DEUTSCH

III. Weltkongress der Komintern

Leitsätze über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien, über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit


(angenommen in der 24. Sitzung des III. Weltkongresses vom 12. Juli 1921)

[nach Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Hamburg 1921, S. 105-142]

 



I.

Allgemeines.


1.

Die Organisation der Partei muss den Bedingungen und dem Zweck ihrer Tätigkeit angepasst sein. Die Kommunistische Partei soll die Avantgarde, der führende Vortrupp des Proletariats sein für alle Phasen seines revolutionären Klassenkampfes und der späteren Übergangsperiode zur Verwirklichung des Sozialismus, dieser ersten Stufe der kommunistischen Gesellschaft.


2.

Es kann keine absolut richtige, unveränderliche Organisationsform für die kommunistischen Parteien geben. Die Bedingungen des proletarischen Klassenkampfes sind in einem unaufhörlichen Verwandlungsprozess Änderungen unterworfen, und diesen Änderungen entsprechend soll auch die Organisation der Avantgarde des Proletariats dauernd nach zweckmäßigen Formen suchen. Gleichfalls werden durch die historisch bestimmte Eigenart jedes einzelnen Landes besondere Anpassungsformen für die Organisation der einzelnen Parteien bedingt.
Diese Differenzierung hat aber bestimmte Grenzen. Die trotz aller Eigenart existierende Gleichheit in den Bedingungen des proletarischen Klassenkampfes in den verschiedenen Ländern und in den verschiedenen Phasen der proletarischen Revolution ist für die internationale kommunistische Bewegung von grundlegender Bedeutung. Sie ergibt die gemeinsame Grundlage für die Organisation der kommunistischen Parteien aller Länder.
Auf dieser Grundlage gilt es, die Organisation der kommunistischen Parteien zweckmäßig weiter zu entwickeln, nicht aber nach der Gründung irgendwelcher neuer Musterparteien an Stelle der schon existierenden zu streben oder nach einer absolut richtigen Organisationsform oder idealen Statuten zu suchen.


3.

Die meisten kommunistischen Parteien, somit die Kommunistische Internationale als Gesamtpartei des revolutionären Proletariats der Welt, haben in ihren Kampfbedingungen das gemeinsam, dass sie noch gegen die herrschende Bourgeoisie zu kämpfen haben. Der Sieg über diese, die Eroberung der Macht aus den Händen der Bourgeoisie ist für sie alle bis auf Weiteres der entscheidende, richtunggebende Hauptzweck.
Für alle Organisationsarbeit der kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern ist demgemäß durchaus entscheidend der Gesichtspunkt, eine solche Organisation aufzubauen, die den Sieg der proletarischen Revolution über die besitzenden Klassen ermöglicht und sichert.


4.

Die Zweckmäßigkeit erfordert bei jeder gemeinsamen Aktion eine Führung. Vor allem ist sie nötig für den größten Kampf der Weltgeschichte. Die Organisation der kommunistischen Partei ist Organisation der kommunistischen Führung in der proletarischen Revolution.
Um gut führen zu können, braucht die Partei selbst auch gute Führung. Unsere organisatorische Grundaufgabe ist demgemäß: Bildung, Organisierung und Erziehung einer unter tüchtigen führenden Organen tätigen kommunistischen Partei zum tüchtigen Führer der proletarischen revolutionären Bewegung.


5.

Die Führung des revolutionären Klassenkampfes setzt bei der kommunistischen Partei und bei ihren führenden Organen die organische Verbindung von größtmöglichster Schlagkraft und größter Anpassungsfähigkeit an die sich verändernden Kampfbedingungen voraus.
Die erfolgreiche Führung setzt außerdem unbedingt die engste Verbindung mit den proletarischen Massen voraus. Ohne diese Verbindung wird die Führerschaft die Massen nicht führen, sondern bestenfalls hinter ihnen hergehen.
Diese organischen Verbindungen werden in der kommunistischen Parteiorganisation durch den demokratischen Zentralismus erstrebt.

 


II.

Über den demokratischen Zentralismus.


6.

Der demokratische Zentralismus in der kommunistischen Parteiorganisation soll eine wirkliche Synthese, Verschmelzung des Zentralismus und der proletarischen Demokratie sein. Diese Verschmelzung ist nur auf der Grundlage der ständigen gemeinschaftlichen Tätigkeit, des ständigen gemeinschaftlichen Kampfes der gesamten Parteiorganisation erreichbar.
Die Zentralisation in der kommunistischen Parteiorganisation bedeutet keine formale und mechanische Zentralisation, sondern eine Zentralisation der kommunistischen Tätigkeit, d. h. die Bildung einer starken, schlagfertigen und zugleich auch anpassungsfähigen Führung.
Eine formale oder mechanische Zentralisation wäre die Zentralisation der „Macht“ in den Händen einer Parteibürokratie zur Beherrschung der übrigen Mitglieder oder der außen stehenden Massen des revolutionären Proletariats. Aber nur die Feinde des Kommunismus können behaupten, dass die Kommunistische Partei durch die Funktion der Führung der proletarischen Klassenkämpfe und durch die Zentralisation dieser kommunistischen Führung das revolutionäre Proletariat beherrschen will. Das ist eine Lüge. Ebenso wenig ist innerhalb der Partei ein Machtgegensatz oder ein Kampf um die Herrschaft mit den von der Kommunistischen Internationale angenommenen Grundsätzen des demokratischen Zentralismus vereinbar.
In den Organisationen der alten, nicht revolutionären Arbeiterbewegung entwickelte sich ein durchgehender Dualismus von derselben Art, wie er sich in der Organisation des bürgerlichen Staates gebildet hatte: der Dualismus zwischen Bürokratie und „Volk“. Unter dem verknöchernden Einfluss der bürgerlichen Umgebung entwickelte sich bei ihnen die Entfremdung der Funktionäre, die Ersetzung der lebendigen Arbeitsgemeinschaft durch bloße, formale Demokratie und die Spaltung der Organisation in aktive Funktionäre und passive Massen. Auch die revolutionäre Arbeiterbewegung erbt unvermeidlich diese Tendenz des Formalismus und Dualismus bis zu einem gewissen Grade aus der bürgerlichen Umgebung.
Die Kommunistische Partei soll diese Gegensätze durch systematische, ausdauernde, politische und organisatorische Arbeit und mehrfache Verbesserungen und Revidierungen gründlich überwinden.


7.

Bei der Umbildung einer sozialistischen Massenpartei in eine kommunistische Partei darf die Partei sich nicht darauf beschränken, nur Machtbefugnisse in den Händen ihrer Zentralleitung zu konzentrieren, im Übrigen aber ihre alte Ordnung unverändert zu lassen. Soll die Zentralisation nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich durchgeführt werden, so muss ihre Durchführung derart erfolgen, dass sie von den Mitgliedern als eine sachlich begründete Verstärkung und Entfaltung ihrer gemeinsamen Tätigkeit und Kampfkraft empfunden wird. Andernfalls erscheint sie den Massen als eine Bürokratisierung der Partei, die dann eine Opposition heraufbeschwört gegen alle Zentralisation, gegen jede Führung, gegen jede straffe Disziplin. Der Anarchismus ist der Gegenpol des Bürokratismus.
Die bloße, formale Demokratie in der Organisation kann weder die Tendenzen des Bürokratismus, noch die des Anarchismus beseitigen, denn auf ihrer Grundlage haben sie in der Arbeiterbewegung den Nährboden gefunden. Deshalb kann die Zentralisierung der Organisation, d. h. das Streben nach einer starken Führung, keinen Erfolg haben, wenn sie allein auf dem Boden der formalen Demokratie zu erreichen versucht wird. Dazu ist vor allem nötig die Entwicklung und Erhaltung lebendiger Verbindungen und Wechselbeziehungen sowohl innerhalb der Partei zwischen den führenden Parteiorganen und den übrigen Mitgliedern wie auch zwischen der Partei und den außen stehenden Massen des Proletariats.


III.

Über die Arbeitspflicht der Kommunisten.


8.

Die Kommunistische Partei soll eine Arbeitsschule des revolutionären Marxismus sein. Durch die tägliche, gemeinschaftliche Arbeit in den Parteiorganisationen werden die organischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen und zwischen den einzelnen Mitgliedern angeknüpft.
In den legalen kommunistischen Parteien fehlt es noch heute an der regelmäßigen Teilnahme der meisten Mitglieder an der täglichen Parteiarbeit. Das ist der Hauptmangel dieser Parteien, der Boden einer beständigen Unsicherheit für ihre Entwicklung.


9.

Für eine Arbeiterpartei besteht immer bei den ersten Schritten zu ihrer kommunistischen Neugestaltung die Gefahr, sich nur damit zu begnügen, dass sie ein kommunistisches Programm annimmt, dass an Stelle der früheren Doktrin in ihrer Propaganda die kommunistische Doktrin tritt und dass nur die gegnerischen Funktionäre durch kommunistisch gesinnte ersetzt werden. Die Annahme eines kommunistischen Programms ist aber erst die Kundgebung des Willens, kommunistisch zu werden. Wenn die kommunistische Tätigkeit ausbleibt und wenn in der Organisation der Parteiarbeit die Passivität der Mitgliedermassen noch immer erhalten bleibt, erfüllt die Partei nicht einmal das Mindeste von dem, was sie durch die Annahme des kommunistischen Programms dem Proletariat versprochen hat. Denn zur ernsten Durchführung dieses Programms ist die Heranziehung aller Mitglieder zu beständiger, alltäglicher Mitarbeit die erste Bedingung.
Die Kunst der kommunistischen Organisation besteht darin, im proletarischen Klassenkampf alles und alle auszunützen, zwischen allen Parteimitgliedern die Parteiarbeit zweckmäßig zu verteilen und durch die Mitglieder noch breitere Massen des Proletariats ständig in die revolutionäre Bewegung hineinzuziehen, dabei die Führung über die gesamte Bewegung fest in den Händen zu halten, nicht kraft der Macht, sondern kraft der Autorität, also kraft der Energie, der größeren Erfahrung, der größeren Vielseitigkeit, der größeren Fähigkeit.


10.

Eine kommunistische Partei soll also in ihrem Bestreben, nur wirklich aktive Mitglieder zu haben, von einem jeden in ihren Reihen fordern, dass er seine Kraft und Zeit, soweit er überhaupt selbst darüber unter den gegebenen Verhältnissen disponieren kann, zur Verfügung seiner Partei stellt und immer sein Bestes für diesen Dienst hergibt.
Zur Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei gehört natürlich in der Regel – unter Voraussetzung der kommunistischen Überzeugung – auch formale Registrierung, eventuell zuerst als Kandidat, dann als Mitglied, regelmäßige Zahlung der festgesetzten Beiträge, das Abonnement der Parteizeitung usw. Das Wichtigste aber ist die Teilnahme jedes Mitgliedes an der täglichen Parteiarbeit.


11.

Zum Zwecke der täglichen Parteiarbeit soll in der Regel jedes Parteimitglied stets in eine kleinere Arbeitsgruppe eingegliedert sein: in eine Gruppe, ein Komitee, eine Kommission, einen Ausschuss oder ein Kollegium, in eine Fraktion oder Zelle. Nur auf diese Weise kann die Parteiarbeit ordentlich verteilt, geleitet und ausgeführt werden.
Ganz selbstverständlich ist auch die Teilnahme an den allgemeinen Mitgliederversammlungen der örtlichen Organisationen; es ist nicht gut, diese periodischen Versammlungen unter legalen Verhältnissen durch örtliche Repräsentationen ersetzen zu wollen, vielmehr sollten alle Mitglieder zum regelmäßigen Besuche dieser Versammlungen verpflichtet werden. Dass ist aber keineswegs genug. Schon die ordentliche Vorbereitung dieser Versammlungen setzt eine Arbeit in kleineren Gruppen oder die Arbeit beauftragter Genossen voraus, ebenso wie die Vorbereitungen für wirksame Ausnutzung allgemeiner Arbeiterversammlungen, Demonstrationen und Massenaktionen der Arbeiterschaft. Die mannigfachen Aufgaben dieser Tätigkeit können nur durch kleinere Gruppen mit Sorgfalt geprüft und intensiv ausgeführt werden. Ohne solche beständige Kleinarbeit der gesamten Mitglieder, unter die große Menge der kleinen Arbeitsgruppen verteilt, führen uns auch die eifrigsten Bemühungen bei der Teilnahme an den Klassenkämpfen des Proletariats nur zu vergeblichen, kraftlosen Versuchen der Beeinflussung dieser Kämpfe und nicht zu der notwendigen Zusammenfassung aller lebendigen, revolutionären Kräfte des Proletariats in einer einheitlichen, aktionsfähigen kommunistischen Partei.


