Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Bankrotteure

25. Mai 1917

[Der Kampf (Duisburg) Nr. 51, 25. Mai 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 732-743]

In seiner urkomischen Weise hatte der brave „Vorwärts" die letzte Dienstagssitzung des Reichstags im Voraus als ein weltgeschichtliches Ereignis angekündigt; standen doch die Kriegszielinterpellationen der Konservativen und der Regierungssozialisten auf der Tagesordnung, und Herr Scheidemann schwamm in der seligen Hoffnung, der Reichskanzler werde ihm nicht mehr nur hinter den Kulissen, sondern vor aller Welt auf die Schulter klopfen und als seinen jungen Mann anerkennen: Nun machen wir zwei beide zusammen die Weltgeschichte.

Es kam aber ganz anders, und zwar so, wie es kommen musste und wie jeder Politiker, der noch über seine fünf Sinne gebietet, vorausgesehen hatte. Der Reichskanzler hielt dieselbe Rede, die er schon einige Dutzend Male seit dem Ausbruche des Weltkrieges gehalten hat; er hütete sich, sei es nun die eine oder die andere Anfrage über die Kriegsziele der Regierung mit Ja oder Nein zu beantworten, sondern erging sich in allgemeinen Betrachtungen, die eher noch verschwommener denn klarer waren als bei früheren Gelegenheiten. Er lasse sich weder von Scheidemann noch von Heydebrand schieben, sondern gehe seinen eigenen Weg, je nach den Umständen, und der große Haufe der bürgerlichen Parteien klatschte dazu begeisterten Beifall.

Merkwürdigerweise waren aber auch die beiden von Herrn v. Bethmann abgehalfterten Parteien keineswegs unzufrieden mit dem Bescheide, der ihnen wurde. Und bei den Konservativen lässt es sich leichter begreifen. Ihr Zweck war, den Reichskanzler zu einer deutlichen Absage an seinen jungen Mann Scheidemann zu veranlassen, und diesen Zweck haben sie erreicht. Sie selbst hatten gar keine bestimmten Annexions- und Eroberungsziele aufgestellt, und es passt ganz gut in ihren Kram, dass die Regierung diese Frage einstweilen im Dunkeln lässt und an der uferlosen Fortsetzung des Krieges festhält. Die konservativen Blätter behandeln denn neuerdings auch den Reichskanzler mit einer Höflichkeit und einem Wohlwollen, die er von dieser Seite seit lange nicht mehr gewöhnt gewesen ist.

Dagegen ist es „ein Rätsel, gleich geheimnisvoll für Weise wie für Toren", wenn auch der biedere „Vorwärts" von dem Dornenstrauch der reichskanzlerischen Rede noch Feigen pflücken will. Schon in der Sitzung des Reichstags selbst erklärte Herr David, der junge Mann Scheidemanns, wie Scheidemann der junge Mann des Reichskanzlers ist, die Erklärung der Regierung befriedige zwar nicht „voll und ganz", aber sie enthalte doch sehr wertvolle Gesichtspunkte. Den Teufel auch! Die Regierungssozialisten hatten klipp und klar verlangt, der Reichskanzler solle sich zu einem Friedensschluss ohne Annexionen und ohne Kriegsentschädigung bereit erklären, und wenn es nicht geschehe, hätte Herr Scheidemann im Hintergrunde sogar die Revolution aufmarschieren lassen, was seltsamerweise nicht allgemeine Heiterkeit, sondern allgemeine Unruhe hervorrief. Aber der Reichskanzler hatte so dürr und trocken wie nur möglich erklärt: Fällt mir gar nicht ein. Herr David glich einem Schacherer, der, wenn er mit einem Fußtritt die Treppe herab geworfen wird, seine krachenden Glieder einsalbt mit wohlwollenden Betrachtungen über die Form des Stiefels, der ihn so ungestüm expediert hat.

Aber bei Lichte besehen lässt sich auch dies Rätsel lösen. Die ablehnende Haltung des Reichskanzlers schlug die ganze so genannte Friedenspolitik des Regierungssozialismus kurz und klein. Sie zeigte, dass die Regierung gar nicht daran denkt, dem „guten Willen" der Scheidemänner mit „offener Hand" entgegenzukommen, dass sie, sosehr sie bereit sein mag, die untertänigen Dienste anzunehmen, die ihr von dieser Seite entgegengebracht werden, durchaus nicht beabsichtigt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Das ist tatsächlich der Bankrott der regierungssozialistischen Politik, aber es begreift sich, dass die Bankrotteure das nicht eingestehen mögen. Um so weniger, als in wenigen Wochen über eine neue Kriegsanleihe zu entscheiden sein wird. Würden sie dagegen stimmen, so würden sie selbst die Politik ohrfeigen, die sie seit drei Jahren getrieben haben, aber wenn sie dafür stimmen sollen, so müssen noch einige tüchtige Hände voll Sand in die Augen des gläubigen Volkes gestreut werden.

Ja, es ist weit gekommen mit den deutschen Regierungssozialisten! Und diese Zwerge spielen sich als die Heilande auf, die der lechzenden Welt den Frieden bringen wollen! Wäre es nur um sie, so wäre es wahrhaftig nicht schade, dass die Stockholmer Konferenz einigermaßen auf die lange Bank geraten zu sein scheint. Es wäre ein ekelhafter Anblick, diese Nutznießer des Belagerungszustandes, die eben wieder – um sich für die lächerliche Rolle zu entschädigen, die sie gegenüber der Regierung spielen – die Genossin Zetkin, die langjährige hoch verdiente und in den Arbeiterklassen aller Länder verehrte Vorkämpferin des internationalen Sozialismus, aus der Redaktion der „Gleichheit" geworfen haben, um an ihre Stelle einen landläufigen Phrasendrechsler des Renegatentums zu setzen – wenn diese ewigen Kriegskreditbewilliger sich dem Auslande als Freiheits- und Friedensapostel vorstellen dürften. „Glück zu dem Frieden, den die Kerle stiften", wie es mit der leichten Änderung eines Worts schon bei Schiller heißt.

Sollte die Stockholmer Konferenz dennoch zustande kommen, und sollten die deutschen Regierungssozialisten auf ihr erscheinen, so erwarten wir, dass sie von den ausländischen Genossen, die der Sache des Sozialismus treu geblieben sind, mit feurigen Ruten heimgepeitscht werden.

gezeichnet