, wobei man entsprechend der veränderten Situation die Taktik ändert; dass man verstehen muss, sich nicht in Unordnung, sondern organisiert, ruhig, ohne Panik zurückzuziehen, dabei jede kleinste Möglichkeit ausnutzend, um die Kader dem Schlag des Feindes zu entziehen, um sich umzugruppieren, Kräfte zu sammeln und sich zum neuen Angriff auf den Feind vorzubereiten.

Die Bolschewiki beschlossen, an den Wahlen zur II. Duma teilzunehmen.

Aber die Bolschewiki gingen in die Duma nicht, um in ihr organische „gesetzgeberische“ Arbeit im Block mit den Kadetten zu leisten, wie das die Menschewiki taten, sondern um sie als Tribüne im Interesse der Revolution auszunutzen.

Das menschewistische Zentralkomitee rief, im Gegenteil, dazu auf, Wahlabkommen mit den Kadetten zu schließen, die Kadetten in der Duma zu unterstützen, denn es betrachtete die Duma als gesetzgebende Institution, fähig, den Zarismus zu zügeln.

Die Mehrzahl der Parteiorganisationen trat gegen die Politik des menschewistischen Zentralkomitees auf.

Die Bolschewiki forderten die Einberufung eines neuen Parteitags.

Im Mai 1907 trat in London der V. Parteitag zusammen. Zur Zeit dieses Parteitags zählte die SDAPR (zusammen mit den nationalen sozialdemokratischen Organisationen) etwa 150000 Mitglieder. Auf dem Parteitag waren insgesamt 336 Delegierte anwesend. Davon waren 105 Bolschewiki und 97 Menschewiki. Die übrigen Delegierten vertraten die nationalen sozialdemokratischen Organisationen - die polnischen und lettischen Sozialdemokraten und den „Bund“ -, die der vorhergehende Parteitag in die SDAPR aufgenommen hatte.

Trotzki versuchte, auf dem Parteitag ein eigenes zentristisches, das heißt halbmenschewistisches Sondergrüppchen zusammenzustoppeln; mit ihm ging jedoch niemand.

Da die Bolschewiki die Polen und Letten auf ihre Seite zogen, hatten sie auf dem Parteitag eine feste Mehrheit.

Eine der wichtigsten Kampffragen auf dem Parteitag war die Frage des Verhältnisses zu den bürgerlichen Parteien. Um diese Frage war schon auf dem II. Parteitag der Kampf zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki geführt worden. Der Parteitag gab eine bolschewistische Einschätzung aller nichtproletarischen Parteien- der Schwarz-hunderter, der Oktobristen, der Kadetten, der Sozialrevolutionäre - und formulierte die bolschewistische Taktik gegenüber diesen Parteien.

Der Parteitag billigte die Politik der Bolschewiki und fasste den Beschluss, sowohl gegen die Schwarzhunderter-Parteien - den „Bund des russischen Volkes“, die Monarchisten, den Rat des vereinigten Adels - wie auch gegen den „Verband vom 17. Oktober“ (Oktobristen), die Handels- und Industriepartei und die Partei „Friedliche Erneuerung“ einen schonungslosen Kampf zu führen. Alle diese Parteien waren offen konterrevolutionär.

Was die liberale Bourgeoisie, die Partei der Kadetten, betrifft, so forderte der Parteitag auf, gegen sie einen unversöhnlichen Entlarvungskampf zu führen. Der Parteitag gab die Weisung, den heuchlerischen, verlogenen „Demokratismus“ der Kadettenpartei zu entlarven und gegen die von der liberalen Bourgeoisie unternommenen Versuche, sich an die Spitze der Bauernbewegung zu stellen, den Kampf zu führen.