12.

Kommunistische Kerngruppen sind für die tägliche Arbeit auf verschiedenen Gebieten der Parteitätigkeit zu bilden: für Hausagitation, für Parteistudien, für Zeitungsdienst, für Literaturvertrieb, für Nachrichtendienst, für Verbindungsdienst usw.
Die kommunistischen Zellen sind Kerngruppen für die tägliche kommunistische Arbeit in Betrieben und Werkstätten, in Gewerkschaften, in proletarischen Genossenschaften, in Militärabteilungen usw., überall, wo es wenigstens einige Mitglieder oder Kandidaten der Kommunistischen Partei gibt. Sind mehrere Parteimitglieder in demselben Betrieb oder in derselben Gewerkschaft usw., so erweitert sich die Zelle zur Fraktion, deren Arbeit die Kerngruppe leitet.
Ist es geboten, zunächst eine breitere, allgemein oppositionelle Fraktion zu bilden oder sich an einer bestehenden zu beteiligen, so haben die Kommunisten darin durch ihre besondere Zelle die Leitung anzustreben.
Ob eine kommunistische Zelle für ihre Umgebung kenntlich oder gar der Öffentlichkeit gegenüber als kommunistisch hervortreten soll, hängt jeweils nach gewissenhafter Prüfung der Gefahren und Vorteile von der besonderen Sachlage ab.


13.

Die Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht in der Partei und die Organisierung dieser kleinen Arbeitsgruppen ist insbesondere für kommunistische Massenparteien eine schwierige Aufgabe. Sie kann nicht über Nacht durchgeführt werden, sondern erheischt unermüdliche Beharrlichkeit, reifliche Überlegung und viel Energie.
Es ist besonders wichtig, dass diese Neuorganisierung von Anfang an mit Sorgfalt und vielseitiger Erwägung ausgeführt wird. Es wäre eine leichte Sache, in jeder Organisation alle Mitglieder nach irgendeinem formalen Schema in kleine Zellen und Gruppen einzuteilen und diese dann ohne Weiteres zur allgemeinen täglichen Parteiarbeit aufzufordern. Ein solcher Anfang wäre aber schlimmer als gar nicht anzufangen: er würde sehr bald Missstimmung und Abneigung unter den Parteimitgliedern gegen diese wichtige Neuerung hervorrufen.
Es empfiehlt sich, dass die Parteileitung zuerst durch eingehende Beratungen mit mehreren tüchtigen Organisatoren, die zugleich auch fest überzeugte und begeisterte Kommunisten sind und über den Stand der Bewegung in den verschiedenen Kampfzentren des Landes genau orientiert sind, eine detaillierte Unterlage zur ersten Richtschnur für die Einführung dieser Neuerung ausarbeitet. Dann müssen instruierte Organisatoren oder Organisationskomitees an Ort und Stelle die nächste Arbeit zweckmäßig vorbereiten, die ersten Obmänner der Gruppen auswählen und die ersten Schritte unmittelbar einleiten. Den Organisationen, Arbeitsgruppen, Zellen und den einzelnen Mitgliedern müssen alsdann ganz konkrete, genau bestimmte Aufgaben gestellt werden, und zwar so, dass sie ihnen ohne Weiteres nützlich, erwünscht und durchführbar erscheinen. Wo nötig, soll man ihnen auch durch praktische Beispiele demonstrieren, wie die Aufgaben durchzuführen sind. Es muss ihnen dabei eingeprägt werden, vor welchen Fehlern sie sich besonders zu hüten haben.


14.

Diese Neuorganisierung ist praktisch Schritt für Schritt durchzuführen. Im Anfang sind deshalb in den örtlichen Organisationen nicht allzu viel neue Zellen oder Arbeitsgruppen zu gründen. Erst muss sich in einer kürzeren Praxis erweisen, dass die in den einzelnen bedeutenden Betrieben und Gewerkschaften gegründeten Zellen ordentlich funktionieren und dass auch auf den übrigen Hauptgebieten der Parteitätigkeit die notwendigsten Arbeitsgruppen gegründet sind und sich einigermaßen konsolidiert haben (z. B. auf dem Gebiete des Nachrichtendienstes, des Verbindungsdienstes, der Hausagitation, der Frauenbewegung, des Schriftenvertriebs, des Zeitungsdienstes, in der Arbeitslosenbewegung usw.). Bevor der neue Organisationsapparat sich nicht einigermaßen eingespielt hat, darf der alte Rahmen der Organisation nicht blind zerschlagen werden.
Dabei muss aber doch diese grundlegende Aufgabe der kommunistischen Organisationsarbeit überall mit voller Energie durchgeführt werden. Das stellt große Anforderungen nicht nur an eine legale Partei, sondern ebenso an jede illegale Partei. Bis ein weit verbreitetes Netz von kommunistischen Zellen, Fraktionen und Arbeitsgruppen an allen Brennpunkten des proletarischen Klassenkampfes in Wirksamkeit ist, bis jedes Mitglied der starken, zielbewussten Partei an der täglichen revolutionären Arbeit teilnimmt und diese Teilnahme sogar zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist, darf die Partei sich bei ihren Anstrengungen zur Durchführung dieser Aufgabe keine Ruhe gönnen.


15.

Diese grundlegende organisatorische Aufgabe verpflichtet die führenden Parteiorgane zur fortdauernden, sich nie erschöpfenden, direkten Leitung und systematischen Beeinflussung der Parteiarbeit. Das erfordert die mannigfachsten Bemühungen jener Genossen, die in der Leitung der Organisationen der Partei tätig sind. Die kommunistische Arbeitsleitung hat eben nicht nur darüber zu wachen, dass die Genossen und Genossinnen überhaupt beschäftigt sind, sie muss ihnen helfen, sie hat ihre Arbeit planmäßig und sachverständig zu leiten mit genauer Orientierung über die besonderen Arbeitsbedingungen und mit dem Streben, auch in der eigenen Tätigkeit begangene Fehler herauszufinden, auf Grund gewonnener Erfahrungen die Arbeitsmethoden immer zu verbessern und dabei nie das Ziel des Kampfes aus den Augen zu lassen.


16.

Unsere gesamte Parteiarbeit ist praktischer oder theoretischer Kampf oder Vorbereitung dieses Kampfes. Die Spezialisierung dieser Arbeit ist bisher meist sehr mangelhaft gewesen. Es gibt da ganze wichtige Arbeitsgebiete, auf denen von der Partei überhaupt nur zufällig etwas getan worden ist, so z. B. von den legalen Parteien in dem speziellen Kampf gegen die politische Polizei. Die Instruierung der Parteigenossen geschieht in der Regel nur zufällig und nebenbei, dabei aber so oberflächlich, dass der größte Teil der wichtigsten prinzipiellen Beschlüsse der eigenen Partei, ja sogar das Parteiprogramm wie die Resolutionen der Kommunistischen Internationale großen Schichten der Parteimitglieder unbekannt bleiben. Die Instruktionsarbeit muss durch das ganze System der Parteiorganisationen, in allen Arbeitsgemeinschaften der Partei systematisch geordnet und unaufhörlich betrieben werden, um dadurch auch einen immer höheren Grad von Spezialisierung zu erreichen.


17.

Zur Arbeitspflicht in der kommunistischen Organisation gehört notwendigerweise auch die Pflicht der Berichterstattung. Diese obliegt sowohl allen Organisationen und Organen der Partei sowie jedem einzelnen Parteimitglied. Die allgemeine Berichterstattung muss regelmäßig für kürzere Perioden erfolgen. Dabei ist über die Erfüllung spezieller Parteiaufträge besonders zu berichten. Es ist wichtig, die Berichterstattungspflicht so systematisch durchzuführen, dass sie sich als beste Tradition in der kommunistischen Bewegung einwurzelt.


18.

Die Partei erstattet ihre regelmäßigen Vierteljahresberichte an die Leitung der Kommunistischen Internationale. Jede Teilorganisation in der Partei hat ihre Berichte an das nächste führende Komitee zu erstatten (z. B. Monatsberichte der örtlichen Organisationen an das betreffende Parteikomitee).
Jede Zelle, Fraktion und Arbeitsgruppe soll an dasjenige Parteiorgan berichten, unter dessen tatsächlicher Leitung sie steht. Das einzelne Mitglied soll (z. B. wöchentlich) an die Zelle oder Arbeitsgruppe (beziehungsweise den Obmann), der es angehört, berichten, und über die Erfüllung spezieller Aufträge an das Parteiorgan, von welchem es den Auftrag erhalten hat.
Die Berichterstattung soll stets bei erster Gelegenheit erfolgen. Sie erfolgt mündlich, soweit die Partei oder der Auftraggeber nicht schriftlichen Bericht verlangt hat. Die Berichte sollen knapp gehalten und sachlich sein. Der Berichtempfänger ist dafür verantwortlich, dass solche Mitteilungen, die nicht ohne Schaden veröffentlicht werden können, gut aufbewahrt werden, sowie auch dafür, dass wichtige Berichte ohne Verzögern weiter an das betreffende führende Parteiorgan mitgeteilt werden.


19.

Alle diese Parteiberichte sollen sich natürlich nicht nur auf das beschränken, was der Berichterstatter getan hat. Sie müssen auch Mitteilungen über solche während der Tätigkeit beobachteten Umstände enthalten, die für unseren Kampf bedeutungsvoll sind, besonders über Feststellungen, die zu einer Änderung oder Verbesserung unserer zukünftigen Tätigkeit Anlass geben können. Auch Vorschläge zu Verbesserungen, deren Notwendigkeit während der Tätigkeit empfunden wurde, müssen dabei vorgebracht werden.
In allen kommunistischen Zellen, Fraktionen und Arbeitsgruppen sollen in der Regel die an sie erstatteten wie auch die von ihnen zu erstattenden Berichte besprochen werden. Die Besprechungen müssen sich als Gewohnheit einbürgern.
In den Zellen und Arbeitsgruppen muss auch dafür gesorgt werden, dass einzelne Parteimitglieder oder Mitgliedergruppen regelmäßig den speziellen Auftrag der Beobachtung und der Berichterstattung über feindliche Organisationen haben, besonders über kleinbürgerliche Arbeiterorganisationen, vor allem über die Organisationen der „sozialistischen“ Parteien.


IV.

Über die Propaganda und Agitation.


20.

Unsere allgemeinste Aufgabe in der Zeit vor der offenen revolutionären Erhebung ist die revolutionäre Propaganda und Agitation. Diese Tätigkeit und ihre Organisierung wird oft noch zum großen Teil nach der alten formalen Manier betrieben, durch zufälliges Auftreten von außerhalb, auf Massenversammlungen und ohne besondere Sorge um den konkreten revolutionären Inhalt in den Reden und Schriften.
Die kommunistische Propaganda und Agitation muss sich vor allem in der intimsten Mitte der Proletarier einwurzeln. Aus dem konkreten Leben der Arbeiter, aus ihren gemeinsamen Interessen und Bestrebungen und besonders aus ihren gemeinsamen Kämpfen muss sie emporwachsen.
Der revolutionierende Inhalt ist das Wichtigste in der Propaganda der Kommunisten. Nach diesem Gesichtspunkt bedürfen die Losungen und Stellungnahmen zu den konkreten Fragen in den verschiedenen Situationen immer einer aufmerksamen Erwägung. Zum Zweck der richtigen Stellungnahme müssen nicht nur die beruflichen Propagandisten und Agitatoren, sondern auch alle anderen Parteimitglieder fortgesetzt und ausführlich instruiert werden.


21.

Die Hauptformen der kommunistischen Propaganda und Agitation sind: mündliche, persönliche Überredung, Teilnahme an den Kämpfen der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung. Wirkung durch Parteipresse und Parteiliteratur. An all dieser Tätigkeit soll jedes Mitglied sowohl einer illegalen wie auch legalen Partei auf die eine oder andere Weise regelmäßig teilnehmen.
Die mündliche, persönliche Propaganda muss in erster Linie als eine systematisch organisierte Hausagitation durch die dafür eingerichteten Arbeitsgruppen betrieben werden. Kein Haus in dem Einflussbereich der örtlichen Parteiorganisation darf außerhalb dieser Agitation bleiben. In größeren Städten kann auch eine besonders organisierte Straßenagitation, von Plakaten und Flugzetteln unterstützt, guten Erfolg bringen. Außerdem muss auf den Arbeitsplätzen durch die Zellen oder Fraktionen eine regelmäßige persönliche Agitation, verbunden mit Schriftenvertrieb, organisiert werden.
In Ländern, deren Bevölkerung nationale Minderheiten enthält, ist es Pflicht der Partei, der Agitation und Propaganda in den proletarischen Schichten dieser Minderheiten die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Agitation und Propaganda ist selbstverständlich in der Sprache der betreffenden nationalen Minderheiten zu führen; zu diesem Zwecke müssen geeignete Parteiorgane geschaffen werden.


