Stalin

Über Betrieb und Gewerkschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Betrieb und Gewerkschaft

Sammlung zusammengestellt von Wolfgang Eggers

anlässlich des 139. Geburtstages des Genossen Stalin - 21. Dezember 2018

 

1901

Stalin Werke Band 1

 

Wie überall, so ist auch bei uns die Arbeit in der ersten Zeit nicht über den Rahmen der Konspiration hinausgegangen. Die Agitation lässt gleich bei den ersten Verhaftungen nach. Die Verbindung mit den Arbeitern und häufige Besuche hei ihnen werden unmöglich, während doch der Arbeiter viele brennende Tagesfragen erläutert haben will. Die Agitation mit Hilfe von Broschüren, die nur diese oder jene konkreten Fragen beantworten, ist in den meisten Fällen wenig wirksam. Notwendig wird die Schaffung einer Literatur, die auf die Alltagsfragen Antwort gäbe. Wir unterlassen es, für diese jedermann bekannte Wahrheit Beweise anzuführen. In der georgischen Arbeiterbewegung ist bereits der Augenblick eingetreten, wo ein periodisches Organ zu einem der Hauptmittel der revolutionären Arbeit wird.

... klare Antwort geben auf alle Fragen, die mit der Arbeiterbewegung zusammenhängen, die prinzipiellen Fragen klären, die Rolle der Arbeiterklasse im Kampf theoretisch erläutern und jede Erscheinung auf die der Arbeiter stößt, mit dem Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus beleuchten.

Brdsola“ („Der Kampf“)
September 1901.

 

 

Der noch ungenügend klassenbewusste und nicht auf den Kampf vorbereitete russische Arbeiter bemühte sich, allmählich aus seiner hoffnungslosen Lage herauszukommen und sein Los irgendwie zu verbessern. Natürlich gab es in dieser Bewegung damals keine regelrechte Organisationsarbeit, die Bewegung war spontan.

So wandte sich denn die Sozialdemokratie dieser unbewussten, spontanen und unorganisierten Bewegung zu. Sie bemühte sich, das Klassenbewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, sie bemühte sich, den getrennten und zersplitterten Kampf der einzelnen Arbeitergruppen gegen die einzelnen Unternehmer zu vereinigen, ihn zu einem gemeinsamen Klassenkampf zu verschmelzen, damit er ein Kampf der russischen Arbeiterklasse gegen die Klasse der Unterdrücker Russlands sei, bestrebt, diesem Kampf organisierten Charakter zu verleihen.

In der ersten Zeit vermochte die Sozialdemokratie nicht, ihre Tätigkeit in der Arbeitermasse auszubreiten, weshalb sie sich mit der Arbeit in Propaganda- und Agitationszirkeln zufrieden gab. Die einzige Form ihrer Arbeit war damals die Zirkeltätigkeit. Der Zweck dieser Zirkel bestand darin, unter den Arbeitern selbst eine Gruppe zu schaffen, die in der Folge die Bewegung führen würde. Deshalb wurden diese Zirkel aus fortgeschrittenen Arbeitern zusammengesetzt, und nur auserwählte Arbeiter hatten die Möglichkeit, in den Zirkeln zu lernen.

Die Periode der Zirkel aber ging rasch zu Ende.Es begann der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstags, um die Abschaffung der Geldstrafen, um die Erhöhung des Lohns usw. Die Sozialdemokratie wusste sehr wohl, dass die Entwicklung der Arbeiterbewegung sich nicht auf diese kleinen Forderungen beschränkt, dass das Ziel der Bewegung nicht in diesen Forderungen bestand, dass dies nur ein Mittel zur Erreichung des Ziels war. Mögen diese Forderungen auch klein sein, mögen die Arbeiter selbst in einzelnen Städten und Gebieten heute noch isoliert kämpfen - dieser Kampf selbst wird die Arbeiter lehren, dass der volle Sieg nur dann erreicht werden wird, wenn die ganze Arbeiterklasse als einheitliche, starke, organisierte Macht zum Sturmangriff auf ihren Feind antritt. Eben dieser Kampf wird den Arbeitern zeigen, dass sie neben ihrem direkten Feind - dem Kapitalisten - einen anderen, noch rastloseren Feind haben - die organisierte Macht der ganzen Bourgeoisklasse, den heutigen kapitalistischen Staat mit seinem Militär, seinem Gericht, seiner Polizei, seinen Gefängnissen, seiner Gendarmerie. Wenn selbst in Westeuropa der Arbeiter beim geringsten Versuch, seine Lage zu verbessern, auf die bürgerliche Staatsgewalt stößt, wenn in Westeuropa, wo bereits Menschenrechte erobert sind, der Arbeiter einen direkten Kampf gegen die Staatsgewalt führen muss - so wird um so mehr der Arbeiter Russlands in seiner Bewegung unbedingt mit der Staatsgewalt der Selbstherrschaft zusammenstoßen, die der rastlose Feind jeder Arbeiterbewegung ist, nicht nur weil diese Staatsgewalt die Kapitalisten schützt, sondern auch, weil sie als Selbstherrschaft sich nicht mit der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsklassen abfinden kann, ganz besonders aber mit der Selbsttätigkeit einer Klasse wie die Arbeiterklasse, die mehr als die anderen Klassen geknechtet ist und unterdrückt wird. So fasste die Sozialdemokratie Russlands den Gang der Bewegung auf und setzte alle ihre Kräfte ein, um diese Ideen unter den Arbeitern zu verbreiten.

Der russische Arbeiter erwachte eben erst aus dem jahrhundertelangen Schlaf, und seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen bemerkten natürlich nicht alles, was in der Welt vor sich ging, die sich zum ersten Mal vor ihm öffnete. Er hatte keine großen Bedürfnisse, und seine Forderungen waren nicht hoch. Der russische Arbeiter verlangte noch nicht mehr als eine unbedeutende Lohnerhöhung oder Arbeitszeitverkürzung. Davon, dass es notwendig sei, die bestehende Ordnung zu ändern, dass das Privateigentum abgeschafft werden müsse, dass es notwendig sei, die sozialistische Ordnung zu organisieren - von alledem hatten die russischen Arbeitermassen nicht einmal eine Vorstellung. Zu dieser Zeit nun, als ein Teil der Sozialdemokratie Russlands es für seine Pflicht hielt, ihre sozialistischen Ideen in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, war ein anderer Teil, hingerissen von dem ökonomischen Kampf, von dem Kampf um die teilweise Verbesserung der Lage der Arbeiter (wie z. B. Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne), drauf und dran, seine hohe Pflicht, seine hohen Ideale völlig zu vergessen.

Anstatt die spontane Bewegung zu leiten, in die Massen die sozialdemokratischen Ideale hineinzutragen und sie auf unser Endziel zu lenken, wurde dieser Teil der russischen Sozialdemokraten zu einem blinden Werkzeug der Bewegung selbst; blind folgte er dem ungenügend entwickelten Teil der Arbeiterschaft und beschränkte sich auf die Formulierung der Nöte und der Bedürfnisse, deren sich die Arbeitermassen im Augenblick bewusst waren. Mit einem Wort, er stand da und klopfte an die offene Tür, ohne es zu wagen, in das Haus selbst einzutreten. Er erwies sich als unfähig, den Arbeitermassen das Endziel - den Sozialismus - oder auch nur das nächste Ziel - den Sturz der Selbstherrschaft - zu erläutern, und, was noch betrüblicher war, er hielt alles das für unnütz und sogar für schädlich. Er betrachtete den russischen Arbeiter als ein Kind und fürchtete sich, ihn mit so kühnen Ideen zu erschrecken. Ja, selbst abgesehen davon, bedarf es nach der Meinung eines gewissen Teils der Sozialdemokratie für den Sozialismus keines revolutionären Kampfes: notwendig sei nur der ökonomische Kampf - Streiks und Gewerkschaften, Konsum- und Produktivgenossenschaften -‚ und der Sozialismus sei bereits fertig. Für einen Irrtum hielt er die Lehre der alten internationalen Sozialdemokratie, die nachweist, dass, bevor nicht die politische Macht in die Hände des Proletariats übergeht (Diktatur des Proletariats), eine Änderung der bestehenden Ordnung, die volle Befreiung der Arbeiter unmöglich ist. Seiner Meinung nach stellt der Sozialismus an sich nichts Neues dar und unterscheidet sich eigentlich nicht von der bestehenden kapitalistischen Ordnung: der Sozialismus lasse sich leicht auch in die bestehende Ordnung eingliedern, und jede Gewerkschaft, selbst jeder Konsumladen oder jede Produktivgenossenschaft sei bereits ein "Teil des Sozialismus", sagten sie. Und mit solchem albernen Herumflicken an der alten Kleidung dachten sie der leidenden Menschheit ein neues Kleid zu schneidern!

Die Geschichte der Petersburger Bewegung.

Ihre glänzende Entwicklung und ihr kühner Vormarsch in den ersten Zeiten, in den Jahren 1895 bis 1897, wurde in der Folge von einem Umherirren im Dunkeln abgelöst, und schließlich kam die Bewegung nicht vom Fleck. Das ist kein Wunder: alle Anstrengungen der "Ökonomisten", eine feste Organisation für den ökonomischen Kampf zu schaffen, stießen jedes Mal auf die kräftige Mauer der Staatsgewalt, an der sie stets zerschellten. Die furchtbaren Polizeiverhältnisse machten jede Möglichkeit aller wie immer gearteten ökonomischen Organisationen zunichte. Auch die Streiks brachten keinen Nutzen, da von 100 Streiks 99 von den Polizeifäusten abgewürgt, die Arbeiter schonungslos aus Petersburg hinausgeworfen wurden und ihre revolutionäre Energie von den Gefängnismauern und den sibirischen Frösten unbarmherzig ausgesogen wurde. Wir sind fest davon überzeugt, dass an dieser (natürlich relativen) Hemmung der Bewegung nicht nur äußere Verhältnisse, die Polizeiverhältnisse schuld sind; nicht weniger schuld hat hier auch die Hemmung in der Entwicklung der Ideen selbst und des Klassenbewusstseins, daher - der Rückgang der revolutionären Energie der Arbeiter.

Selbst ein einfacher, kleiner Streik stellte die Arbeiter unmittelbar vor die Frage unserer politischen Rechtlosigkeit, führte sie zu Zusammenstößen mit der Staatsgewalt und der bewaffneten Macht und bewies offenkundig, dass der ausschließlich ökonomische Kampf unzureichend ist.

Die Feiern des 1.Mai in Russland haben den Weg zum politischen Kampf und zu politischen Demonstrationen gebahnt. Somit ist die Arbeiterbewegung Russlands dank ihrer inneren Entwicklung von der Propaganda in Zirkeln und dem ökonomischen Kampf mittels Streiks auf den Weg des politischen Kampfes und der Agitation übergegangen.

Die Straßendemonstration ist dadurch von Interesse, dass sie eine große Masse der Bevölkerung rasch in die Bewegung hineinzieht, sie mit unseren Forderungen sofort bekannt macht und jenen günstigen breiten Boden schafft, auf dem wir kühn den Samen der sozialistischen Ideen und der politischen Freiheit säen können. Die Straßendemonstration schafft die Straßenagitation, deren Einfluss sich der rückständige und schüchterne Teil der Gesellschaft nicht entziehen kann.

Man braucht nur während der Demonstration auf die Straße zu gehen, um mutige Kämpfer zu sehen und zu begreifen, wofür sie kämpfen, die freie Rede, die alle zum Kampf aufruft, und das Kampflied zu hören, das die bestehende Ordnung entlarvt und unsere gesellschaftlichen Eiterbeulen aufdeckt. Eben aus diesem Grunde fürchtet die Staatsgewalt die Straßendemonstration am allermeisten. Deshalb droht sie, nicht nur die Demonstranten, sondern auch die "Neugierigen" hart zu bestrafen. In dieser Neugier des Volkes steckt die Hauptgefahr für die Staatsgewalt: der heutige "Neugierige" wird morgen als Demonstrant neue Gruppen "Neugieriger" um sich versammeln. Solche "Neugierigen" aber gibt es heute in jeder großen Stadt zu Zehntausenden. Der Einwohner Russlands verkriecht sich heute schon nicht mehr wie früher, wenn er hört, dass irgendwo Unruhen vor sich gehen (,‚dass man mich bloß nicht drankriegt, lieber sich davonmachen", sagte er früher), - heute zieht es ihn zum Schauplatz der Unruhen, und er ist "neugierig" zu erfahren: Was sollen diese Unruhen, um welcher Sache willen setzen so viele Leute den Kosakenpeitschen ihren Rücken aus?

Die "Neugierigen" sehen, dass die Demonstranten sich auf der Straße versammelt haben, um ihre Wünsche und Forderungen auszusprechen, die Staatsgewalt antwortet ihnen aber mit Prügeln und bestialischer Unterdrückung. Der "Neugierige" läuft nicht mehr weg vor dem Sausen der Peitschen, sondern er tritt im Gegenteil näher heran, und die Peitsche kann schon nicht mehr unterscheiden, wo der einfache "Neugierige" aufhört und der "Rebell" anfängt. Jetzt tanzt die Peitsche unter Beachtung "voller demokratischer Gleichheit", ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters und selbst des Standes, auf dem Rücken sowohl der einen als auch der anderen. Dadurch erweist uns die Peitsche einen großen Dienst, denn sie beschleunigt die Revolutionierung des "Neugierigen". Sie wird aus einer Waffe der Beschwichtigung zu einer Waffe des Erweckens. Vorläufig werden wir noch so manches Mal auf der Straße geschlagen werden, wird die Regierung noch so manches Mal aus den Straßenkämpfen als Sieger hervorgehen. Wir aber, die wir fest davon überzeugt sind, dass dieser Tag kommen wird, dass dieser Tag nicht fern ist, setzen uns den Peitschenschlägen aus, um den Samen der politischen Agitation und des Sozialismus zu säen.

Somit stehen wir vor einer Periode des vorwiegend politischen Kampfes. Ein solcher Kampf ist für uns unvermeidlich, denn in den bestehenden politischen Verhältnissen kann der ökonomische Kampf (Streiks) nichts Wesentliches ergeben. Streiks sind auch in freien Staaten eine zweischneidige Waffe: selbst dort enden die Streiks, obgleich die Arbeiter über Kampfmittel - politische Freiheit, starke Organisationen der Arbeiterverbände, wohl gefüllte Kassen - verfügen, häufig mit einer Niederlage der Arbeiter. Bei uns aber, wo der Streik ein Verbrechen ist, das mit Haft bestraft, mit Waffengewalt unterdrückt wird, wo Arbeiterverbände jeder Art verboten sind, - bei uns gewinnen die Streiks nur die Bedeutung eines Protestes. Für den Protest sind aber die Demonstrationen eine stärkere Waffe. In den Streiks ist die Kraft der Arbeiter zersplittert, an ihnen nehmen nur die Arbeiter eines Betriebes oder einiger Betriebe, bestenfalls eines Berufszweiges teil, und die Organisierung eines Generalstreiks ist selbst in Westeuropa sehr schwer, bei uns aber ganz unmöglich - während die Arbeiter in den Straßendemonstrationen ihre Kräfte sofort vereinigen.

Was die Studenten und die anderen Protestanten aus der Gesellschaft anbelangt, so gehören ja auch sie zu der nämlichen Bourgeoisie. Man braucht ihnen nur eine absolut harmlose "gerupfte Verfassung" zu bieten, die dem Volke ganz geringfügige Rechte gewährt, damit alle diese Protestanten ein anderes Lied anstimmen und das "neue" Regime zu lobpreisen beginnen. Die Bourgeoisie lebt in ständiger Furcht vor dem "roten Gespenst" des Kommunismus und bemüht sich in allen Revolutionen, die Sache dort enden zu lassen, wo sie eigentlich erst beginnt. Hat sie ein unbedeutendes, für sie vorteilhaftes Zugeständnis erlangt, so reicht sie, durch die Arbeiter erschreckt, der Staatsgewalt die Hand der Versöhnung und verrät schamlos die Sache der Freiheit. (Wir haben hier natürlich nicht jene Intelligenz im Auge, die sich bereits von ihrer Klasse lossagt und in den Reihen der Sozialdemokratie kämpft. Solche Intellektuelle aber sind nur eine Ausnahme, sie sind "weiße Raben".)

Um jedoch diese führende Rolle spielen zu können, muss sich die Arbeiterklasse zu einer selbständigen politischen Partei zusammenschließen. Dann werden ihr Verrätereien und Treubrüche ihres zeitweiligen Verbündeten, der "Gesellschaft", im Kampf gegen den Absolutismus nichts anhaben können. Von dem Augenblick an, wo diese "Gesellschaft" die Sache der Demokratie verrät, wird die Arbeiterklasse selbst, mit ihren eigenen Kräften, dieses Werk voranführen - die selbständige politische Partei wird ihr die hierzu notwendige Kraft verleihen.

„Brdsola" ("Der Kampf“) Nr. 2/3,
November/Dezember 1901.

 

1904

 

Wir müssen das Proletariat bis zum Bewusstsein der wahren Klasseninteressen, bis zur Erkenntnis des sozialistischen Ideals heben, nicht aber dieses Ideal gegen Kleinigkeiten eintauschen oder es der spontanen Bewegung anpassen.

Brief aus Kutais, September/Oktober 1904.

 

1905

Wenn die zaristische Selbstherrschaft wankt, ist es unsere Pflicht, zum entscheidenden Ansturm zu rüsten!

... wächst von Tag zu Tag die Industriekrise, Fabriken und Werke werden stillgelegt, Millionen von Arbeitern verlangen Brot und Arbeit.

Jawohl, Genossen, bis auf die Grundfesten wankt der Thron der Zarenregierung! Die Regierung, die die uns geraubten Steuern als Gehälter an unsere Henker verteilt - an Minister, Gouverneure, Kreishauptleute und Gefängnisdirektoren, Polizeivorsteher, Gendarmen und Spione; die die unter uns ausgehobenen Soldaten - unsere Brüder und Söhne - zwingt, unser eigenes Blut zu vergießen; die in jeder Weise die Gutsherren und Unternehmer in ihrem tagtäglichen Kampf gegen uns unterstützt; die uns an Händen und Füßen gefesselt und uns zu rechtlosen Sklaven gemacht hat; die unsere Menschenwürde - unser Allerheiligstes - bestialisch mit Füßen getreten und verhöhnt hat, - gerade diese Regierung wackelt jetzt und verliert den Boden unter den Füßen! Es ist Zeit, sie zur Verantwortung zu ziehen für die Leiden und Erniedrigungen, für die die Menschen schändenden Ketten, in die sie uns vor langer Zeit geschlagen hat! Es ist Zeit, mit der Zarenregierung Schluss zu machen und den Weg zu bahnen zu einer sozialistischen Ordnung! Es ist Zeit, das Zarenregime in Scherben zu schlagen!

Und wir werden es in Scherben schlagen.

Januar 1905. ARBEITER DES KAUKASUS, ES IST ZEIT, RACHE ZU NEHMEN!

 

Die Bewegung des revolutionären Proletariats greift um sich, und die nationalen Schranken fallen! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker! Reicht einander die Hände und, vereint, schart euch um das Proletariat, den wirklichen Totengräber der Zarenregierung.

13. Februar 1905. ES LEBE DIE INTERNATIONALE BRÜDERLICHKEIT!

 

KURZE DARLEGUNG
DER MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN
IN DER PARTEI

Mai 1905

Dezember 1900. Das war eine Zeit, als in der russischen Industrie eine Krise einsetzte. Der industrielle Aufschwung, der von einer Anzahl beruflicher Streiks begleitet war (1896-1898), wurde allmählich von einer Krise abgelöst. Die Krise verschärfte sich von Tag zu Tag und wurde zu einem Hindernis für die Berufsstreiks. Trotzdem bahnte sich die Arbeiterbewegung ihren Weg und schritt vorwärts: die einzelnen Bäche flössen zusammen zu einem einzigen Strom, die Bewegung gewann ein Klassengepräge und beschritt allmählich den Weg des politischen Kampfes. Die Arbeiterbewegung wuchs mit erstaunlicher Geschwindigkeit... Nur sah man nicht den Vortrupp, die Sozialdemokratie (Die Sozialdemokratie ist der Vortrupp des Proletariats. Diesem Trupp gehört jeder sozialdemokratische Kämpfer an, sei er nun Arbeiter oder Intellektueller.), die in diese Bewegung sozialistisches Bewusstsein hineingetragen, sie mit dem Sozialismus vereinigt und auf diese Weise dem Kampf des Proletariats einen sozialdemokratischen Charakter gegeben hätte.

Was aber taten die damaligen „Sozialdemokraten" (die man „Ökonomisten" nannte)? Sie beweihräucherten die spontane Bewegung und behaupteten unbekümmert: Das sozialistische Bewusstsein ist gar nicht so notwendig für die Arbeiterbewegung, sie wird gewiss auch so ihr Ziel erreichen, die Hauptsache ist die Bewegung selbst. Die Bewegung sei alles, und das Bewusstsein sei eine Kleinigkeit. Eine Bewegung ohne Sozialismus - das war es, wonach sie strebten.

Die Sache ist nicht die, dass sie „politische Fragen gering schätzten", sondern die, dass sie im Nachtrab der Bewegung einhertrotteten und das wiederholten, was die Bewegung ihnen eingab. Es gab eine Zeit, wo nur Streiks stattfanden. Damals predigten sie den ökonomischen Kampf. Es begann die Zeit der Demonstrationen (1901), es floss Blut, Enttäuschung kam auf, und die Arbeiter griffen zum Terror, in der Annahme, das werde sie von den Tyrannen erlösen. Da fielen auch die „Ökonomisten", die Leute vom „Rabotscheje Djelo" in den gemeinsamen Chor ein und erklärten mit großer Wichtigkeit: Es ist Zeit, zum Terror zu greifen, die Gefängnisse zu überfallen, die Genossen zu befreien u. dgl. mehr. Mit einem Wort, die Sozialdemokratie wurde als Ballast in der Bewegung hingestellt.

Einerseits also wuchs die Arbeiterbewegung und bedurfte eines führenden Vortrupps, und anderseits hat die „Sozialdemokratie", in Gestalt der „Ökonomisten", anstatt an die Spitze der Bewegung zu treten, sich selber verneint und ist im Nachtrab der Bewegung einhergetrottet.

Es galt, vor aller Welt den Gedanken auszusprechen, dass die spontane Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus ein Umherirren im Dunkeln ist - von dem, auch wenn es irgendeinmal zum Ziele führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen - dass das sozialistische Bewusstsein folglich für die Arbeiterbewegung von sehr großer Bedeutung ist.