Hinsichtlich der so genannten Volkstümler- oder Werktätigenparteien (Volkssozialisten, Gruppe der Trudowiki [Trudowiki - eine kleinbürgerliche Gruppierung, die in der I. Reichsduma von einem Teil der Bauerndeputierten gebildet wurde, der unter Führung der sozialrevolutionären Intelligenz stand. DerÜbers.], Sozialrevolutionäre) empfahl der Parteitag die Entlarvung ihrer Versuche, sich als Sozialisten zu maskieren. Gleichzeitig erklärte der Parteitag es für zulässig, vereinzelte Abkommen mit diesen Parteien für einen gemeinsamen und gleichzeitigen Vorstoß gegen den Zarismus und gegen die kadettische Bourgeoisie abzuschließen, insoweit diese Parteien damals demokratische Parteien waren und die Interessen des Kleinbürgertums in Stadt und Land zum Ausdruck brachten.

Noch vor dem Parteitag kamen die Menschewiki mit dem Antrag, einen so genannten „Arbeiter-Kongress“ einzuberufen. Der Plan der Menschewiki ging dahin, einen Kongress einzuberufen, an dem sowohl Sozialdemokraten wie Sozialrevolutionäre und Anarchisten teilnehmen sollten. Dieser „Arbeiter“-Kongress sollte so etwas wie eine „parteilose Partei“ oder so etwas wie eine „breite“ kleinbürgerliche, programmlose Arbeiterpartei schaffen. Lenin entlarvte diesen überaus schädlichen Versuch der Menschewiki, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei zu liquidieren und den Vortrupp der Arbeiterklasse in der kleinbürgerlichen Masse aufgehen zu lassen. Die menschewistische Losung des „Arbeiter-Kongresses“ wurde vom Parteitag scharf verurteilt.

In der Arbeit des Parteitags nahm die Frage der Gewerkschaften einen besonderen Platz ein. Die Menschewiki verteidigten die „Neutralität“ der Gewerkschaften, das heißt, sie traten gegen die führende Rolle der Partei in den Gewerkschaften auf. Der Parteitag lehnte den Antrag der Menschewiki ab und nahm die bolschewistische Resolution über die Gewerkschaften an. In dieser Resolution wurde betont, dass die Partei die ideologische und politische Führung der Gewerkschaften erlangen muss.

Der V. Parteitag bedeutete einen großen Sieg der Bolschewiki in der Arbeiterbewegung. Aber die Bolschewiki wurden nicht überheblich, ruhten nicht auf den Lorbeeren aus. Nicht das hatte Lenin sie gelehrt. Die Bolschewiki wussten, dass der Kampf mit den Menschewiki noch bevorstand.

Genosse Stalin gab in seinem im Jahre 1907 erschienenen Artikel „Aufzeichnungen eines Delegierten“ den Ergebnissen des Parteitags folgende Einschätzung:

„Die faktische Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Russlands zu einer einheitlichen gesamtrussischen Partei unter dem Banner der revolutionären Sozialdemokratie - das ist der Sinn des Londoner Parteitags, das ist sein allgemeiner Charakter.“ (Stalin, Werke, Bd. 2, Dietz Verlag, Berlin 1950, S. 43.)

In diesem Artikel führte Genosse Stalin Angaben über die Zusammensetzung des Parteitags an. Es stellte sich heraus, dass die bolschewistischen Delegierten hauptsächlich von den großen Industriegebieten (Petersburg, Moskau, Ural, Iwanowo-Wosnessensk und anderen) zum Parteitag entsandt worden waren. Die Menschewiki aber kamen auf den Parteitag aus Gebieten der Kleinproduktion, wo handwerkliche Arbeiter, Halbproletarier überwogen, und ebenso aus manchen rein bäuerlichen Gebieten.

„Offensichtlich“, sagte Genosse Stalin, die Ergebnisse des Parteitags zusammenfassend, „ist die Taktik der Bolschewiki die Taktik der Proletarier der Großindustrie, die Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze besonders klar sind und der Klassenkampf besonders scharf ist. Der Bolschewismus - das ist die Taktik der echten Proletarier. Anderseits ist es nicht weniger offensichtlich, dass die Taktik der Menschewiki vorwiegend eine Taktik der im Handwerk beschäftigten Arbeiter und der bäuerlichen Halbproletarier ist, eine Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze nicht ganz klar sind und der Klassenkampf verschleiert ist. Der Menschewismus - das ist die Taktik der halb-bürgerlichen Elemente des Proletariats. Das besagen die Ziffern.“ (Ebenda, S. 45.)

