Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Kant und Marx

17. Februar 1904

[Die Neue Zeit, 22. Jg. 1903/04, Erster Band, S. 658-665. Nach Gesammelte Schriften, Band 13, S. 57-66]

 

Die nichtssagenden Jubelhymnen, von denen wir vor acht Tagen an dieser Stelle sprachen, sind zu Kants hundertstem Todestage reichlich erschollen. Doch wollen wir nicht verkennen, dass sie in ihrem trostlosen Einerlei allerdings auch einen tröstlichen Zug hatten. Indem jeder der Festredner und Festschreiber in Kant etwas anderes feierte, der eine den Philosophen des Atheismus, der andere den Philosophen des Protestantismus, der dritte den Philosophen des Sozialismus, der vierte den fleischgewordenen Gedanken, der fünfte den König im Reiche der Geister usw. usw., zeigte sich eben dadurch, dass die sogenannte Rückkehr auf Kant nichts, aber auch gar nichts hinter sich hat. Man vergleiche damit die Festreden und Festschriften zu Fichtes hundertstem Geburtstag im Jahre 1862, in denen allen sich, mochten sie, um die äußersten Endpunkte der Reihe zu kennzeichnen, von Lassalle oder Treitschke ausgehen, ein, in den wesentlichen Grundzügen einheitliches Bild Fichtes widerspiegelte. Damit war bewiesen, dass Fichte damals im Gedächtnis der Nation lebte, während die entgegen gesetzte Erscheinung bei dem neulichen Säkulartag ebenso schlagend bewies, dass Kant für die Gegenwart und ihre Probleme nichts mehr bedeutet.

Wir würden uns an dieser Tatsache gern genügen lassen, wenn nicht auch Karl Marx zur Verherrlichung Kants herangezogen worden wäre. Und zwar in der Form, dass Kants Werk niemals zur rechten Wirksamkeit gekommen, sondern alsbald von der Reaktion des neunzehnten Jahrhunderts verschüttet und verstümmelt worden sei. Darauf sei ein wildes Spiel der Blinden und Leeren erfolgt, eine mit „Ideen" prunkende Geschichtsphilosophie, bis Karl Marx gegenüber der leeren Ideologie wieder in die Bahn der großen klassischen Tradition eingelenkt sei, die allein zur Wissenschaft führe. Neben Kant trete Marx, und der eherne Gleichklang beider Namen möge diesem Zusammenhang ein Symbol sein. Wir wissen nun freilich schon: das sicherste Kennzeichen eines echten Kantianers ist die absolute Unfähigkeit, historische Zusammenhänge zu begreifen, und wir können sogar der eben skizzierten Geschichtskonstruktion nicht den Vorzug bestreiten, dass sie ein Körnchen greifbarer Wahrheit enthält. Unzweifelhaft bestehen die Namen Kant und Marx aus dem Vokal a und je drei Konsonanten, was in der Welt des transzendentalen Idealismus vielleicht „ehernen Gleichklang" bedeuten mag.

Allein wir müssen dennoch diesem Panegyrikus widersprechen, da Marx am Ende für solche Art Geschichtsauffassung zu gut ist, und diese Art, Fichte und Hegel als „tote Hunde" zu behandeln, am wenigsten nach seinem Geschmack sein würde. Wir sehen dabei von aller negativen Polemik ab und beschränken uns auf den positiven Beweis der Tatsachen, 1. dass Kants historische und revolutionäre Wirksamkeit erst dadurch fruchtbar und wirksam geworden ist, dass ihr „ein wildes Spiel solcher Leeren und Blinden", „eine mit ‚Ideen' prunkende Geschichtsphilosophie" folgte, dass also die Verbindung zwischen Kant und Marx eben durch dies „wilde Spiel" hergestellt worden ist. nicht aber dadurch, dass Marx im Gegensatz zu dem „wilden Spiele" in Kants Traditionen zurücklenkte, 2. dass die Traditionen Kants, soweit sie ohne jenes „wilde Spiel" wirksam geworden sind, nur die trostloseste Philisterei gezüchtet haben und 3. dass der Neukantianismus, der Marx auf Kant oder Kant auf Marx zu pfropfen versucht, mag er auch aus den edelsten Beweggründen unternommen sein, doch keine andere Wirkung haben kann, als der deutschen Arbeiterklasse wieder die mühsam gewonnene Einsicht in ihre historischen Aufgaben zu verdunkeln.

