DEUTSCH

KOMMUNISTISCHE INTERNATIONALE

 

 

1929

Aufruf der Konstanzer Konferenz der Komintern

Konstanz, 28. September 1929

aus: "Rote Fahne" vom 22. September 1929

 

 

Erkämpft den Roten Oktober Österreichs !

 

An die internationale Arbeiterschaft !

An die Arbeiter und werktätigen Bauern Österreichs !

Vor dem gesamten europäischen Proletariat steht eine große Gefahr:

IN ÖSTERREICH DROHT DIE FASCHISTISCHE DIKTATUR !

Offen rüstet die Bourgeoisie, gestützt auf Heimwehrverband und Staatsapparat, an ihrer Aufrechterhaltung. Die nächsten Wochen, die nächsten Tage sollen schon die Entscheidung bringen. Der Kampf der Klassen in Österreich hat bereits die Formen eines Bürgerkrieges angenommen, und jeder Tag kann entscheidende Kämpfe von größtem Ausmaße bringen. Furchtbar ernst ist die Gefahr, die vor dem österreichen und internationalen Proletariat steht. Die Errichtung der faschistischen Diktatur in Österreich würde nicht nur die blutige Niederwerfung der österreichischen Arbeiterklasse und ihre bis aufs Äußerste gesteigerte Ausplünderung und Ausbeutung durch das Finanzkapital bedeuten, sie würde auch die schwersten Folgen für die Arbeiterschaft in allen anderen Ländern haben. Die faschistische Offensive in Deutschland, der Tschechoslowakei und in den anderen kapitalistischen Ländern würde durch einen Sieg des Faschismus in Österreich einen gewaltigen neuen Anstoß bekommen. Eine faschistische Diktatur in Österreich würde bedeuten, dass der Ring der reaktionär-faschistischen Staaten um die Sowjetunion geschlossen wäre, und ein faschistisches Österreich in einem Block dieser faschistischen Staaten wäre ein bedeutender Schritt näher zum imperialistischen

ANGRIFFSKRIEG GEGEN DIE SOWJETUNION !

Angesichts einer so großen Gefahr für die österreichische und internationale Arbeiterklasse gilt es, alle Kräfte anzuspannen, um gemeinsam mit der österreichischen Arbeiterklasse alles zu tun, um die faschistischen Diktaturbestrebungen zuschanden zu machen, den Faschismus nieder zu ringen und den Sieg der Arbeiterklasse in Österreich über den Faschismus zu erringen. Diese Aufgabe kommt nicht nur der österreichischen Arbeiterklasse zu, der Kampf gegen die drohende faschistische Diktatur in Österreich ist Sache und Aufgabe des gesamten internationalen Proletariats, vor allem der Nachbarländer.

Die österreichische Arbeiterklasse hat die Gefahr erkannt, die sie unmittelbar bedroht, und aller Orten gibt es in Österreich eine mächtige Arbeiterbewegung gegen den Faschismus durch die Arbeiterklasse. Kein Tag, an dem es nicht zwischen den empörten Arbeitern und den Faschisten zu Zusammenstößen kommt. Der blutige Kampf zwischen den Arbeitern und den bewaffneten Faschisten in St. Lorenzen hat bewiesen, welche revolutionäre Widerstandskraft in der Arbeiterklasse Österreichs vorhanden ist. Eine Welle von Streiks mit antifaschistischen Forderungen geht durch das Land. Überall findet der Ruf nach Bewaffnung der Arbeiterschaft ein lebhaftes Echo. Die Arbeitermassen drängen zur Gegenoffensive gegen den Faschismus und gerade auch deswegen beeilt sich die Bourgeoisie so sehr, die faschistische Diktatur aufzurichten. Die österreichische Arbeiterklasse ist nicht gesonnen, sich dem Faschismus zu unterwerfen und ist bereit, mit allen Mitteln zu kämpfen.

Der Kampf zwischen den Klassen in Österreich nimmt mit jedem Tag schärfere Formen an und steigert sich bis zum Klassenkampf in seiner schärfsten Form, die bewaffnete Auseinandersetzung, dem Bürgerkrieg. Diese Kämpfe stellen die Klassen unvermeidlich vor die Machtfrage. Der Kampf zwischen Arbeiterklasse und Faschismus hat heute schon in Österreich die Machtfrage aufgerollt. Die Entwicklung der Geschichte stellt mit eherner Gewalt die Frage auf die Tagesordnung:

DIKTATUR DES FASCHISMUS ODER DIKTATUR DES PROLETARIATS ?

