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100. Todestag
5. Juni 1919


23. Mai 1883 St. Petersburg (Rußland) - 5. Juni 1919 München

"Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub"

Eugen Leviné 

Führer der revolutionären Arbeiterklasse in der Bayerischen Räterepublik 

"Es lebe die Weltrevolution"

Als Eugen Leviné vor Gericht gestellt und wegen Hochverrats angeklagt wurde, war er gerade sechsunddreißig Jahre alt geworden. Am 3. Juni 1919 verurteilte das Standgericht München Leviné zum Tode. Zwei Tage später wurde er im Gefängnis Stadelheim erschossen. 

Am 5. Juni 1919 wurde der KPD-Führer der sozialistischen, bayrischen Räterepublik, Eugen Leviné, von einem Erschießungskommando hingerichtet. Er starb mit dem Ruf

"Es lebe die Weltrevolution !",

- was auch die Losung

der sozialistischen Räterepublik Bayerns gewesen war. 

In vielen Städten Deutschlands traten Arbeiter gegen den Justizmord in einen eintägigen Generalstreik.

Eugen Leviné stammt aus einer russischen Kaufmannsfamilie, wächst in Deutschland auf, studiert Jura und Natinalökonomie. 1905 geht er nach Russland, um an der Revolution teilzunehmen. Er wird verhaftet und inhaftiert, kann 1909 nach Deutschland zurückkehren. Im Ersten Weltkrieg ist er Mitbegründer des Spartakusbundes, ab Anfang 1919 gehört er zur Spitze der KPD. Im März wird er von der Parteizentrale nach München geschickt. Am 13. April 1919 wird er zusammen mit Max Levien Vorsitzender der zweiten, kommunistischen Räterepublik, die Anfang Mai blutig von Reichswehr und Freikorps nieder geschlagen wird. Eugen Leviné wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 5. Juni im Gefängnis Stadelheim erschossen. Seine letzten Worte waren: 

„Für die Weltrevolution!“ 

USPD, KPD; 1905 Teilnahme an der Russischen Revolution, 1919 Vorsitzender des Vollzugsrat der Kommunistischen Räterepublik in München

Eugen Leviné agierte nach der Novemberrevolution 1918 im Auftrag des Spartakusbundes im Rheinland, Berlin, Braunschweig und im Ruhrgebiet, bevor er im März 1919 nach München kam und dort die Leitung der KPD von Max Levien übernahm. Nachdem Truppen der Regierung Hoffmann am 13. April 1919 die erste Räterepublik beseitigt hatten, nutzte Leviné das entstandene Machtvakuum und proklamierte die zweite Räterepublik nach sowjetrussischem Vorbild. Nach der Niederschlagung der kommunistischen Räterepublik wurde Leviné am 13. Mai 1919 verhaftet und zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde am 5. Juni 1919 vollstreckt.

 

 

Clara Zetkin

Die Räterepublik München war für die Hüter der kapitalistischen Ordnung eine "nationale" Sache. Für das Proletariat blieb sie trotz mancher schönen Sympathieerklärung eine "lokale" Angelegenheit der Münchener. Lernen wir von den Feinden !

Ungleich Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Leo Jogiches wurde er nicht gemordet und gemeuchelt, sondern "gerichtet". Doch der Unterschied ist nur in der Form, nicht im Wesen. In Wirklichkeit wurde auch an Leviné ein Mord verübt, dessen Tücke und Feigheit das dünne Rechtsmäntelchen des geschichtlichen Verfahrens hervor treten lässt und nicht verhüllt. Die Kugeln, die Leviné laut dem Urteil einer abscheulichen Gerichtskomödie nieder streckten, trafen tödlich das bürgerliche Recht und nicht den kommunistischen Kämpfer.