 

I

Indem Kant die dogmatische Philosophie zertrümmerte, machte er keineswegs der Religion einen endgültigen Prozess. Wir haben vielmehr gehört, wie er seine Vernunftkritik den Regierungen gerade als ein Mittel anpries, die Religion dem Volke zu erhalten. Er versöhnte Denken und Sein bis zu einem gewissen Punkte, um sie durch das „Ding an sich" für immer zu trennen. Wenn Spinoza und nach ihm die Goethe, Herder, Lessing den Gottesbegriff jedes Inhaltes entleerten, indem sie unter dem Namen Gott die Einheit alles Seienden, die Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, die Einerleiheit von Geist und Natur verstanden, so behielt Kant den christlichen Dualismus in allem Ernste bei, indem er die reine von der praktischen Vernunft, die empirische von der intelligibeln Welt schied. Die gescheiteren Geistlichen der christlichen Kirchen haben sich denn auch sehr wohl mit Kant anzufreunden gewusst, so die Hermesianer in der katholischen, die Rationalisten und später die Ritschlianer in der protestantischen Kirche.

Wie in der Religion, so in der Politik. Wenn Kant in den Jubelhymnen zu seinem hundertsten Todestag auch als Philosoph des Liberalismus gefeiert worden ist, so hat das wenigstens den guten Sinn, dass alle Halbheit, die der deutsche Liberalismus im vorigen Jahrhundert gezeigt hat, vorbildlich schon in Kant erscheint. Er hat die französische Aufklärung in allgemeinen Redewendungen überboten, aber sie in seinen praktischen Forderungen verkröpft. Er hat den gequälten Menschen, die nach ihren Rechten schrien, ihre Pflichten in härtester Form gepredigt, vor allem die Untertanenpflicht, der Obrigkeit stets treu, hold und gewärtig zu sein. Er hat an den Klassengegensätzen seiner Zeit nicht einmal da gerüttelt, wo sie auch von der bürgerlichen Revolution beseitigt werden konnten und ihren historischen Bedingungen nach beseitigt werden mussten. Wenn man sagt – denn selbst diese Behauptung ist uns in den Jubelhymnen auf ihn nicht erspart geblieben –, er habe der Zensur weitgehende Zugeständnisse machen müssen und seine grundstürzenden Gedanken gewaltig dämpfen müssen, so erweist man ihm den allerschlechtesten Dienst, indem man ihm ins Gewissen schiebt, was ein gerechtes Urteil nur den historischen Schranken seines Erkenntnisvermögens zuschreiben darf. Unter der Zensur schrieben auch die französischen Aufklärer und die deutschen Philosophen bis herab auf den jungen Marx, und viele von ihnen, Voltaire, Fichte und auch der junge Marx, sind von der Zensur viel ärger behelligt worden als Kant.

Eben der Versuch, die Halbheit Kants aufzuheben, führte nun zu dem „wilden Spiele der Leeren und Blinden". Fichte glaubte nur als getreuer Jünger Kants den Weg des Meisters zu vollenden, indem er das „Ding an sich" als Denk-Unding beseitigte, den kritischen Idealismus in den subjektiven verwandelte und die Welt aus dem menschlichen Denken schuf. „Die Dinge werden erst durch unser Ich geschaffen; es gibt kein Sein, sondern nur Handeln: der sittliche Wille ist die einzige Realität." Über Fichtes Ich und Nicht-Ich sind unzählige gute und auch schlechte Witze gerissen worden, denen allen er selbst schon im Voraus die Spitze abgebrochen hat mit dem Bekenntnis, dass seine wissenschaftliche Ansicht nur die zur Anschauung gewordene innere Wurzel seines Lebens sei, denn „was für eine Philosophie man wählt, richtet sich danach, was für ein Mensch man ist". Wie sich Kants Philosophie in letzter Instanz dadurch erklärt, dass er niemals aus der Philisterhaut heraus konnte, so erklärt sich die Philosophie des Proletarierkindes Fichte in letzter Instanz daraus, dass er vom Scheitel bis zur Zehe ein Revolutionär war.

