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Franz Mehring

27. 2. 1846 Schlawe/Pommern - 29.1.1919 Berlin

 

100. Todestag

29. Januar 2019

 

Auf jenem Wege, den Mehring als erster erfasste, auf dem Wege der engsten Kampfgemeinschaft mit der russischen Revolution und in der Entwicklung zum Leninismus werden sich die deutschen Kommunisten des Vermächtnisses von Franz Mehring würdig erweisen.

 

 

Zum Tod von Franz Mehring

aus: "Rote Fahne"

vom 4. Februar 1919

 

Kaum dass wir Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu Grabe geleitet, so verlischt abermals ein Stern erster Größe, der dem deutschen und dem internationalen Proletariat geleuchtet. Nicht wie jene aus der Mitte des Lebens gefällt, sondern am Abend eines langen und in sich vollendeten Lebens scheidet Franz Mehring von uns: und doch zu früh für seine jüngeren Freunde und Genossen. Bis zuletzt hielt ihn sein feuriges Temperament jung, seine Feder ohnegleichen lebendig. Die Schutzhaft, die der deutsche Imperialismus über den ersten Schriftsteller der Nation verhängte, gaben seiner geschwächten Gesundheit einen unverwindlichen Stoß, und zuletzt kam noch die schreckensvolle Untat an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, mit denen ihn nicht nur engste Kampfgenossenschaft, sondern auch persönliche Freundschaft verknüpfte.

Der erste Schriftsteller der Nation - das war Franz Mehring; aber vergebens sucht man seinen Namen in irgendeiner der zünftigen Literaturgeschichten, die Bogen um Bogen füllen mit winzigsten Einzelheiten über die winzigsten Eintagsfliegen der bürgerlichen Literatur.

Das machte:

Franz Mehring kämpfte bis zum letzen Atemzug in den Reihen des Proletariats. Er kämpfte immer in der Vorhut. Er kannte keine Kompromisse und keine Schonung für die herrschenden Klassen Deutschlands und Preußens - und er kannte sie bis in die inneren Herzfalten. Wenn es darum nur zu begreiflich ist, dass dieser intime Kenner und Feind der preußisch-deutschen Bourgeoisie, da es keine Parade gegen diese überlegene Klinge gab, von ihr totgeschwiegen wurde, so kennzeichnet es nichtsdestoweniger die tiefe der kulturellen Barabarei dieser Klassen, dass der erste Historiker und Kritiker der Nation ihr nichts, auch gar nichts war.

Nicht als ob wir diese Tatsache beklagten. Franz Mehring fand reichlichen Lohn für seine rastlose Arbeit, in dem wachsenden Verständnis, das ihm die deutsche Arbeiterklasse und die proletarische Internationale entgegenbrachte. Es war ein langer verschlungener Weg, der Mehring an der Seite der deutschen Arbeiterklasse und die vorderste Reihe des wissenschaftlichen Sozialismus führte. Die deutschen Alia Trolls, die gleich mit moralischer Verdächtigung bei der Hand sind, wo ihnen das geschichtliche Verständnis fehlt, haben ein langes und breites Orakeln über Mehrings "rätselhaften" Charakter. Diese Charaktere, die allerdings keinerlei Rätsel aufgeben, werden nie den tiefen und originalen Charakter begreifen, der von Stufe zu Stufe den steilen Weg empor steigt, geführt von seinem inneren Gesetz.

Die Marx, Engels, Lassale bahnten sich über eine noch revolutionäre bürgerliche Klasse den Weg zum Sozialismus. Mehring hatte den Weg zu finden über die Trümmer der bürgerlichen Demokratie, die aus dem Zusammenbruch von 1848 übrig geblieben waren. Diese kleine Schar, die Jacoby, die Ziegler, die Guido, Weiß, hatten sich aus dem Trümmerfall der bürgerlich-demokratischen Kultur Deutschlands gerettet die Kenntnis und die Achtung vor dem Erbe der deutschen Geisteskultur.

Dieses kostbare Erbe trug Mehring hinüber in die deutsche Arbeiterschaft, indem er es mit dem genial gehandhabten Werkzeug des historischen Materialismus zu neuem Leben erschuf und in künstlerische Form goss. Seine Lessinglegende, seine Biographie Schillers, eine lange Reihe literarischer und ästhetischer Darstellungen aus der deutschen Geistesgeschichte in der "Neuen Zeit" zeugen für diese seine Tätigkeit.

Das zweite große Gebiet, dass er dem Marxismus und den Arbeitern eroberte, war die deutsche und speziell die preußische Geschichte. Er kannte sich in ihren kleinsten Falten, er durchleuchtete sie wissenschaftlich mit rastlosem Forschertrieb. Und er schöpfte aus diesem Geschichtsarsenal die schneidensten Waffen im Dienste des deutschen Sozialismus.

Seine geniale historisch-kritische Anlage und sein Bildungsgang bestimmten ihn zum Historiker des deutschen Sozialismus, zum Biographen von Marx, Engels, Lassalle.

Seine Arbeiten auf diesem Gebiet bedürfen weder der Erläuterung noch des Lobes.

Die sichere historische Orientierung, das war es auch, was Mehring als politischen Schriftsteller der deutschen Arbeiterbewegung gab.

Dieser tiefe und lebendige historische Sinn, wie der feurige Kampfgeist, der ihn beseelte, ließ ihn alsbald die engen Schranken der deutschen Sozialdemokratie durchbrechen, sobald sie zu einem Hindernis des geschichtlichen Fortschritts geworden war; und er ließ ihn, vielleicht noch schärfer, die kritische Klinge führen gegen jene Halben und Konfusen, in denen er mit Recht das gefährlichste Hindernis für den Vormarsch der Arbeiterklassen sah.

Mehrings politische Wirksamkeit im Kampf gegen den deutschen Imperialismus ist in eller Gedächtnis. Das geistige Erbe Franz Mehrings, des Historikers wird das Proletariat erst dann voll antreiben, wenn es, seiner Ketten frei, sich zu voller freier Menschlichkeit wird aufrichten können.

 

 

Zum 10. Todestag von Franz Mehring

aus: "Rote Fahne"

vom 29. Januar 1929

 

 

 

"Franz Mehring war ein weltbekannter und weltberühmter Führer - der Arbeiterklasse so treu ergeben ..."

(Lenin)

 

 

Die russische Revolution hat das Signal einer besseren Zukunft gegeben, und je mehr Hindernisse sich uns auf dem Wege zu dieser Zukunft entgegentürmen, um so mehr gilt es, nicht vor ihnen zurückzuschrecken, um so mehr ' heißt es, sich anstrengen, um sie zu überwinden. (Franz Mehring - 31. Dezember 1917)

 

 

"Täuschen wir uns also nicht über die Lage der Dinge, wie unerfreulich diese Lage immer sein mag, und erinnern wir uns, wenn wir der Internationale einen neuen Weg bahnen wollen, an das Wort des proletarischen Dichters: Räum auf im eignen Haus, räum auf und halte Stich."

 

 

 

1. Mai 1907

Der modernen Arbeiterklasse fällt nichts mühelos in den Schoß, und auch diesen Weltfeiertag muss sie sich langsam und mühsam erobern. Sie hat ihn niemals als eine Kraftprobe ins Blaue hinein betrachtet, sondern immer als einen Weg, der Schritt für Schritt erobert werden muss, je nach der Lage der Dinge, und, gefeiert in alt gewohntem Geiste bedachtsamer Kühnheit, wird auch dieses Maifest ein Schritt vorwärts sein.

 

 

Es freut uns alle in höchstem Maße, dass Sie, Genosse Mehring und andere "Spartakusgenossen" in Deutschland "mit Kopf und Herz mit uns" sind. Das bringt uns Zuversicht, dass beste Elemente der der westeuropäischen Arbeiterschaft uns doch - trotz aller Schwierigkeiten - zu Hilfe kommen werden.

(Lenin, Band 35, Seite 320)

 

Kritik von Lenin an Mehring:

"Mehring gibt Kautsky Waffen in die Hand"

20. September 1918

 

 

"Am Himmel unserer Gedankenwelt steht die klassische Philosophie wie ein fernes Sternbild, das im Glanze seiner Strahlen wohl unsere Augen erfreuen oder auch blenden mag, aber das weder unser Blut wärmen noch unsere Muskeln straffen kann. Unsere Trauben reift nur die Sonne der Arbeit, und der geringste Proletarier, der seine ganze Kraft in den ökonomischen und politischen Befreiungskampf seiner Klasse stellt, wandelt sicher auf jenem Wege zur menschlichen Freiheit, den die großen Denker unserer klassischen Philosophie nur in dichtem Nebel tastend suchen und am letzten Ende doch nicht finden konnten."

 

Verfolgt die deutsche Arbeiterklasse konsequent und kühn den Weg, den ihr die historische Entwicklung vorschreibt, so schlägt alle Dummheit und alle Gehässigkeit, womit die herrschenden Klassen sie von diesem Wege drängen wollen, stets zu ihren Gunsten aus.

 


 

 

 

Über Franz Mehring

(aus dem Philosophenlexikon)

 

sozialistenfriedhof.de :

Franz Mehring, der aus einer Offiziers- und Beamtenfamilie stammte, studierte bis 1870 klassische Philologie und arbeitete dann als Journalist und als Historiker. Durch seine radikal-demokratischen Ansichten sah er sich im Gegensatz zur Sozialdemokratie und verfasste mehrere antisozialistische Schriften. Aber als Gegner des Sozialistengesetzes revidierte er seine Meinung und trat schließlich 1891 in die SPD ein. Er entwickelte sich zu einem bedeutenden Publizisten der SPD und zu einem der wichtigsten Historiker der Arbeiterbewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Leitartikel von ihm erschienen sowohl in der Berliner „Volks-Zeitung" wie im theoretischen Organ der SPD „Die Neue Zeit". Als Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung" von 1902 bis 1907 prägte er diese als ein in ganz Deutschland bekanntes linkes Blatt.

Franz Mehring um 1910 mit seiner Frau Eva, die er 1884 geheiratet hatte. Über sieben Jahre nach Mehrings Tod wurden seine sterblichen Überreste am 11.6.1926 von Steglitz nach Friedrichsfelde überführt und bei Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bestattet. Bildarchiv SAPMO-BArch Y10-17386

Er gab Schriften von Marx, Engels und Lassalle heraus und veröffentlichte noch 1918 eine Biographie über Karl Marx. Grundlegend waren seine Werke zur Geschichte des preußischen Staates und der deutschen Sozialdemokratie. Er lehrte fünf Jahre an der Berliner Parteischule der SPD, wie auch Rosa Luxemburg. Viele ihrer Ansichten teilte er und war ihr freundschaftlich verbunden. Mit ihr setzte er sich nach Kriegsausbruch entschieden von der Burgfriedenspolitik ab, gab 1915 die - sofort verbotene - Zeitschrift „Internationale" heraus und war bei der Konstituierung der Spartakusgruppe dabei. Stärker als Rosa Luxemburg verteidigte er die bolschewistische Revolution. An der Gründung der KPD, die er unterstützte, konnte er wegen Krankheit nicht teilnehmen. Von der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs tief erschüttert, starb er am 29. 1. 1919 in Berlin.


Die Parteischule der SPD in Berlin, 1910. Franz Mehring (3) lehrte dort von 1906 bis 1911, Rosa Luxemburg (7) von 1907 bis 1914. Bildarchiv SAPMO-BArch Y10-1858/79

Die Eröffnung der Parteischule

"Bildungsfragen" - 14. November 1906

 

 

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Franz Mehring:

"Karl Marx - Geschichte seines Lebens"

"Die Biographie von Karl Marx, die ich vor einigen Monaten veröffentlicht habe, hat in der Lesewelt eine sehr günstige Aufnahme gefunden, und auch die Kritik, soweit ich sie gelesen habe, ist glimpflich genug mit ihr verfahren. Insoweit habe ich nicht den geringsten Anlass zu einer Antikritik, doch möchte ich mir einige erläuternde Bemerkungen zu einem Punkt von allgemeinem Interesse erlauben, der gerade von sozialistischer Seite gegen mich ins Feld geführt worden ist."

