100. Todestag
10. März 1919

Leo Jogiches

1867 - 1919

[ Parteiname: Jan Tyszka ]

Rosa Luxemburg war der helle Geist der Kommunistischen Partei Deutschlands, Karl Liebknecht war ihr feuriges Herz u nd Leo Jogiches war ihre eiserne Hand.

Genosse Leo Jogiches wurde in Berlin ermordet, als er Nachforschungen anstellte über die Ermordung von Rosa und Karl. 

Leo Jogiches fiel - wie Rosa und Karl - einem heimtückischen Mord zum Opfer, der von der sozialfaschistischen SPD in Auftrag gegeben worden war. Er wurde erschossen von der Regierung von Scheideman und Noske. Er wurde neben Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beigesetzt.

Genosse Leo Jogiches war ein alter Revolutionär, der die sozialdemokratische Partei Polens gründete zusammen mit Rosa Luxemburg, die er danach heiratete. Nur der Tod hat beide Liebenden getrennt.

 Leo Jogiches (Pseudonym Polnisch. Jan Tyszka - Jan Tyszka, andere Pseudonyme: Grozovsky, Otto Karlov, Engelman; 17. Juli 1867, Vilno - 10. März 1919, Berlin) - Führer der polnisch-litauischen und deutschen kommunistischen Arbeiterbewegung, Parteivorsitzender der KPD [bis zu seinem Tod].

Über 30 Jahre kämpfte Leo Jogiches für den Weltsozialismus. Er war einer der Führer des polnischen Proletariats, welches in Warschau und Lodz ihre Barrikaden errichteten. Genosse Leo Jogiches wurde oftmals verhaftet und verbrachte viele Jahre im Gefängnis. Im Jahr 1906 wurde er zu 8 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ihm gelang die Flucht aus dem Gefängnis und sofort stürzte er sich wieder in den Klassenkampf. Während der deutschen Novemberrevolution saß er in einem deutschen Gefängnis.

Zehn Jahre lang war der Genosse Leo Jogiches einer der treuesten und bekanntesten Führer der deutschen revolutionären Bewegung. Gemeinsam mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründete er den Spartakusbund, der später in Kommunistische Partei Deutschland umbenannt wurde.

Die Kommunistische Internationale forderte die Arbeiter aller Länder auf, sich vor dem Grab von Leo Jogiches zu verbeugen. Die Kommunistische Internationale brachte in ihrer Traueradresse ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass der Tag nicht mehr fern ist, wo die Arbeiter in Deutschland mit den Henkern und Schlächtern der Bourgeoisie abrechnen und die deutsche Sowjetrepublik errichten.

Leo Jogiches flieht als Sohn jüdischer Kaufleute aus russischer Gefangenschaft, die er wegen seiner Beteiligung an der Revolution von 1905 absitzen musste. Als Exilant in der Schweiz und Deutschland ist er Lebensgefährte Rosa Luxemburgs. Stark engagiert in der Arbeiterbewegung Polens und Deutschlands. Und schließlich wird er als Kriegsgegner Mitgründer und wenige Wochen Parteivorsitzender der KPD.

Leo Jogiches‘ bewegtes Leben endet heute vor 100 Jahren, am 10. März 1919, gewaltsam in Berlin. Während in der Stadt nach einem Generalstreik Freikorpstruppen massiv gegen Regierungsgegner vorgehen, erschießt ein Kriminalbeamter den eben verhafteten Jogiches im Gefängnis. Wie in vielen anderen Fällen dieser Zeit angeblich «auf der Flucht».

Das Leben des in Litauen geborenen Leo Jogiches gehörte dem polnischen Proletariat. Die polnische Arbeiterrevolution hat in ihrer Person ihren besten Führer verloren. In Deutschland ist darüber wenig bekannt. Wie kam es dazu, dass dieser russische Revolutionär, der das polnische Proletariat organisierte und den deutschen Arbeitern ewigen Dienst im Kampf um ihre Befreiung leistete?