Es galt ferner zu sagen, dass die Trägerin dieses Bewusstseins, die Sozialdemokratie, verpflichtet ist, das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, stets an der Spitze der Bewegung zu stehen, und nicht von außen der spontanen Arbeiterbewegung zuzusehen, nicht im Nachtrab einherzutrotten.

Es galt ferner den Gedanken auszusprechen, dass es die direkte Pflicht der Sozialdemokratie Rußlands ist, die einzelnen Vortrupps des Proletariats zu sammeln, sie zu einer einheitlichen Partei zusammenzuschließen und dadurch der Zerfahrenheit in der Partei ein für allemal ein Ende zu setzen.

Die „Ökonomisten" beteten die spontane Arbeiterbewegung an, wer aber wüsste nicht, dass die spontane Bewegung eine Bewegung ohne Sozialismus ist, dass sie „Tradeunionismus ist" (Lenin, „Was tun?")

Wer wüsste nicht, dass die Arbeiterbewegung ohne Sozialismus nicht vom Fleck kommt, im Rahmen des Kapitalismus bleibt, ein Umherirren um das Privateigentum ist, von dem, auch wenn es irgendeinmal zur sozialen Revolution führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen. Ist es denn für die Arbeiter gleichgültig, ob sie in nächster Zeit oder nach einem langen Zeitraum, auf einem leichten oder schwierigen Wege das „gelobte Land" betreten werden? Es ist klar, jeder, der die spontane Bewegung verherrlicht und anbetet, der reißt, ob er will oder nicht, eine Kluft auf zwischen dem Sozialismus und der Arbeiterbewegung, mindert die Bedeutung der sozialistischen Ideologie herab, vertreibt sie aus dem Leben und unterwirft, ob er will oder nicht, die Arbeiter der bürgerlichen Ideologie, denn er begreift nicht, dass „die Sozialdemokratie die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus" ist, dass „jede Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung, jede Herabminderung der Rolle des gewussten Elementes´, der Rolle der Sozialdemokratie, zugleich - ganz unabhängig davon, ob derjenige, der diese Rolle herabmindert, das wünscht oder nicht - die Stärkung des Einflusses der bürgerlichen Ideologie auf die Arbeiter bedeutet" (Lenin, „Was tun?)

Wie? wird man uns fragen, neigt denn die Arbeiterklasse nicht zum Sozialismus hin? Jawohl, sie neigt zum Sozialismus hin. Wäre das nicht der Fall, so wäre die Tätigkeit der Sozialdemokratie zwecklos. Wahr ist aber auch, dass dieser Hinneigung eine andere Hinneigung gegenübersteht und hinderlich ist - die Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie.

Ich habe soeben gesagt, dass unser gesellschaftliches Leben von bürgerlichen Ideen durchtränkt ist, weshalb es viel leichter ist, die bürgerliche Ideologie zu verbreiten als die sozialistische. Man darf nicht vergessen, dass zu gleicher Zeit die bürgerlichen Ideologen nicht schlummern, dass sie sich auf ihre Art als Sozialisten verkleiden und unermüdlich versuchen, die Arbeiterklasse der bürgerlichen Ideologie zu unterwerfen. Wenn hierbei auch die Sozialdemokraten, gleich den „Ökonomisten", Maulaffen feilhalten und im Nachtrab der spontanen Bewegung einhertrotten (und die Arbeiterbewegung ist eben dann spontan, wenn die Sozialdemokratie sich so verhält), so leuchtet ganz von selbst ein, dass die spontane Arbeiterbewegung diesen ausgetretenen Weg beschreiten und sich der bürgerlichen Ideologie unterwerfen wird, selbstverständlich so lange, bis langwierige Irrungen und Qualen sie dazu nötigen, mit der bürgerlichen Ideologie zu brechen und der sozialen Revolution entgegenzustreben.
Eben dies heißt Hinneigung zur bürgerlichen Ideologie.

Die Sozialdemokratie ist der Vortrupp des Proletariats (K. Marx, „Manifest"), und hat die Pflicht, stets an der Spitze des Proletariats zu marschieren, die Pflicht, „die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Tradeunionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen" (Lenin, „Was tun?") Es ist die Pflicht der Sozialdemokratie, das sozialistische Bewusstsein in die spontane Arbeiterbewegung hineinzutragen, die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus zu vereinigen und auf diese Weise dem Kampf des Proletariats sozialdemokratischen Charakter zu verleihen.

Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse aus eigenen Kräften nur ein tradeunionistisches Bewusstsein herauszuarbeiten vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgewachsen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an. Dies heißt selbstverständlich nicht, fährt Lenin fort, „dass die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhons und Weitlings (die beide Arbeiter waren), mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und so weit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern." " (Lenin, „Was tun?")

Es existieren kapitalistische Zustände. Es gibt Arbeiter und Unternehmer. Sie kämpfen gegeneinander. Der wissenschaftliche Sozialismus ist vorläufig nirgends zu sehen. Von einem wissenschaftlichen Sozialismus gab es nirgends auch nur eine Spur, als die Arbeiter bereits den Kampf führten... Jawohl, die Arbeiter kämpfen. Aber sie kämpfen isoliert gegen ihre Unternehmer, sie geraten in Konflikt mit den örtlichen Behörden: dort veranstalten sie Streiks, hier erscheinen sie in Versammlungen und auf Demonstrationen, dort verlangen sie von den Behörden Rechte, hier erklären sie den Boykott, die einen reden vom politischen Kampf, die anderen vom ökonomischen u. dgl. m. Aber das bedeutet noch nicht, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein haben, das bedeutet noch nicht, dass das Ziel ihrer Bewegung die Abschaffung der kapitalistischen Ordnung ist, dass sie von dem Sturz des Kapitalismus und der Errichtung der sozialistischen Ordnung ebenso überzeugt sind, wie sie von der Unvermeidlichkeit des Sonnenaufgangs überzeugt sind, dass sie die Eroberung ihrer politischen Herrschaft (der Diktatur des Proletariats) als das notwendige Werkzeug für den Sieg des Sozialismus betrachten usw.

Unterdessen entwickelt sich die Wissenschaft. Die Arbeiterbewegung lenkt allmählich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der größte Teil der Gelehrten gelangt zu dem Gedanken, dass die Arbeiterbewegung eine Rebellion Widerspenstiger sei, die man mit der Peitsche zur Vernunft bringen sollte. Andere wieder meinen, es sei die Pflicht der Reichen, den Armen irgendwelche Brosamen zuzuteilen, d.h. die Arbeiterbewegung sei eine Bewegung von Bettlern, deren Ziel es sei, Almosen zu erhalten. Und unter tausend solchen Gelehrten wird sich vielleicht nur einer finden, der an die Arbeiterbewegung wissenschaftlich herangeht, das ganze gesellschaftliche Leben wissenschaftlich erforscht, den Zusammenstoß der Klassen verfolgt, auf das Murren der Arbeiterklasse lauscht und schließlich wissenschaftlich beweist, dass die kapitalistische Ordnung durchaus nicht etwas Ewiges ist, dass sie ebenso vorübergehend ist wie der Feudalismus, dass ihr unvermeidlich die sie negierende sozialistische Ordnung folgen muss, die nur vom Proletariat vermittels der sozialen Revolution errichtet werden kann. Mit einem Wort, der wissenschaftliche Sozialismus wird herausgearbeitet.

Es versteht sich, dass es, wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf gäbe, auch keinen wissenschaftlichen Sozialismus gäbe. Wahr ist aber auch, dass jene wenigen, sagen wir Marx und Engels, den wissenschaftlichen Sozialismus nicht herausgearbeitet hätten, wenn sie nicht über wissenschaftliche Kenntnisse verfügt hätten.

Was ist wissenschaftlicher Sozialismus ohne Arbeiterbewegung? Ein Kompass, der, macht man von ihm keinen Gebrauch, nur verrosten kann, und dann müsste er über Bord geworfen werden.

Was ist Arbeiterbewegung ohne Sozialismus? Ein Schiff ohne Kompass, das auch so am anderen Ufer landen wird, das jedoch, wenn es einen Kompass hat, das Ufer bedeutend schneller erreichen und weniger Gefahren ausgesetzt sein würde.

Vereinigt beides, und ihr erhaltet ein prächtiges Schiff, das direkt nach dem anderen Ufer steuert und den Hafen unbeschädigt erreicht.

Vereinigt die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus, und ihr erhaltet die sozialdemokratische Bewegung, die auf direktem Wege dem „gelobten Land" entgegenstreben wird.

die spontane Arbeiterbewegung, die Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus, verflacht unvermeidlich und nimmt tradeunionistischen Charakter an - sie unterwirft sich der bürgerlichen Ideologie. Darf man hieraus den Schluss ziehen, der Sozialismus sei alles und die Arbeiterbewegung sei nichts? Natürlich nicht! So sprechen nur Idealisten. Irgendeinmal, nach sehr langer Zeit, wird die ökonomische Entwicklung die Arbeiterklasse unvermeidlich zur sozialen Revolution führen und sie folglich veranlassen, ganz und gar mit der bürgerlichen Ideologie zu brechen. Es handelt sich nur darum, dass dieser Weg sehr langwierig und schmerzhaft sein wird.

Anderseits wird der Sozialismus ohne die Arbeiterbewegung, auf welchem wissenschaftlichen Boden er auch entstanden sein möge, dennoch eine leere Phrase bleiben und seine Bedeutung verlieren. Kann man hieraus den Schluss ziehen, die Bewegung sei alles und der Sozialismus nichts? Natürlich nicht! So räsonieren nur Quasimarxisten, für die das Bewusstsein keinerlei Bedeutung hat, da es vom gesellschaftlichen Sein selbst geboren werde. Den Sozialismus kann man mit der Arbeiterbewegung vereinigen und dadurch aus einer leeren Phrase zu einer scharfen Waffe machen.

Die Schlussfolgerung?

Die Schlussfolgerung lautet: Die Arbeiterbewegung muss mit dem Sozialismus vereinigt werden, die praktische Tätigkeit und das theoretische Denken müssen in eins verschmelzen und dadurch der spontanen Arbeiterbewegung sozialdemokratischen Charakter verleihen, denn „die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus" („Das Erfurter Programm", Verlag des ZK, S. 94.) Dann wird der mit der Arbeiterbewegung vereinigte Sozialismus aus einer leeren Phrase in den Händen der Arbeiter zu der größten Macht werden. Dann wird die spontane Bewegung, zu einer sozialdemokratischen Bewegung geworden, mit raschen Schritten und auf sicherem Wege zur sozialistischen Ordnung schreiten.

Worin besteht also die Bestimmung der Sozialdemokratie Rußlands? Was müssen wir tun?

Es ist unsere Pflicht, die Pflicht der Sozialdemokratie, die spontane Bewegung der Arbeiter von dem tradeunionistischen Wege abzubringen und sie auf den sozialdemokratischen Weg zu bringen. Es ist unsere Pflicht, in diese Bewegung das sozialistische Bewusstsein (das Marx und Engels herausgearbeitet haben.) hineinzutragen und die fortgeschrittenen Kräfte der Arbeiterklasse zu einer einzigen zentralisierten .Partei zu vereinigen. Es ist unsere Aufgabe, stets an der Spitze der Bewegung zu marschieren und unermüdlich alle zu bekämpfen - ob Feind oder „Freund" -, die die Verwirklichung dieser Aufgaben behindern.

"Man sagt oft: die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen. Das ist vollkommen richtig in dem Sinne, dass die sozialistische Theorie tiefer und richtiger als jede andere die Ursachen des Elends der Arbeiterklasse aufzeigt; darum wird sie von den Arbeitern auch so leicht erfaßt...“ (Lenin, „Was tun?")

„Der Proletarier ist nichts als isoliertes Individuum. Seine ganze Kraft, sein ganzes Fortschreiten, alle seine Erwartungen und Hoffnungen schöpft er aus der Organisation..." Eben deshalb lässt er sich weder von einem persönlichen Vorteil noch von persönlichem Ruhm hinreißen, er „erfüllt seine Pflicht auf jedem Posten, auf den er gestellt wird, in freiwilliger Disziplin, die sein ganzes Fühlen und Denken erfüllt." (Siehe Lenin, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück")

 

1906

Der Klassenkampf

1906

 

Die "Fabrikgesetzgebung" und der proletarische Kampf

 

 

aus: "Anarchismus oder Sozialismus ?" - 1906

Es brach eine Zeit an, wo eine Unterscheidung zwischen „Mein“ und „Dein“ in die Produktion eindrang, - da nahm auch das Eigentum einen privaten, individualistischen Charakter an, und deshalb wurde das Bewusstsein der Menschen von dem Gefühl des Privateigentums durchdrungen. Es bricht eine Zeit an, die Gegenwart, wo die Produktion abermals gesellschaftlichen Charakter annimmt, folglich wird auch das Eigentum bald gesellschaftlichen Charakter annehmen, - und eben deshalb wird das Bewusstsein der Menschen allmählich vom Sozialismus durchdrungen.

Ein einfaches Beispiel. Man stelle sich einen Schuhmacher vor, der eine winzige Werkstätte besessen hat, aber nicht mit den großen Unternehmern konkurrieren konnte, seine Werkstätte zugemacht und sich, sagen wir, in die Schuhfabrik von Adelchanow in Tiflis verdingt hat. Er ist in Adelchanows Fabrik eingetreten, aber nicht, um zu einem ständigen Lohnarbeiter zu werden, sondern um zu Geld zu kommen, sich ein kleines Kapital zusammenzusparen und dann seine Werkstätte wieder aufzumachen. Wie man sieht, sind die Verhältnisse dieses Schuhmachers bereits proletarisch, sein Bewusstsein aber ist vorläufig noch kein proletarisches, sondern ein durch und durch kleinbürgerliches. Mit anderen Worten, die Verhältnisse dieses Schuhmachers sind bereits nicht mehr kleinbürgerlich, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind verschwunden, aber sein kleinbürgerliches Bewusstsein ist noch nicht verschwunden, es ist hinter seiner faktischen Lage zurückgeblieben.

Es ist klar, dass auch hier, im gesellschaftlichen Leben, sich zuerst die äußeren Bedingungen ändern - zuerst ändert sich die Lage der Menschen, und dann ändert sich dementsprechend ihr Bewusstsein.

Kehren wir jedoch zu unserem Schuhmacher zurück. Wie wir bereits wissen, gedenkt er zu Geld zu kommen, um dann seine Werkstätte zu eröffnen. Der proletarisierte Schuhmacher arbeitet und sieht, dass es sehr schwer ist, zu Geld zu kommen, da der Arbeitslohn kaum für die nackte Existenz reicht. Außerdem bemerkt er, dass auch die Eröffnung einer privaten Werkstätte nicht gar so verlockend ist: die Mietzahlung, die Launen der Kunden, der Geldmangel, die Konkurrenz der Großunternehmer und ähnliche Plagen - so viele Sorgen bedrücken den privaten Meister. Demgegenüber ist der Proletarier relativ frei von solchen Sorgen, ihn beunruhigt weder der Kunde noch die Mietzahlung, er kommt morgens in die Fabrik, geht „unbekümmert“ am Abend wieder weg und steckt am Sonnabend ebenso unbekümmert seine „Lohntüte“ in die Tasche. Hier werden den kleinbürgerlichen Träumen unseres Schuhmachers zum ersten Mal die Flügel beschnitten, hier entstehen in seiner Seele zum ersten Mal proletarische Bestrebungen.

Die Zeit vergeht, und unser Schuhmacher sieht, dass das Geld nicht einmal für das Notwendigste reicht, dass er eine Erhöhung des Arbeitslohns äußerst nötig hat. Gleichzeitig merkt er, dass seine Kollegen von irgendwelchen Verbänden und Streiks reden. Hier wird unser Schuhmacher sich dessen bewusst, dass es zwecks Verbesserung seiner Lage notwendig ist, gegen die Unternehmer zu kämpfen, nicht aber eine eigene Werkstätte aufzumachen. Er tritt in den Verband ein, schließt sich der Streikbewegung an und gerät bald in den Bann der sozialistischen Ideen...

Auf diese Weise folgte der Veränderung der materiellen Lage des Schuhmachers schließlich eine Veränderung seines Bewusstseins: zuerst änderte sich seine materielle Lage und dann, einige Zeit später, änderte sich dementsprechend auch sein Bewusstsein.

Dasselbe muss auch von den Klassen und von der Gesellschaft im ganzen gesagt werden.

Im gesellschaftlichen Leben ändern sich ebenfalls zuerst die äußeren Bedingungen, es ändern sich zuerst die materiellen Bedingungen, und dann dementsprechend auch das Denken der Menschen, ihre Sitten, Gewohnheiten, ihre Weltanschauung.

Deshalb sagt Marx:

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Weshalb heimsen gerade die Kapitalisten, und nicht die Proletarier selbst, die Früchte der Arbeit der Proletarier ein? Weshalb beuten die Kapitalisten die Proletarier aus, und nicht die Proletarier die Kapitalisten?

Weil die kapitalistische Ordnung auf der Warenproduktion beruht: hier nimmt alles die Form der Ware an, überall herrscht das Prinzip des Kaufs und Verkaufs. Hier kann man nicht nur Verbrauchsgüter, nicht nur Nahrungsmittel kaufen, sondern auch die Arbeitskraft von Menschen, ihr Blut, ihr Gewissen. Die Kapitalisten wissen alles dies und kaufen die Arbeitskraft der Proletarier, nehmen sie in Dienst. Dies bedeutet aber, dass die Kapitalisten zu Eigentümern der von ihnen gekauften Arbeitskraft werden. Die Proletarier dagegen verlieren das Recht auf diese verkaufte Arbeitskraft. Dies bedeutet, dass alles, was durch diese Arbeitskraft erzeugt wird, nun nicht mehr den Proletariern gehört, sondern nur den Kapitalisten und in ihre Tasche wandert. Es ist möglich, dass die von euch verkaufte Arbeitskraft täglich für 100 Rubel Waren erzeugt, aber das geht euch nichts an und gehört euch nicht, das geht nur die Kapitalisten an und gehört ihnen, - ihr habt nur euren täglichen Arbeitslohn zu bekommen, der vielleicht hinreicht, um eure dringenden Bedürfnisse zu befriedigen - natürlich nur, wenn ihr sparsam lebt. Kurzum, die Kapitalisten kaufen die Arbeitskraft der Proletarier, sie nehmen die Proletarier in Dienst, und eben deshalb heimsen die Kapitalisten die Früchte der Arbeit der Proletarier ein, eben deshalb beuten die Kapitalisten die Proletarier aus, und nicht die Proletarier die Kapitalisten.

Weshalb aber kaufen gerade die Kapitalisten die Arbeitskraft der Proletarier? Weshalb verdingen sich die Proletarier an die Kapitalisten, und nicht die Kapitalisten an die Proletarier?

Weil die Hauptgrundlage der kapitalistischen Ordnung das Privateigentum an den Produktionsinstrumenten und -mitteln ist. Weil die Fabriken, die Werke, der Boden und seine Schätze, die Waldungen, die Eisenbahnen, die Maschinen und andere Produktionsmittel zum Privateigentum einer kleinen Handvoll von Kapitalisten geworden sind. Weil die Proletarier alles dessen beraubt sind. Eben deshalb stellen die Kapitalisten die Proletarier ein, um die Fabriken und Werke in Betrieb zu setzen - sonst würden ihre Produktionsinstrumente und -mittel keinen Profit abwerfen. Eben deshalb verkaufen die Proletarier ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten - sonst würden sie Hungers sterben.

Alles dies wirft Licht auf den gesamten Charakter der kapitalistischen Produktion. Erstens versteht es sich von selbst, dass die kapitalistische Produktion nichts Einheitliches und Organisiertes sein kann: sie ist ganz und gar in Privatbetriebe der einzelnen Kapitalisten zersplittert. Zweitens ist es ebenfalls klar, dass das direkte Ziel dieser zersplitterten Produktion nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung ist, sondern die Produktion von Waren für den Verkauf zwecks Steigerung des Profits der Kapitalisten. Da jedoch alle Kapitalisten nach der Steigerung ihres Profits streben, so ist jeder von ihnen bemüht, möglichst viele Waren zu produzieren, wodurch der Markt rasch überfüllt wird, die Warenpreise fallen und eine allgemeine Krise eintritt.

Somit sind die Krisen, die Arbeitslosigkeit, die Stockungen in der Produktion, die Anarchie der Produktion und dergleichen mehr das direkte Resultat der Unorganisiertheit der modernen kapitalistischen Produktion.

* * *

Die zukünftige Gesellschaft ist die sozialistische Gesellschaft. Dies bedeutet ferner, dass dort zusammen mit der Ausbeutung auch die Warenproduktion und der Kauf und Verkauf beseitigt sein werden, so dass es dort keinen Platz geben wird für Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, für Unternehmer und Lohnarbeiter, - es wird dort nur freie Schaffende geben.

Die zukünftige Gesellschaft ist die sozialistische Gesellschaft. Dies bedeutet schließlich, dass dort zusammen mit der Lohnarbeit auch jedes Privateigentum an den Produktionsinstrumenten und -mitteln aufgehoben sein wird, dort wird es keine armen Proletarier und keine reichen Kapitalisten geben, - dort wird es nur Schaffende geben, die kollektiv den ganzen Boden und seine Schätze, alle Waldungen, alle Fabriken und Werke, alle Eisenbahnen usw. besitzen.

Wie man sieht, ist das Hauptziel der zukünftigen Produktion die unmittelbare Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft, und nicht die Produktion von Waren für den Verkauf um der Steigerung des Profits der Kapitalisten willen. Hier wird es keinen Platz geben für die Warenproduktion, für den Kampf um Profite usw.

Klar ist ferner auch, dass die zukünftige Produktion eine sozialistisch organisierte, hoch entwickelte Produktion sein wird, die die Bedürfnisse der Gesellschaft berücksichtigen und nur genau soviel produzieren wird, wie die Gesellschaft braucht. Hier wird es keinen Platz geben für zersplitterte Produktion, für Konkurrenz, Krisen und Arbeitslosigkeit.

Wo es keine Klassen gibt, wo es keine Reichen und Armen gibt, da bedarf man auch keines Staates, da bedarf man auch keiner politischen Gewalt, die die Armen bedrängt und die Reichen schützt. Folglich wird die sozialistische Gesellschaft auch nicht der Existenz einer politischen Gewalt bedürfen.