Eine Episode des Marxismus

1918

 

 

Franz Mehring:

Zum 100. Geburtstag von Karl Marx

4. Mai 1918

[Leipziger Volkszeitung Nr. 103, 4. Mai 1918. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 11-15]

Wie ein heller Sonnenstrahl, der durch düstere und scheinbar undurchdringliche Wolkenschichten bricht, so lenkt heute der hundertste Geburtstag von Karl Marx unseren Blick aus einer grauenvollen Gegenwart in eine hellere Zukunft, die kommen muss und kommen wird – trotz alledem und alledem. Auch Karl Marx ist ein Kämpfer gewesen, der alle Beschwerden und Leiden und Niederlagen eines vierzigjährigen Krieges bis auf die Hefen ausgekostet hat, ohne je zu verzagen. Sein ganzes Leben zeigt uns die bürgerliche Gesellschaft mit ihren mächtigen Mitteln im Kampfe gegen den einzelnen Mann. Sie hat ihn gehetzt und verfolgt, in Armut und bitterste Not und trostlose Verbannung, sie hat ihn in die dichtesten Nebel der Verleumdung gehüllt, sie hat es fertig gebracht, den größten Denker des Jahrhunderts für Jahrzehnte gänzlich aus dem Gesichtskreise der Nation zu verbannen, die ihn geboren hatte.

Erst seit kurzem wissen wir aus mancherlei unanfechtbaren und durchaus übereinstimmenden Zeugnissen, wie überwältigend schon die erste Erscheinung des jungen Marx in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die Zeitgenossen gewirkt hat. Keiner, der ihm damals genaht ist, auch der Abgeneigte und feindselig Gesinnte nicht, hat sich dem Eindruck entziehen können, dass hier eine mächtige und unvergleichliche Kraft auf den Kampfplatz trat. Dem blutjungen Studenten beugten sich hochbegabte Männer, die um ein Jahrzehnt älter waren und längst eine angesehene Stellung in der Republik der Geister erworben hatten.

Aber nicht lange, und die ersten glänzenden Offenbarungen des Geistes erweckten jenen unersättlichen Hass der bürgerlichen Gesellschaft gegen Marx, der heute, nach mehr als zwei Menschenaltern, noch nicht erloschen ist. Nach dem ersten Jahrzehnt seines öffentlichen Wirkens, als Marx seine zerstreuten Arbeiten zu sammeln versuchte, gelang ihm nicht, was dem ersten besten Tagesliteraten ohne alle Mühe zu gelingen pflegt: Der erste Schriftsteller der Nation musste die Ernte seiner Jugendjahre einer Vergessenheit überlassen, aus der sie erst lange nach seinem Tode wieder allmählich ans Licht gezogen worden ist.

Am 14. März, nachmittags ein Viertel vor drei, hat der größte lebende Denker aufgehört zu denken."1 Am offenen Grabe von Marx sprach so Friedrich Engels, sein unzertrennlicher Arbeits- und Kampfgefährte, und er sprach die Wahrheit, wenn er seinen Freund „den größten lebenden Denker" nannte. Selbst einem Manne wie Darwin, der ihm unter den Denkern des neunzehnten Jahrhunderts am ehesten die Palme streitig machen könnte, war Marx darin überlegen, dass er das Werk Darwins nach seiner ganzen geschichtlichen Bedeutung zu schätzen wusste, während Darwin nicht ebenso wusste, was Marx war und was er geleistet hat.

Indes mit Recht knüpfte Engels an Darwin an, als er die größten wissenschaftlichen Leistungen, die Marx vollbracht hat, in kurzen und starken Strichen skizzierte. Er sagte: Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt."2 In der Tat, ein „einfacher" Gedanke, so „einfach", wie bahnbrechende Offenbarungen überhaupt zu sein pflegen.

Marx hat seine Entdeckung nie zu einem weitläufigen System ausgesponnen, sondern hat es immer mit dem englischen Sprichwort gehalten, dass der Pudding im Essen erprobt werden muss. Der „historische Materialismus" – um seine Theorie bei dem Namen zu nennen, der sich allmählich für sie eingebürgert hat – war ihm der Leitfaden bei seinen historischen Untersuchungen, und die Ergebnisse, die er auf diese Weise gewann, wirken überzeugender, als alle noch so fein gesponnenen Spintisierereien dicker Lehrbücher hätten wirken können.

Solche Lehrbücher sind in Mengen erschienen, um die Theorie von Marx zu widerlegen, aber diese Literatur ist noch schneller verwelkt, als sie unter dem befruchtenden Platzregen hoher Gönnerschaften aus dem Boden schoss: Ihr Haupttrick pflegte die allzu alberne Unterstellung zu sein, dass Marx seine Theorie nicht als die Darstellung eines geschichtlichen Entwicklungsprozesses, sondern als ein alleinseligmachendes Dogma aufgestellt habe, dass es ihm nicht um eine Methode zu tun gewesen sei, das Wesen der Dinge zu erforschen, sondern um eine Schablone, in die er die Form der Dinge pressen konnte. Der Unsinn ist nachgerade selig in sich selbst verstorben, und der historische Materialismus, so wie Marx ihn begründet und verstanden hat, macht immer reißendere Fortschritte auf allen Gebieten der historischen Wissenschaften, wenn es auch bei den bürgerlichen Gelehrten noch immer nicht an „dem bissele Falschheit" fehlt. Die einen arbeiten, so gut sie es verstehen, nach der Methode von Marx, ergreifen aber jede passende oder auch unpassende Gelegenheit, ihn einen unwissenschaftlichen Kopf zu schelten, während die anderen ihn zwar als wissenschaftliche Größe anerkennen, aber durch allerlei „Verbesserungen", die sie an seiner Lehre anbringen, nur den alten Unrat der Konfusion wieder heraufbeschwören.

Ähnlich steht es mit der zweiten der großen wissenschaftlichen Entdeckungen, die Marx gemacht hat, und von denen jede einzelne schon für sich genügen würde, seinen Namen unsterblich zu machen. Marx hat nicht nur das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte entdeckt, sondern auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Die Werttheorie, die die wirklichen Denker der bürgerlichen Ökonomie, Adam Smith und Ricardo, aufgestellt hatten, spann er in seinem epochemachenden Werke über das Kapital fort als einen Faden, woran sich die Wert- und Mehrwertbildung verfolgen lässt als ein weltgeschichtlicher Prozess, der die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzen muss.

Anfangs öffentlich totgeschwiegen, aber heimlich um so eifriger geplündert, hat sich Marxens wissenschaftliches Hauptwerk in der Geschichte der politischen Ökonomie allmählich den überragenden Platz erobert, den es verdient, sosehr sich die „voraussetzungslose" Gelehrsamkeit, die an den deutschen Hochschulen das große Wort führt, vor dem geistigen Einfluss dieses Buches zu schützen sucht, indem sie jedem Lehrer die Pforten sperrt, der im Verdacht steht, sich zur Mehrwerttheorie von Marx zu bekennen.

Aber der Mann der Wissenschaft, so groß er sein mochte, war noch lange nicht der halbe Mann. Um noch einmal Engels zu zitieren, so war die Wissenschaft für Marx eine geschichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft.

Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewusstsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewusstsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte – das war sein wirklicher Lebensberuf."3 Und in der Tat – sosehr die unvergleichliche Größe dieses Mannes darin bestand, dass sich in ihm Gedanke und Tat zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen, sosehr hatte, wenn es die letzte Entscheidung galt, der revolutionäre Kämpfer in ihm den Vorrang über den wissenschaftlichen Denker. Lieber ließ er das wissenschaftliche Hauptwerk seines Lebens zu einem riesenhaften Torso werden, ehe er sich je dem Rufe versagte, der aus den Reihen des um seine Emanzipation ringenden Proletariats an seine Hilfe erging. Und sosehr die deutsche und die internationale Arbeiterklasse ihm den ehrfurchtsvollen Dank schuldet, den sie allen Denkern spendet, die die Kulturentwicklung der Menschheit gefördert haben, so darf sie im Hinblick auf seinen wirklichen Lebensruf, auf seines Wesens Wesenheit, mit besonderem Stolze sagen: Denn er war unser.

Seiner Geburt nach gehörte Karl Marx den bürgerlichen Klassen an. Allein sobald er zu seinen Jahren gekommen war und das Elend sah, das die aufkeimende kapitalistische Produktionsweise in seiner rheinischen Heimat über die arbeitenden Klassen zu verhängen begann, hat er sich dem Dienste dieser Klassen gelobt, und nie ist ein Hannibalschwur redlicher gehalten worden als das Gelübde, das er, ein halber Knabe noch, schon in seiner ersten Schrift mit den Worten ablegte, die ein altgriechischer Dichter den Prometheus sprechen lässt, lieber wolle er das mühseligste Los ertragen, als sich zum Bedienten der Götter erniedrigen. So ist ihm beschieden gewesen, die Sage vom Prometheus zu einer geschichtlichen Wirklichkeit zu machen: Ein Lichtbringer ohnegleichen ist er gewesen und dafür an den Felsen geschmiedet worden, wo ihm die Geier mit gierigen Schnäbeln den Leib zerhackten.

Aber nie hat er gewankt in der Treue, die er der arbeitenden Klasse gelobt hatte. Wie hart ihn oft das Elend bedrängte und wie sehr ihm die Qualen das Herz zerreißen mochten, unter denen seine zärtlich geliebte Frau und seine nicht minder zärtlich geliebten Kinder litten, immer blieb es bei seinem so derben wie stolzen Worte, dass man ein Ochse sein müsste, wenn man den Menschheitsqualen den Rücken kehren wollte, um für sein eigenes Wohl zu sorgen. Es ist unmöglich, in dem engen Rahmen dieses Aufsatzes die unermesslichen Dienste auch nur flüchtig anzudeuten, die Marx dem internationalen Proletariat geleistet hat, von den Tagen des Kommunistenbundes bis zu den Tagen der Internationalen, immer gleich geschickt und immer gleich willig, die richtigen Wege zu weisen, sei es nun einem dürftigen Häuflein oder einer gewaltigen Schar, die schon alle zivilisierten Nationen des Erdballs zu umspannen begann. Im Herzen der Arbeiterklasse leben diese Dienste unsterblich fort.

So groß wie Marx als Denker und Kämpfer war, so groß war er als Mensch. Man hat ihn „herzlos" gescholten, aber nur, weil er dem Proletariat helfen wollte durch entschlossene Tat und klaren Willen und nicht durch jenes Flennen sentimentalen Mitleids, das unter Umständen den satten Philister zu Tränen rührt, aber den Arbeitern auch nicht um die Breite eines Strohhalms weiterhilft.

Man hat ihn „hochmütig" gescholten, weil er hart und unbarmherzig sein konnte in der Kritik solcher „Reformen", die nur von dem „guten Willen" ihrer Urheber zeugten, aber die wirkliche Einsicht in das Wesen der Dinge vermissen ließen. In der Tat war Marx der bescheidenste der Menschen, der das Totschweigesystem, das seine Gegner gegen ihn anwandten, dadurch erleichterte, dass er seine Person immer hinter sein Werk zurücktreten ließ. Er hat nie beansprucht, ein unfehlbarer Götze zu sein, sondern wiederholte gern und oft das Wort des römischen Dichters, dass er ein Mensch und nichts Menschliches ihm fremd sei.

Deshalb wäre es nicht in seinem Sinne, wenn wir gegenüber seinem Werke auf die rast- und ruhelose Kritik verzichten wollten, die seine wirksamste Waffe gewesen ist. Aber wir sollen diese Kritik üben mit aller Ehrfurcht vor dem kostbaren Erbe, das er uns hinterlassen hat, mit der Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit, die immer der Leitstern seines Lebens gewesen. So fortzuarbeiten auf den unzerstörbaren Grundlagen, die er gelegt hat, ist die würdigste Huldigung, die wir unserem verewigten Meister an seinem hundertsten Geburtstage darbringen können.