Leo Jogiches ging in Wilna auf das Gymnasium. Dort kam er mit den aus Russland eingedrungenen revolutionäre Ideen in Berührung. Um dem Militärdienst zu entgehen, der ihn als politisch unzuverlässigen Mann abstempelte und deswegen in ein Strafbataillon überführen wollte, floh er in die Schweiz. Leo Jogiches war nicht mit seinen theoretischen Studien zufrieden, die er äußerst intensiv betrieben hatte, sondern bot aus eigenen Mitteln eine Reihe von Broschüren an, um die wichtigsten Dokumente des Marxismus russischen Arbeitern und Intellektuellen zugänglich zu machen. Dort hatte er Kontakt zu einer Plechanow-gruppe. Gleichzeitig versuchte er, eine organisatorische Verbindung zu den in Russland tätigen Kreisen herzustellen, um dort Aktivitäten zu entwickeln, denn damals gab es in Russland noch keine marxistische Massenbewegung.

Er wandte sich auch der polnischen Arbeiterbewegung zu, die weit über den Rahmen der Zirkelbewegung hinausgewachsen war. Er trat in Verbindung mit Rosa Luxemburg, Julian Karsky und Adolf Varsky, die nur ausländische Vertreter der neu entstandenen Sozialdemokratie Russlands in Polen waren und ein eigenes Parteiorgan hatten, "Sprawa Robotnicza" ("Rabochiy Delo"). Dank seiner eisernen Energie lernte er in kürzester Zeit Polnisch. In kurzer Zeit wurde Leo Jogiches nicht nur zum Führer der polnischen Organisation, sondern auch zum Initiator der politischen Kampagnen der polnischen Sozialdemokratie. Er lernte schnell polnische Geschichte, polnische Literatur. 1897 zerstörten zahlreiche Festnahmen die Organisation der polnischen Sozialdemokratie.

Er widmete sich sodann dem Studium der deutschen Arbeiterbewegung und der Geschichte des Marxismus und studierte sorgfältig jedes Detail der praktischen Politik der deutschen Arbeiterklasse. Dank der engen ideologischen Gespräch mit Rosa Luxemburg, nahm er starken Einfluss auf den Verlauf ihres Kampfweges.
Seine redaktionelle Kunst zeigte sich voll und ganz, als die Bewegung im russischen Polen 1901 wiederbelebt wurde und die in Polen tätigen Genossen Rosa Luxemburg, Karsky und Varsky sich an ihn wandten, um Unterstützung bei der Schaffung einer Zeitung zu erhalten, in der die Theorie und Taktik der Partei behandelt werden sollte. Die sozialdemokratische Zeitschrift, die trotz ihres geringen Umfangs vor der Revolution von 1905 herausgegeben wurde, war zweifellos die beste marxistische Zeitschrift unter allen, die zu dieser Zeit existierten. Unter dem Einfluss dieses Organs bildete sich eine ganze Generation polnischer Sozialisten. Leo Jogiches verstand es, dieser Zeitschrift die Hauptprobleme der europäischen Bewegung und ihrer besten Vertreter zu behandeln.

Als die Revolution im russischen Polen begann, war es unmöglich, die Partei von Berlin aus zu führen. Jogiches zog nach Krakau, in das literarische Hauptquartier der Partei, von wo er oft illegal nach Warschau kam, und wo er im Sommer 1905 sofort zum Mittelpunkt der Partei wurde. Jogiches hat nicht nur die Hauptentwicklungslinien und die zukünftigen Stadien der Bewegung, sondern auch die unmittelbaren Aufgaben der Partei und darüber hinaus in der konkretesten Form gründlich durchdacht.

