Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Karl Marx zum Gedächtnis

13. März 1908

[Die Neue Zeit, 26. Jg. 1907/08, Erster Band, S. 821-824. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 7-10]

Als wir vor fünf Jahren die zum 14. März fällige Nummer unseres Blattes dem Gedächtnis des zwanzigsten Todestags von Karl Marx widmeten, verfielen wir der ernsten Rüge staatsmännisch veranlagter Köpfe, weil wir zu ungewöhnlicher Zeit dem Genius gehuldigt hätten. [1] Dieser Rüge werden wir heute vielleicht entgehen, da die Feier des fünfundzwanzigsten Todestags reglementsmäßiger ist; in der Tat hat auch dasselbe Organ, das uns dazumal einen herben Tadel erteilte, dieses Mal selbst einen Gedächtnisartikel zum 14. März veröffentlicht. Jedoch nun können wir an unserem Teil mit der schüchternen Kritik nicht zurückhalten: Lieber gar nicht als so!

Sicherlich – man kann in der Menschenverehrung zu viel tun. Wir denken dabei gar nicht einmal an Carlyle und ähnliche Geister; es ist uns schon zu viel, wenn Freiligrath, dem doch alle knechtische Gesinnung fremd war, zum hundertsten Geburtstag Schillers sang:

Dem Genius,

Der heiligen Flamme wunderbaren Lohen,

Die leuchten, wärmen, Blitze schleudern muss

Einsam herab vom Vorhaupt der Heroen, -

Ihm huld'gen wir!

Ihm heben opfernd wir die Schale!

Ihm flechten wir die vollste Schläfenzier,

Und sonnen uns und ruhn in seinem Strahle.

Ob nun in der Tat ein Fortschritt sein mag, dass uns dies Pathos, an dem sich doch einst viele tapfere Herzen erwärmt haben, ungenießbar geworden ist, das wollen wir nicht weitläufig untersuchen. Genug, dass es uns seltsam in die Ohren tönt! Aber wenn die Wahl so stünde, so würden wir freilich tausendmal lieber solch Pathos wählen als jene kleinmeisterliche Beschränktheit, die zu einem Gedächtnistag von Marx einige sauersüße Komplimente zu murmeln weiß, aber sie krönt mit dem Spruche tiefsinniger Weisheit, dass Marx auch nur ein Mensch gewesen sei, dass er manche Fehler gehabt, in seinen Urteilen manchmal geirrt und manches falsch vorausgesehen habe.

Ohne Zweifel soll man auch dem Genius gegenüber nicht die Kritik vergessen. Allein was wir schon vor fünf Jahren an dieser Stelle sagten, das können wir heute nur wiederholen: Alles, was bisher an dem Lebenswerk von Marx als überlebt und verfehlt nachgewiesen worden ist, das ist von denen nachgewiesen worden, die man „orthodoxe Marxisten", und zwar nicht im Sinne einer Schmeichelei, zu nennen pflegt. Die anderen haben nichts gekonnt, als um das eherne Bild von Marx, wie es in die Tafeln der Geschichte eingegraben ist, einen Kranz von Fragezeichen zu machen. Sie werfen das Kind aus dem Fenster und waschen ihre Hände im Bade mit dem beseligenden Bewusstsein: Was sind wir doch gescheiter als Marx, während wir das Bad aus dem Fenster schütten, aber das Kind hegen und pflegen.