Als der Zar die 1. Duma auseinanderjagte, glaubte er, eine gefügigere II. Duma zu erhalten. Aber diese Erwartungen wurden auch von der II. Duma nicht gerechtfertigt. Der Zar entschloss sich daher, auch diese Duma auseinanderzujagen und die III. Duma auf Grund eines verschlechterten Wahlgesetzes einzuberufen, in der Hoffnung, dass sie sich als fügsamer erweisen werde.

Bald nach dem V. Parteitag vollführte die zaristische Regierung den so genannten Staatsstreich vom 3. (16.) Juni. Am 3. Juni 1907 jagte der Zar die II. Reichsduma auseinander. Die sozialdemokratische Dumafraktion, die 65 Deputierte zählte, wurde verhaftet und nach Sibirien verschickt. Ein neues Wahlgesetz wurde erlassen. Die Rechte der Arbeiter und Bauern wurden noch mehr beschnitten. Die zaristische Regierung setzte ihre Offensive fort.

Der zaristische Minister Stolypin entfaltete sein blutiges Henkerwerk gegen die Arbeiter und Bauern. Tausende revolutionärer Arbeiter und Bauern wurden von den Strafexpeditionen erschossen bzw. gehängt. In den zaristischen Kerkern wurden die Revolutionäre misshandelt und gefoltert. Besonders grausamen Verfolgungen waren die Arbeiterorganisationen, in erster Linie die Bolschewiki, ausgesetzt. Die zaristischen Spürhunde suchten Lenin, der in Finnland illegal lebte. Sie wollten den Führer der Revolution aus dem Weg räumen. Unter großen Gefahren gelang es Lenin im Dezember 1907, von neuem ins Ausland zu entkommen, wieder in die Emigration zu gehen.

Die schweren Jahre der Stolypinschen Reaktion brachen an. Die erste russische Revolution endete so mit einer Niederlage. Dazu haben folgende Ursachen beigetragen:

1. Es gab in der Revolution noch kein festes Bündnis der Arbeiter und Bauern gegen den Zarismus. Die Bauern erhoben sich zum Kampf gegen die Gutsbesitzer und gingen auf ein Bündnis mit der Arbeiterklasse gegen die Gutsbesitzer ein. Sie verstanden jedoch noch nicht, dass es ohne den Sturz des Zaren unmöglich ist, die Gutsbesitzer niederzuwerfen, sie verstanden nicht, dass der Zar mit den Gutsbesitzern gemeinsame Sache macht; ein bedeutender Teil der Bauern glaubte noch an den Zaren und setzte auf die zaristische Reichsduma Hoffnungen. Deshalb wollten viele Bauern mit den Arbeitern kein Bündnis zum Sturz des Zarismus eingehen. Die Bauern glaubten der Paktiererpartei der Sozialrevolutionäre mehr als den wirklichen Revolutionären - den Bolschewiki. Infolgedessen war der Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer unzureichend organisiert. Lenin betonte:

„... die Bauern gingen zu zersplittert, zu unorganisiert, zu wenig offensiv vor, und darin besteht eine der Grundursachen der Niederlage der Revolution.“ (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 3, S. 16.)

2. Der bei einem bedeutenden Teile der Bauern mangelnde Wille, gemeinsam mit den Arbeitern an die Niederwerfung des Zarismus zu gehen, zeigte sich auch in der Haltung der Armee, deren Mehrheit aus in Soldatenröcke gesteckten Bauernsöhnen bestand. In einzelnen Truppenteilen der zaristischen Armee kam es zu Unruhen und Aufständen, die Mehrheit der Soldaten aber half dem Zaren noch, die Streiks und Aufstände der Arbeiter niederzuwerfen.

3. Auch die Arbeiter handelten nicht einmütig genug. Die fortgeschrittenen Kolonnen der Arbeiterklasse entfalteten im Jahre 1905 einen heroischen revolutionären Kampf. Die rückständigeren Schichten - die Arbeiter der am wenigsten industriellen Gouvernements und diejenigen, die auf dem flachen Lande lebten - kamen langsamer in Schwung. Ihre Teilnahme am revolutionären Kampf verstärkte sich besonders im Jahre 1906; zu dieser Zeit war jedoch die Avantgarde der Arbeiterklasse schon in bedeutendem Maße geschwächt.