Schließlich ist es augenscheinlich, dass die freie und kameradschaftliche Arbeit eine ebenso kameradschaftliche und restlose Befriedigung aller Bedürfnisse in der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft zur Folge haben muss. Dies bedeutet aber, dass, wenn die zukünftige Gesellschaft von jedem ihrer Mitglieder genau soviel Arbeit verlangt, wie er leisten kann, sie ihrerseits jedem so viel Produkte zur Verfügung stellen muss, wie er nötig hat. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! - auf dieser Grundlage muss die zukünftige kollektivistische Ordnung errichtet werden. Selbstverständlich werden auf der ersten Stufe des Sozialismus, wo noch nicht an die Arbeit gewöhnte Elemente sich in das neue Leben eingliedern werden, auch die Produktivkräfte noch nicht genügend entwickelt sein, es wird noch „schwarze“ und „weiße“ Arbeit geben, die Verwirklichung des Prinzips - „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ - wird zweifellos stark erschwert sein, weshalb die Gesellschaft gezwungen sein wird, zeitweilig einen anderen, mittleren Weg zu beschreiten. Klar ist aber auch, dass, wenn die zukünftige Gesellschaft in Fluss gekommen ist, wenn die Überbleibsel des Kapitalismus mit der Wurzel ausgerodet sein werden, das einzige Prinzip, das der sozialistischen Gesellschaft entspricht, das oben erwähnte Prinzip sein wird.

Woher wissen wir, dass der proletarische Sozialismus von Marx nicht lediglich ein schöner Traum, ein Phantasiegebilde ist? Wo sind die wissenschaftlichen Beweise hierfür?

Die Geschichte zeigt, dass die Form des Eigentums unmittelbar abhängt von der Form der Produktion, weshalb mit einer Veränderung der Form der Produktion sich früher oder später auch die Form des Eigentums unvermeidlich ändert. Es gab eine Zeit, wo das Eigentum kommunistischen Charakter trug, wo die Wälder und Felder, in denen die Urmenschen umherstreiften, allen gehörten, nicht aber einzelnen Personen. Weshalb gab es damals ein kommunistisches Eigentum? Weil die Produktion kommunistisch war, weil die Arbeit gemeinsam, kollektiv war, - alle arbeiteten vereint und konnten ohne einander nicht auskommen. Es kam eine andere Zeit, die Zeit der kleinbürgerlichen Produktion, wo das Eigentum individualistischen (privaten) Charakter annahm, wo alles, was der Mensch brauchte (natürlich mit Ausnahme der Luft, des Sonnenlichts usw.), als Privateigentum anerkannt wurde. Weshalb trat diese Veränderung ein? Weil die Produktion individualistisch wurde, weil jeder für sich selbst zu arbeiten begann und sich in seine Ecke verkroch. Schließlich bricht eine Zeit an, die Zeit der kapitalistischen Großproduktion, wo Hunderte und Tausende von Arbeitern sich unter einem Dach, in einer Fabrik zusammenfinden und gemeinsame Arbeit leisten. Hier sieht man nicht die alte Arbeit voneinander getrennter Menschen, wo jeder nur an sich dachte, - hier sind jeder Arbeiter und alle Arbeiter jeder Werkabteilung in der Arbeit eng mit ihren Kameraden aus ihrer Werkabteilung und ebenso mit den anderen Werkabteilungen verbunden. Es genügt, dass irgendeine Werkabteilung stillsteht damit die Arbeiter der ganzen Fabrik ohne Arbeit bleiben. Wie man sieht, hat der Produktionsprozess, die Arbeit, bereits gesellschaftlichen Charakter, eine sozialistische Prägung, angenommen. Und das geschieht nicht nur in den einzelnen Fabriken, sondern auch in ganzen Produktionszweigen und zwischen den Produktionszweigen: es brauchen nur die Eisenbahnarbeiter zu streiken, damit die Produktion in eine schwere Lage gerät, es braucht nur die Erdöl- und Steinkohlengewinnung stillzustehen, damit einige Zeit später ganze Fabriken und Werke stillgelegt werden. Es ist klar, dass der Produktionsprozess hier gesellschaftlichen, kollektiven Charakter angenommen hat. Da nun dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion der private Charakter der Aneignung nicht entspricht, da die moderne kollektive Arbeit unvermeidlich zum kollektiven Eigentum führen muss, so ist es von selbst klar, dass die sozialistische Ordnung mit der gleichen Unvermeidlichkeit dem Kapitalismus folgen wird, wie der Nacht der Tag folgt.

So begründet die Geschichte die Unvermeidlichkeit des proletarischen Sozialismus von Marx.

Es bricht eine Zeit an, die Zeit der kapitalistischen Großproduktion, wo die Proletarier die Hauptrolle in der Produktion zu spielen beginnen, wo alle wichtigen Produktionsfunktionen an sie übergehen, wo ohne sie die Produktion keinen einzigen Tag funktionieren kann (erinnern wir uns der Generalstreiks), wo die Kapitalisten nicht nur für die Produktion unnötig sind, sondern sie sogar behindern. Was aber bedeutet dies? Dies bedeutet, dass entweder alles gesellschaftliche Leben völlig zusammenbrechen muss, oder dass das Proletariat früher oder später, aber unvermeidlich, zum Herrn der modernen Produktion, zu ihrem einzigen Eigentümer, ihrem sozialistischen Eigentümer werden muss.

Die modernen Industriekrisen, die das kapitalistische Eigentum zu Grabe läuten und entschieden die Frage stellen: entweder Kapitalismus oder Sozialismus - machen diese Schlussfolgerung ganz augenscheinlich, enthüllen anschaulich den Parasitismus der Kapitalisten und die Unvermeidlichkeit des Sieges des Sozialismus.

das Proletariat kann nicht durch Versöhnung mit der Bourgeoisie zum Sozialismus gelangen, - es muss unbedingt den Weg des Kampfes beschreiten, und dieser Kampf muss ein Klassenkampf, ein Kampf des gesamten Proletariats gegen die gesamte Bourgeoisie sein. Entweder die Bourgeoisie mit ihrem Kapitalismus, oder das Proletariat mit seinem Sozialismus! Darauf müssen die Aktionen des Proletariats, sein Klassenkampf beruhen.

Aber der Klassenkampf des Proletariats hat mannigfaltige Formen. Klassenkampf ist z.B. der Streik - ganz einerlei, ob er ein Teilstreik oder ein Generalstreik ist. Klassenkampf sind zweifellos der Boykott und die Sabotage. Klassenkampf sind auch Kundgebungen, Demonstrationen, Teilnahme an Vertretungskörperschaften u. a. - ganz einerlei, ob dies Landesparlamente oder örtliche Selbstverwaltungen sind. Alles dies sind verschiedene Formen ein und desselben Klassenkampfes. Wir wollen hier nicht untersuchen, welche dieser Kampfformen für das Proletariat in seinem Klassenkampf von größerer Bedeutung sind, wir bemerken nur, dass das Proletariat jede von ihnen zur rechten Zeit und am rechten Ort unbedingt braucht als das notwendige Mittel zur Entwicklung seines Selbstbewusstseins und seiner Organisiertheit. Selbstbewusstsein und Organisiertheit aber braucht das Proletariat so notwendig wie die Luft. Es muss aber auch bemerkt werden, dass für das Proletariat alle diese Kampfformen nur vorbereitende Mittel sind, dass keine dieser Formen, einzeln genommen, ein entscheidendes Mittel ist, mit dessen Hilfe das Proletariat dem Kapitalismus den Garaus machen könnte. Man kann den Kapitalismus nicht durch den Generalstreik allein aus der Welt schaffen: der Generalstreik kann nur einige Voraussetzungen für die Abschaffung des Kapitalismus vorbereiten. Es ist undenkbar, dass das Proletariat den Kapitalismus nur durch seine Beteiligung am Parlament stürzen könnte: mit Hilfe des Parlamentarismus können nur einige Voraussetzungen für den Sturz des Kapitalismus vorbereitet werden.

Worin besteht dann das entscheidende Mittel, mit dessen Hilfe das Proletariat die kapitalistische Ordnung stürzen wird? Dieses Mittel ist die sozialistische Revolution. Streiks, Boykott, Parlamentarismus, Kundgebungen, Demonstrationen - alle diese Kampfformen sind gut als Mittel, die das Proletariat schulen und organisieren. Aber kein einziges dieser Mittel ist imstande, die bestehende Ungleichheit zu beseitigen. Es ist notwendig, dass alle diese Mittel zu einem entscheidenden Hauptmittel konzentriert werden, das Proletariat muss sich erheben und zu einem entschlossenen Angriff auf die Bourgeoisie übergehen, um den Kapitalismus bis auf den Grund zu zerstören. Eben dieses entscheidende Hauptmittel ist die sozialistische Revolution.

Die sozialistische Revolution darf nicht als plötzlicher und kurz dauernder Schlag betrachtet werden, - sie ist ein lang andauernder Kampf der proletarischen Massen, die der Bourgeoisie eine Niederlage beibringen und ihre Positionen besetzen. Da nun der Sieg des Proletariats gleichzeitig die Herrschaft über die besiegte Bourgeoisie ist, da während des Zusammenstoßes der Klassen die Niederlage der einen Klasse die Herrschaft der anderen bedeutet - so wird die erste Stufe der sozialistischen Revolution die politische Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie sein.

Sozialistische Diktatur des Proletariats, Ergreifung der Macht durch das Proletariat - damit muss die sozialistische Revolution beginnen.

Dies bedeutet aber, dass, solange die Bourgeoisie nicht völlig besiegt ist, solange ihr Reichtum nicht beschlagnahmt worden ist, das Proletariat unbedingt über eine militärische Macht verfügen muss, es unbedingt seine „proletarische Garde“ haben muss, mit deren Hilfe es die konterrevolutionären Attacken der sterbenden Bourgeoisie zurückschlagen wird, genau so, wie dies beim Pariser Proletariat während der Kommune der Fall war.

Die sozialistische Diktatur des Proletariats aber ist notwendig, damit das Proletariat mit ihrer Hilfe die Bourgeoisie expropriieren, damit es mit ihrer Hilfe der ganzen Bourgeoisie den Boden, die Waldungen, die Fabriken und Werke, die Maschinen, die Eisenbahnen usw. abnehmen kann.

Expropriation der Bourgeoisie - dazu muss die sozialistische Revolution führen.

Dies ist das wichtigste und entscheidende Mittel, mit dessen Hilfe das Proletariat die heutige kapitalistische Ordnung stürzen wird.

Also, für die Verwirklichung des Sozialismus ist die sozialistische Revolution notwendig, die sozialistische Revolution aber muss mit der Diktatur des Proletariats beginnen, d. h. das Proletariat muss die politische Macht in seine Hände nehmen, um mit ihrer Hilfe die Bourgeoisie zu expropriieren.

Für alles dies aber sind die Organisiertheit des Proletariats, der Zusammenschluss des Proletariats, seine Vereinigung, die Schaffung starker proletarischer Organisationen und ihr unaufhörliches Wachstum notwendig.

Welche Formen aber müssen die Organisationen des Proletariats annehmen?

Die verbreitesten Massenorganisationen sind die Gewerkschaften und die Arbeitergenossenschaften (vorwiegend Produktiv- und Konsumgenossenschaften). Der Zweck der Gewerkschaftsverbände ist der Kampf (hauptsächlich) gegen das Industriekapital, für die Verbesserung der Lage der Arbeiter im Rahmen des heutigen Kapitalismus. Der Zweck der Genossenschaften ist der Kampf (hauptsächlich) gegen das Handelskapital, für die Erweiterung des Konsums der Arbeiter durch Senkung der Preise für Waren des dringenden Bedarfs, selbstverständlich wiederum im Rahmen des Kapitalismus. Sowohl die Gewerkschaften als auch die Genossenschaften sind für das Proletariat unbedingt notwendig als Mittel, die die proletarischen Massen organisieren. Deshalb muss das Proletariat vom Standpunkt des proletarischen Sozialismus von Marx und Engels sich unbedingt an diese beiden Organisationsformen halten, sie festigen und stärken - versteht sich, soweit die vorhandenen politischen Bedingungen dies erlauben.

Aber Gewerkschaften und Genossenschaften allein können den organisatorischen Bedürfnissen des kämpfenden Proletariats nicht Genüge leisten, und zwar deshalb, weil die erwähnten Organisationen den Rahmen des Kapitalismus nicht überschreiten können, denn ihr Zweck ist die Verbesserung der Lage der Arbeiter im Rahmen des Kapitalismus. Die Arbeiter aber wollen die volle Befreiung von der kapitalistischen Knechtschaft, sie wollen eben diesen Rahmen sprengen, und sich nie bloß im Rahmen des Kapitalismus bewegen. Folglich bedarf es noch einer Organisation, die die klassenbewussten Elemente der Arbeiter aller Berufe um sich schart, das Proletariat in eine ihrer selbst bewusste Klasse verwandelt und sich die Zertrümmerung der kapitalistischen Zustände, die Vorbereitung der sozialistischen Revolution zum Hauptziel setzt.

Eine solche Organisation ist die sozialdemokratische Partei des Proletariats.

Diese Partei muss eine Klassenpartei sein, die von den anderen Parteien völlig unabhängig ist, und zwar deshalb, weil sie die Partei der Klasse der Proletarier ist, deren Befreiung nur das Werk ihrer eigenen Hände sein kann.

Diese Partei muss eine revolutionäre Partei sein, und zwar deshalb, weil die Befreiung der Arbeiter nur auf revolutionärem Wege, nur mit Hilfe der sozialistischen Revolution möglich ist.

Diese Partei muss eine internationale Partei sein, die Tore der Partei müssen jedem klassenbewussten Proletarier offen stehen, und zwar deshalb, weil die Befreiung der Arbeiter keine nationale, sondern eine soziale Frage ist, von gleicher Bedeutung für den georgischen Proletarier wie für den russischen Proletarier und die Proletarier der anderen Nationen.

Hieraus folgt klar: Je enger sich die Proletarier der verschiedenen Nationen zusammenschließen, je gründlicher die zwischen ihnen aufgerichteten nationalen Schranken niedergerissen werden, desto stärker wird die Partei des Proletariats sein, desto mehr wird die Organisierung des Proletariats zu einer unteilbaren Klasse erleichtert.

Es ist deshalb notwendig, soweit dies möglich ist, in den Organisationen des Proletariats das Prinzip des Zentralismus im Gegensatz zu der föderalistischen Zersplitterung durchzuführen - ganz einerlei, ob es sich bei diesen Organisationen um die Partei, die Gewerkschaften oder die Genossenschaften handelt.

Klar ist ferner auch, dass sich alle diese Organisationen auf einer demokratischen Grundlage aufbauen müssen, soweit natürlich irgendwelche politischen und anderen Bedingungen dies nicht verhindern.

Welches müssen die gegenseitigen Beziehungen zwischen der Partei einerseits und den Genossenschaften und Gewerkschaften anderseits sein? Sollen diese letzteren unter der Führung der Partei stehen oder parteilos sein? Die Entscheidung dieser Frage hängt davon ab, wo und unter welchen Bedingungen das Proletariat zu kämpfen hat. Es steht jedenfalls außer Zweifel, dass sich die Gewerkschaften wie auch die Genossenschaften um so besser entwickeln, je freundschaftlicher ihre Beziehungen zu der sozialistischen Partei des Proletariats sind, und zwar deshalb, weil diese beiden ökonomischen Organisationen, wenn sie nicht einer starken sozialistischen Partei nahe stehen, nicht selten verflachen, die Interessen der Gesamtklasse zugunsten rein beruflicher Interessen vergessen und dadurch dem Proletariat großen Schaden zufügen. Deshalb ist es notwendig, in allen Fällen den ideologisch-politischen Einfluss der Partei auf die Gewerkschaften und Genossenschaften sicherzustellen. Nur unter dieser Bedingung werden die erwähnten Organisationen zu jener sozialistischen Schule werden, die das in einzelne Gruppen zersplitterte Proletariat zu einer ihrer selbst bewussten Klasse organisieren.

 

 

1908

Stalin Werke Band 2

 

 

Noch einmal über die Beratung mit Garantien

Was besagen uns die Streiks der letzten Zeit?

Ein Umschwung in der Taktik der Erdölindustriellen

Wir müssen uns rüsten!

Der ökonomische Terror und die Arbeiterbewegung

Die Erdölindustriellen über den ökonomischen Terror

Die Presse

Die Beratung und die Arbeiter

 

1909

 

Zu dem bevorstehenden allgemeinen Streik

Briefe aus dem Kaukasus - I. Baku

Briefe aus dem Kaukasus - II. Tiflis

 

1910

 

August Bebel, der Führer der deutschen Arbeiter

 

1912

Für die Partei

 

Es lebe der 1. Mai!

 

 

Ein neuer Abschnitt

 

 

Parteilose Sonderlinge

 

 

Das Leben siegt!

 

 

In Gang gekommen!...

 

 

Die Schlussfolgerungen

 

 

Wählerauftrag der Petersburger Arbeiter an ihren Arbeiterdeputieten

 

1913

 

An alle Arbeiter und Arbeiterinnen Russlands!

 

 

Die Wahlen in Petersburg

 

 

Der Jahrestag des Lena-Gemetzels

 

 

1917

Stalin Werke Band 3

 

 

Zwei Resolutionen

 

 

Der 1. Mai

 

 

Gegen zersplitterte Demonstrationen

 

 

An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds

 

 

Was ist geschehen?

 

 

An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds

 

 

Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (Bolschewiki)

 

 

Was wollen die Kapitalisten?

 

DER EISENBAHNERSTREIK
UND DIE BANKROTTEURE DES DEMOKRATISMUS 

Der Eisenbahnerstreik begann am 24. September und endete am 26. September 1917. Die Arbeiter und Angestellten der Eisenbahn verlangten Erhöhung der Löhne und Gehälter, Einführung des Achtstundentags und Verbesserung der Lebensmittelversorgung. Der Streik erfasste alle Eisenbahnen des Landes und fand bei den Industriearbeitern Sympathie und Unterstützung.

Der grandios angelegte und großartig organisierte Eisenbahnerstreikgeht offenbar zu Ende. Sieger geblieben sind die Eisenbahner, denn es versteht sich von selbst, dass das Kartenhaus der Koalition des gemeinsamen Lagers Kornilows und der "Vaterlandsverteidiger" dem wuchtigen Ansturm der gesamten Demokratie des Landes nicht standzuhalten vermag. Heute sind sich alle darüber im klaren, dass der Streik nicht durch den bösen Willen der Eisenbahner "hervorgerufen" wurde, sondern durch die antirevolutionäre Politik des Direktoriums. Heute sind sich alle darüber im klaren, dass der Streik dem Lande nicht durch die Eisenbahnerkomitees aufgezwungen wurde, sondern durch die konterrevolutionären Drohungen Kerenskis und Nikitins. Heute sind sich alle darüber im klaren, dass das Scheitern dieses Streiks die wahrscheinliche Militarisierung der Eisenbahnen und die ... Festigung der Macht der imperialistischen Bourgeoisie bedeutet hätte. Die Eisenbahner haben recht, wenn sie auf die von Kerenski und Nikitin ausgehenden unwürdigen Verleumdungen mit der folgenden vernichtenden Anklage antworten:

Nicht wir, Bürger Kerenski und Nikitin, haben Landesverrat begangen, sondern Sie haben Ihre Ideale verraten, und die Provisorische Regierung hat ihre Versprechungen nicht gehalten, und jetzt können uns keinerlei Worte und Drohungen noch einmal Einhalt gebieten."

All das ist, wie gesagt, klar und jedermann bekannt.

Indessen gibt es, wie sich herausstellt, Menschen auf der Welt, die sich Demokraten nennen und es dennoch für zulässig halten, in diesem schweren Augenblick einen Stein auf die Eisenbahner zu werfen, ohne zu begreifen oder begreifen zu wollen, dass sie damit Wasser auf die Mühle der Kannibalen von der "Rjetsch" und vom "Nowoje Wremja" leiten.

Wir sprechen von der Redaktion der menschewistischen "Rabotschaja Gaseta".

Die Zeitung beschuldigt die Streikführer, dass sie "der Elementargewalt entgegengekommen sind", indem sie den Streik proklamierten, und erklärt drohend:

"Dies wird die Demokratie dem Generalstab der Eisenbahner nicht verzeihen. So leicht setzt man die Interessen des ganzen Landes, der ganzen Demokratie nicht aufs Spiel" ("Rabotschaja Gaseta" Nr. 170).

Unglaublich, aber wahr: Eine heruntergekommene Zeitung, die nichts von Demokratie an sich hat, hält sich für berechtigt, gegen die wahre Demokratie, gegen die werktätigen Eisenbahner, Drohungen auszustoßen.

"Die Demokratie wird dies nicht verzeihen" ... Aber im Namen welcher Demokratie sprechen Sie eigentlich, meine Herren von der "Rabotschaja Gaseta"?

Etwa im Namen jener Demokratie der Sowjets, die von Ihnen abgerückt ist und deren Willen Sie auf der Beratung verfälscht haben? Aber wer hat Ihnen das Recht gegeben, im Namen dieser Demokratie zu sprechen?

Oder belieben Sie vielleicht im Namen der Zereteli und Dan, der Liber und der anderen Fälscher zu sprechen, die auf der Beratung den Willen der Sowjets verfälscht und die Beratung selbst bei den "Verhandlungen" im Winterpalast verraten haben?

Aber wer hat Ihnen das Recht gegeben, diese Verräter der Demokratie mit der "Demokratie des ganzen Landes" zu identifizieren?

Werden Sie jemals begreifen, dass die Wege der "Rabotschaja Gaseta" und der "Demokratie des ganzen Landes" unwiderruflich auseinander gegangen sind?

Klägliche Bankrotteure des Demokratismus...

 

 

Der Feldzug gegen die Arbeiter

 

 

Eine papierene Koalition

 

 

DER HUNGER IN DEN FABRIKEN  

Von einer noch schwereren Prüfung sind die Fabrikbezirke betroffen. Die Hungersnot, die nicht zum ersten Mal die Fabrikbevölkerung heimsucht, wütet hier jetzt ganz besonders. Rußland, das vor dem Kriege jährlich 400 bis 500 Millionen Pud Getreide ausführte, zeigt sich heute, während des. Krieges, außerstande, seine eigenen Arbeiter zu ernähren. In den Fabriken wird die Arbeit stillgelegt, die Arbeiter verlassen ihre Arbeitsstellen, weil es in den Fabrikbezirken kein Brot, keine Nahrungsmittel gibt.