In tiefer Dankbarkeit gedenken wir Leo Jogiches und Eugen Leviné's, die beiden "Landfremden", die wie die "russisch-polnische Jüdin" Rosa Luxemburg sich durch Arbeit und Kampf unveräußerliches Heimatrecht in jedem deutschen Proletarierherz erworben haben, das für die Freiheit schlägt. Ihr blutiges Sterben hat nur die Urkunde darüber untersiegelt. Diese "Landfremden" waren internationale Sozialisten im wahrsten Sinne des Wortes. Der bürgerliche Patriot hat bekanntlich sein Vaterland da, wo es ihm gut geht, kapitalistisch gesagt: wo er ausbeuten und genießen kann. Die "Spartakisten" fanden ihr Vaterland dort, wo der Sozialismus ihre Kraft, ihr Leben einforderte. Die Namen von Leo Jogiches und Eugen Leviné stehen unverwischbar in der Revolutionsgeschichte zweier Länder.

Eugen Leviné hilft 1905 in Russland die Schlachten schlagen und muss dafür im Kerker büßen. In Deutschland wirft er die Vorteile reicher Geburt und umfassender Studien von sich, hängt den Akademiker an den Nagel und stellt sich als schlichter Proletarier an den Schraubstock. Er durchmisst mit Weib und Kind dern tiefen Abgrund proletarischen Klassenelends, durchmisst ihn mit verfeinerten Sinnen und empfindsamer Seele. Eugen Leviné hält tapfer stand. Denn seiner Auffassung nach muss serlber ganz im Proletariat untertauchen, wer es aus den Niederungen seiner materiellen und kulturellen Dürftigkeit empor führen will auf die sonnigen Höhenhalden der Freiheit. Und Eugen Leviné hat ein Ziel der Sehnsucht: dem Proletariat kämpfend, führend voraus zu gehen. Die Fahnenflucht der Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie treibt ihn in Spartakus-Lager. Er ist überall, wo die Sache der Arbeiter und Freiheit einen klaren Kopf, ein starkes Herz, einen Pflicht treuen Kämpfer bedarf. Eugen Leviné steht kämpfend unter den Januar-Rebellen in Berlin. Er schart die rheinisch-westfälischen Bergarbeiter zum Vorstoß für Sozialisierung und Räteordnung; er trägt in München der Arbeiterschaft das Banner des Kommunismus voran, und er verblutet mit dem Rufe stolzer Siegesgewissheit: "Es lebe die Weltrevolution!"

Unsere Totenklage für die entrissenen Führer ist Kampfschwur, unsere Trauer um sie Kampfesrüsten, nicht Entmutigung und müde Resignation. Was sie waren und was sie durch ihr Wesen und Wirken gaben, das ist unsterblich. Es ist eingegangen in unzählige Proletarier und wird in ihnen Erkenntnis, Wille, Tat. Tausend Liebknecht, Luxemburg, Jogiches, Mehring und Leviné muss das deutsche Proletariat, das Weltproletariat haben. Der gemordeten Führer ihresgleichen an Größe und Reinheit der Gesinnung, an Charakterstärke und Überzeugungstreue, an Kühnheit und Opfermut. Darum klagen wir nicht, kämpfen wir. "Aufs Neue erklingen die Trompeten, es gilt neuer Kampf."

Seien wir bereit !

Machen wir bereit !

Jeden Nerv in Arbeit und Kampf angespannt, auf dass Tat Geist sein und Geist Tat werde !

Spartakus - dein Banner hoch !

Sklaven heraus und heran !

Das Ganze durch die Revolution !

Alles für die Revolution !

 

 

 

Eugen Leviné

aus: ROTE FAHNE, vom 5. Juni 1920

wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) aus Anlass des 100. Todestages

"Verbrennt die Niederträchtigen"

- Ein Bild aus dem russischen Gefängnisleben -

Heute vor einem Jahr ist Eugen Levine legal ermordet worden. Sein Andenken als rücksichtsloser Kämpfer für das Proletariat, als sein Führer sowohl wie als sein Lehrer, lebt in allen, die ihn kannten, fort.

