Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Karl Liebknecht

28. August 1916

[Freie Jugend (Braunschweig), Nr. 1, 25. August 1916. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 697-699]

 

Stone walls do not a prison make,

Nor iron bars a cage;

Minds innocent and quiet take

That for a hermitage.

Der Dichter dieses englischen Liedes hieß Lovelace und lebte in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Er war ein tapferer Kämpfer für das Königtum von Gottes Gnaden, ein Kavalier König Karls I. von England, den er zwar nicht bis aufs Schafott begleitet hat, aber doch bis in das Gefängnis. Cromwell war der Kerkermeister, dessen er mit seinem Liede spottete. Die Schönheit und Wahrheit dieses Gedichtes bezauberten unseren alten Herder so, dass er es in seine „Volkslieder" aufnahm, neben dem „Erlkönig" und dem „Heideröslein":

Stein, Wall und Mauer kerkert nicht,

Kein Gitter kerkert ein.

Ein Geist, unschuldig, ruhig, spricht:

Das soll mein Palast sein.

Fühlt sich das Herz nur frisch und rein

Und frei und fröhlich sich -

Kein Sturmwind in den Wüstenei'n

Ist dann so frei wie ich!

Nicht in Herders Übersetzung, aber in plumperer Übertragung wurde das Lied des englischen Kavaliers volkstümlich unter den deutschen Burschenschaftern. Auf einer Zellentür der nunmehr abgerissenen Hausvogtei in Berlin, wo die unschuldigen Opfer der Demagogenjagd schmachteten, konnte man noch lange nachher die ins Holz geschnittenen Verse lesen:

Die Mauer nicht den Kerker macht,

Den Käfig nicht das Gitter,

Wenn frei und froh die Seele lacht,

Ist kein Gefängnis bitter.

Daran haben sich Jünglinge wie Arnold Ruge und Fritz Reuter das Herz gestärkt. Und noch später hat Freiligrath, wie er in seinem Briefwechsel erzählt, mit dem Liede des königstreuen Kämpfers dem Achtundvierziger Heubner die Pforten des Zuchthauses in Waldheim gesprengt…

Und so klang das Lied in meiner Seele wider, als ich am 28. Juni bei meiner abendlichen Heimkehr auf meinem Schreibtisch die von Knabenhand geschriebenen Zeilen vorfand: „Mein Vater ist heute zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus wegen versuchten Kriegsverrats verurteilt worden." Das war nun schon die dritte Generation Liebknecht, auf die der Schatten des Hoch- oder Kriegs- oder Landesverrats fiel. Und auf Karl Liebknecht ist er noch viel früher gefallen als auf seinen ältesten Knaben. Seine Mutter trug ihn unter dem Herzen, als sein Vater, in tief erregter Kriegszeit, umtobt von den wildesten Anklagen, in hunderttägiger Untersuchungshaft einem furchtbaren Schicksal verfallen zu sein schien. Von den tiefen Leidenschaften, die damals die tapfere Frau bewegten, meinte sie wohl, sei viel auf ihren Karl übergegangen.

Seit ungefähr einem Menschenalter kenne ich ihn. Er muss ein junger Bursche von 17 oder 18 Jahren gewesen sein, als er mich brieflich aus Leipzig um ein Freiexemplar der „Berliner Volks-Zeitung" bat, für irgendeinen Bund von Schülern, den er gestiftet hatte. Es war in den Tagen des Sozialistengesetzes, wo sich die „Volks-Zeitung" das radikalste Blatt der deutschen Presse nennen durfte. Ich gewährte ihm gern seine Bitte; denn man war damals in Deutschland noch nicht so voll triefender Weisheit wie heute, man hatte noch eine schwache Ahnung davon, dass Schiller mit 19 Jahren die „Räuber" geschrieben hatte, dass selbst die holde Torheit einer begeisterten und tapferen Jugend mehr wert ist als die ängstliche Weisheit eines lendenlahmen Alters. Einige Jahre später, als mit dem Falle des Sozialistengesetzes seine Eltern nach Berlin übersiedelten, lernte ich Karl Liebknecht auch persönlich kennen. Er war damals ein Student von kaum 20 Jahren, begabt, fleißig, geistig regsam, keck und ein wenig vorwitzig, so wie ein rechter Junge sein soll. Aber er war weder anmaßend noch eitel und am wenigsten empfindlich, wenn man seine grün sprossende Weisheit nicht gleich für voll nahm. Seine bescheidene Liebenswürdigkeit hat Karl Liebknecht von beiden Eltern geerbt.