Die einzige Frage ist nur noch die, ob das Proletariat sich dem Faschismus unterwirft oder im entschlossenen Kampf die faschistischen Diktaturbestrebungen der Bourgeoisie zuschanden macht und seine eigene Macht errichtet. Einen anderen Ausweg gibt es nicht ! Diesen Weg aber schickt sich die österreichische Arbeiterklasse, die schon in mehreren großen Kämpfen, vor Allem in dem denkwürdigen Juliaufstand 1927, ihre revolutionäre Kraft erwiesen hat, an zu gehen. Hier liegt der Weg zum Siege. Auf ihm muss die österreichische Arbeiterklasse mit aller Entschiedenheit weiter schreiten. Der Zusammenstoß der Klassen in Österreich zeigt in seiner ganzen Schärfe

DIE SOZIALVERRÄTERISCHE ROLLE DER SOZIALDEMOKRATIE

auf. Der Weg Otto Bauers sollte zum Sozialismus führen - heute kann jeder Arbeiter sehen, dass dieser Weg nur zum Faschismus führt. Hat der Austro-Marxismus bereits am 15. Juli 1927 seinen Bankrott erwiesen, so hat sich nachher die Entwicklung der "linken" österreichischen Sozialdemokratie zum Paktieren mit dem Faschismus und weiter dann zum Sozialfaschismus mit großer Geschwindigkeit vollzogen. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs täuscht auch jetzt einen Scheinkampf gegen den Faschismus vor, der aber nur noch ein Streit zwischen zwei Fraktionen der Bourgeoisie, zwischen zwei Spielarten des Faschismus darstellt. Denn auch die österreichische Sozialdemokratie ist bereit zu faschistischen Verfassungsänderungen, zur faschistischen Diktatur, und ist nur bestrebt, diese Entwicklung nach außen hin unter möglichster Wahrung des Scheins der "Demokratie" und "Gesetzmäßigkeit" zu vollziehen. Ihre ganze Tätigkeit geht nur darauf hinaus, die Arbeiterschaft, die im Kampf gegen den Faschismus steht, zu entwaffnen, und offen erklärt sie ihre Bereitschaft, in einer Diktatur des Faschismus, die "demokratische" Äußerlichkeit wahrt, ihre sozialfaschistische Rolle gegen die Arbeiterklasse mitzuspielen.

Wir wissen, dass die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter in Österreich diese sozialfaschistische Politik ihrer Führer und Partei nicht mitmachen werden. Die kommenden schweren Kämpfe werden die Sozialdemokratie an der Seite der Bourgeoisie finden, aber breite Schichten der Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei und des Schutzbundes werden in der revolutionären Kampffront gegen den Faschismus kämpfen. Sie werden ihre stärkste Unterstützung und einzige Führung von der Kommunistischen Partei Österreichs bekommen.

Wir rufen den österreichischenn Arbeitern zu, dass der Sieg über den Faschismus für sie unmöglich sein wird, wenn sie nicht gleichzeitig mit aller Schärfe auch gegen den Sozialfaschismus kämpfen.

Werktätige Bauern !

Der Faschismus lockt euch in seine Reihen. Aber euer Interesse ist nicht mit den fürstlichen und gräflichen Großgrundbesitzern, den kaiserlichen Offizieren, den Pfaffen und Wucherern. Euer Interesse ist im gemeinsamen Kampf mit den Arbeitern gegen den Faschismus. Die österreichische Arbeiterklasse hat in ihrem Kampf gegen die faschistische Diktatur nur einen Führer:

DIE MÄCHTIGE KOMMUNISTISCHE WELTPARTEI UND IHRE ÖSTERREICHISCHE SEKTION

, die einen entschiedenen und tapferen revolutionären Kampf gegen den Faschismus und seinen sozialfaschistischen Helfer führt. Um die KPÖ gilt es sich zu scharen. Organisation der kämpfenden Massen zur Gegenoffensive gegen den Faschismus - das ist heute das Gebot der Stunde. Die Bewaffnung des Proletariats ist eine unmittelbare Aufgabe. Gegen die Heimwehren und den Faschismus darf die Arbeiterschaft nicht auf den sozialdemokratischen Schutzbund vertrauen. Heraus aus dem Schutzbund und hinein in die Arbeiterwehr, rufen wir den klassenbewussten österreichischen Arbeitern zu !

Bildet proletarische Selbstschutzformationen in den Betrieben !