Ein linder Sommerabend. Draußen, jenseits der Gefängnismauern, rauschen die Bäume.

Drinnen in der Zelle sitzen wir, 25 Menschen zusammen gepfercht im dumpfen, engen Raum. Die Tür zum Korridor ist verschlossen. In der Ecke steht der "Parascha", deren Deckel nicht fest schließt, und strömt einen Pest artigen Gestank aus. Die Lampe, die auf unserem einzigen Tisch steht, schwelt und blakt, je nachdem wir das Eine oder das Andere vorziehen, und den Docht höher oder niedriger schrauben. Der Lampenuntersatz trieft von vergossenem Petroleum. Der Tisch gleichfalls.

In der Ecke, nächst der Tür, hängt Wäsche zum Trocknen, die mit Mühe und Not im Abort gewaschen wurde.

Draußen, jenseits der Gefängnismauern, rauschen die Bäume, und der Sommerabend ist lind und lau. Doch an das vergitterte Fenster darf man nicht treten: Die Schildwachen haben strengen Befehl, jeden, der im Fensterrahmen sichtbar wird, niederzuknallen.

So hocken wir denn müde und missmutig auf unseren Pritschenplätzen. Einige kauern um den Tisch herum und versuchen zu lesen. Das sind die Glücklichen, die heute an der Reihe sind. Denn im Kommunalbesitze der 25 Bewohner unserer Zelle befinden sich - ganze 6 Bücher! Dies ist übrigens viel: vor einiger Zeit besaßen wir kein Einziges.

Einige Genossen schlafen schon, trotzdem der Abend eben erst herein bricht. Jetzt können sie allerdings richtig ruhen und sind nicht keilförmig zwischen ihren Nachbarn eingeklemmt, wie um Mitternacht, wenn alles schläft. Jetzt können sie sich noch im Schlafe von einer Seite auf die andere drehen, ohne ihren Nachbarn wecken zu müssen. Um Mitternacht ist dies unmöglich.

Manchmal schnellt einer von den Schlafenden in die Höhe, kratzt sich mechanisch, ohne dabei aufzuwachen und wirft sich dann nach einer Weile stöhnend auf seinen Strohsack zurück. Niemand achtet darauf. Wanzen und Läuse sind in unserem Gefängnis so allgemein verbreitet, dass man sich längst an sie gewöhnt hat, oder genauer gesprochen: hat gewöhnen müssen.

In einzelnen Zellen hatte man versucht, anstatt zwei Mal in der Woche täglich "Große Reinmacherei" zu veranstalten. Es hat nichts geholfen; das Gefängnisgebäude ist durchseucht von oben bis unten. Dann weigerte sich auch die Gefängnisverwaltung, die nötigen Mengen heißen Wassers zu geben; von Insektenpulver schon gar nicht zu reden. Die Tierchen aber waren fruchtbar und vermehrten sich. Von Tag zu Tag wuchs die Zahl. Bloß gegen Morgen, wenn alles hell wurde, gönnten sie uns, ihren geplagten Opfern, ein wenig Ruhe. Trotz alledem waren Wanzen und Läuse noch lange nicht die am meisten gehassten "Mitbewohner" unserer Zelle. Weit grässlicher waren nämlich die "Tavakany". Dies waren große, schwarze, mit einem festen Panzer bekleideten Gesellen, jenen ähnelnd, die man in Russland "Preußen" und in Preußen "Russen", sie in Größe aber bei Weitem übertreffend. Haufenweise, ja in ganzen Regimentern, rückten sie an und überfluteten die Ständer, auf denen unsere Nahrungsmittel lagen. Die Zwiebel und Rettiche, die man uns als Allheilmittel gegen eine wütende Skorbutepidemie zugestellt hatte, ließen sie sich vorzüglich schmecken. Von dem Brot blieb bloß die Rinde übrig, aber auch die erhielt eine fatale Ähnlichkeit mit einer Brüsseler Spitzengarnitur. Nicht einmal das Schachspiel, dass wir mit großer Mühe aus Brot geknetet hatten, wurde verschont. Dem König und der Königin wurden nicht nur die Kronen vom Haupte weggefressen, nein, sie wurden selber verzehrt, so dass nur zwei kleine Stümpfchen, als Zeichen ihrer einstigen Herrlichkeit, übrig blieben. Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