Aus verschiedenen Gegenden gehen die folgenden Nachrichten ein:

"Aus Schuja wird telegrafiert: Im ganzen Kreis haben die Sägereien den Betrieb eingestellt. Es gibt kein Brot. Der Korjukowoer Zuckerraffinerie droht die Stilllegung, da die Arbeiter keine Lebensmittel erhalten. Die Rüben beginnen zu faulen. Die 12 000 Personen zählende Fabrikbevölkerung der Jarzewoer Baumwollspinnerei und -weberei (Gouvernement Smolensk) befindet sich in einer ausweglosen Lage. Die Mehl- und Grützevorräte sind vollständig erschöpft. Das Ernährungskomitee des Gouvernements ist außerstande zu helfen. Unter den Arbeitern, die keine Nahrungsmittel erhalten, beginnt es zu gären. Unruhen sind unvermeidlich. Der Ältestenrat der Schreibpapierfabrik der Firma Kuwschinow (Gouvernement Twer) telegrafiert: Die Arbeiter stehen vor dem Hunger. Brot ist nirgends zu beschaffen. Ersuchen um sofortige Hilfe. Die Fabrikdirektion der Firma Morokin in Witschuga telegrafiert: Die Ernährungsfrage nimmt einen bedrohlichen Charakter an. Die Arbeiter hungern und geraten in Gärung. Es sind außerordentliche Versorgungsmaßnahmen erforderlich. Das Betriebskomitee der gleichen Firma hat an das Ministerium folgendes Telegramm gerichtet: Ersuchen inständig um vordringliche Belieferung der Arbeiter mit Mehl, da Hungersnot ausgebrochen ist."

Das sind die Tatsachen.

Die landwirtschaftlichen Bezirke klagen darüber, dass sie aus den Fabrikbezirken unglaublich wenig Waren erhalten. Infolgedessen liefern sie den Fabrikbezirken auch entsprechend wenig Getreide. Der Getreidemangel in den Fabrikbezirken aber führt zur Abwanderung der Arbeiter aus den Fabriken, zur Einschränkung der Arbeit der Fabriken und damit zu einer weiteren Verminderung der ins Dorf gelangenden Warenmenge, was seinerseits eine neue Verringerung der in die Fabriken fließenden Getreidemenge, eine neue Verschlimmerung des Hungers in den Fabriken und eine neue Flucht von Arbeitern aus den Fabriken hervorruft.

Es fragt sich:

Wo ist der Ausweg aus diesem verwunschenen Kreis, der die Arbeiter und Bauern in einer eisernen Umklammerung hält?

Was hat die so genannte Koalitionsregierung hier noch anderes zu bieten als berüchtigte "Diktatoren", die sie in geheimnisvoller Weise in die hungernden Industriebezirke entsendet?

Kommt es den Herren Paktierern zum Bewusstsein, dass die imperialistische Bourgeoisie, die sie bis heute unterstützen, Rußland in eine Sackgasse getrieben hat, aus der es keinen anderen Ausweg gibt als die Einstellung des räuberischen Krieges?

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 26,
3. Oktober 1917.

 

DIE VERSCHWÖRUNG GEGEN DIE REVOLUTION

Kornilow ist der Auffassung, dass man

"zur Erreichung der Kriegsziele" ... drei Armeen haben müsse: "eine in den Schützengräben sowie eine Arbeiterarmee und eine Eisenbahnerarmee im Hinterlande". Mit anderen Worten, es sei "notwendig", die militärische "Disziplin" mit allen ihren Konsequenzen auch auf die für die Landesverteidigung arbeitenden Betriebe und auf die Eisenbahnen auszudehnen, das heißt, es sei "notwendig", sie zu militarisieren.

Also: Todesstrafe an der Front, Todesstrafe im Hinterlande, Militarisierung der Betriebe und der Eisenbahnen, Verwandlung des Landes in ein "Kriegs"lager und, als Krönung des Ganzen, die Militärdiktatur unter Kornilows Vorsitz - das sind die Ziele, die sich die Verschwörergesellschaft gesetzt hatte.

Unsere Partei hatte Recht, als sie behauptete, dass die Partei der Volksfreiheit eine Partei der bürgerlichen Diktatur ist.

Unsere Partei hatte Recht, als sie behauptete, dass die Kerenskiregierung als Kulisse zur Verdeckung einer solchen Diktatur dient.

Jetzt, wo sich die Kornilowleute vom ersten Schlage erholt haben, beginnen die an der Macht stehenden Verschwörer erneut von der "Hebung der Kampffähigkeit der Armee" und der "Gesundung des Hinterlandes" zu reden.

Die Arbeiter und Soldaten dürfen nicht vergessen, dass die "Hebung der Kampffähigkeit der Armee" und die "Gesundung des Hinterlandes" die Todesstrafe im Hinterland und an der Front bedeuten.

Unsere Partei hatte Recht, als sie behauptete, dass die Kerenskiregierung eine Regierung der bürgerlichen Konterrevolution ist, die sich auf die Kornilowsche Konterrevolution stützt und sich von ihr nur durch eine gewisse "Unentschlossenheit" unterscheidet.

Unsere Partei hatte Recht, als sie behauptete, dass die ideologischen und politischen Fäden der Konterrevolution im Zentralkomitee der Kadettenpartei zusammenlaufen.

Wenn der konterrevolutionäre Plan der Petrograder und Mogilewer Verschwörer gescheitert ist, so sind daran nicht Kerenski und Kornilow oder Maklakow und Sawinkow schuld, sondern dieselben Sowjets, die von ihnen "auseinandergejagt" werden sollten, denen sie jedoch nicht standzuhalten vermochten.

Jetzt, da die Kornilowleute mit Hilfe der Paktierer die Macht erschlichen und sich erholt haben, wird der Kampf gegen die Sowjets erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Die Arbeiter und Soldaten dürfen nicht vergessen, dass sie Gefahr laufen, unter die eiserne Ferse der Militärdiktatur zu geraten, wenn sie die Sowjets in ihrem Kampf gegen die Regierung der

Die Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie

Aus den oben untersuchten Dokumenten ist ersichtlich, dass wir es "im Fall Kornilow" nicht mit einer "Meuterei" gegen die Provisorische Regierung, auch nicht einfach mit dem "Abenteuer" eines ehrgeizigen Generals zu tun haben, sondern mit einer regelrechten Verschwörung gegen die Revolution, mit einer organisierten und genau durchdachten Verschwörung. Worin besteht das charakteristische Merkmal der Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie?

In erster Linie darin, dass eine solche Diktatur die Herrschaft einer kriegslüsternen und ausbeutenden Minderheit über die werktätige und nach Frieden dürstende Mehrheit ist. Man lese das "Memorandum" Kornilows, man nehme Einblick in die "Verhandlungen" mit den Regierungsmitgliedern: Dort wird von Maßnahmen zur Unterdrückung der Revolution gesprochen, dort wird von Wegen zur Festigung des bürgerlichen Regimes und zur Verlängerung des imperialistischen Krieges gesprochen; doch findet man dort kein einziges Wort über die Bauern, die Land fordern, über die Arbeiter, die Brot fordern, über die Mehrheit der Staatsbürger, die nach Frieden dürsten. Ja, noch mehr, das ganze "Memorandum" geht von der Voraussetzung aus, dass es notwendig sei, die Massen mit eiserner Faust niederzuhalten, und dass die Zügel der Regierung sich in den Händen eines Häufleins von Diktatoren befinden müssten.

Zweitens darin, dass die Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie eine geheime, verhüllte Diktatur ist, die sich hinter den Kulissen verbirgt und die Massen irreführen soll. Man sehe sich das "Memorandum" an, und man wird erkennen, wie eifrig die Herren Verschwörer bestrebt waren, ihre dunklen Pläne und ihre Machinationen hinter den Kulissen nicht nur vor den Massen, sondern auch vor ihren Kollegen und Parteifreunden" geheim zu halten. Um die Massen zu betrügen, wurde der Plan eines "demokratischen" Vorparlaments zusammengebraut, denn wie kann von Demokratismus die Rede sein, wenn die Todesstrafe im Hinterland und an der Front eingeführt ist? Um die Massen zu betrügen, wurde das Aushängeschild "Republik Rußland" beibehalten, denn wie kann von einer Republik die Rede sein, wenn sich die uneingeschränkte Macht in den Händen eines Grüppchens von fünf Diktatoren befindet!

Schließlich darin, dass die Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie eine Diktatur ist, die sich auf die Gewaltanwendung gegen die Massen stützt. Eine andere "sichere" Stütze als die systematische Anwendung von Gewalt gegen die Massen hat eine solche Diktatur nicht und kann sie nicht haben. Todesstrafe im Hinterland und an der Front, Militarisierung der Industriebetriebe und Eisenbahnen, Erschießungen - das ist das Arsenal dieser Diktatur. "Demokratischer" Betrug, dem durch Gewalt nachgeholfen wird; Gewalt, die mit "demokratischem Betrug verhüllt wird - das ist das A und O der Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie.

Gerade eine solche Diktatur wollten die Verschwörer in Rußland errichten.

 

Die Arbeiter pflegen Streikbrecher auf einem Schubkarren vor die Fabrik zu befördern.

Die Streikbrecher der Revolution

 

 

1920

Stalin, Band 4

 

Rede bei der Eröffnung der I. Allrussischen Beratung der verantwortlichen Funktionäre der Arbeiter- und Bauerninspektion

 

1921 - 1923

Band 5

 

Unsere Meinungsverschiedenheiten in der Gewerkschaftsfrage

Unsere Meinungsverschiedenheiten

 

 

Brief an W. I. Lenin

Heranbringung von Materialien und Menschen, der Wiederherstellung der Betriebe, der Verteilung der Arbeitskräfte, der Beschaffung von Lebensmitteln, der Organisierung von Versorgungsstützpunkten und der Versorgung selbst usw.

 

 

Die Partei vor und nach der Machtergreifung

 

 

1923

DER XII. PARTEITAG DER KPR(B)

17. - 25. April 1923

- Auszug -

Der erste, der wichtigste Transmissionsriemen, der erste, wichtigste Übertragungsapparat, mit dessen Hilfe sich die Partei mit der Arbeiterklasse verbindet, sind die Gewerkschaften. Betrachtet man die Zahlen, die davon zeugen, wie dieser wichtigste Transmissionsriemen, der von der Partei zur Klasse führt, gefestigt worden ist, so hat die Partei während dieses Tätigkeitsjahres ihren Einfluss in den leitenden Organen der Gewerkschaften verstärkt und gefestigt. Ich will nicht von dem Allrussischen Zentralrat der Gewerkschaften sprechen. Seine Zusammensetzung ist allbekannt. Ich will auch nicht von den Zentralkomitees der Gewerkschaften sprechen. Ich habe hauptsächlich die Gouvernementsräte der Gewerkschaften im Auge. Im vorigen Jahr, zur Zeit unseres XI. Parteitags, betrug die Zahl der Vorsitzenden der Gouvernementsräte der Gewerkschaften, die schon vor der Oktoberrevolution der Partei angehörten, 27 Prozent, während sie in diesem Jahr mehr als 57 Prozent beträgt. Der Erfolg ist nicht sehr groß, aber immerhin ist es ein Erfolg. Er zeugt davon, dass die führenden Elemente unserer Partei, die schon vor dem Oktober der Partei angehörten, in den Gewerkschaften die Hauptfäden in ihrer Hand haben und durch sie die Partei mit der Arbeiterklasse verbinden.

Ich will nicht auf die Zusammensetzung der Arbeitergewerkschaften im ganzen eingehen. Die Zahlen besagen, dass es zur Zeit des vorigen Parteitags etwa 6 Millionen Gewerkschaftsmitglieder gab. In diesem Jahr, zur Zeit dieses Parteitags, sind es 4800000. Man könnte glauben, ein Schritt zurück, aber das scheint nur so. Im vorigen Jahr - es sei mir erlaubt, hier kein Blatt vor den Mund zu nehmen! - legten die Gewerkschaften aufgebauschte Zahlen vor. Die angegebenen Zahlen widerspiegelten nicht genau die Wirklichkeit. Die Zahlen, die wir vor diesem Parteitag bekommen haben, sind zwar kleiner als die vom vorigen Jahr, dafür aber sind sie realer und wirklichkeitsnäher. Darin erblicke ich einen Schritt vorwärts, auch wenn die Mitgliederzahl der Gewerkschaften kleiner geworden ist. Also einerseits Verwandlung der Gewerkschaften aus aufgebauschten und halbbürokratischen Verbänden in wirklich lebendige Verbände, die am gesamten Leben ihrer leitenden Organe teilnehmen, und anderseits Erhöhung des Prozentsatzes der führenden Elemente der Partei in den Gouvernementsorganen der Gewerkschaften von 27 Prozent auf 57 Prozent - das ist der Erfolg, den wir in diesem Jahr in den Bemühungen unserer Partei um die Festigung der Gewerkschaften zu verzeichnen haben.

Man darf aber nicht sagen, dass auf diesem Gebiet alles zum besten bestellt sei. Die unteren Zellen der Gewerkschaften - die Betriebskomitees - sind noch nicht überall in unseren Händen. So findet man in den 146 Betriebskomitees, die im Gouvernement Charkow bestehen, 70, in denen es keinen einzigen Kommunisten gibt. Das sind jedoch Einzelerscheinungen. Im großen und ganzen muss man zugeben, dass sich die Gewerkschaften, was die Festigung des Einflusses der Partei sowohl in den Gouvernementsorganen als auch in den untersten Zellen betrifft, unbedingt entwickelt haben. Diese Front lässt sich als für die Partei gesichert betrachten. Auf dem Gebiet der Gewerkschaften haben wir keine starken Gegner.

 

 

Zum fünften Jahrestag des ersten Kongresses der Arbeiterinnen und Bäuerinnen

 

Über die Aufgaben der Partei

Dezember 1923

Die Parteilinie legt fest, dass die Masse der Parteimitglieder über die Arbeiten der Wirtschaftsorgane, der Betriebe und Truste auf dem laufenden gehalten werden muss, denn unsere Parteizellen tragen natürlich vor den parteilosen Massen die moralische Verantwortung für die Mängel in den Betrieben. Nichtsdestoweniger wurde in der Parteipraxis die folgende Ansicht vertreten: Da ja ein ZK vorhanden ist, das den Wirtschaftsorganen Direktiven erteilt, und da ja die Wirtschaftsorgane durch diese Direktiven gebunden sind, würden die erteilten Direktiven durchgeführt werden auch ohne Kontrolle durch die Parteimassen von unten.

Die Parteilinie legt fest, dass die verantwortlichen Funktionäre der verschiedenen Arbeitszweige, ob es nun Parteiarbeiter, Wirtschaftler, Gewerkschaftler oder Militärs sind, trotz aller Spezialisierung, zu der sie in ihrer eigenen Arbeit gelangen, untereinander verbunden sind und unzerreißbare Teile eines Ganzen bilden; denn sie alle arbeiten für ein und dieselbe Sache, die Sache des Proletariats, die sich nicht in Teile zerreißen lässt. In der Parteipraxis wird hingegen die folgende Ansicht vertreten: Da ja eine Spezialisierung der Arbeit, eine Arbeitsteilung in eigentliche Parteiarbeit, in Wirtschafts-, Militärarbeit usw. vorhanden ist, so trügen die Parteiarbeiter keine Verantwortung für die Wirtschaftler, die Wirtschaftler keine Verantwortung für die Parteiarbeiter, und überhaupt sei eine Lockerung und selbst ein Schwinden der Bindung unter ihnen unvermeidlich.

Fünftens gilt es, unsere Parteizellen in den Betrieben mit dem Kreis der Fragen vertraut zu machen, die mit dem Gang der Dinge in den Betrieben und Trusten zusammenhängen. Die Sache muss so gehandhabt werden, dass die Zellen über die Arbeit der Verwaltungsorgane unserer Betriebe und Vereinigungen auf dem laufenden sind, dass sie die Möglichkeit haben, auf diese Arbeit Einfluss zu nehmen. Sie wissen, als Vertreter der Zellen, welche große moralische Verantwortung für den Gang der Dinge im Betrieb unsere Betriebszellen vor den parteilosen Massen tragen. Um die parteilose Masse im Betrieb lenken und führen zu können, um imstande zu sein, die Verantwortung für den Gang der Dinge im Betrieb zu tragen - und sie trägt unbedingt vor den parteilosen Massen die moralische Verantwortung für die Mängel des Betriebs -, muss die Zelle über diese Dinge auf dem laufenden sein, muss sie die Möglichkeit haben, die Dinge auf diese oder jene Weise zu beeinflussen. Es ist deshalb unerlässlich, dass die Zellen zur Besprechung der mit dem Betrieb zusammenhängenden wirtschaftlichen Fragen herangezogen werden, dass von Zeit zu Zeit Wirtschaftskonferenzen von Vertretern der Zellen der zu einem Trust gehörenden Betriebe abgehalten werden zur Besprechung von Fragen, die Angelegenheiten des Trusts betreffen. Das ist einer der sicheren Wege, die beschritten werden müssen, sowohl um die wirtschaftliche Erfahrung der Parteimassen zu bereichern als auch um die Kontrolle von unten zu organisieren.

 

1924

Band 6

Über die Grundlagen des Leninismus

April 1924

- Auszüge -

6. Reformismus und Revolutionismus. Wodurch unterscheidet sich die revolutionäre Taktik von der reformistischen Taktik?

Manche meinen, dass der Leninismus überhaupt gegen Reformen, gegen Kompromisse und Verständigungen sei. Das ist völlig falsch. Die Bolschewiki wissen nicht weniger als alle anderen, dass in gewissem Sinne "jede Gabe genehm ist", dass unter gewissen Umständen Reformen im Allgemeinen, Kompromisse und Verständigungen im Besonderen notwendig und nützlich sind.

"Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie", sagt Lenin, "einen Krieg, der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus auf Lavieren, auf die Ausnutzung der (wenn auch zeitweiligen) Interessengegensätze zwischen den Feinden, auf Verständigungen und Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten - ist das nicht eine über alle Maßen lächerliche Sache? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bis dahin unzugänglichen Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und verschiedene Richtungen zu versuchen?" (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 51 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 715].)

Es kommt offenbar nicht auf die Reformen oder Kompromisse und Verständigungen selbst an, sondern auf den Gebrauch, den man von den Reformen und Verständigungen macht.

Für den Reformisten ist die Reform alles, die revolutionäre Arbeit aber Nebensache, ein Unterhaltungsthema, ein Täuschungsmanöver. Deshalb verwandelt sich die Reform bei einer reformistischen Taktik unter Verhältnissen des Bestehens der bürgerlichen Macht unvermeidlich in ein Werkzeug zur Festigung dieser Macht, in ein Werkzeug zur Zersetzung der Revolution.

Für den Revolutionär dagegen ist umgekehrt die revolutionäre Arbeit die Hauptsache und nicht die Reform, für ihn ist die Reform ein Nebenprodukt der Revolution. Deshalb verwandelt sich die Reform bei einer revolutionären Taktik unter Verhältnissen des Bestehens der bürgerlichen Macht naturgemäß in ein Werkzeug zur Zersetzung dieser Macht, in ein Werkzeug zur Festigung der Revolution, in einen Stützpunkt zur weiteren Entwicklung der revolutionären Bewegung.

Der Revolutionär akzeptiert die Reform nur, um sie als Anknüpfungspunkt zur Verbindung der legalen und der illegalen Arbeit und als Deckung zur Verstärkung der illegalen Arbeit zu benutzen zwecks revolutionärer Vorbereitung der Massen zum Sturz der Bourgeoisie.

Darin besteht das Wesen der revolutionären Ausnutzung der Reformen und Kompromisse unter den Bedingungen des Imperialismus.

Der Reformist dagegen ist umgekehrt für Reformen, um jede illegale Arbeit von sich zu weisen, die Vorbereitung der Massen zur Revolution zu hintertreiben und im Schatten der "geschenkten" Reform der Ruhe zu pflegen.

Darin besteht das Wesen der reformistischen Taktik.

So verhält es sich mit Reformen und Kompromissen unter den Bedingungen des Imperialismus.

Die Sache ändert sich jedoch einigermaßen nach dem Sturz des Imperialismus, unter der Diktatur des Proletariats. Unter bestimmten Umständen, in einer bestimmten Situation kann die proletarische Macht sich gezwungen sehen, vorübergehend vom Wege des revolutionären Umbaus der bestehenden Ordnung auf den Weg ihrer allmählichen Umgestaltung überzugehen, "auf den reformistischen Weg", wie Lenin in seinem bekannten Artikel "über die Bedeutung des Goldes" [32] sagt, auf den Weg von Umgehungsbewegungen, auf den Weg von Reformen und Zugeständnissen an die nichtproletarischen Klassen, um diese Klassen zu zersetzen, der Revolution eine Atempause zu verschaffen, Kräfte zu sammeln und die Bedingungen für eine neue Offensive vorzubereiten. Es lässt sich nicht leugnen, dass dieser Weg in gewissem Sinne ein "reformistischer" Weg ist. Nur muss man daran denken, dass wir es hier mit einer grundlegenden Besonderheit zu tun haben, die darin besteht, dass die Reform in diesem Falle von der proletarischen Macht ausgeht, dass sie die proletarische Macht stärkt, dass sie ihr die notwendige Atempause verleiht, dass sie berufen ist, nicht die Revolution, sondern die nichtproletarischen Klassen zu zersetzen.

Die Reform verwandelt sich somit unter solchen Umständen in ihr Gegenteil.

Die Durchführung einer solchen Politik durch die proletarische Macht wird deshalb und nur deshalb möglich, weil der Schwung der Revolution in der vorangegangenen Periode groß genug war und somit genügend breiten Raum zum Rückzug geschaffen hat, um an die Stelle der Taktik des Angriffs die Taktik des vorübergehenden Rückzugs, die Taktik der Umgehungsbewegungen setzen zu können.

Waren also früher, unter der Macht der Bourgeoisie, die Reformen ein Nebenprodukt der Revolution, so sind jetzt, unter der Diktatur des Proletariats, die Quelle der Reformen die revolutionären Errungenschaften des Proletariats, die angehäufte Reserve in den Händen des Proletariats, die aus diesen Errungenschaften gebildet wird.

"Das Verhältnis von Reformen und Revolution", sagt Lenin, "ist nur vom Marxismus genau und richtig bestimmt worden, wobei Marx dieses Verhältnis nur von der einen Seite sehen konnte, nämlich in einer Situation, die dem ersten mehr oder weniger festen, mehr oder weniger dauerhaften Siege des Proletariats, sei es auch nur in einem Lande, vorausging. In einer solchen Situation war die Grundlage eines richtigen Verhältnisses die folgende: Reformen sind das Nebenprodukt des revolutionären Klassenkampfes des Proletariats... Nach dem Siege des Proletariats, sei es auch nur in einem Lande, tritt etwas Neues in dem Verhältnis von Reformen und Revolution ein. Prinzipiell hat sich nichts geändert, aber in der Form tritt eine Veränderung ein, die Marx persönlich nicht voraussehen konnte, der man sich jedoch nur auf dem Boden der Philosophie und Politik des Marxismus bewusst werden kann... Nach dem Siege sind sie (das heißt die Reformen. J. St.) (während sie im internationalen Maßstab nach wie vor ein ,Nebenprodukt´ bleiben) für das Land, in dem der Sieg erfochten ist, außerdem eine notwendige und berechtigte Atempause in Fällen, wo die Kräfte, nachdem man sie aufs höchste angespannt hat, zur revolutionären Ausführung dieses oder jenes Übergangs offensichtlich nicht ausreichen. Der Sieg liefert einen solchen ´Kräftevorrat´, dass man sogar bei einem erzwungenen Rückzug durchhalten kann - durchhalten sowohl im materiellen wie im moralischen Sinne." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 91, 92 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 898, 899].)