Später haben wir wohl ernstere Kämpfe miteinander geführt, wenngleich unsere persönliche Freundschaft nie darunter gelitten hat. Als ich die „Leipziger Volkszeitung" leitete, habe ich dem rast- und ruhelosen Kämpfer manchmal die Zügel über den Kopf geworfen, in jenen Tagen, wo er auch seinen erfolgreichen Vorkampf für die Jugendbewegung begann. Er war immer wenig erbaut, wenn er, die Tasche voll zündender Artikel, nach Leipzig hinüberkam und wider Erwarten „den Alten" in der Redaktion vorfand. Und ganz unwirsch wurde er, wenn ich, dem seine Mutter eine verehrte und seine Gattin eine liebe Freundin war, ihm wohl einmal, bedrängt von seiner hitzigen Beredsamkeit, die Aufnahme eines Artikels mit den Worten abschlug: Den kann ich schon vor Ihren Frauen nicht verantworten. Das konnte er in den Tod nicht vertragen; denn darin ist Karl Liebknecht der echte Sohn seines Vaters, dass, wo es die große Sache gilt, jede persönliche Rücksicht ihn kleinlich und unwürdig dünkt.

Ach! mit wie geringer Befriedigung denke ich heute an die Siege zurück, die ich damals über ihn erfocht! Wie wohlfeil waren sie doch, da sie am letzten Ende nur auf der Gewalt beruhten, die ich über die Druckerpressen der „Leipziger Volkszeitung" besaß! Und wie trügerisch ist die viel gepriesene Weisheit des Alters! Ob die Feuerfunken, die ich ihm zertrat, nicht doch eine läuternde Flamme hätten entzünden können, ich weiß es heute noch nicht; wohl aber weiß ich, dass meine vierzigjährige Kenntnis deutscher Press- und Strafgesetze kläglich versagte, als sie dem jungen Freunde wirklich nützen konnte. Die hochverräterische Schrift, die ihm schon einmal eine anderthalbjährige Festungsstrafe eingetragen hat, legte mir unser gemeinsamer, nun schon verstorbener Freund Seyferth zur Prüfung vor, ehe er sie druckte, und ich habe ihrer Veröffentlichung zugestimmt. Später, als wir mit gleichen Waffen kämpften, ist es mir kaum je gelungen, Wasser in den brausenden Wein Karl Liebknechts zu schütten, und daran denke ich heute mit wehmütiger Freude …

Kehren wir noch einmal ins siebzehnte Jahrhundert zurück, so rührt von einem französischen Dichter dieser Zeit, der so königstreu war wie Lovelace, das schöne Wort her: Das Verbrechen macht die Schande, nicht das Schafott.

In diesem Sinne Corneilles hat auch das Militärgericht die Reinheit der Beweggründe anerkannt, aus denen Karl Liebknecht gehandelt hat, und so mag das englische Lied, wie es in einer ehernen Zeit, aus dem Kerker der Rundköpfe und über die Eisenseiten Cromwells hinweg, in die Jahrhunderte hinausgeflattert ist, nun wieder zurückflattern, mitten durch die waffenstarrende Gegenwart, in die einsame Zelle unseres Freundes:

Stein, Wall und Mauer kerkert nicht,

Kein Gitter kerkert ein.

Ein Geist, unschuldig, ruhig, spricht:

Das soll mein Palast sein.

Fühlt sich das Herz nur frisch und rein

In des Gewissens Ruh -

Kein Sturmwind in den Wüstenei'n

Ist heut' so frei wie du.

gez.: F. M.