_________

1 Friedrich Engels: Das Begräbnis von Karl Marx. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 19, S. 335.

2 Ebenda, S. 335/336.

3 Ebenda, S. 336.


 

Über den historischen Materialismus

1893

 

Die Lessing Legende

1906

 

 

GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATIE

(1906)

erster Band

zweiter Band

dritter Band

 

 

Zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie

ein historischer Versuch

(1877)

 

Die deutsche Sozialdemokratie

Ihre Geschichte und ihre Lehre

(1878)

 

 

Herr von Treitschke

(1875)

 

Herr Hofprediger Stöcker

(1882)

 

Kapital und Presse

(1891)

 

 

Einiges über den jungen Engels

9. Oktober 1895

 

 

Zum Gedächtnis der Pariser Kommune

März 1896

 

 

FRANZ MEHRING

Georg Herwegh

19. August 1896

 

 

FRANZ MEHRING

ÜBER GORKI's "NACHTASYL"

 

 

Weltkrach und Weltmarkt

(1900)

 

Die Unruhen in China

20. Juni 1900

 

 

Franz Mehring

Die polnische Frage

(1901

 

 

aus dem literarischen Nachlass

(1902)

 

Franz Mehring:

Die deutschen Gewerkschaften vor und unter dem Sozialistengesetze

26. Juni 1902

 

 

 

Briefe von

Lassalle, Karl Marx und Friedrich Engels

(1902)

 

Meine Rechtfertigung

(1903)

 

 

Zum Gedächtnis der Ersten Internationale

11. September 1904

 

Kant und Marx

17. Februar 1904

 

Ludwig Feuerbach

20. Juli 1904

 

 

 

Schiller

(1905)

 

Franz Mehring:

Friedrich Engels

Juli 1905

 

 

 

Jena und Tilsit

(1906)

 

Franz Mehring:

Neue Beiträge zu Biographien von Karl Marx und Friedrich Engels

(April 1907)

 

 

Eine Geschichte der Kriegskunst

(1908)

 

 

 

Ein Gedenktag des Kommunismus

Dezember 1897

Manifest der Kommunistischen Partei'

 

Zum Gedächtnis des Kommunistischen Manifests

geschrieben von Antonio Labriola

(eingeleitet und übersetzt von Franz Mehring)

1909

 

Franz Mehring:

Zum Stuttgarter Kongress

August 1907

 

 

Karl Marx zum Gedächtnis

+ Karl Marx und das Gleichnis

13. März 1908

 

Philosophieren und Philosophie

19. März 1909

Seit den Tagen des „Kommunistischen Manifestes" und der Revolution von 1848 hat die Philosophie nicht im Entferntesten mehr die historische Entwicklung der deutschen Nation beeinflusst, es sei denn, dass sie als fünftes Rad am Wagen der Reaktion geknarrt hat.

 

August Bebel

18. Februar 1910

 

 

Paul und Laura Lafargue

8. Dezember 1911

 

Paul Singer

10. Februar 1911

 

Franz Mehring:

Das Zeitalter der Skandale

22. Januar 1914

Die gesellschaftlichen Skandale entspringen aus dem Privateigentum, von dem sie unzertrennlich sind und unzertrennlich bleiben werden.

 

Philosophie und Proletariat

29. Januar 1914

 

Die Wiederherstellung der Internationale

9. November 1914

 

Franz Mehring:

Zum ersten Mai

1. Mai 1916

[Leipziger Volkszeitung Nr. 99, 1. Mai 1916. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 671-673]

 

Als vor einem Jahre der erste Mai unter dem Zeichen des Weltkrieges zum ersten Mal aus dem Schoß der Zeiten auftauchte, hat schwerlich irgendwer geglaubt, dass er noch einmal unter gleich unheilvollen Wetterwolken wiederkehren werde. Ja, der Blick auf die Gegenwart ist heute trüber und die Hoffnung auf die Zukunft ist heute ungewisser, als beides vor Jahr und Tag war.

Nur ein hellerer Streifen säumt an diesem ersten Mai den dunklen Horizont des Weltkrieges: Der Geist, aus dem einst der Weltfeiertag des Proletariats geboren wurde, ist wieder lebendig geworden innerhalb der europäischen und namentlich der deutschen Arbeiterklasse. Sie beginnt, sich auf sich selbst zu besinnen und sich ihrer historischen Pflichten wieder bewusst zu werden. Es geht noch langsam genug vorwärts, aber immerhin – vorwärts geht's, und diese Bewegung kann nur noch wachsen, niemals wieder sinken. Am wenigsten wird sie erstickt werden durch die Kolophoniumblitze der Staatsmännerchen, die den Bismarck und Puttkamer glücklich abgeguckt haben, wie diese sich räusperten und spuckten. Das Staatsmännerchen-Spielen bekundet dadurch nur, dass es schon auf dem letzten Loche pfeift.

Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass denen, die den alten Parteigrundsätzen treu geblieben sind, das eine Mal vorgehalten wird, sie wären blind für die ungeheure Revolution des Weltkrieges, das andre Mal aber zum Verbrechen angerechnet wird, dass sie den grünen Tisch der Lindenstrasse in Berlin nicht als den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht betrachten, auf dem nicht einmal ein Tintenfass erschüttert wird, wenn eine Welt über ihm zusammenstürzt, oder, um ein Bild Lassalles zu gebrauchen, als einen Pflock, der unerschüttert auf demselben Fleck stehen bleibt, während sich das Erdreich fortbewegt, worin er steckt. Nein, wenn wir allerdings glauben, dass die zahllosen Aufrufe, die von diesem grünen Tisch in die Welt flattern, sich nur durch die Fülle der Beredsamkeit, aber keineswegs die der praktischen Wirkung von dem Aufrufe unterscheiden, den der Gouverneur von Berlin nach der Schlacht bei Jena an die Straßenecken schlagen ließ: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, so zweifeln wir deshalb nicht, dass auch das Jena der zweiten Internationalen seine Wirkungen haben wird.

Eben jetzt spotten Blätter der Konservativen und des Zentrums der berühmten „Neuorientierung", indem sie sagen, dass die Sozialdemokratie auch nach dem Kriege den Klassenkampf führen werde. Wie alles bei diesen Parteien auf dem Kopf steht, so auch diese Behauptung, aber wenn man sie auf die Füße stellt, so ist sie ganz richtig: Nach dem Kriege wird ein Klassenkampf entbrennen, mit dem verglichen alle Klassenkämpfe, die vor dem Kriege stattgefunden haben, fast nur als Vorpostengefechte erscheinen, und demgemäß wird auch die Sozialdemokratie entschlossener und mächtiger werden denn je. Denn sie ist nicht die Mutter des Klassenkampfs, sondern der Klassenkampf ist ihr Vater.

Lassen wir also die berühmte „Neuorientierung", die ein in der Form so geschmackloses wie im Inhalt leeres Schlagwort ist. Die Konservative und die Ultramontane Partei sowie die Regierung haben der Sozialdemokratie keine Versprechungen gemacht und brauchen ihr also auch keine Versprechungen zu halten, und die sozialdemokratischen Durchhaltepolitiker haben in schönem Edelmut auf jede Belohnung für ihren Patriotismus verzichtet, so dass sie nichts zu fordern haben. Mit dem Geweimer also, womit der deutsche Liberalismus ein halbes Jahrhundert lang keinen Hund vom Ofen gelockt hat, mit dem Geweimer über den Undank, womit die Könige braven Völkern die Rettung ihrer Kronen zu danken pflegen, werden wir nach dem Kriege verschont bleiben, und das ist immerhin eine dankenswerte Ersparnis an Druckerschwärze, sittlicher Entrüstung und weihevollem Traum.

Um so eher ist eine klare und nüchterne Besserung der ganzen Weltlage möglich und nötig. Für die Arbeiterklasse hat der Weltkrieg unbarmherzig mit allen Illusionen aufgeräumt, die sie sich über sein Wesen machen konnte und mochte, und so sollte auch sie aufräumen mit allen nun nicht mehr unbewussten Selbsttäuschungen, so sollte sie verzichten auf alles Flick- und Stückwerk, das die Krankheit nicht mehr heilen, sondern ihren Verlauf nur noch qualvoller gestalten kann. Lasset die Toten ihre Toten begraben! Was in der Tat wäre damit geholfen, wenn – nach langem Hängen und Würgen – der englische, französische, russische Sozialdemokrat mit deutschen und österreichischen Sozialdemokraten an einem Tische in Amsterdam oder Bern zusammenkämen und – wiederum nach langem Hängen und Würgen – eine jener Resolutionen zusammenklaubten, wie deren Dutzende beim ersten Aufspringen eines historischen Sturms ins leere Nichts zerflattert sind?

Sehen wir den Dingen, wie sie sind, ruhig ins Auge, und gestehen wir offen: Die zweite Internationale ist tot, aber fügen wir in demselben Atemzuge hinzu: Es lebt die Internationale! So wie Karl Marx nach dem Tode der ersten Internationalen, der er soviel Arbeit und Geist und Kraft gewidmet hatte, mit ruhiger Zuversicht schrieb: „So ist die Internationale, anstatt abzusterben, bloß aus ihrer ersten Inkubationsperiode in eine höhere Phase getreten, in der bereits ihre ursprünglichen Bestrebungen zum Teil Wirklichkeit geworden sind. Im Laufe dieser fortschreitenden Entwicklung wird sie noch manche Veränderungen durchzumachen haben, bevor das letzte Kapitel ihrer Geschichte geschrieben werden kann." [1] Ob schon das letzte Kapitel – wir wissen es nicht, aber ein neues Kapitel in der Geschichte der Internationalen hat begonnen. Sie kann nicht dauern in dem galvanisierten Scheinleben einer abgestorbenen Form, aber sie wird leben in dem Sinne des alten Burschenschaftsliedes: Die Form ist zerfallen; was hat es für Not? Der Geist ist in uns allen …

Diesem Geist die neue Form zu finden, ist recht eigentlich für die Arbeiterklasse der Gedanke der Zeit, sosehr sich die Staatsmännerchen dagegen sträuben mögen, denen schon der Dichter ins Stammbuch geschrieben hat:

Seine Feinde mühen sich ab:

Mit Schlingen und Banden;

Sie machten ihn gern zuschanden;

Und wenn er schon längst erstanden,

Hüten Sie noch sein Grab!

Ja, dieser Gedanke ist erstanden, und er beginnt, sich seine neue Form zu schaffen, wie noch jede große Bewegung in der Geschichte der modernen Arbeiterklasse begonnen hat: mit rücksichtsloser Kritik, die sich weder vor ihren Ergebnissen fürchtet noch vor dem Zusammenstoss mit gleichviel wem. Sie fegt zuerst vor der eigenen Tür, denn die neue Internationale kann sich nur von unten aufbauen. Sie wird ein Werk der Massen sein, in denen es sich von Tage zu Tage lebendiger regt, und in diesem Zeichen begrüßen wir heute freudig den Weltfeiertag der Arbeit – trotz alledem und alledem.

gez.: Fr. M.

 

1 Karl Marx: Herrn George Howells Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 19, S. 147.

 

 

Karl Liebknecht

28. August 1916

 

 

Ein Schritt vorwärts

17. Februar 1917

 

Zur Märzkonferenz der Opposition

24. Februar 1917

 

Friedensfragen

März 1917

 

Bebel gegen Scheidemann

3. März 1917

 

Die russische Revolution

24. März 1917

 

Die Liebknecht-Wahlen

31. März 1917

 

Das Ergebnis der Osterkonferenz

21. April 1917

 

Zur Geschichte des Maitages

28. April 1917

[Korrespondentenzeichen, Der Kampf (Duisburg) Nr. 47, 28. April 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 428-430]

Zum dritten Male im Laufe des Weltkrieges kehrt der Weltfeiertag des internationalen Proletariats wieder. Geboren in der freudigen Begeisterung, womit sich 1889 auf dem Pariser Kongresse die II. Internationale gebildet hatte, ist sein Leben zugleich das Leben der II. Internationalen, und ganz besonders spiegelt sich in seiner geschichtlichen Entwicklung die geschichtliche Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie wider.

