DEUTSCH

 

 

KOMMUNISTISCHE INTERNATIONALE

 

IV. Weltkongress

 

Aktionsprogramm

der Kommunistischen Internationale

für die Arbeit auf dem Lande.




Anweisung zur Anwendung der Agrarthesen des II. Kongresses.


Die Grundlagen unseres Verhältnisses zu den arbeitenden Massen auf dem Lande wurden bereits in den Agrarthesen des 2. Kongresses festgestellt. In der gegenwärtigen Phase der Offensive des Kapitals gewinnt die Agrarfrage eine erhöhte Bedeutung. Der 4. Kongress ermahnt alle Parteien, die Gewinnung der arbeitenden Massen auf dem Lande mit aller Kraft zu betreiben und stellt für diese Arbeit folgende Richtlinien auf.
1. Die große Masse der ländlichen Proletarier und armen Bauern, die nicht genug eigenes Land besitzen und teilweise Lohnarbeit verrichten müssen, oder in anderer Weise vom Großgrundbesitz oder Kapital ausgebeutet wird, kann nur durch eine proletarische Revolution aus ihrer gegenwärtigen Knechtschaft und von den im Kapitalismus unvermeidlichen Kriegen endgültig befreit werden: eine Revolution, die den Grund und Boden der Großgrundbesitzer samt aller Produktionsmittel ohne Entschädigung konfisziert und den Arbeitenden zur Verfügung stellt, die an Stelle des Staates der Großgrundbesitzer und Kapitalisten den Sowjetstaat der Proletarier und werktätigen Bauern setzt und auf diese Weise den Weg zum Kommunismus ebnet.
2. In dem Kampf gegen den Staat der Großgrundbesitzer und Kapitalisten sind die arbeitenden, armen Bauern und Kleinpächter die natürlichen Kampfgenossen des landwirtschaftlichen und industriellen Proletariats. Der Anschluss ihrer revolutionären Bewegung an den Kampf des Proletariats in Stadt und Land fördert wesentlich den Sturz des bürgerlichen Staates; während das städtische Proletariat die politische Macht ergreift, die Produktionsmittel der Bourgeoisie enteignet, bemächtigen sich das ländliche Proletariat und die armen Bauern des Grund und Bodens, verjagen die Großgrundbesitzer und bereiten der Herrschaft der Agrarier und Bourgeoisie auf dem Lande ein Ende.
3. Um außer den landwirtschaftlichen Arbeitern auch die armen Bauern (Zwergbauern, Kleinpächter und ein Teil der Kleinbauern) für die Sache der Revolution, die Mittelbauern aber für eine wohlwollende Neutralität zu gewinnen, müssen letztere Schichten dem Einfluss und der Führung der mit den Großgrundbesitzern verbundenen Großbauern entrissen werden. Sie müssen zur Einsicht gelangen, dass, da ihre Interessen nicht mit jenen der Großbauern, sondern mit jenen des Proletariats zusammenfallen — nur die revolutionäre Partei des Proletariats, die Kommunistische Partei, ihr Führer im Kampfe sein kann. Um diese Loslösung der armen Bauern von der Führung der Grundbesitzer und Großbauern zu beschleunigen, genügt das bloße Aufstellen eines Programms oder die Entfaltung einer Propaganda nicht: die Kommunistische Partei muss durch fortgesetzte Aktionen im Interesse dieser Schichten den Beweis erbringen, dass sie tatsächlich die Partei aller Arbeitenden und Unterdrückten ist.
4. Die Kommunistische Partei stellt sich daher an die Spitze jedes Kampfes, den die arbeitenden Massen des Landes gegen die herrschenden Klassen führen. An die Tagesforderungen dieser Schichten innerhalb des Kapitalismus anknüpfend, vereinigt die Kommunistische Partei die zersplitterten Kräfte der Arbeitenden auf dem Lande, steigert ihren Kampfeswillen, unterstützt den Kampf durch Einsetzen der Kräfte des industriellen Proletariats, weist denselben stets neue und in die Richtung auf die Revolution führende Ziele. Der gemeinsam mit den industriellen Arbeitern geführte Kampf, die Tatsache, dass industrielle Arbeiter unter Führung der Kommunistischen Partei für die Interessen der Arbeiter und armen Bauern auf dem Lande kämpfen, wird diese davon überzeugen, dass es 1. nur die Kommunistische Partei ehrlich mit ihnen meint, während alle anderen, sowohl agrarischen wie sozialdemokratischen Parteien trotz demagogischer Phrasen sie nur betrügen wollen und tatsächlich im Dienste der Großgrundbesitzer und Kapitalisten stehen; 2. dass innerhalb des Kapitalismus eine endgültige Verbesserung der Lage der Arbeiter und armen Bauern unmöglich ist.
