DEUTSCH

IV. Weltkongress der Komintern

Die Aufgaben der

Kommunisten in den Gewerkschaften

Solomon Losowski:

in der 16. Sitzung des Vierten Kominternkongresses, 20. November 1922

[Nach Protokoll des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Hamburg 1923. Reprint Erlangen 1972, Band 1, S. 449-479]

 

 

 

Die Kommunistische Internationale, die sich den entschlossenen und erbitterten Kampf gegen den Reformismus in allen seinen Erscheinungsformen zur Aufgabe gemacht hat, musste notwendig schon gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit auf das wichtigste Bollwerk des Reformismus – die bestehenden Gewerkschaften stoßen. Darum eben formuliert die Kommunistische Internationale in ihren ersten Kundgebungen ihr Verhalten zu den reformistischen Gewerkschaften und zu der Stellung, die die hervorragendsten Führer der internationalen Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegsperiode eingenommen haben. Der 2. Kongress der Kommunistischen Internationale hat die Richtlinien für die Kommunisten in der Gewerkschaftsbewegung vorgezeichnet, indem er die Theorie der Spaltung und Zersplitterung der Gewerkschaften verwarf, die aus der Ungeduld und Verständnislosigkeit für die grundlegenden Aufgaben der kommunistischen Politik entstanden war.

Der 3. Kongress hat die Frage der Gewerkschaftsbewegung von neuem erörtert.

Und das ist auch nicht verwunderlich, denn die Gewerkschaften sind zum letzten Zufluchtsort der internationalen Bourgeoisie und zu dem Hauptfundament geworden, auf das sich die kapitalistische Herrschaft gründet. Der 3. Kongress der Kommunistischen Internationale hat in detailliert ausgearbeiteten Leitsätzen abermals die wichtigsten Fragen der internationalen Gewerkschaftsbewegung berührt und besonders angelegentlich die Notwendigkeit der höchsten Anspannung aller Kräfte im Kampf gegen die Reformisten auf dem Boden der Eroberung der Gewerkschaften hervorgehoben. Endlich hat die letzte Erweiterte Exekutivsitzung der Kommunistischen Internationale es als notwendig erachtet, das in einigen kommunistischen Kreisen hervorgetretene Bestreben nach einer Liquidierung der Roten Gewerkschaftsinternationale genau zu erörtern, wobei es klar war, dass diese liquidatorischen Tendenzen, wenn sie auch sehr ideale Erwägungen als Begründung ins Feld führten, in Wirklichkeit ein Resultat der Schwäche und des Unvermögens waren, die eigenen Kräfte im Kampf gegen den Reformismus zu organisieren.

Der 4. Kongress muss einen weiteren Schritt vorwärts tun. Die allgemeine Richtlinie der vorgezeichneten Grundsätze für die kommunistische Arbeit in den Gewerkschaften ist festgelegt. Wir haben jetzt eine ganze Reihe von Aufgaben zu konkretisieren und nochmals die Fragen hervorzuheben, die vom praktischen internationalen Klassenkampf in den Vordergrund gerückt worden sind. Um diese Fragen zu beleuchten, muss man vor allen Dingen die Lage betrachten, in der gegenwärtig der Kampf der Kommunisten für die Revolutionierung der Gewerkschaften vor sich geht.

Es genügt einen flüchtigen Blick auf die internationale Gewerkschaftsbewegung zu werfen, um zur Überzeugung zu gelangen, dass sie eine tiefgehende Krise durchmacht. Diese Krise wird einerseits durch die gewaltige Offensive des Kapitals und andererseits durch die Haltlosigkeit der Theorie und Praxis des führenden Kerns der internationalen Gewerkschaftsbewegung hervorgerufen. Die Offensive der Kapitalisten gewann feste Form in den letzten Monaten des Jahres 1920, wobei sie einen planmäßig organisierten Charakter annahm und den Zweck verfolgte, die Produktionsausgaben um jeden Preis durch eine Verbilligung der Arbeitskraft herabzusetzen. Die Bourgeoisie wollte ihre Nachkriegsschwierigkeiten durch einen Druck auf die Arbeiterklasse beseitigen, und je mehr die Krise sich verschärfte, desto erbitterter wurde die Angriffstaktik der Bourgeoisie, denn es handelte sich für sie darum, unter allen Umständen die unsinnig hohen Gewinne zu erzielen, an die sie sich während des Weltkrieges gewöhnt hatte. Die Form des Angriffs war dabei in den valutastarken Ländern eine andere als in denen mit niedriger Valuta, aber im Großen und Ganzen richtete sich der Ansturm gegen den Achtstundentag; die Arbeitslöhne wurden systematisch abgebaut, und es begann ein Feldzug gegen die bloße Existenz der Gewerkschaften (der Kampf um die „open shops" in Amerika).

Abgesehen von dieser rein wirtschaftlichen Offensive, hat die Bourgeoisie in den letzten zwei Jahren noch besondere Organisationen geschaffen, die die Aufgabe hatten, die Gewerkschaftsorganisationen zu vernichten und ihre Führer auszurotten. Als klassisches Beispiel in dieser Hinsicht kann Italien dienen (wo kürzlich die ganze kommunistische Bewegung zerstört worden ist), das den traurigen Ruhm hat, auf dem Wege der Zertrümmerung und Vernichtung der Arbeiterorganisationen an der Spitze aller „zivilisierten" Mächte zu marschieren. Die gesamte faschistische Bewegung ist ebenso wie die analogen Bewegungen in den anderen Ländern, nicht mehr und nicht weniger als eine vorbeugende Konterrevolution, wobei die italienischen Arbeiter genötigt sind, alle Nachteile und Lasten der Konterrevolution zu erdulden, ohne dass sie alle Vorteile der sozialen Revolution genossen haben. Diese allseitigen Angriffe des Kapitals haben seitens der Spitzenorganisationen der internationalen Gewerkschaftsbewegung nur einen äußerst schwachen Widerstand gefunden. Die Amsterdamer, die bei jeder günstigen und ungünstigen Gelegenheit von ihren großen Siegen über das Kapital und von den großen Wohltaten erzählen, die das Internationale Arbeitsamt im Völkerbund der Menschheit bereitet, haben vom ersten Augenblick der kapitalistischen Angriffsaktionen an eine abwartende Haltung eingenommen und während der ganzen verflossenen Periode kein einziges Mal die Initiative zu einem ernstlichen Kampf ergriffen, sondern sind bestenfalls nur von der Empörung der Arbeitermassen vorwärts gepeitscht worden. Äußerst bezeichnend ist in dieser Hinsicht die letzte Aussperrung in England, der Kohlenarbeiterstreik in Amerika, die Metallarbeiterbewegung in Frankreich, sowie eine Reihe von Streiks in Deutschland und Italien. Die Amsterdamer haben stets und überall eine passive Rolle gespielt, haben den Konflikt immer möglichst schnell beizulegen gesucht, die Reihen der Arbeiterklasse desorganisiert und demoralisiert und dadurch ihren Kampf nur vereitelt. Diese Ohnmacht der Gewerkschaften, dem angreifenden Kapital entgegenzutreten, die offene Abgeneigtheit der Führer, die Arbeitermassen in den Kampf zu führen, rief in weiten Kreisen der Arbeiterklasse tiefe Enttäuschung hervor, und hieraus erklärt sich der Abmarsch ganzer Arbeitergruppen aus den Gewerkschaften. Das Anwachsen der Gewerkschaften kommt in den Jahren 1921-22 nicht nur zum Stillstand, sondern macht einem raschen Rückgang Platz. Hunderttausende von Arbeitern verlassen die gewerkschaftlichen Organisationen, die Gewerkschaften bröckeln ab, werden somit geschwächt und verlieren die Fähigkeit, dem angreifenden Kapital entgegenzutreten. Die französische CGT, die Anfang 1920 über 2 Mill. Mitglieder hatte, zählt gegenwärtig in beiden Parallelorganisationen nur noch 600.000 Mitglieder. In Italien Ist die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder von 2 Millionen auf 700.000 gefallen. In England sank die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder um 1300.000. In den Vereinigten Staaten haben die Gewerkschaften ungefähr 1½ Millionen Mitglieder verloren, Einen ähnlichen Rückgang der Mitgliederzahl beobachten wir in der Tschechoslowakei, in Schweden, Norwegen, Holland, Dänemark usw. Nur in Deutschland und Österreich hat sich die Mitgliederzahl ungefähr auf der früheren Höhe gehalten, aber das erklärt sich nicht etwa aus der übermäßigen revolutionären Gesinnung der Gewerkschaftsführer in diesen Ländern, sondern aus der tragischen Lage, in der sich das österreichische und deutsche Proletariat befindet, und durch die größere Organisiertheit der Arbeiter dieser Länder. Abgesehen vom numerischen Rückgang wächst in den Gewerkschaften auch die allgemeine Unsicherheit und der Mangel an Vertrauen in die eigenen Kräfte. Die Amsterdamer, die im Laufe mehrerer Jahre große Reformen ankündigten, die aus dem Schoße des Internationalen Arbeitsamts hervorgehen sollten, sind verstummt. Die Blüten sind entblättert, die Feuer ausgebrannt. Sie selber haben den Glauben an das große soziale Schöpfertum der von ihnen geschaffenen Organisationen verloren, und wenn sie auch am Internationalen Arbeitsamt des Völkerbundes noch weiter teilnehmen, so geschieht es deshalb, weil sie an dieses Arbeitsamt fest geschmiedet sind wie ein Zwangssträfling an seinen Karren, und sie werden das Schicksal dieser in jeder Hinsicht bemerkenswerten Institution teilen. Sie können auf die Arbeitsgemeinschaft der Klassen nicht verzichten, denn ihre ganze Tätigkeit ist auf dieses Prinzip gegründet. Ja noch mehr. Diese Arbeitsgemeinschaft wird von Tag zu Tag immer enger, denn ein Bruch der Klassenarbeitsgemeinschaft zwischen den Gewerkschaften und der Bourgeoisie würde nicht nur das Ende der Bourgeoisie, sondern auch das Ende der Amsterdamer bedeuten.

Wenn die Führer der Amsterdamer Internationale in allen Fällen, wo der Offensive des Kapitals entgegengearbeitet werden musste, die größte Bescheidenheit und die äußerste Passivität an den Tag legten, so wurden sie dafür höchst ungezwungen aggressiv und energisch, wenn es sich um den Kampf gegen die revolutionären Arbeiter handelte. Die Zeit zwischen dem 3. und 4. Kongress ist charakterisiert durch den Feldzug gegen den revolutionären Flügel der Arbeiterbewegung. Die Amsterdamer beschlossen, unter keinen Umständen in der Minderheit zu bleiben: lieber eine Spaltung, als die Übergabe der Gewerkschaftsleitung an die Kommunisten. Das ist die Losung der Amsterdamer Internationale, und diese Losung ergibt sich aus der ganzen Stellungnahme der Amsterdamer, denn auf andere Weise würde es ihnen schwer fallen, die kapitalistische Gesellschaft und das kapitalistische System zu retten. In Frankreich ist es den Amsterdamern gelungen, die Gewerkschaftsbewegung zu spalten, und wir haben dort zwei Arbeitskonföderationen. Als die Kommunisten begannen, die bequemen Pöstchen der tschechoslowakischen Amsterdamer zu bedrohen, folgten diese letzteren dem Beispiel ihrer französischen Kollegen und führten die Spaltung der tschechoslowakischen Gewerkschaften herbei.

In Spanien spaltete der reformistische Allgemeine Arbeiterbund seine größte Organisation, den Verband der Bergarbeiter, in demselben Augenblick, als die Kommunisten und Syndikalisten in diesem Verband die Mehrheit gewonnen hatten. In Deutschland ist in den Verbänden der Bauarbeiter, der Eisenbahner und der Verkehrsarbeiter eine systematische Kommunistenhetze eingeleitet worden, wobei die deutsche Methode darin besteht, die zu einem Amt gewählten Kommunisten hinauszuwerfen, ihre Wahlkandidaten nicht anzuerkennen und auf diese Weise die revolutionären Führer von der revolutionären Masse zu trennen.

Beharrlich und hartnäckig führen die Amsterdamer in Deutschland ihre Taktik durch, mit allen Kräften bestrebt, die besten Kampfelemente aus den Arbeiterverbänden zu vertreiben.