Es ist wahr: Der internationale Kongress in Paris hatte nicht ausdrücklich vorgeschrieben, dass der erste Mai durch eine allgemeine Arbeitsruhe gefeiert werden solle. In seinem Beschluss vom 19. Juli bestimmte er, es sollte „für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale Kundgebung organisiert werden, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung zu richten hätten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen und die übrigen Beschlüsse des Internationalen Kongresses zur Ausführung zu bringen". Mit Rücksicht darauf, dass eine solche Kundgebung bereits von dem amerikanischen Arbeiterbund auf seinem im Dezember 1888 in St. Louis abgehaltenen Kongress für den ersten Mai 1890 beschlossen war, wurde dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen. Endlich wurde noch bestimmt, dass die Arbeiter der verschiedenen Nationen die Kundgebung in der Art und Weise, wie sie ihnen durch die Verhältnisse ihres Landes vorgeschrieben werde, ins Werk zu setzen hätten.

Allein als der erste Mai 1890 herannahte, wurde dieser Beschluss von der deutschen Arbeiterklasse im Sinne einer allgemeinen Arbeitsruhe am ersten Mai aufgefasst. Die deutschen Arbeiter befanden sich damals in der hoffnungsfrohesten und siegesgewissesten Stimmung. Sie hatten am 20. Februar 1890 einen gewaltigen Wahlsieg erfochten, ihren Bedränger Bismarck, den „Herkules des 19. Jahrhunderts", gestürzt und tatsächlich das Sozialistengesetz zertrümmert, wenn es formell auch noch bis zum 30. September dieses Jahres fortlief. Der junge Kaiser hatte durch die Februarerlasse eine Ära monarchischer Sozialreform angekündigt, aber sich gleichzeitig als Todfeind der Sozialdemokratie bekannt.

In ihrer kampflustigen Stimmung beschloss eine Reihe von deutschen Arbeiterorganisationen, den ersten Mai durch die Einstellung der Arbeit zu feiern. Aber da trat am 13. April die neu gewählte Reichstagsfraktion in Halle zusammen und schüttete Wasser in den brausenden Wein: Sie konnte es „mit ihrem Gewissen nicht vereinigen", den ersten Mai als einen Tag allgemeiner Arbeitsruhe zu empfehlen. Sie berief sich auf den Wortlaut des Pariser Beschlusses: „…insbesondere ist nicht davon die Rede gewesen, dass am ersten Mai die Arbeit ruhen solle. Wäre eine derartige Absicht ausgesprochen worden, so wäre sie auf entschiedenen Widerstand gestoßen, ebenso wie der Vorschlag, einen allgemeinen Streik zu organisieren, welcher Vorschlag von deutscher Seite bekämpft und von dem Kongress zurückgewiesen wurde." Dazu wurde eine Reihe politischer Bedenken aufgezählt.

Deutlicher und kürzer als in dem Aufruf der Reichstagsfraktion wurden diese politischen Bedenken in einem Brief dargelegt, den Engels am 19. April 1890 an Sorge richtete. Er schrieb: „Auf den 1. Mai bin ich begierig. In Deutschland war es Pflicht der Reichstagsfraktion, den übertriebnen Gelüsten entgegenzutreten. Die Bourgeois, die politische Polizei, bei der es jetzt ,ums Brot geht', die Herren Offiziere, sie alle möchten gern dreinschlagen und schießen und suchen jeden Vorwand auf, dem jungen Wilhelm zu beweisen, dass er nicht rasch genug schießen lassen kann. Das würde aber unser ganzes Spiel verderben. Erst müssen wir das Sozialistengesetz los sein, d.(h. den 30. Sept. überstanden haben. Und dann machen sich die Dinge in Deutschland gar zu prächtig für uns, als dass wir sie uns durch pure Renommage verderben sollten. Im Übrigen ist die Proklamation der Fraktion schlecht, sie ist von Liebknecht, und der Blödsinn vom ‚allgemeinen Strike' ganz überflüssig. Aber einerlei wie, die Leute sind durch den 20. Febr. so gehoben, dass sie einer gewissen Zügelung bedürfen, um keine Dummheiten zu machen." [1] So schrieb der damals erste Mann des internationalen Proletariats, und wir führen sein Zeugnis um so lieber an, als wir weit entfernt sind, die Schuld daran, dass der Aufruf der Reichstagsfraktion der deutschen Maifeier von vornherein das Rückgrat gebrochen hat, auf die Personen dieser Fraktion zu schieben. Sie waren die Opfer eines allgemeinen Irrtums. Aber wenn es menschlich ist zu irren, so ist es durchaus nicht menschlich, im Irrtum zu beharren, nachdem seit fast einem Menschenalter das Maifest aus einem Weltensturmlauf des Proletariats, so wie sein Gedanke in den Arbeitermassen gezündet hatte, zu einem harmlosen Familienfeste geworden war, bei dem es als oberstes Prinzip galt, dass nur ja keiner seiner Teilnehmer irgendeine Gefahr liefe. Im Grunde hatten die offenherzigen Seelen, die schon lange Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges die Maifeier als ein überflüssiges Dekorationsstück beseitigen wollten, bessere Gründe geltend zu machen als wir anderen, die auf den trügerischen Schimmer einer besseren Vergangenheit nicht verzichten mochten.

Für die Arbeiterklasse bleibt es für immer bei dem Worte des sterbenden St. Simon: Man muss begeistert sein, um große Dinge zu vollbringen, und selbst der ehrwürdige Staatsminister v. Goethe hat sich, als längst sein Genie erloschen war, zu dem trefflichen Satze bekannt:

Begeisterung ist keine Heringsware, die man eingepökelt für lange Jahre.

Und wenn auf den dritten Maitag des Weltkrieges ein heller Lichtstrahl fällt, so danken war ihn unsern russischen Brüdern, die sich nicht von den staatsmännischen Erwägungen leiten ließen, an denen die deutsche Maifeier umgekommen ist.

 

[1] Engels an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken, 19. April 90. In: Ebenda, Bd. 37, S. 395.

 

 

Franz Mehring:

An den Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Arbeiter- und Soldatenrates, Genossen Tschcheidse, Petrograd, Taurisches Palais

29. April 1917

Anmerkung über Mehring von Lenin:

"Hat denn wirklich auch Mehring bis heute noch nicht die ganze Niedertracht von Tscheidse, Zereteli, Skobolew und Co. begriffen?

"An das Auslandsbüro des ZK" vom 17./30. August 1917, Lenin, Werke, Band 35, Seite 299

 

Franz Mehring:

Die internationale Konferenz

4. Mai 1917

 

 

Franz Mehring:

Zimmerwald, Kienthal, Stockholm?

11. Mai 1917

 

 

Franz Mehring:

Eine Tragikomödie

18. Mai 1917

 

 

Franz Mehring:

Bankrotteure

25. Mai 1917

 

 

Franz Mehring:

Clara Zetkin-Zundel

3. Juli 1917

Zum 60. Geburtstag von Clara Zetkin

[Leipziger Volkszeitung Nr. 152, 3. Juli 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 4, S. 504-507]

 

Ein Gleisner, ein Meißner! So hieß es ehedem im heutigen Römischen Reich Deutscher Nation. Das arge Wort sollte die einschmeichelnde, höfliche, nachgiebige Art des obersächsischen Stammes verspotten, doch selbst als Spott traf es sehr daneben. Denn von jeher konnte Sachsen neben jeden Geliert einen Lessing, neben jeden matten und weichen Charakter einen entschlossenen und tatkräftigen Kämpfer stellen: welche Reihe ungestümer Kampfhähne von den Pufendorf und Thomasius, über den Lessing und Fichte bis zu den Richard Wagner und in seiner besonderen Weise auch Heinrich von Treitschke!

Eine echte Kampfnatur ist auch die Tochter des Landes, der wir heute zu ihrem sechzigsten Geburtstage unsere aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche darbringen. Nur dass sie auch ihren Anteil an der anderen Art des sächsischen Stammes hat! Nicht an der zudringlichen Höflichkeit, die am Mann so leicht einen gleisnerischen Schein erweckt, sondern an dem echten Herzenstakte, der immer, bewusst oder unbewusst, nach dem Worte der griechischen Königstochter handelt: Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da. Diese unlösliche Verschmelzung von menschlicher Güte und menschlicher Leidenschaft macht das ganze Wesen unsrer Freundin aus: Ihr Hass gegen die Unterdrücker fällt zusammen mit ihrer Liebe für die Unterdrückten.

Clara Eisner ist eine geborene Sächsin, und in Leipzig hat sie sich für den Beruf der Lehrerin ausgebildet unter der Leitung Edith Schmidts, der sie vor etwa einem Dutzend Jahren in diesen Spalten einen dankbaren Nachruf gewidmet hat. Sie verriet frühzeitig eine reiche Begabung, namentlich auch in der Sprachenkunde. Am tiefsten aber ergriffen sie die großen Gedanken des Sozialismus, der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich in Sachsen rasch verbreitete. In ihnen fand ihr reiches Herz und ihr reicher Geist gleich innige Befriedigung. Aber sie vergaß nie das weise Nathanwort, dass andächtig schwärmen ungleich leichter sei als gut handeln, und sosehr sie in heißer Glut für die hohen Ziele des Sozialismus entbrannte, so studierte sie nicht minder eifrig und gründlich die Mittel und Wege zu seiner praktischen Verwirklichung: auch Praxis und Theorie standen bei ihr immer im glücklichen Gleichgewicht.

Unter dem Druck des Sozialistengesetzes war für die junge Kämpferin in Deutschland wenig zu tun. Sie ging ins Ausland, in die Schweiz, wo sie sich mit dem trefflichen Ehepaar Motteler innig befreundete und regen Anteil an dem Vertriebe des „Sozialdemokraten" in Deutschland nahm, dann nach Paris, wo sie mit Laura Lafargue, der Tochter von Karl Marx, nahe verkehrte und mit dem russischen Flüchtling Ossip Zetkin den Bund fürs Leben schloss. Der Tod des kränklichen Gatten löste die Ehe allzu früh, aber der jungen Witwe blieben zwei blühende Knaben. Wie dieser Natur alles immer im reichsten Maße zugemessen worden ist, so auch die Mutterschmerzen und die Mutterfreuden: die Mutterschmerzen, denn sie musste einen überaus harten und ^manchmal fast unerträglichen Kampf ums Dasein führen, um ihren Kindern gerecht zu werden; die Mutterfreuden, denn es gelang ihr, beide zu tüchtigen Männern zu erziehen, auf die sie mit Stolz blicken darf.

Die historische Wirksamkeit Clara Zetkins, die ihr ein dauerndes Denkmal in der modernen Arbeiterbewegung sichert, begann nach dem Fall des Sozialistengesetzes, der sie nach Deutschland zurückführte. Sie übernahm aus schwächlichen und verkümmerten Anfängen die „Gleichheit" und schuf aus ihr das mächtige Organ, das der internationalen Frauenbewegung des Sozialismus Halt und Richtung gab. Nicht als ob sie in der Leitung dieser Zeitschrift oder auch nur in der Frauenbewegung ihre unermüdliche Tätigkeit erschöpft hätte. Sie war immer da, wo sie nützen konnte, und keine Wahlkampagne, in der sie nicht eifrig mitgetan hätte! Aber Nerv und Wesen ihrer jahrzehntelangen Arbeit war doch, dass sie in ihr zur ersten Lehrerin und Leiterin der sozialistischen Fraueninternationale heranwuchs, als solche freudig anerkannt und begrüßt, wo immer proletarische Frauenherzen für die Befreiung ihres Geschlechts und ihrer Klasse aus den Fesseln unwürdiger Sklaverei schlagen.

