1922

KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE







IV. Kongress



DER



KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE



5. November – 5. Dezember 1922









W. I. Lenin

 

1

AN DEN IV. WELTKONGRESS DER KOMINTERN,

AN DEN PETROGRADER SOWJET DER ARBEITER – UND ROTARMISTENDEPITIERTEN

Moskau, 4. November 1922







Ich bedaure außerordentlich, dass ich in der ersten Sitzung des Kongresses nicht anwesend sein kann und mich auf eine schriftliche Begrüßung beschränken muss.

Trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, denen die kommunistischen Parteien begegnen, wächst und erstarkt die Komintern. Die Hauptaufgabe besteht nach wie vor in der Gewinnung der Mehrheit der Arbeiter. Und diese Aufgabe werden wir trotz allem lösen.

Die Vereinigung der II. Und zweieinhalbten Internationale wird der revolutionären Bewegung des Proletariats von Nutzen sein: weniger Fiktionen, weniher Betrug – das ist für die Arbeiterklasse immer von Nutzen.

Den Petrograder Arbeitern und ihrem neuen Sowjet, die den IV. Kongress der Komintern in ihrer Stadt empfangen, die besten Wünsche und herzlichen Grüße.

Die Petrograder Arbeiter müssen auch an der wirtschaftlichen Front zu den Ersten gehören. Mit Freude hören wir vom Beginn der wirtschaftlichen Wiedergeburt Petrograds. Auf ihre Einladung, Petrograd zu besuchen, hoffe ich in nächster Zeit mit meiner Ankunft antworten zu können.

Die Sowjetmacht in Russland feiert das erste Jahrfünft ihres Bestehens. Sie ist stabiler denn je. Der Bürgerkrieg ist beendet. Die ersten wirtschaftlichen Erfolge sind zu verzeichnen. Es ist der größte Stolz Sowjetrusslands, den Arbeitern der ganzen Welt in ihrem Kampf um die Niederwerfung des Kapitalismus zu helfen. Der Sieg wird unser sein.

Es lebe die Kommunistische Internationale !

Prawda, Nr. 253 vom 9. November 1922





2

13. November 1922

Fünf Jahre russische Revolution

und die

Perspektiven der Weltrevolution

- vollständiger Wortlaut des Referats, das Lenin am 13. November auf dem IV. Kongress der Komintern hielt -

( Lenin hielt dieses Referat in deutscher Sprache )

Quelle: Lenin, Gesammelte Werke Band 33, Seite 404 - 418







(Lenins Erscheinen wird mit lang anhaltenden Beifallsstürmen und Ovationen des ganzen Saales begrüßt. Alle erheben sich und singen die 'Internationale'.)



Genossen !

Ich bin in der Rednerliste als Hauptreferent angegeben, aber Sie werden verstehen, dass ich nach meiner langen Krankheit nicht in der Lage bin, ein größeres Referat zu halten. Ich kann nur eine Einführung zu den wichtigsten Fragen geben. Mein Thema kann nur ganz beschränkt sein. Das Thema „Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution“ ist zu umfangreich und groß, als dass es ein einzelner Redner in einer Rede überhaupt erschöpfen könnte. Darum greife ich für mich nur einen kleinen Teil aus dieser Materie heraus, nämlich die Frage der Neuen Ökonomischen Politik. Ich wähle absichtlich nur diesen kleinen Teil, um Sie in diese Materie einzuführen, die jetzt das Wichtigste ist – oder wenigstens für mich das Wichtigste ist, weil ich jetzt gerade daran arbeite.

Ich werde also über das Thema sprechen: Wie haben wir die Neue Ökonomische Politik begonnen, und welche Resultate haben wir mit dieser Politik erzielt ? Wenn ich mich auf diese Frage beschränke, werde ich vielleicht imstande sein, Ihnen einen allgemeinen Überblick und eine allgemeine Vorstellung davon zu geben.

Wenn ich damit beginne, wie wir zu dieser Neuen Ökonomischen Politik gekommen sind, so muss ich auf einen Artikel zurückgreifen, den ich im Jahre 1918 geschrieben habe [ Lenin meinte seinen Artikel „Über 'linke' Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit“ - Werke, Band 27, Seite 315 – 347 - Anmerkung der Redaktion ].

Anfang 1918 habe ich nämlich in einer kurzen Polemik die Frage berührt, wie wir uns zum Staatskapitalismus zu stellen haben. Ich schrieb damals:

Der Staatskapitalismus wäre ein Schritt vorwärts gegenüber der jetzigen“ (d.h., gegenüber der damaligen) „Lage der Dinge in unserer Sowjetrepublik. Hätten wir in etwa einem halben Jahr den Staatskapitalismus errfichtet, so wäre das ein gewaltiger Erfolg und die sicherste Garantie dafür, dass sich in einem Jahr der Sozialismus bei uns endgültig festigt und unbesiegbar wird.“

Das wurde natürlich zu einer Zeit gesagt, als wir noch dümmer waren als heute, aber doch nicht so dumm, um solche Themen nicht behandeln zu können.