Er beschränkte sich nicht auf die Rolle des Vordenkers der parteipolitischen Kampagnen. Er hat auch immer versucht, den Horizont der Organisatoren zu erweitern, damit sie klar verstanden, welche Aufgaben die aktuelle Situation für sie stellt. Im November 1905 schrieb er den Leitartikel über die revolutionäre Situation Polens, auf dessen Grundlage die Parteikräfte für die anstehenden Aktionen verteilt wurden. Er wusste, wie er jede Kraft einsetzen musste, um ihr den Ort mitzuteilen, an dem sie der Partei am besten dienen konnte. Er wies immer darauf hin, dass revolutionärer Journalismus überhaupt keine Literatur ist, sondern der Stift in der Hand des Revolutionärs. Eine revolutionäre Zeitung sollte in keiner Weise eine Sammlung von Artikeln und Chroniken sein, sondern ein Feuer militärischer Geschosse auf dem Schlachtfeld der Revolution.

Obwohl er in der Illegalität erfahren war (in Parteikreisen hieß es scherzhaft, dass Leo Jogiches nicht einmal selbst die Adresse seiner Wohnung kennen würde), wurde er dennoch zusammen mit Rosa Luxemburg verhaftet im Jahre 1906. Nach der strengsten Untersuchungshaft wurde Leo Jogiches zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. Dabei wurde die Strafe immer weiter erhöht wegen seines mutigen Verhaltens im Prozess. Als er ins Gefängnis gebracht wurde, nahm einer seiner Genossen Kontakt mit dem Gefängniswärter auf, der Leo Jogiches zu bewachen hatte. Dank seiner Kunst, mit Menschen umzugehen, gelang es diesem Genossen, die Angelegenheit mit dem Aufseher so zu regeln, dass dieser sich bereit erklärte, sich an der Befreiung von Jogiches zu beteiligen. Die notwendigen Schlüssel wurden besorgt und so floh Leo Jogiches als Wachmann verkleidet aus dem Gefängnis.

Es gelang ihm, die Grenze zu überqueren und nach Berlin zu kommen, wo er eine Weile blieb. Auf dem Londoner Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Partei, zu dem auch die Polnische Sozialdemokratie gehörte, wurde Jogiches in das Zentralkomitee der Russischen Sozialdemokratischen Partei gewählt. Er zog nach Finnland.

Die Niederlage der Revolution von 1905, die darauf folgenden Verhaftungen durch die Konterrevolution, all das rief Zerfallserscheinungen in der revolutionären Bewegung hervor (Kapitulantentum der Intellektuellen/Liquidatorentum/Paktierertum). Aus den Meinungsverschiedenheiten über die neu einzuschlagende Taktik (von der Angriffstaktik zur Verteidigungstaktik) unter Bedingungen des Rückgangs der revolutionären Bewegung entwickelte sich die Spaltung in Bolschewiki und Menschewiki. Leo Jogiches, als polnischer Vertreter, nahm eine versöhnlerische Haltung ein, die von Lenin wie folgt äußerst scharf kritisiert wurde. Wir halten es für unvermeidlich, hierauf näher einzugehen, denn was Rosa Luxemburgs kritische Haltung zum Leninismus anbelangt, so spielt dabei der Einfluss von Leo Jogiches eine nicht unwesentliche Rolle. Es ist klar, dass wir die Kritik Lenins and Leo Jogiches unbedingt teilen.

Hier Lenin über Tyska (=Parteiname von Leo Jogiches):

"Die Intriganten haben sich zu Grunde gerichtet - Tyszka [ Jogiches] und Leder sind schon als gezeichnet in die Geschichte der SDAPR eingegangen -, aber die Konferenz werden sie nicht hintertreiben, die ROK [Russische Organisationskommission] nicht sprengen können." (Lenin, Band 17, Seite 340).

"Es entstanden einzelne völlig prinzipienlose Grüppchen, die unter dem Schein der 'Versöhnung' und der 'Vereinigung' der Partei bestrebt waren, durch Maklertum, Winkeldiplomatie und Intrigen politisches Kapital zu erwerben. Große Meister auf diesem Gebiet waren Trotzki mit der Wiener 'Prawda' und Tyszka [Leo Jogiches] mit dem Hauptvorstand" (Lenin, Band 18, Seite 142-143)