1. Die Partei als Vortrupp der Arbeiterklasse. Die Partei muss vor allem der Vortrupp der Arbeiterklasse sein. Die Partei muss die besten Elemente der Arbeiterklasse mit ihrer Erfahrung, mit ihrem revolutionären Geist, ihrer grenzenlosen Ergebenheit für die Sache des Proletariats in sich aufnehmen. Um aber wirklich der Vortrupp zu sein, muss die Partei mit einer revolutionären Theorie, mit der Kenntnis der Gesetze der Bewegung, mit der Kenntnis der Gesetze der Revolution gewappnet sein. Sonst ist sie nicht imstande, den Kampf des Proletariats zu leiten, das Proletariat zu führen. Die Partei kann keine wirkliche Partei sein, wenn sie sich darauf beschränkt, zu registrieren, was die Masse der Arbeiterklasse empfindet und denkt, wenn sie hinter der spontanen Bewegung einhertrottet, wenn sie die Trägheit und die politische Gleichgültigkeit der spontanen Bewegung nicht zu überwinden vermag, wenn sie sich nicht über die Augenblicksinteressen des Proletariats zu erheben vermag, wenn sie die Massen nicht auf das Niveau zu heben vermag, auf dem sie die Klasseninteressen des Proletariats erkennen. Die Partei muss der Arbeiterklasse voraus sein, sie muss weiter sehen als die Arbeiterklasse, sie muss das Proletariat führen und darf nicht hinter der spontanen Bewegung einhertrotten. Die Parteien der II. Internationale, die die "Nachtrabpolitik" predigen, sind Schrittmacher der bürgerlichen Politik, die das Proletariat dazu verurteilt, ein Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie zu sein. Nur eine Partei, die den Vortrupp des Proletariats bildet und imstande ist, die Massen auf das Niveau zu heben, auf dem sie die Klasseninteressen des Proletariats erkennen, nur eine solche Partei ist fähig, die Arbeiterklasse vom Wege des Trade-Unionismus abzubringen und sie in eine selbständige politische Kraft zu verwandeln.

Die Partei ist der politische Führer der Arbeiterklasse.

Ich sprach bereits über die Schwierigkeiten des Kampfes der Arbeiterklasse, über die Kompliziertheit der Kampfbedingungen, über Strategie und Taktik, über Reserven und Manövrieren, über Angriff und Rückzug. Diese Bedingungen sind nicht weniger kompliziert - wenn nicht gar komplizierter - als die Bedingungen des Krieges. Wer vermag sich in diesen Bedingungen zurechtzufinden, wer vermag den Millionenmassen der Proletarier eine richtige Orientierung zu geben? Keine Armee kann im Krieg ohne einen erfahrenen Stab auskommen, wenn sie nicht einer Niederlage entgegengehen will. Ist es nicht klar, dass das Proletariat erst recht nicht ohne einen solchen Stab auskommen kann, wenn es sich nicht seinen Todfeinden mit Haut und Haar ausliefern will? Aber wo ist dieser Stab? Dieser Stab kann nur die revolutionäre Partei des Proletariats sein. Die Arbeiterklasse ohne revolutionäre Partei - das ist eine Armee ohne Stab.

Die Partei ist der Kampfstab des Proletariats.

Aber die Partei kann nicht nur Vortrupp sein. Sie muss gleichzeitig ein Trupp der Klasse, ein Teil der Klasse sein, der durch sein ganzes Sein mit ihr fest verwurzelt ist. Der Unterschied zwischen dem Vortrupp und der übrigen Masse der Arbeiterklasse, zwischen Parteimitgliedern und Parteilosen kann nicht verschwinden, solange die Klassen nicht verschwunden sind, solange die Reihen des Proletariats durch Elemente aufgefüllt werden, die anderen Klassen entstammen, solange die Arbeiterklasse als Ganzes nicht die Möglichkeit hat, sich auf das Niveau des Vortrupps zu erheben. Aber die Partei würde aufhören, Partei zu sein, wenn aus diesem Unterschied ein Bruch würde, wenn sie sich abkapselte und von den parteilosen Massen losrisse. Die Partei kann die Klasse nicht führen, wenn sie nicht mit den parteilosen Massen verbunden ist, wenn es keine enge Verbindung zwischen Partei und parteilosen Massen gibt, wenn diese Massen ihre Führung nicht anerkennen, wenn die Partei bei den Massen keinen moralischen und politischen Kredit hat.

Vor kurzem wurden in unsere Partei zweihunderttausend neue Mitglieder aus der Arbeiterschaft aufgenommen. Bedeutsam ist hierbei der Umstand, dass sie nicht so sehr von selber in die Partei kamen, als vielmehr von der ganzen übrigen parteilosen Masse entsandt wurden, die bei der Aufnahme der neuen Mitglieder aktiv mitwirkte und ohne deren Zustimmung keine neuen Mitglieder aufgenommen wurden. Diese Tatsache besagt, dass die breiten Massen der parteilosen Arbeiter in unserer Partei ihre Partei sehen, die Partei, die ihnen nahe und vertraut ist, an deren Erweiterung und Festigung sie zutiefst interessiert sind und deren Führung sie freiwillig ihr Schicksal anvertrauen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Partei ohne diese ungreifbaren moralischen Fäden, die die Partei mit den parteilosen Massen verbinden, nicht zur entscheidenden Kraft ihrer Klasse hätte werden können.

Die Partei ist ein untrennbarer Teil der Arbeiterklasse.

"Wir sind", sagt Lenin, "die Partei der Klasse, und deshalb muss fast die gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des Bürgerkriegs, restlos die gesamte Klasse) unter der Leitung unserer Partei handeln, sie muss sich unserer Partei so eng wie möglich anschließen, doch wäre es Manilowerei und ´Nachtrabpolitik´, wollte man glauben, dass irgendwann unter der Herrschaft des Kapitalismus fast die gesamte Klasse oder die gesamte Klasse imstande wäre, sich bis zu der Bewusstheit und der Aktivität zu erheben, auf der ihr Vortrupp, ihre sozialdemokratische Partei, steht. Kein vernünftiger Sozialdemokrat hat je daran gezweifelt, dass unter dem Kapitalismus selbst die Gewerkschaftsorganisation (die primitiver, dem Bewusstsein der unentwickelten Schichten zugänglicher ist) außerstande ist, fast die gesamte oder die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen. Es würde bedeuten, nur sich selbst zu betrügen, die Augen vor der gewaltigen Größe unserer Aufgaben zu verschließen, diese Aufgaben einzuengen, wollte man den Unterschied zwischen dem Vortrupp und all den Massen, die sich zu ihm hingezogen fühlen, vergessen, wollte man die ständige Pflicht des Vortrupps vergessen, immer breitere Schichten auf das Niveau dieses Vortrupps zu beben." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S. 240 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 356].)

 

2. Die Partei als organisierter Trupp der Arbeiterklasse. Die Partei ist nicht nur ‘Vortrupp der Arbeiterklasse. Will sie wirklich den Kampf der Klasse leiten, so muss sie zugleich auch der organisierte Trupp ihrer Klasse sein. Die Aufgaben der Partei sind unter den Bedingungen des Kapitalismus außerordentlich groß und mannigfaltig. Die Partei muss den Kampf des Proletariats unter außerordentlich schwierigen Bedingungen der inneren und äußeren Entwicklung leiten, sie muss das Proletariat zur Offensive führen, wenn die Umstände eine Offensive erfordern, und sie muss das Proletariat den Schlägen eines starken Gegners entziehen, wenn die Umstände den Rückzug erfordern; sie muss in die Millionenmassen der unorganisierten parteilosen Arbeiter den Geist der Disziplin und der Planmäßigkeit im Kampf, den Geist der Organisiertheit und der Standhaftigkeit hineintragen. Aber die Partei kann diesen Aufgaben nur dann gerecht werden, wenn sie selbst die Verkörperung der Disziplin und Organisiertheit ist, wenn sie selbst der organisierte Trupp des Proletariats ist. Ohne diese Bedingungen kann von einer wirklichen Führung der Millionenmassen des Proletariats durch die Partei keine Rede sein.

Die Partei ist der organisierte Trupp der Arbeiterklasse.

Die Idee von der Partei als einem organisierten Ganzen ist in der bekannten Leninschen Formulierung des ersten Punkts unseres Parteistatuts verankert, wo die Partei als Summe von Organisationen und die Mitglieder der Partei als Mitglieder einer der Parteiorganisationen betrachtet werden. Die Menschewiki, die sich bereits im Jahre 1903 gegen diese Formulierung wandten, schlugen statt dessen ein "System" vor, bei dem man sich selbst zum Parteimitglied erklärt, ein "System" der Ausdehnung des "Namens" Parteimitglied auf jeden "Professor" und "Gymnasiasten", jeden "Sympathisierenden" und "Streikenden", der die Partei in irgendeiner Weise unterstützt, aber keiner Parteiorganisation angehört noch ihr anzugehören wünscht. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass dieses originelle "System", falls es sich in unserer Partei durchgesetzt hätte, unausbleiblich zur Überfüllung der Partei mit Professoren und Gymnasiasten und zu ihrer Ausartung in ein verschwommenes, formloses, desorganisiertes "Gebilde" geführt hätte, das im Meere der "Sympathisierenden" untergegangen wäre, die Grenzen zwischen Partei und Klasse verwischt und der Partei die Lösung der Aufgabe, die unorganisierten Massen auf das Niveau des Vortrupps zu heben, unmöglich gemacht hätte. Es erübrigt sich zu sagen, dass bei einem solchen opportunistischen "System" unsere Partei ihre Rolle als organisierender Kern der Arbeiterklasse in unserer Revolution nicht hätte erfüllen können.

"Vom Standpunkt des Genossen Martow", sagt Lenin, "bleibt die Grenze der Partei völlig unbestimmt, denn ´jeder Streikende´ darf ´sich für ein Parteimitglied erklären´. Welchen Nutzen bringt diese Verschwommenheit? Eine weite Verbreitung des ,Namens´. Der Schaden, den sie bringt, ist das Hereintragen der desorganisierenden Idee der Vermengung von Klasse und Partei." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S.246 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 360].)

Aber die Partei ist nicht nur die Summe der Parteiorganisationen. Die Partei ist zugleich das einheitliche System dieser Organisationen, ihre Vereinigung in aller Form zu einem einheitlichen Ganzen, mit oberen und unteren Organen der Führung, mit der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, mit praktischen Beschlüssen, die für alle Parteimitglieder bindend sind. Ohne diese Bedingungen kann die Partei kein einheitliches, organisiertes Ganzes sein, das fähig wäre, die planmäßige und organisierte Leitung des Kampfes der Arbeiterklasse zu verwirklichen.

"Früher", sagt Lenin, "war unsere Partei kein formal organisiertes Ganzes, sondern nur die Summe vereinzelter Gruppen, und darum konnte es auch keine anderen Beziehungen zwischen diesen Gruppen geben als die ideologische Beeinflussung. Jetzt sind wir eine organisierte Partei geworden, und dies eben bedeutet die Schaffung einer Macht, die Verwandlung der Autorität der Ideen in eine Autorität der Macht, die Unterordnung der unteren Parteikörperschaften unter die höheren." (Siehe 4. Ausgabe, Bd.7, S.338/339, russ.)

Das Prinzip der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, das Prinzip der Leitung der Parteiarbeit durch ein Zentrum ruft nicht selten Angriffe seitens unbeständiger Elemente, Beschuldigungen wegen "Bürokratismus", "Formalismus" usw. hervor. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass eine planmäßige Arbeit der Partei als Ganzes und die Leitung des Kampfes der Arbeiterklasse ohne Durchführung dieser Prinzipien unmöglich wären. Leninismus in der Organisationsfrage bedeutet die unbeugsame Durchführung dieser Prinzipien. Den Kampf gegen diese Prinzipien nennt Lenin "russischen Nihilismus" und "Edelanarchismus", der es verdient, verspottet und verworfen zu werden.

In seinem Buch "Ein Schritt vorwärts" schreibt Lenin über diese unbeständigen Elemente:

"Dem russischen Nihilisten ist dieser Edelanarchismus besonders eigen. Die Parteiorganisation erscheint ihm als eine ungeheuerliche ´Fabrik´, die Unterordnung des Teils unter das Ganze und der Minderheit unter die Mehrheit erscheint ihm als ,Hörigkeit´..., die Arbeitsteilung unter" der Leitung des Zentrums ruft bei ihm ein tragikomisches Gezeter gegen die Verwandlung der Menschen in ,Rädchen und Schräubchen´ hervor..., die Erwähnung des Organisationsstatuts der Partei ruft eine verächtliche Grimasse und die geringschätzige Bemerkung ... hervor, dass es ja auch ganz ohne Statut gehen könnte."

"Es ist wohl klar, dass das Geschrei über den vielgenannten Bürokratismus bloß ein Deckmantel für die Unzufriedenheit mit der personellen Zusammensetzung der Zentren ist, ein Feigenblatt... Du bist ein Bürokrat, denn der Parteitag hat dich nicht meinem Willen gemäß, sondern gegen meinen Willen bestimmt; du bist ein Formalist, denn du stützt dich auf formale Parteitagsbeschlüsse und nicht auf meine Zustimmung; du handelst grob-mechanisch, denn du berufst dich auf die ,mechanische´ Parteitagsmehrheit und nimmst keine Rücksicht auf meinen Wunsch, kooptiert zu werden; du bist ein Selbstherrscher, denn du willst die Macht nicht an die alte traute Kumpanei abgeben" (Gemeint ist die "Kumpanei" Axelrod, Martow, Potressow u. a., die sich den Beschlüssen des II. Parteitags nicht fügten und Lenin "Bürokratismus" vorwarfen. J.St ) (siehe 4. Ausgabe, Bd. 7, S. 361 und 335 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 395]).  

3. Die Partei als höchstenorm der Klassenorganisation des Proletariats. Die Partei ist der organisierte Trupp der Arbeiterklasse. Aber die Partei ist nicht die einzige Organisation der Arbeiterklasse. Das Proletariat hat noch eine ganze Reihe anderer Organisationen, ohne die es keinen erfolgreichen Kampf gegen das Kapital führen kann: Gewerkschaften, Genossenschaften, Betriebsorganisationen, Parlamentsfraktionen, parteilose Frauenvereinigungen, die Presse, Kultur- und Aufklärungsorganisationen, Jugendverbände, revolutionäre Kampforganisationen (zur Zeit offener revolutionärer Aktionen), Deputiertensowjets als staatliche Organisationsform (wenn sich das Proletariat an der Macht befindet) usw. In ihrer übergroßen Mehrheit sind es parteilose Organisationen, und nur ein gewisser Teil von ihnen lehnt sich direkt an die Partei an oder bildet eine Abzweigung von der Partei. Alle diese Organisationen sind unter bestimmten Verhältnissen für die Arbeiterklasse absolut notwendig, denn ohne sie ist es unmöglich, die Klassenpositionen des Proletariats in den mannigfaltigen Sphären des Kampfes zu festigen, denn ohne sie ist es unmöglich, das Proletariat zu stählen als die Kraft, die berufen ist, an die Stelle der bürgerlichen Gesellschaftsordnung die sozialistische zu setzen. Wie kann aber bei dieser Fülle an Organisationen eine einheitliche Leitung verwirklicht werden? Wo ist die Garantie, dass das Vorhandensein so .zahlreicher Organisationen nicht zu einem Durcheinander in der Leitung führen wird? Man könnte sagen, dass jede dieser Organisationen innerhalb ihrer abgesonderten Sphäre tätig ist und dass sie deshalb einander nicht behindern können. Das ist natürlich richtig. Aber richtig ist auch, dass alle diese Organisationen in einer Richtung tätig sein müssen, denn sie dienen einer Klasse, der Klasse der Proletarier. Es fragt sich nun: Wer bestimmt die Linie, die allgemeine Richtung, in der alle diese Organisationen ihre Arbeit ausführen sollen? Wo ist jene zentrale Organisation, die dank der notwendigen Erfahrungen nicht nur fähig ist, diese allgemeine Linie auszuarbeiten, sondern dank der hierzu ausreichenden Autorität auch die Möglichkeit hat, alle diese Organisationen zu veranlassen, diese Linie zu verwirklichen, um eine Einheitlichkeit in der Führung zu erzielen und Stockungen unmöglich zu machen?

Eine solche Organisation ist die Partei des Proletariats.

Die Partei verfügt über alle hierzu nötigen Voraussetzungen, erstens, weil die Partei das Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, die mit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diese sehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse, die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die Organisationen ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei, als die beste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität die einzige Organisation bildet, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren und auf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden.

Die Partei ist die höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die parteilosen Organisationen, die Gewerkschaften, Genossenschaften usw., der Leitung der Partei formal unterstellt sein müssen. Es handelt sich nur darum, dass die Parteimitglieder, die diesen Organisationen angehören, als zweifellos einflussreiche Menschen alle Mittel der Überzeugung anwenden, damit die parteilosen Organisationen in ihrer Tätigkeit der Partei des Proletariats möglichst nahe gebracht werden und freiwillig ihre politische Führung anerkennen.

Deshalb sagt Lenin, dass die Partei "die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier ist", deren politische Führung sich auf alle anderen Formen der Organisation des Proletariats zu erstrecken hat. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 32 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 697].)

Deshalb ist die opportunistische Theorie von der "Unabhängigkeit" und "Neutralität" der parteilosen Organisationen, die unabhängige Parlamentarier und von der Partei losgelöste Journalisten, engstirnige Gewerkschaftler und verspießerte Genossenschaftler züchtet, völlig unvereinbar mit der Theorie und Praxis des Leninismus.

4. Die Partei als Instrument der Diktatur des Proletariats. Die Partei ist die höchste Form der Organisation des Proletariats. Die Partei ist die grundlegende, führende Kraft innerhalb der Klasse der Proletarier und unter den Organisationen dieser Klasse. Daraus folgt aber keineswegs, dass man die Partei als Selbstzweck, als sich selbst genügende Kraft ansehen kann. Die Partei ist nicht nur die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier - sie ist zugleich das Instrument in der Hand des Proletariats zur Eroberung der Diktatur, solange diese noch nicht erobert ist, zur Festigung und zum Ausbau der Diktatur, nachdem sie erobert ist. Die Partei könnte nicht eine so hohe Bedeutung erlangen und könnte nicht alle übrigen Formen der Organisation des Proletariats überragen, wenn vor dem Proletariat nicht die Frage der Macht stünde, wenn die Verhältnisse des Imperialismus, die Unvermeidlichkeit von Kriegen, das Vorhandensein einer Krise nicht die Konzentration aller Kräfte des Proletariats auf einen Punkt, die Vereinigung aller Fäden der revolutionären Bewegung an einer Stelle erforderten, um die Bourgeoisie zu stürzen und die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen. Das Proletariat braucht die Partei vor allem als seinen Kampfstab, der notwendig ist, um erfolgreich die Macht zu ergreifen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass es dem Proletariat in Rußland nicht möglich gewesen wäre, seine revolutionäre Diktatur zu verwirklichen, wenn es keine Partei gehabt hätte, die fähig war, die Massenorganisationen des Proletariats um sich zu scharen und im Verlauf des Kampfes die Leitung der gesamten Bewegung zu zentralisieren.

Aber das Proletariat braucht die Partei nicht nur zur Eroberung der Diktatur, es braucht sie noch notwendiger, um die Diktatur zu behaupten und sie im Interesse des vollständigen Sieges des Sozialismus zu festigen und auszubauen.

"Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder", sagt Lenin, "dass die Bolschewiki keine zweieinhalb Monate, geschweige denn zweieinhalb Jahre die Macht hätten behaupten können ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne die vollste und grenzenlose Unterstützung der Partei durch die gesamte Masse der Arbeiterklasse, das heißt durch alle denkenden, ehrlichen, selbstlosen, einflussreichen Menschen dieser Klasse, die fähig sind, die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureißen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 7 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.671/672].)

Was heißt aber, die Diktatur "behaupten" und "ausbauen"? Das heißt, die Millionenmassen der Proletarier mit dem Geist der Disziplin und Organisiertheit beseelen; das heißt, in den proletarischen Massen eine Schutzwehr und ein Bollwerk gegen die zerfressenden Einflüsse der klein-bürgerlichen Elementargewalt und der kleinbürgerlichen Gewohnheiten schaffen; das heißt, die organisatorische Arbeit der Proletarier zur Umerziehung und Ummodelung der kleinbürgerlichen Schichten unterstützen; das heißt, den proletarischen Massen helfen, sich selbst zu erziehen, als die Kraft, die fähig ist, die Klassen aufzuheben und die Bedingungen für die Organisierung der sozialistischen Produktion vorzubereiten. Aber das alles durchzuführen ist unmöglich ohne eine Partei, die durch ihre Geschlossenheit und Disziplin stark ist.

"Die Diktatur des Proletariats", sagt Lenin, "ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf erfolgreich zu führen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 27 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 691].)

Das Proletariat braucht die Partei dazu, um die Diktatur zu erobern und zu behaupten. Die Partei ist ein Instrument der Diktatur des Proletariats.

Daraus folgt aber, dass mit dem Verschwinden der Klassen, mit dem Absterben der Diktatur des Proletariats auch die Partei absterben muss.

 

 

DER XIII. PARTEITAG DER KPR(B)

23.-31. Mai 1924

1. Die Massenorganisationen, die die Partei mit der Klasse verbinden 

a) Die Gewerkschaften. Im vergangenen Jahr waren nach den statistischen Angaben 4800000 Personen in den Gewerkschaften organisiert. In diesem Jahr sind es 5 Millionen. Zweifellos ein Zuwachs. Nimmt man die 12 grundlegenden Industrieverbände, nimmt man die Zahl der in diesen Produktionszweigen beschäftigten und die Zahl der organisierten Arbeiter, so ergibt sich, dass 92 Prozent organisiert sind. In den grundlegenden Industriezweigen sind 91 bis 92 Prozent der gesamten Arbeiter-klasse gewerkschaftlich organisiert. So steht es auf dem Gebiet der Industrie.