5. Unsere konkreten Kampfesforderungen müssen sich den verschiedenen Arten der Abhängigkeit und Unterdrückung der Arbeiter, der armen Bauern und mittleren Bauern durch Grundbesitzer und Kapitalisten, wie auch den Interessen der einzelnen Schichten anpassen.
In den Kolonialländern mit unterdrückter, eingeborener Bauernbevölkerung wird der nationale Befreiungskampf entweder von der ganzen Bevölkerung gemeinsam geführt, wie z. B. in der Türkei; in diesem Falle beginnt der Kampf der unterdrückten Bauernschaft gegen die Grundbesitzer unvermeidlich nach dem Sieg des Befreiungskampfes; oder die feudalen Grundherren stehen im Bündnis mit den imperialistischen Räubern; in diesen Ländern, z. B. in Indien, fällt der soziale Kampf der unterdrückten Bauern mit dem nationalen Befreiungskampf zusammen.
In jenen Gebieten, wo auf dem Lande noch starke Reste des Feudalismus bestehen, wo die bürgerliche Revolution ihre Aufgabe nicht beendet hat, wo mit dem Großgrundbesitz noch feudale Vorrechte verknüpft sind, müssen diese Vorrechte im Verlauf des Kampfes um den Boden, welcher hier von entscheidender Wichtigkeit ist, aus dem Wege geräumt werden.
6. In allen Ländern. wo es ein eigentliches landwirtschaftliches Proletariat gibt, ist diese Schicht zum wichtigsten Faktor der revolutionären Bewegung auf dem Lande bestimmt. Die KP unterstützt, organisiert und vertieft im Gegensatz zu den Sozialdemokraten, die dem ländlichen Proletariat bei seinen Kämpfen in den Rücken fallen, alle Kämpfe des landwirtschaftlichen Proletariats zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage. Um die Revolutionierung des Landproletariats zu beschleunigen und es für den Kampf uns die Diktatur des Proletariats, die sie allein von der Ausbeutung endgültig befreien kann, zu schulen, unterstützt die KP das landwirtschaftliche Proletariat in seinem Kampfe um die Erhöhung des Reallohnes:
Verbesserung der gesamten Arbeits-, Wohn- und Kulturverhältnisse, volle Freiheit der Versammlungen, der Vereinigung, der gewerkschaftlichen Bewegung, der Streiks, der Presse usw., zum mindestens dieselben Rechte, wie sie die industrielle Arbeiterschaft besitzt:
Achtstundentag durchschnittlich im Jahre, Versicherung gegen Unfälle, Altersversicherung, Verbot der Lohnarbeit der Kinder, Ausbau des Berufsschulwesens usw., zumindest die Ausdehnung der sozialen Gesetzgebung, wie dieselbe für das Proletariat besteht.
7. Die Kommunistische Partei kämpft bis zu der Zeit, wo die Bauern durch die soziale Revolution endgültig aus ihrer Knechtschaft befreit werden, gegen alle Arten von Ausbeutung der armen und mittleren Bauernschaft durch das Kapital, gegen die Ausbeutung durch das Leih- und Wucherkapital, welches die armen Bauern in die Schuldknechtschaft zwingt.
Gegen die Ausbeutung durch das Handels- und Spekulationskapital, welches die geringen Produktionsüberschüsse der armen Bauern billig aufkauft und zu teuren Preisen an das städtische Proletariat absetzt. Die KP tritt ein für die Ausschaltung dieses parasitären Spekulationskapitals und eine unmittelbare Verbindung zwischen den Genossenschaften der kleinen Bauern und Konsumgenossenschaften des städtischen Proletariats.
Gegen die Ausbeutung durch das Industriekapital, welches seine Monopolstellung ausnutzt, die Preise der industriellen Waren künstlich hochzuhalten. Wir kämpfen daher für die Belieferung der armen Bauern mit Produktionsmitteln (Kunstdünger, Maschinen usw.) zu einem verbilligten Preise. Die industriellen Betriebsräte sollen durch die Preiskontrolle hierbei mitwirken.
