Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Bebel gegen Scheidemann

3. März 1917

[Der Kampf (Duisburg) Nr. 39, 3. März 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 708-710]

 

Unter der Überschrift „Bebel gegen Spartacus" gräbt der „Vorwärts" eine „interessante Erinnerung eines bekannten sozialdemokratischen Parlamentariers" aus, wonach Bebel im Jahre 1907 einem französischen Ausfrager über die damalige antimilitaristische Agitation Hervés, der heute bekanntlich zu den wütendsten Kriegshetzern gehört, die Auskunft erteilt haben soll, in der deutschen Sozialdemokratie würde eine Agitation nach dem Muster Hervés nicht geduldet werden. Und da nun, fügt der „Vorwärts" aus eigenem hinzu, die Gruppe Internationale im wesentlichen den Standpunkt Hervés teile, so würde Bebel ihren Ausschluss aus der Partei beantragt haben.

Wir würden diesen neuesten Humbug achselzuckend zu dem sonstigen Humbug legen, den der „Vorwärts" jeden neuen Tag produziert, wenn er uns nicht den willkommenen Anlass böte, einmal dem ewigen Gekrebse mit Bebels Namen in Kriegsfragen den Garaus zu machen. Wir halten uns dabei natürlich nicht an das, was Bebel nach der Versicherung eines „bekannten", aber anonymen Parlamentariers einem französischen, aber unbekannten Ausfrager gesagt haben soll, sondern nur an das, was Bebel an den Stätten seines öffentlichen Wirkens gesagt hat. Im Reichstag hat er bekanntlich gesagt, wenn der Zar das Deutsche Reich überfalle, so werde er trotz seines Alters die Flinte auf den Buckel nehmen, und auf verschiedenen Parteitagen hat er ausgeführt, dass, wenn das Vaterland angegriffen würde, auch die Arbeiterklasse den Verteidigungskrieg unterstützen müsse, nicht aber den Angriffskrieg, wenn er vom Deutschen Reiche begonnen würde.

Wir fügen nun dem Andenken Bebels kein Unrecht zu, wenn wir diese Auffassung als völlig unhaltbar verwerfen. Auch der begabteste Mensch kann nicht auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gleich bewandert sein, und Bebel teilte seine Unkenntnis des Kriegswesens mit keinem Geringeren als Karl Marx. Nur dass Marx, wie sein Briefwechsel mit Engels ergibt, sich ebendeshalb sorgsam enthielt, in Kriegsfragen leitende Gesichtspunkte der praktischen Politik aufzustellen; das überließ er seinem großen Mitkämpfer, der im Kriegswesen gründlich Bescheid wusste.

Wir erlauben uns auch keineswegs einen Treppenwitz gegen einen um die Arbeiterklasse hoch verdienten, aber inzwischen verstorbenen Mann, wenn wir Bebels Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg als hinfällig zurückweisen. Sofort als Bebel sie machte, hatten der Schreiber dieser Zeilen und andere Parteigenossen aufs lebhafteste dagegen protestiert. Wir führten aus, dass Kriege niemals dadurch entständen, dass irgendein Despot auf den Einfall geriete, plötzlich ein Nachbarland zu überfallen. Kriege seien immer nur das Ergebnis tief greifender und weit zurückreichender Interessenkonflikte, die sich gewaltsam entlüden, weil sie sich friedlich nicht mehr lösen ließen. Wolle man beim Ausbruch eines Krieges überhaupt von Angriff oder Verteidigung reden, so laufe diese Frage höchstens darauf hinaus, wer im letzten Augenblick, sozusagen in der sechzigsten Minute der zwölften Stunde, die diplomatischen Karten am geschicktesten zu mischen verstanden habe.

Leider ließ sich Bebel nicht überzeugen, sondern beharrte dabei, dass beim Ausbruch eines Krieges der gesunde Menschenverstand immer unterscheiden können werde, wer der Angreifer und wer der Verteidiger sei. Später hat er aber selbst zugeben müssen, dass sein Exempel das einzige Mal in seinem Leben, wo er eine praktische Probe darauf machen konnte, gänzlich versagt habe. In seinen Denkwürdigkeiten gibt er zu, dass er im Juli 1870 durch die diplomatische Kunst Bismarcks getäuscht worden sei; sonst würde er die Kriegskredite verweigert haben.

Bebel ist in diesen Dingen also gar keine Autorität für die Gruppe Internationale und noch viel weniger Hervé. Maßgebend sind für die „politischen Nihilisten" und „gewerkschaftlichen Syndikalisten" – mit diesem Titel beehrt der „Vorwärts" die Gruppe Internationale – allein die Beschlüsse, die die Internationalen Kongresse in Stuttgart, Kopenhagen und Basel für den Fall gefasst haben, dass ein imperialistischer Weltkrieg ausbräche. In diesen Beschlüssen, denen übrigens auch Bebel beigestimmt hat, wird mit keinem Wort ein Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg gemacht. Was wirklich darin steht, weiß der „Vorwärts" so gut wie wir, wenn er sich auch anstellt, als ob er es nicht wisse.

Damit ist jedoch noch lange nicht die Höhe dessen erreicht, was der „Vorwärts" im Verdrehen leistet. Beleuchten wir ihn einmal mit dem Lichte, das aus der Laterne seiner Autorität Bebel strahlt! Nach Bebel darf die Sozialdemokratie niemals einen Angriffskrieg unterstützen. Wer aber hat die Ursache des gegenwärtigen Weltkrieges in einem Angriffe Österreichs entdeckt? Nun derselbe Parteivorstand, dessen Sprachrohr der gegenwärtige „Vorwärts" ist. In seinem Manifest vom 25. Juli 1914 stellt der Parteivorstand zunächst fest, dass die Kriegsfurie vom österreichischen Imperialismus entfesselt worden sei, und fährt dann wörtlich fort:

Verurteilen wir auch das Treiben der großserbischen Nationalisten, so fordert doch die frivole Kriegsprovokation der österreichisch-ungarischen Regierung den schärfsten Protest heraus. Sind doch die Forderungen dieser Regierung so brutal, wie sie in der Weltgeschichte noch nie an einen selbständigen Staat gestellt worden sind, und können sie doch nur darauf hinauslaufen, den Krieg geradezu zu provozieren.

Das klassenbewusste Proletariat Deutschlands erhebt im Namen der Menschlichkeit und der Kultur flammenden Protest gegen dies verbrecherische Treiben der Kriegshetzer. Es fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe und, falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung enthalte. Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber, den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden."

Es ist durchaus anzuerkennen, dass der Parteivorstand mit diesem Aufruf der Forderung Bebels, bei Ausbruch eines Krieges zunächst den Angreifer festzustellen, durchaus gerecht geworden ist. Aber die Folgerungen, die er aus dieser Feststellung gezogen hat, waren gerade entgegengesetzt den Folgerungen, die er nach Bebels Ansicht daraus hätte ziehen müssen, und so will es uns doch scheinen, dass es nicht die Gruppe Internationale ist, sondern dass es die Scheidemann und Genossen sind, die von dem toten Bebel einen derben Schlag auf den Kopf erhalten.

gezeichnet