Schlechter ist es um die Landwirtschaft bestellt, wo es etwa 800000 landwirtschaftliche Arbeiter gibt, wobei der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten, wenn man die nicht in staatlichen Betrieben beschäftigten landwirtschaftlichen Arbeiter nimmt, 3 Prozent beträgt.

Was den kommunistischen Einfluss in den Verbänden betrifft, so haben wir Zahlen über die Vorsitzenden der Gouvernementsgewerkschaftsräte und der Kreisgewerkschaftsräte. Zur Zeit des XII. Parteitags waren etwas über 57 Prozent der Vorsitzenden Parteimitglieder aus der Zeit der Illegalität. Zur Zeit des jetzigen Parteitags sind es nur noch 35 Prozent. Eine Abnahme. Dafür ist der Prozentsatz der Vorsitzenden, die nach dem Februar 1917 in die Partei eingetreten sind, gestiegen. Das erklärt sich daraus, dass die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten gestiegen ist, dass es an Parteimitgliedern aus der Zeit der Illegalität mangelt, dass die jungen Parteimitglieder den Kadern zu Hilfe gekommen sind. Von diesen Vorsitzenden waren 55 Prozent Arbeiter, jetzt sind es 61 Prozent. Eine Verbesserung der sozialen Zusammensetzung der führenden Organe.

 

 

Über die Arbeiterkorrespondenten

 

 

Eintragung in das Rote Buch der "Dynamo"-Werke

 

 

1925

Band 7

 

An den Lehrerkongress

 

REDE AUF DER PLENARTAGUNG DES ZK DER KPR(B)

19. Januar 1925

Die Verstärkung der revolutionären Stimmung unter den Arbeitern in England. Das ist eine Tatsache von erstrangiger Bedeutung. England ist das Land, das die Vormachtstellung in Europa innehat. Die beginnende Spaltung zwischen dem Generalrat der Gewerkschaften Englands und der Arbeiterpartei, die Risse, die sich innerhalb der Arbeiterpartei in England zu bilden begonnen haben und die tiefer werden - all das zeugt davon, dass dort etwas Revolutionäres, etwas Neues heranwächst. Das alarmiert die herrschenden Schichten Englands. Das muss sie gegen Sowjetrußland aufbringen, denn die Belebung der Bewegung in England erfolgt unter dem Banner der Freundschaft mit Rußland.

ÜBER DIE PERSPEKTIVEN DER KPD
UND ÜBER DIE BOLSCHEWISIERUNG

Unterredung mit dem Mitglied der KPD Herzog

„Prawda” Nr. 27,
3. Februar 1925.

 

Brief an Genossen Me-rt

5. Sie haben vollkommen Recht hinsichtlich der Arbeit in den Gewerkschaften. Die Rolle der Gewerkschaften ist in Deutschland eine andere als in Rußland. In Rußland sind die Gewerkschaften nach der Partei entstanden und waren im Grunde genommen Hilfsorgane der Partei. Anders war es in Deutschland und in Europa überhaupt. Dort ist die Partei aus den Gewerkschaften hervorgegangen, hinsichtlich des Einflusses auf die Massen konkurrierten die Gewerkschaften erfolgreich mit der Partei und hingen der Partei oft wie ein schweres Bleigewicht an den Füßen. Würde man die breiten Massen in Deutschland oder in Europa überhaupt fragen, mit welcher Organisation sie sich mehr verbunden fühlen, mit der Partei oder mit den Gewerkschaften, so würden sie ohne Zweifel antworten, dass ihnen die Gewerkschaften näher stehen als die Partei. Ob das nun schlecht ist oder gut, jedenfalls ist es Tatsache, dass die parteilosen Arbeiter in Europa die Gewerkschaften als ihre Hauptfestungen betrachten, die ihnen im Kampf gegen die Kapitalisten (Arbeitslohn, Arbeitstag, Versicherung und dergleichen mehr) helfen, während sie die Partei als eine Art Hilfsorganisation, als etwas Zweitrangiges, wenn auch Notwendiges einschätzen. Daraus erklärt sich denn auch, dass der direkte Kampf, den die „Ultralinken” gegen die heutigen Gewerkschaften von außen her führen, von den breiten Arbeitermassen als Kampf gegen ihre Hauptfestungen gewertet wird, an denen sie jahrzehntelang gebaut haben und die die „Kommunisten” jetzt zerstören wollen. Dieser Besonderheit keine Rechnung tragen heißt die ganze Sache der kommunistischen Bewegung im Westen zugrunde richten. Hieraus aber ergeben sich zwei Schlussfolgerungen:

Erstens, man kann im Westen die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht gewinnen, ohne die Gewerkschaften zu erobern, und zweitens, man kann die Gewerkschaften nicht erobern, ohne innerhalb dieser Gewerkschaften zu arbeiten und dort seinen Einfluss zu festigen.

Gerade darum muss man auf die Arbeit unserer Genossen in den Gewerkschaften besondere Aufmerksamkeit richten.

 

 

Zur internationalen Lage und zu den Aufgaben der Kommunistischen Parteien

3. Der Kampf um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung in Europa und die Krise der Amsterdamer Vereinigung [20]. Der Kampf der englischen Gewerkschaften um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung, die Unterstützung dieses Kampfes seitens der sowjetischen Gewerkschaften, die Verwandlung des Kampfes um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung in einen Kampf gegen die konterrevolutionäre Spitze von Amsterdam (Oudegeest, Sassenbach, Jouhaux usw.), die die Linie der Spaltung der Gewerkschaften verfolgt - all dies sind Tatsachen, die dafür sprechen, dass die Amsterdamer Vereinigung eine tiefe Krise durchmacht. Was aber bedeutet die Krise von Amsterdam? Sie zeugt von der Labilität der bürgerlichen Macht; denn die Amsterdamer Gewerkschaftsbürokratie bildet einen Bestandteil und eine Stütze dieser Macht.

 

 

Zum internationalen Frauentag

 

 

ÜBER DIE TSCHECHOSLOWAKISCHE KOMMUNISTISCHE PARTEI

Rede in der tschechoslowakischen Kommission des EKKI

27. März 1925

2. Es ist bekannt, dass einige Führer dreier Gewerkschaftsverbände - der Transportarbeiter, der Holzarbeiter und der Bauarbeiter - ein gewisses Dokument herausgegeben haben, in dem die volle Unabhängigkeit der Gewerkschaften von der Partei gefordert wird. Es ist bekannt, dass dieses Dokument von dem Vorhandensein einer ganzen Anzahl rechter Elemente in den Gewerkschaften der Tschechoslowakei zeugt. Es wäre notwendig gewesen, dieses Dokument offen vor der Partei der Kritik zu unterziehen und sie vor der Gefahr einer Loslösung der Gewerkschaften von der Partei zu warnen. Wie handelte Genosse Smeral in diesem Fall? Er vertuschte kurzerhand auch diese Frage, indem er das Dokument einzog und es auf diese Weise vor den Parteimassen verbarg. Und die Rechten blieben unversehrt, und das „Parteiprestige” blieb gewahrt. Das nennt sich Kampf gegen die Rechten!

Woran ist die alte Sozialdemokratie als revolutionäre Partei zugrunde gegangen? Unter anderem daran, dass Kautsky und Konsorten die „feine” Taktik der Beschirmung und der Rettung der Rechten, die „delikate” Taktik der „Einigkeit und des Friedens” mit Ed. Bernstein und Konsorten in der Praxis anwandten. Und was war das Ergebnis davon? Das Ergebnis war, dass im kritischen Augenblick, unmittelbar vor dem Kriege, die rechten Sozialdemokraten die Arbeiter verrieten, dass die „Orthodoxen” in die Gefangenschaft der Rechten geraten waren und dass die Sozialdemokratie als Ganzes ein „lebender Leichnam” geworden war. Ich glaube, dass mit der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei im Laufe der Zeit das gleiche geschehen kann, wenn Sie die „feine” Taktik des Genossen Smeral nicht schnell und entschlossen durch die bolschewistische Taktik des schonungslosen Kampfes gegen die rechten Gruppierungen im Kommunismus ersetzen. Damit will ich den Genossen Smeral nicht mit den Sozialdemokraten auf eine Stufe stellen. Keinesfalls. Er ist zweifellos ein Kommunist, und vielleicht sogar ein prächtiger Kommunist. Aber ich will damit sagen, dass er unvermeidlich zum Sozialdemokratismus hinab gleiten wird, wenn er sich von seiner „feinen” Taktik nicht lossagt.

 

Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR(B)

II. Die nächsten Aufgaben der Kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder

Das Neue und Besondere in der Lage der kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder besteht gegenwärtig darin, dass die Periode der Flut der Revolution von einer Periode der Ebbe der Revolution, einer Periode der Stille abgelöst worden ist. Die Aufgabe besteht darin, die gegenwärtige Periode der Stille auszunützen zur Festigung der kommunistischen Parteien, zu ihrer Bolschewisierung, zu ihrer Verwandlung in wirkliche Massenparteien, die sich auf die Gewerkschaften stützen, zum Zusammenschluss der werktätigen Elemente der nichtproletarischen Klassen und vor allem der Bauernschaft um das Proletariat, schließlich zur Erziehung der Proletarier im Geiste der Revolution und der Diktatur des Proletariats.

Ich werde nicht alle aktuellen Aufgaben aufzählen, vor denen die kommunistischen Parteien des Westens stehen. Wenn Sie die entsprechenden Resolutionen, besonders die Resolution des erweiterten Plenums der Komintern über die Bolschewisierung [29] durchlesen, wird es Ihnen nicht schwer sein, zu begreifen, worin eben diese Aufgaben konkret bestehen.

Ich möchte auf die grundlegende Aufgabe eingehen, auf diejenige Aufgabe der kommunistischen Parteien des Westens, deren Klärung die Lösung aller übrigen aktuellen Aufgaben erleichtert.

Was ist das für eine Aufgabe?

Diese Aufgabe besteht darin, eine enge Verbindung zwischen den kommunistischen Parteien des Westens und den Gewerkschaften herzustellen. Diese Aufgabe besteht darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, allen Kommunisten zur unbedingten Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische Arbeit für den Zusammenschluss der Arbeiter zu einer Einheitsfront gegen das Kapital zu leisten und dadurch die Bedingungen zu schaffen, die es den kommunistischen Parteien er-möglichen, sich auf die Gewerkschaften zu stützen.

Ohne die Durchführung dieser Aufgabe ist weder die Verwandlung der kommunistischen Parteien in wirkliche Massenparteien noch die Vorbereitung der für den Sieg des Proletariats notwendigen Bedingungen möglich.

Die Gewerkschaften und die Parteien im Westen sind etwas anderes als die Gewerkschaften und die Partei bei uns in Rußland. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Parteien im Westen stimmen bei weitem nicht mit den gegenseitigen Beziehungen überein, die sich bei uns in Rußland herausgebildet haben. Die Gewerkschaften sind bei uns später als die Partei und um die Partei der Arbeiter-klasse entstanden. Bei uns gab es noch keine Gewerkschaften, als die Partei und ihre Organisationen bereits nicht nur den politischen, sondern auch den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterklasse, die kleinen und kleinsten Streiks mit inbegriffen, leiteten. Dadurch erklärt sich hauptsächlich jene außergewöhnliche Autorität, die unsere Partei unter den Arbeitern vor der Februarrevolution im Vergleich zu jenen Keimen der Gewerkschaften besaß, die bei uns damals hie und da bestanden. Wirkliche Gewerkschaften sind bei uns erst nach dem Februar 1917 entstanden. Vor dem Oktober hatten wir bereits ausgebaute Gewerkschaftsorganisationen, die unter den Arbeitern gewaltige Autorität besaßen. Lenin sagte schon damals, dass ohne eine solche Stütze, wie es die Gewerkschaften sind, die Diktatur des Proletariats weder erkämpft noch behauptet werden kann. Die stärkste Entwicklung nahmen die Gewerkschaften bei uns nach der Machteroberung, besonders unter den Verhältnissen der NÖP. Es unterliegt keinem Zweifel, dass unsere machtvollen Gewerkschaften heute eine der Hauptstützen der Diktatur des Proletariats darstellen. Das Charakteristischste an der Entwicklungsgeschichte unserer Gewerkschaften besteht darin, dass sie später als die Partei, um die Partei und in Freundschaft mit der Partei entstanden, sich entwickelten und erstarkten.

Unter ganz anderen Verhältnissen entwickelten sich die Gewerkschaften im Westen Europas. Erstens sind sie dort lange vor der Partei der Arbeiterklasse entstanden und erstarkt. Zweitens haben sich dort die Gewerkschaften nicht um die Partei der Arbeiterklasse entwickelt, sondern umgekehrt, die Parteien der Arbeiterklasse sind selbst aus den Gewerkschaften hervorgegangen. Drittens mussten sich die Parteien, da das Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes, das der Arbeiterklasse am nächsten liegt, von den Gewerkschaften sozusagen bereits erobert war, hauptsächlich mit dem politisch-parlamentarischen Kampf befassen, was auf den Charakter ihrer Arbeit und auf ihr Ansehen in den Augen der Arbeiter-klasse zurückwirken musste. Und gerade weil die Parteien dort später als die Gewerkschaften entstanden, gerade weil die Gewerkschaften lange vor den Parteien geschaffen wurden und eigentlich auch die Hauptfestungen des Proletariats in seinem Kampf gegen das Kapital darstellten - gerade deshalb sahen sich die Parteien, die sich nicht auf die Gewerkschaften stützten, als selbständige Kraft in den Hintergrund gedrängt.

Hieraus folgt aber, dass die kommunistischen Parteien, wenn sie zu einer wirklichen Massenkraft werden wollen, die fähig ist, die Revolution voranzutreiben, eine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen und sich auf sie stützen müssen.

Diese Besonderheit der Lage im Westen nicht in Betracht ziehen heißt ganz bestimmt die Sache der kommunistischen Bewegung zugrunde richten.

Dort im Westen gibt es heute noch immer einzelne „Kommunisten”, die diese Besonderheit nicht begreifen wollen und die nach wie vor für die antiproletarische und antirevolutionäre Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!” Reklame machen. Es muss gesagt werden, dass niemand der kommunistischen Bewegung im Westen so viel Schaden zufügen kann wie diese und ähnliche „Kommunisten”. Diese Leute gedenken, die Gewerkschaften von außen her „zu attackieren”, da sie diese für ein feindliches Lager halten. Sie begreifen nicht, dass bei einer solchen Politik die Arbeiter diese Leute eben als Feinde betrachten werden. Sie begreifen nicht, dass die Arbeiter in ihrer Masse die Gewerkschaften - ob sie nun gut oder schlecht sind - dennoch als ihre Festungen betrachten, die ihnen helfen, den Arbeitslohn, den Arbeitstag usw. zu wahren. Sie begreifen nicht, dass eine solche Politik das Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht erleichtert, sondern ihm Abbruch tut.

„Ihr attackiert meine Festung”, kann der Durchschnittsarbeiter aus der Masse solchen „Kommunisten” sagen. „Ihr wollt das Werk zerstören, an dem ich jahrzehntelang gebaut habe, und mir beweisen, dass der Kommunismus besser ist als der Trade-Unionismus. Ich weiß nicht, vielleicht habt ihr auch recht in euren theoretischen Berechnungen bezüglich des Kommunismus - wie soll ich einfacher Arbeiter mich auskennen in euren Theorien - ich weiß aber das eine, dass ich meine Festungen, die Gewerkschaften, habe. Sie haben mich in den Kampf geführt, sie haben mich - recht und schlecht - gegen die Angriffe der Kapitalisten verteidigt, und jeder, der diese Festungen zu zerstören gedenkt, zerstört mein eigenes Arbeiterwerk. Hört auf, meine Festungen zu attackieren, tretet in die Gewerkschaften ein, arbeitet dort fünf Jahre oder noch länger, helft, sie zu verbessern und zu festigen, und ich werde dann sehen, was ihr für Kerle seid, und wenn ihr euch wirklich als tüchtige Kerle erweist, so werde ich mich natürlich nicht weigern, euch zu unterstützen” usw.

So oder ungefähr so begegnet der heutige Durchschnittsarbeiter des Westens den Antigewerkschaftlern.

Wer diese Besonderheit in der Psychologie des europäischen Durchschnittsarbeiters nicht begriffen hat, der wird auch nichts von der gegenwärtigen Lage unserer kommunistischen Parteien begreifen.

Worin liegt die Stärke der Sozialdemokratie im Westen?

Darin, dass sie sich auf die Gewerkschaften stützt.

Worin liegt die Schwäche unserer kommunistischen Parteien im Westen?

Darin, dass sie noch keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften hergestellt haben und dass gewisse Elemente dieser kommunistischen Parteien gar keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen wollen.

Daher besteht die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, ausnahmslos allen Kommunisten zur Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische geduldige Arbeit im Interesse des Zusammenschlusses der Arbeiterklasse gegen das Kapital zu leisten und dadurch zu erreichen, dass die kommunistischen Parteien sich auf die Gewerkschaften stützen können.

Das ist der Sinn der Beschlüsse des erweiterten Plenums der Komintern über die nächsten Aufgaben der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment.

Fragen und Antworten

- Rede in der Swerdlow-Universität

Drittens. Die Arbeit selbst ist komplizierter und differenzierter geworden. Ich spreche von der jetzigen Aufbauarbeit. Sowohl auf dem Lande als auch in der Stadt sind ganze Arbeitszweige und Arbeitsbranchen entstanden und haben sich entwickelt. Dementsprechend ist auch die Führung eine konkretere geworden. Früher war es üblich, von der Führung „im allgemeinen” zu sprechen. Führung „im allgemeinen” ist heute leeres Geschwätz, denn sie ist gar keine Führung. Jetzt ist eine konkrete, praktische Führung notwendig. Die verflossene Periode hat den Typ des allwissenden Funktionärs hervorgebracht, der für alle Fragen der Theorie und Praxis eine Antwort bereithielt. Jetzt muss dieser alte Typ des allwissenden Funktionärs einem neuen Typ des Funktionärs Platz machen, dem Typ des Funktionärs, der bemüht ist, in einem bestimmten Arbeitszweig Meister seines Fachs zu sein. Um wirklich führen zu können, muss man Sachkenntnisse haben, muss man sich gewissenhaft, geduldig, beharrlich Sachkenntnisse aneignen. Man kann auf dem Lande die Führung nicht ausüben, wenn man die Landwirtschaft, das Genossenschaftswesen nicht kennt, wenn man mit der Preispolitik nicht vertraut ist, wenn man die Gesetze nicht studiert hat, die sich direkt auf das Land beziehen. Man kann in der Stadt die Führung nicht ausüben, wenn man die Industrie nicht kennt, wenn man mit dem Leben der Arbeiter nicht vertraut ist, wenn man nicht für die Bedürfnisse und Nöte der Arbeiter ein hellhöriges Ohr hat, wenn man das Genossenschaftswesen, die Gewerkschaftsarbeit, das Klubwesen nicht kennt. Aber kann man das alles mit einem Schlage erreichen? Leider kann man das nicht. Um die durch die Partei ausgeübte Führung auf das gebührende Niveau zu bringen, muss vor allem die Qualifikation der Parteifunktionäre verbessert werden. Die Frage der Qualifikation des Funktionärs muss jetzt an erster Stelle stehen. Diese Qualifikation des Parteifunktionärs aber mit einem Schlage zu verbessern, ist nicht so einfach. Die alten Gepflogenheiten des eilfertigen Administrierens, mit denen man die fehlenden Sachkenntnisse leider zu ersetzen suchte, sind in den Parteiorganisationen immer noch lebendig. Daraus erklärt sich eigentlich auch der Umstand, dass die so genannte Führung durch die Partei mitunter zu einer lächerlichen Anhäufung von Verfügungen, die niemandem nutzen, ausartet, zu einer „Führung” wird, die keine Führung ist, sondern nur Geschwätz und die sich auf niemand und nichts erstreckt. Darin liegt eine der ernstesten Gefahren der Schwächung und der Einbuße der führenden Stellung der Partei.

Das sind im Allgemeinen die Gründe, warum die Gefahr des Verlustes der führenden Stellung der Partei zur Zersetzung und Entartung der Partei führt.

Darum ist der entschiedene Kampf gegen diese Gefahr eine dringliche Aufgabe unserer Partei.

Das ist die Antwort auf Ihre zweite Frage.

* * *

Die fünfte Schwierigkeit. Sie besteht in der Gefahr, dass sich die Parteiorganisationen und Gewerkschaften von den breiten Massen der Arbeiterklasse teilweise loslösen und gegen die Nöte und Bedürfnisse dieser Massen verschließen. Diese Gefahr entsteht und wächst infolge des Überhandnehmens von bürokratischen Elementen in einer ganzen Reihe von Organen der Partei- und Gewerkschaftsorganisationen, die Zellen und Betriebskomitees nicht ausgenommen. Diese Gefahr hat sich in letzter Zeit verstärkt im Zusammenhang mit der Losung „Das Gesicht dem Dorfe zu”, die die Aufmerksamkeit unserer Organisationen von der Stadt auf das Land, vom Proletariat auf die Bauernschaft verlegte, wobei viele Genossen nicht begriffen haben, dass man, wenn man das Gesicht dem Dorfe zuwendet, dem Proletariat damit nicht den Rücken kehren darf, dass die Losung „Das Gesicht dem Dorfe zu” nur durch das Proletariat und mit den Kräften des Proletariats verwirklicht werden kann, dass ein unachtsames Verhalten den Bedürfnissen der Arbeiterklasse gegenüber die Gefahr einer Loslösung der Partei- und Gewerkschaftsorganisationen von den Arbeitermassen nur vertiefen kann.

Welches sind die Merkmale dieser Gefahr?

Erstens das Einbüßen der Feinfühligkeit und der Mangel an Aufmerksamkeit unserer Partei- und Gewerkschaftsorganisationen gegenüber den Bedürfnissen und Nöten der breiten Massen der Arbeiterklasse; zweitens das Fehlen des Verständnisses dafür, dass unter den Arbeitern das Gefühl der eigenen Würde und das Gefühl, die herrschende Klasse zu sein, stärker geworden ist, dass sie ein bürokratisch-kanzleimäßiges Verhalten der Partei- und Gewerkschaftsorganisationen weder verstehen noch hinnehmen werden; drittens das Fehlen des Verständnisses dafür, dass man den Arbeitern nicht mit unüberlegten Verordnungen kommen darf, dass der Schwerpunkt jetzt nicht in diesen „Maßnahmen” liegt, sondern in der Erringung des Vertrauens der gesamten Arbeiterklasse für die Partei; viertens das Fehlen des Verständnisses dafür, dass man keine Maßnahmen von größerer Tragweite (wie zum Beispiel den Übergang zu drei Maschinen im Textilgebiet), die die Massen der Arbeiter angehen, durchführen darf, ohne vorher unter den Arbeitern eine Kampagne durchgeführt, ohne Produktionsberatungen auf breiter Grundlage abgehalten zu haben.

