Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Franz Mehring:

Zum Gedächtnis der Pariser Kommune

[1]

März 1896

[Die Neue Zeit, 14. Jg. 1895/96, Erster Band, S. 737-740. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 391-395]

 

Am 18. März 1848 war der Prinz von Preußen, nicht der geistreichste, aber der beschränkteste und gehässigste Vertreter des vormärzlichen Staats, von den siegreichen Barrikadenkämpfern aus Berlin vertrieben worden. Am 18. März 1871 zog er als deutscher Kaiser in das Brandenburger Tor ein, siegreich heimkehrend aus Versailles, umjubelt von den herrschenden Klassen Deutschlands als der würdige Erbe der Ottonen und Hohenstaufen. Er durfte sich sagen, dass er am 18. März 1871 kein anderer war als am 18. März 1848. Und so mag sich ihm die Vorstellung aufgedrängt haben, dass die inneren Kämpfe um die Freiheit, die dreiundzwanzig Jahre lang bald lauter, bald leiser auf deutschem Boden sich abgespielt hatten, eitel Lug und Trug gewesen seien, dass er, gestützt auf den Knauf seines Schwertes, alle menschliche Torheit überwunden habe und dass seine Krone von Gottes Gnaden so ewig sei, wie jener himmlische Herr sein soll, von dessen Tische er sie genommen haben wollte.

Hat er sich diesem Traume hingegeben: so erschien noch am Abend desselbigen Tages an der Wand seines Palastes die Hand, die ihr Mene mene tekel upharsin schrieb. Am 18. März 1871 erhob sich das Pariser Volk und bewies, dass die Geschichte seit 1848 einen großen Sinn gehabt hatte, wenn auch einen von den Völkern teuer erkauften. Und wenigstens ein Zeichendeuter fand sich in den herrschenden Klassen, der an den ihnen sonst so rätselhaften Schriftzügen zu buchstabieren verstand. Rodbertus schrieb: „Trauriger als die Pariser Katastrophe ist, dass auch kein einziges deutsches Journal ihre geschichtsphilosophische Bedeutung zu würdigen verstanden hat… Was brachten unsere besten Blätter? Schimpfworte, Schimpfworte zu einem Ereignis, das, so grausig es ist, doch an Bedeutung in der Geschichte gerade so groß dastehen wird wie seine glückliche, glorreiche Kehrseite – das wieder aufgerichtete deutsche Kaiserreich!" Es war eine Stimme in der Wüste, und noch dazu eine Stimme, die mehr zu lallen als zu sprechen wusste. Denn indem Rodbertus die Kämpfer des aufständischen Paris mit Alarichs Barbaren verglich und den Unterschied darin fand, dass Alarich bei der Erstürmung Roms seinem Heere befahl, die monumentalen Gebäude zu schonen, während das bewaffnete Volk von Paris diese Gebäude vernichtete, zeigte er eben auch nur, dass er die Kommune zwar nicht ganz so verbohrt wie die gebildete Bourgeoisie, aber doch nicht entfernt wie ein Geschichtsphilosoph betrachtete.

Umso richtiger erfasste das klassenbewusste Proletariat in Deutschland die weltgeschichtliche Bedeutung des Pariser Aufstandes. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein sprach der Kommune seine Sympathien aus, und das Organ der anderen sozialdemokratischen Fraktion, der „Volksstaat", erklärte: „Einige Bourgeoisblätter haben die naive Unverschämtheit, die deutsche Sozialdemokratie zu einer formellen Desavouierung der Pariser Kommune aufzufordern. Lest unsere Parteiorgane, ihr Herren Bourgeois, da findet ihr die Antwort. Wir sind und erklären uns solidarisch mit der Kommune, und wir sind bereit, jederzeit und gegen jedermann die Handlungen der Kommune zu vertreten." Bebel aber, der einzige sozialdemokratische Abgeordnete, der damals im Reichstage saß, sagte am 25. Mai 1871: „Seien Sie überzeugt, das ganze europäische Proletariat und alles, was noch ein Gefühl für Freiheit und Unabhängigkeit in der Brust trägt, sieht auf Paris. Und wenn auch im Augenblicke Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie daran, dass der Kampf in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggange! der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats sein wird." Der stenographische Bericht verzeichnet zu diesen Worten: große Heiterkeit; seitdem ist den Herren das Lachen recht gründlich vergangen.