Manchmal riss sie - dann veranstalteten wir Jagdzüge. Der Anführer bei den "Jagdzügen" war Chaim, ein junger Arbeiter aus Belostok, der mit knapper Not dem Galgen entgangen war, und 15 Jahre "Katorga" (Zuchthaus) zu verbüßen hatte. "15 Jahre ist eine ganz hübsche Zeit", erklärte er, "da muss man sich schon möglichst bequem einrichten. Vor Allem wollen wir die Biester wegschaffen. Heute wollen wir mal auf die Jagd gehen!"

"Wer hat heute Nacht Wache?" - Iwan Iwanowitsch.

"Dann kann's also losgehen."

Iwan Iwanowitsch war nämlich ein dicker, phlegmatischer, gemütlicher Herr, der einzige Vizedirektor, der nicht sein Lebensziel darin sah, die Gefangenen möglichst zu schikanieren. Nur an den Abenden, an denen er die Aufsicht führte, konnten wir unsere "Jagdzüge" unternehmen. Das "System" dieser Jagdzüge vererbte sich von einer Gefangenengeneration auf die andere. Manchmal, wenn das Regime im Gefängnis strenger wurde, mussten die "Jagdzüge" eine Zeit lang ausgesetzt werden. Dann aber vermehrten sich die Tavakany in so unheimlicher Weise, dass die Gefängnisverwaltung wieder ein Auge zudrückte und die "Jagdzüge" wieder begonnen werden konnten. So vererbte sich das "System" immer weiter.

Es bestand in Folgendem: Die Gefangenen hatten gemerkt, dass in die Petroleumlampen mehr Petroleum gegossen wurde als nötig war. Die Reste wurden jeden Morgen von den Aufsehern zusammen gegossen und an kleine Krämer verkauft. Dieser Überfluss an Petroleum lag dem "Jagdsystem" zu Grunde.

Vorsichtig schraubt Chaim den Brenner ab und goss aus der Lampe etwas Petroleum in ein Glas. Dann schraubte er den Brenner wieder auf die Lampe. "Achtung! Jagd!" - hallt es laut durch die Zelle. Das bringt Leben und Bewegung in unsere Reihen. Eine Abwechslung in dem einförmigen, eintönigen Leben.

Die Schlafenden erwachen, springen auf, und alles drängt nach der Wand, wo die Jagd vor sich gehen soll.

"Still! Die Wärter!"

Auf dem Korridor gehen langsam, Schritt für Schritt zwei Wärter, die geladenen Revolver am Gurt. An jeder Zelle blieben sie stehen, schauen durch die vergitterte Öffnung, die sich in der Tür befindet, und gehen dann langsam weiter. Bei unserer Tür verweilen sie länger. Sie merken, dass in unserer Zelle etwas Außergewöhnliches vor sich geht.

"Was gibt's?"

Wir zeigen auf das schwarze Gewimmel an der Wand. Der jüngere Wärter braust auf. Er ist erst zwei Wochen im Dienst, und will sich durch seine Schneidigkeit hervor tun.

"Ach was!" herrscht er uns an. "Ihr habt jetzt schlafen zu gehen. Marsch. Schlafen gegangen."

