Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Die internationale Konferenz

4. Mai 1917

[Der Kampf (Duisburg) Nr. 48, 4. Mai 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 723-725]

In unserer vorigen Nummer haben wir uns bereits über den Plan einer internationalen sozialistischen Konferenz geäußert, die in der Mitte Mai zu Stockholm stattfinden soll. Ob sie wirklich stattfinden wird, lässt sich zur Zeit noch nicht übersehen, sondern hängt von Umständen ab, über die wir uns zunächst in keinen Vermutungen ergehen möchten, da sich diese Vermutungen rein ins blaue hinein erstrecken müssten, beispielsweise von der Frage, ob die Regierungen den Sozialisten der kriegführenden Länder Pässe zum Besuche der Konferenz erteilen werden usw.

Wohl aber ist es notwendig, dass wir uns über die Frage, ob im gegebenen Falle die Konferenz von der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands zu beschicken sei, schon jetzt schlüssig werden. Ein Beschluss darüber ist bisher noch nicht gefasst worden, aber es sind Stimmen laut geworden, die, wenn sie durchdrängen, zu sehr verhängnisvollen Missgriffen führen könnten. Davor rechtzeitig zu warnen ist gleichermaßen unsere Pflicht wie unser Recht. Die Zeit der Illusionen und Sentimentalitäten ist vorüber, und gerade in den Fragen der Internationale haben wir allen Anlass, den Dingen klar und nüchtern ins Auge zu sehen. Wir haben wirklich keine Zeit, um Fehler zu begehen.

Ein solcher Fehler wäre die Illusion, von der das alte Internationale Büro beim Betreiben der Konferenz auszugehen scheint, als könne dadurch die zweite Internationale, die im Jahre 1889 begründet wurde und im Jahre 1914 zusammenbrach, wieder belebt werden. Man muss die Toten ihre Toten begraben lassen. Wir brauchen uns nicht gegen den Verdacht zu verwahren, als ob wir uns gegen die internationale Solidarität der Arbeiterbewegung überhaupt erklären wollten. Täten wir das, so wären wir keine Sozialdemokraten mehr. Aber so gewiss es ist, dass der internationale Gedanke sich immer wieder mit unwiderstehlicher Gewalt innerhalb des modernen Proletariats Bahn brechen und die Arbeiter aller Länder um sein Banner scharen wird, so gewiss ist auch, dass er niemals wieder in eine Form zurückschlüpfen kann, die unter der Wucht weltgeschichtlicher Ereignisse zusammengebrochen ist.

Auch nach dem Zusammenbruch der ersten Internationale, auf dem Haager Kongress im Jahre 1872, hat man sich noch jahrelang abgequält, sie wieder zusammenzuleimen, um dann doch einzusehen, dass dieser Liebe Müh umsonst war. Kämen in Stockholm wirklich eine Anzahl „prominenter" Sozialisten zusammen und einigten sich über irgendeine Resolution, die ein Wiederaufleben der zweiten Internationale verkündete, so wäre diese Totenbeschwörung dazu verurteilt, eine tragikomische Episode in der Zeitgeschichte zu bleiben. Eine dritte Internationale wird kommen, und es wird zu ihrer Geburt nicht ein so langer Zwischenraum liegen, wie zwischen der ersten und zweiten Internationale lag, aber noch ist sie erst im Entstehen.

Einen vernünftigen Grund kann die internationale Konferenz in Stockholm nur haben, wenn sie sich darauf beschränkt, die tatsächliche Möglichkeit auszunutzen, die durch die Revolution des russischen Proletariats geschaffen ist, ein schweres Gewicht in die Waagschale des Friedens zu werfen. Daraus ergibt sich von selbst, dass die Regierungssozialisten aller kriegführenden Länder, d. h. alle Sozialisten, die die Kriegspolitik ihrer Regierungen unterstützt haben und unterstützen, gleichviel ob sie dabei allerlei Friedenswünsche in den Bart murmeln oder nicht, von der Konferenz auszuschließen sind. Werden sie dennoch eingeladen und erscheinen sie wirklich, so wird die Konferenz zu einem Schattenspiel an der Wand, und alle sozialistischen Parteien, denen es wirklich Ernst um ihre Sache ist, haben sich ihr fernzuhalten.

Am einfachsten und erfreulichsten wäre es, wenn die russischen Sozialisten – denn sie haben das erste und entscheidende Wort in der Sache – kurzweg erklärten: Mit Regierungssozialisten verhandeln wir überhaupt nicht. Ob sie es getan haben oder ob sie es tun werden, wissen wir zur Zeit, wo wir diese Zeilen schreiben, noch nicht. Sollten sie aber diese kategorische Erklärung nicht abgeben, dann haben prinzipientreue Sozialisten auf der Stockholmer Konferenz nichts zu suchen. Wozu die dann dienen und dienen sollen, hat der holländische Sozialist in einer Äußerung, die wir schon in unserer Nummer zitiert haben, sehr naiv verraten, indem er sagte: „Eine sozialistische Konferenz führe zu keinem Resultat, wenn allein die Parteien vertreten seien, die im Grunde ihre Regierungen vertreten." Das ist an sich unzweifelhaft richtig, aber wenn Troelstra daraus die Schlussfolgerung zieht, die sozialistischen Minderheitsparteien müssten auch in Stockholm erscheinen, so mutet er ihnen die angenehme Rolle zu, dem an sich wirkungslosen Gerede der Regierungssozialisten einen wirksamen Hintergrund zu geben.

Darauf darf und kann sich insbesondere die Unabhängige Sozialdemokratie Deutschlands nicht einlassen. Sie ist mit den Scheidemännern fertig, wie diese mit ihr. Mit diesen Leuten kann sie sich nicht an denselben Tisch setzen. Es wäre eine Halbheit, und mit Halbheiten gewinnt man heute die Massen nicht mehr.

gezeichnet