22.

Bei der kommunistischen Propaganda in solchen kapitalistischen Ländern, wo die große Mehrheit des Proletariats noch keine bewusste revolutionäre Neigung besitzt, müssen unablässig verbesserte Arbeitsweisen gesucht werden, um ständig dem Verständnis des noch nicht revolutionären Arbeiters bei seiner beginnenden Revolutionierung entgegenzukommen und ihm den Eingang in die revolutionäre Bewegung zu öffnen. Die kommunistische Propaganda mit ihren Losungen soll in den verschiedenen Situationen die keimenden, unbewussten, unvollständigen, schwankenden und halbbürgerlichen Revolutionierungstendenzen in seinem Gehirn in dem inneren Ringen gegen die bürgerlichen Traditionen und Werbungen unterstützen.
Dabei darf sich die kommunistische Propaganda nicht bei den heutigen beschränkten, unklaren Forderungen oder Hoffnungen der proletarischen Massen bescheiden. Die revolutionären Keime dieser Forderungen und Hoffnungen bilden nur den notwendigen Ausgangspunkt für unsere Beeinflussung, weil die Proletarier nur durch diese Anknüpfungen dem Kommunismus verständnisvoll näher gebracht werden können.


23.

Die kommunistische Agitation unter den proletarischen Massen muss so betrieben werden, dass unsere kommunistische Organisation von den kämpfenden Proletariern als der mutige, einsichtsvolle, energische und bis zum Ende treue Führer ihrer eigenen gemeinsamen Bewegung erkannt wird.
Um dies zu erreichen, müssen die Kommunisten an allen elementaren Kämpfen und Bewegungen der Arbeiterklasse teilnehmen und die Sache der Arbeiter führen in allen Konflikten zwischen ihnen und den Kapitalisten über Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen usw. Die Kommunisten müssen sich dabei mit den konkreten Fragen des Arbeiterlebens intensiv beschäftigen, sie müssen den Arbeitern helfen, diese Fragen zu entwirren, ihre Aufmerksamkeit auf die wichtigsten Missbräuche lenken, ihre Forderungen an die Kapitalisten genau und praktisch formulieren helfen, in den Arbeitern das Solidaritätsbewusstsein zu entwickeln trachten, das Bewusstsein ihrer gemeinsamen Interessen und der gemeinsamen Sache aller Arbeiter des Landes wecken als einer einheitlichen Arbeiterklasse, die einen Teil der Weltarmee des Proletariats bildet.
Nur durch diese tägliche, unbedingt notwendige Kleinarbeit, durch ständige aufopfernde Teilnahme an allen Kämpfen des Proletariats kann sich die „Kommunistische Partei“ zur kommunistischen Partei entwickeln. Nur dadurch wird sie sich von den überlebten sozialistischen reinen Propaganda- und Werbeparteien unterscheiden, deren Aktivität sich im Sammeln von Mitgliedern, im Reden über Reformen und im Ausnutzen der parlamentarischen Unmöglichkeiten erschöpft. Die zielbewusste und aufopfernde Beteiligung der ganzen Masse der Parteimitglieder an der Schule der täglichen Kämpfe und Auseinandersetzungen der Ausgebeuteten mit den Ausbeutern ist die unerlässliche Voraussetzung nicht nur für die Eroberung, sondern in noch höherem Maße für die Durchführung der Diktatur des Proletariats. Nur die Führung der Arbeitermassen im ständigen Kleinkrieg gegen die Übergriffe des Kapitals befähigt die kommunistischen Parteien, zu solchen Avantgarden der Arbeiterklasse zu werden, die tatsächlich die Führung des Proletariats systematisch erlernen und die Fähigkeit zur bewusst vorbereiteten Ausschaltung der Bourgeoisie erwerben.


24.

Besonders bei Streiks und Aussperrungen und anderen Massenentlassungen der Arbeiter müssen die Kommunisten zahlreich mobilisiert werden, um an der Bewegung der Arbeiter teilzunehmen.
Es ist der größte Fehler, wenn sich die Kommunisten, unter der Berufung auf das kommunistische Programm und den bewaffneten revolutionären Endkampf, bei den heutigen Kämpfen der Arbeiter um kleine Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen passiv und gering achtend oder gar widerstrebend verhalten. Wie klein und bescheiden auch die Forderungen sind, für welche die Arbeiter schon heute bereit zum Kampf gegen die Kapitalisten sind, niemals darf das für Kommunisten ein Grund sein, sich dem Kampfe fernzuhalten. Unsere agitatorische Tätigkeit soll zwar nicht etwa dafür Zeugnis sein, dass wir Kommunisten blinde Aufwiegler zu dummen Streiks und sonstigen unbesonnenen Aktionen sind, aber unter den kämpfenden Arbeitern sollen sich die Kommunisten überall den Ruhm der tüchtigsten Kampfgenossen verdienen.


25.

In der Praxis der gewerkschaftlichen Bewegung stehen die kommunistischen Zellen und Fraktionen oft ziemlich ratlos vor den einfachsten Fragen der Tagesordnung. Es ist leicht, aber fruchtlos, immer nur die allgemeinen Prinzipien des Kommunismus zu predigen, um dann vor den konkreten Fragen in die negative Haltung des vulgären Syndikalismus zu verfallen. Dadurch wird nur das Spiel der Amsterdamer gelben Führung erleichtert.
Stattdessen sollen die Kommunisten ihre revolutionäre Stellungnahme nach dem sachlichen Inhalt jeder vorkommenden Frage erwägen. Zum Beispiel statt sich mit dem theoretisch-prinzipiellen Widerstand gegen alle Tarifverträge zu begnügen, sollen sie vor allem direkt um den sachlichen Inhalt der von den Amsterdamer Führern empfohlenen Tarife kämpfen. Und zwar ist jede Fesselung der Kampfbereitschaft des Proletariats zu verurteilen und entschieden zu bekämpfen, und es ist bekanntlich das Ziel der Kapitalisten und ihrer Amsterdamer Helfershelfer, durch jeden Tarifvertrag den kämpfenden Arbeitern die Hände zu binden, deshalb ist es selbstverständlich die Pflicht der Kommunisten, dieses Ziel vor den Arbeitern zu enthüllen. Diese Enthüllung können die Kommunisten aber in der Regel dadurch am besten zustande bringen, dass sie eine solche Gestaltung des Tarifs beantragen, die keine Fessel für die Arbeiter bildet.
Die gleiche Stellungnahme ist z. B. gegenüber den Hilfskassen und den Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften zweckmäßig. Die Sammlung von Kampfmitteln und die Gewährung von Streikunterstützung aus den gemeinsamen Kassen ist an sich gut. Ein prinzipieller Widerstand gegen diese Tätigkeit ist nicht am Platze. Nur solche Sammlung und solcher Gebrauch von diesen Mitteln, wie es die Amsterdamer Führer wollen, steht im Widerspruch zu den revolutionären Klasseninteressen der Arbeiter. Den gewerkschaftlichen Krankenkassen und dergleichen gegenüber ist es am Platze, dass die Kommunisten z. B. die Aufhebung der besonderen Beitragsverpflichtung fordern, auch die Aufhebung aller fesselnden Bedingungen bei den freiwilligen Kassen. Wenn aber ein Teil der Mitglieder sich immer noch mit seinen Beiträgen die Krankenunterstützung sichern will, werden sie es nicht verstehen, wenn wir ihnen dies ohne weiteres verbieten wollten. Es ist notwendig, diese Mitglieder zunächst durch eine intensive persönliche Propaganda von ihren kleinbürgerlichen Bestrebungen zu befreien.


26.

Im Kampfe gegen die sozialdemokratischen und anderen kleinbürgerlichen Führer der Gewerkschaften wie auch der verschiedenen Arbeiterparteien kann man durch keine Überredungen bei ihnen auf etwas hoffen. Gegen sie muss man den Kampf mit aller Energie organisieren. Man bekämpft sie aber sicher und erfolgreich nur in der Weise, dass man die Anhänger von ihnen trennt, indem man die Arbeiter von dem Schiebkarrendienst ihrer sozialverräterischen Führer für den Kapitalismus überzeugt. Man soll diese Führer also womöglich zuerst in solche Situationen bringen, in denen sie gezwungen sind, sich zu entlarven, um sie dann nach solcher Vorbereitung auf die schärfste Weise anzugreifen.
Es genügt durchaus nicht, die Amsterdamer Führer lediglich als „gelb“ zu beschimpfen. Ihr Charakter als „Gelbe“ muss vielmehr fortgesetzt an praktischen Beispielen nachgewiesen werden. Ihre Tätigkeit in den Arbeitsgemeinschaften, im internationalen Arbeitsamt des Völkerbundes, in den bürgerlichen Ministerien und Verwaltungen, die verräterischen Worte aus ihren Reden auf Konferenzen und in Parlamenten, die entscheidenden Sätze ihrer vielen Beschwichtigungsschreibereien in Hunderten von Zeitungen und insbesondere ihr schwankendes und zögerndes Verhalten bei der Vorbereitung und Durchführung selbst der kleinsten Lohnbewegungen und Arbeitskämpfe bieten täglich Gelegenheit, durch einfach formulierte Anträge, Resolutionen und klare Reden das unzuverlässige und verräterische Treiben der Amsterdamer Führer als „gelb“ zu enthüllen und zu kennzeichnen.
Die Zellen und Fraktionen müssen die praktischen Vorstöße systematisch führen. Auch die Ausreden der unteren Gewerkschaftsbürokratie, die in ihrer Schwäche – oft sogar trotz guten Willens – sich hinter Statuten, Verbandstagsbeschlüsse und Anweisungen ihrer Hauptvorstände verschanzt, dürfen die Kommunisten nicht hindern, mit Zähigkeit vorzugehen und von der unteren Bürokratie immer wieder klare Antworten darauf zu verlangen, was sie zur Beseitigung dieser angeblichen Hindernisse unternommen hat und ob sie bereit ist, zusammen mit den Mitgliedern offen gegen diese Hindernisse und für deren Überwindung zu kämpfen.


27.

Die Teilnahme der Kommunisten an den Versammlungen und Konferenzen der gewerkschaftlichen Organisationen müssen die Fraktionen und Arbeitsgruppen im Voraus mit Sorgfalt vorbereiten, z. B. eigene Anträge ausarbeiten, Referenten und Verteidiger auswählen, fähige, erfahrene und energische Genossen als Kandidaten aufstellen usw.
Ebenso müssen die kommunistischen Organisationen durch ihre Arbeitsgruppen sich sorgfältig auf alle von den feindlichen Parteien arrangierten allgemeinen Arbeiterversammlungen, Wahlversammlungen, Demonstrationen, politischen Arbeiterfeste und dergleichen vorbereiten. Wo die Kommunisten selbst allgemeine Arbeiterversammlungen einberufen, müssen möglichst zahlreiche kommunistische Arbeitsgruppen sowohl im Voraus wie bei den Versammlungen nach einem einheitlichen Plan zusammenwirken, um die organisatorische Auswertung zu sichern.


28.

Die Kommunisten müssen es auch immer besser verstehen lernen, unorganisierte, unbewusste Arbeiter dauernd in den Einflussbereich der Partei zu ziehen. Durch unsere Zellen und Fraktionen sollen wir diese Arbeiter veranlassen, den Gewerkschaften beizutreten und unsere Parteizeitung zu lesen. Als Vermittler unseres Einflusses können auch andere Arbeitervereine (Konsumvereine, Organisationen der Kriegsopfer, Bildungsvereine und Studienkreise, Sportvereine, Theatervereine usw.) benutzt werden. Wo die kommunistische Partei illegal arbeiten muss, können solche Arbeitervereine mit der Zustimmung und Kontrolle der führenden Parteiorgane auch außerhalb der Partei durch die Initiative der Parteimitglieder gegründet werden. (Vereine der Sympathisierenden.) Auch die kommunistischen Jugend- und Frauenorganisationen können durch ihre Kurse, Leseabende, Exkursionen, Feste, Sonntagsausflüge usw. in vielen politisch indifferent gebliebenen Proletariern zuerst das Interesse für ein gemeinsames Organisationsleben erwecken, um sie dann dauernd an die Organisationen heranzuziehen und sie auf diese Weise auch zu nützlicher Hilfsarbeit für unsere Partei zu veranlassen (durch Flugschriftenverteilung, Verbreitung von Parteizeitungen, Broschüren usw.). Durch die tätige Teilnahme an der gemeinsamen Bewegung werden sie am leichtesten befreit von ihren kleinbürgerlichen Neigungen.