Ich war also damals im Jahre 1918 der Meinung, dass gegenüber der damaligen wirtschaftlichen Lage der Sowjetrepublik der Staatskapitalismus ein Schritt vorwärts wäre. Das klingt sehr seltsam und vielleicht sogar widersinnig, denn auch damals war unsere Republik eine sozialistische Republik; damals trafen wir täglich so schnell wie möglich – wahrscheinlich allzu schnell – verschiedene neue wirtschaftliche Maßnahmen, die nicht anders als sozialistische genannt werden konnten. Und trotzdem meinte ich damals, dass der Staatskapitalismus gegenüber der damaligen Wirtschaftslage der Sowjetrepublik einen Schritt vorwärts bedeutet, und ich erläuterte diesen Gedanken weiter, indem ich einfach die Elemente der wirtschaftlichen Struktur Russlands aufzählte. Diese Elemente waren nach meiner Meinung: „1. eine patriarchalische, d.h., im höchsten Grade primitive Landwirtschaft; 2. die kleine Warenproduktion (hierher gehört die Mehrzahl der Bauern, die mit Getreide handeln); 3. Privatkapitalismus; 4. Staatskapitalismus und 5. Sozialismus“. Alle diese ökonomischen Elemente waren im damaligen Russland vertreten. Damals machte ich mir zur Aufgabe, klarzustellen, in welchem Verhältnis diese Elemente zueinander stehen und ob wir vielleicht ein nichts-sozialistisches Element, nämlich den Staatskapitalismus, höher einzuschätzen haben als den Sozialismus. Ich wiederhole: Es wird allen recht seltsam erscheinen, dass in einer Republik, die sich für sozialistische erklärt hat, ein nicht-sozialistisches Element höher bewertet erscheint, als höher stehend anerkannt wird als der Sozialismus. Doch die Sache wird verständlich, wenn Sie sich erinnern, dass wir damals die ökonomische Struktur Russlands keineswegs als einheitlich und hochstehend betrachteten, sondern uns vollständig bewusst waren, dass wir in Russland sowohl eine patriarchalische Landwirtschaft, d.h., die primitivste Form der Landwirtschaft, als auch eine sozialistische Form haben. Welche Rolle könnte nun der Staatskapitalismus unter solchen Umständen spielen ?

Ich frage mich weiter, welches dieser Elemente überwiegt ? Es ist klar, dass in einem kleinbürgerlichen Milieu das kleinbürgerliche Element vorherrscht. Damals war ich mir klar darüber, dass das kleinbürgerliche Element überwiegt; anders zu denken war unmöglich. Die Frage, die ich mir damals stellte – es geschah in einer speziellen Polemik, die nicht zur heutigen Frage gehört -, war: Der Staatskapitalismus, obwohl seine Form keine sozialistische ist, wäre für uns und für Russland günstiger als die jetzige Form. Was bedeutet das ? Das bedeutet, dass wir die Wurzeln und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft, obwohl wir schon die soziale Revolution vollzogen hatten, nicht überschätzten, sondern dass wir schon damals bis zu einem gewissen Grade begriffen hatten: Ja, es wäre besser, wenn wir erst zum Staatskapitalismus und darauf zum Sozialismus gelangten.

Ich muss diesen Teil ganz besonders betonen, weil ich glaube, dass sich nur daraus erklären lässt, erstens, was die heutige ökonomische Politik darstellt, und zweitens, dass sich daraus auch für die Kommunistische Internationale sehr wichtige und auch praktische Schlussfolgerungen ergeben. Ich will nicht sagen, dass wir damit schon im Voraus einen fertigen Rückzugsplan gehabt hätten. So war es nicht. Einen Rückzugsplan stellten damals diese kurzen polemischen Zeilen keineswegs dar. Von der Freiheit des Handels z. B. - ein sehr wichtiger Punkt und für den Staatskapitalismus von grundlegender bedeutung – steht hier kein Wort. Immerhin war eine allgemeine, eine vage Idee des Rückzugs doch darin gegeben. Und ich glaube, dass wir das nicht nur als ein Land, das in seiner wirtschaftlichen Struktur weit zurückgeblieben war und bis heute geblieben ist, sondern auch als Kommunistische Internationale, auch in den westeuropäischen fortgeschrittenen Ländern beachten müssen. Gegenwärtig sind wir beispielsweise mit der Ausarbeitung eines Programms beschäftigt. Ich für meinen Teil glaube, dass wir am besten daran tun würden, wenn wir jetzt alle Programme nur im Allgemeinen erörtern, gewissermaßen die erste Lesung vornehmen und sie alle drucken lassen, aber nicht, um sofort, schon in diesem Jahr darüber zu beschließen. Warum ? Zunächst natürlich darum, glaube ich, weil wir sie schwerlich alle gut durchdacht haben. Weiter aber auch noch darum, weil wir den Gedanken des Rückzugs und seiner Sicherung noch fast gar nicht durchdacht haben. Das aber ist eine Frage, die wir bei einer so weitgehenden Veränderung der Welt, wie dem Sturz des Kapitalismus und dem Aufbau des Sozialismus mit seinen gewaltigen Schwierigkeiten, unbedingt beachten müssen. Wir müssen nicht nur wissen, wie wir zu handeln haben, wenn wir direkt zum Angriff übergehen und dabei siegen. Das ist in revolutionären Zeiten gar nicht so schwer, aber das ist auch gar nicht so wichtig, zum Mindesten nicht ausschlaggebend. Während der Revolution gibt es immer Momente, in denen der Gegner den Kopf verliert, und wenn wir ihn in einem solchen Moment angreifen, können wir sehr leicht siegen. Aber das besagt noch nichts, weil unser Gegner, wenn er ruhig überlegt, vorher seine Kräfte sammelt usw. Er kann uns dann sehr leicht zum Angriff provozieren und uns auf Jahre hinaus zurückwerfen. Ich meine also, die Idee, dass wir den Rückzug vorbereiten müssen, ist sehr wichtig, und zwar nicht nur vom theoretischen Standpunkt aus müssen jetzt alle Parteien, die sich anschicken, in nächster Zeit zum direkten Angriff gegen den Kapitalismus überzugehen, auch daran denken, wie der Rückzug zu sichern ist. Ich glaube, wenn wir diese Lehre nebst allen anderen Lehren aus der Geschichte unserer Revolution ziehen, so wird uns das sicher nicht zum Schaden gereichen, ja uns höchstwahrscheinlich in einer großen Anzahl von Fällen nützlich sein.