Er verkündete frank und frei den Atheismus und das Recht auf Revolution, die Kant verleugnet hatte; er begriff die nationale Idee, von der Kant nie eine Ahnung gehabt hatte; er unterschied nicht zwischen Staatsbürgern und Staatsgenossen, sondern erklärte es für den Beruf der Deutschen, ein wahrhaftes Reich des Rechtes zu bilden, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt.

Wie Kants Geist an den Natur-, so war Fichtes Geist an den Geschichtswissenschaften genährt. Und wie für Kant das historische Leben der Völker ein Rätsel mit sieben Siegeln war, so war es für Fichte ein offenes Buch. So wusste er auch Kants theologisch verseuchte Ethik auf historische Höhe zu erheben: der Lehre von dem radikal Bösen der Menschennatur gab er die schlagende Wendung, dass die Schlechtigkeit der Menschen im Verhältnis des höheren Standes zunehme. Er meinte, es sei des Teufels positiver Wille, den Fürsten zu gehorchen; Gottes nur zulassender, damit wir uns befreien. Und während Kant, als Königsberg von den russischen Barbaren erobert war, bei der Zarin um Beförderung einkam, übertönte Fichte, als Berlin von dem Erben der Revolution erobert war, mit seinen flammenden Reden an die deutsche Nation das Wirbeln der französischen Trommeln.

Kant verleugnete diesen Jünger frühzeitig, worauf Fichte den Meister einen „Dreiviertelskopf" schalt, einen Mann, der nicht auszuführen wisse, was er begonnen habe. Jedenfalls, wenn Kant durch Fichte verdrängt wurde, so war Kant nicht ein Opfer der Reaktion, sondern der Revolution. Fichte übte einen wunderbaren Zauber auf die Jugend aus, zumal da er ein hinreißender Redner war. Immerhin erhob schon einer seiner Hörer den Ruf: Zurück auf Kant! und schalt die Philosophie Fichtes eine „Windbeutelei". Er hieß Arthur Schopenhauer und wurde der „echte und wahre Thronerbe" Kants! Noch als Greis rühmte er sich: Wie kann man meinen Quietismus identisch halten mit Fichtes Tätigkeit um der Tätigkeit willen, welche zu exemplifizieren ist durch einen, der herumspringt und sich mit der Ferse in den Hintern schlägt. Mit dieser einzigen Ausnahme war die damalige Jugend stolz auf den stolzen Revolutionär Fichte, und Kant geriet allerdings in den Hintergrund.

Fichte starb im Januar 1814 am Lazarettfieber, aber nun begann auf philosophischem Gebiete die Alleinherrschaft Hegels, die man in ihrer ganz ungetrübten Glorie etwa bis zum Jahre 1835 rechnen darf. Unter diesem Regiment kam Kant auf philosophischem Gebiet immer weiter ins Hintertreffen, so dass ein Historiker der deutschen Philosophie damals von ihm sagte, dass er höchstens noch einige Landpastoren und Schulmeister beschäftige. War nun Hegel ein „Leerer und Blinder", war seine Philosophie ein „wildes Spiel"? Diese wohlwollende Annahme setzt voraus, dass die reiche Generation philosophischer Köpfe, die in den Jahrzehnten nach Waterloo in Deutschland aufkam, sozusagen aus dem Tollhause entsprungen gewesen sei. Sie alle hatten, schon als Studenten, geschweige denn als Dozenten der Philosophie ihren Kant am Schnürchen und sollen achtlos an dieser reinen Quelle der Erkenntnis vorübergegangen sein, um sich in leeren Ideologien zu berauschen. Die ganze Voraussetzung fällt in sich zusammen, sobald man sie nur einen Augenblick ernsthaft ins Auge fasst.