Doch der Ältere beschwichtigt ihn. Dieser will vor Allem seine Ruhe. Er will es mit Keinem verderben. 20 Jahre ist er schon im Dienst, und versteht es so zu lavieren, dass ihn die Gefangenen mögen, und auch seine Vorgesetzten ihm nichts vorzuwerfen haben. Das ist das Praktischste. Dann bekommt man von den Gefangenen Trinkgeld für allerlei geheime Aufträge und Durchsteckereien, und ist gut angeschrieben bei den Vorgesetzten.

"Lass nur", beruhigte er den Jüngeren, "die wissen schon, was sie tun. Heute ist Iwan Iwanowitsch Wachhabender, da darf man schon ein wenig durch die Finger sehen."

Langsam hallen die Tritte der Beiden im langen Korridor weiter. Immer weiter und weiter tönt das Knarren der frisch besohlten Stiefel.

Da klopft es aufgeregt von der Nachbarzelle. "Klopf ... klopf ... klopf". Einer legt das Ohr an die Wand, zählt meachanisch die Schläge und buchstabiert langsam: "Was war bei euch los? Warum blieben die Zerberusse so lange an eurer Tür?"

Chaim wird schon ganz ungeduldig. Doch erst mal muss man die Nachbarn beruhigen. Maxim klopft schnell ohne zu zählen, wie ein richtiger, geübter Kerkerveteran. Er klopft ihnen, sie mögen ruhig sein, nichts sei bei uns vorgefallen; wir gingen nur auf die Jagd. Drei Mal klopft es wieder von drüben, zum Zeichen, dass sie uns verstanden haben. Dann hören wir sie nebenan lachen.

So, jetzt kann die Jagd losgehen. Zwei Schritt von der Wand entfernt, auf der sich die feindlichen Heere sammeln, steht Chaim. Klein, breitschuldrig, gedrungen, mit scharfen Zügen, das schwarze Haar wirr und unordentlich; die Beine gespreizt, so dass die Ketten straff gespannt sind, ein Wasserglas, mit Petroleum gefüllt, in der Hand. Neben ihm Jossika, auch klein, aber mager und schmächtig, dabei behend und geschickt wie ein Affe. Dieser hält ein langes brennendes Paper in der Hand. Hinter ihm fünf oder sechs "Jagdgehilfen", wie wir sie nennen. Im Hintergrunde stehen wir Übrigen, in einen dichten Haufen zusammen gedrängt, phantastisch beleuchtet von dem brennenden Papier. Belustigt, aber voller Aufmerksamkeit, verfolgen wir die einzelnen Phasen eines "Jagdzuges".

Jetzt kommt der interessanteste Augenblick. Chaim führt das Glas mit dem Petroleum an die Lippen, nimmt den Mund voll von dem ekligen Zeug, gibt das Glas schnell einem "Gehilfen", und pustet dann, dass die ganze Wand mit dem Ungeziefer bespritzt wird mit seinen Petroleumtropfen. Jossika hält das brennende Papier an die Wand und schnellt schnell zurück. Die ganze Wand scheint plötzlich aufzuflammen. Eine helle, leuchtende Riesenflamme züngelt über sie her und erlischt. Die Schicht Petroleum, die die Wand bedeckt, ist ganz dünn, so sinkt denn das Feuer, sofort nachdem es aufflammte, wieder in sich selbst zusammen. An ein Verbrennen der Tavakany ist daher nicht zu denken. Sie sind bloß versengt, betäubt, und fallen zu Boden. Zu Hunderten, zu Tausenden, liegen sie auf dem Rücken und zappeln mit den Beinchen. Jetzt heißt es, sie schnell vernichten, ehe sie zu sich kommen und davonlaufen.

"Ecrasez les infames!" [Verbrennt die Niederträchtigen!] ruft lachend einer aus unserer Schar, die berühmten Worte Voltaires parodierend.

"Ecrasez les infames!" - Gilt das nur den Tavakany?"

"Los!" kommandiert Caim.