Überhaupt wäre es unrecht, zu verkennen, dass die Lektion von Anbeginn recht gut anschlug. Bismarck, dessen interessierter Verstand sich immer in den drolligsten Missverständnissen bewegte, wenn er große Ereignisse auf ihren historischen Zusammenhang untersuchen wollte, und der als den berechtigten Kern der Pariser Kommune eine sentimentale Sehnsucht nach der preußischen Städteordnung, dieser verhunzten Parodie auf unabhängige Verwaltung der Gemeinde, erklärt hatte – Bismarck also lernte nach seinem eigenen Geständnis aus Bebels Rede, dass die deutsche Sozialdemokratie kein Spielzeug war für seine Diplomatie, für diese Diplomatie, die gegenüber den Beust und Bonaparte geistreich genug sein mochte, aber gegenüber den großen Massenbewegungen des Jahrhunderts stets ein kindischer Scherz von vorgestern war. Seit dem ehrlichen Bekenntnis der deutschen Sozialdemokratie zur Pariser Kommune verfolgte Bismarck das klassenbewusste Proletariat mit seinem wütenden Hasse. Es war ein Hass, der den achtzigjährigen Kinderspott heute noch bei Tage und bei Nacht foltert und ihm groteske Ausbrüche tamerlanischen Wahnwitzes entreißt. Auf gebildetere Vertreter der herrschenden Klassen wirkte das Banner der Kommune, das die deutsche Sozialdemokratie aus dem Staube erhob, in den es bluttriefende Gewalt geworfen hatte, allerdings anders. Die gelehrten Berge kreißten und gebaren das Mäuslein des Kathedersozialismus, das, nachdem es sich zwei Dutzend Jahre im Kreise gedreht hat, heute noch dasselbe kleine Mäuslein ist wie bei seiner Geburt,

Weder durch die angedrohte Peitsche noch durch das angebotene Zuckerbrot ließ sich die deutsche Sozialdemokratie beirren. Sie hatte keine Ohren für die schlauen Ratgeber, die ihr einblasen wollten, dass sie durch nichts gezwungen und verpflichtet sei, solidarisch für die „Gräuel der Kommune" einzutreten. Vielleicht wäre dieser oder jener kleine Vorteil durch eine solche pfiffige Taktik zu erreichen gewesen, aber es wäre eine Taktik zum Speien gewesen, und um ein paar zweifelhafter Profitchen willen wäre nicht nur die eigene Ehre und Würde, sondern auch ein dauernder und großer Gewinn verscherzt worden. Die wegen ihres „Materialismus" verfluchte Sozialdemokratie vermag heute allein unter allen Parteien eine ideale und prinzipielle Politik zu treiben, gerade im Gegensatz zur Bourgeoisie, die seit dreißig Jahren stets das Prinzip preisgegeben hat, wo ein scheinbares oder wirkliches Profitchen zu erhaschen war, und dabei so jämmerlich auf den Hund gekommen ist. Das Bekenntnis zur Kommune hat sich der deutschen Sozialdemokratie reich gelohnt. Heute sind die „Gräuel der Kommune" zum Ammenmärchen geworden, und jeder halbwegs unterrichtete Bourgeois weiß ebenso gut, wie es die deutschen Arbeiter von Anfang an wussten, dass die „Gräuel" von den Feinden der Kommune, von den Vorkämpfern der bürgerlichen Ordnung begangen worden sind und dass die Schwäche der Kommune nicht ihre Grausamkeit und Unmenschlichkeit, sondern ihre Scheu vor durchgreifenden Maßregeln war.

Es ist unmöglich, an dem Gedenktage der Kommune des unsterblichen Dienstes zu vergessen, den Marx damals dem internationalen Proletariat leistete. In seiner Adresse über den Bürgerkrieg in Frankreich richtete er sofort das leuchtende Banner auf für das streitende Heer der Arbeiterklasse, dessen französischer Flügel eben eine so furchtbare Niederlage erlitten hatte. Niemand wusste besser als Marx, dass er damit die Existenz der Internationalen Arbeiterassoziation gefährdete, die in der Tat zum Teil an den Folgen und Wirkungen dieser meisterhaften Adresse untergegangen ist. Nicht alle europäischen Arbeiterparteien waren politisch schon so reif wie die deutsche Sozialdemokratie, und namentlich die englischen Trade-Unions schreckten vor dem Schreckgespenst« zurück, das die europäische Bourgeoisie aus der Pariser Kommune zu machen beflissen war. Aber für Marx kam nichts auf die Form der Sache an, wenn es ihr Wesen zu retten galt. Und schlagender konnte seine Politik nicht gerechtfertigt werden als durch die Adresse selbst, die, niedergeschrieben unter dem frischen Eindrucke der Tatsachen, noch heute weit voran an der Spitze der ganzen Literatur steht, die seitdem über die Pariser Kommune veröffentlicht worden ist. Obgleich sie die Rechtfertigung der Kommune bezweckte und in einem Augenblick, wo ein Für und Wider nur galt, ihr Für nicht dadurch abschwächte, dass sie bei den Fehlern des Aufstandes verweilte, so hebt sie doch die historisch entscheidenden Gesichtspunkte mit solcher Klarheit und Schärfe hervor, dass sie bis auf diesen Tag die klassische Schrift über die Pariser Kommune geblieben ist.