29.

Um halbproletarische Schichten des arbeitenden Volkes als Sympathisierende des revolutionären Proletariats zu gewinnen, müssen die Kommunisten ihre besonderen Interessengegensätze zu den Großgrundbesitzern, Kapitalisten und zum kapitalistischen Staat ausnützen und die Zwischenschichten durch fortgesetzte Überredung von ihrem Argwohn gegen die proletarische Revolution befreien. Das kann oft einen längeren Verkehr mit ihnen fordern. Verständnisvolles Interesse für ihre Lebensbedürfnisse unentgeltliche Auskunft und Hilfeleistung bei kleinen, von ihnen zu überwindenden Schwierigkeiten, in denen sie selbst keinen Bescheid wissen, Heranziehung zu besonderen, ihrer Aufklärung dienenden, unentgeltlichen Veranstaltungen usw. wird ihr Vertrauen zur kommunistischen Bewegung fördern. Dabei ist notwendig, vorsichtig und unermüdlich denjenigen feindlichen Organisationen und Personen entgegenzuwirken, die Autorität im Orte besitzen oder Einfluss auf die arbeitenden Kleinbauern, Hausindustriellen und sonstigen halbproletarischen Existenzen haben. Die nächsten Feinde, die die Ausgebeuteten aus eigener Erfahrung als Unterdrücker kennen, müssen als Vertreter und Personifikationen des gesamten kapitalistischen Verbrechertums enthüllt werden. Alle Tagesereignisse, wo die staatliche Bürokratie in Konflikt mit den Idealen der kleinbürgerlichen Demokratie und des „Rechtsstaats“ kommt, müssen in der kommunistischen Propaganda und Agitation intensiv und gemeinverständlich ausgenützt werden.
Jede örtliche Organisation auf dem Lande muss unter ihre Mitglieder die Aufgabe der Hausagitation genau verteilen und diese Agitation auf sämtliche Dörfer, alle Gutshöfe und einzelne Häuser ihres Tätigkeitsgebietes ausdehnen.


30.

Für die Propaganda in der Armee und Flotte des kapitalistischen Staates sind die am besten geeigneten Methoden in jedem einzelnen Lande besonders zu untersuchen. Antimilitaristische Agitation in pazifistischem Sinne ist sehr verderblich, sie fördert nur die Bestrebungen der Bourgeoisie, das Proletariat zu entwaffnen. Das Proletariat verwirft prinzipiell und bekämpft auf das energischste alle militaristischen Einrichtungen des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Klasse überhaupt. Andererseits nützt es diese Einrichtungen (Armee, Schützengesellschaften, Einwohnerwehren usw.) aus, um die militärische Übung der Arbeiter für revolutionäre Kämpfe zu erzielen. Also, nicht gegen militärische Schulung der Jugend und der Arbeiter, sondern gegen die militaristische Ordnung und gegen die Selbstherrschaft der Offiziere muss die intensive Agitation gerichtet werden. Jede Möglichkeit des Proletariats, Waffen in die Hände zu bekommen, ist aufs Energischste auszunützen.
Der Klassengegensatz, der sich in der materiellen Bevorzugung der Offiziere und in der schlechten Behandlung der Mannschaften zeigt, muss den letzteren bewusst gemacht werden. Außerdem muss in der Agitation den Mannschaften klar gemacht werden, wie ihre ganze Zukunft mit dem Schicksal der ausgebeuteten Klasse engstens verbunden ist. In der fortgeschrittenen Periode der beginnenden revolutionären Gärung kann sich die Agitation für die demokratische Wahl aller Befehlshaber durch die Soldaten und Matrosen und für die Gründung der Soldatenräte sehr wirksam zeigen, um die Stützen der kapitalistischen Klassenherrschaft zu untergraben.
Die größte Aufmerksamkeit und Schärfe ist stets erforderlich in der Agitation gegen die speziellen Klassenkriegstruppen der Bourgeoisie, besonders gegen ihre freiwilligen bewaffneten Banden. Wo es ihre soziale Zusammensetzung und ihr korruptes Getriebe ermöglicht, muss zur geeigneten Zeit die soziale Zersetzung systematisch in ihre Reihen getragen werden. Wo sie einen einheitlichen bürgerlichen Klassencharakter haben, wie z. B. in den reinen Offizierstruppen, sind sie vor der gesamten Bevölkerung derart bloßzustellen, verächtlich und verhasst zu machen, dass sie durch ihre so herbeizuführende Isoliertheit innerlich zermürbt werden.


V.

Über die Organisation politischer Kämpfe.


31.

Für eine kommunistische Partei gibt es keine Zeit, in der die Parteiorganisation nicht politisch aktiv sein könnte. Die organisatorische Ausnutzung jeder politischen und ökonomischen Situation und jeder ihrer Änderungen muss zu einer organisatorischen Strategie und Taktik entwickelt werden.
Ist die Partei noch schwach, so kann sie doch immer schon politisch aufregende Ereignisse oder große, das ganze Wirtschaftsleben erschütternde Streiks ausnützen, indem sie, systematisch und planmäßig organisierend, eine radikale Propagandaaktion durchführt. Hat sich eine Partei in einer entsprechenden Situation dazu entschlossen, so muss sie mit aller Energie alle Glieder und Teile der Parteibewegung auf diese Kampagne einstellen.
Zunächst sind alle die Verbindungen, die sich die Partei durch die Arbeit ihrer Zellen und Arbeitsgruppen verschafft hat, auszunützen, um in den Hauptorten der politischen Organisierung oder der Streikbewegung Versammlungen zu organisieren, in denen die Redner der Partei die kommunistischen Losungen den Versammelten als Ausweg aus ihrer schwierigen Kampfsituation klar zu machen haben. Besondere Arbeitsgruppen müssen diese Versammlungen bis ins Kleinste gut vorbereiten. Sind eigene Versammlungen nicht zu ermöglichen, so sollen geeignete Genossen in den allgemeinen Versammlungen der streikenden oder sonst irgendwie kämpfenden Proletarier als Hauptdiskussionsredner auftreten.
Wenn Aussicht besteht, die Mehrheit oder einen großen Teil der Versammlung für unsere Losungen zu gewinnen, so müssen diese Losungen durch gut formulierte und geschickt begründete Anträge und Resolutionen zum Ausdruck zu bringen versucht werden. Sind solche Beschlüsse zustande gebracht, so muss in allen Versammlungen, die sich am gleichen Orte oder in andern Gegenden mit derselben aktuellen Bewegung befassen, dahin gearbeitet werden, dass gleich lautende oder ähnliche Beschlüsse und Resolutionen immer zahlreicher angenommen werden oder wenigstens starke Minderheiten finden. Dadurch werden wir die von uns zunächst nur geistig beeinflussten in Bewegung befindlichen Proletarierschichten zusammenfassen und sie die neue Führung erkennen lassen.
Nach allen solchen Versammlungen sollen die an ihrer organisatorischen Vorbereitung und Ausnutzung beteiligten Arbeitsgruppen zusammenkommen, um in einer kurzen Besprechung nicht nur den Bericht für das leitende Parteikomitee herzustellen, sondern auch, um aus den gemachten Erfahrungen oder etwaigen Fehlern sofort die notwendigen Lehren für die weitere Tätigkeit zu ziehen.
Je nach der Situation müssen auch durch Plakate und kleine Handzettel die praktischen Losungen den interessierten Arbeiterschichten zugänglich gemacht werden, oder es müssen ausführliche Flugblätter den Kämpfenden in die Hand gegeben werden, die ihnen in Verbindung mit der Situation und mit Hilfe der Tageslosungen den Kommunismus verständlich machen. Die geschickte Plakatverbreitung erfordert besonders organisierte Gruppen, die die geeigneten Klebestellen zu ermitteln und auch die Zeiten für die wirkungsvolle Anheftung der Plakate auszuwählen haben. Die Handzettelverbreitung in und vor den Betrieben, in den Verkehrslokalen der in Bewegung stehenden Arbeiterschichten, an Verkehrsknotenpunkten, Arbeitsnachweisen, Bahnhöfen soll, soweit das möglich ist, mit einer schlagwortartigen Diskussion verbunden werden, die geeignet ist, sich in den bewegten Arbeitermassen fortzupflanzen. Ausführliche Flugblätter sind möglichst nur in geschlossenen Räumen, Betrieben, Sälen, Wohnungen, oder wo sonst ein aufmerksames Entgegenkommen zu erwarten ist, zu verbreiten.
Diese gesteigerte Propaganda muss durch eine parallel laufende Tätigkeit in allen von der Bewegung erfassten Gewerkschafts- und Betriebsversammlungen, die unsere Genossen nötigenfalls fordern oder selbst organisieren und dann mit geeigneten Referenten oder Diskussionsrednern besetzen müssen, unterstützt werden. Die Zeitungen unserer Partei müssen für solche besondere Bewegung ständig den größten Teil ihres Raumes und ihre besten Argumente zur Verfügung stellen, wie überhaupt der gesamte Organisationsapparat für die betreffenden Zeitspannen ganz in den Dienst der Generalidee dieser Bewegung gestellt werden muss, wobei es kein Erlahmen geben darf.


32.

Demonstrationsaktionen fordern eine sehr bewegliche und aufopfernde Führung, die das Ziel dieser Aktion fest im Auge haben muss und jeden Augenblick in der Lage ist, die Übersicht zu gewinnen, oh die Demonstration an der höchsten Grenze ihrer Wirksamkeit angelangt ist, oder ob in der gegebenen Situation eine weitere Steigerung durch Erweiterung der Bewegung zur Massenaktion in Form von Demonstrationsstreiks und schließlich Massenstreiks möglich ist. Die Friedensdemonstrationen während des Krieges haben uns gelehrt, dass es auch nach dem Niederwerfen solcher Demonstrationen, wenn es sich um ein großes, aktuelles Ziel handelt, das in den Massen naturnotwendig immer breiteres Interesse hervorrufen muss, für eine wirklich proletarische Kampfpartei, auch wenn sie illegal und nur klein ist, kein Ablenken oder Abstoppen geben darf.
Straßendemonstrationen stützen sich am besten auf die größeren Betriebe. Nachdem durch planmäßige Vorbereitungsarbeiten unserer Zellen und Fraktionen mittels mündlicher und Flugzettelpropaganda die Stimmung in einer geeigneten Situation zu einer gewissen Einheitlichkeit gebracht worden ist, müssen die Betriebsvertrauensleute unserer Partei, die Leiter der Zellen und Fraktionen, von dem leitenden Komitee zu einer Vorbesprechung zusammengezogen werden, um für den kommenden Tag die Maßnahmen für den geschickten Aufmarsch und das pünktliche Zusammentreffen zu besprechen und den Charakter der Tageslosungen die Aussichten der Steigerung und den Augenblick des Abbruches und der Auflösung der Demonstrationen festzulegen. Ein gut instruierter und organisatorisch erfahrener Stamm eifriger Funktionäre muss vom Abmarsch von den Betrieben an bis zur Auflösung der Massenbewegung das Rückgrat der Demonstration bilden. Damit diese Funktionäre untereinander lebendige Fühlung behalten, und stets mit den laufend erforderlichen politischen Direktiven versehen werden können, müssen verantwortliche Parteiarbeiter unter der demonstrierenden Menge systematisch eingereiht teilnehmen. Diese bewegliche, politisch-organisatorische Führung der Demonstration schafft die besten Voraussetzungen für die Erneuerung und eventuelle Steigerung zu größeren Massenaktionen.


33.