"Die Partei blieb ohne ZK. Der Zerfall der Partei war unausweichlich. Sie wieder herzustellen, waren nur die russischen, d.h. die in Russland arbeitenden Organisationen imstande. Und hier gerade zeigt sich in ihrem ganzen Glanz die heuchlerische Intigrantenpolitik Tyszkas [Leo Jogiches], der im Hauptvorstand die Anhänger einer prinzipielleren Politik majorisierte und den Hauptvorstand dazu brachte, mit der SDAPR zu brechen, so dass dier schließlich eine Stellung zwischen der Partei und den Liquidatoren der Partei einnahm". (Lenin, Band 18, Seite 144)

Lenin bezeichnete diese Politik als eine "Politik, die der polnischen sozialdemokratischen Bewegung Schaden zufügt." (Lenin, Band 18, Seite 144)

"Tyszkas Lavieren führte einzig und allein zu einer liquidatorischen Entstellung der Aufffassungen der Partei. Tyszka balanciert, laviert und macht in 'Vereinigung' der Partei mit denen, die sie liquidieren. [Er] "erscheint trotz dreimaliger Einladung nicht zur Konferenz. Stattdessen nimmt er an einer Beratung der Liquidatoren teil und verlässt diese mit der Erklärung, dass dort Liquidatoren seien !! Ist solch ein 'Versöhnler' etwa kein Komödiant?" (Lenin, Band 18, Seite 145-146)

"Das maßlose, mannigfache, wortreiche Gekeif, mit dem die Tyszkasche Konferrenz die 'Leninisten' überschüttet, läuft auf eins hinaus - auf die Beschuldigung der Spaltung." (Lenin, Band 18, Seite 400)

"Wir haben keine Organisation von Sozialdemokraten vor uns, die die und die Aufffassung teilen, sondern eine Gruppe von Intriganten, die aus der 'Ausnutzung' des Kampfes der Liquidatoren gegen die Antiliquidatoren [Position des Züngleins an der Waage] politisches Kapital zu schlagen suchen". (Lenin, Band 18, Seite 401)

"Die 'Tyszkasche' Politik ist keine zufällige, keine individuelle Erscheinung. Bei einer Spaltung und überhaupt in einem erbitterten Kampf der Richtungen ist das Aufkommen solcher Gruppen, die ihre Existenz auf dem unaufhörlichen Überlaufen von der einen Seite auf die andere, auf kleinliche Intrigen gründen, unvermeidlich. Das ist ein unschöner, unangenhemer Zug im Leben unserer Partei, der durch die Bedingungen der revolutionären Arbeit in der Emigration besonders verschärft wird. Intrigantengruppen, Züge des Intrigantentums in der Politik mancher Gruppen, besonders solcher mit schwach entwickelten Beziehungen zu Russland, sind eine Erscheinung, die man kennen muss, um sich nicht täuschen zu lassen, um nicht Opfer verschiedener 'Missverständnisse' zu werden. Nichts ist leichter, als die Winkeldiplomatie dadurch zu tarnen, dass man die 'Einheit' von Richtungen fordert, die sich unwiderruflich voneinander getrennt haben. Wer diesen Kern der Sache umgeht, der täuscht sich und Andere. Das Geheul über die 'Spaltung' wird diese Überzeugung nicht erschüttern, denn dieses Geheul ist eine feige, versteckte, heuchlerische Verteidigung der Liquidatoren." (Lenin, Band 18, Seite 402 - 404)

"Die 'Tyszkianer' sind der Berliner Zirkel um Rosa Luxemburg, Tyszka und Co., der eine unglaublich gemeine Verdächtigung über das Vorhandensein von Lockspitzeln in den Reihen der Warschauer sozialdemokratischen Organisation in Umlauf gesetzt hat." (Lenin, Band 19, Seite 505 - November 1913)

Wir verweisen insbesondere auf Lenins Artikel: "Die Spaltung in der Polnischen Sozialdemokratie", in dem Lenin die Politik von Leo Jogiches als "kriminell" bezeichnet hat. Leo Jogiches warf den Leninisten "Spaltung" vor und beging diese selber in der polnischen Partei. (siehe Lenin, Band 18, Seite 472 - 476)Ferner weisen wir auf Lenins Artikel "Die Polnische Sozialdemokratische Opposition am Scheideweg" (siehe Lenin, Band 20, Seite 571 -572)

Es ist vor Allem Lenin zu verdanken, dass sich die polnischen Kommunisten den Bolschewiki zuwandten und ihre Spaltung im Dezember 1918 beendeten mit der Gründung einer einheitlichen Partei - die Kommunistische Arbeiterpartei Polens.

