Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Zum Gedächtnis der Internationalen

[1]

11. September 1904

[Die Neue Zeit, 22. Jg. 1903/04, Zweiter Band, S. 809-812. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 362-366]

 

Am 28. dieses Monats sind vier Jahrzehnte verflossen, seitdem die Internationale Arbeiterassoziation in London gegründet wurde. Sie hat nur wenige Jahre bestanden, und als ihre Form zerbrach, zerbrach sie für immer. Aber ihr Geist lebte fort und wirkt heute noch in der modernen Arbeiterbewegung aller Länder.

Sie war nicht das Werk eines einzelnen, kein „kleiner Körper mit einem großen Kopfe", keine heimatlose Verschwörerbande; sie war weder das nichtige Schattenbild noch die ungeheure Macht, was in holder Abwechslung ihre Gegner aus ihr machen wollten. Sie war vielmehr eine historische Durchgangsform des proletarischen Emanzipationskampfes, und ihr historisches Wesen bedingte sowohl, dass sie notwendig, als auch, dass sie vergänglich war.

Es gehört zu dem antagonistischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise, dass sie die nationalen Staaten schafft, aber zugleich zerstört. Sie treibt die nationalen Gegensätze auf die Spitze, aber sie schafft auch alle Nationen nach ihrem Bilde um. Dieser Gegensatz ist auf dem Boden der kapitalistischen Produktionsweise unlöslich, und an ihm scheitert ewig jene Verbrüderung der Völker, von der die bürgerliche Revolution so viel zu singen und zu sagen wusste. Indem die große Industrie Freiheit und Frieden unter den Nationen des Erdballs predigt, macht sie aus diesem Erdball ein Kriegslager, wie es noch keine frühere Periode der Geschichte gesehen hat.

Jedoch mit der kapitalistischen Produktionsweise fällt auch ihr antagonistischer Charakter. Wohl kann sich der proletarische Emanzipationskampf nur auf nationalem Boden entwickeln; da sich der kapitalistische Produktionsprozess innerhalb nationaler Schranken vollzieht, so steht jedes Proletariat zunächst seiner Bourgeoisie gegenüber. Aber das Proletariat steht nicht unter dem unerbittlichen Konkurrenzkampf, der allen internationalen Friedensträumen der Bourgeoisie ein so raues Ende bereitet. Sobald die Arbeiter erkennen – und diese Erkenntnis fällt schon mit dem ersten Erwachen ihres Klassenbewusstseins zusammen –, dass sie die Konkurrenz in ihren eigenen Reihen aufheben müssen, um der Übermacht des Kapitals überhaupt einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen, so ist nur noch ein Schritt zu der weiteren Erkenntnis, dass auch die Konkurrenz zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder aufhören muss, vielmehr ihr gemeinsames Zusammenwirken notwendig ist, um die internationale Herrschaft der Bourgeoisie zu brechen.

So macht sich in der modernen Arbeiterbewegung die internationale Tendenz schon sehr früh geltend. Was der Verstand der Bourgeoisie, der durch ihr Profitinteresse verbarrikadiert ist, nur als heimatlose und unpatriotische Gesinnung, als einen Mangel an Bildung oder Verstand aufzufassen vermag, das ist in der Tat nichts anderes als eine Lebensbedingung des proletarischen Emanzipationskampfes. Allein wenn dieser Kampf auch den Zwiespalt zwischen nationaler und internationaler Tendenz, worin sich die Bourgeoisie ewig windet, lösen kann und lösen muss, so gebietet er hier sowenig wie sonst irgendwo über eine Zauberrute, die seinen harten und steilen Aufstieg in eine ebene und glatte Bahn wandeln kann. Die moderne Arbeiterklasse kämpft unter Bedingungen, die ihr von der historischen Entwicklung gestellt sind, also unter Bedingungen, die sie nicht in einem gewaltigen Ansturm überrennen, sondern nur dadurch überwinden kann, dass sie sie versteht, im Sinne des Hegelschen Wortes: Verstehen heißt überwinden.