Gegen die Ausbeutung durch das private Monopol des Transportwesen, wie es vor allem in den angelsächsischen Ländern der Fall ist.
Gegen die Ausbeutung durch den kapitalistischen Staat, der in seinem Steuersystem die. armen Bauern zugunsten der Großgrundbesitzer einseitig belastet. Wir fordern vollkommene Steuerfreiheit für die armen Bauern.
8. Die schwerste Ausbeutung erleidet aber die landarme Bevölkerung in allen nicht Kolonialländern durch das Privateigentum der Großgrundbesitzer an Grund und Boden. Die landarmen Bauern sind, um ihre Arbeitskraft voll auszunutzen und um überhaupt leben zu können, gezwungen, für Hungerlöhne bei den Großgrundbesitzern zu arbeiten oder Boden zu hohen Preisen zu pachten oder zu kaufen, wodurch ein Teil des Arbeitslohnes den arbeitenden Bauern geraubt und den Großgrundbesitzern zugeschanzt wird. Der Mangel an Boden zwingt die landarmen Bauern unter modernen Formen die mittelalterliche Knechtschaft auf sich zu nehmen. Die KP kämpft daher für die Konfiszierung des Grund und Bodens samt Einrichtung zwecks Verfügungstellung des Bodens an jene, die ihn tatsächlich bearbeiten. Bis dies durch die proletarische Revolution erkämpft wird, unterstützt die KP den Kampf der landarmen Bauern um die:
a) Verbesserung der Lebenslage der Teilpächter durch Herabsetzung des Anteils, den der Besitzer erhält,
b) Herabsetzung der Pachten für Kleinpachtungen, eine unbedingte Vergütung der vom Pächter gemachten Verbesserungen bei Ablauf des Pachtvertrages usw. Die von den Kommunisten geführten Gewerkschaften der landwirtschaftlichen Arbeiter werden die Kleinpächter in diesem Kampfe unterstützen, z. B. keine Arbeit auf den Feldern verrichten, die von dem Grundbesitzer dem kleinen Pächter wegen Pachtstreitigkeiten entzogen werden usw.
c) Zuteilung von Land, Vieh und Produktionsmitteln an alle landarmen Bauern zu Bedingungen, welche ihr Fortkommen sichern, keinesfalls von Bodenfetzen, welche ihren Besitzer an die Scholle fesseln und ihn zwingen, zu Hungerlöhnen bei den benachbarten Grundbesitzern oder Großbauern Arbeit zu suchen, sondern die Zuteilung bzw. Ergänzung auf volle Ackernahrung. Hierbei soll das Interesse der Landarbeiter besonders berücksichtigt werden.
9. Die herrschenden Klassen versuchen durch eine bürgerliche Agrarreform, durch Zuteilung von Land an die führenden Elemente der Bauernschaft, den revolutionären Charakter der Landbewegung zu dämpfen. Es gelingt ihnen, ein zeitweiliges Abflauen der revolutionären Bewegung zu erreichen. Aber jede bürgerliche Agrarreform stößt an die Schranken des Kapitalismus: Boden kann nur gegen Entschädigung und an Leute verteilt werden, die bereits im Besitz von Produktionsmitteln zur Bewirtschaftung derselben sind. Den rein proletarischen und halbproletarischen Elementen kann eine bürgerliche Agrarreform absolut nichts bieten. Die schweren Bedingungen, welche bei einer bürgerlichen Bodenverteilung unausbleiblich den Landempfängern auferlegt werden und daher zu keiner tatsächlichen Besserung der Lage, sondern zur Schuldknechtschaft der Boden erhaltenden Bauern führen, geben die Grundlage zur Weiterführung der revolutionären Bewegung und zur Verschärfung des Gegensatzes zwischen den reichen und armen Bauern, wie auch den Landarbeitern, die keinen Boden erhalten und durch Aufteilung der großen Güter Arbeitsgelegenheit verlieren.
10. Eine endgültige Befreiung aller Arbeitenden auf dem Lande kann nur eine proletarische Revolution bringen, welche den Grund und Boden der Großgrundbesitzer samt Einrichtung ohne Entschädigung konfisziert, den Boden des arbeitenden Bauern aber unangetastet lässt und von allen Lasten, Pachtzinsen, Hypotheken, feudalen Einschränkungen befreit und die werktätigen Bauern auf jede Weise unterstützt.