Kommunistische Parteien, die bereits eine gewisse innere Festigkeit, einen erprobten Funktionärsstamm und einen nennenswerten Anhang in den Massen erreicht haben, sollen alles daransetzen, um durch größere Kampagnen den Einfluss der sozialverräterischen Führer auf die Arbeiterschaft vollends zu überwinden und die Mehrheit der Arbeitermassen unter die kommunistische Führung zu bringen. Je nach der Situation, ob aktuelle Kämpfe ihr ermöglichen, sich als proletarische Führung zu bewegen und an die Spitze zu stellen, oder ob eine vorläufige Stagnation herrscht, müssen die Kampagnen verschieden organisiert werden. Auch die Zusammensetzung der Partei wird mit entscheidend sein für die organisatorischen Methoden der Aktionen. So wurde, um noch mehr als es in den einzelnen Bezirken schon möglich war, die sozial entscheidenden Schichten des Proletariats für die VKPD, als junge Massenpartei zu gewinnen, zu dem Mittel des so genannten „Offenen Briefes“ gegriffen. Um die sozialverräterischen Führer zu entlarven, trat die Kommunistische Partei in einer Zeit der wachsenden Verelendung und der Verschärfung der Klassengegensätze an die andern Massenorganisationen des Proletariats heran, um von ihnen offen vor dem Proletariat darüber Antwort zu verlangen, ob sie bereit wären, gegen die offensichtliche Verelendung des Proletariats für die minimalsten Forderungen, für ein kümmerliches Stück Brot, mit ihren angeblich machtvollen Organisationen den Kampf gemeinsam mit der Kommunistischen Partei aufzunehmen.
Wo die Kommunistische Partei eine ähnliche Kampagne einleitet, muss sie alle organisatorischen Vorbereitungen treffen, um in den breitesten Arbeitermassen einen Widerhall für ihr Auftreten hervorrufen zu können. Alle Betriebsfraktionen und Gewerkschaftsfunktionäre der Partei müssen in ihren nächsten Betriebs- und Gewerkschaftsversammlungen, sowie in allen öffentlichen Versammlungen, nach der gründlichen Vorbereitung dieser Versammlungen, die Forderungen der Partei als Gesamtheit der lebensnotwendigsten Forderungen des Proletariats wirksam dargestellt zur Sprache bringen. Flugblätter, Handzettel und Plakate müssen überall da, wo unsere Zellen oder Fraktionen einen Vorstoß für die Zustimmung der Massen zu unseren Forderungen einleiten wollen, in geschickter Weise zur Ausnutzung der Stimmung verbreitet werden. Die Presse unserer Partei muss in den Wochen dieser Kampagne täglich die Probleme dieser Bewegung in wechselnder kurzer oder ausführlicher Weise von ständig neuen Gesichtspunkten aus beleuchten. Die Organisationen haben die Presse dafür laufend mit Material zu versorgen und energisch darauf zu achten, dass die Redakteure in der publizistischen Fortführung der Parteikampagne nie erlahmen. Auch die Fraktionen der Partei in Parlamenten und kommunalen Körperschaften müssen planmäßig in den Dienst solcher Kämpfe gestellt werden. Sie haben nach den Direktiven der Parteileitungen die eingeleitete Bewegung durch entsprechende Anträge in den Parlamenten zur Sprache zu bringen. Die Abgeordneten sollen sich als bewusste Glieder der kämpfenden Massen, als ihre Wortführer im Lager des Klassenfeindes, als verantwortliche Funktionäre und Parteiarbeiter fühlen.
Hat die vereinte, organisatorisch zusammengefasste Tätigkeit aller Glieder der Partei in einigen Wochen zu einer größeren, ständig anschwellenden Zahl von Zustimmungsbeschlüssen geführt, so tritt an die Partei die ernste organisatorische Frage heran, die den Losungen zustimmenden Massen organisatorisch zu erfassen. Hat die Bewegung einen vorwiegend gewerkschaftlichen Charakter angenommen, so muss vor allem daran gegangen werden, den organisatorischen Einfluss auf die Gewerkschaften zu steigern, indem unsere Fraktionen zu wohl vorbereiteten, direkten Vorstößen gegen die örtlichen Gewerkschaftsleitungen vorgehen, um sie entweder zu überwinden, oder sie zu zwingen, einen organisierten Kampf auf dem Boden der Forderungen unserer Partei durchzuführen. Wo es Betriebsräte, Fabrikkomitees, oder ähnliche Einrichtungen gibt, müssen durch ein geordnetes Vorgehen unserer Fraktion die Vollversammlungen dieser Betriebsräte oder Fabrikkomitees veranlasst werden, sich ebenfalls für diesen Kampf zu entscheiden. Sind einige lokale Organisationen für eine solche Kampfbewegung um die nackten Lebensinteressen des Proletariats unter kommunistischer Führung gewonnen worden, so müssen sie zu Konferenzen zusammen berufen werden, zu denen auch die Betriebsversammlungen, die sich in gleichem Sinne entschieden haben, ihre besonderen Delegierten entsenden sollen. Die auf diese Weise sich konsolidierende neue Führung unter kommunistischem Einfluss gewinnt durch diese Konzentration der aktiven Gruppen der organisierten Arbeiterschaft neue Stoßkraft, die wiederum ausgenutzt werden muss, um die Führung der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften voranzutreiben oder sie nunmehr auch organisatorisch bloßzustellen.
In den Wirtschaftsgebieten, in denen unsere Partei über ihre besten Organisationen verfügt und wo sie die zahlreichsten Zustimmungen zu ihren Forderungen gefunden hat, muss durch den inzwischen entstandenen organisierten Druck auf die örtlichen Gewerkschaften und Betriebsräte erreicht werden, dass alle in diesem Gebiete ausgebrochenen wirtschaftlichen Einzelkämpfe und auch die in der Entwicklung befindlichen Bewegungen anderer Gruppen zusammengefasst werden zu einer einheitlichen Kampfbewegung, die nunmehr über den Rahmen des einzelnen Berufsinteresses hinaus einige gemeinsame elementare Forderungen erhebt, um sie mit den gemeinsamen Kräften aller Organisationen des Bezirkes durchzusetzen. In einer solchen Bewegung wird sich dann die Kommunistische Partei als die wirkliche Führerin des zum Kampfe bereiten Proletariats bewähren, während die Gewerkschaftsbürokratie und die sozialistischen Parteien, die sich einer solch gemeinsam organisierten Kampfbewegung widersetzen würden, nicht nur ideell politisch, sondern auch organisatorisch praktisch erledigt sein würden.


34.

Unternimmt die Kommunistische Partei den Versuch, die Führung der Massen in die Hände zu bekommen, in einer Zeit der politischen und ökonomischen Zuspitzungen, die zum Ausbruch neuer Bewegungen und Kämpfe drängt, so kann man von der Aufstellung besonderer Forderungen absehen und in volkstümlichen Aufrufen direkt an die Mitglieder der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften den Appell richten, den infolge der Notlage und der fortschreitenden Unterdrückung durch die Unternehmer notwendigen Kämpfen auch entgegen dem Willen ihrer bürokratischen Führer nicht auszuweichen, um nicht dem völligen Verfall entgegen getrieben zu werden. Die Organe der Partei, insbesondere die Tageszeitungen haben in einer solchen Bewegung der Partei Tag für Tag zu betonen und zu beweisen, dass die Kommunisten bereit sind, in die drohenden und ausgebrochenen Kämpfe der verelendenden Proletarier führend einzugreifen, durch ihre Kampfbereitschaft allen Unterdrückten in der jetzigen gespannten Situation, wo immer nur möglich, zu Hilfe kommen wird. Täglich ist zu beweisen, dass ohne diese Kämpfe für die Arbeiterschaft keine Lebensmöglichkeiten mehr geschaffen werden können, und dass trotzdem die alten Organisationen diese Kämpfe meiden und zu verhindern versuchen.
Die Betriebs- und Gewerkschaftsfraktionen müssen unter ständiger Berufung auf die opferwillige Kampfbereitschaft der Kommunisten ihren Kollegen in den Versammlungen klar machen, dass es kein Ausweichen mehr geben kann. Die Hauptsache aber ist in einer solchen Kampagne die organisatorische Zusammenfassung und Vereinheitlichung der aus der Situation geborenen Kämpfe und Bewegungen. Nicht nur haben die Zellen und Fraktionen der in die Kämpfe gezogenen Berufe und Betriebe sich ständig miteinander in einer engen organischen Fühlung zu halten, sondern auch die Leitungen haben sowohl durch die Bezirkskomitees als auch durch die Zentrale für alle die ausbrechenden Bewegungen sofort Funktionäre und verantwortliche Parteiarbeiter zur Verfügung zu stellen, die unmittelbar mit den Kämpfenden zusammen die Bewegungen zu leiten, zu erweitern, zu steigern, zu verallgemeinern und zu verbinden haben. Die Hauptarbeit der Organisation ist es, überall das Gemeinsame dieser verschiedenen Kämpfe scharf herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu stellen, um damit auf eine allgemeine Kampflösung, wenn nötig durch politische Mittel hin zu drängen.
Im Laufe der Steigerung und Verallgemeinerung der Kämpfe wird es notwendig sein, einheitliche Organe der Kampfführung zu schaffen. Bei dem vorzeitigen Versagen der bürokratischen Streikleitungen mancher Gewerkschaften ist rechtzeitig auf deren Neubesetzung durch Kommunisten hin zu drängen, die eine feste, entschlossene Kampfführung sicherstellen müssen. Ist es bereits gelungen, mehrere Kämpfe zu kombinieren, so ist darauf zu drängen, dass gemeinsame Aktionsleitungen eingesetzt werden, in denen sich nach Möglichkeit die Kommunisten die Führung verschaffen sollen. Sowohl auf dem Wege über die Gewerkschaftsfraktion, wie über die Betriebsfraktionen, Betriebsräte, Betriebsrätevollversammlungen und insbesondere durch die allgemeinen Versammlungen der Streikenden kann die gemeinsame Aktionsleitung bei geschickter organisatorischer Vorbereitung oft leicht erreicht werden.
Nimmt die Bewegung infolge der Verallgemeinerung und infolge des Eingreifens von Unternehmerorganisationen und behördlichen Organen einen politischen Charakter an, so muss die Propaganda und die organisatorische Vorbereitung für die vielleicht möglich und notwendig werdende Wahl von Arbeiterräten einsetzen, wobei dann alle Organe der Partei mit größter Intensivität den Gedanken zu vertreten haben, dass nur durch solche aus den Kämpfen der Arbeiter direkt hervorgegangene eigene Organe der Arbeiterklasse ihre wirkliche Befreiung mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit auch ohne die Gewerkschaftsbürokratie und ihre sozialistischen Parteitrabanten durchgesetzt werden kann.


35.

Die bereits gekräftigten kommunistischen Parteien und insbesondere die großen Massenparteien sollen durch organisatorische Maßnahmen auch beständig auf politische Massenaktionen gerüstet sein. In den Demonstrationsaktionen und in den ökonomischen Massenbewegungen, in allen Teilaktionen ist ständig daran zu denken, die organisatorischen Erfahrungen dieser Bewegungen für eine immer festere Verbindung mit den breiteren Massen nachdrücklichst und zäh auszubauen. In breiten Konferenzen der leitenden Funktionäre und der verantwortlichen Parteiarbeiter mit den Betriebsvertrauensleuten der größeren und mittleren Betriebe müssen immer erneut die Erfahrungen aller neuen, großen Bewegungen durchgesprochen und eifrig geprüft werden, um das Netz der Verbindungen durch die Betriebsvertrauensleute immer fester zu machen und immer sicherer zu organisieren. Ein enges Vertrauensverhältnis der leitenden Funktionäre und der verantwortlichen Parteiarbeiter zu den Betriebsvertrauensleuten ist organisatorisch die beste Gewähr dafür, politische Massenaktionen nicht vorzeitig und immer nur in dem Umfange einzuleiten, wie es die Umstände und der jeweilige Einfluss der Partei ermöglichen.
Ohne die engste Verbindung der Parteiorganisation mit den in großen und mittleren Betrieben tätigen Proletariermassen wird die Kommunistische Partei große Massenaktionen und wirklich revolutionäre Bewegungen nicht durchführen können. Wenn in Italien im vorigen Jahre die zweifellos revolutionäre Erhebung, die in der Betriebsbesetzung ihren stärksten Ausdruck fand, vorzeitig zusammenbrach, so eines Teils sicher wegen des Verrats der Gewerkschaftsbürokratie und der Unzulänglichkeit der politischen Parteiführung, aber andern Teils auch deshalb, weil eine intime, organisierte Verbindung zwischen der Partei und den Betrieben durch politisch informierte und am Parteileben interessierte Fabrikvertrauensleute überhaupt nicht bestand. Auch die große englische Bergarbeiterbewegung dieses Jahres hat in ihrer intensiven politischen Auswertung durch diesen Mangel ganz zweifellos außerordentlich gelitten.


VI.

Über die Parteipresse.


36.