Und wenn es nur das wäre! Jedoch wie kann man den Namen von Marx nur im Munde führen, wenn man durch die Tat bestreitet oder doch bestreiten möchte, was seines Lebens innerster Kern gewesen ist. Um nur an die brennendste Frage der Gegenwart anzuknüpfen, so soll es eine lächerliche „Heldenpose" sein, zu sagen, dass der Kampf um das allgemeine Wahlrecht für den preußischen Staat ein Klassenkampf sei. Als ob Marx niemals die lapidaren Sätze niedergeschrieben hätte: Die Emanzipation der Arbeiterklasse muss durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden; der Kampf für sie ist kein Kampf für neue Klassenvorrechte, sondern für die Vernichtung aller Klassenherrschaft. Die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter die Aneigner der Arbeitsmittel, das heißt der Lebensquellen, liegt der Knechtschaft in allen ihren Formen zugrunde: dem sozialen Elend, der geistigen Verkümmerung und der politischen Abhängigkeit. Die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ist daher das große Ziel, dem jede politische Bewegung als Mittel dienen muss. [2] So ist auch der Kampf der Arbeiterklasse um die Reform des preußischen Wahlrechtes nichts anderes als ein politisches Mittel des proletarischen Klassenkampfes. Wer das bestreitet, mag Recht oder Unrecht haben, aber er sei so ehrlich zu sagen, dass er den Schlachtruf verleugnet, den Marx vor mehr als vierzig Jahren der internationalen Arbeiterbewegung gegeben hat.

Und so heißt es auch nur den Namen von Marx im Munde führen, wenn auf einen Gedächtnisartikel zu seinem Todestage in denselben Spalten eine Reihe von Artikeln folgt, die seine Sprache preisgeben. Wir heben nur folgende Sätze hervor: „es ist geradezu absurd, in dem Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat den Schlüssel zum Verständnis unserer derzeitigen politischen Verhältnisse zu suchen. Der Gegensatz zwischen kapitalistischen Unternehmern und proletarischen Lohnarbeitern ist zweifellos ein mächtig wirkender Faktor in Fragen sozial- und wirtschaftspolitischer Natur. Aber wer nur diesen Gegensatz sieht, wer ihn für den allein maßgebenden oder auch nur für den hauptsächlich entscheidenden Faktor in unserer politischen Konstellation hält, der trottet mit Scheuklappen durch die politische Arena." Das ist eine Ansicht – wir können nicht sagen, wie andere auch, denn sie ist entschieden origineller, als sonst menschliche Ansichten zu sein pflegen –, allein es ist eine Ansicht, über die wir so wenig streiten, wie wir über die Ansicht streiten würden, dass, wer behaupte, 2x2 = 4, mit Scheuklappen durch die arithmetische Arena trotte. Denn von Marx haben wir allerdings gelernt, dass die preußische Junkerherrschaft wirklich nur ein Produkt des kapitalistisch-proletarischen Klassengegensatzes ist. Seit sechzig Jahren hat der deutschen Bourgeoisie niemals die Macht, aber immer der Wille gefehlt, die Herrschaft der Junker zu stürzen, weil sie diese erlauchte Klasse gebraucht als gemietete Landsknechte gegen das revolutionäre Proletariat.

Am 14. März vor fünfundzwanzig Jahren schrieb Engels an Liebknecht: „Trotzdem ich ihn (Marx [- F. M.]) heut Abend in seinem Bett ausgestreckt gesehn, die Leichenstarre im Gesicht, kann ich mir doch gar nicht denken, dass dieser geniale Kopf aufgehört haben soll, mit seinen gewaltigen Gedanken die proletarische Bewegung beider Welten zu befruchten. Was wir alle sind, wir sind es durch ihn; und was die heutige Bewegung ist, sie ist es durch seine theoretische und praktische Tätigkeit; ohne ihn säßen wir immer noch im Unrat der Konfusion." [3] Diesen „Unrat der Konfusion" wollen wir uns nun aber doch nicht, ein Viertel Jahrhundert nach seinem Tode und gar unter seiner Firma, wieder ins Haus schleppen lassen. Jedem Menschen ist unbenommen, über Marx zu denken, wie er will, aber wer wider Marx ist, der soll nicht so tun, als ob er für Marx sei.