Nachdem ich nun betont habe, dass wir den Staatskapitalismus schon 1918 als mögliche Rückzugsstellung bezeichnet haben, gehe ich zu den Resultaten unserer Neuen Ökonomischen Politik über. Ich wiederhole: Damals war das noch eine ganz vage Idee, im Jahre 1921 aber, nachdem wir die wichtigste Etappe des Bürgerkriegs schon zurückgelegt, und zwar siegreich zurückgelegt hatten, kam es zu einer großen – ich glaube, der größten – inneren politischen Krise Sowjetrusslands, die dazu führte, dass nicht nur ein sehr großer Teil der Bauern unzufrieden war, sondern auch ein großer Teil der Arbeiter. Das war das erste und, ich hoffe, auch das letzte Mal in der Geschichte der Sowjetrepublik, dass wir die großen Massen der Bauern gegen uns hatten, zwar nicht bewusst, so doch instinktiv, stimmungsmäßig. Was war die Ursache dieser eigentümlichen und für uns natürlich sehr unangenehmen Lage ? Die Ursache war, dass wir bei unserem ökonomischen Vordringen zu weit gegangen waren, dass wir unsere Basis nicht genügend gesichert hatten, dass die Massen schon fühlten, was wir damals noch nicht bewusst zu formulieren vermochten, was aber auch wir nach ganz kurzer Zeit, nach einigen Wochen, erkannten, nämlich dass der direkte Übergang zu einer rein sozialistischen Wirtschaftsform, zur rein sozialistischen Verteilung der Güter unsere Kräfte übersteigt und dass wir, wenn wir es nicht fertigbrächten, den Rückzug derart vorzunehmen, dass wir uns auf leichtere Aufgaben beschränken, zu Grunde gehen werden. Die Krise setzte, glaube ich, im Februar 1921 ein. Schon im Frühling desselben Jahres beschlossen wir einstimmig – große Differenzen habe ich diesbezüglich bei uns nicht gesehen -, zur Neuen Ökonomischen Politik überzugehen. Heute nach anderthalb jahren, Ende 1922, sind wir nun imstande, einige Vergleiche anzustellen. Was hat sich ereignet ? Wie haben wir diese mehr als anderhalb Jahre überstanden ? Was ist das Ergebnis ? Hat uns dieser Rückzug Nutzen gebracht und uns wirklich gerettet, oder ist das nicht der Fall und das Ergebnis noch unbestimmt. Das ist die Hauptfrage, die ich mir stelle, und ich glaube, diese Hauptfrage ist auch von größter Wichtigkeit für alle kommunistischen Parteien, denn wenn die Antwort negativ ausfiele, so würden wir alle zu Grunde gehen. Ich glaube, wir können diese Frage mit ruhigem Gewissen bejahend beantworten, und zwar in dem Sinne, dass die anderthalb Jahre, die seitdem verflossen sind, positiv und absolut beweisen, dass wir dieses Examen bestanden haben.

Ich werde das jetzt zu beweisen versuchen. Ich muss dazu ganz kurz alle Bestandteile unserer Wirtschaft aufzählen.