Die kommunistische Presse muss von der Partei mit unermüdlicher Energie entwickelt und verbessert werden.
Keine Zeitung darf als kommunistisches Organ anerkannt werden, die sich nicht den Direktiven der Partei unterwirft. Sinngemäß ist dieser Grundsatz anzuwenden auf alle literarischen Produkte, wie Zeitschriften, Bücher, Broschüren usw., unter Berücksichtigung ihrer wissenschaftlichen, propagandistischen oder sonstigen Bestimmung.
Die Partei muss mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, dass sie gute Zeitungen hat, als darauf, dass sie deren viele hat. Jede kommunistische Partei muss vor allem ein gutes, womöglich ein täglich erscheinendes Zentralorgan haben.


37.

Eine kommunistische Zeitung darf niemals ein kapitalistisches Unternehmen werden, wie es die bürgerlichen Zeitungen und oft auch so genannte „sozialistische“ Zeitungen sind. Unsere Zeitung muss sich unabhängig von den kapitalistischen Krediteinrichtungen halten. Die geschickte Organisation der Anzeigensammlung, die die Existenzmöglichkeit unserer Zeitung für legale Massenparteien erheblich begünstigt, darf jedoch nie dazu führen, sich etwa gegenüber großen Inserenten irgendwie in Abhängigkeit zu begeben. Vielmehr wird den Zeitungen unserer Massenparteien ihre unerbittliche Haltung in allen proletarischen, sozialen Fragen am schnellsten das unbedingte Ansehen verschaffen. Unsere Zeitung soll nicht der Befriedigung der Sensationslust oder dem Zeitvertreib des bunten Publikums dienen. Sie darf nicht der Kritik der kleinbürgerlichen Literaten oder der journalistischen Virtuosen nachgeben, um sich salonfähig zu machen.


38.

Die kommunistische Zeitung muss sich vor allem um die Interessen der unterdrückten, kämpfenden Arbeiter kümmern. Sie soll unser bester Propagandist und Agitator, der leitende Propagandist der proletarischen Revolution sein.
Unsere Zeitung hat die Aufgabe, aus aller Tätigkeit der Parteimitglieder die wertvollen Erfahrungen zu sammeln und diese wieder den Parteigenossen als Richtschnur für die fortgesetzte Revidierung und Verbesserung der kommunistischen Arbeitsmethoden aufzuzeigen. Diese Erfahrungen sind auf gemeinsamen Redakteurversammlungen des ganzen Landes auszutauschen, wo gleichzeitig durch gegenseitige Aussprache die größtmöglichste Einheitlichkeit in Ton und Richtung der gesamten Parteipresse erzielt wird. So wird die Parteipresse, wie jede einzelne Zeitung, der beste Organisator unserer revolutionären Arbeit sein.
Ohne diese zusammenfassende, zielbewusste Organisationsarbeit der kommunistischen Zeitungen, besonders der Hauptzeitung, wird die Durchführung des demokratischen Zentralismus, der zweckmäßigen Arbeitsteilung in der Kommunistischen Partei und infolgedessen auch die Erfüllung der geschichtlichen Aufgabe der Partei kaum möglich sein.


39.

Die kommunistische Zeitung muss danach trachten, kommunistisches Unternehmen zu werden, d. h. eine proletarische Kampforganisation, eine Arbeitsgemeinschaft der revolutionären Arbeiter, aller derjenigen, die für die Zeitung regelmäßig schreiben, die sie setzen, drucken, verwalten, verteilen und vertreiben, die für ihren Inhalt örtliches Material sammeln und das Material in den Zellen besprechen und bearbeiten, die zu ihrer Verbreitung täglich tätig sind usw.
Um die Zeitung zu einer solchen wirklichen Kampforganisation und kräftig pulsierenden Arbeitsgemeinschaft der Kommunisten zu machen, sind deshalb eine Reihe praktischer Maßnahmen erforderlich.
Die engste Verbindung gewinnt jeder Kommunist mit seiner Zeitung, wenn er für sie Opfer bringt und für sie arbeitet. Sie ist seine tägliche Waffe, die jeden Tag neu gestählt und geschärft werden muss, um brauchbar zu sein. Nur unter fortgesetzten starken, materiellen und finanziellen Opfern wird sich die kommunistische Zeitung aufrechterhalten lassen. Ständig müssen ihr aus den Reihen der Mitglieder für ihren Ausbau, ihre inneren Verbesserungen Mittel zugeführt werden, bis sie schließlich in legalen Massenparteien zu so großer Verbreitung und organisatorischer Festigung kommt, dass sie selbst eine materielle Stütze der kommunistischen Bewegung zu werden beginnt.
Es genügt nicht, inzwischen der Zeitung ein eifriger Werber und Agitator zu sein, man muss ihr ein ebenso nützlicher Mitarbeiter werden. Aus der Betriebsfraktion oder Zelle ist alles sozial und ökonomisch Bemerkenswerte, vom Arbeitsunfall bis zur Betriebsversammlung, von der Lehrlingsmisshandlung bis zum Geschäftsbericht des Unternehmens unverzüglich auf dem schnellsten Wege der Zeitung zu berichten. Die Gewerkschaftsfraktionen müssen aus den Versammlungen und den Sekretariaten ihrer Verbände alle wichtigen Beschlüsse und Maßnahmen mitteilen, sowie über charakteristische Betätigung unserer Gegner kurz und treffend berichten. Das öffentliche Leben der Versammlungen und der Straße bietet dem aufmerksamen Parteiarbeiter sehr oft Gelegenheit, mit sozialkritischem Sinne Einzelheiten zu beobachten, deren Verwendung in der Zeitung unsere enge Verbindung mit den Nöten des Lebens auch den Indifferenten deutlich machen wird.
Das Redaktionskollegium muss mit großer Wärme und Liebe gerade diese aus dem Arbeiterleben und den Arbeiterorganisationen kommenden Mitteilungen behandeln, um sie entweder als kurze Nachrichten dazu zu verwenden, unserer Zeitung den Charakter einer lebenswahren, kräftig pulsierenden Arbeitsgemeinschaft zu geben, oder es soll diese Mitteilungen verwenden, um an Hand dieser praktischen Beispiele aus dem täglichen Arbeiterdasein die Lehren des Kommunismus verständlich zu machen, was der rascheste Weg ist, die breiten Arbeitermassen den großen Ideen des Kommunismus lebendig nahe zu bringen. Wo nur irgend möglich, soll das Redaktionskollegium in den Sprechzeiten, zu den günstigsten Stunden des Tages jedem Arbeiter, der unsere Zeitung aufsucht, zur Verfügung stehen, um von ihm seine Wünsche und Beschwerden über die Kümmernisse des Daseins entgegenzunehmen, sie fleißig notieren und zur Belebung der Zeitung verwenden.
Unter kapitalistischen Verhältnissen kann freilich keine unserer Zeitungen eine vollkommene kommunistische Arbeitsgemeinschaft werden. Es kann aber auch unter sehr schwierigen Verhältnissen ermöglicht werden, eine revolutionäre Arbeiterzeitung nach diesem Gesichtspunkt mit Erfolg zu organisieren. Durch das Beispiel der „Prawda“ unserer russischen Genossen in den Jahren 1912–13 ist das bewiesen. Sie bildete tatsächlich eine ständige, tätige Organisation der bewussten, revolutionären Arbeiter in den wichtigsten Zentren des russischen Reiches. Diese Genossen haben die Zeitung gemeinschaftlich redigiert, herausgegeben und verbreitet – die meisten natürlich neben ihrer Lohnarbeit und aus dem Arbeitslohn das nötige Geld für Kosten sparend. Die Zeitung ihrerseits konnte ihnen das Beste geben, was sie wünschten, was sie damals in der Bewegung brauchten und was ihnen heute noch in Arbeit und Kampf von Nutzen ist. Eine solche Zeitung konnte wirklich den Parteimitgliedern wie auch vielen anderen revolutionären Arbeitern „unsere Zeitung“ werden.


40.

Das eigentliche Element der kommunistischen Kampfpresse ist direkte Teilnahme an den von der Partei geführten Kampagnen. Ist in einer Zeitperiode die Tätigkeit der Partei auf eine bestimmte Kampagne konzentriert, so muss sich die Parteizeitung in allen ihren Rubriken, nicht nur in politischen Leitartikeln in den Dienst dieser Kampagne stellen. Die Redaktion muss aus allen Gebieten Material zur Nährung der Kampagne heranziehen und mit ihm die ganze Zeitung in geeigneter Bearbeitung und Form durchsetzen.


41.

Die Werbetätigkeit für unsere Zeitung muss in ein formelles System gebracht werden. Zunächst gilt es, jede Situation, in der die Arbeiter in lebhaftere Bewegung kommen und in der das politische oder soziale Leben durch irgendwelche politische und ökonomische Ereignisse stärker angefacht wird, auszunützen. So soll nach jeder größeren Streikbewegung oder Aussperrung, in der die Zeitung die Interessen der kämpfenden Arbeiter offen und energisch vertreten hat, unmittelbar nach Beendigung des Streiks bei den bisherigen Streikenden eine Werbetätigkeit von Mann zu Mann organisiert werden. Nicht nur die kommunistischen Betriebs- und Gewerkschaftsfraktionen der an der Streikbewegung beteiligten Berufe haben in ihrem Wirkungskreise mit Listen und Bestellscheinen die Zeitungspropaganda zu betreiben, sondern es sind, wenn irgend möglich, durch sie die Listen der Wohnungen der bisher im Kampfe stehenden Arbeiter zu beschaffen, damit die besonderen Arbeitsgruppen für das Zeitungswesen eine energische Hausagitation durchführen können.
Ebenso muss nach jeder politischen Wahlbewegung, durch die das Interesse der Arbeitermassen aufgerüttelt wird, von den dazu bestellten Arbeitsgruppen in den proletarischen Straßenvierteln eine planmäßige Hausagitation von Tür zu Tür durchgeführt werden.
In den Zeiten latenter politischer oder ökonomischer Krisen, deren Wirkungen durch Teuerung, Arbeitslosigkeit und sonstige Elendserscheinungen weiteren Arbeitermassen fühlbar werden, sollen nach geschickter propagandistischer Ausnützung dieser Erscheinungen alle Versuche gemacht werden, um möglichst durch die Gewerkschaftsfraktionen umfangreiche Listen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter der verschiedenen Berufe zu bekommen, damit dann die Arbeitsgruppe für das Zeitungswesen die dauernde planmäßige Hausagitation nutzbringend fortsetzen kann. Für diese ständige Werbearbeit eignet sich erfahrungsgemäß am besten die letzte Woche vor dem Monatsschluss. Jede örtliche Organisation, die diese letzte Woche auch nur in einem einzigen Monat des Jahres ungenützt für die Zeitungsagitation verstreichen lässt, begeht ein schweres Versäumnis in der Ausbreitung der kommunistischen Bewegung. Die Arbeitsgruppe für das Zeitungswesen dürfte auch keine öffentliche Arbeiterversammlung und keine größere Kundgebung vorbeigehen lassen, ohne dort sowohl zu Anfang als auch in den Pausen und am Schlusse mit ihren Bestellscheinen für unsere Zeitung tätig zu sein. Den Gewerkschaftsfraktionen obliegt dieselbe Pflicht in jeder einzelnen Versammlung ihrer Gewerkschaft, wie den Zellen und Betriebsfraktionen in den Betriebsversammlungen.


42.

Unsere Zeitung muss auch ständig von den Parteimitgliedern gegen alle Feinde verteidigt werden.
Gegen die kapitalistische Presse haben alle Parteimitglieder einen erbitterten Kampf zu führen, ihre Käuflichkeit, ihre Lügen, ihr gemeines Schweigen und all ihre Treibereien müssen klar enthüllt und scharf gestempelt werden.
Die sozialdemokratische und unabhängig-sozialistische Presse muss überwunden werden, indem man in ständigem Angriff, ohne sich in kleinliche Fraktionspolemik zu verlieren, ihre die Klassengegensätze verhüllende verräterische Haltung an mehreren Beispielen des täglichen Lebens entlarvt. Die Gewerkschafts- und sonstigen Fraktionen müssen bestrebt sein, durch organisatorische Maßnahmen die Mitglieder der Gewerkschaften und anderer Arbeitervereinigungen dem verwirrenden und lähmenden Einfluss dieser sozialdemokratischen Blätter zu entziehen. Auch die Werbetätigkeit für unsere Zeitung muss sowohl bei der Hausagitation wie insbesondere in den Betrieben sich mit klugem Vorbedacht direkt gegen die Presse der Sozialverräter richten.


VII.

Über die allgemeine Struktur des Parteiorganismus.