Über die Art und Weise der weiteren Bewirtschaftung des von den Grundbesitzern konfiszierten Bodens werden die Arbeitenden selbst entscheiden! In dieser Frage heißt es in den Thesen des 2. Kongresses:
„Für die fortgeschrittensten Länder erkennt die Kommunistische Internationale es für richtig an, den landwirtschaftlichen Großbetrieb vorwiegend beizubehalten und ihn nach Art der Sowjetwirtschaften in Russland zu führen.
Ebenso wird es zweckmäßig sein, die Bildung von Kollektivbetrieben (Gutsgenossenschaften, Kommunen) zu unterstützen.
Die Erhaltung der ländlichen Großbetriebe wahrt die Interessen der revolutionären Schicht der Landbevölkerung, der besitzlosen Landarbeiter und der halbproletarischen Parzellenbesitzer, die ihren Unterhalt in der Hauptsache durch Lohnarbeit in den Großbetrieben verdienen, am besten. Außerdem macht die Nationalisierung der Großbetriebe die städtische Bevölkerung wenigstens teilweise in der Versorgungsfrage von der Bauernschaft unabhängig…
Andererseits kann es dort, wo noch Überreste der mittelalterlichen Verfassung, des Fronsystems, zu besonderen Formen der Ausbeutung führen, wo noch Servitute oder das System der Halbpacht bestehen oder ähnliches, unter Umständen notwendig sein, den Bauern einen Teil des Bodens der großen Güter zu überweisen.
In Ländern und Gebietsteilen, wo der landwirtschaftliche Großbetrieb eine relativ geringe Rolle spielt, dagegen eine große Anzahl kleinbäuerlicher Besitzer bestehen, die danach trachten, Land zu erhalten, wird die Verteilung des Landes der Großgrundbesitzer sich als das sicherste Mittel erweisen, die Bauernschaft für die Revolution zu gewinnen, während die Erhaltung des Großbetriebes nicht von besonderer Bedeutung für die Versorgung der Städte ist.
Jedenfalls müssen dort, wo eine Aufteilung des Großgrundbesitzes eintritt, in erster Linie die Interessen der ländlichen Proletarier gewahrt werden.“
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In organisatorischer Beziehung haben alle Kommunisten, die in der Landwirtschaft und den damit verbundenen industriellen Betrieben arbeiten, in die Organisationen der Landarbeiter einzutreten und in diesen die revolutionären Elemente zu sammeln und zu führen, mit dem Zweck, die Organisation in revolutionäre Instrumente umzuwandeln. Wo keine Gewerkschaften bestehen, haben die Kommunisten die Schaffung derselben zu veranlassen, In den gelben, faschistischen und christlichen konterrevolutionären Organisationen haben sie eine zähe Aufklärungsarbeit zu leisten mit dem Ziele der Zersetzung dieser gegenrevolutionären Verbände. In den Großbetrieben selbst sollen Gutsräte der Arbeiter zur Verhinderung der Extensivierung der Wirtschaft gebildet werden. Sie haben das Industrieproletariat aufzurufen, die Kämpfe der Landarbeiter zu unterstützen und umgekehrt dieselben in die Bewegung der industriellen Betriebsräte einzugliedern.
Angesichts der ungeheueren Bedeutung der armen Bauern für die revolutionäre Bewegung ist es die unerlässliche Aufgabe der Kommunisten, in die Organisation der Kleinbauern (Wirtschaft-, Konsum- und Kreditgenossenschaften) einzutreten, dieselben zu revolutionieren, die scheinbaren Interessengegensätze zwischen Lohnarbeitern und landarmen Bauern, die von den Grundbesitzern und Großbauern künstlich vergrößert und in den Vordergrund gestellt werden, aus der Welt zu schaffen und die Bewegungen und Aktionen dieser Organisationen in eine enge Verbindung mit jenen des Land- und Stadtproletariats zu bringen.
Nur die Zusammenfassung aller revolutionären Kräfte in Stadt und Land ermöglichen es, dem Angriff des Kapitals erfolgreichen Widerstand zu leisten und von der Defensive ausgehend, den endgültigen Sieg zu erkämpfen.

 

 

 

 

 

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