Aber ebenso weit wie die Sozialdemokratie davon entfernt war, je die Pariser Kommune zu verleugnen, ebenso weit war sie davon entfernt, aus ihrer Geschichte eine täuschende und trügende Legende zu machen. Mit scharfer und unerbittlicher Kritik hat sie untersucht, wie Ursachen und Wirkungen in dem Pariser Aufstande zusammenhängen. Keine Sympathie hat ihr kritisches Messer abgestumpft, vor keiner Tragik und vor keinem Verdienste ist es zurückgeschreckt. Es ist ein Vorzug, den das klassenbewusste Proletariat abermals vor allen anderen Parteien voraus hat, dass ihm aus der Geschichte seiner eigenen Vergangenheit immer neue Kräfte erwachsen, um den Kampf der Gegenwart zu führen und die neue Welt der Zukunft zu errichten. Die Geschichte der Pariser Kommune ist zu einem großen Prüfstein für die Frage geworden, wie die revolutionäre Arbeiterklasse ihre Taktik und Strategie einzurichten hat, um den endgültigen Sieg zu erfechten. Mit dem Falle der Kommune sind auch die letzten Überlieferungen der alten revolutionären Legende für immer gefallen; keine Gunst der Umstände, kein Heldentum, kein Märtyrertum kann die klare Einsicht des Proletariats in den Gang der historischen Entwicklung, in die unerlässlichen Bedingungen seiner Emanzipation ersetzen. Was für Revolutionen gilt, die von Minoritäten und im Interesse von Minoritäten durchgeführt werden, das gilt ebendeshalb nicht von der proletarischen Revolution, die, sobald ihre historischen Voraussetzungen gegeben sind, von der großen Mehrheit und im Interesse der großen Mehrheit gemacht wird. In der Geschichte der Kommune werden die Keime dieser Revolution noch überwuchert von den Schlingpflanzen, die aus der bürgerlichen Revolution des achtzehnten Jahrhunderts in die revolutionäre Arbeiterbewegung des neunzehnten Jahrhunderts hinüber gewuchert waren. In der Kommune fehlte die feste Organisation des Proletariats als Klasse und die prinzipielle Klarheit über seinen weltgeschichtlichen Beruf; hieran musste sie unterliegen, und hieran wäre sie auch dann unterlegen, wenn die Gunst der äußeren Umstände durchweg auf ihrer Seite gewesen wäre.

Mit der Feststellung dieser Tatsache wird der Ruhm der Kommune nicht geschmälert. Sie war ein Kind ihrer Zeit und konnte sich nur auf dem Boden der historischen Zustände bewegen, aus denen sie entstand. Erstrebte sie, was damals noch unmöglich war, so erstrebte sie es mit einer Kraft, einem Mute, einer Opferfähigkeit, vor denen jede Kritik verstummt. Aber man ehrt ihre Helden und Märtyrer würdig nur durch die Sorge, dass ihr kostbares Blut nicht umsonst geflossen ist. Ihre Fehler zu meiden, das ist der richtige Weg, ihr Andenken zu ehren und ihren Tod zu rächen. Und diesen Weg ist die moderne Sozialdemokratie seit fünfundzwanzig Jahren mit steter Ausdauer aufwärts gegangen.

Wie kolossale Fortschritte in diesem Vierteljahrhundert die feste Organisation der europäischen Arbeiterklasse und ihre prinzipielle Klarheit gemacht hat, das zeigt schon ein flüchtiger Blick. Der Gewinn ist teuer erkauft in aufreibendem, hartnäckigem, täglichem und stündlichem Kampfe, der Opfer auf Opfer verschlungen hat, aber er ist auch ein unverlierbarer Besitz. Im Besitze dieses großen Erbes, das ihnen den endlichen Sieg sicher verbürgt, dürfen die deutschen Arbeiter den Gedenktag der Kommune feiern, dankbar, ruhig, stolz, derweil die deutsche Bourgeoisie mit lärmenden Trompetenstößen die Erkenntnis zu übertäuben sucht, dass ihr neues Reich, die vergängliche Kehrseite der Kommune, in derselben Frist immer abwärts gegangen ist.

 

1 Das Bekenntnis der revolutionären Kräfte der deutschen Sozialdemokratie zur Pariser Kommune spiegelt sich auch in Mehrings Artikel „Ein proletarischer Gedenktag" wider. In: Die Neue Zeit, 29. Jg. 1910/11, Erster Band, S. 793-797. – In seiner berühmten Artikelserie „Die Bolschewiki und wir" (Leipziger Volkszeitung, 31. Mai, 1., 10., 17. Juni 1918) geht Mehring unter anderem auch auf die Stellung von Marx und Engels zur Pariser Kommune ein (siehe Franz Mehring: Gesammelte Schriften, Bd. 15, S. 761-772).