„Um stark zu sein, müssen wir unsere Reihen säubern", so lautet die zynische Erklärung des Zentralorgans des ADGB., des „Korrespondenzblatt", in seinem Artikel „Der Feind steht links". „Heraus aus den Gewerkschaften", das ist die Losung der Amsterdamer, und sie ziehen aus ihr die praktischen Folgerungen. Und je größer die kommunistische Gefahr wird, je mehr das revolutionäre Klassenbewusstsein der Massen wächst, um so klarer werden die Bestrebungen der Amsterdamer, die Gewerkschaften zu spalten, denn revolutionäre Gewerkschaften können sie nicht brauchen. Sie ziehen die katholischen und die gelben Gewerkschaften den revolutionären Gewerkschaften vor. Das lässt sich durch eine beliebig große Anzahl von Tatsachen zeigen. So schließt der reformistische Bergarbeiterverband in Deutschland freudig Verträge mit dem katholischen Verband und mit dem nationalistischen polnischen Verband, aber er will sich unter keinen Umständen mit der Union der Hand- und Kopfarbeiter verständigen, und hilft sich damit, dass er ihre Mitglieder als Unorganisierte bezeichnet. Die Union ist eine revolutionäre Organisation, die von Kommunisten geleitet wird, und die ehrenwerten Gentlemen aus dem Deutschen Bergarbeiterverband ziehen die Katholiken den Kommunisten vor. Aber die Amsterdamer begnügen sich nicht damit, auf die Gewerkschaften einen Druck im nationalen Ausmaß auszuüben. Auf dem letzten Kongress der Amsterdamer Internationale in Rom wurde in einer gemeinsamen Beratung mit den Vertretern der internationalen Sekretariate der einzelnen Produktionszweige von neuem der Beschluss gefasst, dass die revolutionären Gewerkschaften zu diesen Internationalen Sekretariaten nicht zugelassen werden dürfen. In dieser Hinsicht wird eine ganz bestimmte Taktik durchgeführt, denn die Amsterdamer sind immer fest, wenn es sich um den Kampf gegen die revolutionären Gewerkschaften handelt. Während des letzten Jahres wurden aus den internationalen Industrieverbänden ausgeschlossen oder in sie nicht aufgenommen: die russischen Verbände der Metallarbeiter, der Bergarbeiter, der Holzarbeiter, der Bauarbeiter, der Textilarbeiter, der Landarbeiter, der Angestellten, der Post- und Telegraphenbeamten, der Lederarbeiter, der Verkehrsarbeiter usw. Der formelle Grund für ihren Ausschluss war, dass sie durch den Allrussischen Zentralverband der Gewerkschaften der Roten Gewerkschaftsinternationale angegliedert sind, in Wirklichkeit aber werden sie deshalb ausgeschlossen, weil sie die Revolution durchgeführt haben, weil sie mit dem Sowjetstaat verbunden, von kommunistischem Geiste durchdrungen und die Grundlage und das Fundament des Sowjetstaats und der Diktatur des Proletariats sind. Die der Amsterdamer Internationale angeschlossenen Internationalen Sekretariate würden mit Vergnügen konterrevolutionäre Gewerkschaften aufnehmen, aber revolutionäre Gewerkschaften wollen sie nicht aufnehmen, denn das könnte ihr friedliches Leben und ihre Verdauung stören.

Was stellt dieser Feldzug gegen die revolutionären Gewerkschaften dar? In seinem Kern ist er nichts anderes als eine Widerspiegelung des Feldzuges des internationalen Kapitals gegen die Arbeiterklasse, er ist ein Widerschein der sozialen Kämpfe, die zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat ausgefochten werden. Die Amsterdamer Internationale, die auf der anderen Seite der Barrikade steht, beschießt die internationale Arbeiterbewegung mit den Kanonen, die sie gegenwärtig zur Verfügung hat. Den Leitern der heutigen Gewerkschaftsbewegung ist es vollkommen klar, dass die Gewerkschaftsbewegung, wenn sie ihre Einheit bewahrt, zwar langsam aber dennoch nach links rückt und dass in dem Augenblick, wo die Kommunisten sich der Gewerkschaftsbewegung bemächtigen, nicht nur für die Bourgeoisie, sondern auch für den Reformismus das Ende da ist. Deshalb treiben sie eine bewusste Politik der Spaltung und des Ausschlusses. Sie wollen die Arbeiterklasse entkräften, zur Eroberung der Macht unfähig machen und soweit desorganisieren und demoralisieren, dass sie ihre Hand nicht auf die Produktions- und Austauschmittel zu legen vermag. Die Amsterdamer Internationale rettet die moderne Zivilisation mit allen Mitteln und auf jede Weise.

Die Amsterdamer stehen in ihrem Kampf gegen die Kommunisten nicht allein: sie haben Verbündete in den Anarchisten. Seit den letzten zwei Jahren beobachten wir eine besondere Verschärfung des Kampfes der Anarchisten gegen den Kommunismus. Seit dem Jahre 1920 nehmen diese Feindseligkeiten einen immer schärferen Charakter an und in der letzten Zeit unterscheiden sie sich in ihrem Charakter schon durch nichts mehr von den Aktionen der Reformisten. Die Begründung ist freilich eine andere, die Angreifer selbst tragen eine andere Fahne, aber der politische Inhalt ist derselbe: die Anarchisten sind mit allen Kräften bestrebt, die Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaften zu beschränken, sie anzuschwärzen, und die anarchistische Organisation spricht den Kommunisten sogar das Recht ab, überhaupt in der Gewerkschaftsbewegung zu arbeiten. Derartige Angriffe unternahmen im Laufe des letzten Jahres die IWW in Amerika, die Syndikalisten in Italien, die Anarcho-Syndikalisten Spaniens und einige syndikalistische Gruppen Frankreichs. Als Parole diente hierbei der Kampf gegen die Politik, und die Gewerkschaftsinternationale wurde in einen Gegensatz gebracht zur Kommunistischen Internationale und zu den kommunistischen Parteien. Bekanntlich worden die Begriffe Politik, Partei, Staat von den Anarchisten als eine Art Wundertier dargestellt, wobei es für sie völlig gleichgültig ist, um welche Politik oder Partei und um welchen Staat es sich handelt. Ihre metaphysische Denkweise wirft alles in einen Topf und so sind sie gewohnt, in Ausdrücken des Ewigen und Absoluten zu denken. Wir finden bei ihnen ein nacktes und kategorisches Ableugnen jeglichen politischen Kampfes und jeglicher Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den kommunistischen Parteien. Diese weltfremde Theorie wird als unabhängig bezeichnet, und unter dieser Flagge fanden im Laufe des letzten Jahres die Angriffe der Anarchisten gegen die Kommunistische Internationale und die RGI statt. Gewerkschaften und Parteien müssen voneinander vollkommen getrennt sein, – so lautet der Sinn aller dieser Erklärungen. In einer Reihe von Entschließungen und in einer ganzen Anzahl von Aufrufen haben die Anarchisten diesen elementaren Gedanken immer wieder durchgekaut, der durch seine Einkleidung in ein rein gewerkschaftliches Gewand nicht klarer und revolutionärer geworden ist

Aber die anarchistischen Elemente beschränken sich nicht nur auf den ideellen Kampf gegen die Kommunisten. Im letzten Jahr kam es zu einer Reihe von Ereignissen, die beweisen, dass die Lorbeeren der Amsterdamer auch die Anarchisten nicht schlafen lassen. Einige anarchistische Organisationen haben mit dem Ausschluss derjenigen Mitglieder begonnen, die Anhänger der RGI sind und für die Verbindung zwischen beiden revolutionären Internationalen eintreten. Solche Ausschlüsse haben im italienischen Syndikalistenverband stattgefunden. Auch die holländischen Syndikalisten drohen den Kommunisten mit Skorpionen, und ihren Spuren folgen die anarcho-syndikalistischen Gruppen anderer Länder. Alle diese Aktionen verfolgen die Aufgabe die Gewerkschaftsbewegung von der politischen Bewegung zu trennen, die revolutionären Gewerkschaften von der RGI loszureißen und eine eigene kleine jenseitige Internationale zu bilden. In dieser Hinsicht verwirklichen alle anarchistischen Gruppen die Direktiven der internationalen Anarchistenkonferenz, die im Dezember 1921 stattfand und sich für die Bildung einer neuen, unabhängigen, selbständigen revolutionär-syndikalistischen Internationale aussprach. Ein Versuch in dieser Richtung wurde im Juni d. J. unternommen, wobei es den Initiatoren gelang, die Vertreter einiger Organisationen zusammenzubringen. Zur Charakterisierung dieser neuen Internationale genügt der Hinweis, dass die Führerrolle in ihr von den deutschen Lokalisten gespielt wird, diesen typischen Tolstoianern und politischen Vegetariern.

Wodurch erklärt sich nun die Verschärfung des Kampfes der Anarchisten gegen die Kommunistische Internationale und die RGI? In der ersten Periode nach der Oktoberrevolution waren die anarchistischen Gruppen und insbesondere die anarcho-syndikalistischen Organisationen sogar der Kommunistischen Internationale angeschlossen, Ihren Anschluss vollzogen damals die Nationale Arbeitskonföderation Spaniens, der Svndikalistenbund Italiens usw. Wodurch erklärt sich der Abmarsch dieser Gruppen nicht nur aus der Kommunistischen Internationale, sondern sogar aus der RGI? Dieses Auftreten der Anarchisten gegen die Kommunistische Internationale, die RGI und die russische Revolution erklärt sich aus der allgemeinen Lage der internationalen Arbeiterbewegung, und die anarchistischen Angriffe sind nur ein Spiegelbild der Angriffe des internationalen Kapitals und der Amsterdamer. Sie sind ein Glied derselben Kette. Trotz ihrer revolutionären Phraseologie sind die Anarchisten stets die Träger kleinbürgerlicher Ideen gewesen. Und als die bürgerliche Gesellschaft ihre Kräfte zum Kampf gegen den Kommunismus sammelte, als eine Einheitsfront aller Elemente geschaffen wurde, die der bürgerliche Staat zur Abwehr der kommunistischen Gefahr besitzt, da war es natürlich, dass die Anarchisten an dieser Front den gebührenden Platz einnahmen. Sie erklären ihre Angriffe gegen die Kommunistische Internationale und die RGI freilich häufig durch die Lage, in der sich die Anarchisten in Sowjetrussland befinden, und durch ihre prinzipielle Stellung zu jeglichem Staat und zu jeglicher Diktatur überhaupt. Aber uns interessiert ja nicht das, was die Anarchisten reden, sondern das, was sie tun. Und ihre Taten sehen folgendermaßen aus. Als die kommunistische Bewegung ihre schwerste Zeit erlebte. als der Staatsapparat und die Brachialgewalt des internationalen Kapitals sich mit ihrer ganzen Schwere auf sie stürzten, als der gesamte mächtige Apparat der alten Gewerkschaften gegen den Kommunismus und die kommunistische Bewegung gerichtet wurde, da traten die Anarchisten mit ihrem antikommunistischen Programm und mit ihrem Kampf für die angebliche Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung hervor. Es entstand eine anarcho-reformistische Front, die sich der bürgerlichen Front angliederte. Die antikommunistische Front hat – in der kleinbürgerlichen Demagogie der Anarchisten ihre Vollendung gefunden. So ist die kommunistische Bewegung gezwungen, nicht nur gegen das Kapital, sondern auch gegen den Reformismus und den Anarchismus zu kämpfen, die einen Block gegen die kommunistische Gefahr geschlossen haben. Der Anarchismus hat sich hier wie immer als Verbündeter des Reformismus erwiesen. Und das ist nicht verwunderlich. Denn sie bilden nur die beiden Seiten derselben kleinbürgerlichen Medaille.

Die Anarchisten und die revolutionären Syndikalisten lieben es besonders, die Neutralität der Gewerkschaften den politischen Parteien gegenüber zu betonen. Sie formulieren dies als ihr besonderes Verdienst und eine Eigenart dar revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaftsbewegung, wobei sie statt Neutralismus den Ausdruck Unabhängigkeit gebrauchen, was aber im Grunde genommen dasselbe ist. Was ist Neutralismus? Neutralismus ist eine Strömung in der Gewerkschaftsbewegung, die die Parole aufstellt: völlig gleichartiges Verhalten zu allen politischen Parteien, oder volle und absolute Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung von der Politik. Die Politik ist bekanntlich die bête noire der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten, wobei sie die Politik mit dem Parlamentarismus und die politische Tätigkeit, den politischen Kampf mit den Parlamentswahlen und der damit verbundenen Wahlküche verwechseln. Der Neutralismus ist die Losung der extremsten Reformisten einerseits und der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten andererseits. Einer der angesehensten Führer der amerikanischen Arbeiterbewegung, John Mitchel, hob in seinem Buche „Die organisierte Arbeit" diesen Neutralismus mit besonderer Klarheit hervor, wobei er die Idee verfocht, dass die moderne Gesellschaftsordnung aus 3 Elementen zusammengesetzt sei: dem Kapital, der Arbeit und der Gesellschaft. Was dieser ehrenwerte Führer unter Gesellschaft gemeint hat, ist ziemlich schwer zu erraten; offenbar wohl die liberalen Sozialreformatoren, mit denen er gemeinsam an verschiedenartigen Liguen und Gesellschaften teilnahm, die ein Herumreden über die soziale Gesetzgebung und über eine Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse zum Gegenstand haben. In welchem Maße dieser Herr unabhängig und neutral gewesen ist, geht aus der Tatsache hervor, dass man nach seinem Tod eine Hinterlassenschaft von nicht mehr und nicht weniger als einer halben Million Dollar vorfand. Das alles hatte er als Führer der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung verdient. Dieser Neutralismus ist die schlimmste Form des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat und der ideellen Unterordnung der Interessen des Proletariats unter die der herrschenden Klassen.

Die Unabhängigkeitstheorie ist in ihrem Wesen auf denselben Grundsätzen aufgebaut Sie stellt sich freilich Ziele, die denender neutralistischen Politiker entgegengesetzt sind. Die von den Anarcho-Syndikalisten und Anarchisten gepredigte Unabhängigkeit ist die Theorie der Ausschließlichkeit der Gewerkschaftsbewegung, der Vorherrschaft der Gewerkschaftsbewegung über alle anderen Formen der Arbeiterbewegung, und sie spricht den politischen Parteien nicht nur das Recht auf Führung, sondern sogar die bloße Existenzberechtigung ab. Besonders trat diese Ideologie der Unabhängigkeit während des letzten Jahres in der Polemik der Anarcho-Syndikalisten aller Richtungen gegen die RGI zutage. Die französischen, italienischen, holländischen, schwedischen, amerikanischen Syndikalisten, deren Prätentionen umgekehrt proportional ihrem spezifischen Gewicht in der Arbeiterbewegung sind, spielen sich beständig gegen die kommunistischen Parteien aus und erklären, dass die Gewerkschaften die Revolution selber durchführen und die Früchte ihres Sieges ernten werden. Auf diese Theorie können die Kommunisten antworten: „Bitte, beweist die Richtigkeit Eurer Theorie durch Tatsachen." Wir sind berechtigt, insbesondere im gegenwärtigen Augenblick des ernsthaftesten Kampfes, von den Führern der Arbeiterbewegung zu fordern, dass sie nicht nur Deklarationen erlassen, dass sie nicht nur das Versprechen geben, die Revolution durchzuführen, sondern dass sie diese Versprechungen auch verwirklichen. Die beste Theorie ist diejenige, die durch die Tatsachen bewahrheitet wird. Unsere kommunistische Theorie ist nicht nur durch die russische, sondern auch durch andere Revolutionen bestätigt worden.