4. Die Arbeiterklasse war die führende Kraft, die Hauptkraft der Revolution, aber in den Reihen der Partei der Arbeiterklasse fehlte die notwendige Einheit und Geschlossenheit. Die SDAPR - die Partei der Arbeiterklasse - war in zwei Gruppen gespalten: Bolschewiki und Menschewiki. Die Bolschewiki führten eine konsequente revolutionäre Linie durch und riefen die Arbeiter zum Sturz des Zarismus auf. Die Menschewiki hemmten durch ihre Paktierertaktik die Revolution, verwirrten einen bedeutenden Teil der Arbeiter, spalteten die Arbeiter-klasse. Deshalb traten die Arbeiter in der Revolution nicht immer einmütig auf, und die Arbeiterklasse, der die Einheit in ihren eigenen Reihen noch fehlte, konnte nicht zum wahren Führer der Revolution werden.

5. Bei der Niederwerfung der Revolution des Jahres 1905 halfen der zaristischen Selbstherrschaft die westeuropäischen Imperialisten. Die ausländischen Kapitalisten zitterten um ihre in Russland angelegten Kapitalien und um ihre riesigen Einkünfte. Außerdem befürchteten sie, dass im Falle eines Sieges der russischen Revolution auch die Arbeiter anderer Länder zur Revolution schreiten würden. Deshalb halfen die westeuropäischen Imperialisten dem Henker-Zaren. Die französischen Bankiers gewährten dem Zaren für die Niederwerfung der Revolution eine große Anleihe. Der deutsche Kaiser hielt eine vieltausendköpfige Armee bereit, um dem russischen Zaren durch eine Intervention zu helfen.

6. Eine bedeutsame Hilfe für den Zaren war der Friedensschluss mit Japan im September 1905. Die Niederlage im Kriege und das bedrohliche Anwachsen der Revolution zwangen den Zaren, sich mit der Unterzeichnung des Friedens zu beeilen. Die Niederlage im Kriege hatte den Zarismus geschwächt. Der Friedensschluss festigte die Lage des Zaren.

 

 

Kurze Zusammenfassung

Die erste russische Revolution stellt eine ganze historische Phase in der Entwicklung unseres Landes dar. Diese historische Phase besteht aus zwei Perioden. Aus der ersten Periode, in der die Revolution im Aufschwung begriffen war, vom politischen Generalstreik im Oktober zum bewaffneten Aufstand im Dezember emporstieg, dabei die Schwäche des Zaren, der auf den mandschurischen Schlachtfeldern Niederlagen erlitt, ausnutzte, die Bulyginsche Duma hinwegfegte und dem Zaren Zugeständnis um Zugeständnis abtrotzte; und aus der zweiten Periode, in der der Zar, der sich nach dem Friedensschluss mit Japan wieder erholt hatte, die Angst der liberalen Bourgeoisie vor der Revolution ausnutzt, die Schwankungen der Bauernschaft ausnutzt, ihnen die Wittesche Duma als Almosen hinwirft und zur Offensive gegen die Arbeiterklasse, gegen die Revolution übergeht.

In knapp drei Jahren der Revolution (1905-1907) machte die Arbeiterklasse und die Bauernschaft eine so erfahrungsreiche Schule der politischen Erziehung durch, wie sie sie in dreißig Jahren gewöhnlicher friedlicher Entwicklung nicht hätte erhalten können. Einige Jahre Revolution machten das klar, was im Verlaufe von Jahrzehnten friedlicher Entwicklung nicht hätte klargemacht werden können.

Die Revolution enthüllte, dass der Zarismus der geschworene Feind des Volkes war, dass der Zarismus jenem Buckligen glich, den nur der Tod gradmachen kann.

Die Revolution zeigte, dass die liberale Bourgeoisie ein Bündnis nicht mit dem Volke, sondern mit dem Zaren suchte, dass sie eine konterrevolutionäre Kraft war, mit der eine Verständigung einzugehen dem Verrat am Volke gleichkam.