43.

Bei der Ausdehnung und Befestigung der Partei darf nicht nach einem formalen geographischen Aufteilungsschema vorgegangen werden, sondern nach der realen wirtschaftlichen, politischen und verkehrstechnischen Struktur der betreffenden Landesteile. Das Schwergewicht ist auf die Hauptstädte und auf die Zentren der großindustriellen Arbeiterschaft zu legen.
Beim Aufbau einer neuen Partei macht sich oft im Anfang das Streben geltend, sofort das Netz der Parteiorganisationen über das ganze Land auszubreiten. Obgleich die zur Verfügung stehenden Kräfte sehr beschränkt sind, werden sie so nach allen Himmelsgegenden zerstreut. Dadurch wird die Werbekraft und das Wachstum der Partei geschwächt. Nach einigen Jahren ist meist zwar schon ein umfangreiches Kanzleisystem zustande gekommen, aber dabei hat die Partei vielleicht nicht einmal in den wichtigsten Industriestädten des Landes festen Fuß gefasst.


44.

Um eine möglichst große Zentralisation der Parteitätigkeit zu erreichen, ist es nicht zweckmäßig, die Parteiführung in eine schematische Hierarchie mit vielen einander vollständig untergeordneten Stufen zu zergliedern. Es ist anzustreben, dass sich möglichst von jeder größeren Stadt, die ein wirtschaftliches, politisches oder verkehrstechnisches Zentrum darstellt, ein Netz organisatorischer Fäden über die weitere Umgegend dieser Stadt und des zu ihr gehörenden wirtschaftlichen oder politischen Bezirkes erstreckt. Das Parteikomitee, das von der größeren Stadt, als dem Haupte dieses Parteikörpers aus die gesamte organisatorische Arbeit des Bezirkes leitet und die politische Führung des Bezirkes darstellt, muss in engster Verbindung mit den arbeitenden Mitgliedermassen des Hauptortes gebracht werden.
Die von der Bezirkskonferenz oder dem Bezirksparteitag zu wählenden und von der Parteizentrale zu bestätigenden angestellten Organisatoren eines solchen Bezirkes müssen verpflichtet sein, an dem Parteileben des Bezirkshauptortes regelmäßig Anteil zu nehmen. Das Parteikomitee des Bezirkes sollte immer durch Parteiarbeiter aus den Mitgliederkreisen des Hauptortes verstärkt werden, so dass eine ganz enge lebendige Fühlung zwischen dem politischen, den Bezirk führenden Parteikomitee und der großen Mitgliedschaft in dem Hauptort des Bezirkes besteht. In der weiteren Entwicklung der Organisationsformen muss dahin gestrebt werden, dass das leitende Parteikomitee des Bezirkes auch gleichzeitig die politische Leitung des Bezirkshauptortes darstellt. Auf diese Weise werden die führenden Parteikomitees der Bezirkskörperschaften, zusammen mit dem Zentralkomitee, die Rolle der wirklich führenden Organe in der allgemeinen Parteiorganisation haben.
Das Gebiet eines Parteibezirkes wird natürlich nicht nur durch die weite Ausdehnung des Gebietes begrenzt. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, dass es dem Parteibezirkskomitee möglich sein muss, alle örtlichen Organisationen im Bezirke einheitlich zu leiten. Wo das nicht mehr möglich ist, muss die Teilung des Bezirkes und Gründung eines neuen Parteibezirkskomitees erfolgen.
Dabei braucht die Partei natürlich in den größeren Ländern auch gewisse zusammenfassende Verbindungsorgane, sowohl zwischen der Zentralleitung und den verschiedenen Bezirksleitungen (Provinzleitungen, Oberbezirke und dergl.), wie auch zwischen einer Bezirksleitung und den verschiedenen örtlichen Körperschaften (Unterbezirks- oder Kreisleitungen). Unter Umständen kann es zwar zweckmäßig werden, auch dem einen oder anderen dieser Zwischenorgane, z. B. einer größeren Stadt mit stärkerer Mitgliedschaft, eine führende Rolle zu verleihen. In der Regel ist das aber als Dezentralisation zu vermeiden.


45.

Die großen Einheiten der Parteiorganisationen (Bezirke) werden aus den örtlichen Parteikörperschaften zusammengesetzt:
aus den ländlichen und kleinstädtischen „Ortsgruppen“ und aus den „Distrikten“ oder „Rayons“ der verschiedenen Stadtteile der größeren Städte.
Eine örtliche Parteikörperschaft, die so angewachsen ist, dass sie unter legalen Verhältnissen nicht mehr zweckentsprechend allgemeine Versammlungen ihrer Mitglieder abhalten kann, muss geteilt werden.
In der örtlichen Parteikörperschaft sind die Mitglieder zum Zweck der täglichen Parteiarbeit den verschiedenen Arbeitsgruppen zuzuteilen. In den größeren Organisationen kann es dabei zweckmäßig sein, die Arbeitsgruppen in verschiedene Kollektivgruppen zu vereinigen. An ein und dieselbe Kollektivgruppe sind in der Regel solche Mitglieder anzuschließen, die auf den Arbeitsplätzen oder sonst im alltäglichen Leben miteinander meist in Berührung kommen. Die Kollektivgruppe hat die Aufgabe, die allgemeine Parteiarbeit unter den verschiedenen Arbeitsgruppen zu verteilen, die Berichte von den Obleuten zu empfangen, Mitgliederkandidaten in ihrer Mitte zu erziehen usw.


46.

Die Partei als Ganzes steht unter der Führung der Kommunistischen Internationale. Die Direktiven und Resolutionen der internationalen Leitung in den Sachen einer angeschlossenen Partei werden zugewiesen: 1. entweder der allgemeinen Zentralleitung der Partei, oder 2. durch diese der Zentralleitung einer Spezialtätigkeit, oder 3. allen Parteiorganisationen.
Die Direktiven und Beschlüsse der Internationale sind für die Partei und selbstverständlich für jedes einzelne Parteimitglied bindend.


47.

Die Zentralleitung der Partei (Zentralkomitee und Beirat oder Ausschuss) sind dem Parteitag und der Leitung der Kommunistischen Internationale verantwortlich. Sowohl die engere Leistung als auch das breite Komitee, Beirat oder Ausschuss werden in der Regel vom Parteitag gewählt. Wenn der Parteitag es für zweckmäßig hält, kann er die Zentralleitung damit beauftragen, aus ihrer Mitte die engere Leitung zu wählen, die aus dem politischen und dem organisatorischen Büro besteht. Die Politik und die laufenden Arbeiten der Partei werden verantwortlich von der engeren Leitung durch ihre beiden Büros geführt. Durch die engere Leitung werden regelmäßig die Gesamtsitzungen der Zentralleitung der Partei einberufen, um Beschlüsse von größerer Bedeutung und längerer Tragweite zu fassen. Um dafür die politische Gesamtsituation gründlich erkennen zu können und um das lebendige Bild der Partei, ihrer Klarheit und Leistungsfähigkeit vor Augen zu haben, ist es notwendig, bei den Wahlen zur zentralen Parteileitung die verschiedenen Landesteile, wenn irgend geeignete Vorschläge vorliegen, zu berücksichtigen. Aus demselben Grunde sollten auch taktisch abweichende Meinungen ernsthaften Charakters bei der Zentralleitungswahl nicht unterdrückt werden. Vielmehr sollte ihnen in der Gesamtleitung eine Vertretung durch ihre besten Repräsentanten ermöglicht werden. Die engere Leitung jedoch soll, wenn irgend angängig, einheitlich in ihren Auffassungen sein, und sie muss sich, um fest und sicher führen zu können, nicht nur auf ihre Autorität, sondern auch auf eine klare und sogar zahlenmäßig feste Mehrheit der Gesamtleitung stützen können.
Durch eine solche breitere Konstitution ihrer zentralen Parteileitung werden insbesondere die legalen Massenparteien für ihr Zentralkomitee am schnellsten die beste Grundlage der festen Disziplin, das unbedingte Zutrauen der Mitgliedermassen erreichen, außerdem aber auch Schwankungen und Krankheiten, die sich in den Funktionärsschichten der Partei zeigen könnten, schneller zur Erkenntnis und danach zur Heilung und Überwindung führen. Der Aufhäufung solcher Krankheiten in der Partei und ihrer vielleicht katastrophalen operativen Beseitigung auf späteren Parteitagen kann auf diesem Weg sachgemäß bis zu einem erträglichen Maße vorgebeugt werden.


48.

Jedes der führenden Parteikomitees muss in seiner Mitte eine zweckmäßige Arbeitsteilung durchführen, um die Parteiarbeit auf den verschiedenen Gebieten effektiv leiten zu können. Dabei können sich auf mehreren Arbeitsgebieten auch Spezialleitungen notwendig erweisen (z. B. für Propaganda, für Zeitungsdienst, für den gewerkschaftlichen Kampf, für Landagitation, Frauenagitation, für Verbindungsdienst, Rote Hilfe usw.). Jede Spezialleitung ist entweder der zentralen Parteileitung oder dem Parteikomitee eines Bezirkes unterworfen.
Einem führenden Parteibezirkskomitee, in letzter Hand der zentralen Parteileitung gehört überhaupt die Kontrolle sowohl über die zweckmäßige Tätigkeit wie auch über die gute Zusammensetzung aller ihm untergeordneten Komitees. Alle in der Parteiarbeit fest angestellten Mitglieder sind ebenso wie die Parlamentarier direkt dem führenden Parteikomitee unterworfen. Es kann sich zweckmäßig zeigen, die Beschäftigungen und Arbeitsorte der fest angestellten Genossen (z. B. der Redakteure, Propagandisten, Organisatoren u. a.) dann und wann zu wechseln, soweit dadurch die Tätigkeit der Partei nicht allzu viel gestört wird. Die Redakteure und Propagandisten müssen an der regelmäßigen Parteiarbeit in einer der Arbeitsgruppen dauernd teilnehmen.


49.

Die Zentralleitung der Partei wie auch die der Kommunistischen Internationale ist jederzeit berechtigt, erschöpfende Informationen von allen kommunistischen Organisationen, von deren Organen und von den einzelnen Mitgliedern zu verlangen. Die Vertreter und Bevollmächtigten der Zentralleitung und zu allen Versammlungen und Sitzungen mit beratender Stimme und Vetorecht zuzulassen. Die zentrale Parteileitung muss ständig solche Bevollmächtigte (Kommissare) zur Verfügung haben, um diese Bezirks- und Kreisleitungen nicht nur durch ihre politischen und organisatorischen Rundschreiben oder Korrespondenzen, sondern auch direkt mündlich verantwortlich instruieren und informieren zu können. Bei der Zentralleitung wie auch bei jeder Bezirksleitung muss eine aus erprobten und sachverständigen Parteigenossen zusammengesetzte Revisionskommission tätig sein, um die Kontrolle über die Kassen- und Rechnungsführung auszuüben. Sie soll dem erweiterten Komitee (Beirat oder Ausschuss) regelmäßig Bericht erstatten.
Jede Organisation und jedes Parteiorgan wie auch jedes einzelne Mitglied ist berechtigt, seine Wünsche und Initiativen, Anmerkungen oder Anklagen jederzeit direkt der Zentralleitung der Partei oder der Internationale mitzuteilen.


50.

Die Direktiven und Beschlüsse der führenden Parteiorgane sind für die untergeordneten Organisationen und für die einzelnen Mitglieder bindend.
Die Verantwortlichkeit der führenden Organe und ihre Pflicht, sich sowohl vor Versäumnissen wie vor Missbrauch ihrer Führerstelle zu hüten, kann immer nur zum Teil formal bestimmt sein. Je kleiner ihre formale Verantwortung ist, z. B. bei den illegalen Parteien, um so mehr sind sie verpflichtet, die Meinung der übrigen Parteimitglieder einzuholen, sich regelmäßig solide Informationen zu verschaffen und ihre eigenen Entschlüsse erst nach reiflicher, vielseitiger Erwägung zu fassen.


51.