Die Theorie der Anarchisten und Syndikalisten aber hat eine derartige Bestätigung noch nicht gefunden. Im Gegenteil, soweit der Anarchismus sich in der russischen Revolution praktisch betätigte, war er im Grunde genommen der Träger einer kleinbürgerlichen antiproletarischen Ideologie. Die Machno-Bewegung bildete den höchsten praktischen Ausdruck des kriegerischen Anarchismus und sie lieferte den Beweis, dass der Anarchismus in seinem Wirken ein antiproletarisches, kleinbürgerliches, mit den „Kulaki" (bäuerlichen Ausbeutern) in Verbindung stehendes Element ist. Deshalb verhalten wir uns zur antikommunistischen Theorie der Unabhängigkeit nicht nur skeptisch und misstrauisch, sondern betrachten diese Theorie auch als höchst schädlich und gefährlich für die Arbeiterbewegung des Landes, in dem sie Einfluss und Übergewicht erhält. Die Trennung der Politik und der Ökonomie in zwei parallele, selbständige Teile bedeutet im Grunde genommen eine Zerschneidung der einheitlichen proletarischen Arbeiterbewegung in zwei Hälften. Die Arbeiterbewegung kann verschiedene Erscheinungsformen haben: in Abhängigkeit von den Verhältnissen, von Ort und Zeit, von der politischen Lage, vom Kräfteverhältnis können diese oder jene Formen und Methoden des Kampfes besser zur Anwendung gelangen als andere. Eines aber ist völlig klar: in dem Augenblick, wo wir die politische und wirtschaftliche Arbeiterbewegung voneinander trennen oder gar einander gegenüberstellen, zerreißen wir das, was sich im Kampfprozess organisch verknüpft, wir schwächen das Proletariat und schneiden ihm jede Möglichkeit eines erfolgreichen Kampfes gegen den trefflich geeinten, ausgezeichnet organisierten Klassenfeind ab. Die Bourgeoisie beschäftigt sich nicht mit solchen Theorien, sie trennt die Politik nicht von der Ökonomie, sie versteht sich vortrefflich darauf, alles auszunutzen, was von ihrem Apparat geschaffen worden ist. Die Staatsgewalt, die Literatur, die Wissenschaft, die Kunst, die Kirche und die wirtschaftlichen Organisationen der Unternehmer, – das alles bildet einen einheitlichen festgefügten Block, der dem Streben des Proletariats nach Befreiung vom kapitalistischen Joch immer entgegensteht. Die Politik – so heißt es im Programm der Kommunistischen Partei Russlands – ist die konzentrierte Ökonomie. Mir scheint, dass dies die ausdrucksvollste und genaueste Formulierung der Wechselbeziehungen zwischen Politik und Ökonomik ist. Unter Politik verstehen wir Kommunisten die Bewegung der Arbeiterklasse zum Zwecke ihrer Befreiung, den Gegensatz der Arbeiterklasse zur gesamten bürgerlichen Gesellschaft. Die Tätigkeit, die die Verschärfung dieses Gegensatzes zur Aufgabe hat, die den Abgrund zwischen den Klassen vertiefen, das Proletariat zur Verwirklichung seiner Ziele vereinigen, ein richtiges Verhältnis zwischen den millionenköpfigen Massen herstellen will, – diese gesamte Tätigkeit heißt Politik. Nur Leute mit primitiver Denkweise können den politischen Kampf mit dem Parlamentarismus verwechseln, der eine von den zahlreichen Spielarten der politischen Tätigkeit des Proletariats ist. In dieser Gegenüberstellung von Politik und Ökonomie im Neutralismus, in der Unabhängigkeitstheorie kommt der Wunsch der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten zum Ausdruck, die Kommunistische Partei mit den Gewerkschaften in Konflikt zu bringen und, gestützt auf die parteilosen Organisationen, den Kampf gegen die Kommunistische Partei zu führen. Ihrem Wesen nach ist die Unabhängigkeitstheorie nicht nur gegen die Partei, sondern auch gegen den Kommunismus gerichtet, denn der Kommunismus ist nicht körperlos, er kann nicht außerhalb von Zeit und Raum und ohne eine bestimmte Organisation bestehen, sondern existiert nur in dem Maße, in dem ein Träger dieses Kommunismus vorhanden ist. Gewiss stellt die Arbeiterklasse als Ganzes einen solchen Träger dar, aber die Arbeitermasse, die kommunistische Instinkte besitzt, verkörpert ihr kommunistisches Bewusstsein in einer bestimmten Organisation und das ist eben die Kommunistische Partei. Wenn man daher die Gewerkschaften zu den kommunistischen Parteien in Gegensatz bringt und bestrebt ist, unter der Flagge der Unabhängigkeit den Kampf zwischen ihnen zuzuspitzen, so richtet sich dieses Streben nicht nur gegen die Partei als solche, sondern auch gegen den Kommunismus, gegen die Arbeiterklasse und gegen die soziale Revolution.

Im Kampf gegen die „Politik" stellen die Anarcho-Syndikalisten dem Kommunismus den Syndikalismus entgegen. Was aber ist der Syndikalismus? Unter Syndikalismus versteht man vor allen Dingen die gesamte Gewerkschaftsbewegung als Ganzes, d. h. die Summe aller Gewerkschaften des betreffenden Landes. Unter solchen Umständen verliert die Gegenüberstellung von Syndikalismus und Kommunismus jeden Sinn, denn in dem Maße, wie die Gewerkschaften alle organisierten Arbeiter erfassen, erfassen sie auch ihren kommunistischen Teil. Die Gewerkschaften der Kommunistischen Partei gegenüberstellen, heißt also auch, die kommunistischen Arbeiter sich selbst entgegenstellen. Es ist klar, dass in den Begriff Syndikalismus auch ein anderer Sinn hineingelegt wird. In der Tat wird unter Syndikalismus auch eine bestimmte ideelle Richtung innerhalb der Arbeiterbewegung, innerhalb der Gewerkschaften verstanden. Die besondere Eigenart dieser ideellen Richtung besieht darin, dass sie sich vor allen Dingen auf die Gewerkschaften stützt. Aber worin bestehen die grundlegenden Charakterzüge des Syndikalismus? In der Gestalt, in der der Syndikalismus sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte in seinen verschiedenen Verzweigungen herauskristallisiert hat, ist er die Theorie der Priorität der Gewerkschaftsbewegung vor den anderen Formen der Arbeiterbewegung. Wir sehen also, dass dem Syndikalismus eine anarchistische, parteifeindliche und antipolitische Tendenz zugrunde liegt. Der Syndikalismus behauptet, dass die Arbeiterklasse sich in den Gewerkschaften ihre Vorhut schaffe und durch die Gewerkschaften ihre Aufgaben verwirklichen werde. Sehr interessant ist in dieser Hinsicht die Polemik, die zwischen den Syndikalisten und Kommunisten in Frankreich anlässlich der Resolution entstand, die vom Marseiller Parteitag der Kommunistischen Partei über die Gewerkschaftsbewegung angenommen wurde. Der vom Parteitag sehr vorsichtig ausgedrückte Gedanke, dass die Kommunistische Partei die Vorhut des Proletariats bilde, stieß bei den Syndikalisten auf schroffe Ablehnung.

Als eine Strömung innerhalb der Gewerkschaften ist der Syndikalismus bestrebt, sein eigenes Programm, seine eigene Taktik, seine eigenen Formen und Methoden des Kampfes auszuarbeiten und die Arbeitermassen in der Klassenaktion zusammenzuschließen. Dasselbe Ziel stellt sich auch der Kommunismus. In Ländern mit syndikalistischer Arbeiterbewegung haben wir also keinen Gegensatz zwischen Gewerkschaften und Partei, wie heftig die verschiedenen Schattierungen des Syndikalismus das auch behaupten mögen, sondern wir haben im Grunde genommen einen Gegensatz zwischen zwei Parteien, von denen die eine kommunistische und die andere syndikalistische Partei heißt. Natürlich können die Syndikalisten schon beim bloßen Gedanken daran, dass sie in ihrem Wesen eine Partei darstellen, in Entsetzen geraten, denn die Partei – und in diesem Sinne erscheinen die Syndikalisten als Nachfolger der Anarchisten – ist von ihrem Standpunkt aus etwas höchst Negatives. Diese negative Vorstellung von der Partei ist in diesen Ländern aus den verdorbenen parlamentarischen Sitten und aus der äußersten Dehnbarkeit des Gewissens und Rückgrats der Führer, nicht nur der bürgerlichen, sondern auch der sogenannten sozialistischen Bewegung in den westeuropäischen Ländern entsprungen. Auf dem Boden der reformistischen Praxis und des parlamentarischen Kretinismus ist diese Verwechselung der Politik mit der Wahlköcherelf erwachsen. Das Unglück der Syndikalisten besteht darin, dass sie die eigentliche Quelle, die Wurzel ihrer Theorie gar nicht sehen, Und darum ist der Syndikalismus in ihren Augen eine aus der proletarischen Massenbewegung organisch hervorgewachsene Erscheinung, während der Kommunismus eine künstlich eingepflanzte Bewegung ist, die irgendwelche verdächtige und der Arbeiterklasse ganz offenbar feindselige „Politiker" von auswärts hineingetragen haben. Als ideelle Bewegung und in seiner gesunden realistischsten Form betrachtet, nähert sich der Syndikalismus in vielen Dingen dem Kommunismus, denn er stellt sich nicht nur dieselben Ziele – Sturz des Kapitalismus usw. –, sondern er predigt auch dieselben Hauptmethoden – die Diktatur des Proletariats. Welche Wechselbeziehungen müssen nun zwischen Syndikalisten und Kommunisten hergestellt werden? Vor allem stellt der Syndikalismus, wie bereits erwähnt, keine einheitliche Strömung dar. Man kann vielmehr im Syndikalismus mehrere Strömungen unterscheiden. Um so seltsamer ist der Anspruch des Syndikalismus, sich dem Kommunismus entgegenzustellen. Wir haben da vor allem die Anarcho-Syndikalisten, die sich fast durch nichts von den Anarchisten unterscheiden; ferner die Syndikalisten-Revolutionäre, die bereits eine bestimmte Trennungslinie zwischen sich und dem Anarchismus zu ziehen vermocht haben; und schließlich die Syndikalisten-Kommunisten, die dem Kommunismus näherstehen. Somit ist also der Syndikalismus an und für sich nichts Fertiges, in eine bestimmte Form Gegossenes, sondern die Summe einer ganzen Reihe ideeller Strömungen, die zwischen dem Anarchismus und dem Kommunismus stehen. Hieraus ergibt sich natürlich auch Klarheit über die Aufgaben der Kommunisten in den Ländern, wo eine revolutionär-syndikalistische Gewerkschaftsbewegung vorhanden ist. Vor allem müssen die Kommunisten die Initiative übernehmen zum Zusammenschluss des linken Flügels der Arbeiterbewegung. Am nächsten stehen uns die Syndikalisten-Kommunisten. Das ist die Strömung innerhalb des Syndikalismus der Gegenwart, die aus dem Kriege und aus der russischen Revolution tatsächlich viel gelernt hat. Sie begreifen, was die Diktatur des Proletariats ist, sie begreifen die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit derselben für die Übergangszeit.

Sie tritt an die Diktatur nicht vom Standpunkt eines abstrakten anarchistischen Büchleins über die Probleme der Revolution heran, sondern vom Standpunkt der Erfahrung, vom Standpunkt solcher Leute, die wirklich beim lebendigen Leben in die Lehre gehen wollen. Am typischsten ist in dieser Hinsicht die Gruppe „Arbeiterleben" in Frankreich, die man als parteilose, kommunistische Gruppe bezeichnen kann. Diese Gruppe ist ihrem ganzen Wesen nach kommunistisch. Zu ihr zählen sehr viele Mitglieder der Kommunistischen Partei, aber ihre praktische Tätigkeit hat im Rahmen der Kommunistischen Partei keinen Raum. In Frankreich ist das übrigens auch nicht verwunderlich, denn die Kommunistische Partei Frankreichs stellt keine Organisation dar, die als politische Autorität für alle revolutionären Arbeiter des Landes gelten könnte. Die Partei befindet sich noch in der Periode des Aufbaus, sie kennt noch ideelle Meinungsverschiedenheiten, sie ist noch nicht einheitlich und geschlossen genug, um sich der Herrschaft über die Massenbewegung in Frankreich zu bemächtigen, obgleich die objektive Loge für eine ernste kommunistische Partei äußerst günstig ist.

Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, dass Kommunismus und Syndikalismus zwei verschiedene Theorien darstellen, zwei verschiedene Arten des Herantretens an die Probleme der Arbeiterbewegung und an die Methoden zur Verwirklichung der Aufgaben, vor denen die Arbeiterklasse .steht. Und in dem Maße, wie wir mit den Trägern des Syndikalismus Meinungsstreitigkeiten haben, müssen die Kommunisten den entschlossensten ideellen Kampf gegen alle antikommunistischen Tendenzen des Syndikalismus führen. Die Kommunisten können auch nicht im mindesten eine Theorie und Praxis zulassen, die zur Verneinung der politischen Parteien führt, von wem diese Theorie und Praxis auch immer durchgeführt und verteidigt werden mag. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit eines systematischen, hartnäckigen und planmäßigen ideellen Kampfes gegen all die anarchistischen Schichtungen, die es gegenwärtig noch in der Arbeiterbewegung gibt. Aber das darf nicht im geringsten die praktische Annäherung, die gemeinsame Tätigkeit, die enge Arbeitsgemeinschaft zwischen Kommunisten und Syndikalisten im Kampfe nicht nur gegen das angreifende Kapital, sondern auch gegen den Reformismus behindern. Wie ist dies zu erreichen? Lediglich durch revolutionäre Tätigkeit. Der Syndikalismus ist um so stärker, und dem Kommunismus gegenüber um so aggressiver, je schwächer und politisch hilfloser die Kommunistische Partei ist. Wo die Kommunistische Partei bei allen Vorgängen die Führung hat, wo sie rechtzeitig die Initiative ergreift, wo sie die verwundbarsten Stellen unserer Klassenfeinde herauszufinden und sie rechtzeitig zu treffen versteht, da sind die Syndikalisten gezwungen, mit den Kommunisten zusammenzugehen, selbst wenn sie eine Macht darstellen. Wo aber in der Partei beständige innere Reibungen vor sich gehen, wo sie ihrer eigenen kommunistischen Richtung nicht sicher ist, wo sie die Initiative zu übernehmen fürchtet, wo sie sich beständig danach umschaut, was die anderen sagen, – da können keine normalen Wechselbeziehungen zwischen Syndikalisten und Kommunisten hergestellt werden, denn zur Rechtfertigung ihres Mangels an Initiative und des Unvermögens, sich der Arbeiterbewegung zu bemächtigen, fangen die Kommunisten selber an, die Unabhängigkeitstheorie aufzustellen, indem sie aus der Not eine Tugend machen.

Für die Kommunisten ist die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Parteien überhaupt keine Frage. Die Aufgabe der Kommunisten besteht darin, alle Arbeiterorganisationen mit einheitlichem kommunistischem Geist und einheitlichem kommunistischem Willen zu erfüllen. Die Kommunistische Partei hat nur dann einen Sinn, wenn sie diese Aufgabe planmäßig und systematisch verwirklicht. Eine wirkliche und wahrhafte kommunistische Partei ist nur die Partei, die nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis die Eroberung der Gewerkschaften durchführt, denn das ist die Voraussetzung für die soziale Revolution. Der 4. Kongress hat sich daher mit den theoretischen Fragen auf diesem Gebiet nicht zu beschäftigen, denn diese Frage ist längst entschieden. Wenn wir uns aber dennoch abermals mit dieser Frage beschäftigen . müssen, so geschieht es nicht zur Festsetzung neuer Prinzipien, sondern um zu sehen, wie unsere alten guten Prinzipien verwirklicht werden. Da müssen wir offen sagen, dass sie von vielen Kommunisten herzlich schlecht verwirklicht werden. Vor allen Dingen können die Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften nicht in allen Ländern vollkommen gleichartig sein. Wenn über diese Frage bei uns theoretische Übereinstimmung herrscht, so ist es doch jedermann klar, dass auf diesem Gebiet eine außerordentliche praktische Mannigfaltigkeit vorhanden ist. Die Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften ändern sich in Abhängigkeit vom Charakter der Arbeiterbewegung, von den Besonderheiten des Milieus, von der ganzen politischen und sozialen Lage, von den Traditionen, von der Rolle, die in dem betreffenden Lande die sozialistischen Parteien spielen, usw. usw.

In den Ländern mit alter Arbeitergewerkschaftsbewegung und jungen kommunistischen Parteien, wie England oder Amerika, kann das Verhältnis zwischen der Partei und den Gewerkschaften nicht das gleiche sein, wie in den Ländern mit alter politischer Bewegung und jüngerer Gewerkschaftsbewegung (Russland und andere Länder). Wenn wir das Ziel richtig festgelegt haben, dass wir alle Gewerkschaften für den Kommunismus erobern müssen, dass wir sie mit kommunistischem Geist erfüllen und darnach trachten müssen, dass sie der kommunistischen Taktik folgen; – wenn wir dieses Ziel anstreben, so bedeutet das nicht, dass wir es in den verschiedenen Ländern auf einen Schlag und gar mit den gleichen Mitteln erreichen können. Nehmen wir z. B. England. Das ist ein Land mit einer gewaltigen Gewerkschaftsbewegung, mit alten antipolitischen und antisozialistischen Traditionen und mit einer kleinen kommunistischen Partei, die ein paar Tausend Mitglieder zählt. Hier kann von Wechselbeziehungen zwischen den Gewerkschaften und der Partei im eigentlichen Sinne des Wortes nicht gesprochen werden. Die Trade-Unions verhalten sich feindlich zur Partei, aber in diesen Ländern muss nicht von den Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften überhaupt gesprochen werden, sondern von den Wechselbeziehungen zwischen der Partei und dem Teil der revolutionären Gewerkschaften sowie der Opposition innerhalb der Gewerkschaften, die auf dem Boden der Entwicklung des Klassenkampfes entsteht. Die Aufgaben sind hier in jedem Lande durchaus ungleichartig.

Es ist ganz klar, dass es für England äußerst schädlich wäre, wenn die Partei bestrebt sein würde, sich nur auf ihre kleinen Parteizellen zu beschränken. Hier muss die Schaffung einer großen oppositionellen Gewerkschaftsbewegung angestrebt werden. Es muss dahin kommen, dass unsere kommunistischen Gruppen einen Kristallisationskern bilden, um den sich die oppositionellen Elemente sammeln. Man muss die gesamte Opposition ins Leben rufen, muss ihr eine Form geben, muss alle ihre Teile sammeln, und infolge des Anwachsens der Opposition wird auch die Kommunistische Partei selbst wachsen. Zwischen der Parteiorganisation und der Opposition – die ihrem ganzen Wesen nach mannigfaltig ist und aus verschiedenartigen Elementen besteht – muss eine solche Wechselbeziehung hergestellt werden, dass den Kommunisten nicht der Vorwurf gemacht werden kann, als wollten sie sich die gesamte oppositionelle Bewegung mechanisch unterordnen.

Dieses Ziel, d. h. die Eroberung der Arbeitermasse für den Kommunismus, muss unter diesen Umständen mit größter Vorsicht, mit größter Deutlichkeit und Ausdauer verwirklicht werden. Vor einer im wesentlichen analogen Aufgabe stehen wir auch in Amerika. Wir haben da eine kleine kommunistische Partei und eine ziemlich große oppositionelle Gewerkschaftsbewegung, die ihre Ausdrucksform in der Trade-Union Educational League gefunden hat. Worin besteht die Aufgabe der Kommunisten in Amerika? Sie müssen auf Grund des Programms dieser Liga in der Gewerkschaftsbewegung arbeiten. Welches Programm hat die Liga? Das Programm der Roten Gewerkschaftsinternationale. Natürlich ist es nicht in dem Maße formuliert, nicht so klar und bestimmt, wie das Programm der Kommunistischen Internationale. Das Programm der T. U. Education League Amerikas ist natürlich nicht so ausdrucksvoll, nicht so bestimmt, nicht so zugespitzt, wie das Programm der Kommunistischen Partei Amerikas. Aber sie kann auch nicht denselben Charakter haben, denn sie vereinigt ja die ganze Opposition. Unsere Aufgabe in Amerika besteht darin, die ganze Gompers feindliche Opposition zu sammeln. Und die Partei muss der Arbeit dieser Liga gegenüber die größte Ausdauer an den Tag legen, und das um so mehr, als die Liga in sehr kurzer Zeit eine gewaltige organisatorische und erzieherische Arbeit geleistet hat. Unsere Aufgabe in Amerika besteht darin, die Liga bei der Entfaltung ihrer Kräfte zu unterstützen, alle mit dem Kommunismus Sympathisierenden zur aktiven Unterstützung dieser Liga aufzurufen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln jegliche Unterstützung ihres Kampfes gegen den Gompersismus anzustreben, der die amerikanische Arbeiterbewegung verseucht. Natürlich entsteht für die Partei die Frage der Einflussmethoden Aber der Einfluss wird in der Arbeiterbewegung nicht durch Resolutionen hervorgebracht, nicht durch irgendwelche glücklichen Beschlüsse des Zentralkomitees, sondern durch die Arbeit, die die Kommunisten in den entsprechenden Arbeiterorganisationen leisten. Darum muss man von einer Kontrolle über die Tätigkeit der Liga möglichst wenig oder sogar überhaupt nicht sprechen, denn solche Gespräche führen nur zu einer mechanischen Kontrolle oder genauer gesagt zu Versuchen, sich mechanisch in eine Arbeit einzumischen, die von der Partei im Grunde genommen weder geleistet noch verwirklicht werden kann. Die Aufgabe des Einflusses der Kommunisten in den Gewerkschaften ist vor allen Dingen eine parteiorganisatorische Aufgabe. Es muss vor allem eine festgefügte und ernste politische Partei geschaffen werden, zu unseren Organisationen muss eine möglichst große Zahl von Arbeitern aus den verschiedenen Zweigen der Arbeiterbewegung herangezogen werden, die Mitglieder müssen durch innere Disziplin zusammen geschmiedet werden, und dann wird unser Einfluss in den Gewerkschaften ununterbrochen wachsen.

Der Einfluss der Partei in den Gewerkschaften ist direkt proportional ihrer Arbeit in den Massen, ihrer politischen Resonanz. Die Aufgabe besteht dabei darin, diesen politischen Einfluss organisatorisch festzulegen. Es muss überhaupt hervorgehoben werden, dass unsere organisatorische Arbeit in den Gewerkschaften beständig hinter der politischen Arbeit zurückbleibt. Als bestes Beispiel dafür kann Deutschland dienen. In Deutschland haben wir eine sehr starke kommunistische Bewegung, und der Einfluss der Kommunistischen Partei erstreckt sich dort nach grober Schätzung ungefähr auf ein Drittel aller Mitglieder der Amsterdamer Gewerkschaften. Aber man mache den Versuch, unsere Kräfte dort organisatorisch zu zählen, und man wird sofort sehen, dass diese ganze gewaltige Masse organisatorisch schlecht verknüpft ist, dass die uns nachfolgenden Massen untereinander keinen genügenden Zusammenhalt haben; wir vermögen unsere politischen Erfolge dort organisatorisch nicht festzulegen. Dieser Gegensatz zwischen dem raschen Anwachsen unseres politischen Einflusses und der äußerst langsamen organisatorischen Festigung des Wachstums der revolutionären Ideen bildet ein bedrohliches und sehr gefährliches Moment in der deutschen Arbeiterbewegung. Das bedeutet, dass die Partei in bestimmten Augenblicken des angespannten politischen Kampfes in die Lage geraten kann, keine ausreichende Anzahl organisatorischer Mittelpunkte zu besitzen, um die gesamte revolutionäre Energie zu konzentrieren und sie mit größter Zweckmäßigkeit zu leiten. Die Frage „Partei und Gewerkschaften" wurde und wird hier natürlich anders gestellt, als in England oder in Amerika. Hier hat sich vornehmlich die Frage der Wechselbeziehungen zwischen der Partei und der Union der Hand- und Kopfarbeiter zugespitzt. Bekanntlich ist diese Union seinerzeit sogar durch die Initiative der Spartakisten ins Leben gerufen worden. Späterhin hat die Kommunistische Partei ihre Taktik gegenüber den Gewerkschaften geändert, und die Union, die 150.000 Arbeiter in sich vereinigt, wird von vielen kommunistischen Gewerkschaftlern Deutschlands beständig als eine Organisation angesehen, die die kommunistische Bewegung in ihrem Lande behindert. Hier äußert sich ein gewisses abstraktes Herantreten an eine praktische Frage und eine unrichtige Auffassung unserer Losung, die die Eroberung der Gewerkschaften fordert. Einige Kommunisten urteilen folgendermaßen: da unsere Taktik darin besteht, die Gewerkschaften nicht zu spalten, sondern zu erobern, so verliert die Union dadurch ihre Existenzberechtigung. Aber das ist die reinste Metaphysik. Die Union besteht, und bei den konkreten Verhältnissen, die in Deutschland vorliegen, wird sie auch in den nächsten Jahren weiterbestehen. Und insofern sie besteht, sucht sie natürlich ihre Mitgliederzahl zu vergrößern. Es kann keine Organisation geben, die sich nicht mit der Anwerbung neuer Mitglieder beschäftigt. Andernfalls könnte die Union ja ganz ohne Mitglieder bleiben, wenn diese allmählich wegsterben.

Die Partei muss ihre Mitglieder zwingen, kommunistische Politik zu treiben. Und alle Debatten über diese Frage und der ganze Kampf während der letzten Monate hätte eben auf diesem Boden ausgefochten werden müssen. Statt aber die Frage so zu stellen, dass die Mitglieder der Kommunistischen Partei eine kommunistische Politik treiben müssen, wurde die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Partei und Union angeschnitten, und dadurch wurde die ganze Angelegenheit kompliziert und unklar. Glücklicherweise ist auf dem letzten Kongress der Union der Hand- und Kopfarbeiter die Frage im Großen und Ganzen entschieden worden. Der Ausgangspunkt für die unrichtige Auffassung lag in dem Bestreben, ausschließlich innerhalb der alten Gewerkschaften zu arbeiten, und in dem Wunsch, allen selbständigen Organisationen um jeden Preis ein Ende zu machen.