Zunächst will ich auf unser Finanzsystem und auf den berühmten russischen Rubel eingehen. Ich denke, man den russischen Rubel als berühmt bezeichnen, schon deshalb, weil die Menge dieser Rubel jetzt eine Quadrillion übersteigt. (Heiterkeit.) Das ist schon etwas. Eine astronomische Ziffer. (Heiterkeit.) Ich bin sicher, dass hier nicht einmal alle wissen, was diese Ziffer bedeutet. Doch wir halten diese Zahlen, und zwar vom Standpunkt der ökonomischen Wissenschaft, nicht für so wichtig, denn man kann ja die Nullen streichen. (Heiterkeit.) Wir haben in dieser Kunst, die vom ökonomischen Standpunkt aus völlig belanglos ist, schon etwas geleistet, und ich bin überzeugt, dass wir im weiteren Verlauf der Dinge noch viel Größeres in dieser Kunst leisten werden. Wirklich wichtig dagegen ist die Frage der Stabilisierung des Rubelkurses. Daran arbeiten wir, arbeiten unsere besten Kräfte, und dieser Aufgabe messen wir entscheidende Bedeutung bei. Gelingt es uns, den Rubel für längere Zeit und später für immer zu stablisieren, so haben wir gewonnen. Dann sind alle diese astronomischen Ziffern, diese Trillionen und Quadrillionen ein Nichts. Dann werden wir unsere Wirtschaft auf festen Boden stellen und auf festem Boden weiterentwickeln können. Zu dieser Frage glaube ich Ihnen ziemlich wichtige und entscheidende Tatsachen vorbringen zu können. Im Jahre 1921 dauerte die Periode der Stabilität des Papierrubelkurses weniger als drei Monate. Im Jahre 1922, also in diesem Jahr, das freilich noch nicht zu Ende ist, dauerte diese Periode schon mehr als fünf Monate. Ich glaube, das genügt schon. Das genügt natürlich nicht, wenn Sie wissenschaftlich bewiesen haben wollen, dass wir diese Aufgabe in Zukunft voll und ganz lösen werden. Doch das vollständig und restlos zu beweisen ist meiner Meinung nach überhaupt unmöglich. Die mitgeteilten Aufgaben beweisen, dass wir seit dem vorigen Jahr, als wir unsere Neue Ökonomische Politik begannen, bis heute schon gelernt haben, vorwärts zu schreiten. Wenn wir das gelernt haben, dann bin ich sicher, dass wir, wenn wir nicht eine besondere Dummheit machen, auch fernerhin lernen werden, auf diesem Wege weitere Fortschritte zu machen. Das Wichtigste ist jedoch der Handel, nämlich der Warenumsatz, der uns Not tut. Und wenn wir damit im Verlauf zweier Jahre fertig geworden sind, obwohl wir im Krieg gestanden haben (Sie wissen, dass Wladiwostok erst vor einigen Wochen genommen worden ist), obwohl wir unsere ökonomische Tätigkeit erst jetzt systematisch und überlegt beginnen können – wenn wir trotzdem erreicht haben, dass die Stabilitätsperiode des Papierrubels von drei auf fünf Monate gestiegen ist, so glaube ich sagen zu dürfen, dass wir damit zufrieden sein können. Denn wir stehen allein. Wir bekamen und bekommen keine Anleihen. Kein einziger von den mächtigen kapitalistischen Staaten, die ihre kapitalistische Wirtschaft 'glänzend' organisieren, dass sie auch heute noch nicht wissen, wohin sie gehen, hat uns geholfen. Mit dem Versailler Frieden haben sie ein Finanzsystem geschaffen, in dem sie sich selber nicht zurecht finden. Wenn diese großen kapitalistischen Staaten so wirtschaften, so nehme ich an, dass wir, die Zurückgebliebenen, die Ungebildeten, schon damit zufrieden sein können, dass wir das Wichtigste, die Bedingungen für die Stabilisierung des Rubels, begriffen haben. Das wird nicht durch irgendeine theoretische Analyse, sondern durch die Praxis bewiesen, und das ist, glaube ich, wichtiger als alle theoretischen Diskussionen der Welt. Die Praxis aber zeigt, dass wir hier Entscheidendes geleistet, nämlich angefangen haben, die Wirtschaft in die Richtung auf die Stabilisierung des Rubels zu bringen, was für den Handel, für den freien Warenumsatz, für die Bauern und für die enorme Masse der Kleinproduzenten von allergrößter Bedeutung ist.



Nun wende ich mich unseren sozialen Zielen zu. Das Wichtigste ist natürlich die Bauernschaft. Im Jahre 1921 standen wir zweifellos der Unzufriedenheit der großen Masse der Bauern gegenüber. Damit hatten wir die Hungersnot, und das bedeutete für die Bauernschaft die schwerste Prüfung. Es ist ganz natürlich, dass damals das ganze Ausland schrie: „Seht, da habt ihr das Resultat der sozialistischen Wirtschaft“. Selbstverständlich verschwiegen sie, dass die Hungersnot das ungeheuerliche Resultat des Bürgerkriegs war. Alle die Gutsbesitzer und Kapitalisten, die 1918 die Offensive gegen uns ergriffen hatten, stellten die Sache so dar, als ob die Hungersnot das Resultat der sozialistischen Wirtschaft sei. Die Hungersnot war wirklich ein großes und ernstes Unglück, ein Unglück, das unsere ganze organisatorische und revolutionäre Arbeit zunichte zu machen drohte.

Also frage ich jetzt: Wie stehen nach diesem ungewöhnlichen und unerwarteten Unglück die Dinge heute, nachdem wir die Neue Ökonomische Politik eingeführt haben ? Die Antwort ist klar und steht allen deutlich vor Augen, nämlich: Die Bauernschaft ist in einem Jahr nicht nur mit der Hungersnot fertig geworden, sondern hat auch die Naturalsteuer in solchem Umfang entrichtet, dass wir schon jetzt mehrere Hunderte von Millionen Pud bekommen haben, und zwar fast ohne Anwendung von Zwangsmaßnahmen. Die Bauernaufstände, die früher, bis 1921, so zusagen das allgemeine Bild Russlands bestimmt haben, sind fast vollständig verschwunden. Die Bauern sind mit ihrer gegenwärtigen Lage zufrieden. Das können wir getrost behaupten. Wir glauben, solche Beweise sind viel wichtiger als irgendwelche statistischen Beweise. Dass die Bauernschaft bei uns der entscheidende Faktor ist, das bezweifelt niemand. Diese Bauernschaft befindet sich jetzt in einem solchen Zustand, dass wir von ihrer Seite keinerlei Bewegung gegen uns zu befürchten haben. Das sagen wir mit vollem Bewusstsein, ohne zu übertreiben. Das ist schon erreicht. Die Bauernschaft mag mit unserer Macht in der einen oder anderen Hinsicht unzufrieden sein, sie mag klagen, das ist natürlich und unvermeidlich, weil unser Apparat und unsere staatliche Wirtschaft noch zu schlecht sind, als dass dem vorgebeugt werden könnte, eine ernsthafte Unzufriedenheit der gesamten Bauernschaft mit uns ist aber auf alle Fälle ausgeschlossen. Das haben wir in einem Jahr erreicht. Ich glaube, dass das schon sehr viel ist.