Der historische Sachverhalt ist vielmehr der, dass die Kantische Philosophie vergessen wurde, weil die Zeit, deren Stempel sie in allen entscheidenden Zügen trug, für das Geschlecht von 1815 bis 1835 vollständig abgetan war. Man hatte eine große Weltumwälzung mitgemacht und sah die Welt mit anderen Augen an. Bescheidener als Kant oder wenigstens als Kants Bewunderer, beanspruchte Hegel kein „zeitloser" Denker zu sein, sondern seine Philosophie war ihm nur seine Zeit, in Gedanken erfasst. Daraus ergab sich schon der eminent historische Charakter seiner Lehre. Wie er dabei an Fichte anknüpfte, aus dessen subjektivem Idealismus seine absolute Idee, aus dessen schöpferischem Denken seine dialektische Methode entwickelte, kann und braucht hier nicht ausführlich nachgewiesen werden. Genug, dass Hegel mit seiner historischen Dialektik ungezählte Provinzen des Geistes eroberte, dass er mit dem Prinzip der Entwicklung die historischen Wissenschaften in einer Weise befruchtete, deren die Kantische Philosophie vollständig unfähig war. Man vergleiche nur, um das nächstliegende Gebiet zu berühren, Hegels „Geschichte der Philosophie" mit den Notizen, die sich in Kants Werken über die Philosophie seiner Vorgänger finden, und man wird sofort erkennen, wer „blind" und „leer" ist, Hegel oder Kant.

Allerdings war die Blütezeit der Hegelschen Philosophie eine Zeit der politischen und sozialen Reaktion. So herrschte ihre konservative Seite vor, bis die ökonomische Entwicklung Deutschlands ihrer revolutionären Seite freie Bahn schuf. Dank ihrer historischen Dialektik vollbrachten die Junghegelianer nun leicht, woran die Aufklärung einschließlich der Kantischen Philosophie gescheitert war: die Vernichtung der Religion. Aber mit der Religion brach auch die idealistische Philosophie selbst zusammen, die, indem sie eine Versöhnung zwischen Geist und Natur suchte, Geist und Natur immer noch als verschiedene Dinge setzte. Ludwig Feuerbach räumte nicht nur mit Hegels absoluter Idee und mit Fichtes Ich, sondern auch mit Kants Ding an sich auf, indem er sagte: „Was wir, die wir ein Teil der Natur sind, aussagen von ihr, sagt im Grunde die Natur von sich selbst aus, und ist also als Ausspruch von ihr selbst wahr, objektiv, wenngleich immer menschlich wahr, menschlich objektiv, weil es ja die menschliche Natur ist, als welche und durch welche die Natur sich ausspricht." Über Feuerbachs naturwissenschaftlichen Materialismus hinaus begründete dann Marx den gesellschaftswissenschaftlichen Materialismus; er entwickelte den historischen Materialismus, indem er von dem deutschen Idealismus rettete, was sein wirklicher Fortschritt über den französischen Materialismus gewesen war.

Historie hatte Marx aber von Hegel gelernt, nicht von Kant, schon aus dem zwingenden Grunde, weil er sowenig wie sonst ein Sterblicher von Kant überhaupt Historie lernen konnte.

 

II

Kants Lebenswerk ist nun aber nicht bloß durch Fichte und Hegel, sondern auch durch Schiller und Schopenhauer fortgesetzt worden, mit dem Unterschiede jedoch, dass diese Fortsetzungen in die trostloseste Philisterei verliefen, während jene, eben durch das „wilde Spiel der Blinden und Leeren", zur höchsten Stufe menschlicher Erkenntnis führte, die bisher erreicht worden ist.

Wir haben schon Kants Ästhetik als einen seiner unsterblichen Ruhmestitel erwähnt. Wie diese Ästhetik aber aus unserer klassischen Dichtung abgeleitet war, so wirkte sie auf unsere klassische Dichtung mächtig zurück, am mächtigsten auf den jungen Schiller, der sich eben die revolutionären Hörner an dem Widerstande der stumpfen Welt abgestoßen hatte und nunmehr aus der deutschen Spießbürgerei in die ideale Welt Kants flüchtete: aus der platten in die überschwängliche Misere, wie kein anderer spottete als – Marx.