Die Parteimitglieder sind in ihrem öffentlichen Auftreten verpflichtet, sich stets als disziplinierte Mitglieder einer kämpfenden Organisation zu betätigen. Wo Meinungsverschiedenheiten über die richtige Handlungsweise vorkommen, sind diese, soweit möglich, schon vor dem Auftreten im Kreise der Parteiorganisation zu entscheiden und dann ist nach dieser Entscheidung zu handeln. Damit jedoch jeder Parteibeschluss durch alle Parteiorganisationen und Mitglieder mit der größten Energie durchgeführt wird, muss womöglich die breiteste Parteimasse zur Prüfung und Entscheidung jeder Frage herangezogen werden. Den Parteiorganisationen und Parteiinstanzen obliegt auch die Pflicht, zu entscheiden, ob überhaupt und in welcher Form und welchem Umfang in der Öffentlichkeit (Presse, Vorträge, Broschüren) Fragen von einzelnen Genossen diskutiert werden sollen. Aber auch wenn der Beschluss der Organisation oder der Parteileitung nach der Meinung anderer Mitglieder fehlerhaft sei, dürfen diese Genossen in ihrem öffentlichen Auftreten nie vergessen, dass das schlimmste disziplinarische Vergehen und der schlimmste Fehler im Kampf doch ist, die Einheitlichkeit der gemeinsamen Front zu stören oder gar zu brechen.
Es ist oberste Pflicht jedes Parteimitgliedes, die Kommunistische Partei und vor allem die Kommunistische Internationale gegen alle Feinde des Kommunismus zu verteidigen. Wer dies vergisst und im Gegenteil die Partei oder die Kommunistische Internationale öffentlich angreift, ist wie ein Gegner der Partei zu behandeln.


52.

Die Statuten der Partei sind so abzufassen, dass sie den führenden Parteiorganen bei der ständigen Entwicklung der allgemeinen Parteiorganisation und bei der unaufhörlichen Verbesserung der Organisationsarbeit kein Hindernis bilden, sondern ihnen dabei als Hilfe dienen.
Die Beschlüsse der Kommunistischen Internationale sind von den angeschlossenen Parteien ohne Verzug zu vollziehen, auch in dem Falle, dass entsprechende Veränderungen in den bestehenden Statuten und Parteibeschlüssen statutenmäßig erst nachher erfolgen können.


VIII.

Über die Verbindung der legalen und illegalen Arbeit.


53.

Je nach den verschiedenen Phasen des Revolutionsprozesses können im alltäglichen Leben jeder kommunistischen Partei entsprechende Funktionswechsel vorkommen. Es gibt aber im Grunde genommen keine wesentliche Verschiedenheit in der Parteistruktur, die von einer legalen Partei einerseits und von einer illegalen Partei andererseits erstrebt werden sollte.
Die Partei muss so organisiert sein, dass sie stets in der Lage ist, sich rasch an die Veränderungen der Kampfesbedingungen anzupassen.
Die Kommunistische Partei muss sich zu einer Kampforganisation entwickeln, die fähig ist, einerseits auf offenem Kampfgelände einem mit überwältigenden Kräften versehenen Feinde, der seine ganze Kraft auf einen Punkt konzentriert hat, auszuweichen, andererseits aber auch die Schwerfälligkeit dieses Feindes auszunützen, um ihn dort und dann anzufallen, wo er am allerwenigsten den Angriff erwartet. Es wäre der größte Fehler der Parteiorganisation, sich mit Berechnung ausschließlich auf Erhebung und Straßenkampf oder nur auf den Zustand der schwersten Unterdrückung einzustellen. Kommunisten müssen ihre vorbereitende revolutionäre Arbeit in jeder Situation verrichten und stets auf Kampfbereitschaft gestellt sein, weil es oft beinahe unmöglich ist, den Wechsel der Erhebungsperiode und der Periode der Stille vorauszusehen; und auch in den Fällen, wo es möglich wäre, kann diese Voraussicht meist nicht mehr zur Neuorganisierung der Partei ausgenützt werden, weil der Wechsel gewöhnlich in sehr kurzer Zeit, ja oft sogar ganz überraschend eintritt.


54.

Die legalen kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder haben es gewöhnlich noch nicht genügend als ihre Aufgabe begriffen, wie die Partei sich auf revolutionäre Erhebungen, auf den bewaffneten Kampf oder überhaupt auf den illegalen Kampf gehörig rüsten soll. Man baut allzu einseitig die gesamte Parteiorganisation auf eine dauernde Legalität auf und gestaltet sie nach den Bedürfnissen legaler Tagesaufgaben aus.
In den illegalen Parteien wird hingegen oft nicht genug verstanden, die Möglichkeiten der legalen Tätigkeit auszunützen und eine Parteiorganisation aufzubauen, die in lebendiger Verbindung mit den revolutionären Massen steht. Die Parteiarbeit zeigt in diesem Falle die Tendenz, unfruchtbare Sisyphusarbeit oder ohnmächtige Verschwörerei zu bleiben.
Beides ist fehlerhaft. Jede legale Kommunistische Partei muss sich die höchstmöglichste Kampfbereitschaft auch im Falle der unterirdischen Existenz zu sichern verstehen und besonders muss sie für den Ausbruch revolutionärer Erhebungen gerüstet sein. Jede illegale Kommunistische Partei wieder muss auch die Möglichkeiten der legalen Arbeiterbewegung energisch ausnützen, um sich durch intensive Parteiarbeit zum Organisator und zum wirklichen Führer der großen revolutionären Massen zu entwickeln. Die Führung der legalen und der illegalen Arbeit muss immer in den Händen derselben einheitlichen Parteizentrale liegen.


55.

Sowohl im Kreise der legalen wie der illegalen Parteien wird die illegale kommunistische Organisationsarbeit oft als die Gründung und Erhaltung einer geschlossenen, ausschließlich militärischen Organisation aufgefasst, die isoliert von der übrigen Parteiarbeit und Parteiorganisation steht. Das ist durchaus fehlerhaft. Im Gegenteil muss in der vorrevolutionären Periode die Bildung unserer Kampforganisation hauptsächlich durch die allgemeine kommunistische Parteiarbeit geschehen. Die gesamte Partei soll zu einer Kampforganisation für die Revolution ausgebildet werden.
Isolierte revolutionär-militärische Organisationen, allzu früh vor der Revolution entstanden, zeigen in sich sehr leicht Tendenzen der Auflösung und Demoralisation, weil es für sie an unmittelbar nützlicher Parteiarbeit mangelt.


56.

Für eine illegale Partei ist es natürlich bei aller ihrer Tätigkeit von entscheidender Bedeutung, ihre Mitglieder und Organe vor einer Entdeckung zu schützen und sie nicht etwa durch Registrierung, unvorsichtige Beitragserhebung und Materialverteilung preiszugeben. Sie kann deshalb nicht in demselben Grade wie eine legale Partei offene Organisationsformen für konspirative Zwecke benützen. Sie kann das aber mehr und mehr erlernen.
Um dem Eindringen von zweifelhaften oder unzuverlässigen Elementen in die Partei vorzubeugen, werden alle Vorsichtsmaßnahmen anzuwenden sein. Die dazu brauchbaren Mittel werden sehr stark abhängen davon, ob die Partei legal oder illegal ist, verfolgt oder geduldet wird, im raschen Wachstum oder in der Stagnation begriffen ist. Ein Mittel, das stellenweise unter bestimmten Umständen von Erfolg war, ist das System der Kandidatur. Danach werden Bewerber für die Aufnahme in die Partei auf Vorschlag von ein oder zwei Parteigenossen zuerst als Kandidaten zugelassen und es hängt von ihrer Bewährung bei der ihnen aufzugebenden Arbeit für die Partei ab, ob sie als Mitglieder aufgenommen werden können.
Es ist unvermeidlich, dass die Bourgeoisie Spitzel und Provokateure in die illegalen Organisationen zu schicken versucht. Dagegen muss mit größter Sorgfalt und Ausdauer der Kampf geführt werden. Eine Methode dieses Kampfes ist geschickte Kombinierung der legalen Tätigkeit mit der illegalen. Durch längere legale, revolutionäre Arbeit wird überhaupt am besten geprüft, wer zuverlässig, mutig, gewissenhaft, energisch, geschickt und pünktlich genug ist, um mit wichtigen und seiner Fähigkeit entsprechenden Aufträgen der illegalen Arbeit betraut zu werden.
Eine legale Partei soll sich immer besser auf Überraschungen vorbereitend rüsten und einrichten (z. B. Deckadressen sicher verwahren, Briefe in der Regel vernichten, notwendige Dokumente in sichere Aufbewahrung bringen, Verbindungsleute konspirativ schulen usw.).


57.

Unsere allgemeine Parteiarbeit muss somit in der Weise verteilt werden, dass sich dadurch schon vor der offenen revolutionären Erhebung die Wurzeln einer den Bedürfnissen dieser Phase entsprechenden Kampforganisation entwickeln und befestigen. Es ist besonders wichtig, dass die kommunistische Parteileitung in ihrer führenden Tätigkeit beständig an diese Bedürfnisse denkt, dass sie versucht, soweit es möglich ist, sich davon im Voraus eine klare Vorstellung zu bilden. Freilich kann diese Vorstellung nie im Voraus exakt oder klar genug werden. Das darf aber kein Grund sein, um diesen wichtigsten Gesichtspunkt der kommunistischen organisatorischen Führung außer Acht zu lassen.
Denn wenn bei der offenen revolutionären Erhebung der größte Funktionswechsel im Leben der Kommunistischen Partei kommt, dann kann er auch die bestorganisierte Partei vor sehr schwierige und komplizierte Aufgaben stellen. Es gilt vielleicht im Laufe weniger Tage unsere politische Partei zum kriegerischen Kampf zu mobilisieren. Und nicht nur die Partei, sondern auch ihre Reserven, die Organisationen der Sympathisierenden‘ ja sogar den ganzen Landsturm, d. h. die unorganisierten revolutionären Massen. Von der Formierung einer regulären Roten Armee kann zu dieser Zeit noch keine Rede sein. Wir müssen siegen – ohne eine vorher konstruierte Armee – durch die Massen, unter der Führung der Partei. Darum wird vielleicht auch der heldenmütigste Kampf nichts helfen, wenn unsere Partei nicht schon vorher für diesen Fall organisatorisch vorbereitet worden ist.


58.

In revolutionären Situationen hat man vielfach beobachtet, dass die revolutionären Zentralleitungen sich nicht fähig zeigten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Proletariat kann in der Revolution großartige Errungenschaften in organisatorischen Aufgaben des niederen Grades zustande bringen. In seinem Hauptquartier herrscht aber meistens Unordnung, Ratlosigkeit, Chaos. Auch die elementarste Arbeitsverteilung kann fehlen. Besonders der Nachrichtendienst ist gewöhnlich so schlecht, dass er mehr Schaden als Nutzen bringt. Auf die Verbindungen ist kein Verlass. Wo man geheime Post, geheimen Transport, geheime Quartiere, geheime Druckereien braucht, sind diese gewöhnlich von glücklichen und unglücklichen Zufällen durchaus abhängig. Jede Provokation der organisierten Feinde hat die besten Aussichten.
Es kann auch gar nicht besser sein, wenn die führende revolutionäre Partei nicht vorher bei sich eine besondere Tätigkeit für diese Zwecke organisiert hat. Z. B. die Beobachtung und Entlarvung der politischen Polizei fordert spezielle Übung: ein Apparat für geheime Verbindungen kann nur durch längeren regelmäßigen Gang sicher und rasch funktionierend wirken usw. Auf all diesen Gebieten der revolutionären Spezialtätigkeit braucht jede legale Kommunistische Partei irgendwelche, wenn auch noch so kleine geheime Vorbereitungen.
Zum größten Teil kann auch auf diesen Gebieten der nötige Apparat durch eine ganz legale Tätigkeit entwickelt werden, wenn man bei der Organisierung dieser Tätigkeit nur beachten wird, was für ein Apparat daraus entstehen soll. Zum Beispiel kann in der Hauptsache schon durch eine genau geregelte Verteilung der legalen Flugschriften u. a. Veröffentlichungen und Briefen ein Apparat für geheime Verbindungen (für Kurierdienst, geheime Post, geheime Quartiere, konspirative Transporte usw.) ausgearbeitet werden.


59.

Der kommunistische Organisator sieht überhaupt jedes Parteimitglied und jeden revolutionären Arbeiter im Voraus in seiner kommenden geschichtlichen Rolle als Soldat in unserer Kampforganisation der Revolutionszeit. Demnach leitet er ihn schon im Voraus in die Kerngruppe und in die Arbeit, die seiner kommenden Stellung und Waffenart am besten entspricht. Seine heutige Tätigkeit muss auch an sich nützlicher Dienst sein, notwendig für den heutigen Kampf, kein bloßes Drillen, das der praktische Arbeiter heute nicht mehr versteht; dabei ist diese Tätigkeit aber auch zum Teil Schulung für die wichtigen Bedürfnisse des Endkampfes von morgen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Komintern

[ Kommunistische Internationale ]