Ich komme nun zur Leichtindustrie.

Wir müssen nämlich bei der Industrie unterscheiden zwischen der Schwer – und der Leichtindustrie, weil sich diese beiden Arten von Industrien in verschiedener Lage befinden. Was die Leichtindustrie betrifft, so kann ich getrost sagen: Hier sehen wir einen allgemeinen Aufschwung. Ich werde nicht auf Einzelheiten eingehen. Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, statistische Belege zu erbringen. Doch dieser allgemeine Eindruck gründet sich auf Tatsachen, und ich kann dafür garantieren, dass ihm nichts Unrichtiges oder Ungenaues zu Grunde liegt. Wir haben einen allgemeinen Aufschwung der Leichtindustrie zu verzeichnen und im Zusammenhang damit eine deutliche Besserung der Lage der Arbeiter sowohl in Petrograd als auch in Moskau. In anderen Bezirken ist das in geringerem Grade der Fall, weil dort die Schwerindustrie vorherrscht, so dass man das nicht verallgemeinern darf. Doch ich wiederhole: Die Leichtindustrie ist unbedingt im Aufstieg begriffen, und die Besserung der Lage der Petrograder und Moskauer Arbeiter steht außer Zweifel. In beiden Städten waren die Arbeiter im Frühjahr 1921 unzufrieden. Jetzt ist das nicht mehr der Fall. Wir, die wir die Lage und die Stimmung der Arbeiter täglich verfolgen, irren uns darin nicht.

Die dritte Frage betrifft die Schwerindustrie.

Hier muss ich sagen, dass die Lage immer noch schwer ist. Eine gewisse Wendung ist jedoch in der Zeit von 1921 bis 1922 eingetreten. Wir können also hoffen, dass sich die Lage in nächster Zukunft bessern wird. Die notwendigen Mittel dazu haben wir teilweise schon aufgebracht. In einem kapitalistischen Land wäre zur Besserung der Lage der Schwerindustrie unbedingt eine Anleihe in Höhe von Hunderten von Millionen erforderlich, ohne die eine Besserung unmöglich wäre. Die Wirtschaftsgeschichte der kapitalistischen Länder beweist, dass zur Hebung der Schwerindustrie in zurückgebliebenen Ländern nur langfristige Hundertmillionenanleihen in Dollars oder Goldrubel geeignete Mittel wären. Wir hatten keine derartigen Anleihen und haben bisher nichts bekommen. Was man bis jetzt über Konzessionen und Anderes geschrieben hat, ist fast alles auf dem Papier geblieben. Geschrieben haben wir darüber in der letzten Zeit viel, insbesondere auch über die Urquhart-Konzession. Unsere Konzessionspolitik scheint mir indes ausgezeichnet zu sein. Trotzdem aber haben wir noch keine einträgliche Konzession. Das bitte ich nicht zu vergessen. Die Lage der Schwerindustrie stellt somit für unser zurückgebliebenes Land wirklich ein sehr schweres Problem dar, da wir auf Anleihen bei reichen Staaten nicht rechnen konnten. Dennoch sehen wir bereits eine merkliche Besserung, und wir sehen ferner, dass unsere Handelstätigkeit uns schon ein gewisses Kapital eingebracht hat. Allerdings zunächst ein Kapital von sehr bescheidenem Umfang, nicht viel mehr als zwanzig Millionen Goldrubel, aber ein Anfang ist gemacht. Unser Handel liefert uns Mittel, die wir zur Hebung der Schwerindustrie verwenden können. Zur Zeit befindet sich unsere Schwerindustrie jedenfalls immer noch in einer sehr schweren Lage. Doch ich glaube, dass wir schon imstande sind, etwas zu sparen. Das werden wir auch weiter tun, wenn es auch auf Kosten der Bevölkerung geschieht. Wir müssen jetzt trotzdem sparen. Wir arbeiten jetzt daran, unseren Staatshaushalt zu verringern, unseren Staatsapparat einzuschränken. Über unseren Staatsapparat werde ich später noch einige Worte sagen. Wir müssen den Staatsapparat auf jeden Fall verkleinern, wir müssen so viel wie möglich sparen. Wir sparen an Allem, sogar an den Schulen. Das muss sein, denn wir wissen, dass wir ohne Rettung der Schwerindustrie, ohne ihre Wiederherstellung, keine Industrie aufbauen können, ohne diese aber sind wir als selbständiges Land überhaupt verloren. Das wissen wir sehr wohl.

Die Rettung Russlands liegt nicht nur in einer guten Ernte der Bauern – das ist zu wenig – und nicht nur in dem guten Zustand der Leichtindustrie, die der Bauernschaft Gebrauchsgegenstände liefert – das ist ebenfalls zu wenig -, wir bedürfen noch der Schwer industrie . Sie auf einen guten Stand zu bringen, erfordert aber eine Arbeit von mehreren Jahren.