Um einen albernen Gemeinplatz ausnahmsweise einmal zu wiederholen, so war Marx kein Gott, auch kein Halbgott; er war nicht einmal unfehlbar wie der Papst. Aber er war ein Denker, der das Maß menschlicher Erkenntnis wesentlich vermehrt hat, und an diesem Fortschritt halten wir fest, nicht als an einem Endziel menschlicher Erkenntnis, aber als einem Schritte vorwärts, der nicht wieder zurückgetan werden darf. Auch uns soll der Tag gepriesen sein, an dem Marx überwunden sein wird, wie er die Hegel und Ricardo überwunden hat, aber ein Zurück von ihm, es sei auf wen immer, führt in den „Unrat der Konfusion", in den wir nicht marschieren. [4]

Am wenigsten, wenn diese tragikomischen Retiraden durch die „praktische Unfruchtbarkeit" des Marxismus beschönigt werden sollen, durch die Redensart, dass die deutsche Sozialdemokratie die mächtigste und zugleich die ohnmächtigste aller modernen Arbeiterparteien sei, dank ihrem starren Festhalten an den revolutionären Grundsätzen, wie sie Marx in den lapidaren Sätzen formuliert hat, die wir schon anführten. Wir sind sicherlich die letzten, die Erfolge unserer ausländischen Schwesterparteien zu unterschätzen, aber ihnen allen kann sich der zwölfjährige, sieggekrönte Feldzug gegen das Sozialistengesetz getrost zur Seite stellen, und was wäre aus diesem Feldzug geworden, wenn er nicht prinzipiell und taktisch nach den Grundsätzen von Marx geführt worden wäre? Jedoch wenn man auch von allen einzelnen Fällen absieht, so ist die angebliche Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie in Wirklichkeit der schlagendste Beweis für ihre Macht. Sie wird von den herrschenden Klassen in Deutschland so gefürchtet, dass diese jedes Mittel brutaler Gewalt anwenden, um der Arbeiterklasse selbst solche Waffen zu rauben, die die Bourgeoisie anderer Länder noch ohne Sorge in den Händen des Proletariats sieht. Die „praktischen Erfolge" jeder Arbeiterpartei, die anders als im rücksichtslosesten Klassenkampf errungen werden, sind immer und überall nur ein Beweis dafür, dass die herrschenden Klassen noch mit dem Proletariat auszukommen gedenken, und diese „praktischen Erfolge" verschwinden in dem Maße, je mehr die Kraft der Arbeiterklasse wächst und je unerschütterlicher ihr Wille wird, die Ketten der Lohnsklaverei für immer zu zerbrechen.

Karl Marx hat „praktische Erfolge" dieser Art nie erstrebt und auch nie gehabt. Er war noch ein Kind in der Wiege, als die Karlsbader Beschlüsse hereinbrachen, und er war ein Greis von sechzig Jahren, als das Sozialistengesetz hinwegfegte, was er in jahrzehntelanger mühsamer Arbeit geschaffen hatte. Was Engels einmal von den Anfängen der englischen Arbeiterbewegung sagt, das gilt auch für das Leben von Marx: Es war eine ununterbrochene Kette von Niederlagen, unterbrochen durch wenige Siege, aber wie er nie eine Sekunde gezögert hat auf den rauen und steilen Pfaden, die er emporstieg, so ist, seitdem das Grab seine sterbliche Hülle birgt, seine Gestalt nur immer gewaltiger emporgewachsen.

Nicht in dem Sinne einer abergläubischen Heldenverehrung, aber im Sinne des Wortes, das wie ein Grundakkord durch unsere klassische Literatur und Philosophie klingt, von Lessing bis auf Feuerbach: die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch, gedenken wir heute dieses großen Menschen, dessen Fahne zu tragen unsere Ehre und unser Glück ist.

 

 

1 Mehring veröffentlichte schon zum 20. Todestag von Karl Marx einen Gedenkartikel in der „Neuen Zeit", 21. Jg. 1902/03, Erster Band, S. 705-710. Diesen Aufsatz übernahm er inhaltlich in seine Marx-Biographie (Bd. 3 der „Gesammelten Schriften", Berlin 1960, S. 232-238).