* * *

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, lebte Leo Jogiches in Berlin, wo er seine ganze Kraft der deutschen Bewegung widmete. Er blieb im Hintergrund. Er half Mehring, Rosa Luxemburg, Karsky. Als Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Gefängnis waren und die Arbeiterbewegung weiter wuchs, wurde Leo Jogiches der Organisator des Spartakusbundes. Er baute ein illegales Netzwerk auf. Er sprach fließend Deutsch und kannte das deutsche politische Leben bis ins kleinste Detail. Leo Jogiches organisierte die Herausgabe der Spartakusbriefe. All das zeigte, dass er trotz der alten Meinungsverschiedenheiten in der SDAPR, seine Pflichten eines internationalistischen Revolutionärs erfüllte und in der Praxis unter Beweis stellte. Nach dem Januaraufstand gelang es der Polizei, Leo Jogiches zu verhaften. Als er aus dem Gefängnis fliehen konnte, fand er Karl Liebknecht oder Rosa Luxemburg nicht mehr lebend. Er sagte kein Wort darüber; aber jeder, der ihn kannte, verstand, was für ein Schlag es für ihn war: „Rosa ist tot. Wir müssen uns alle näher kommen. " Er wurde nach dem Mord an Rosa und Karl Vorsitzender der KPD, doch nur für einpaar Wochen, nämlich bis Noske ihn am 10. März 1919 erschießen ließ.

Leo Jogiches Grab befindet sich auf deutschem Boden, und uns deutschen Kommunisten ist es eine Ehre und Verpflichtung, die Verdienste dieses großen Revolutionärs an der Seite Rosa Luxemburgs niemals zu vergessen und im Bewusstsein der internationalen Arbeiterklasse wach zu halten.

 

Clara Zetkin

Wer von den Führern der Partei nicht verhaftet ist, ist verfehmt und muss flüchten oder sich verbergen. Die Henker der Bourgeoisie meucheln Leo Jogiches, neben Rosa Luxemburg der scharfäugigste politische Kopf der Partei und ihr erprobter, großzügigster Organisator. Obgleich Leo Jogiches nie in die Öffentlichkeit getreten und sogar den weitaus meisten "Spartakusbündlern" persönlich unbekannt ist, wird er eines Frühmorgens von Ordnungsbanditen aus seiner Wohnung gerissen und nach Moabit gebracht. Nachdem ihm dort roheste Misshandlung keinen Laut entlockt haben streckt ihn Dorenbachs Mörder Tammschick durch einen Schuss von rückwärts nieder. Selbstredend bei einem "Fluchtversuch" im dunklen Tiergarten nieder geknallt wurde. Fluchtversuche werden unter der Klassendiktatur der Ordnung liebenden Bourgeoisie stets revolutionären Kämpfern verhängnisvoll. Sie glücken dagegen ebenso unfehlbar den Vogel, Marloh und ihren Mordkameraden, die auf sorgsam vorbereiteten Kraftwagen den leichten Streifschüssen der Militärjustiz entfliehen.

In tiefer Dankbarkeit gedenken wir Leo Jogiches und Eugen Leviné's, die beiden "Landfremden", die wie die "russisch-polnische Jüdin" Rosa Luxemburg sich durch Arbeit und Kampf unveräußerliches Heimatrecht in jedem deutschen Proletarierherz erworben haben, das für die Freiheit schlägt. Ihr blutiges Sterben hat nur die Urkunde darüber untersiegelt. Diese "Landfremden" waren internationale Sozialisten im wahrsten Sinne des Wortes. Der bürgerliche Patriot hat bekanntlich sein Vaterland da, wo es ihm gut geht, kapitalistisch gesagt: wo er ausbeuten und genießen kann. Die "Spartakisten" fanden ihr Vaterland dort, wo der Sozialismus ihre Kraft, ihr Leben einforderte. Die Namen von Leo Jogiches und Eugen Leviné stehen unverwischbar in der Revolutionsgeschichte zweier Länder.