In Italien ist die Gewerkschaftsbewegung mit der politischen Bewegung eng verknüpft. Das Beispiel des Syndikalistenbundes beweist nichts, denn diese Organisation hat nicht den geringsten Einfluss auf die Arbeiterbewegung. Die bedeutendsten Kräfte sind der Gewerkschaftsbund (CdL) und die Kommunistische Partei. In Bezug auf Italien ist jede Diskussion über die Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften überflüssig und gegenstandslos.

Einen sehr eigenartigen Charakter hat die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Partei und Gewerkschaften in Frankreich. Hier haben wir eine alte, syndikalistische Gewerkschaftsbewegung und eine junge Kommunistische Partei, wobei die Kommunistische Partei sich nicht weniger leidenschaftlich für die Autonomie und Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung ausspricht, als die Syndikalisten selbst. Bekanntlich haben die französischen Syndikalisten sich mit besonderer Energie gegen die Resolutionen des 1. Kongresses der RGI gewandt, auf dem die Verbindung zwischen beiden Internationalen hergestellt und der Beschluss gefasst wurde, dass in jedem Lande die revolutionären Gewerkschaften und die kommunistischen Parteien bei allen aggressiven und defensiven Aktionen Hand in Hand gehen müssen. Am bemerkenswertesten ist dabei, dass diese Resolution nicht nur bei den Syndikalisten, sondern auch innerhalb der Kommunistischen Partei auf Widerstand stieß. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei formulierten die Notwendigkeit der Unabhängigkeit und Autonomie besonders scharf und verwiesen dabei hauptsächlich auf die Traditionen der französischen Arbeiterbewegung. Wenn man schon von der Tradition spricht, so muss man sagen, dass das eine schlechte Tradition ist. Sie entstand auf dem Boden des Opportunismus der Sozialistischen Partei Frankreichs, was in der Periode, wo die Sozialistische Partei reformistisch war, als verständlich und natürlich erschien, denn damals bedeutete die Unabhängigkeit von ihr nichts anderes, als die Unabhängigkeit vom Opportunismus und Reformismus. Für eine solche Unabhängigkeit muss jeder Kommunist kämpfen. Wenn wir aber eine kommunistische Partei haben, die nicht mit den Krankheiten ihrer sozialistischen Vorgängerinnen behaftet sein darf, dann verliert diese Theorie ihren Sinn. Die historische Tradition tut hier gar nichts zur Sache.

Die Charte von Amiens war im Jahre 1906 brauchbar, als der opportunistischen Partei entgegengewirkt werden musste, die am parlamentarischen Kretinismus litt. Damals war sie zeitgemäß. Aber wenn man dieses Programm von Amiens auf alle Länder anwenden will, wenn man ihm eine internationale Bedeutung beimessen will, ohne die von der russischen Revolution und der Kommunistischen Internationale vollzogene gewaltige Umwälzung zu beachten, so muss man unvermeidlich in toten Formeln erstarren, am Leben vorübergehen und dann Gefahr laufen, sein ganzes Leben in diesen Formeln hinzubringen.

In dieser Hinsicht ist Frankreich ein Land der Wunder. Die Kommunisten fordern dort die Unabhängigkeit von ihrer Partei und führen zusammen mit den Syndikalisten in der leitenden Kommission der CGTU den Beschluss durch, dass der Ausschluss eines Gewerkschaftsleiters aus der Partei als feindseliger Akt gegen die CGTU angesehen werden wird.

In Frankreich haben wir streng genommen zwei Parteien, nicht etwa zwei kommunistische Parteien – die Partei der Linken und die Partei des Zentrums –, sondern zwei Parteien, von denen die eine die französische kommunistische Sektion der Kommunistischen Internationale ist und die andere als syndikalistisch bezeichnet wird. Man soll die Lage der Dinge nicht verschleiern: die Syndikalisten sind eine Partei, die sich nicht als Partei bezeichnet, In der Kommunistischen Partei gibt es ungefähr vier Strömungen, in der Partei der Syndikalisten vier oder fünf.

Wenn man den Anarcho-Syndikalisten sagt, dass sie eine Partei bilden, dann stellen sie sich auf die Hinterbeine, dann sind sie erstaunt: wir eine Partei, aber nein doch, wir sind nur Arbeiter. Nach der Ansicht der Syndikalisten werden die politischen Parteien von Elementen gebildet, die außerhalb des Proletariats stehen, während ihre Partei sich organisch innerhalb des organisierten Arbeiterkerns gebildet habe.

Was charakterisiert nun die Kommunistische Partei Frankreichs und insbesondere ihr Verhalten zur Gewerkschaftsbewegung? Zur Beleuchtung dieser Frage wollen wir einige Beispiele anführen.

Vor allem aber wollen wir sagen, was die Kommunistische Partei überhaupt charakterisiert: Jedes ihrer Mitglieder hat das Bewusstsein der Notwendigkeit, innerhalb des Proletariats zu arbeiten, eine organische Verbindung zwischen Partei und Klasse herzustellen, und das Bewusstsein, dass die Partei die Vorhut der Arbeiterbewegung ist. Die Syndikalisten können darüber denken, was sie wollen. Wenn du aber zur Partei gehörst, so gehörst du ihr eben zu diesem Zweck an und zu keinem anderen.

Vor dem Pariser Parteitag der Kommunistischen Partei Frankreichs kam es zu sehr interessanten Debatten über die Leitsätze, die der Gen. Rosmer aufgestellt hatte.

Gegen diese Leitsätze bildete sich ein Block einiger unserer Freunde, die der Kommunistischen Internationale angehören, und den Anarcho-Syndikalisten. die ebenfalls Gegner dieser Leitsätze waren. Wenn sich ein Block zwischen Kommunisten und Leuten bildet, die außerhalb der Kommunistischen Partei stehen, so ist dies das Anzeichen einer Krankheit, die um jeden Preis geheilt, werden muss. Einige Genossen, Mitglieder der Kommunistischen Partei Frankreichs, waren durch diese Leitsätze so erschreckt, dass die „Internationale" nach der Ablehnung dieser Leitsätze durch das Zentralkomitee der Partei schrieb: „Das Zentralkomitee hat die Partei gerettet, denn in den vorgelegten Leitsätzen waren außerordentlich gefährliche Dinge enthalten." Und nach dem Parteitag veröffentlichte das „Bulletin Communiste" einen Artikel des geschäftsführenden Parteisekretärs, Gen. Soutif, der die Geschichte dieser Leitsätze in Ausdrücken erzählt, die eine Wiedergabe an dieser Stelle verdienen:

„Die Linken legten eines Tages dem Zentralkomitee eine Resolution vor, die eine völlig unannehmbare Gewerkschaftspolitik in Vorschlag brachte. In dieser Resolution hieß es: die Kommunistische Partei sei der Ansicht, dass sie die Bestrebungen der Arbeiterklasse am genauesten zum Ausdruck bringe und zur Verwirklichung ihrer Befreiung am besten befähigt sei."

Ein Kommunist, der geschäftsführende Sekretär der französischen Partei protestiert, wenn eine Resolution behauptet, dass die Kommunistische Partei die Bestrebungen der Arbeiterklasse am besten zum Ausdruck bringt. Die Syndikalisten können dagegen protestieren. Das ist ihr Recht. Wir können mit diesen Genossen streiten, aber ein derartiger Protest eines Mitgliedes der Kommunistischen Partei, und zudem noch ihres Sekretärs, sind uns unbegreiflich. Wenn die Partei nicht die Bestrebungen der Arbeiterklasse ausdrückt, worin besteht denn dann ihre Arbeit? In der Beschäftigung mit dem Parlamentarismus und in der Abfassung von Zeitungsartikeln? Die Kommunistische Internationale ist anderer Ansicht über die Aufgaben der Partei.

Jedes Parteimitglied muss fest davon überzeugt sein, dass seine Partei die Bestrebungen der Arbeiterklasse besser ausdrückt, als alle anderen Parteien. Ohne diese Überzeugung werden wir nichts vollbringen können, wir werden beständig genötigt sein, passiv zu bleiben. Eine Partei, die diese feste Überzeugung nicht besitzt, ist keine kommunistische Partei. Und wenn sogar der Sekretär der Partei vor dieser Idee zurückschreckt, so wird es klar, dass diese Partei krank ist.

Soutif sagt weiter: „Besonders große Bedeutung besitzt der Umstand, dass die Leitsätze Anspruch darauf erheben, innerhalb der CGTU eine Art von kommunistischer CGT zu bilden." Das ist unrichtig. In dieser Resolution wird gesagt, dass die Kommunisten sich nicht nur territorial vereinigen müssen, d. h. nach Sektionen und Bezirken, sonder auch nach Föderationen usw.

Es gibt Mitglieder der Kommunistischen Partei Frankreichs, die in dem Augenblick, wo sie in den Gewerkschaften zu arbeiten beginnen, ihre Mitgliedsbücher im Vorzimmer lassen. Wenn sie in die Gewerkschaft eintreten, vergessen sie, dass sie Kommunisten sind. Auf ihren Parteiversammlungen sind sie Kommunisten, aber außerhalb dieser Versammlungen behalten sie sich das Recht vor, alles zu tun, was ihnen gefällt, und sie treten zuweilen als eifrigste Anhänger der Unabhängigkeit und Autonomie der Gewerkschaftsbewegung auf.

Die Kommunistische Internationale will sich die Gewerkschaften nicht unterordnen. Eine kommunistische Partei, die erklären würde, dass sie sich die Gewerkschaften unterzuordnen wünsche, würde von der Taktik der Kommunistischen Internationale keine blasse Ahnung haben. Aber die Kommunistische Partei muss danach streben, dass jedes kommunistische Parteimitglied überall Kommunist bleibt. Wir müssen danach streben, dass die Gewerkschaftsbewegung von kommunistischem Geist erfüllt wird, und dass die Parteimitglieder, die einer Gewerkschaft angehören, gleichzeitig auch immer Mitglieder der Kommunistischen Partei bleiben. Eine kommunistische Partei wird nicht auf dem Wege der Mobilmachung geschaffen. Man tritt in die Partei nicht auf Grund eines Dekrets ein, und da man eben freiwillig eintritt, so übernimmt man zwar freiwillige, zugleich aber auch feste Verpflichtungen. Es ist völlig unzulässig, wenn ein Parteimitglied sagt: wir sind in unserer Gewerkschaftstaktik vollkommen unabhängig.

Noch ein weiteres kleines Beispiel. In der letzten Nummer der „Lutte des classes", die wir erhalten haben, ist ein Artikel oder genauer gesagt, eine Deklaration veröffentlicht, die unterzeichnet ist von den Gen. Monatte, Chambelien, Orliange, Charbitte u. a. Von diesen 6 Genossen ist nur Monatte nicht Mitglied der Kommunistischen Partei. In dieser Deklaration lesen wir: „Einige von uns sind Mitglieder der Partei, andere dagegen nicht, aber wir alle sind revolutionäre Syndikalisten, d. h. wir weisen der Gewerkschaft im revolutionären Kampf für die Befreiung des Proletariats die Hauptrolle zu, der Partei aber nur eine unterstützende Rolle und nicht die leitende."

Man muss fragen, warum diese revolutionären Syndikalisten Parteimitglieder sind. Wir können absolut nicht begreifen, warum ein Parteimitglied, das da weiß, weshalb es in der Partei ist, und das nicht beschuldigt werden kann, nach einem Abgeordnetensitz zu streben, in dieser Partei verbleibt, wenn es ihr nur eine Nebenrolle zuschreibt. Diese Frage ist historisch zu erklären. Die Kommunistische Partei Frankreichs ist in ihrer Zusammensetzung ungleichartig. Sie hat sich aus verschiedenen ideologischen Schichten gebildet. Die alte Ideologie einer jeden Schicht kam mit in die Partei und fasste dort Wurzel.

In den Leitsätzen, die dem 4. Kongress der Kommunistischen Internationale vorgelegt sind, ist ein Punkt enthalten, der folgendermaßen lautet: „Wenn es in irgendeinem Lande eine wirklich revolutionär-syndikalistische Bewegung gibt und zugleich eine Partei, die nicht genügend Kräfte und keinen ausreichenden Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung besitzt, so ist es klar, dass die Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften mit dem Kräfteverhältnis in Einklang gebracht werden müssen." Ein solches Verhältnis muss aus dem Grunde hergestellt werden, weil ohne die Arbeitsgemeinschaft zwischen der Gewerkschaftsinternationale und der Kommunistischen Internationale die revolutionäre Arbeiterbewegung vom angreifenden Kapital erdrückt werden wird.

Wie dem auch sei, – wir haben in Frankreich einerseits eine kommunistische Partei, die selbst auf dem Standpunkt der Autonomie und Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung steht, und andererseits Gewerkschaften, die die Autonomie und Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung noch energischer vertreten. Die Kommunistische Internationale ist natürlich überzeugt, dass das Versprechen der Anarcho-Syndikalisten, die Gewerkschaften würden selber die Revolution durchführen, sich auf keinerlei ernstliche Grundlagen stützt. Wir verhalten uns auch misstrauisch zur Möglichkeit einer Verwirklichung der Losung: „Alle Macht den Gewerkschaften". Aber in jedem Lande bestehen die Wechselbeziehungen zwischen der politischen Partei und den Gewerkschaften, wie die Kommunistische Partei sie verdient. Der reale Kampf, die Zuspitzung der Gegensätze in Frankreich, der erbitterte Angriff der Bourgeoisie, – das alles zwingt die französischen Arbeiter, nicht nur die Syndikalisten, sondern sogar die Kommunisten, ihre Ansichten über die Wechselbeziehungen zwischen der Partei und den Gewerkschaften zu ändern. Mögen sie ihre Wechselbeziehungen „autonom" festsetzen, wie sie wollen und können, – das Leben wird sie lehren, zu leben, wird ihnen zeigen, dass der Sieg nicht dort ist, wo „Autonomie und Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung" geschrieben steht, sondern dort, wo alle Formen der Arbeiterbewegung durchdrungen sind von einem einheitlichen Geist, vom einheitlichen kommunistischen Willen.