2 Siehe Karl Marx: Allgemeine Statuten und Verwaltungs-Verordnungen der Internationalen Arbeiterassoziation. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 17, S. 440.

3 Engels an Wilhelm Liebknecht in Leipzig, 14. März 83. In: Ebenda, Bd. 35, S. 457.

4 Mehring lässt hier den qualitativen Unterschied zwischen der Überwindung Hegels und Ricardos durch Marx und Engels und der schöpferischen Weiterentwicklung des Marxismus außer Acht. Während der Schritt von Hegel zu Marx eine Veränderung in der Klassengrundlage der Erkenntnis darstellte, geht die schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus im Rahmen der Weltanschauung des Proletariats vor sich. In diesem Sinne kann also niemals der Tag eintreten, „an dem Marx überwunden sein wird".

 

 

Karl Marx und das Gleichnis

13. März 1908

[Die Neue Zeit, 26. Jg. 1907/08, Erster Band, S. 851-854. Nach Gesammelte Schriften, Band 12, S. 199-202]

 

In einer Anmerkung zu dem Nachwort, das Karl Marx der zweiten Auflage des „Kapital" hinzufügte, sagt er:

„Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie schelten Stil und Darstellung meiner Schrift. Niemand kann die literarischen Mängel des ,Kapital' strenger beurteilen als ich selbst. Dennoch will ich, zu Nutz und Freud dieser Herren und ihres Publikums, hier ein englisches und ein russisches Urteil zitieren." [1] Und in dem russischen Urteil wird gesagt, dass Marx auch nicht von fern der Mehrzahl deutscher Gelehrter gleiche, die ihre Bücher in so verfinsterter und trockener Sprache schrieben, dass gewöhnlichen Sterblichen der Kopf davon krache.

Die Sprache von Karl Marx verdient, eingehend untersucht zu werden; eine solche Untersuchung würde ein nicht unwesentlicher Beitrag zur Erkenntnis des Mannes und seines Werkes sein. Aber leicht ist diese Aufgabe nicht, und sie steht auch nicht in erster Reihe dessen, was seinen Erben zu tun obliegt; er selbst würde am wenigsten wünschen, dass die praktische Propaganda seiner Gedanken darüber vernachlässigt würde. So sind bisher nur zerstreute Anmerkungen über seine Sprache gemacht worden, und mehr soll auch hier nicht gegeben werden, wenn wir zum Gedächtnis seines Todestages einen kritischen Blick auf den beliebtesten Einwand werfen, den die bürgerlichen Gelehrten gegen seinen Stil und seine Darstellung zu erheben pflegen. Von Herrn Wilhelm Roscher an bis auf die jüngsten Privatdozenten werfen sie ihm seine Neigung für Gleichnisse vor, die an sich unbestreitbar ist, aber die beweisen soll, dass er keineswegs ein scharfsinniger, sondern nur ein geistreicher Mann gewesen sei, der, in „unklarer Mystik" befangen, selbst den historischen Materialismus nur in ganz unbestimmter, „mit Bildern zusammengeflickter" Weise zu erläutern verstanden habe.

Diesen Tiraden gegenüber genügt es, das Wort des Aristoteles zu zitieren, wonach es das Kennzeichen des Genies sei, το όμοιον ϑεωρεινdas Gleiche zu erkennen. Man kann zwar behaupten, dass dies Kennzeichen des Genies ebenso das Kennzeichen des Stümpers sei; zwischen der sinnlichen Kraft und Frische der Sprache Luthers im sechzehnten und der Sprache Goethes im achtzehnten Jahrhundert liegt der Euphuismus und Marinismus des siebzehnten Jahrhunderts, von dem schon Albrecht v. Haller sagte, dass er ein „auf Gleichnissen wie auf Blasen schwimmender Bombast" sei. Allein diese Tatsache ist gar keine Bestreitung, sondern nur eine Bestätigung des aristotelischen Wortes. Die Marinisten vermochten eben nicht das Gleiche zu erkennen, und deshalb koppelten sie das Ungleiche gewaltsam zusammen. Hierauf im Ernste zu pochen, zeugt nur von Maulwurfsaugen, die das blühende Rot einer Mädchenwange nicht von der grellen Schminke unterscheiden können, womit eine alte Jungfer ihre verwelkten Gesichtszüge zu beleben sucht.