Erschwert wurde dies Verständnis in hohem Grade dadurch, dass ihre Anfänge, in denen sich schon ihre internationale Richtung aussprach, zusammenfielen und sich mannigfach durchkreuzten mit der Gründung der letzten Nationalstaaten, eben durch die kapitalistische Produktionsweise. Es braucht nicht weitläufig auseinandergesetzt zu werden, wie wenige Wochen, nachdem das Kommunistische Manifest die vereinigte Aktion des Proletariats in allen zivilisierten Ländern als eine unerlässliche Voraussetzung seiner Befreiung verkündet hatte, die Revolution von 1848 ausbrach, die in Frankreich und England zwar schon Bourgeoisie und Proletariat als feindliche Mächte gegeneinander stellte, aber im übrigen Europa, in Deutschland, Italien, Ungarn, erst nationale Unabhängigkeitskämpfe entfachte. Allerdings hat damals das Proletariat, soweit es sich schon aktiv an der Bewegung beteiligte, vollkommen richtig erkannt, dass diese Unabhängigkeitskämpfe, wenn auch keineswegs sein letztes Ziel, so doch eine Station auf dem Wege zu diesem Ziele waren; es hat den nationalen Bewegungen in Deutschland, Italien und Ungarn die tapfersten Kämpfer gestellt, und nirgends sind diese Bewegungen besser beraten gewesen als in der „Neuen Rheinischen Zeitung", die von den Verfassern des Kommunistischen Manifestes herausgegeben wurde. Jedoch als dann die Revolution von 1848 gescheitert war und die historische Entwicklung scheinbar zehn Jahre stillgestanden hatte, da fiel das Wiedererwachen der Arbeiterbewegung abermals zusammen mit der nationalen Einheitsbewegung in einem großen Teile Europas, nur dass jetzt reaktionäre Gewalthaber dies Erbe der Revolution für ihre reaktionären Zwecke ausbeuteten.

Vier Jahre nach der so genannten Einigung Italiens durch Bonaparte und zwei Jahre vor der so genannten Einigung Deutschlands durch Bismarck [2], auf den Anstoß eines polnischen Unabhängigkeitskampfes hin, ist die Internationale gegründet worden. Das sind gewiss rein äußerliche, aber deshalb nicht weniger bezeichnende Daten. Sie kennzeichnen sozusagen die Umwelt, in der dieser Arbeiterbund entstehen musste. Aus seinem Ursprung ergab sich seine Aufgabe und sein Zweck: die Selbstverständigung des internationalen Proletariats über seine gemeinsamen Wege und Ziele. Insoweit war die Internationale ein durchaus ursprüngliches Produkt des proletarischen Emanzipationskampfes, aber sie hatte freilich das Glück, gleich bei ihrem Entstehen einen „großen Kopf" zu finden – in Karl Marx. Wie er in siebenjähriger Arbeit, unter den schwierigsten und verwickeltsten Verhältnissen, die gemeinsamen Grundbedingungen des internationalen Befreiungskampfes der Arbeiter zu finden und zu formulieren wusste, das wird immer zu seinen hervorragendsten Leistungen zählen. In der Inauguraladresse und den Statuten, die er für die Internationale entwarf, in den Anträgen und Denkschriften, die er für ihre Kongresse ausarbeitete, ist eine Fülle sozialer Erkenntnis enthalten, die ihre befruchtenden Wirkungen bis auf den heutigen Tag erstreckt, und wo sie vergessen worden ist, immer nur zum Schaden der Arbeiterbewegung vergessen wurde.

In dieser aufklärenden Propaganda lag die historische Bedeutung der Internationalen. Materielle Macht hat der Bund stets nur in geringem Maße besessen, außer in den furchtbaren Schreckbildern, die der Bourgeoisie von ihrem bösen Gewissen vorgegaukelt wurden. Immerhin – so grotesk und hohl diese Schreckbilder waren, so gerechtfertigt war der Schreck selbst, denn die Macht, die hier heranwuchs, musste auf die Dauer der kapitalistischen Gesellschaft viel gefährlicher werden, als wenn die Internationale wirklich eine ruchlose Verbrecherbande gewesen wäre, die über Millionen verfügte, um die zivilisierte Welt an allen vier Ecken anzuzünden. So erscholl denn ein mächtiger Triumphschrei, als die Internationale zusammenbrach, just in denselben Tagen, wo der österreichische und der russische Kaiser in Berlin erschienen, um durch ihren Besuch dem neudeutschen Reiche gewissermaßen die höhere Weihe der Kraft zu geben.