Je mehr sich der Kampf zwischen den revolutionären Arbeitern und der Bourgeoisie verschärft, um so klarer tritt die Verbindung und Einheit zwischen dem Reformismus und der modernen bürgerlichen Gesellschaft hervor. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, dass der Ansturm der Amsterdamer gegen die revolutionären Gewerkschaften sich zusammen mit der Offensive des Kapitals verstärkt hat. Diese Verbindung wird besonders deutlich bei der Frage der Einheit der Gewerkschaftsbewegung, mit der nicht nur wir uns beschäftigen, die wir wissen, dass die Gewerkschaftsbewegung, wenn auch langsam, aber doch immerhin zu der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Herrschaft des Kapitals gelangen muss, dass die aggressiven Aktionen der Bourgeoisie nur dann Erfolg haben können, wenn die Gewerkschaften entweder endgültig zerschlagen oder in mehrere feindliche Gruppen getrennt werden. Die Rettung der Bourgeoisie liegt in der Desorganisierung der Arbeiterbewegung, in ihrer Zersetzung, in der organisatorischen Zerreißung der von ihr im Kampfe geschaffenen Organisationen. Die Einheit der Gewerkschaftsbewegung bedroht also die Herrschaft des Kapitals, denn der Druck des Kapitals zwingt diese mächtigen reformistischen Organisationen, nach links zu rücken, und je mehr sie nach links abschwenken, desto größer werden die Aussichten auf einen Sieg der Arbeiterklasse. Es ist also ganz natürlich, dass die Bourgeoisie den Wunsch hat, die Gewerkschaften zu spalten, sie in Splitter zu verwandeln und dann die einander befehdenden Organisationen einzeln zu zerschlagen.

Es muss bemerkt werden, dass die Amsterdamer in dieser Frage hinter ihren Herren herlaufen. Das letzte Jahr ist an Ausschlüssen revolutionärer Gewerkschaften besonders reich. So ist es z. B. bekannt, dass die Spaltung der französischen CGT im Großen und Ganzen unter der offensichtlichen „ideellen" Einwirkung der französischen Bourgeoisie und ihrer Agenten vor sich ging. Nicht weniger bekannt ist, dass die Spaltungstätigkeit der tschechoslowakischen Amsterdamer mit einer gewaltigen wirtschaftlichen Depression und einem Druck der Kapitalisten auf die Arbeiterklasse zusammenfiel. Je schwerer die Lage der Arbeiter in Deutschland wird, um so lauter fangen die Amsterdamer an, über die Gefahr von links zu schreien, und um sich von dieser Gefahr zu befreien, wird ganz offen der Vorschlag gemacht, die Reihen zu säubern, Die Frage der Spaltung der internationalen Gewerkschaftsbewegung ist leider auf die Tagesordnung gestellt worden. Sie hängt nicht von uns ab. Diese Spaltung ist nicht von uns Kommunisten hervorgerufen. Wir waren im Laufe der letzten Jahre bestrebt, innerhalb der Gewerkschaften zu kämpfen, die Gewerkschaften in eine neue Bahn zu lenken, die Arbeiterorganisationen zu revolutionieren, aber wir haben stets systematisch und planmäßig die Losung der Eroberung und nicht der Zerstörung der Gewerkschaften vertreten. Die Spaltung ist nicht von uns auf die Tagesordnung gesetzt worden. Was sind nun unsere Aufgaben? Was müssen die Kommunisten angesichts dieser ärgsten Bedrohungen aller Eroberungen der Arbeiterklasse tun? Die Kommunisten müssen ihre Arbeit verzehnfachen und dieser Spaltung mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenwirken. Wir lassen die Spaltung nicht zu, – so muss die Losung der Kommunisten lauten. Wir lassen die Spaltung nicht zu, denn sie schwächt die Arbeiterbewegung jedes Landes. Wir lassen die Spaltung nicht zu, denn sie wirft die Arbeiterklasse im gegenwärtigen Augenblick um viele Jahre zurück, sie schwächt ihre Widerstandsfähigkeit, sie gibt den Unternehmern eine neue Waffe gegen die Arbeiterklasse, eine neue Möglichkeit zur Festigung ihrer Herrschaft. Wir lassen die Spaltung nicht zu. Das darf nicht nur eine Losung sein. Davon muss bei allen unseren praktischen Handlungen ausgegangen werden.

Jeder Schritt der Kommunisten in den Gewerkschaften muss die Schaffung und Festigung der Einheit unserer Organisationen im Auge haben. Wo die Spaltung bereits vollzogen ist, wo ohne und wider unseren Wunsch schon eine Parallelorganisation geschaffen ist, da müssen die Kommunisten einen äußerst ernsten und systematischen Kampf für die Wiedervereinigung der gespaltenen Teile führen. Der Kampf muss nach zwei Seiten hin geführt werden. Er muss geführt werden gegen die Reformisten, gegen die Agenten der Bourgeoisie, die die Arbeiterbewegung um jeden Preis spalten wollen, um sie zu schwächen, und er muss in ernster und entschlossener Weise geführt werden gegen die sogenannten Linken, die in der Spaltung der Gewerkschaften die Rettung der Arbeiterklasse sehen. Dieser Radikalismus hat mit unserem revolutionären marxistischen Standpunkt nichts gemein. Wir haben in Frankreich Radikalinskis gehabt, die auf die Provokationen der Reformisten gern eingingen. Sie wollten möglichst schnell unter vier Augen mit sich selbst bleiben. Wir haben in der Tschechoslowakei Radikalisten. die überhaupt glauben, dass es für die Arbeiterorganisationen das beste sei, von den anderen Arbeiterorganisationen isoliert zu sein. Das ist der Standpunkt der Führer des Landarbeiterverbandes, die noch vor einem Jahr alles Erdenkliche taten, um außerhalb der allgemeinen Gewerkschaftsbewegung der Tschechoslowakei zu bleiben. Die einheitliche Gewerkschaftsbewegung ist unsere Losung, und darum dürfen die Kommunisten ihre Mitglieder nicht aus den reformistischen Gewerkschaften herausreißen, denn wenn wir sie von dort herausnehmen und in die revolutionären Gewerkschaften überführen, können wir nicht in erforderlicher Weise auf die reformistischen Organisationen einwirken und sie zur Vereinigung mit den revolutionären Organisationen zwingen. In solchen Fällen müssen die Kommunisten der Verwirklichung der Einheitsfronttaktik ernste Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist ja ganz klar, dass es ohne eine Verständigung zwischen den parallelen Gewerkschaften unmöglich ist, den Angriff des Kapitals auf die elementarsten Eroberungen der Arbeiterklasse abzuschlagen. Die Kommunisten müssen den Massen die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen den Gewerkschaften, die Notwendigkeit einer gemeinsamen Abwehr zum Schutz des Arbeitslohns, zur Verbesserung der Lebenshaltung usw. klarmachen. Man muss die Führer der parallelen Gewerkschaften zwingen, sich zwecks gemeinsamen Vorgehens zu verständigen. Das muss zum praktischen Aktionsprogramm für die Kommunistische Partei selbst werden. Man darf sich hier nicht verwirren lassen, weder durch die Angriffe der Reformisten und der Anarcho-Syndikalisten, die mehr Eifer als Verstand haben, noch auch sogar durch die Angriffe von Kommunisten. Mit gewaltiger Hartnäckigkeit und gewaltiger Anspannung muss man diese Taktik systematisch durchführen, die in der Aktion, in der Praxis zur Vereinigung von parallelen, rivalisierenden Organisationen führen muss

Der Kampf um die Einheitsfront der Gewerkschaftsbewegung bildet die wichtigste Frage der kommunistischem Parteien aller Länder. Wir wissen, warum die Reformisten die Gewerkschaftsbewegung spalten wollen. Sie wollen sich nicht nur von der beständigen Kritik und der revolutionären Gärung befreien, sondern sie wollen durch die Spaltung die soziale Revolution selbst unmöglich machen.

Nachdem sie zu dem Entschluss gekommen sind, niemals in der Minderheit zu bleiben, mussten die Amsterdamer logischerweise zur Spaltung der.Gewerkschaftsbewegung der ganzen Welt gelangen. Das ist für sie um so notwendiger, als das Vortrauen der Arbeiter in ihre reformistischen Versprechungen von Tag zu Tag sinkt. Tagtäglich schlägt die Offensive des Kapitals einen neuen Nagel in den Sarg des internationalen Reformismus, denn die Stärke des Reformismus lag in den Zugeständnissen der Bourgeoisie. Allerdings, die Bourgeoisie gab deshalb nach, weil sie die revolutionäre Bewegung fürchtete, aber jedenfalls konnten die Reformisten unmittelbar nach der Kriegsperiode, während sie eine Vermittlerrolle spielten, den Arbeitern gegenüber auf die Erfolge ihrer Taktik verweisen. Der einfache Arbeiter merkte nicht, dass die Reformen nicht infolge der reformistischen Taktik, sondern trotz dieser Taktik gewährt wurden, denn das reformistische Schaffen der Bourgeoisie ging parallel mit einem Anwachsen der revolutionären Unzufriedenheit und der revolutionären Ausbrüche. Gleichzeitig mit dem Zurückfluten der revolutionären Welle ging die Bourgeoisie von der Verteidigung zum Angriff über. Heute ist es auch dem einfachsten Arbeiter klar, dass der Reformismus bankrott ist. Er hat sich als machtlos erwiesen, das festzuhalten, was er in den ersten Jahren angeblich erreicht hatte. Sowohl das Internationale Arbeitsamt als auch der Völkerbund und all die großartigen Versprechungen des Versailler Friedensvertrags, – alles zeigt sich jetzt in seiner wahren und unverhüllten Gestalt. Der stürzende Reformismus, der seinen Untergang nahe fühlt, will die Arbeiterklasse um jeden Preis soweit desorganisieren, dass sie die stürzende Bourgeoisie nicht abzulösen vermag. Als Antwort auf die systematische Spaltung der Gewerkschaftsbewegungen müssen wir Kommunisten, alle zusammen und jede kommunistische Partei einzeln, erklären, dass wir die Spaltung um jeden Preis verhindern werden.

Die Spaltung zu verhindern, wird von Tag zu Tag immer schwerer. Die Amsterdamer, die beschlossen haben, sich von den revolutionären Arbeitern zu befreien, ergreifen zu diesem Zweck die erforderlichen Maßregeln. Der Ausschluss von Kommunisten ist eine alltägliche, normale Erscheinung geworden. Und die Kommunistische Internationale sowie die einzelnen kommunistischen Parteien stehen vor der Frage, wie diese Ausschlüsse zu bekämpfen sind. Welchen Zweck verfolgen die Amsterdamer mit diesen Ausschlüssen? Sie wollen die kommunistischen Führer von der mit dem Kommunismus sympathisierenden Arbeiterklasse isolieren. Sie wollen die besten revolutionären Elemente von der Arbeitermasse abschnüren, um ihre ideelle und organisatorische Einwirkung auf die Gewerkschaftsmitglieder fortzusetzen Es ist ja ganz klar, dass die Kommunistische Internationale sich mit der Taktik der Isolierung der Kommunisten von der Arbeiterbewegung nicht abfinden kann. Die Kommunisten sind für die Einheit, aber sie können dieser Einheit nicht den Kommunismus zum Opfer bringen. Und die Aufgabe der nächsten Zeit besteht darin, eine Reihe ernsthaftester praktischer Gegenmaßregeln gegen diese Ausschlussepidemie sorgfältig zu erwägen.

Die Ausschlüsse treffen bekanntlich vor allen Dingen die Führer. In Deutschland wird das System des Ausschlusses der gewählten Kommunisten angewandt. In der Tschechoslowakei verfährt man einfacher: dort hat die Gewerkschaftszentrale den Ausschluss des Chemikerverbandes und des Holzarbeiterverbandes verfügt, in denen insgesamt 110.000 Arbeiter organisiert sind. Jedes Land hat seine eigene Methode der Kommunistenverfolgung. Daher müssen auch die kommunistischen Parteien ihre eigenen Kampfmethoden gegen die Zerstörung der Gewerkschaften durch die Reformisten haben.

Aber es gibt immerhin einige allgemeine Fragen, die für alle Länder Geltung haben. Vor allem muss hervorgehoben werden, dass unsere kommunistischen Parteien alle statutarischen Möglichkeiten des Kampfes gegen die Ausschlüsse nicht hinreichend ausnutzen. Die Statuten aller Gewerkschaften sprechen vom Ausschluss der Mitglieder für bestimmte Vergehen. Aber soviel ich weiß, sehen die Statuten nicht vor, dass Kommunisten ausgeschlossen werden sollen, nur weil sie Kommunisten sind. Dabei ist aber eine Reihe von Ausschlüssen und Nichtbestätigungen gewählter Funktionäre nur auf dieser Grundlage erfolgt. Ist ein Kampf auf Grund der Gewerkschaftsstatuten möglich? Uns scheint, dass ein solcher Kampf in vielen Ländern möglich ist.