Bereitet die Bildung einer Arbeitermiliz im Kampf um die Macht vor !

Rücksichtslose Offensive gegen den Faschismus ist das Gebot der Stunde. Kampf in den Betrieben, heraus auf die Straße, so ergeht jetzt der Ruf an die Arbeiter. Verjagt die Faschisten aus den Betrieben, erobert trotz allem Terror des Faschismus und des staatlichen Machtapparates der faschistischen Bourgeoisie die Straße ! Zur Organisierung des Kampfes benötigt das Proletariat Zentren und Kampfleitungen des Widerstandes: Daher sind antifaschistische Komitees in den Betrieben und ihre örtliche und zentrale Zusammenfassung notwendig, ist die Schaffung eines Netzes von revolutionären Vertrauensleuten in den Betrieben eine dringende Aufgabe des gegenwärtigen Augenblicks.

Arbeiter- und Bauernjugend ! In diesem Kampf ist dein Platz in der ersten Reihe !

Gegen den Faschismus hat die Arbeiterschaft eine mächtige Waffe, die sie mit aller Entschiedenheit anwenden muss. Es ist der politische Massenstreik, der Hand in Hand geht mit den wehrhaften Kämpfen der Arbeiter gegen die Faschisten.

Jeder Tag kann die Verschärfung und Ausbreitung der Kämpfe bringen. Nehmen die Klassenkämpfe entscheidende Formen an, kommt es zu den entscheidenden Kämpfen des Bürgerkriegs, was schon in der allernächsten Zeit möglich, ja wahrscheilich ist, dann heißt es auch mit aller Entschlossenheit, den Weg des Kampfes gegen den Faschismus weiterzugehen: Dann Erweiterung des Kampfes zum Generalstreik und bewaffneten Aufstand gegen den Faschismus zum Kampf um die Macht, zur Niederschmetterung des Faschismus und zur Errichtung der Macht der Arbeiterklasse, der Diktatur des Proletariats im Bündnis mit den werktätigen Bauern. Wenn euch die SPÖ mit bombastischen Phrasen und demagogischen Redensarten als Muster im Kampf gegen den Faschismus ködern will, so rufen wir euch zu:

Der Weg, den ihr zu gehen habt, und euer Vorbild ist die proletarische Revolution von 1917 !

Das österreichische Proletariat kann in seinem schweren und heldenmütigen Kampf der brüderlichen und solidarisch tätigsten Unterstützung der Arbeiterschaft aller Länder, vor allem der Arbeiterschaft der Nachbarländer, gewiss sein.

Die Konferenz der mitteleuropäischen kommunistischen Parteien hat beschlossen, sofort mit einer intensiven Aktion in den Massen der Arbeiterschaft zur Organisierung und zur solidarischen Unterstützung der österreichischen Arbeiterklasse gegen die drohende faschistische Diktatur einzusetzen. Diese Aktion hat bereits begonnen.

Es soll jetzt ein intensiver Versammlungssturm in den Betrieben und durch öffentliche Versammlungen und Kundgebungen für die österreichischen Arbeiter beginnen. Wir rufen die Arbeiter aller Länder auf, mit vollen Händen für den Fonds zum Kampfe gegen den österreichischen Faschismus zu spenden.

Es ist der Wille der Kommunistischen Weltpartei, das revolutionäre Proletariat Österreichs in seinem schweren Kampfe, und dessen Vortrupp und Führung, die Kommunistische Partei Österreichs, auf jede Weise zu unterstützen, und zu kräftigen.

Die Kommunistische Internationale erklärt den Kampf der österreichischen Arbeiter gegen den Faschismus zu ihrem Kampf.

Wir rufen die Arbeiterschaft aller Länder auf, sich bereit zu halten, im Falle einer weiteren Verschärfung - zum wirksamsten Mittel der Massenaktion (Solidaritätsstreiks usw.) zu greifen. Der Entscheidungskampf gegen die faschistische Diktatur in Österreich hat begonnen. Die österreichische Arbeiterklasse muss den Faschismus im revolutionären Kampf nieder ringen. Die ganze internationale Arbeiterklasse kämpft mit ihr.

Nieder mit der faschistischen Diktatur !

Nieder mit den sozialfaschistischen Helfern des Faschismus !

Es lebe der revolutionäre Kampf und der Sieg der österreichischen Arbeiterklasse !

Es lebe die Arbeiter- und Bauerregierung !

Es lebe die Diktatur des Proletariats !

Konstanz, 28. September 1929

 

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