Unter den wütenden Schrecken des Zarismus entfacht Leo Jogiches-Tyszka im Proletariat Russisch-Polens Spartakus Geist und lässt ihn schöpferisch werden. Er war mit Rosa Luxemburg zusammen einer der Gründer und Führer der unverrückt international gerichteten sozialdemokratischen Partei des Landes. Er schreitet festen Schrittes und klaren Blicks den sich erhebenden Sklaven in der Revolution von 1905 voran. Aus dem zaristischen Zuchthaus entflohen stürzt er sich in Deutschland in Arbeit und Kampf für die Revolution. Seit dem Ausbruch des Weltkriegs steht er, ein ebenbürtiger Ideen- und Waffengenosse, neben seiner Freundin Rosa Luxemburg, um die Proletarier zur großen geschichtlichen Abrechnung mit dem Menschen würgenden und Menschen verderbenden Kapitalismus zu rufen. Er ist der genialen Freundin organisatorische Hand, aber auch ihr nie verstummendes kritisches Gewissen und manchmal der ihr voraus eilende Pfadfinder. Ihm gebührt das größte Verdienst daran, dass trotz Belagerungszustand vor den Nasen der argusäugigen Zensur, der spürenden Polizei die Schulungs- und Propagandaliteratur gedruckt und verbreitet werden kann, die das Wesen des imperialistischen Weltkrieges scharf beleuchtet, den Bankrott der Sozialdemokratie brandmarkt, die Ausgebeuteten bereit machen soll für die Revolution. Ja zum Teil wäre diese Literatur ohne das nimmer rastende Drängen und Anregen Leo Jogiches nicht entstanden. Seine Energie ist von entscheidender Bedeutung für die Organisierung des Spartakusbundes, der die Stoßtruppe der kämpfenden Sklaven zusammenschließen soll. Er ist den höchsten Aufgaben der Revolutionswochen gewachsen und die Gegenrevolution mordet in ihm Rosa Luxemburgs berufensten politischen Testamentsvollstrecker.

Unsere Totenklage für die entrissenen Führer ist Kampfschwur, unsere Trauer um sie Kampfesrüsten, nicht Entmutigung und müde Resignation. Was sie waren und was sie durch ihr Wesen und Wirken gaben, das ist unsterblich. Es ist eingegangen in unzählige Proletarier und wird in ihnen Erkenntnis, Wille, Tat. Tausend Liebknecht, Luxemburg, Jogiches, Mehring und Leviné muss das deutsche Proletariat, das Weltproletariat haben. Der gemordeten Führer ihresgleichen an Größe und Reinheit der Gesinnung, an Charakterstärke und Überzeugungstreue, an Kühnheit und Opfermut. Darum klagen wir nicht, kämpfen wir. "Aufs Neue erklingen die Trompeten, es gilt neuer Kampf."

Seien wir bereit !

Machen wir bereit !

Jeden Nerv in Arbeit und Kampf angespannt, auf dass Tat Geist sein und Geist Tat werde !

Spartakus - dein Banner hoch !

Sklaven heraus und heran !

Das Ganze durch die Revolution !

Alles für die Revolution !

 

 

10. Jahrestag der Ermordung von Leo Jogiches

aus: "Rote Fahne" vom 10. März 1929

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rosa Luxemburg - Leo Jogiches

Hochzeitsfoto

 

 

 


 

 

 

Spartakusfahne

SPARTAKUSBUND 

von der Komintern (SH) veröffentlicht aus Anlass des 100. Jahrestages der Herausgabe der "Spartakusbriefe" 

Januar 1916 - Januar 2016 

 

Spartakusbriefe

herausgegeben von Leo Jogiches