Die Statuten der Gewerkschaften bieten hinreichende Möglichkeiten für einen solchen Kampf. Wenn wir nur auf unser formelles Recht verweisen wollten, so würde das auf die Amsterdamer nicht den geringsten Eindruck ausüben. Wir wären höchst naiv, wenn wir auch nur einen Augenblick daran zweifeln würden. Und die Ausnutzung aller legalen Rechte, die jedes Gewerkschaftsmitglied genießt, darf nicht in diesem Sinne verstanden werden. Man muss eine ausgedehnte Agitation und Propaganda unter den Gewerkschaftsmitgliedern entfalten, muss auf jeder Hauptversammlung, auf jeder Delegiertenversammlung, überall, wo Arbeiter des Berufszweiges sich versammeln, in dem die Ausschlüsse erfolgt sind, die Ausschlussfrage aufrollen. In einigen Ländern beschränken sich unsere Genossen auf ein bis zwei Artikel in den Zeitungen, und damit ist die Sache dann zu Ende, In Wirklichkeit muss der Ausschluss auch nur eines einzelnen Kommunisten aus der Gewerkschaft eine Quelle beständiger politischer Agitation unter den Mitgliedern dieser Gewerkschaft zugunsten der Wiederaufnahme bilden. Gegen die Ausschlüsse muss eine ausgedehnte Kampagne in den Betrieben durchgeführt werden. Es ist immer möglich, die Ausschlussfrage zur Sprache zu bringen. Besonders gegenwärtig, in diesem für die ganze Arbeiterklasse äußerst kritischen Augenblick der Offensive des Kapitals begreift jeder Arbeiter, dass diese Ausschlüsse einen ganz unzweideutig verräterischen Charakter haben.

Es ist die Aufgabe der kommunistischen Agitation und Propaganda, die wahre Ursache dieser Ausschlüsse aufzudecken und jedem Arbeiter die verborgenen Gründe klarzumachen. Solche Dinge dürfen den Gewerkschaftsbürokraten nicht ungestraft hingehen, und nur wenn sie wissen, dass ein solcher Vorfall als Gegenstand ständiger Anklagen gegen sie dienen wird, und zwar nicht für Tage, sondern für Jahre, nur dann werden sie sich erst zehnmal bedenken, bevor sie sich zur Vertreibung und zum Ausschluss der Kommunisten aus den Gewerkschaften entschließen. Weiter. Irgendein Lokalverband wählt seinen Vorstand. Die Zentrale verweigert ihm die Bestätigung. Solche Fälle hat es in Deutschland gegeben.

Es entsteht die Frage: Was weiter, – etwa Neuwahlen? Aber die Neuwahlen werden dieselbe politische Zusammensetzung ergeben. Gleichzeitig mit der Nichtbestätigung erfolgt gewöhnlich auch der Ausschluss der Gewählten. Was ist also zu tun? Soll man sich auch in diesem Falle nur auf die Agitation beschränken, oder soll man versuchen, weiterzugehen? Es ist klar, dass man sich hier nicht auf den bloßen Protest beschränken kann. Hat der Lokalverband einmal Kommunisten gewählt und sind die Wahlen auf Grund des Statuts erfolgt, so bedeutet ihr Ausschluss oder ihre Nichtbestätigung eine schamlose Verletzung der elementaren demokratischen Rechte der Mitglieder. Wenn das Band zwischen den Mitgliedern und ihren gewählten Vertrauensmännern kein zufälliges ist (wenn die Kommunisten deshalb gewählt wurden, weil sie Kommunisten sind), so muss die Ortsgruppe, um ihre Gewerkschaft zu retten und die Einheit der Arbeiterbewegung zu wahren, die Erfüllung der Vorschrift der Zentrale verweigern. Der Selbstherrlichkeit der Amsterdamer muss ein Ende gemacht werden. Natürlich kann es zu einem ernsten Konflikt kommen. Die Vertreter der Zentrale können die ganze Ortsgruppe wegen Gehorsamsverweigerung ausschließen. Aber keine einzige Ortsgruppe ist verpflichtet, ungesetzliche Forderungen der Zentrale zu erfüllen. Wir wollen die Spaltung nicht, aber das bedeutet keinesfalls, dass wir den Reformisten gestatten können, die Gewerkschaften nach ihrem Gutdünken umzumodeln.

Wie sehr wir auch gegen die Spaltung ankämpfen mögen, die Angriffsaktionen der Reformisten werden beständig gegen uns gerichtet sein. Und darum ist es die wichtigste Aufgabe der Kommunisten, die aus den Gewerkschaften ausgeschlossenen Elemente keinen Augenblick lang zerstreut zu lassen. Die Frage der Sammlung der Ausgeschlossenen ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Es gibt unter den Kommunisten Genossen, die an einem organisatorischen Fetischismus leiden und daher glauben, dass die Sammlung und Vereinigung der Ausgeschlossenen der Einheit der Gewerkschaftsbewegung widerspricht. Das ist ein absolut falscher und im höchsten Grade schädlicher Standpunkt. Wer die Ausgeschlossenen sammelt, wer die durch die reformistische Politik zerstreuten Elemente zusammenschließt, der arbeitet in Wirklichkeit für die Wiederherstellung der zerstörten Einheit, der schafft die Voraussetzungen für die Wiedervereinigung der gespaltenen und zersplitterten Teile. Je nach der Lage, nach den Kampfbedingungen und den speziellen Besonderheiten der Gewerkschaft sind verschiedenartige Organisationen nötig. In Deutschland z. B. können in manchen Fällen die einen Elemente in Verbänden der Ausgeschlossenen vereinigt, die anderen in der Union der Hand- und Kopfarbeiter zusammengeschlossen und vereinigt werden. Hier gibt es keine einheitlichen Formen und Methoden des Kampfes gegen die Spaltungspolitik. Jeder praktische Schritt muss einzeln erwogen und je nach den Umständen muss das eine oder das andere praktische Mittel angewandt werden. Man muss beachten, dass es unter bestimmten Umständen möglich und zulässig ist, die Abführung der Beitragszahlungen an die Zentrale einzustellen. Und wenn die Zentralleitung das gewählte Organ der Ortsgruppe ausgeschlossen hat, kann die Ortsgruppe bis zur endgültigen Regelung dieser Frage die Zahlung der Mitgliedsbeiträge einstellen, ja in einigen Fällen muss sie es tun.

Das bedeutet nicht, dass die Verweigerung der Beiträge an die Gewerkschaften selbst gepredigt werden soll. Jedes Gewerkschaftsmitglied setzt vielmehr die Einzahlung seiner Pflichtbeiträge fort, sie verbleiben in der Ortskasse, die im Statut festgesetzten Summen werden auch weiter in Rechnung gestellt, aber sie werden nicht abgeführt, bevor nicht die Lösung des Konflikts erfolgt ist. Ist das ein universales Kampfmittel? Natürlich nicht. In einer bestimmten Lage, unter bestimmten Verhältnissen kann es eine Methode und ein Mittel des Kampfes sein. An und für sich kann dieser Kampf für uns nur dann bestimmte Ergebnisse haben, wenn er einen Massencharakter trägt. Natürlich muss jeder einzelne Kommunist seinerseits alles tun, um diese Ausschlüsse zu verhindern. Aber zum Protest müssen hier alle sympathisierenden örtlichen und zentralen Organisationen herangezogen werden. Welche Formen soll dieser Protest derer, die mit den Ausgeschlossenen sympathisieren, annehmen? Die Formen des Protestes sind auch hier außerordentlich schwer zu bestimmen. Aber dass ein solcher Protest notwendig ist, dass ein gemeinsames kollektives Vorgehen absolut erforderlich ist, um der Ausschlusswut ein Ende zu machen, das unterliegt nicht dem geringsten Zweifel. Ob diese Organisationen ihren Protest in organisatorische öder in finanzielle oder sonst irgendwelche Formen kleiden, ist wiederum eine konkrete Frage. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, dass jedes Land den örtlichen Verhältnissen entsprechend hunderterlei praktische Methoden für den Protest gegen die Ausschlüsse finden wird. Wichtig ist, dass die Parteien sich nicht auf Resolutionen beschränken, sondern sich klar des Einen bewusst sind: wenn wir diese Flut der Ausschlüsse nicht überwinden, wenn es uns nicht gelingt, den Angriff der Amsterdamer zurückzuschlagen, dann wird die internationale Arbeiterbewegung gespalten und gleichzeitig der Augenblick des Sieges über die Bourgeoisie hinausgeschoben werden.

Es ist zu berücksichtigen, dass die Ausschlussepidemie seit der Vereinigung der 2. und der 2½Internationale an Stärke zugenommen, und nicht nur einzelne Länder, sondern auch die Internationalen der Industriezweige erfasst hat. So ist während des letzten Jahres eine ganze Anzahl revolutionärer 'Gewerkschaften aus den entsprechenden internationalen Sekretariaten ausgeschlossen oder in sie nicht aufgenommen worden. Nicht zugelassen wurden die russischen Verbände der Metallarbeiter, der Textilarbeiter, der Angestellten, der Holzarbeiter, der Lederarbeiter, der Verkehrsarbeiter, der Post- und Telegraphenbeamten usw. Der einzige Verband, der in die Internationale Vereinigung aufgenommen wurde, aber auch nur bedingt, ist der Verband der Nahrungsmittelarbeiter. Und die revolutionären Gewerkschaften aller Länder sehen sich vor die Frage gestellt, welche Formen die Vereinigung der revolutionären Gewerkschaften annehmen soll. Bisher bestanden internationale Propagandakomitees nach Industriezweigen. Aber die systematischen Ausschlüsse ganzer Gewerkschaften aus den Internationalen Verbänden können die revolutionären Gewerkschaften dazu zwingen, von den Propagandakomitees zur Schaffung von Büros zur Organisierung neuer Internationaler Verbände überzugehen. Das ist keine Frage einer entfernten Zukunft, sondern eine Gegenwartsfrage. Was sollen die Kommunisten auf diesem Gebiete tun? Man muss bemerken, dass selbst die wenigen Kommunisten, die in den internationalen Komitees der Industrieverbände sitzen, sich zu den Ausschlüssen ihrer revolutionären Kollegen ziemlich kaltblütig verhalten. Das spricht vor allem dafür, dass nicht alle, die sich Kommunisten nennen, auch wirklich Kommunisten sind. In nächster Zukunft werden die revolutionären Gewerkschaften aller Länder genötigt sein, sich nach Industriezweigen zusammenzuschließen, um mit vereinten Kräften für die Schaffung einer einheitlichen Internationale in jedem Industriezweig zu kämpfen. Und die Kommunisten müssen auf jede Weise diese Organisationen unterstützen, die im internationalen Ausmaß dieselbe Arbeit leisten, wie die revolutionären Arbeiter in jedem Lande.

Wie schwer der Kampf der Kommunisten in der Gewerkschaftsbewegung auch sein mag, wie sehr die Reformisten uns auch zur Spaltung herausfordern mögen, wir werden nichtsdestoweniger fortfahren, die Losung zu verfechten, die schon vom 2. Kongress der Kommunistischen Internationale aufgestellt wurde; nicht Zerstörung, sondern Eroberung der Gewerkschaften. Die verflossenen Jahre haben die Richtigkeit dieser Taktik bewiesen. Die Ungeduld vieler Kommunisten, und häufig auch die Unfähigkeit, gegen die reformistische Bürokratie anzukämpfen, haben zur Entstehung der Theorie von der Zerstörung der Gewerkschaften geführt. Wo wäre jetzt die Kommunistische Internationale, wenn sie sich diesen Standpunkt zu eigen gemacht hätte! Sie hätte nicht einmal den zehnten Teil der Arbeit leisten können, die gegenwärtig in allen Ländern innerhalb der Gewerkschaften vollbracht worden ist. Dort, in der Hochburg der Reformisten, dort, wo die breiten Massen stehen, dort müssen die Kommunisten arbeiten ohne zu rasten. Mag der Reformismus uns zum Wohlgefallen der Bourgeoisie verfolgen. Mag er es versuchen, die kommunistische Ansteckung mit der Wurzel auszurotten. Mag er im Bündnis mit der Bourgeoisie bestrebt sein, die immer stärker anwachsende Opposition zu zerschlagen. Alles vergebens. Der Kommunismus ist nichts von außen angeflogenes, nichts äußerlich beigebrachtes, er wächst organisch aus dem Schoß der Arbeitermasse empor. Er bildet die Form für das, was in den schaffenden Massen heranreift und elementar gärt. Die Kommunistische Internationale ist der bewusste Ausdruck eines unbewussten historischen Prozesses, und darum wäre es Wahnsinn, auf die ständige, hartnäckige, systematische Arbeit innerhalb der Gewerkschaften zu verzichten, die Losung des Austritts aus den Massenorganisationen und der Schaffung eigener kleiner Zwergverbände aufzustellen. Nein, mit der Zerstörung der Gewerkschaften beschäftigen sich andere. Die Bourgeoisie zerstört. Die Taktik der Reformisten zerstört und schwächt die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterklasse. Die Kommunisten werden sich damit nicht befassen. Es gibt jetzt nur noch wenige Leute, die aus den Erfahrungen der letzten Jahre nichts gelernt hätten. Immerhin findet man solche Sonderlinge noch in Amerika, in Deutschland und in einigen syndikalistischen Strömungen. Sie glauben, dass die Arbeiterbewegung wachsen wird; wenn sie die kommunistischen Schafe von den reformistischen Böcken trennen, wenn sie ihre eigenen kleinen und reinen Zwerggewerkschaften schaffen. In Wirklichkeit kann die Arbeiterbewegung als Ganzes dadurch nur verlieren. Sie kann verlieren, denn das kommunistische Ferment, das kommunistische Klassenbewusstsein, die kommunistische Energie, die kommunistische Initiative werden dadurch von ihrer natürlichen Umgebung abgeschnitten. Das wäre eine künstliche Ausschaltung des Motors der Revolution, und das wäre der größte Schlag für die Arbeiterklasse und für den Kommunismus.