Auch dies an sich gefällige Zusammentreffen war in seiner Art bezeichnend. Mit der deutschen Reichsgründung war die Ära der nationalen Staatsgründungen für die großen Kulturvölker abgeschlossen; die soziale Frage wurde nicht mehr von der nationalen durchkreuzt; in dem Maße, wie die Internationale von inneren Zwistigkeiten zerrüttet wurde, näherten sich die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie, die sich bis dahin heftig befehdet hatten. Sowenig die Reichsgründung, die in Versailles ihre Taufe erhalten hatte, idealen Forderungen entsprach, so hatte man doch überall in Arbeiterkreisen die instinktive und auch ganz richtige Empfindung, dass damit eine historische Entscheidung gefallen sei, die wohl oder übel angenommen werden müsse und die auch für die anderen Staaten, in denen es eine Arbeiterbewegung gab, auf absehbare Zeit einen Zustand der Stabilität schüfe. Der nationale Boden war überall für die moderne Arbeiterbewegung geebnet; so war ihr die Möglichkeit gegeben, in nationalen Bahnen zu wirken, was immer ihre erste, ihre zeitlich erste Aufgabe ist, und so waren die Tage der Internationalen gezählt.

Selbstverständlich haben wir damit nur den inneren Grund angedeutet, aus dem dieser Arbeiterbund untergehen musste. Äußerlich spielten sich die Dinge ganz anders ab, unter hässlichen und heftigen Wirren, die der geängstigten Bourgeoisie wohl den trügerischen Trost einflößen mochten, als sei es das Schicksal jeder Arbeiterbewegung, über kurz oder lang an innerem Hader zu sterben. Es ist historischen Erscheinungen nicht gegeben, auch den bedeutendsten nicht, die Stunde richtig zu erkennen, wo sie von der Weltbühne scheiden müssen; sie sterben alle unter Symptomen, die kurzsichtige Kritiker oft zu dem oberflächlichen Urteil veranlassen, wenn dieser oder jener Zufall nicht mitgespielt hätte, so könnten sie wohl noch leben. Im Grunde liegt darin gar keine Schmeichelei, denn was überhaupt an einem Zufall sterben kann, das ist nicht wert, je gelebt zu haben. Aber gleichviel – heute ehrt man das Andenken der Internationalen mehr, wenn man offen ausspricht, dass ihre große historische Aufgabe vollbracht war zur Zeit, wo sie zerbrach, als wenn man über die Schelme oder Toren klagt, die ihr ein frühzeitiges Ende bereitet haben.

Marx ist nie der Meinung gewesen, dass sich die moderne Arbeiterbewegung der zivilisierten Welt von einem Zentralpunkt leiten lasse. Gerade je mehr eine revolutionäre Arbeiterpartei das Leben ihrer Nation beherrscht, um so mehr ist sie mit den besonderen Lebensverhältnissen dieser Nation verwachsen, mit Verhältnissen, über die sich von außen her kein erschöpfendes und zutreffendes Urteil fällen lässt. Eine Erneuerung der Internationalen Arbeiterassoziation wäre bei dem heutigen Entwicklungsstand der nationalen Arbeiterparteien ein Unding und eine Unmöglichkeit.

Aber es gibt eine neue Internationale, die keiner Statuten mehr bedarf, sondern unzerbrechlich zusammengeschlossen wird durch das Bewusstsein der internationalen Verantwortlichkeit, das jede nationale Arbeiterpartei beseelt, und dies Bewusstsein ist das unvergängliche Erbe jener alten Internationalen, die vor vierzig Jahren gegründet wurde.

 

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1 Mit Teilproblemen des Kampfes der I. Internationale beschäftigen sich auch Mehrings Artikel „Zum Stuttgarter Kongress" (in: Franz Mehring: Gesammelte Schriften, Bd. 15, S. 278-282), „Neue Schriften über Marx" (in: Die Neue Zeit, 31. Jg. 1912/13, Zweiter Band, S. 985-991, mit einer völligen Fehleinschätzung der Rolle Bakunins), „Ein neuer Literatenkrakeel" (in: Ebenda, 32. Jg. 1913/14, Erster Band, S. 393-396).

2 Mehring meint hier die Schaffung des Norddeutschen Bundes im Jahre 1866.