Die Jahrgänge der „Gleichheit" sind das unvergängliche Denkmal Clara Zetkins. Sie standen durchweg auf der Höhe des sozialistischen Prinzips, wie denn in der Kenntnis der marxistischen Theorie wenige Lebende sich mit Clara Zetkin messen können und sicherlich keiner ihr darin überlegen ist. Aber sie verlor sich nie in unfruchtbaren Spintisierereien, die unter gelehrt tuender Maske gleichermaßen die Einsicht und die Tatkraft der Arbeiter schwächen. Diesen Unterschied begreifen freilich die Schulze und Müller nicht, die über die „Schwerverständlichkeit" klagen, womit Genossin Zetkin die „Gleichheit" redigiert habe und dafür den Scheidemännern ihren populären Kohl empfehlen, ganz wie einst Schulze-Delitzsch, der wahrhaftig wieder aus dem Grabe gestiegen zu sein scheint, sein breiartiges Gerede als Lassalle-Ersatz anpries. Nicht der geringste Vorzug der „Gleichheit" war, dass sie ihre Leserinnen nicht nur zum praktischen Handeln und theoretischen Erkennen, sondern nicht minder zum künstlerischen Schauen anregte: ihre Beiträge waren mit dem erlesensten Geschmack redigiert.

In diesen Jahren und Jahrzehnten lebte Clara Zetkin glücklich, so reich sie immer an Arbeit und Mühen und Sorgen waren, von denen ihre Gesundheit manchen harten Stoß erlitt. Welch schöneren Erfolg gab es für einen sozialistischen Kämpfer, als an dem großen Werke der Menschheitsbefreiung mit einem Erfolge zu arbeiten, den jeder neue Tag bestätigt. Und wenn sie keine Schätze sammeln konnte, wonach ihr Sinn nie gestrebt hat, so brauchte sie sich doch auch nicht mit der gemeinen Not des Lebens zu plagen. Ihre heranwachsenden Söhne machten ihr nur Freude; in zweiter Ehe hatte sie sich mit Friedrich Zundel verbunden, einem hochbegabten Künstler; ein Häuschen und Gärtchen auf einer Höhe bei Stuttgart bot das häusliche Behagen, das der geistigen Arbeit so günstig ist.

Dann brach die Katastrophe des 4. August herein. Ein furchtbarer Schlag, aber wie unsagbares Weh er unserer Freundin bereiten mochte, sie wankte unter den Trümmern nicht. Sie war unter den ersten, die ihre Stimme gegen den großen Abfall erhoben, und mit der Zähigkeit einer alterprobten Zeitungsschreiberin führte sie ihre Arbeit fort. Und sie hatte mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen! Jedoch trotz alledem -trotz einer schweren Erkrankung, die nun zwei Jahre dauert, trotz der Sorge um ihre Söhne, die beide als Ärzte im Felde stehen, trotz der Sorge um ihren Gatten, der seine Kraft im Dienste des Roten Kreuzes zermürbt hat, hielt Clara Zetkin tapfer den Posten, auf dem ihr Gewissen und ihre Pflicht auszuharren gebot. Und der Treuen blieben die Frauen treu, was denn wohl den letzten Anstoß zu der „lächerlichen Freveltat" gegeben hat, die die Scheidemänner an Clara Zetkin verübten, indem sie ihr das Gesindebuch mit dem Vermerk zusteckten: Entlassen wegen Ungehorsams und Schwerverständlichkeit. Nie hat beschränkter Sinn ein engeres Bündnis mit bösem Willen geschlossen!

Aber alle, denen der Sozialismus mehr ist als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle oder als ein Mittel zur Karriereschnauferei, müssen nach ihren Kräften darauf bedacht sein, ein neues Schwert zu schmieden, das Clara Zetkin zur Ehre und zum Ruhme unsrer großen Sache führen kann. Und wir sind sicher, dass vor allem die Frauen dieser Sache gedenk sein werden. Der sechzigste Geburtstag Clara Zetkins soll ihr der Beginn einer zweiten Jugend werden; dieser Wunsch muss die Tat gebären, die unsrer großen Führerin neues Leben und frische Kraft spenden wird, den Kampf glorreich fortzuführen, den sie nun schon manches Jahrzehnt glorreich geführt hat.

 

 

„Parlamentarisierung"

Juli 1917

 

 

Franz Mehring:

Arbeiter und Arbeiterinnen!

[1]

Sommer 1917

[Spartakus im Kriege. Gesammelt und eingeleitet von Ernst Meyer, Berlin 1927, S. 139-141. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 741-743]

Der imperialistische Weltkrieg, den die verblendete Profitgier der herrschenden Klassen aller Länder heraufbeschworen hat, nimmt immer entsetzlichere Formen an.

Draußen ein grauenvoller Völkermord,

der jeden Schimmer menschlicher Gesittung abgestreift hat und Millionen blühender Menschenleben dahinrafft, ohne dass ihnen ein tröstender Gedanke die Sterbestunde erhellt!

Drinnen ein System von Unterdrückung,

wie es Deutschland seit den Tagen jener Karlsbader Beschlüsse nicht gekannt hat, auf denen seit 100 Jahren der Fluch der Nation lastet!

Eine Zensur, die an launenhafter Willkür die vormärzliche Zensur weitaus überbietet, knebelt jedes freie Wort. Die Vereins- und Versammlungsfreiheit ist selbst in der kümmerlichen Gestalt, die sie in Deutschland gewonnen hatte, zum Kinderspott geworden. Hunderte von deutschen Staatsbürgern liegen gefangen, ohne dass sie wochen- und monatelang auch nur erfahren, wessen sie angeklagt sind. Die Spitzel haben goldenere Tage als selbst in den Zeiten des Sozialistengesetzes.

Und während so die dunkelsten Erinnerungen der deutschen Vergangenheit heraufbeschworen werden, feiert dieselbe moderne Profitgier, die den Weltkrieg entzündet hat, auch im Innern Deutschlands ihre unheimlichen Feste. Ein

schamloser Lebensmittelwucher

macht das bleiche Gespenst des Hungers zum täglichen Gast in jeder Arbeiterfamilie. Die vielberühmte Bürokratie, die sich vor dem Kriege anmaßte, den „beschränkten Untertanenverstand" am Gängelband zu führen, erweist sich unfähig, dem Treiben der Wucherer zu steuern. Wenn aber je einmal einer dieser Schufte vor die gerichtlichen Schranken gerät, so kommt er mit Strafen davon, die die Volksmassen nur als Hohn auf ihre bittere Not empfinden.

Wehe aber denen, die sich gegen die empörenden Zustände, die der Weltkrieg geschaffen hat, in Schrift und Wort aufzulehnen wagen. Sie werden in „Schutzhaft" genommen, wie sich die russische Methode in Deutschland nennt, und verschwinden ohne Urteil und Recht hinter den schwedischen Gardinen. Oder sie verfallen einer

drakonischen Justiz,

wie Karl Liebknecht, der sich in wenigen Tagen vor dem Militärgericht wegen seiner eifrigen und uneigennützigen Propaganda für den Völkerfrieden zu verantworten haben wird.

Was ihm bevorsteht, verrät hinlänglich die amtliche, durch das Wolffsche Telegraphenbüro am 9. Juni verbreitete Notiz, wonach Liebknecht auf Grund des Paragraphen 89 des Strafgesetzbuches wegen versuchten Kriegsverrats angeklagt sein sollte. Nach diesem Paragraphen könnte im günstigsten Falle auf einen Tag Festungshaft, also eine sehr gelinde Strafe, erkannt werden. Tatsächlich enthält die amtliche Notiz eine wissentliche Unwahrheit, um das öffentliche Urteil zu betören. Karl Liebknecht ist auf Grund des Paragraphen 57 des Militärstrafgesetzes angeklagt, der eine

Mindeststrafe von zehn Jahren Zuchthaus

androht und im günstigsten Falle, wenn nur auf den versuchten Kriegsverrat erkannt wird, immer noch den vierten Teil dieser Strafe vorsieht, also zweieinhalb Jahre Zuchthaus!

Als im Jahre 1805 der deutsche Buchhändler Palm eine Schrift gegen die französische Fremdherrschaft herausgab, ließ ihn der Eroberer Napoleon vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen. Die brutale Tat empörte selbst die verschrumpftesten Philisterherzen. Aber was will der Fall Palm gegenüber dem Fall Liebknecht sagen? Heute will die deutsche Regierung einen

deutschen Reichstagsabgeordneten

wegen seiner Propaganda für den Völkerfrieden, deren lautere Beweggründe auch die gehässigsten Gegner Liebknechts nicht zu bestreiten wagen,

in das graue Kleid des Zuchthäuslers stecken,

ihn einer geistig und körperlich zerrüttenden Strafe mit all ihren entehrenden Folgen unterwerfen, ihn unfähig machen, seinen Beruf zu versehen und die Ehrenämter, die ihm das Vertrauen des Volkes verliehen hat. Aber was gilt das alles in den Tagen des imperialistischen Weltkrieges? Die Massen beginnen zu murren, und so muss ein Exempel statuiert werden.

Wohlan denn, Arbeiter und Arbeiterinnen, erhebt eure Stimme gegen den drohenden Justizmord! Vergesst nicht, dass der Fall Liebknecht euer eigener Fall ist, dass der Schlag, der ihn trifft, auch euch treffen soll. Erinnert euch des Wortes, das euch euer Dichter zugerufen hat:

Deiner Dränger Schar erblasst,

Wenn du müde deiner Last

In die Ecke lehnst den Pflug,

Wenn du rufst: es ist genug!

Dieser Ruf ist heute euer Programm, und wenn ihr danach handelt, kann euch auf die Dauer keine Macht der Welt widerstehen.

Nieder mit dem Belagerungszustand!

Nieder mit dem Kriege!

[1] Flugblatt Mehrings für Karl Liebknecht.

 

 

Franz Mehring:

Zum vierten Kriegsjahr

1. August 1917

 

 

Franz Mehring:

Versöhnungsschalmeien

16. August 1917

 

 

Franz Mehring:

Die Zersprengten und die Phalanx

3. Oktober 1917

 

 

Offenes Schreiben an die Bolschewiki

3. Juni 1918

 

 

Franz Mehring 

Die Bolschewiki und Wir 

IV
Die Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie

Werfen wir nun auch einen Blick auf die Tätigkeit der Sowjets, so macht sich freilich der Übelstand sehr fühlbar geltend, den wir schon in unserem ersten Artikel hervorgehoben haben: die Lückenhaftigkeit, Spärlichkeit und Unsicherheit der Nachrichten, die über die russischen Grenzen zu uns dringen.

Dabei sehen wir von vornherein schon von allen Tatarennachrichten ab. Aber wenn selbst ein sonst verständiger Mann wie Herr v. Gerlach in der Welt am Montag mit sittlicher Entrüstung zu melden weiß, daß Lenin mit „edler Unparteilichkeit“ von „englischen und deutschen Banditen“ gesprochen habe, so müssen wir gestehen, daß wir auch dadurch noch nicht besonders tief gerührt werden.

Ob Lenin wirklich eine solche Äußerung getan hat, können wir weder bestätigen noch bestreiten.

Am merkwürdigsten ist uns dabei, wie Leute, die sich überhaupt mit Lenins Reden beschäftigen – und er hat deren in letzter Zeit ja viele gehalten, von denen wir namentlich die große Rede über den Aufbau des sozialistischen Staates hervorheben möchten – auf den kuriosen Gedanken verfallen, darin nach heftigen oder doch kräftigen Ausdrücken zu suchen, wie nach Rosinen in einem Napfkuchen. Der böse Wille guckt dabei gar zu deutlich hervor. Wer sich nämlich auch nur mit einiger Unbefangenheit einen Überblick über die gegenwärtige in Rußland erscheinende revolutionäre Literatur, namentlich auch Zeitungsliteratur, zu verschaffen gesucht hat, wird unter dem genau entgegengesetzten, geraden mit Händen greifbaren Eindruck stehen, daß sich diese Literatur von der Literatur früherer revolutionärer Perioden (1793, 1830, 1848, 1871) in der Form durch eine auffallend mäßige und sachliche Sprache unterscheidet.