Auf sein Zeichen stürzen sich "Gehilfen" auf die Tavakany, trampen, stampfen, springen und treten. Es entsteht ein Ohren betäubender Lärm. Der Fußboden dröhnt unter den schweren Tritten; die schweren Eisenketten an den Füßen klirren und klingen; und dazu das eigenartige knisternde und knirschende Geräusch, wenn die harten Panzer der Tavakany von den stampfenden Füßen zertreten werden.

In einer Minute ist alles zur Erde. Mit Papier, oder da meist keines vorhanden ist, mit den Händen, werden die Haufen toter, zertretener Insekten zusammen gescharrt und in die "Parascha" geworfen.

Die "Jagd" ist zu Ende.

Von der Nachbarzelle klopft es. "War der Erfolg zufriedenstellend?"

"Ja danke - für zwei Tage haben wir hoffentlich Ruhe!"

Draußen auf dem Korridor zanken sich unterdessen die Wärter.

"Das geht doch unmöglich!" brummte der Jüngere.

"Was geht es uns an?" erwiderte der Alte, "wenn Iwan Iwanowitsch es erlaubt."

"Der ganze Kasten kann in Flammen aufgehen!"

"Was geht dich das an. Sie sind doch eingeschlossen und nicht wir. Wenn's Feuer gibt, werden j e n e verbrennen! Wir können davonlaufen."

Und wieder schallen durch den langen Korridor die langsamen Schritte, und in festem Rhythmus knarren die neu besohlten Stiefel ....

________

Ein Jahr ist vergangen. Im Land hat Herr Stolypin "die Ordnung wieder hergestellt." Auch in den Gefängnissen wird "Ordnung geschaffen". Die Geheimzirkulare aus Petersburg wollten kein Ende nehmen. Der gutmütige Iwan Iwanowitsch ist längst aus dem Amte geschieden. Der alte Wärter, der es mit Niemandem verderben wollte, ist gemaßregelt worden. Das Skorbut wütet. Von Tag zu Tag wird eine Typhusepidemie erwartet. Wie ein "verlorenes Paradies" dünkt den Gefangenen das Regime, da vor einem Jahr war. Die "Jagdzüge" sind jetzt strengstens untersagt. Allerdings versprach die Gefängnisdirektion, irgend etwas gegen das immer mehr überhandnehmende Ungeziefer zu unternehmen; es ist jedoch beim Versprechen geblieben. Möglicherweise wurde auch eine besondere Summe zu diesem Zweck ausgesetzt; dann hat es der Direktor jedenfalls "vergessen", sie entsprechend ihrer Bestimmung zu verwenden.

Aber schließlich, was liegt daran? Die Gefangenen müssen sich eben an alles gewöhnen. So hatten wir uns ja daran gewöhnen müssen, Wanzen und Läuse als etwas Unvermeidliches und Unentrinnbares anzusehen. So mussten wir uns denn auch darein finden, dass die Tavakany hin fort zu Tausenden kamen, um unser täglich Brot mit uns zu teilen.

Den Vorteil davon hatten jedenfalls die Aufseher. Denn von jetzt ab wurde der Betrag aus dem Handel mit Petroleumresten nicht mehr durch die Jagdzüge geschmälert.

Eugen Levine.

Teilnehmer an der russischen Revolution von 1905.

 

 

Eugen Leviné

REDE VOR DER KLASSENJUSTIZ

Schlusssatz:

"Wir haben alles versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegenüber der Internationale, gegenüber der Kommunistischen Weltrevolution!"