Einen beredteren und überzeugenderen Anwalt als Schiller konnte die Kantische Philosophie nicht leicht finden. Schiller war Philosoph genug, um sie zu verstehen, und war Poet genug, sie dichterisch zu gestalten. In der Tat, wenn Kant selbst von seiner praktischen Philosophie sagte, es sei ihr nicht darum zu tun, Gründe anzugeben von dem, was geschehe, sondern „Gesetze von dem, was geschehen solle, ob es gleich niemals geschehe", so hatte sie nirgends ein so gutes Recht wie in der Dichtung. Gleichwohl hat die ungeheure Verbreitung, die Schiller der Kantischen Philosophie im „gebildeten Bürgertum" gab, nur die eine tatsächliche Wirkung gehabt, den Philister in seiner Philisterei erst recht festzurammen und namentlich das blöde Vorurteil zu zeitigen, womit wir uns noch täglich herumzuschlagen haben, nämlich, dass der philosophische Idealismus der Glauben an sittliche, will sagen gesellschaftliche Ideale sei, der philosophische Materialismus aber Fressen, Saufen, Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen, so dass jeder wackere Bürgersmann, der seine sogenannten Ideale hat, sich über Männer wie Darwin und Haeckel, Feuerbach und Marx erhaben dünkt. Der Kantische Dualismus bewährte sich auch hier nicht als eine Überwindung des christlichen Dualismus, sondern als seine Fortsetzung oder genauer als seine Übersetzung aus dem Feudalen ins Bürgerliche. Er sagte den Armen nicht mehr, wie der orthodoxe Pfaffe, dass ein leibhaftiger Gott im Himmel thront, der ihn in einem jenseitigen Leben für alle Leiden dieser unvollkommenen Welt trösten werde, aber er sagte, dass der Arme nur ins „Reich der Schatten", ins „Reich der Ideale" zu fliehen brauche, um aller irdischen Not entladen zu sein. In Schillers prächtigen Versen klingt die Sache ja außerordentlich erhaben:

Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden

Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl. […]

Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,

Frei sein in des Todes Reichen,

Brechet nicht von seines Gartens Frucht.

An dem Scheine mag der Blick sich weiden,

Des Genusses wandelbare Freuden

Rächet schleunig der Begierde Flucht.

So ehrlich es dabei dem braven Schiller ums Herz war, so ist diese Weisheit praktisch doch nichts anderes geworden als jene abgeschmackte Prosa, womit sich der kapitalistische Ausbeuter hinter dem „Seelenfrieden" der Arbeiter verschanzt, wenn sie ihr „Sinnenglück" durch eine Erhöhung des Arbeitslohns oder Verkürzung der Arbeitszeit fördern wollen.