Wir sagen das keineswegs, weil wir auf den „guten Ton“ versessen sind und in ihm einen untrüglichen Maßstab für die Güte der Sache erblicken. Eher im Gegenteil! Um keinen Preis möchten wir auf die von revolutionärer Leidenschaft flammenden Artikel verzichten, wie sie Marx und Engels in der Neuen Rheinischen Zeitung veröffentlicht haben. Aber alles zu seiner Zeit! Nicht um dem Philister die Sowjetrepublik schmackhafter zu machen, sondern um sozusagen ihren historischen Ort zu bestimmen, heben wir die von allen Illusionen und Überschwenglichkeiten freie Sprache hervor, womit die Organe dieser Republik die Aufgaben erörtern, deren Lösung ihrer harrt. Sie verkennen die ungeheuren Schwierigkeiten nicht, die sie dabei zu bewältigen haben. Aber sie schrecken vor diesen Schwierigkeiten nicht zurück; sie gehen ihnen nicht mit irgendeiner Prahlerei als dem Wege, sondern rücken ihnen unverdrossen auf den Leib: „Möglich, daß wir nicht gleich das Richtige treffen, aber die Sache muß gemacht werden, und schließlich werden wir sie machen.“ Diese ruhige Sicherheit, die ebenso daraus entspringt, daß die russischen Revolutionäre sicheren Boden unter ihren Füßen fühlen, als auch daß sie aus den tiefsten Quellen der sozialistischen Wissenschaft schöpfen, gibt der Regierung der Sowjetrepublik das kennzeichnende Gepräge.

Diese in der Geschichte der Revolution ganz neue Erscheinung mag dem Revolutionsromantiker wegen des mitunter „trockenen Tons“ nicht besonders behagen, aber geschichtlich ist sie ein gewaltiger Fortschritt. Man entsinnt sich, daß, als die Kongresse der deutschen Sozialdemokratie aus ihren mehr lärmenden Anfängen in ein mehr nüchternes Fahrwasser hinüberglitten, ein kundiger Thebaner meinte: Nun werden die Leute endlich vernünftig, worauf ihm ein noch kundigerer Thebaner erwiderte: Im Gegenteil, nun geht die Geschichte erst recht los. Was damals im kleinen, gilt heute im großen. In den vier Kriegsjahren konnte man, dank der Politik der Regierungssozialisten, sich oft die verzweifelte Frage vorlegen, ob wir nicht ein halbes Jahrhundert rein um nichts und wieder nichts gearbeitet und gekämpft haben, aber wenn wir heute das Journal officiel der Pariser Kommune mit seinen Artikeln Debatten, Beschlüssen usw. zur Hand nehmen und damit die Artikel, Debatten, Beschlüsse usw. vergleichen, wie sie heute in der Sowjetrepublik erscheinen, so ist es eine Sache unschätzbaren Trostes, sich zu sagen, daß dies halbe Jahrhundert doch nicht frucht- und spurlos über die Häupter der internationalen Arbeiterbewegung dahingerauscht ist, sondern eine Frucht gezeitigt hat, die immerhin eine Reifezeit lohnt, wie ein halbes Jahrhundert sein mag.

Was sich daraus als Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie ergibt, braucht es erst gesagt zu werden? Selbst wenn man von allem Sozialismus absieht, muß schon jeder, der einen demokratischen Verständigungsfrieden nicht bloß mit dem Maule wünscht, die Befestigung und Erhaltung der bolschewistischen Herrschaft in Rußland aufs dringendste zu fördern suchen; von einem solchen Frieden unaufhörlich zu schwatzen und dabei einen dicken Trennungsstrich zwischen sich und die Bolschewiki zu ziehen ist der Gipfel jener hoffnungslosen Konfusion, den nur Scheidemann und seine Gefolgschaft zu erklimmen vermag. Die Bolschewiki sind die einzige russische Partei, die vollkommen Bürgschaft für einen demokratischen Verständigungsfrieden bietet, die vollkommen hieb- und stichfest ist gegen allen und jeden Imperialismus, gegen den englischen Imperialismus nicht minder als gegen den deutschen.

Indessen für die deutsche Sozialdemokratie gibt es noch ganz andre Gründe und Rücksichten, wobei wir noch gar nicht einmal den Umstand mitrechnen, daß die Sowjetrepublik ja eine befreundete Macht des Deutschen Reiches ist. Halten sich die Bolschewiki in Rußland, so ist trotz alledem ein Erfolg errungen, der über alte Enttäuschungen der letzten Jahre hinwegzuhelfen vermag; unterliegen sie, so mag es an der Zeit sein, daß die Toten ihre Toten begraben und ein oder ein paar Menschenalter hindurch nur noch mit einem Achselzucken von dem internationalen Sozialismus gesprochen werden kann.

 

 

Protest Franz Mehrings

vom 12. September 1914

gegen die Versuche rechter Sozialdemokraten, ihre Haltung durch demagogische Berufung auf Friedrich Engels zu rechtfertigen

Ein Protest

In der heutigen Nummer des „Vorwärts“ ist die tief betrübende Tatsache erwähnt worden, daß die sozialdemokratischen Parteien in den neutralen Ländern über die Haltung der Sozialdemokratie in dem gegenwärtigen Weltkriege ungünstig urteilen. Es ist gewiß geboten, daß der „Vorwärts“ aus leicht begreiflichen Gründen auf eine Diskussion darüber verzichtet, und eine Diskussion soll auch nicht im entferntesten mit diesen Zeilen versucht, sondern es soll nur aus einem bestimmten Anlaß die Pflicht der deutschen Sozialdemokratie betont werden, alles zu vermeiden, was das ungünstige Urteil der ausländischen Schwesterparteien bestätigen könnte.

Der deutsche Parteivorstand hat sich in seiner Antwort auf den Aufruf, den das Exekutivkomitee des Internationalen Sozialistischen Büros an das deutsche Volk erlassen hat [1], in den Grenzen einer notgedrungenen Abwehr gehalten, zumal durch den Satz, daß für eine fruchtbringende Auseinandersetzung über die Haltung der einzelnen Mächte in den Tagen vor dem Kriegsausbruch ein Beweismaterial nirgends lückenlos vorliege. Jedoch überschreitet ein Teil der Parteipresse die gebotenen Grenzen, indem er die Antwort des Parteivorstandes durch einige Sätze zu verstärken sucht, die er aus einem Artikel herausreißt, den Friedrich Engels vor mehr als zwanzig Jahren in der „Neuen Zeit“ veröffentlicht hat [2]. Diese Sätze sollen auf die heutige Situation bis auf die letzte Silbe zutreffen und die Taktik der Sozialdemokratie in dem gegenwärtigen Weltkriege vollkommen rechtfertigen.

Gegen diese Beweisführung muß der entschiedenste Protest erhoben werden. Was Engels für den Fall eines gleichzeitigen französischen und russischen Krieges mit Deutschland erwartete und wünschte, hat er seit dem Jahre 1859 wiederholt in unzweideutigster Weise ausgesprochen. Heute läßt es sich aus den bekannten Gründen nicht einmal andeutungsweise wiederholen. Man kann nur soviel sagen, daß die Voraussetzung, aus der Engels seine Schlußfolgerungen zog, heute nicht nur nicht bis auf die letzte, sondern nicht einmal bis auf die erste Silbe zutrifft, vielmehr das gerade Gegenteil des Zustandes ist, wie er gegenwärtig besteht. Das würde sofort auch dem oberflächlichsten Leser einleuchten, wenn es möglich wäre, den oder die Artikel von Engels in ihrem vollen Wortlaut zu veröffentlichen.

Da dies unmöglich ist, so soll man auch darauf verzichten, mit Sätzen zu operieren, die aus dem gedanklichen Zusammenhange dieser Artikel herausgerissen sind. Tun wir es dennoch, so dürfen wir uns nicht beschweren, wenn unsere Gesinnungsgenossen im Auslande, mit gleichem Recht oder Unrecht, ebenfalls durch herausgerissene Sätze aus denselben Artikeln ihre Behauptung zu erweisen suchen, daß die deutsche Sozialdemokratie den Forderungen eines weltgeschichtlichen Augenblicks nicht gerecht zu werden verstanden hat.

Es gibt des Traurigen genug in dem vorläufigen Zusammenbruch der Internationale, als daß wir uns einen ebenso unfruchtbaren wie widerwärtigen Streit nicht ersparen sollten.

Steglitz-Berlin, 12. September 1914

F. Mehring

[1] [Anmerkung des Herausgeber] Am 9. September 1914 gab der Vorstand der SPD eine Erklärung ab, in der er einen in der ausländischen Presse ohne vorherige Absprache mit ihm veröffentlichten Aufruf des Exekutivkomitees des Internationalen Sozialistischen Büros und des Vorstandes der französischen sozialistischen Partei an das deutsche Volk als einseitig, im Sinne der französischen Regierung gehalten, zurückwies. Siehe „Vorwärts“, Nr. 247 vom 10. September 1914.

[2] [Anmerkung des Herausgeber] Gemeint ist „Der Sozialismus in Deutschland“; „Die Neue Zeit“, X. Jahrgang (1891/92), Bd. I, S. 580-587.

 


Quellen :

— „Vorwärts“, Nr. 250 vom 15. September 1914 

 

 

Franz Mehring:

Tragik oder Unvernunft?

19. Dezember 1917

[Leipziger Volkszeitung, Nr. 295, 19. Dezember 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 755-757]

 

In ihrer Nummer 293 vom 17. des Monats druckt die „Leipziger Volkszeitung" – nicht ohne Vorbehalt – einen Artikel A. Steins ab, der lebhafte Anklagen gegen die Politik der Bolschewiki enthält. Es kann weder noch soll bestritten werden, dass dieser Artikel ein Echo der lebhaften Sorgen ist, die Lenins und Trotzkis Vorgehen allerdings in den Kreisen der Unabhängigen Sozialdemokratie erregt hat und noch immer erregt. Es kann auch weder noch soll versucht werden, alle Bedenken zu zerstreuen, die in dieser Beziehung entstanden sind; denn dazu fehlt uns das tatsächliche Material. Die „Leipziger Volkszeitung" hat ja schon in der Vorbemerkung der Redaktion zu A. Steins Artikel die „sehr mangelhaften Informationen" hervorgehoben, die wir über die russischen Zustände besitzen.

Zu einer gewissen Vorsicht des Urteils drängt schon die Tatsache, dass der einzige Missgriff der Bolschewiki, den wir vom deutschen Standpunkt aus mit einiger Sicherheit beurteilen können, eher von einer zu großen Vertrauensseligkeit als von einem rücksichtslosen Terrorismus zeugt. Wir meinen ihren Konnex mit den Scheidemännern, die diesen wackeren Patrioten einen ausgiebigen Schwindel ermöglichte und die prinzipientreuen Sozialdemokraten zuerst kopfscheu gegen die Bolschewiki machte. Jedoch hat auch hier die genauere Aufklärung zu ihrer wesentlichen Entlastung geführt, wie ja die „Leipziger Volkszeitung" an anderer Stelle derselben Nummer darlegt, an deren Spitze sich der Artikel A. Steins befindet.