 

 

 

 

 

 

Rosa Leviné

»Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre«, beschrieb seine Frau Rosa Meyer-Leviné

 

1916

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flugblatt der KPD

vom Anfang Juni 1919

anlässlich der Ermordung Eugen Levines

Der gerichtliche Mord an Levine


Arbeiter! Parteigenossen!
Über siebenhundert revolutionäre Proletarier hat die mehrheitssozialistische Regierung von Bamberg in München aufs Pflaster geschmettert.
Ein Blutrausch hatte die Bourgeoisie und ihre sozialistischen Lakaien erfaßt.
Das bestialische Mordwerk wird gekrönt durch die standrechtliche Erschießung Eugen Levines.
Diesmal gibt es nicht die fadenscheinige Ausrede von Übergriffen der Soldateska - die vorher immer in den Blutrausch versetzt wird, in dem sie ihre Hunnentaten begehen muß. Diesmal ist nicht einmal die Farce der Deckung hinter der Militärjustiz möglich, die die Ebert-Regierung im Fall Liebknecht-Luxemburg veranstaltete.
Die bayerische Regierung, in der Mehrheitssozialisten (SPD) die Mehrheit haben (!), hat das Schandurteil bestätigt.
Sie trägt vor aller Welt die tatsächliche und formale Verantwortung für diesen politischen Mord in gerichtlicher Form.
Aber es sind nicht nur die bayerischen Führer der Sozialdemokratie, die die Verantwortung tragen .
Die Blutschuld fällt auf die Häupter aller derjenigen Mitglieder der mehrheitssozialistischen Partei, die danach noch mit diesen kaltblütigen Mördern in einer Partei sitzen.
Die Mordtat ist ein Glied in der langen Kette von politischen Morden an den revolutionären Arbeitern, die den Weg der Sozialverräter bezeichnen!
Arbeiter ! Parteigenossen !
Gedenkt! Grabt diese blutige Tat in euer Gedächtnis!
Gedenkt ihrer, wenn der Augenblick kommt, wo ihr zu Gericht sitzen werdet über die Hochverräter an der Revolution, über die tausendfachen Mörder!
Arbeiter ! Genossen !
Die weißen Garden lauern darauf, sich auf euch zu stürzen. Ihr werdet nicht ihr Spiel spielen. Da ist noch eine kleine Rechnung, die der verendete deutsche Imperialismus mit den Entente-Imperialisten auszumachen hat. Das revolutionäre Proletariat hat mit dieser Rechnung nichts zu tun. Mögen das die Noskes diesseits und jenseits des Rheins untereinander ausmachen.
Arbeiter ! Genossen !

Bereitet rastlos die Stunde vor, wo ihr mit den Mördern
Levines abrechnet. Und zerschneidet unverzüglich das Tafeltuch zwischen euch und den Mördern.
Tretet ein in die Partei, der der untadelige, kühne Kämpfer Eugen Levine angehörte:

in die
Kommunistische Partei Deutschlands
(Spartakusbund)

 

 

 

 

 

 

 

Gedicht

Somewhere out there, the killers of Eugen were running around
Revenge is coming, the "International" is the sound
the world proletariat would walk the universe to find the murderers of
Eugen Leviné
Bavarian Soviet Republic, World  Soviet Republic beside Eugen Leviné

Eugen Leviné doesn`t give a damn about the peace dove
By the working class power above
Eugen Leviné knew, the Bavarian Soviet Republic has the working class power
Eugen Leviné knew, the Bavarian Soviet Republic has the working class power

Eugen Leviné was no stranger, he recognised the world
And when he talked ",Long live the world revolution", every really heard
He spoke of things like world revolution is no peace
The joy it brings will never cease

Eugen Leviné doesn`t give a damn about the peace dove
By the working class power above
Eugen Leviné knew, the Bavarian Soviet Republic has the working class power
Eugen Leviné knew, the Bavarian Soviet Republic has the working class power

The truth of dialectic will always guide us
The strength of the five classcis of Marxism-Leninism above will be
inside us
Forever more workers and farmers will be together
About Eugen Leviné our hearts will soar one to the other

workers of the world don`t give a damn about the peace dove
By the working class power above
In the world dictatorship of the proletariat we have the working class power
with the world dictatorship of the world proletariat we have the working
class power
worker and farmer so can you ...

 

 

 

 

Bayrische Räterepublik

13. April 1919