Unter den deutschen Klassikern hat wohl Lessing am meisten über das Gleichnis als Form der literarischen Darstellung philosophiert. Von ihm als Meister des Gleichnisses gilt dasselbe, was er von sich als Dichter in einem prächtigen Gleichnis ausgemalt hat: er ist als solcher nicht geboren, sondern geworden. In seinen jungen Schriften ist die Neigung zu Gleichnissen noch wenig zu spüren, und wo sie zu spüren ist, äußert sie sich nicht immer glücklich. Noch im „Laokoon" schreibt Lessing: „Ein bloßes Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts", und wenige Zeilen weiter auf derselben Seite heißt es dann: „Gleichwohl ist der Sinn hier nichts und das Gemälde alles, und jener ohne dieses macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer", Sätze, deren Einseitigkeit sich in einem späteren Gleichnis Lessings ausgleicht zu dem Bekenntnis, in einer vollkommenen Darstellung gehöre Begriff und Bild zusammen wie Mann und Weib. Lessing hat das Problem nach seinen beiden Seiten beleuchtet, sowohl wenn er schrieb: „Was macht einen Dichter anders schwülstig, als die allzu häufige, allzu gesuchte Anwendung der kühnsten Tropen?" als auch wenn er schrieb: „Ich suche allerdings, durch die Phantasie, mit auf den Verstand meiner Leser zu wirken. Ich halte es nicht allein für nützlich, sondern auch für notwendig, Gründe in Bilder zu kleiden und alle die Nebenbegriffe, welche die einen oder die anderen erwecken, durch Anspielungen zu bezeichnen. Wer hiervon nichts weiß und versteht, müsste schlechterdings kein Schriftsteller werden wollen, denn alle guten Schriftsteller sind es nur auf diesem Wege geworden." So Lessing in den Anti-Goezes, deren überströmende Fülle glänzender Gleichnisse dem armen Hauptpastor in Hamburg schon ebenso herzbrechende Vorwürfe entlockte wie die Gleichnisse von Marx den Roscher und Genossen.

Im Unterschied von Lessing war Goethe als „Gleichnismacher", wie er sich selbst nannte, nicht geworden, sondern geboren. Bekannt ist der Vers, worin er sagt, dass man ihm Gleichnisse nicht verwehren dürfe, da er sich sonst nicht zu erklären wisse, und an Frau v. Stein schrieb er: „In Gleichnissen laufe ich mit Sancho Pansas Sprichwörtern um die Wette." Und dies Gleichnis kennzeichnete treffend Goethes Gleichnisse; die Sprichwörter sind die Gleichnisse, in denen das Volk denkt und dichtet, und schon Luther sah dem „gemeinen Mann" gern aufs Maul, um seiner Sprache kernige Fülle des Bildes und des Sinnes zu geben. Wie das Haupt unserer klassischen Literatur, war denn auch das Haupt unserer klassischen Philosophie ein großer „Gleichnismacher"; Hegel bezeichnet auch darin einen großen Fortschritt über Kant hinaus, der die eigentliche Schuld an der verkrachten Schulsprache der deutschen Gelehrten trägt, eine um so größere Schuld, als er sehr wohl über einen gefälligen und klären Stil gebot. Hegels Sprache ist in sehr übertriebener Weise zum Typus schwerfälliger und schwerverständlicher Gedankenspinnerei gemacht worden; sie ist, wie Hegels Biograph Rosenkranz treffend sagt, gesättigt mit allen Elementen der deutschen Sprache von der Mystik des Mittelalters bis zur Aufklärung, und sie zeichnet sich namentlich durch eine oft ebenso kühne, wie schlagende Bildlichkeit aus.