Die Folge von alledem sind Loslösung einer Reihe von Partei- und Gewerkschaftsorganisationen von den breiten Massen der Arbeiterklasse und Konflikte in den Betrieben. Bekanntlich haben die Konflikte, die sich vor kurzem im Textilgebiet abgespielt haben, in einer ganzen Reihe unserer Partei- und Gewerkschaftsorganisationen das Vorhandensein aller dieser Geschwüre aufgedeckt.

Das sind die charakteristischen Merkmale der fünften Schwierigkeit, die sich unserem Aufbau in den Weg stellt.

 

Unterredung mit Teilnehmern einer Beratung der Agitpropabteilungen

 

Frage.

Wird die wachsende linke Bewegung in den Gewerkschaften im Westen nicht zu einer Loslösung eines gewissen Teils des Proletariats von den kommunistischen Parteien führen? 

Antwort.

Nein, dazu muss sie nicht führen. Im Gegenteil, die Linksentwicklung der Gewerkschaften muss den Einfluss der kommunistischen Parteien in der Arbeiterbewegung verstärken. Die Stärke der Sozialreformisten in der Arbeiterbewegung besteht nicht nur und nicht einmal so sehr darin, dass sie die sozialdemokratischen Parteien zu ihrer Verfügung haben, sondern hauptsächlich darin, dass sie sich auf die Gewerkschaften der Arbeiter stützen. Man braucht ihnen nur diese Stütze zu nehmen, und sie werden in der Luft hängen. Die Linksentwicklung der Gewerkschaften bedeutet, dass ein erheblicher Teil der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von den alten, reformistischen Führern abzurücken beginnt und neue, linke Führer sucht. Der Fehler der kommunistischen Parteien besteht darin, dass sie diesen günstigen Prozess nicht begreifen und, statt den sich nach links entwickelnden Arbeitern aus der Sozialdemokratie die Hand entgegenzustrecken und ihnen zu helfen, aus dem Sumpf herauszukommen, sie Verräter zu schimpfen beginnen und sie von sich stoßen.

Man muss in Betracht ziehen, dass es sich mit den Gewerkschaften im Westen anders verhält als bei uns. Bei uns sind die Gewerkschaften nach der Partei entstanden, nachdem die Partei bereits erstarkt war und eine große Autorität unter den Arbeitern erworben hatte. Bei uns wurden die Gewerkschaften mit den Kräften der Partei, unter Führung der Partei, mit Hilfe der Partei geschaffen und organisiert. Hieraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass bei uns die Autorität der Partei unter den Arbeitern viel größer ist als die Autorität der Gewerkschaften. Ein vollkommen anderes Bild beobachten wir im Westen. Dort sind die Gewerkschaften viel früher entstanden als die politische Partei der Arbeiter-klasse. Es gab dort noch keine Partei, als die Gewerkschaften die Arbeiter zum Streik führten, sie organisierten und ihnen halfen, ihre Interessen im Kampf gegen die Kapitalisten zu verteidigen. Mehr noch, dort sind die Parteien aus den Gewerkschaften hervorgegangen. Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die Gewerkschaften im Westen eine viel größere Autorität unter den Massen genießen als die Partei. Ob die Gewerkschaften und ihre Führer dort nun gut oder schlecht sind, eins ist immerhin klar, dass die Arbeiter die Gewerkschaften als ihre Bastionen gegen die Kapitalisten betrachten. Alle diese Besonderheiten muss man bei der Entlarvung der reformistischen Gewerkschaftsführer berücksichtigen. Mit Schimpfen auf die reformistischen Führer und mit Kraftausdrücken ihnen gegenüber ist der Sache nicht gedient - im Gegenteil, Schimpfen und Kraftausdrücke können bei den Arbeitern nur den Eindruck erwecken, dass es hier nicht um die Entfernung untauglicher Führer, sondern um die Zerstörung der Gewerkschaften geht.

Der XIV. Parteitag der KPdSU(B)

Statt der Periode der ansteigenden revolutionären Flut, die wir in den Jahren der Nachkriegskrise beobachten konnten, sehen wir in Europa jetzt eine Periode der Ebbe. Das bedeutet, dass die Frage der unmittelbaren Eroberung der Macht, der Machtergreifung durch das Proletariat gegenwärtig in Europa nicht auf der Tagesordnung steht. Die Periode des Ansteigens der revolutionären Wellen, da die Bewegung vorwärts drängt, anschwillt und die Partei mit ihren Losungen der Bewegung nicht nachzukommen vermag, wie das zum Beispiel bei uns in den Jahren 1905 oder 1917 der Fall war - diese Periode des Aufschwungs steht erst bevor. Jetzt aber haben wir keinen Aufschwung, sondern eine Periode zeitweiliger Ebbe, eine Periode, in der das Proletariat Kräfte sammelt, eine Periode, die bedeutsame Resultate zeitigt in dem Sinne, dass sich neue Formen der Bewegung abzeichnen, dass eine Massenbewegung unter der Flagge des Kampfes für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung vorhanden ist und wächst, dass sich Verbindungen zwischen der Arbeiterbewegung des Westens und der Arbeiterbewegung der Sowjetunion anbahnen und festigen, dass zum Beispiel die englische Arbeiterbewegung sich nach links entwickelt, dass Amsterdam zerfällt, dass in dieser Internationale ein tiefer Riss entsteht usw. usw. Ich wiederhole: Wir machen eine Zeit der Kräftesammlung durch, die große Bedeutung für die künftigen revolutionären Aktionen hat. Das ist die Periode, in der es zur Losung der kommunistischen Bewegung wird, die Massenorganisationen des Proletariats (Gewerkschaften usw.) zu erobern und die sozialdemokratischen Führer „von ihren Posten abzusetzen”, wie das bei uns in den Jahren 1911-1912 der Fall war.

* * *

Ich las, wie die Leiter unserer Erdölindustrie, Kossior in Grosny und Serebrowski in Baku, die Arbeiterdelegierten nicht einfach informierten, wie man Exkursionsteilnehmer informiert, sondern wie sie den Arbeiterdelegationen wie einer höheren Kontrollinstanz Rechenschaft ablegten. Ich las, wie alle unsere obersten Behörden, vom Rat der Volkskommissare und vom ZEK bis hinab zu den Exekutivkomitees draußen im Lande, bereit waren, den Arbeiterdelegationen, in denen sie die kameradschaftliche, brüderliche Kontrolle der Arbeiterklasse des Westens über unseren Aufbau, über unseren Arbeiterstaat verkörpert sahen, Rechenschaft abzulegen.

Was besagen alle diese Tatsachen? Sie besagen zweierlei: Erstens, dass die Arbeiterklasse Europas, zum mindesten der revolutionäre Teil der Arbeiterklasse Europas, unseren Staat als sein eigenes Kind betrachtet, dass die Arbeiterklasse nicht aus Neugier ihre Delegationen in unser Land entsendet, sondern, um zu sehen, was bei uns getan wird und wie es getan wird, weil sie sich offenbar für alles, was wir hier aufbauen, moralisch verantwortlich fühlt. Zweitens besagen diese Tatsachen, dass der revolutionäre Teil des Proletariats Europas, indem er unseren Staat adoptiert und als sein eigenes Kind betrachtet, es übernimmt, ihn zu verteidigen und, wenn nötig, für ihn zu kämpfen. Nennen Sie mir einen anderen Staat, und sei er auch noch so demokratisch, der es über sich brächte, sich der brüderlichen Kontrolle von Arbeiterdelegationen aus anderen Ländern zu unterstellen! Sie werden einen solchen Staat nicht nennen können, denn es gibt in der ganzen Welt keinen solchen Staat. Nur unser Staat, der Staat der Arbeiter und Bauern, ist zu einem solchen Schritt fähig. Aber wenn wir den Arbeiterdelegationen ein Maximum von Vertrauen entgegenbringen, so erringt sich unser Land dadurch auch ein Maximum von Vertrauen bei der Arbeiterklasse Europas. Und dieses Vertrauen zu uns ist für uns wertvoller als alle und jegliche Anleihen, denn es, dieses Vertrauen der Arbeiter zu unserem Staat, ist das wichtigste Gegengift gegen den Imperialismus und seine interventionistischen Machenschaften.

Das ist die Grundlage für jene Änderung in den Beziehungen zwischen unserem Staat und dem Proletariat des Westens, die sich auf Grund der Pilgerfahrten der Arbeiter in unser Land vollzogen hat oder sich vollzieht. Das ist das Neue, das viele nicht erfasst haben, das aber jetzt entscheidend ist. Denn wenn man uns als einen Teil der Arbeiterklasse Europas, als ihr Kind betrachtet, wenn die Arbeiterklasse Europas, hiervon ausgehend, die moralische Verantwortung übernimmt, wenn sie die Aufgabe übernimmt, unseren Staat, sagen wir im Falle einer Intervention, gegen den Kapitalismus zu verteidigen, wenn sie die Aufgabe übernimmt, unsere Interessen gegen den Imperialismus zu verteidigen, wovon zeugt das? Davon, dass unsere Kräfte nicht nur täglich, sondern stündlich wachsen und wachsen werden. Davon, dass die Schwäche des Kapitalismus nicht nur täglich, sondern stündlich zunehmen wird. Denn ohne die Arbeiter kann man heutzutage keinen Krieg führen. Wenn die Arbeiter gegen unsere Republik keinen Krieg führen wollen, wenn sie unsere Republik als ihr eigenes Kind betrachten, dessen Schicksal ihnen am Herzen liegt, so wird ein Krieg gegen unser Land unmöglich. Das ist das Geheimnis, das ist die Wurzel, das ist der Sinn jener Pilgerfahrten in unser Land, der bisherigen und der künftigen, die wir mit allen Kräften fördern müssen als ein Unterpfand der Solidarität und als ein Unterpfand der Stärkung der Freundschaftsbande zwischen den Arbeitern unseres Landes und den Arbeitern des Westens.

Vielleicht ist es nicht überflüssig, ein paar Worte über die Zahl der Delegationen, die unser Land besucht haben, zu sagen. Neulich hörte ich, dass auf der Moskauer Konferenz ein Genosse an Rykow die Frage richtete: „Laufen diese Delegationen uns nicht allzu sehr ins Geld?” Genossen, so darf man nicht reden. In dieser Weise darf man von den zu uns kommenden Arbeiterdelegationen niemals sprechen. Es ist eine Schande, so zu reden. Wir können und dürfen keine Ausgaben und keine Opfer scheuen, wenn es gilt, der Arbeiterklasse des Westens zu helfen, ihre Delegierten zu uns zu schicken, wenn es gilt, diesen zu helfen, sich davon zu überzeugen, dass die Arbeiterklasse, die die Macht erobert hat, fähig ist, nicht nur den Kapitalismus niederzureißen, sondern auch den Sozialismus aufzubauen. Sie, die Arbeiter des Westens, zumindest viele von ihnen, sind noch immer überzeugt, die Arbeiterklasse könne ohne die Bourgeoisie nicht auskommen. Dieses Vorurteil ist die Hauptkrankheit der Arbeiterklasse des Westens, die ihr von den Sozialdemokraten eingeimpft wird. Wir werden keine Opfer scheuen, um der Arbeiterklasse des Westens die Möglichkeit zu geben, sich durch ihre Delegierten davon zu überzeugen, dass die Arbeiterklasse, die die Macht erobert hat, fähig ist, nicht nur das Alte niederzureißen, sondern auch den Sozialismus aufzubauen. Wir werden keine Opfer scheuen, um der Arbeiterklasse des Westens die Möglichkeit zu geben, sich davon zu überzeugen, dass unser Land jener einzige Arbeiterstaat der Welt ist, für den zu kämpfen es sich für sie drüben im Westen lohnt und der es wert ist, dass sie ihn gegen ihren eigenen Kapitalismus verteidigen. (Beifall.)

Drei Arten von Delegationen haben uns besucht: Delegationen von Intellektuellen, Lehrern usw., Delegationen erwachsener Arbeiter, es waren, scheint’s, rund gerechnet 10, und Delegationen der Arbeiterjugend. Insgesamt sind 550 Delegierte und Exkursionsteilnehmer in unser Land gekommen. Es werden noch weitere 16 Delegationen erwartet, die beim Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion angemeldet sind. Wir werden solche Besuche auch weiter fördern, um die Verbindung der Arbeiterklasse unseres Landes mit der Arbeiterklasse des Westens zu festigen und dadurch eine Schranke gegen alle und jegliche Interventionsmöglichkeiten zu errichten.

Das sind die kennzeichnenden Züge der grundlegenden Gegensätze, die den Kapitalismus zerfressen.

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Welches sind die Aufgaben auf dem Gebiet der internationalen revolutionären Bewegung?

Die Aufgaben bestehen darin, erstens, zu arbeiten auf der Linie der Festigung der kommunistischen Parteien im Westen, auf der Linie der Gewinnung der Mehrheit der Arbeitermassen durch die kommunistischen Parteien. Zweitens, zu arbeiten auf der Linie der Verstärkung des Kampfes der Arbeiter des Westens für die Gewerkschaftseinheit, für die Festigung der Freundschaft zwischen dem Proletariat unserer Union und dem Proletariat der kapitalistischen Länder. Hierzu gehört auch jene Serie von Pilgerfahrten, von der ich sprach und deren Bedeutung ich oben umriss. Drittens, zu arbeiten auf der Linie der Festigung des Zusammenschlusses zwischen dem Proletariat unseres Landes und der Befreiungsbewegung der unterdrückten Länder, denn diese sind unsere Bundesgenossen im Kampf gegen den Imperialismus. Und viertens, zu arbeiten auf der Linie der Stärkung der sozialistischen Elemente unseres Landes im Sinne des Sieges dieser Elemente über die kapitalistischen Elemente, eines Sieges, der für die Revolutionierung der Arbeiter aller Länder von entscheidender Bedeutung ist. Gewöhnlich beschränken sich die Genossen, wenn sie über die Aufgaben unserer Partei auf dem Gebiet der internationalen revolutionären Bewegung sprechen, auf die drei ersten Aufgaben und vergessen die vierte Aufgabe, sie vergessen, dass unser Kampf in unserem Lande, der Kampf für den Sieg der sozialistischen Elemente in unserem Lande über die kapitalistischen Elemente, dass unser Kampf um den Aufbau zugleich von weltumspannender, internationaler Bedeutung ist, denn unser Land ist die Basis der internationalen Revolution, denn unser Land ist der Haupthebel zur Entfaltung der internationalen revolutionären Bewegung, und wenn hier bei uns der Aufbau im erforderlichen Tempo vorwärts geht, so bedeutet das, dass wir unsere Arbeit in der internationalen revolutionären Bewegung auch auf allen anderen Gebieten gerade so durchführen, wie das die Partei von uns fordert.

Das sind die Aufgaben der Partei auf dem Gebiet der internationalen revolutionären Bewegung.

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4. Die Klassen, ihre Aktivität, ihre Wechselbeziehungen 

Die Entwicklung der Volkswirtschaft im Lande hat zu einer Verbesserung der materiellen Lage vor allem der Arbeiterklasse geführt. Die Deklassierung der Arbeiterklasse hat schon lange aufgehört. Die Wiederherstellung und das Wachstum der Arbeiterklasse vollziehen sich in raschem Tempo. Hier die Zahlen: Am 1. April 1924 hatten wir, alle Arbeiter in allen Industrien gerechnet, auch die Arbeiter der Kleinindustrie, die Saisonarbeiter und die Landarbeiter, nach den Unterlagen des Volkskommissariats für Arbeit 5500000 Arbeiter, davon 1 Million Landarbeiter und 760000 Arbeitslose. Am 1. Oktober 1925 zählten wir bereits über 7 Millionen Arbeiter, davon 1200000 Landarbeiter und 715000 Arbeitslose. Das zahlenmäßige Anwachsen der Arbeiterklasse ist unbestreitbar.

Der durchschnittliche Monatslohn der Arbeiter in der gesamten Industrie belief sich, in Rubeln Tscherwonez-Währung gerechnet, im April 1925 auf 35 Rubel je Arbeiter oder 62 Prozent des Vorkriegslohnes; im September 1925 auf 50 Rubel oder 88,5 Prozent des Vorkriegslohnes. Es gibt einzelne Industriezweige, die über das Vorkriegsniveau bereits hinaus sind. Der durchschnittliche Reallohn betrug, in Warenrubeln gerechnet, im April 1925 täglich 0,88 Rubel, im September 1925 1,21 Rubel je Arbeiter. Die durchschnittliche Produktionsleistung je Tag und Arbeiter erreichte in der gesamten Industrie im April 1924, in Vorkriegsrubeln gerechnet, 4,18 und im Jahre 1925 6,14, das heißt 85 Prozent des Vorkriegsstandes. Nehmen wir das Verhältnis zwischen Lohn und Arbeitsproduktivität monatsweise, so sehen wir sie miteinander Schritt halten: der Lohn steigt, und es steigt auch die Arbeitsproduktivität. Im Juni und Juli jedoch steigt der Lohn weiter, die Arbeitsproduktivität dagegen steigt in geringerem Maße als der Lohn. Das erklärt sich durch die Urlaube sowie dadurch, dass neue, halbbäuerliche Arbeiterschichten in die Fabriken eingetreten sind.

Jetzt zum Lohnfonds. Der Lohnfonds erreichte nach den Unterlagen des Volkskommissariats für Arbeit (ich habe nur die Industrie im Auge, ohne die anderen Wirtschaftszweige zu berücksichtigen) im Jahre 1923/24 808 Millionen, im Jahre 1924/25 über 1,2 Milliarden; für das Jahr 1925/26 sind 1,7 Milliarden Rubel vorgesehen.

Ich will hier nicht darüber reden, Genossen, welchen Zwecken der Sozialversicherungsfonds dient, das ist jedem bekannt. Gestatten Sie mir, eine Gesamtzahl zu nennen, damit man sich darüber orientieren kann, wieviel der proletarische Staat für die Versicherung der Arbeiter verausgabt. Im Jahre 1924/25 gab es insgesamt 6700000 Versicherte, 1925/26 soll ihre Zahl 7 Millionen erreichen. Die durchschnittlichen Überweisungen aus dem Lohnfonds beliefen sich 1924/25, gemessen an der gesamten Lohnsumme, auf 14,6 Prozent, für 1925/26 sind 13,84 Prozent vorgesehen. Insgesamt wurden 1924/25 für diese Zwecke 422 Millionen bewilligt, für 1925/26 sind 588 Millionen veranschlagt. Nicht überflüssig dürfte die Mitteilung sein, dass aus der für das vorige Jahr angesetzten Summe ein Betrag in Höhe von 71 Millionen Rubel in den Kassen der Sozialversicherung übrig geblieben ist.

* * *

Untersuchen wir jetzt den Anteil der in der KPR(B) organisierten Arbeiter an der gesamten Arbeiterschaft der Großindustrie. Die Zahl der ständigen Arbeiter (ohne Saisonarbeiter) in der Großindustrie, sowohl der staatlichen als auch der nichtstaatlichen, die Rüstungsindustrie, die Haupteisenbahnwerkstätten und die wichtigsten Depots mit eingerechnet - die Zahl der Arbeiter in allen diesen Zweigen belief sich am 1. Januar 1924 auf 1605000. In unserer Partei gab es damals 196000 Arbeiter. Das waren 12 Prozent der gesamten Arbeiterschaft der Großindustrie. Nehmen wir nun die in der Partei organisierten Arbeiter von der Werkbank und bestimmen wir ihr prozentuelles Verhältnis zur Gesamtzahl der Arbeiter in der Großindustrie, so sehen wir, dass am 1. Januar in der Partei 83000 Arbeiter von der Werkbank waren - 5 Prozent aller in der Großindustrie beschäftigten Arbeiter. Alle diese Zahlen beziehen sich auf den 1. Januar 1924. Am 1. Juni 1924 waren 1780000 Arbeiter in der Großindustrie beschäftigt; der Partei gehörten damals 389000 Arbeiter an, das heißt 21,8 Prozent aller in der Großindustrie beschäftigten Arbeiter. Arbeiter von der Werkbank gab es in der Partei 267000, das heißt 15 Prozent aller in der Großindustrie beschäftigten Arbeiter. Am 1. Januar 1925 gab es in der Großindustrie 1845000 Arbeiter; die Zahl der in unserer Partei organisierten Arbeiter überhaupt, sowohl derer, die an der Werkbank stehen, als auch der anderen, belief sich auf 429000, das heißt 23,2 Prozent aller in der Großindustrie beschäftigten Arbeiter; Arbeiter von der Werkbank gab es damals in der Partei 302000, das heißt 16,3 Prozent der gesamten Arbeiterschaft der Großindustrie. Am 1. Juli 1925 gab es in der Großindustrie 2094000 Arbeiter; in der Partei waren 534000, das heißt 25,5 Prozent der Arbeiter; unmittelbar an der Maschine stehende Arbeiter gab es 383000, das heißt 18,2 Prozent der gesamten Arbeiterschaft der Großindustrie.

Während also, was die gesamte Arbeiterklasse betrifft, die Zahl der in der Partei organisierten Arbeiter im Verhältnis zur gesamten Arbeiterschaft langsamer zunimmt als die Zahl der Arbeiter überhaupt, so sehen Sie hier, in der Großindustrie, das umgekehrte Bild: Der Prozentsatz der in der Partei organisierten Arbeiter nimmt schneller zu als die Zahl der in der Großindustrie beschäftigten Arbeiter selbst. Das muss hervorgehoben werden, damit wir uns vor Augen halten, wie unsere Partei aussieht, wenn wir von ihrem Arbeiterkern sprechen: es sind dies hauptsächlich Arbeiter der Großindustrie.

Können wir jetzt, wo wir das alles vor Augen haben, daran denken, binnen eines Jahres den Anteil der Arbeiter von der Werkbank in der Partei bis auf 90 Prozent der Mitgliedschaft zu steigern? Nein, das können wir nicht, weil wir nicht in Phantasterei verfallen wollen. Denn wenn wir jetzt 380000 Arbeiter von der Werkbank in der Partei haben, so müsste man die Zahl der Parteimitglieder binnen eines Jahres auf 7 Millionen erhöhen, damit alle übrigen Parteimitglieder, also rund 700000, die nicht an der Werkbank stehen, nur noch 10 Prozent der Parteimitgliedschaft ausmachen. Die Genossen haben sich hier einfach vergaloppiert und sind mit ihren 90 Prozent aufgesessen.