Die Schwerindustrie braucht staatliche Subsidien. Treiben wir die nicht auf, so sind wir als zivilisierter Staat – als sozialistischer ganz zu schweigen – zu Grunde gerichtet. In dieser Hinsicht also haben wir den entscheidenden Schritt gemacht. Wir haben die Mittel aufgebracht, die nötig sind, um die Schwerindustrie auf eigene Beine zu stellen. Die Summe, die wir bisher aufgebracht haben, übersteigt zwar nur wenig zwanzig Millionen Goldrubel, aber sie ist jedenfalls da und einzig dazu bestimmt, für die Hebung der Schwerindustrie verwendet zu werden.



Ich glaube, Ihnen im Allgemeinen und in Kürze, wie ich es angekündigt hatte, die wichtigsten Elemente unserer Volkswirtschaft vor Augen geführt zu haben, und ich glaube, aus alledem den Schluss ziehen zu dürfen, dass die Neue Ökonomische Politik jetzt schon ein Plus ergeben hat. Es liegt jetzt schon der Beweis vor, dass wir imstande sind, als Staat Handel zu treiben, unsere festen Positionen in der Landwirtschaft und Industrie zu sichern und vörwärts zu schreiten. Das hat die praktische Tätigkeit bewiesen. Ich denke, dass das vorläufig genügt. Wir werden noch viel lernen müssen. Seit fünf Jahren halten wir die Macht, und dabei haben wir uns alle diese fünf Jahre hindurch im Kriegszustand befunden. Wir haben also Erfolg gehabt.

Das ist verständlich, weil die Bauernschaft für uns war. Schwerlich ist es möglich, mehr für uns zu sein, als es die Bauern waren. Sie verstanden, dass hinter den Weißen der Gutsbesitzer steht, den sie mehr als alles auf der Welt hassen. Deshalb hielt die Bauernschaft mit größtem Enthusiasmus, mit fester Treue zu uns. Es war nicht schwer zu erreichen, dass die Bauernschaft uns gegen die Weißen verteidigte. Die Bauern, die den Krieg vordem gehasst hatten, taten nun alles Erdenkliche für den Krieg gegen die Weißen, für den Bürgerkrieg gegen die Gutsbesitzer. Trotzdem war das noch nicht alles, denn es betraf ja eigentlich nur die Frage, ob die Macht in den Händen der Gutsbesitzer oder der Bauern bleiben sollte. Uns genügte das nicht. Die Bauern verstehen, dass wir die Macht für die Arbeiter ergriffen haben und dass wir das Ziel verfolgen, die sozialistische Ordnung mit Hilfe dieser Macht aufzubauen. Daher war die wichtigste Frage für uns die ökonomische Vorbereitung der sozialistischen Wirtschaft. Wir konnten sie nicht auf direktem Wege vorbereiten. Wir mussten es auf indirektem Wege tun. Der Staatskapitalismus, den wir bei uns geschaffen haben, ist ein eigenartiger Staatskapitalismus. Er entspricht nicht dem gewöhnlichen Begriff des Staatskapitalismus. Wir halten alle Kommandohöhen in unseren Händen, wir haben den Grund und Boden, der dem Staat gehört. Das ist sehr wichtig, wenn auch unsere Gegner die Sache so darstellen, als ob das nichts bedeute. Das ist falsch. Dass der Grund und Boden dem Staat gehört, ist außergewöhnlich wichtig und hat große praktische Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht. Das haben wir erreicht, und ich muss sagen, dass sich auch unsere ganze weitere Tätigkeit nur in diesem Rahmen entwickeln darf. Wir haben schon erreicht, dass unsere Bauernschaft zufrieden ist, dass sich die Industrie hebt und dass der Handel auflebt. Ich habe schon gesagt, unser Staatskapitalismus unterscheidet sich von einem buchstäblich aufgefassten Staatskapitalismus dadurch, dass der proletarische Staat nicht nur den Grund und Boden, sondern auch alle wichtigsten Teile der Industrie in seinen Händen hält. Wir haben vor allem einen gewissen Teil der kleinen und mittleren Industrie in Pacht gegeben, alles andere dagegen bleibt in unseren Händen.

Was den Handel betrifft, so möchte ich noch betonen, dass wir danach trachten, gemischte Gesellschaften zu gründen, und dass wir sie bereits gründen, d.h., Gesellschaften, in denen ein Teil des Kapitals Privatkapitalisten, und zwar ausländischen, gehört, der andere Teil aber uns. Erstens lernen wir dadurch, Handel zu treiben, und das haben wir nötig, und zweitens haben wir, wenn wir es für nötig befinden, ja immer die Möglichkeit, eine solche Gesellschaft wieder aufzulösen, so dass wir so zusagen nichts riskieren. Beim Privatkapitalisten gehen wir in die Lehre und suchen herauszufinden, wie wir vorwärtskommen können und was für Fehler wir machen. Mir scheint, dass ich mich auf diese Ausführungen beschränken kann.