In diesem Punkt, wie in anderen, war Marx der genialste Schüler Hegels. Ein „Gleichnismacher" von Geburt auch er; in seiner Doktordissertation quellen sie schon wie aus einem unerschöpflichen Boden. Die ganze Abhandlung ist gleichsam ein einziges großes Gleichnis, wie die epikureische Naturphilosophie in der Lehre von Himmelskörpern ihren höchsten Triumph feiert und gerade an ihnen gänzlich zusammenbricht. Seinen jungen Tagen gehört auch schon das Gleichnis von Marx an: „Derselbe Geist baut die philosophischen Systeme in dem Hirn der Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke baut." [2] Und so auch das Gleichnis: „Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt." [3] Am reichsten an Gleichnissen ist Marx wohl in der „Kritik der politischen Ökonomie", in deren Vorwort er die historisch-materialistische Methode „mit Bildern zusammengeflickt" haben soll, in sehr unbestimmter Weise dazu; dann auch in dem einleitenden Kapitel des „Kapital", das den Inhalt jener früheren Schriften noch einmal zusammenfasst.

In diesem Kapitel erreicht Marx unseres Erachtens den Gipfel seiner schriftstellerischen Leistung, rein unter dem schriftstellerischen Gesichtspunkt, und in ihm lässt sich das Wesen seines Gleichnisses am klarsten und schärfsten studieren, nicht zuletzt auch lässt sich in ihm erkennen, weshalb die bürgerlichen Gelehrten gar so erbost auf Marxens Gleichnisse sind.

„Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr… Die Form des Holzes z. B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf, und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne." [4] Sollten das nicht alle Holzköpfe übelnehmen, die übersinnliche Spekulationen und theologische Mucken in schwerer Menge produzieren, aber nicht so viel sinnliches Ding fabrizieren können, wie ein ordinärer sinnlicher Tisch von Holz darstellen mag?

Bei Marx ist das Gleichnis niemals Zierat, niemals ein bloßer Schmuck der Rede. Aber es ist auch nicht einmal nur wie bei Lessing ein Hebel des besseren und leichteren Verständnisses, ein Bemühen, nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf die Phantasie zu wirken, sondern es ist ein ursprüngliches Zusammenschauen der gleichen Dinge, das verwirklichte Ideal jener vollkommenen Darstellung, von der Lessing sagte, dass Begriff und Bild in ihr zusammengehören wie Mann und Weib. Das Gleichnis, wie es Marx handhabt, ist die sinnliche Mutter des Gedankens, der von ihr den lebendigen Odem empfängt.

Das verstehen die bürgerlichen Gelehrten nicht, wobei ihr böser Wille gar nicht mitzuspielen braucht. Sie können es nicht verstehen und namentlich dürfen sie es auch nicht verstehen. Was sollte aus der bürgerlichen Gesellschaft werden, wenn auf den Kathedern ihrer Hochschulen die Bildkraft der revolutionären Dialektik lebendig würde! Deshalb reden diese braven Patrioten, wie in der Irre, von „unklarer Mystik" und „zusammengeflickten Bildern"; da das Gleichnis von Marx im höchsten Grade das Geheimnis des Genies ist, so bleibt es ihnen ein ewiges Rätsel.

Darüber stellen sie ihre „Begriffsanalyse", den ewigen Schattentanz übersinnlicher Begriffe, die eintönig an den Wänden des kapitalistischen Kerkers dahin huschen, und sie sind stolz darauf, dass es keiner „unklaren Mystik", keiner „zusammengeflickten Bilder" bedarf, um zu erklären, dass den Umarmungen dieser Schatten nie ein lebendiges Kind entspringen kann. Wo nichts ist, hat auch das Gleichnis sein Recht verloren.

 

1 Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 14.

2 Karl Marx: Der leitende Artikel in Nr. 179 der „Kölnischen Zeitung". In: Marx/Engels: Werke, Bd. 1, S. 97.

3 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 1, S. 379.

4 Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, S. 76.