Was nun diesen Artikel anbetrifft, so macht schon seine Überschrift unsres Erachtens der bürgerlichen Auffassung ein zu großes Zugeständnis. Von jeher ist der revolutionäre Terrorismus mit dem reaktionären Argument bekämpft worden, dass eine demokratische Partei, die in den Besitz der Macht gelange, damit anfange, „den Grundsätzen der Demokratie ins Gesicht zu schlagen". Diese nachgerade etwas wohlfeile Beweisführung sollte man doch billig den bürgerlichen Gegnern überlassen. Will man das augenblickliche Problem der Bolschewiki in eine kurze Formel fassen, so lautet es nicht: Demokratie oder Diktatur?, sondern: Tragik oder Unvernunft? Das heißt mit andern Worten: Haben die Lenin und Trotzki, die sich seit langen Jahren oder selbst Jahrzehnten als tapfere und einsichtsvolle Vorkämpfer des Proletariats bewährt haben, plötzlich ihre Vernunft verloren, oder sind sie gerade durch ihre und ihrer Anhänger revolutionäre Energie in eine tragische Lage geraten, die sie zwingt, manches zu tun und manches zu unterlassen, was sie nicht tun oder was sie nicht unterlassen würden, wenn sie freie Herren ihrer Entschlüsse wären?

Nun zitiert A. Stein eine Erklärung Losowskis, worin wörtlich gesagt wird, dass Lenin und Trotzki „entgegen aller Vernunft" handelten und als Marxisten nicht mit den objektiven Verhältnissen rechnen wollten, die ihnen angesichts der drohenden Gefahr des Zusammenbruchs die sofortige Einstellung des Kampfes innerhalb der revolutionären Demokratie zum gemeinsamen Kampf gegen die Gegenrevolution zur Pflicht machten. Marxisten werden sich aber erinnern, dass ähnliche Vorwurf ein einer ähnlichen Situation schon gegen – Marx selbst gerichtet worden sind. 1848 standen Marx und Engels in einem noch wesentlich Ackerbau treibenden Lande an der Spitze der revolutionärsten Partei, deren Sieg an die Voraussetzung einer entwickelten Großindustrie und eines modernen Massenproletariats geknüpft war. Sie haben aber taube Ohren gehabt für die Aufforderung, verschmolzen mit andern demokratischen oder sozialistischen Parteien den gemeinsamen Feind zu bekämpfen, und wenn sie auch nicht zur Macht gelangt sind, so haben sie doch – jede Nummer der „Neuen Rheinischen Zeitung" beweist es – für den Fall ihres Sieges „nur ein Mittel" ins Auge gefasst, „die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel – den revolutionären Terrorismus " [1].

Haben sie deshalb mit den „objektiven Verhältnissen nicht zu rechnen verstanden", um eine Redewendung zu gebrauchen, die wieder bedenklich nach echt bürgerlicher Phraseologie schmeckt? O doch; sie wussten nur, dass sich mit einer Revolution nicht so bequem und einfach wie mit dem Einmaleins „rechnen" lässt. Als sie im Anfange der fünfziger Jahre ein Wiedererwachen der Revolution erwarteten, schrieb Engels an Weydemeyer:

In der Praxis werden wir wie immer darauf reduziert sein, vor allem auf resolute Maßregeln und absolute Rücksichtslosigkeit zu drängen. Und da liegt das Pech. Mir ahnt so was, als ob unsre Partei, dank der Ratlosigkeit und Schlaffheit aller andern, eines schönen Morgens an die Regierung forciert werde, um schließlich doch die Sachen durchzuführen, die nicht direkt in unsrem, sondern im allgemein revolutionären und spezifisch kleinbürgerlichen Interesse sind; bei welcher Gelegenheit man dann, durch den proletarischen Populus getrieben, durch seine eignen, mehr oder weniger falsch gedeuteten, mehr oder weniger leidenschaftlich im Parteikampf voran gedrängten, gedruckten Aussprüche und Pläne gebunden, genötigt wird, kommunistische Experimente und Sprünge zu machen, von denen man selbst am besten weiß, wie unzeitig sie sind. Dabei verliert man dann den Kopf – hoffentlich nur physiquement parlant (im physischen Sinne) – eine Reaktion tritt ein, und bis die Welt imstande ist, ein historisches Urteil über so was zu fällen, gilt man nicht nur für eine Bestie, was Wurst wäre, sondern auch für bête (dumm), und das ist viel schlimmer." [2]

Diese Gesichtspunkte sollten wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir – bei unzureichender Kenntnis der Sachlage – über Handlungen der Bolschewiki urteilen, die uns unrichtig, unzeitig und selbst verhängnisvoll erscheinen, vielleicht auch alles das sind. Möglich, dass ihr Sieg nur den Gipfel einer Tragödie bedeutet. Sicher, dass ihre revolutionären Kämpfe nicht damit enden werden, ein Spott der Philister zu werden.

gez. : Franz Mehring

 

1 Karl Marx: Sieg der Kontrerevolution zu Wien. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 5, S. 457.

2 Engels an Joseph Weydemeyer in New York, 12. April 1853. In: Ebenda, Bd. 28, S. 580.

 

 

Franz Mehring:

Neujahr 1918

31. Dezember 1917

[Leipziger Volkszeitung, Nr. 303, 31. Dezember 1917. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 758-760]

 

Ein Glück, dass dem menschlichen Auge die Zukunft verschleiert ist!

Hätte es im Beginn des eben verflossenen Jahres voraussehen können, dass an dessen Schluss ernsthafte Friedensverhandlungen stattfinden würden, mit welchen Hoffnungen hätte die sorgende Menschheit sich seit zwölf Monaten getröstet, um heute der grausamsten Enttäuschung zu verfallen! Denn wir wissen alle, dass die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk den allgemeinen Frieden der Völker nicht bringen, sondern nur – auch wenn sie gelingen und dann erst recht – einen neuen und vielleicht noch entsetzlicheren Abschnitt des Weltkrieges einleiten werden.

Ähnliche Aussichten in eine trübe Zukunft quälten den Altmeister der deutschen Philosophie, als im Jahre 1795 der altpreußische Staat den Baseler Frieden [1] mit der Französischen Revolution geschlossen hatte. Kant schrieb damals seinen „Philosophischen Entwurf zum ewigen Frieden", und an die Spitze der Bürgschaften, die er für einen dauernden Frieden verlangte, stellte er – noch vor dem Verbote der stehenden Heere und der Kriegsanleihen – die Forderung, dass kein Friedensschluss für einen solchen gelten solle, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden sei. Kant wollte den Baseler Frieden überhaupt nicht als Frieden anerkennen, und wie richtig er darin sah, hat er zwar nicht mehr selbst erlebt, aber nachdem sich der altpreußische Staat zehn Jahre in dem tiefen Wahne gewiegt hatte, dass er der Französischen Revolution in Basel ein für allemal ein Ende gemacht habe, musste er schließlich ein bitteres Erwachen erleben.

Da sich die Geschichte niemals wiederholt, so wäre es ein verfehltes Beginnen, in allem und jedem eine Parallele zu ziehen zwischen dem Frieden, den der preußische Staat in Basel mit der französischen Republik geschlossen hat, und dem Frieden, den das neupreußische Reich in Brest-Litowsk mit der russischen Revolution zu schließen bereit ist. Die Erinnerung an Basel ist nur dazu geeignet, den Übermut der einen zu dämpfen, die sich einbilden, durch einen Sonderfrieden würde Mitteleuropa dem Einfluss der russischen Umwälzung für immer entzogen, als auch den Kleinmut der andern zu zerstreuen, die dem Wahne huldigen, durch einen Sonderfrieden entleibe die russische Revolution sich selbst.

Der Übermut der einen trifft sowenig zu wie der Kleinmut der andern. Revolutionen haben einen langen Atem, wenn es wirkliche Revolutionen sind; die englische Revolution des siebzehnten, die Französische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts haben jede etwa vierzig Jahre gebraucht, um sich auszuwirken, und wie – man möchte fast sagen ins winzige – schrumpfen die Aufgaben, die die englische und selbst noch die Französische Revolution zu lösen hatten, vor den ungeheuren Problemen zusammen, mit denen die russische Revolution ringen muss. Für sie gibt es kein Zurück mehr, sondern nur ein Vorwärts, und wenn erst ein oder ein paar Jahre, ein oder ein paar Jahrzehnte die Massen des gewaltigsten Reichs ins Glühen gebracht haben, dann wird ihr heißer Hauch manchen ehernen Felsen schmelzen, der sich heute noch unerschütterlich dünkt. Dann wird den Diplomaten, deren Scherzworte über die Unbehilflichkeit der russischen Unterhändler in Brest-Litowsk in patriotischen Kreisen kursieren, das Lachen vergehen, und die Revolutionsphilister, die auch in revolutionären Tagen die Mittagssuppe punkt zwölf Uhr auf ihrem Tisch sehen wollen, werden lange Gesichter machen.

Auf der andern Seite sind die Revolutionsromantiker zwar nicht so langweilig und ledern wie die Revolutionsphilister, aber im „Luftreich des Traums" weilen sie mitunter doch gar zu gern. Weil sie sich einbilden, in revolutionären Zeiten gehe es immer hoch und herrlich zu und in ihnen verzichtet die Menschheit auf ihr unveräußerliches Menschenrecht, Dummheiten zu machen, so sind sie nur allzu geneigt, die Flinte ins Korn zu werfen, wenn Revolutionäre sich nicht immer so gescheit benehmen, wie die sieben Weisen Griechenlands. Gewiss ist es zu beklagen, wenn sich die russische Revolution zu einem Sonderfrieden mit den Mittelmächten bereit erklärt, statt an ihrem ursprünglichen Programm des allgemeinen und demokratischen Friedens festzuhalten, der durch den Sonderfrieden in unbestimmte Ferne verschoben wird, aber trifft sie daran die Schuld oder gar die alleinige Schuld? Hat sie nicht in feierlichen Aufrufen an die Massen der kriegführenden Völker erklärt, allein könne sie den allgemeinen und demokratischen Frieden nicht schaffen, und wenn nun ihr Hilferuf spurlos verhallt, soll sie sich nunmehr entschließen, hilflos in einem Blutmeer zu ertrinken?

Der Revolutionsromantiker antwortet vielleicht: Ja. Aber dann mutet er der russischen Revolution Übermenschliches zu, wie es noch keine Revolution vollbracht hat. Die Heere der Französischen Revolution überschwemmten zwar das europäische Festland mit dem Rufe: Krieg den Palästen und Friede den Hütten; sie behaupteten, den Nachbarvölkern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Morgengabe zu bringen, aber schließlich kämpften sie nur um Haupt und Leben ihrer eigenen Revolution, und am wenigsten war der Baseler Friede eine Probe revolutionärer Opfertätigkeit und Uneigennützigkeit. Was die russische Revolution durch einen Sonderfrieden mit den Mittelmächten fehlen mag, das wird sie zu büßen haben, aber umkommen wird sie daran nicht. So grausam die Enttäuschung sein mag, die sie der friedensdurstigen Welt dadurch bereitet, sowenig dürfen wir uns entmutigen lassen und an ihrer Zukunft verzweifeln, die auch unsre Zukunft ist.

Deshalb wäre es verfehlt, die Schwelle des neuen Jahres mit trübseligen Gedanken zu überschreiten, mag schon die Fortdauer des grauenvollen Weltkrieges jedes fühlende Menschenherz zusammenschnüren. Die russische Revolution hat das Signal einer besseren Zukunft gegeben, und je mehr Hindernisse sich uns auf dem Wege zu dieser Zukunft entgegentürmen, um so mehr gilt es, nicht vor ihnen zurückzuschrecken, um so mehr ' heißt es, sich anstrengen, um sie zu überwinden.

Für den prinzipientreuen Sozialisten ist der Weg, den er zu gehen hat, klar vorgezeichnet, und jeder Enttäuschung wird er nur das alte erprobte Trutzwort entgegensetzen: Trotz alledem und alledem!

gez.: Franz Mehring

[1] Im Frieden von Basel am 5. April 1795 zwischen der Französischen Republik und Preußen schied Preußen aus dem Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich aus. Es wollte seine Kräfte frei haben für die beabsichtigten Annexionen bei der 3. Teilung Polens. Preußen trat seine linksrheinischen Gebiete an Frankreich unter der Bedingung ab, sich später an den rechtsrheinischen geistlichen Territorien schadlos halten zu können. Ein Zusatzabkommen erklärte Deutschland nördlich der Mainlinie und den Fränkischen Reichskreis für neutral.