Ich möchte noch einige geringfügige Punkte berühren. Es ist zweifellos, dass wir eine enorme Zahl von Dummheiten gemacht haben und noch machen werden. Niemand kann das besser beurteilen und deutlicher sehen als ich. (Heiterkeit.) Warum machen wir denn Dummheiten ? Das ist klar: Erstens sind wir ein rückständiges Land, zweitens ist unsere Bildung minimal, drittens erhalten wir keine Hilfe. Kein einziges zivilisiertes Land hilft uns. Im Gegenteil, sie arbeiten alle gegen uns. Viertens ist unser Staatsapparat schuld. Wir haben den alten Staatsapparat übernommen, und das war unser Unglück. Der Staatsapparat arbeitet sehr oft gegen uns. Die Sache war die, dass unser Staatsapparat 1917, nachdem wir die Macht ergriffen hatten, sabotierte. Wir erschraken damals sehr und baten: „Bitte schön, kommen Sie zu uns zurück.“ Und alle kamen zurück. Das war unser Unglück. Wir haben jetzt eine enorme Masse von Angestellten, aber wir haben noch nicht genügend gebildete Kräfte, um wirklich über sie zu verfügen. Tatsächlich geschieht es sehr oft, dass der Apparat hier oben, wo wir die Staatsmacht haben, einigermaßen funktioniert, während sie unten eigenmächtig schalten und walten, und zwar so, dass sie oft gegen unsere Maßnahmen arbeiten. Oben haben wir, ich weiß nicht wieviel, aber, ich glaube sicher, nur einige tausend, Maximum einige zehntausend der Unsrigen, unten dagegen haben wir Hunderttausende alter, vom Zaren, aber auch von der bürgerlichen Gesellschaft übernommener Beamter, die teils bewusst, teils unbewusst gegen uns arbeiten. Hier lässt sich in kurzer Zeit nichts machen, das ist ganz sicher. Hier müssen wir mehrere Jahre arbeiten, um den Apparat zu ändern, zu vervollkommnen und neue Kräfte heranzuziehen. Wir machen das in ziemlich schnellem Tempo, vielleicht in zu schnellem Tempo. Es sind Sowjetschulen, Arbeiterfakultäten gegründet worden, mehrere hunderttausend junger Leute lernen, lernen vielleicht zu schnell, aber jedenfalls ist die Arbeit begonnen, und ich denke, diese Arbeit wird auch ihre Früchte tragen. Wenn wir nicht zu hastig arbeiten, dann werden wir in einigen Jahren eine Masse von jungen Menschen bekommen, die imstande sein werden, den Apparat von Grund aus zu verändern.

Ich habe gesagt, dass wir eine enorme Zahl von Dummheiten gemacht haben, aber ich muss in dieser Hinsicht auch etwas über unsere Gegner sagen. Wenn unsere Gegner uns einen Spiegel vorhalten und sagen, Lenin selbst gebe zu, dass die Bolschewiki eine enorme Zahl von Dummheiten gemacht haben, so möchte ich darauf antworten: Ja, aber wissen Sie, unsere Dummheiten sind doch von wesentlich anderer Art als die Ihrigen. Wir haben erst begonnen zu lernen, und wir lernen so systematisch, dass wir überzeugt sind, gute Ergebnisse zu erzielen. Doch wenn unsere Gegner, also die Kapitalisten und die Helden der II. Internationale, die von uns gemachten Dummheiten hervorheben, so möchte ich mir einen Vergleich erlauben, indem ich die Worte eines berühmten russischen Schriftstellers anführe, die ich einwenig abändere, so dass sie folgendes Gesicht erhalten: Wenn die Bolschewiki Dummheiten machen, so heißt das, dass der Bolschewik sagt: 2x2=5; wenn aber seine Gegner, d.h., die Kapitalisten und die Helden der II. Internationale, Dummheiten machen, so heißt das, dass sie sagen: 2x2=Stearinkerze. Das ist nicht schwer zu beweisen. Nehmen Sie zum Beispiel den von Amerika, England, Frankreich und Japan mit Koltschak geschlossenen Vertrag. Ich frage Sie: Gibt es gebildetere und mächtigere Staaten in der Welt ? Und was kam heraus ? Sie versprachen Koltschak Hilfe, ohne zu rechnen, ohne zu denken, ohne zu beobachten. Das war ein Fiasko, das ich nicht einmal menschlich verständlich finden kann.

Oder ein anderes, noch näher liegendes und bedeutsameres Beispiel: der Versailler Frieden. Ich frage Sie: Was haben da die 'großen', die 'glorreichen' Mächte geschaffen ? Wie können sie jetzt aus diesem Wirrwarr, aus diesem Widersinn einen Ausweg finden ? Ich glaube, es ist keine Übertreibung, wenn ich wiederhole, dass unsere Dummheiten noch nichts sind im Vergleich zu den Dummheiten, die die kapitalistischen Staaten, die kapitalistische Welt und die II. Internationale alle miteinander machen.

Deshalb meine ich, dass die PERSPEKTIVEN DER WELTREVOLUTION [hervorgehoben von uns] – das ist ein Thema, dass ich kurz berühren muss – günstig sind. Und unter einer bestimmten Bedingung, glaube ich, werden sie noch besser werden. Über diese Bedingungen möchte ich noch einige Worte sagen.