Hieraus ergibt sich die Losung der Kommunisten – Eroberung der Gewerkschaften. Aber was bedeutet Eroberung der Gewerkschaften? Und hier kommen wir nun zur schwachen Seite unserer kommunistischen Arbeit in vielen Ländern. Es gibt Länder, wo die Eroberung der Gewerkschaften im Sinne einer Eroberung der Führerstellen aufgefasst wird. Wenn die Sekretäre und die Vorsitzenden der Gewerkschaften Kommunisten sind, dann beruhigen sich viele kommunistische Parteien bis zur ersten Erschütterung, bis zum ersten Konflikt, und erst wenn der Konflikt beginnt, sehen sie plötzlich, dass die Massen noch nicht erobert sind, dass die Eroberung der Spitzen noch nicht die Eroberung der Gewerkschaften bedeutet. Wir haben solche Erfahrungen in der Tschechoslowakei, in Deutschland und in vielen anderen Ländern gemacht. Was bedeutet eine derartige Taktik? Sie bedeutet, dass unsere kommunistischen Parteien es nicht für nötig gehalten haben, die kommunistische Stimmung in kommunistisches Bewusstsein umzuwandeln. Es bedeutet, dass sie keine allgemeinen kommunistischen Zellen geschaffen haben, die durch feste Disziplin innerhalb dieser selben Gewerkschaften verbunden sind. Es bedeutet, dass sie das Schicksal der Massenorganisationen zufälligen Strömungen oder der Stimmung dieses oder jenes Führers anheimgestellt haben. Die große kommunistische Erziehungsarbeit der Massen wird leider in vielen Ländern noch gar nicht durchgeführt, und dabei bedeutet die Eroberung der Gewerkschaften eben die Eroberung der Massen, die kommunistische Aufklärung dieser Massen, die kommunistische Organisierung der entwickeltsten Elemente, damit die ganze Gewerkschaft in allen ihren Verzweigungen von oben bis unten mit kommunistischem Geist und kommunistischem Bewusstsein durchdrungen werde.

Erst wenn die Kommunisten selbst organisiert sind, erst wenn sie selbst zusammengeschlossen sind und wissen, was sie wollen, – erst dann können und dürfen sie die Initiative zur Vereinigung der gesamten Opposition übernehmen. Man darf sich nicht auf die Vereinigung nur seiner eigenen Reihen beschränken. Die Gewerkschaftsbewegung umfasst gegenwärtig verschiedene Zehnmillionen Menschen. Die Gewerkschaften sind die ausgesprochene Massenorganisation. Darum ist die Frage der gegenseitigen Beziehungen, der Beziehungen der Partei zu ihren Zellen und dieser Zellen zur gesamten Opposition die wichtigste Frage unserer kommunistischen Taktik in der Gewerkschaftsbewegung. Unsere kommunistischen Zellen, unsere kommunistischen Gruppen sind ja doch der vermittelnde Mechanismus, das Bindeglied zwischen der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften. Wie sollen diese Beziehungen hergestellt werden? Wie die Arbeit unter diesen Teilen richtig zu organisieren ist, das kann in jedem Lande durch die Ausarbeitung eines praktischen Aktionsprogramms vorgezeichnet werden. In der ersten Periode der Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaften hatte unsere Agitation einen rein abstrakten Charakter. Sie bestand in der Propagierung der kommunistischen Losungen, der Notwendigkeit der sozialen Revolution, des Kampfes gegen die Bourgeoisie, aber diese Agitation entsprang nicht immer den konkreten, realen Bedürfnissen des betreffenden Landes. Sehr häufig trug auch die Gegenüberstellung von Moskau und Amsterdam einen abstrakten Charakter und deshalb sind wir so langsam vorwärtsgekommen, haben wir so langsam unsere Fühler in die Massenorganisation hinein strecken können.

Es ist Aufgabe der Kommunisten, ihre Propaganda konkreter und praktischer zu gestalten, sie den Augenblicksumständen anzupassen und jedenfalls aus den konkreten Bedürfnissen der Arbeiter des betreffenden Landes, des betreffenden Industriezweiges die allgemeine Forderung zu ziehen; vom praktischen Kampf zu den allgemeinen Aufgaben der Arbeiterklasse zu kommen, und auf Grund dieses praktischen Kampfes das Bewusstsein der Massen zu heben. Nur eine solche Arbeit kann uns zu dem erforderlichen Ergebnis führen, und wenn wir auf solche Weise vorgehen, werden wir die Eroberung der Gewerkschaften am besten durchführen können. Die Eroberung der Gewerkschaften besteht eben gerade darin, die Gewerkschaften zur Verwirklichung unseres praktischen Programms und zur Durchführung unserer Vorschläge zu zwingen, selbst wenn die Führer dies nicht wollen. Auf diese Weise und eben nur auf diese Weise kann die Eroberung der Gewerkschaften verwirklicht werden. Gewiss, um diese Taktik durchzuführen, um in alle Arbeiterorganisationen einzudringen, um unsere Losungen zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Werktätigen zu machen, ist außer einer lebendigen organisatorischen, methodischen Arbeit auch eine entsprechende Presse erforderlich. Leider verwenden die kommunistischen Parteien auf unsere Gewerkschaftsorgane zu wenig Aufmerksamkeit. Die Gewerkschaftsbewegung nimmt in der allgemeinen Parteipresse einen unverhältnismäßig kleinen Raum ein. Nicht alle Parteien geben Gewerkschaftsorgane heraus oder diese erscheinen nicht häufig genug, und vor allem die Gewerkschaftsorgane haben häufig unter finanziellen Schwierigkeiten zu leiden. Es ist, als ob die Fragen der Gewerkschaftsbewegung Nebenfragen wären und als ob man die Gewerkschaftspresse nötigenfalls auch verringern könnte.

Ohne Eroberung der Gewerkschaften ist die soziale Revolution unmöglich. Und um die Gewerkschaften zu erobern, müssen wir in der nächsten Periode unserer Gewerkschaftspresse besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Man muss sie entwickeln, bedeutend praktischer machen, muss das Ausmaß unserer Presseagitation und Propaganda vergrößern, und in unserer Presse nicht nur allgemeinpolitische und internationale Fragen erörtern (sie sind außerordentlich wichtig und müssen unbedingt erörtert werden), sondern auch die Fragen des konkreten praktischen Kampfes, die Fragen der Tarife, die Fragen der organisatorischen Aufbautätigkeit, der Sozialversicherung usw. Mit einem Wort, alle Fragen, die die Arbeitermassen so stark interessieren und erregen, müssen in den Spalten unserer Gewerkschaftspresse ständig ihren Platz finden. Unsere gesamte Parteipresse muss dessen eingedenk sein, dass wir ohne die Eroberung dieser Hochburg der Reformisten keinen Schritt vorwärts gehen können.

Aber es wäre schlimm, wenn wir uns nur auf Agitation und Propaganda beschränken wollten. Die organisatorische Festlegung der Ergebnisse unserer politischen Arbeit muss für jede kommunistische Partei im Vordergrunde stehen. Sonst wird das Missverhältnis zwischen der politischen Entwicklung der Massen und der organisatorischen Festlegung zu einer ganzen Reihe von Niederlagen führen. Die Eroberung der Gewerkschaften ist eine langwierige, hartnäckige, systematische, konkrete organisatorische Aufgabe, die keine unmittelbaren sofortigen Ergebnisse verspricht, aber dem Kommunismus ein festes proletarisches Fundament für die Errichtung des großen kommunistischen Gebäudes sichert. Und die schon vom 2. Kongress der Kommunistischen Internationale gestellte Aufgabe wird um so rascher durchgeführt werden, je weniger Abstraktionen und je mehr Praxis in der Stellung der Fragen der Gewerkschaftsbewegung, im Herantreten an die Eroberung der Massen und der Gewerkschaften herrschen wird.

Unsere auf einem praktischen und konkreten Aktionsprogramm aufgebaute Arbeit in den Gewerkschaften muss darauf gerichtet sein, die Gewerkschaftsbewegung aller Länder in der Roten Gewerkschaftsinternationale zu vereinigen. Es muss gesagt werden, dass in der Zeit zwischen dem 3. und 4. Kongress in einigen Parteien liquidatorische Stimmungen hinsichtlich der RGI zutage traten. Es gab Leute, die folgendermaßen urteilten: da wir einmal für die Einheitsfront, für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung, für die Eroberung und nicht für die Zerstörung der Gewerkschaften sind, so muss also die RGI liquidiert werden. Dann wird die wahre Einheit der Gewerkschaftsbewegung erzielt und die Aufgabe der Kommunisten in Bezug auf die Eroberung der Gewerkschaften wesentlich erleichtert werden. Diese Idee wurde seinerzeit von Paul Levi und seinen anderen Anhängern in Deutschland ausgesprochen. Sie schimmerte auch bei einigen Kommunisten anderer Länder durch. Im ersten Augenblick war da bei vielen Genossen das Wesen der Liquidationstheorie noch nicht klar. Vielen schien es, dass dies keine prinzipielle Meinungsverschiedenheit, sondern nur eine Zweckmäßigkeitsfrage sei. Aber diese Genossen irrten sich. Die liquidatorischen Stimmungen hinsichtlich der RGI zielten eigentlich und im Grunde genommen auch auf eine Liquidierung der Kommunistischen Internationale hin. In der Tat, was bedeutet die Liquidierung der RGI? Sie bedeutet den Verzicht auf die Aufgabe, die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung in einem internationalen Mittelpunkt zu sammeln, sie bedeutet, die revolutionären Elemente der internationalen Gewerkschaftsbewegung zerstreut und ungeeint zu lassen. Wenn es sich nur um die kommunistischen Fraktionen, um die kommunistischen Zellen in den Gewerkschaften handeln würde, dann wäre die Frage sehr einfach; für die kommunistischen Elemente in der Gewerkschaftsbewegung ist eine neue Internationale nicht erforderlich. Die Kommunistische Internationale hat die Aufgabe der Führung und Vereinigung der kommunistischen Bewegung in allen Ländern erfüllt, und zwar sehr gut erfüllt. Aufgabe der RGI ist die Vereinigung der revolutionären Gewerkschaftsbewegung in allen ihren Abarten, in ihrer gesamten Vielgestaltigkeit. Hierher gehören sowohl die Kommunisten, als auch die Syndikalisten aller Richtungen und alle einfach linksrevolutionären Arbeiter, alle diejenigen, die nicht den Klassenfrieden wollen, sondern den proletarischen Kampf gegen das Kapital und seine Agenten. Darum bedeutet eine Liquidierung der RGI im Wesentlichen eine Verringerung der Basis der internationalen kommunistischen Aktion und muss ihrerseits logischerweise zur Liquidierung der kommunistischen Organisationen führen. Das erweiterte Plenum der Exekutive hat diesen liquidatorischen Stimmungen ein Ende bereitet. Jetzt wird sich schwerlich eine Partei finden, in der diese Stimmungen liquidatorischen Charakters ernstliche Bedeutung hätten. Aber wenn auch keine liquidatorischen Stimmungen bestehen, so gibt es dafür ein passives Verhalten zur RGI. Viele Kommunisten glauben, dass die Frage der RGI zwar interessant, aber nebensächlich sei. Das ist ein für die kommunistische Arbeiterbewegung höchst schädlicher Fehler. Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung muss ihren Mittelpunkt haben, sonst zerreißt das Band zwischen der Kommunistischen Internationale und den revolutionären Arbeitern aller Richtungen. Eine Stärkung der RGI bedeutet auch eine Stärkung der Kommunistischen Internationale. Die kommunistischen Parteien arbeiten hier für sich selbst und für die Kommunistische Internationale, daher müssen sie in ihrer gesamten Gewerkschaftsarbeit, in ihrer gesamten Politik auf dem Gebiet der Gewerkschaftsbewegung diese höchst wichtige Aufgabe der internationalen kommunistischen Bewegung im Auge haben. Die RGI ist während der kurzen Zeit ihres Bestehens schon eine große Macht geworden. Es gibt in der ganzen Welt keinen Winkel, wo nicht um unser Programm und die Taktik der RGI ein erbitterter Kampf geführt wird. Besonders heftigen Angriffen ist ihre enge Verbindung mit der Kommunistischen Internationale ausgesetzt. Eben deshalb ist die ganze Energie dar kommunistischen Parteien erforderlich, um die Arbeit zur Eroberung der Gewerkschaften und zu ihrer Heranziehung an den Weltmittelpunkt der revolutionären Gewerkschaftsbewegung zu vertiefen und zu erweitern. Dadurch spalten wir die Gewerkschaften nicht, sondern wir vereinigen sie. Wir schlagen nicht vor, einzelne Arbeitergruppen organisatorisch loszureißen und sie der RGI anzugliedern. Wir beantragen – und dieses Recht kann uns niemand streitig machen – die Heranziehung der Gewerkschaften zum Programm und zur Taktik der RGI. Nicht organisatorische Zerreißung, nicht Spaltung, nicht Zersplitterung, nicht Zerstörung der Gewerkschaften, sondern ideelle Eroberung dieser proletarischen Organisationen und ihre Vereinigung unter dem revolutionären Programm und der revolutionären Taktik. Ich drücke die feste Überzeugung aus, dass es gelingen wird, die großen Schwierigkeiten, vor denen die Kommunistische Internationale auf dem Gebiet der Gewerkschaftsbewegung steht, zu überwinden. Und bald wird der Tag kommen, wo alle Formen der Arbeiterbewegung sich zu einem einheitlichen Block zusammenschließen und unsere herrliche kommunistische Fahne über allen Arbeiterorganisationen weht.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Komintern

[ Kommunistische Internationale ]