In anderer Weise als Schiller hat Schopenhauer die Kantische Philosophie auf den Standpunkt des deutschen Philisters reduziert. Wir erwähnten schon das drastische Wort, womit er den Unterschied zwischen seiner und Fichtes Philosophie kennzeichnete, und hier liegt der entscheidende Punkt. Als philosophischer Kopf konnte sich Schopenhauer recht wohl neben Kant und Fichte sehen lassen. Auf ästhetischem Gebiet ist er ein würdigerer Nachfolger Kants gewesen als Fichte. Er hat das Schiff der Kantischen Philosophie von einem gefährlichen Ballast entlastet, indem er die ganze Ethik mitsamt Gott, Unsterblichkeit und Willensfreiheit über Bord warf. Kants Erkenntnistheorie hat er wenigstens in der Form anschaulicher, klarer und kürzer darzustellen gewusst als Kant selbst. Ja, noch mehr: Fichte und Schopenhauer gingen gewissermaßen von demselben Gesichtspunkt aus, indem sie den Willen als das Ding an sich erklärten. Es ist sogar behauptet worden, dass Schopenhauer mit diesem Willen ein Plagiat an Fichte begangen habe. Indessen kommt sehr wenig darauf an, da, was Fichte und Schopenhauer unter Willen verstanden, jedenfalls weltweit auseinanderklaffende Dinge waren. Für Fichte war der Wille als einzige Realität das revolutionäre Handeln, das auf dem Wege historischer Entwicklung ein wahrhaftes Reich des Rechts zu bilden begann, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt, für Schopenhauer aber ein bewusstloser Naturtrieb, der ewige Pein, Sorge, Unruhe schafft, sich im Menschen jedoch ein Licht der Erkenntnis anzündet und, wenn dies Licht der Erkenntnis in besonders begnadeten Naturen hell genug leuchtet, in seiner ganzen Scheußlichkeit erkannt und nunmehr durch die vollkommenste Entsagung, durch jenen Quietismus überwunden wird, den Schopenhauer als das eigentliche Kennzeichen seiner Philosophie rühmte. Im schroffsten Gegensatze zu Fichte verwarf Schopenhauer das „ganze Gefasel" des „historischen Philosophierens" mit dem Vergleiche eines Menschen, der herumspringe und sich mit der Ferse in den Hintern schlage. Und je mehr sich das „historische Philosophieren" entwickelte, umso wütender wurde Schopenhauer darauf, so dass seine Komplimente an die Adresse des „Windbeutels" Fichte noch reine Schmeicheleien waren gegen seine unerschöpflichen Wutausbrüche auf den „elenden Patron", den „frechen, Unsinn schmierenden Scharlatan" Hegel.

Ein Menschenalter hindurch kümmerte sich niemand in Deutschland darum. Solange die deutsche Bourgeoisie noch von der Kampfstimmung ihres historischen Berufs beseelt war, wäre sie ja auch eine vollkommene Närrin gewesen, wenn sie sich aus dem Reichtum der historischen Welt, die ihr Hegel erschloss, auf Schopenhauers buddhistisches Nichts zurückgezogen hätte. Erst als sie nach dem Scheitern ihrer Revolution in den Zustand eines sehr unhistorischen Katzenjammers geriet, wurde Schopenhauers Philosophie das Lieblingsbrevier ihrer Lebensweisheit.

Man wird uns nicht missverstehen, als ob wir Kant für die Philosophie Schopenhauers verantwortlich machen wollten. Gewiss ging Schopenhauer von Kant aus, aber er geriet in den Sumpf, während Fichte die von Kant historisch aufwärts führende Straße fand. Was wir sagen wollen, ist nur dies: Wenn man die Fichte und Hegel als „Blinde und Leere" betrachtet, die ein „wildes Spiel" getrieben haben, so bleibt als historischer Rest des Kantianismus übrig – nicht Marx und das revolutionäre Proletariat, sondern Schopenhauer und der vormärzliche Philister, der sei' Ruh' haben wollte.

 

III

Werfen wir endlich noch einen Blick auf den Neukantianismus, so ist er seinem objektiven Wesen nach nichts als ein Versuch, den historischen Materialismus zu zerrütten. Wir sagen ausdrücklich: seinem objektiven Wesen nach, denn wir erkennen gern an, dass seine Bekenner es sehr gut meinen und eben nur an dem Mangel jenes historischen Sinnes leiden, den man begreift, wenn man ihn hat, aber den man nie begreifen lernt, wenn man ihn nicht hat.

An diesem Mangel litt gleich der älteste und bedeutendste Neukantianer, F. A. Lange, in wahrhaft klassischer und, wir möchten fast sagen, tragischer Weise. Ein hoch gebildeter Mann, voll des reichsten Wissens und des lautersten Willens, wohlverdient auch um die Arbeiterklasse, hat er einerseits ein gelehrtes Werk über die „Geschichte des Materialismus" geschrieben und andererseits sich mit der redlichsten Mühe und sonst auch weitreichendem Verständnis in die wissenschaftlichen Werke des deutschen Sozialismus vertieft, ohne je auch nur eine Ahnung von der Existenz, geschweige denn der Essenz des historischen Materialismus zu bekommen. Hätte er ihn gekannt, so wäre er mit dem vulgären Materialismus der Büchner und Moleschott sehr bald fertig geworden; da er ihn aber nicht kannte, so ging er auf Kant zurück, ohne doch mit den Büchner und Moleschott fertig zu werden.