 

 

 

Engels an Franz Mehring,

Brief vom 14. Juli 1893

Friedrich Engels

1897

Seitenzahlen in diesem Text beziehen sich auf die Veröffentlichung in Friedrich EngelsWerke, Band 39.
Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Dietz-Verlag Berlin, 1968 S. 96-101

96>

London, 14.Juli 93

Lieber Herr Mehring,

Erst heute komme ich dazu, Ihnen für die mir gütigst zugesandte „Lessing-Legende" zu danken. Ich wollte Ihnen nicht eine bloß' formelle Empfangsanzeige des Buchs schicken, sondern Ihnen auch gleichzeitig etwas darüber - über seinen Inhalt - sagen. Daher die Verzögerung.

Ich fange an mit dem Ende - dem Anhang „Über den historischen Materialismus", worin Sie die Haupttatsachen vortrefflich und für jeden Unbefangnen überzeugend zusammengestellt haben. Wenn ich etwas aus­zusetzen finde, ist es, daß Sie mir mehr Verdienst zuschreiben als mir zu­kommt, selbst wenn ich alles einrechne, was ich möglicherweise selbständig ausgefunden hätte - mit der Zeit -, was aber Marx bei seinem rascheren coup d'oeil und weiteren Überblick viel schneller entdeckte. Wenn man das Glück hatte, vierzig Jahre lang mit einem Mann wie Marx zusammen­zuarbeiten, so wird man bei dessen Lebzeiten gewöhnlich nicht so an­erkannt, wie man es zu verdienen glaubt; stirbt dann der Größere, so wird der Geringere leicht überschätzt - und das scheint mir grade jetzt mein Fall zu sein; die Geschichte wird das alles schließlich in Ordnung bringen, und bis dahin ist man glücklich um die Ecke und weiß nichts mehr von nichts.

Sonst fehlt nur noch ein Punkt, der aber auch in den Sachen von Marx und mir regelmäßig nicht genug hervorgehoben ist und in Beziehung auf den uns alle gleiche Schuld trifft. Nämlich wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen ver­nachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat denn den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständ­nissen resp. Entstellungen gegeben, wovon Paul Barth ein schlagendes Exempel. 1<97>Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigent­lichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. schein­bare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eignen oder dem seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbe­sehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.

Der historische Ideolog (historisch soll hier einfach zusammenfassend stehn für politisch, juristisch, philosophisch, theologisch, kurz für alle Gebiete, die der Gesellschaft angehören und nicht bloß der Natur) - der historische Ideolog hat also auf jedem wissenschaftlichen Gebiet einen Stoff, der sich selbständig aus dem Denken früherer Generationen gebildet und im Gehirn dieser einander folgenden Generationen eine selbständige, eigne Entwicklungsreihe durchgemacht hat. Allerdings mögen äußere Tatsachen, die dem eignen oder ändern Gebieten angehören, mitbestimmend auf diese Entwicklung eingewirkt haben, aber diese Tatsachen sind nach der stillschweigenden Voraussetzung ja selbst wieder bloße Früchte eines Denkprozesses, und so bleiben wir immer noch im Bereich des bloßen Denkens, das selbst die härtesten Tatsachen anscheinend glücklich verdaut hat.

Es ist dieser Schein einer selbständigen Geschichte der Staatsverfassun­gen, der Rechtssysteme, der ideologischen Vorstellungen auf jedem Sonder­gebiet, der die meisten Leute vor allem blendet. Wenn Luther und Calvin die offizielle katholische Religion, wenn Hegel den Fichte und Kant, Rousseau indirekt mit seinem republikanischen „Contrat social" den kon­stitutionellen Montesquieu „überwindet", so ist das ein Vorgang, der inner­halb der Theologie, der Philosophie, der Staatswissenschaft bleibt, eine Etappe in der Geschichte dieser Denkgebiete darstellt und gar nicht aus dem Denkgebiet hinauskommt. Und seitdem die bürgerliche Illusion von der Ewigkeit und Letztinstanzlichkeit der kapitalistischen Produktion dazu­gekommen, gilt ja sogar die Überwindung der Merkantilisten durch die Physiokraten und A.Smith für einen bloßen Sieg des Gedankens; nicht für den Gedankenreflex veränderter ökonomischer Tatsachen, sondern für die endlich errungene richtige Einsicht in stets und überall bestehende tatsäch­liche Bedingungen; hätten Richard Löwenherz und Philippe Auguste den <98>Freihandel eingeführt, statt sich in Kreuzzüge zu verwickeln, so blieben uns fünfhundert Jahre Elend und Dummheit erspart.

Diese Seite der Sache, die ich hier nur andeuten kann, haben wir, glaube ich, alle mehr vernachlässigt, als sie verdient. Es ist die alte Geschichte: Im Anfang wird stets die Form über den Inhalt vernachlässigt. Wie gesagt, ich habe das ebenfalls getan, und der Fehler ist mir immer erst post festum aufgestoßen. Ich bin also nicht nur weit entfernt davon, Ihnen irgendeinen Vorwurf daraus zu machen - dazu bin ich als älterer Mitschuldiger ja gar nicht berechtigt, im Gegenteil -, aber ich möchte Sie doch für die Zukunft auf diesen Punkt aufmerksam machen.

Damit zusammen hängt auch die blödsinnige Vorstellung der Ideologen: Weil wir den verschiednen ideologischen Sphären, die in der Geschichte eine Rolle spielen, eine selbständige historische Entwicklung absprechen, sprächen wir ihnen auch jede historische Wirksamkeit ab. Es liegt hier die ordinäre undialektische Vorstellung von Ursache und Wirkung als starr einander entgegengesetzten Polen zugrunde, die absolute Vergessung der Wechselwirkung. Daß ein historisches Moment, sobald es einmal durch andre, schließlich ökonomische Ursachen, in die Welt gesetzt, nun auch reagiert, auf seine Umgebung und selbst seine eignen Ursachen zurück­wirken kann, vergessen die Herren oft fast absichtlich. So Barth z.B. bei Priesterstand und Religion, S. 475 bei Ihnen. Über Ihre Abfertigung dieses über alle Erwartung flachen Burschen habe ich mich sehr gefreut. Und den Mann machen sie zum Geschichtsprofessor in Leipzig! Da war doch der alte Wachsmuth, der auch flach von Hirnkasten war, aber einen sehr großen Sinn für Tatsachen hatte, ein ganz andrer Kerl.

Im übrigen kann ich von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der „N[euen] Z[eit]" erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge ent­wickelnde. Man bedauert nur, daß Sie nicht auch gleich die ganze Weiter­entwicklung bis auf Bismarck haben mit hineinnehmen können, und hofft unwillkürlich, daß Sie dies ein andermal tun und das Gesamtbild im Zu­sammenhang darstellen werden vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm bis zum alten Wilhelm. Sie haben ja doch die Vorstudien einmal gemacht und wenigstens der Hauptsache nach so gut wie beendigt. Und gemacht werden muß es ja doch einmal, ehe der Rumpelkasten zusammenbricht; die <99>Auflösung der monarchisch-patriotischen Legenden ist, wenn auch nicht grade eine notwendige Voraussetzung der Beseitigung der die Klassenherr­schaft deckenden Monarchie (da eine reine, bürgerliche Republik in Deutsch­land überholt ist, ehe sie zustande kam), aber doch einer der wirksamsten Hebel dazu.

Dann werden Sie auch mehr Raum und Gelegenheit haben, die preu­ßische Lokalgeschichte als Stück der deutschen Gesamtmisere darzustellen. Es ist das der Punkt, wo ich von Ihrer Auffassung hier und da etwas ab­weiche, namentlich in der Auffassung der Vorbedingungen der Zersplitte­rung Deutschlands und des Fehlschlagens der deutschen bürgerlichen Re­volution des 16. Jahrhunderts. Wenn ich dahin komme, die historische Ein­leitung zu meinem „Bauernkrieg" neu zu bearbeiten, was, wie ich hoffe, nächsten Winter geschieht, dann werde ich die bezüglichen Punkte dort entwickeln können.2 Nicht daß ich die von Ihnen angegebnen für un­richtig hielte, aber ich stelle andre daneben und gruppiere etwas anders.

Beim Studium der deutschen Geschichte - die ja eine einzige fort­laufende Misère darstellt - habe ich immer gefunden, daß das Vergleichen der entsprechenden französischen Epochen erst den rechten Maßstab gibt, weil dort das grade Gegenteil von dem geschieht, was bei uns. Dort die Herstellung des Nationalstaats aus den disjectis membris des Feudalstaats, grade als bei uns der Hauptverfall. Dort eine seltne objektive Logik in dem ganzen Verlauf des Prozesses, bei uns öde und stets ödere Zerfahrenheit. Dort repräsentiert der englische Eroberer im Mittelalter in seiner Ein­mischung zugunsten der provenzalischen Nationalität gegen die nord­französische die fremde Einmischung; die Engländerkriege stellen sozu­sagen den 30jährigen Krieg vor, der aber mit der Vertreibung der aus­ländischen Einmischung und der Unterwerfung des Südens unter den Norden endigt. Dann kommt der Kampf der Zentralmacht mit dem sich auf ausländische Besitzungen stützenden burgundischen Vasallen, der die Rolle von Brandenburg-Preußen spielt, der aber mit dem Sieg der Zentral­macht endigt und die Herstellung des Nationalstaats endgültig macht. Und grade in dem Moment bricht bei uns der Nationalstaat vollständig zusammen (soweit man das „deutsche Königtum" innerhalb des Heiligen Römischen Reichs einen Nationalstaat nennen kann) und die Plünderung deutsches Gebiets auf großem Maßstab fängt an. Es ist ein im höchsten Grad für den Deutschen beschämender Vergleich, aber eben darum um so lehrreicher, und seitdem unsre Arbeiter Deutschland wieder in die erste <100 Reihe der geschichtlichen Bewegung gestellt haben, können wir die Schmach der Vergangenheit etwas leichter schlucken.

Ganz besonders bezeichnend für die deutsche Entwicklung ist noch, daß die beiden Teilstaaten, die schließlich ganz Deutschland unter sich ge-teilt, beides keine rein deutschen, sondern Kolonien auf erobertem slawischem Gebiet sind: Österreich eine bayrische, Brandenburg eine sächsische Kolo­nie, und daß sie sich Macht in Deutschland verschafft haben nur dadurch, daß sie sich auf fremden, undeutschen Besitz stützten: Österreich auf Ungarn (von Böhmen nicht zu sprechen), Brandenburg auf Preußen. An der am meisten bedrohten Westgrenze fand so was nicht statt, an der Nord­grenze überließ man den Dänen, Deutschland gegen die Dänen zu schützen, und im Süden war so wenig zu schützen, daß die Grenzwächter, die Schweizer, sich sogar selbst von Deutschland losreißen konnten!

Doch ich gerate auf allerhand Allotria - lassen Sie sich dies Gerede wenigstens zum Beweis dienen, wie anregend Ihre Arbeit auf mich wirkt.

Nochmals herzlichen Dank und Gruß von

Ihrem

F. Engels

1  Paul Barth: "Die Geschichtsphilosophie Hegel's und der Hegelianer bis auf Marx und Hartmann. Ein kritischer Versuch", Leipzig 1890.

2  Engels hat die Zeit nicht gefunden, seine Schrift "Der deutsche Bauernkrieg" neu zu bearbeiten und zu erweitern. Notizen dazu finden sich in unserem Archiv in den Artikeln [Über den Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie] von 1984 und Zum "Bauernkrieg" ebenfalls 1884 geschrieben

 

 

Aus den Briefen Rosa Luxemburgs an Franz Mehring

(zum Gedächtnis Franz Mehrings; gestorben 29. Januar 1919)

von F. Schwabe.

Quelle: "Die Internationale" - Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus; Jahrgang 1923, Seite 67