Die Revolution zeigte, dass nur die Arbeiterklasse der Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution sein konnte, dass nur sie fähig war, die liberale kadettische Bourgeoisie zu verdrängen, die Bauernschaft von deren Einfluss zu befreien, die Gutsbesitzer zu zerschmettern, die Revolution zu Ende zu führen und den Weg zum Sozialismus frei zu machen.

Die Revolution zeigte schließlich, dass die werktätige Bauernschaft trotz ihrer Schwankungen dennoch die einzige ernsthafte Kraft darstellte, die fähig war, mit der Arbeiterklasse ein Bündnis einzugehen.

In der SDAPR ging während der Revolution der Kampf um zwei entgegengesetzte Linien: die Linie der Bolschewiki und die der Menschewiki. Die Bolschewiki hielten Kurs auf die Entfaltung der Revolution, auf den Sturz des Zarismus durch den bewaffneten Aufstand, auf die Hegemonie der Arbeiterklasse, auf die Isolierung der kadettischen Bourgeoisie, auf das Bündnis mit der Bauernschaft, auf die Schaffung einer provisorischen revolutionären Regierung aus Vertretern der Arbeiter und Bauern. Sie hielten Kurs darauf, die Revolution siegreich zu Ende zu führen. Die Menschewiki hielten umgekehrt Kurs auf die Eindämmung der Revolution. Statt des Sturzes des Zarismus durch den Aufstand schlugen sie seine Reformierung und „Verbesserung“ vor, statt der Hegemonie des Proletariats - die Hegemonie der liberalen Bourgeoisie, statt des Bündnisses mit der Bauernschaft - das Bündnis mit der kadettischen Bourgeoisie, statt der provisorischen revolutionären Regierung - die Reichsduma als Zentrum der „revolutionären Kräfte“ des Landes.

So sanken die Menschewiki in den Sumpf des Paktierertums hinab, wurden zu Schrittmachern des bürgerlichen Einflusses auf die Arbeiterklasse, wurden in der Tat Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterklasse.

Die Bolschewiki erwiesen sich als die einzige revolutionär-marxistische Kraft in der Partei und im Lande.

Es ist verständlich, dass nach so ernsten Meinungsverschiedenheiten die SDAPR sich in der Tat als in zwei Parteien gespalten erwies, in die Partei der Bolschewiki und die Partei der Menschewiki. Der IV. Parteitag änderte nichts an der tatsächlichen Lage der Dinge innerhalb der Partei. Er bewahrte nur und festigte ein wenig die formale Einheit der Partei. Der V. Parteitag machte in der Richtung der tatsächlichen Vereinigung der Partei einen Schritt vorwärts, wobei diese Vereinigung unter dem Banner des Bolschewismus vor sich ging.

Die Ergebnisse der revolutionären Bewegung zusammenfassend, verurteilte der V. Parteitag die Linie der Menschewiki als kompromisslerisch und billigte die bolschewistische Linie als revolutionär-marxistisch. Damit bestätigte er noch einmal, was der gesamte Verlauf der ersten russischen Revolution schon bestätigt hatte.

Die Revolution zeigte, dass die Bolschewiki anzugreifen verstehen, wenn die Situation es erfordert, dass sie gelernt hatten, in den ersten Reihen anzugreifen und das Volk zum Sturm mitzureißen. Die Revolution zeigte aber außerdem, dass die Bolschewiki auch verstehen, sich geordnet zurückzuziehen, wenn die Situation sich ungünstig gestaltet, wenn die Revolution im Abebben ist, dass die Bolschewiki gelernt hatten, den Rückzug richtig durchzuführen, ohne Panik und ohne Hast, um ihre Kader zu erhalten, Kräfte zu sammeln und nach einer der neuen Situation entsprechenden Umgruppierung von neuem gegen den Feind zum Angriff zu schreiten.

Man kann den Feind nicht besiegen, wenn man es nicht versteht, richtig anzugreifen.

Man kann bei einer Niederlage der Zertrümmerung nicht entgehen, wenn man nicht versteht, den Rückzug richtig durchzuführen, sich ohne Panik und ohne Verwirrung zurückzuziehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

KPdSU (B)

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