Auf dem III. Kongress 1921 haben wir eine Resolution angenommen über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien und über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit. Diese Resolution ist ausgezeichnet, aber sie ist fast ausgesprochen russisch, d.h., es ist alles den russischen Verhältnissen entnommen. Das ist das Gute an der Resolution, aber das ist auch das Schlechte. Das Schlechte deshalb, weil ich überzeugt bin, dass fast kein Ausländer sie lesen kann – ich habe diese Resolution noch einmal durchgelesen, bevor ich das sage. Erstens ist sie zu lang, sie hat 50 oder mehr Paragraphen. So etwas können Ausländer gewöhnlich nicht lesen. Zweitens, wenn sie doch gelesen wird, so kann kein Ausländer sie verstehen, eben weil sie zu russisch ist. Nicht als ob sie russisch geschrieben wäre – sie ist ausgezeichnet in alle Sprachen übersetzt -, sondern weil sie durch und durch von russischem Geist durchdrungen ist. Und drittens, wenn ein Ausländer sie auch ausnahmsweise versteht, so kann er sie nicht durchführen. Das ist der dritte Mangel. Ich habe mit einigen Delegierten, die hier hergekommen sind, ein wenig gesprochen, und ich hoffe, im weiteren Verlauf des Kongresses, wenn auch nicht selbst am Kongress teilzunehmen – denn das kann ich leider nicht - , so doch mit einer größeren Zahl von Delegierten aus verschiedenen Ländern ausführlich zu sprechen. Mein Eindruck ist, dass wir mit dieser Resolution einen großen Fehler gemacht haben, nämlich dass wir uns selbst den Weg zu einem weiteren Fortschritt versperrt haben. Wie gesagt, die Resolution ist ausgezeichnet, ich unterschreibe alle ihre 50 oder mehr Paragraphen. Aber wir haben nicht verstanden, wie wir mit unserer russischen Erfahrung an die Ausländer heranzugehen haben. Alles, was in der Resolution gesagt wird, ist toter Buchstabe geblieben. Und wenn wir das nicht begreifen, werden wir nicht vorwärts kommen. Ich glaube, für uns alle, sowohl für die russischen als auch für die ausländischen Genossen, ist das Wichtigste, dass wir jetzt, nach fünf Jahren russischer Revolution, lernen müssen. Erst jetzt haben wir die Möglichkeit zu lernen. Ich weiß nicht, wie lange diese Möglichkeit bestehen wird. Ich weiß nicht, wie lange uns die kapitalistischen Mächte die Möglichkeit geben werden, in Ruhe zu lernen. Aber jeden Augenblick, den wir frei sind von militärischer Tätigkeit, vom Krieg, müssen wir ausnutzen, um zu lernen und zwar von Anfang an.

Die ganze Partei und alle Schichten in Russland beweisen das durch ihren Bildungshunger. Das Streben nach Bildung beweist, dass für uns jetzt die wichtigste Aufgabe darin besteht, zu lernen und zu lernen. Aber auch die ausländischen Genossen müssen lernen, nicht in dem Sinne, wie wir lernen müssen – lesen, schreiben und das Gelesene verstehen, was uns noch Not tut. Man streitet sich darüber, ob das zur proletarischen oder zur bürgerlichen Kultur gehört. Ich lasse diese Frage offen. Fest steht jedenfalls: Wir müssen zunächst lesen, schreiben und das Gelesene verstehen lernen. Die Ausländer haben das nicht mehr nötig. Was sie nötig haben, ist schon etwas Höheres. Dazu gehört vor allem, dass sie das, was wir über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien geschrieben und was die Ausländer unterzeichnet haben, ohne es gelesen und ohne es verstanden zu haben, nun auch verstehen. Das müssen sie als erste Aufgabe stellen. Man muss diese Resolution zur Durchführung bringen. Man kann das nicht über Nacht tun, das ist absolut unmöglich. Die Resolution ist zu russisch, sie widerspiegelt die russische Erfahrung, deshalb ist sie von den Ausländern nicht verstanden worden, deshalb können die Ausländer sich nicht damit begnügen, sie wie ein Heiligenbild an die Wand zu hängen und davor zu beten. Damit ist nichts erreicht. Sie müssen ein Stück der russischen Erfahrung in sich aufnehmen. Wie wird das geschehen ? Das weiß ich nicht. Vielleicht werden uns zum Beispiel die Faschisten in Italien gute Dienste leisten, indem sie den Italienern klarmachen, dass sie noch nicht genügend aufgeklärt sind und dass ihr Land noch nicht gegen Schwarzhunderterbanden gefeit ist. Vielleicht wird das sehr nützlich sein. Wir Russen müssen auch nach Mitteln und Wegen suchen, den Ausländern die Grundlagen dieser Resolution klarzumachen. Sonst sind sie absolut nicht imstande, diese Resolution durchzuführen. Ich bin davon überzeugt, dass wir indiesem Sinne nicht nur den russischen, sondern auch den ausländischen Genossen sagen müssen, dass das Wichtigste in der jetzt anbrechenden Periode das Lernen ist. Wir lernen im allgemeinen Sinne, Sie dagegen müssen im speziellen Sinne lernen, um die Organisation, den Aufbau, die Methode und den Inhalt der revolutionären Arbeit wirklich zu verstehen. Wenn das geschieht, dann werden, davon bin ich überzeugt, die Perspektiven der Weltrevolution nicht nur gut, sondern ausgezeichnet sein.

(Stürmischer , lang anhaltender Beifall: Zurufe: „Es lebe unser Genosse Lenin!“, die neue Ovationen auslösen.)

Prawda Nr. 258, 15. November 1922