Lange gab „die ganze praktische Philosophie" als „den wandelbaren und vergänglichen Teil" der Kantischen Philosophie auf und hielt sich nur an Kants Erkenntnistheorie. Er schlug sich mit dem „Ding an sich" herum wie ein mittelalterlicher Scholastiker. Er führte gegen Moleschott aus: „Wenn Wurm, Käfer, Mensch und Engel einen Baum betrachten, sind das dann vier Bäume? Es sind vier Vorstellungen eines Baumes, vermutlich höchst verschieden voneinander, aber sie beziehen sich auf einen und denselben Gegenstand, von dem jedes einzelne Wesen nicht wissen kann, wie er an sich beschaffen ist, weil es nur seine Vorstellungen von demselben kennt." Damit war aber nicht einmal Moleschotts vulgärer Materialismus widerlegt, sondern nur die Sprache gegen die Kritik der reinen Vernunft mobil gemacht. Eine Beschaffenheit an sich ist ebenso ein Sprech-Unding, wie ein Ding an sich ein Denk-Unding ist. Ein Ding ist immer nur beschaffen für irgendwen, mag er nun Wurm, Käfer, Mensch oder Engel sein, aber sobald es für irgendwen beschaffen ist, hört es auch auf, ein Ding an sich zu sein. Sobald unsere Vorstellungen vom Baum mit der Beschaffenheit übereinstimmen, die er für uns hat, ist die Frage für das menschliche Denken erschöpft.

Inzwischen hat der Neukantianismus den Angriff von der erkenntnistheoretischen Seite her aufgegeben; wenn Cohen und Staudinger, wie wir schon sagten, das Ding an sich nicht mehr als das x eines fragwürdigen Rätsels, sondern als das x einer unendlichen Gleichung auffassen, die wir in immer weiter fortschreitender Forschung zu lösen hätten, so gehen sie von Kant zu Engels über, der schon vor dreißig Jahren schrieb: „Die Menschen finden sich […] vor den Widerspruch gestellt: einerseits das Weltsystem […] in seinem Gesamtzusammenhang zu erkennen, und andrerseits, sowohl ihrer eignen wie der Natur des Weltsystems nach, diese Aufgabe nie vollständig lösen zu können. Aber dieser Widerspruch liegt nicht nur in der Natur der beiden Faktoren: Welt und Menschen, sondern er ist auch der Haupthebel des gesamten intellektuellen Fortschritts und löst sich tagtäglich und fortwährend in der unendlichen progressiven Entwicklung der Menschheit, ganz wie z. B. mathematische Aufgaben in einer unendlichen Reihe oder einem Kettenbruch ihre Lösung finden." [1] Indem diese Neukantianer aber in der erkenntnistheoretischen Frage zum Gegner übergehen, richten sie ihre Angriffe gegen den historischen Materialismus von jener Kantischen Ethik her, die F. A. Lange als den „wandelbaren und vergänglichen Teil" der Kantischen Philosophie von vornherein preisgab. Was darüber zu sagen ist, haben wir schon in unseren Artikeln zu Kants Säkulartage gesagt.

Neuestens geht nun der Neukantianismus von der ästhetischen Seite vor, gemäß dem Satze aus der Kant-Schillerschen Ästhetik:

Was sich nie und nirgend hat begeben,

Das allein veraltet nie.

Er schildert uns Kant und Marx als die großen Geister, die sich über das wilde Spiel der Leeren und Blinden die Hände reichen und im ehernen Gleichklang ihrer Namen eine große Zukunft symbolisieren. Als Poesie mag das ganz nett sein, aber bei dem derb-prosaischen Zustande, worin sich der proletarische Emanzipationskampf noch befindet, wollen wir uns solche ästhetische Genüsse doch lieber für eine ferne Zukunft aufsparen.

 

 

1 Siehe Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 21, S. 281.