Wächst nun das Gewicht der Partei in der Arbeiterklasse? Es lohnt sich kaum, diese ganz offenkundige Wahrheit erst noch zu beweisen. Sie wissen, dass unsere Partei dem Wesen der Sache nach ein gewähltes Organ der Arbeiterklasse ist. Wir haben in dieser Hinsicht erreicht, was noch keine Partei der Welt erreicht hat. Schon diese Tatsache allein zeugt davon, dass das Gewicht unserer Partei in den Reihen der Arbeiterklasse unermesslich groß ist und dass unsere Partei eine Monopolstellung innerhalb der Arbeiterklasse einnimmt.

 

 

1928

Band 8

Über den Kampf gegen die rechten und "ultralinken" Abweichungen

Deutschland ist erst vor kurzem aus einer tiefen revolutionären Krise [1] hervorgegangen, in der die Partei den Kampf mit der Methode des direkten Angriffs führte. Jetzt macht die deutsche Kommunistische Partei eine Periode des Kräftesammelns und der Vorbereitung der Massen auf die künftigen entscheidenden Kämpfe durch. Zur Erreichung der alten Ziele unter neuen Verhältnissen taugt die Methode des direkten Angriffs jetzt bereits nicht mehr. Jetzt ist erforderlich, dass die deutsche Kommunistische Partei zur Methode der Umgehungsbewegungen übergeht, mit dem Ziel, die Mehrheit der Arbeiterklasse in Deutschland zu gewinnen. Es ist nur natürlich, dass sich unter solchen Verhältnissen in Deutschland eine Gruppe „Ultralinker” gefunden hat, die, in schülerhafter Weise alte Losungen wiederholend, es nicht verstanden hat oder nicht willens ist, sich den neuen Kampfbedingungen, die neue Arbeitsmethoden erfordern, anzupassen. Daher die „Ultralinken”, die die Partei durch ihre Politik daran hindern, sich den neuen Kampfbedingungen anzupassen und sich den Weg zu den breiten Massen des deutschen Proletariats zu erschließen. Entweder bricht die deutsche Kommunistische Partei den Widerstand der „Ultralinken”, und dann wird sie den breiten Weg der Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse beschreiten, oder aber sie tut dies nicht, und dann wird sie die gegenwärtige Krise in eine chronische und für die Partei verderbliche Krise verwandeln. Daher der Kampf gegen die „Ultralinken” in der deutschen Kommunistischen Partei, als die aktuelle Aufgabe der Partei.

Woraus lässt sich zum Beispiel die allgemein bekannte Tatsache erklären, dass die Kommunistischen Parteien Englands, Frankreichs, der Tschechoslowakei schon ernstliche Stützpunkte in der Gewerkschaftsbewegung ihres Landes haben, sich den Weg zu den breiten Massen der Arbeiterklasse bereits erschlossen haben und das Vertrauen, wenn nicht der Mehrheit, so doch beträchtlicher Massen der Arbeiterklasse zu erringen beginnen, während es in Deutschland in dieser Beziehung immer noch schwach bestellt ist? Dieser Umstand erklärt sich vor allem daraus, dass in der deutschen Kommunistischen Partei die „Ultralinken” noch stark sind, die den Gewerkschaften, der Losung der Einheitsfront, der Losung der Eroberung der Gewerkschaften immer noch skeptisch gegenüberstehen. Es ist allen bekannt, dass die „Ultralinken” noch vor kurzer Zeit die Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!” verfochten. Es ist allen bekannt, dass die Überreste dieser antiproletarischen Losung unter den „Ultralinken” bis auf den heutigen Tag noch nicht restlos überwunden sind. Eins von beiden: Entweder vermag die deutsche Kommunistische Partei die Vorurteile der „Ultralinken” in der Frage der Methode der Arbeit unter den Massen schnell und entschieden zu überwinden, indem sie die Scholem-Gruppe aufs Haupt schlägt, sie ideologisch zerschlägt, oder aber sie vermag das nicht, und dann kann die Krise in der deutschen Kommunistischen Partei eine höchst gefährliche Richtung nehmen.

Man sagt, dass es bei den „Ultralinken” ehrliche revolutionäre Arbeiter gibt, die man nicht abstoßen darf und soll. Das ist vollkommen richtig. Wir schlagen auch gar nicht vor, sie abzustoßen. Deshalb enthält ja unser Resolutionsentwurf auch keine Vorschläge, irgendeinen der „Ultra-linken”, geschweige denn einen Arbeiter, abzustoßen oder aus der Partei auszuschließen. Wie aber sind diese Arbeiter auf das Bewusstseinsniveau einer leninistischen Partei zu heben? Wie sind sie von den Irrungen zu befreien, in denen sie jetzt infolge der Fehler und Vorurteile ihrer „ultralinken” Führer befangen sind? Dafür gibt es nur ein Mittel: Das ist das Mittel der politischen Desavouierung der „ultralinken” Führer, das Mittel der Aufdeckung der „ultralinken” Fehler, die die ehrlichen revolutionären Arbeiter irremachen und daran hindern, auf den richtigen Weg zu gelangen. Können wir in den Fragen des ideologischen Kampfes in der Partei und der politischen Erziehung der Massen ein faules diplomatisches Spiel, eine Vertuschung von Fehlern zulassen? Nein, das können wir nicht. Das wäre ein Betrug an den Arbeitern. Was ist nun der Ausweg in einem solchen Fall? Es gibt nur einen Ausweg: die Fehler der „ultralinken” Führer aufzudecken und auf diese Weise den ehrlichen revolutionären Arbeitern zu helfen, auf den richtigen Weg zu gelangen.

Man sagt, dass der Schlag gegen die „Ultralinken” die Beschuldigung hervorrufen könne, die deutsche Kommunistische Partei habe eine Rechtsschwenkung gemacht. Das ist alles Unsinn, Genossen. Als Lenin im Jahre 1908 auf der gesamtrussischen Parteikonferenz [4] den Kampf gegen die russischen „Ultralinken” führte und sie aufs Haupt schlug, fanden sich damals bei uns ebenfalls Leute, die Lenin einer rechten Einstellung, der Rechtsschwenkung bezichtigten. Die ganze Welt weiß jetzt jedoch, dass Lenin damals recht hatte, dass sein Standpunkt der einzig revolutionäre war, dass aber die russischen „Ultralinken”, die sich damals in „revolutionären” Phrasen ergingen, in Wirklichkeit Opportunisten waren.

Man darf nicht vergessen, dass Rechte und „Ultralinke” in Wirklichkeit Zwillingsbrüder sind, dass sie folglich auf dem opportunistischen Standpunkt stehen, mit dem Unterschied jedoch, dass die Rechten ihren Opportunismus nicht immer verbergen, während die Linken ihren Opportunismus stets mit „revolutionären” Phrasen verhüllen. Wir können unsere Politik nicht danach bestimmen, was diese oder jene Schwätzer oder Spießbürger über uns sagen könnten. Wir müssen unbeirrt und sicher unsern Weg verfolgen, ohne darauf zu achten, welche Lügenmärchen müßige Leute über uns noch erfinden könnten. Die Russen haben ein gutes Sprichwort: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.” Wir sollten uns dieses Sprichwort merken, es kann uns noch manches Mal von Nutzen sein.

 

 

zu den Fragen des Leninismus

(Auszüge)

Oben sprach ich von der Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihrer historischen Unvermeidlichkeit, vom Standpunkt ihres Klasseninhalts, vom Standpunkt ihres staatlichen Charakters, schließlich vom Standpunkt ihrer destruktiven und konstruktiven Aufgaben, die im Verlaufe einer ganzen historischen Periode zu erfüllen sind, die als die Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet wird.

Jetzt müssen wir über die Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihres Aufbaus, vom Standpunkt ihres "Mechanismus", vom Standpunkt der Rolle und Bedeutung jener "Transmissionen", "Hebel" und "lenkenden Kraft" sprechen, die in ihrer Gesamtheit das "System der Diktatur des Proletariats" (Lenin) ergeben, und mit deren Hilfe die alltägliche Arbeit der Diktatur des Proletariats geleistet wird.

Was sind das für "Transmissionen" oder "Hebel" im System der Diktatur des Proletariats? Was ist das für eine "lenkende Kraft"? Wozu braucht man sie?

Die Hebel oder Transmissionen - das sind jene Massenorganisationen des Proletariats, ohne deren Hilfe die Verwirklichung der Diktatur unmöglich ist.

Die lenkende Kraft - das ist die fortgeschrittenste Abteilung des Proletariats, seine Avantgarde, die die grundlegende führende Kraft der Diktatur des Proletariats ist.

Diese Transmissionen, diese Hebel und diese lenkende Kraft hat das Proletariat nötig, weil es sich ohne sie in seinem Kampfe um den Sieg in der Lage einer unbewaffneten Armee angesichts des organisierten und bewaffneten Kapitals erweisen würde. Diese Organisationen hat das Proletariat nötig, weil es ohne sie in seinem Kampfe für den Sturz der Bourgeoisie, in seinem Kampfe für die Befestigung seiner Macht, in seinem Kampfe für den Aufbau des Sozialismus unweigerlich eine Niederlage erleiden würde. Die systematische Hilfe dieser Organisationen und die lenkende Kraft der Avantgarde sind notwendig, weil ohne diese Bedingungen eine einigermaßen dauernde und feste Diktatur des Proletariats unmöglich wäre.

Was sind das für Organisationen?

Es sind dies erstens die Gewerkschaften der Arbeiter mit ihren Verzweigungen in der Hauptstadt und in der Provinz in Gestalt einer ganzen Reihe von Produktions-, kulturellen, erzieherischen und anderen Organisationen. Sie vereinigen die Arbeiter aller Berufe. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Gewerkschaften kann man als die allumfassende Organisation der bei uns herrschenden Arbeiterklasse bezeichnen. Sie sind die Schule des Kommunismus. Sie stellen aus ihrer Mitte die besten Leute für die leitende Arbeit in allen Verwaltungszweigen. Sie verwirklichen die Verbindung zwischen den fortgeschrittenen und den zurückgebliebenen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse. Sie verbinden die Arbeitermassen mit der Avantgarde der Arbeiterklasse.

Es ist dies schließlich die Partei des Proletariats, seine Avantgarde. Ihre Kraft besteht darin, daß sie die Besten des Proletariats aus allen seinen Massenorganisationen in sich aufnimmt. Ihre Bestimmung ist es, die Arbeit aller Massenorganisationen des Proletariats ohne Ausnahme zusammenzufassen und deren Tätigkeit auf ein Ziel, auf das Ziel der Befreiung des Proletariats, zu richten. Diese zusammenzufassen und auf ein einheitliches Ziel zu lenken, ist aber absolut notwendig, da sonst die Einheit des Kampfes des Proletariats unmöglich ist, da sonst die Führung der proletarischen Massen in ihrem Kampfe um die Macht, in ihrem Kampfe um den Aufbau des Sozialismus unmöglich ist. Aber die Arbeit der Massenorganisationen des Proletariats zusammenzufassen und zu lenken vermag nur die Avantgarde des Proletariats, seine Partei. Nur die Partei des Proletariats, nur die Partei der Kommunisten vermag diese Rolle des Hauptführers im System der Diktatur des Proletariats zu erfüllen.

Warum?

"Erstens, weil die Partei ein Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, die mit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diese sehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse, die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die Organisation ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei als die beste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität, die einzige Organisation ist, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren und auf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden." (Siehe "Über die Grundlagen des Leninismus".)

Die Partei ist die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats.

"Die Partei ist die höchste Form des klassenmäßigen Zusammenschlusses des Proletariats." (Lenin.)

Also: die Gewerkschaften als Massenorganisationen des Proletariats, die die Partei mit der Klasse, vor allem auf dem Gebiete der Produktion verbindet; die Sowjets als Massenorganisationen der Werktätigen, die die Partei mit diesen, vor allem auf staatlichem Gebiete verbindet; die Genossenschaften als Massenorganisationen, hauptsächlich der Bauernschaft, die die Partei mit den Bauernmassen, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete der Erziehung der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau, verbindet; der Jugendverband als Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, eine Organisation, die berufen ist, der Avantgarde des Proletariats die sozialistische Erziehung der neuen Generation und die Heranbildung der jungen Reserven zu erleichtern; und schließlich die Partei als grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats, die berufen ist, alle diese Massenorganisationen zu leiten - das ist im allgemeinen das Bild des "Mechanismus" der Diktatur, das Bild des "Systems der Diktatur des Proletariats".

Ohne die Partei als die grundlegende führende Kraft ist eine einigermaßen dauernde und feste Diktatur des Proletariats unmöglich. Wir haben also, um mit Lenin zu sprechen, "im großen und ganzen einen formal nichtkommunistischen, elastischen und verhältnismäßig umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die Partei mit der Klasse und der Masse eng verbunden ist und durch den unter Führung der Partei die Diktatur der Klasse verwirklicht wird" (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 10, S. 82).

Das bedeutet natürlich nicht, daß die Partei die Gewerkschaften, die Sowjets und die anderen Massenorganisationen ersetzen kann oder soll. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Aber sie verwirklicht sie nicht unmittelbar, sondern mit Hilfe der Gewerkschaften, durch die Sowjets und deren Verzweigungen. Ohne diese "Transmissionen" würde eine einigermaßen feste Diktatur unmöglich sein.

"Die Diktatur läßt sich nicht verwirklichen", sagt Lenin, "ohne einige 'Transmissionen' von der Avantgarde zur Masse der fortgeschrittenen Klasse und von dieser zur Masse der Werktätigen." "...Die Partei saugt sozusagen die Avantgarde des Proletariats in sich auf, und diese Avantgarde verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Und ohne ein solches Fundament wie die Gewerkschaften zu besitzen, kann die Diktatur nicht verwirklicht, können die staatlichen Funktionen nicht ausgeübt werden. Ausgeübt werden müssen sie mit Hilfe einer Reihe besonderer Institutionen, wiederum neuer Art, nämlich: mit Hilfe des Sowjetapparats." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 80 und 78/79.)

Hier haben wir es, wie man sieht, mit einer ganzen Reihe von Übergängen und Zwischenstufen zu tun, die ein bei weitem nicht unwichtiges Moment der Diktatur des Proletariats ausmachen. Zwischen den leitenden Weisungen der Partei und ihrer Umsetzung in die Tat liegen folglich der Wille und die Handlungen der Gefährten, der Wille und die Handlungen der Klasse, ihre Bereitschaft (oder Weigerung), solche Weisungen zu unterstützen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), diese Weisungen durchzuführen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), sie gerade so durchzuführen, wie die Lage es erfordert. Es bedarf wohl keiner Beweise, daß die Partei, die die Führung auf sich genommen hat, mit dem Willen, mit dem Zustande, mit dem Bewußtseinsgrade der von ihr Geführten rechnen muß, daß sie den Willen, den Zustand und den Bewußtseinsgrad ihrer Klasse nicht außer Rechnung lassen darf. Wer daher die führende Rolle der Partei der Diktatur des Proletariats gleichstellt, der ersetzt den Willen und die Handlungen der Klasse durch die Weisungen der Partei.  "Um über den Kapitalismus zu siegen, bedarf es richtiger Wechselbeziehungen zwischen der führenden, der kommunistischen Partei, der revolutionären Klasse, dem Proletariat, und der Masse, d.h. der Gesamtheit der Werktätigen und Ausgebeuteten. Nur die kommunistische Partei, wenn sie tatsächlich die Avantgarde der revolutionären Klasse ist, wenn sie die besten Vertreter dieser Klasse in ihren Reihen zählt, wenn sie aus völlig bewußten, der Sache treu ergebenen Kommunisten besteht, die in zähen revolutionären Kämpfen geschult und gestählt worden sind, wenn sie es verstanden hat, sich mit dem ganzen Leben ihrer Klasse und durch sie mit der ganzen Masse der Ausgebeuteten unzertrennlich zu verknüpfen und dieser Klasse und dieser Masse volles Vertrauen einzuflößen, nur eine solche Partei ist fähig, das Proletariat in dem schonungslosesten, in dem entscheidenden, letzten Kampfe gegen alle Mächte des Kapitalismus zu führen. Andererseits ist das Proletariat nur unter der Führung einer solchen Partei fähig, die ganze Macht seines revolutionären Ansturms zu entfalten, die unausbleibliche Apathie und selbst den Widerstand einer kleinen Minderheit der vom Kapitalismus verdorbenen Arbeiteraristokratie, der alten Führer der Gewerkschaften, Genossenschaften usw. zu überwinden, seine ganze Kraft zu entfalten, die infolge der wirtschaftlichen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft unvergleichlich größer ist als sein Anteil an der Bevölkerung." (Ebenda S. 157 / 158.)

Aus diesen Zitaten folgt:

  1. die Autorität der Partei und die für die Diktatur des Proletariats notwendige eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse beruhen nicht auf der Furcht oder den "unbeschränkten" Rechten der Partei, sondern auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei, auf der Unterstützung der Partei durch die Arbeiterklasse;

  2. das Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei wird nicht auf einmal und nicht durch Gewaltanwendung gegenüber der Arbeiterklasse erworben, sondern durch langwierige Arbeit der Partei in den Massen, durch die richtige Politik der Partei, durch die Fähigkeit der Partei, die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik an Hand der eigenen Erfahrung der Massen zu überzeugen, durch die Fähigkeit der Partei, sich die Unterstützung der Arbeiterklasse zu sichern, die Massen der Arbeiterklasse zu führen;

  3. ohne die richtig Politik der Partei, die durch die Erfahrung des Kampfes der Massen bekräftigt wird, und ohne das Vertrauen der Arbeiterklasse gibt es keine wirkliche Führung durch die Partei und kann es sie auch nicht geben;

  4. die Partei und ihre Führung können - wenn die Partei das Vertrauen der Klasse genießt und wenn ihre Führung eine wirkliche Führung ist - nicht der Diktatur des Proletariats gegenübergestellt werden, denn ohne Führung durch die das Vertrauen der Arbeiterklasse genießende Partei ("Diktatur" der Partei) ist eine einigermaßen feste Diktatur des Proletariats unmöglich.

Ohne diese Bedingungen sind die Autorität der Partei und die eiserne Disziplin entweder eine hohle Phrase oder Überheblichkeit und Abenteurertum.

Aber wie steht es um die Minderheit, wenn sie nicht will, wenn sie nicht einverstanden ist, sich freiwillig dem Willen der Mehrheit zu unterwerfen? Kann die Partei, soll die Partei, die das Vertrauen der Mehrheit auf ihrer Seite hat, die Minderheit zur Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit zwingen? Jawohl, sie kann und muß es. Die Führung wird durch die Methode der Überzeugung der Massen gesichert, die die Hauptmethode der Einwirkung der Partei auf die Massen ist. Das schließt aber die Anwendung von Zwang nicht aus, sondern setzt sie voraus, wenn dieser Zwang sich auf das Vertrauen und die Unterstützung der Partei durch die Mehrheit der Arbeiterklasse gründet, wenn er gegenüber der Minderheit angewendet wird, nachdem man es vermocht hat, die Mehrheit zu überzeugen.

Man denke an die diesbezüglichen Auseinandersetzungen in unserer Partei, die in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion stattfanden. Worin bestand damals der Fehler der Opposition, der Fehler des ZK der Eisenbahn- und Schiffahrtsarbeiter? Etwa darin, daß die Opposition damals die Anwendung von Zwang für möglich hielt? Nein, nicht darin. Der Fehler der Opposition bestand damals darin, daß sie, außerstande, die Mehrheit von der Richtigkeit ihrer Stellungnahme zu überzeugen, und nachdem sie das Vertrauen der Mehrheit eingebüßt hatte, dennoch Zwangsmaßnahmen anzuwenden begann und das "Durchrütteln" der Leute forderte, die das Vertrauen der Mehrheit besaßen.

Sehen wir, was Lenin damals auf dem X. Parteitag in seiner Rede über die Gewerkschaften sagte:

"Um die Wechselbeziehungen und das gegenseitige Vertrauen zwischen der Avantgarde der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse herzustellen, hätte man, wenn das ZK der Eisenbahn- und Schiffahrtsarbeiter einen Fehler begangen hat ..., diesen Fehler korrigieren sollen. Wenn man aber anfängt, diesen Fehler zu verteidigen, so wird das zur Quelle der politischen Gefahr. Wenn wir nicht das Möglichste im Geiste der Demokratie täten, um den Stimmungen, die hier Kutusow zum Ausdruck bringt, Rechnung zu tragen, so würden wir einen politischen Zusammenbruch erleben. Vor allem müssen wir überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir müssen um jeden Preis zuerst überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir haben es nicht verstanden, die breiten Massen zu überzeugen, und haben das richtige Verhältnis zwischen Avantgarde und Massen gestört.." (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 291.)

Dasselbe sagt Lenin in seiner Schrift "Über die Gewerkschaften":

"Wir haben dann richtig und erfolgreich Zwang angewandt, wenn wir es verstanden, vorher für ihn eine Basis durch Überzeugung zu schaffen." (Ebenda S. 92.)

Und das ist völlig richtig. Denn ohne diese Bedingungen ist keinerlei Führung möglich. Denn nur auf diese Weise kann man die Einheit der Aktion in der Partei sichern, wenn es sich um die Partei handelt, und die Einheit der Aktion der Klasse, wenn es sich um die Klasse als Ganzes handelt. Ohne diese Bedingungen kommt es zu Spaltung, Zerfahrenheit, Zersetzung in den Reihen der Arbeiterklasse.

Das sind im allgemeinen die Grundlagen der richtigen Führung durch die Partei.

Jede andere Auffassung von der Führung ist Syndikalismus, Anarchismus, Bürokratismus, was man will - nur nicht Bolschewismus, nur nicht Leninismus.

 

Rede in der französischen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI

Die zweite Frage betrifft die zunehmende rechte Gefahr innerhalb der Partei. Ich bin der Ansicht, dass es sowohl rings um die französische Kommunistische Partei als auch innerhalb der Partei bereits eine ziemlich solide Kampfgruppe von Rechten gibt, an deren Spitze Leute stehen, die aus der Partei ausgeschlossen sind und auch solche, die nicht ausgeschlossen sind - eine Gruppe, die der Kommunistischen Partei ständig zu schaffen machen wird. Ich habe soeben mit Cremet gesprochen. Er hat mir eine neue Tatsache darüber mitgeteilt, dass es nicht nur in der Partei, sondern auch in den Gewerkschaftsorganisationen Gruppierungen von Rechten gibt, die im geheimen arbeiten, manchenorts aber direkte Angriffe gegen den revolutionären Flügel der Kommunistischen Partei führen. Sogar Englers heutiges Auftreten ist in dieser Beziehung symptomatisch, und die Genossen müssen mit allem Ernst darauf aufmerksam gemacht werden.

Die vierte Frage ist die Frage der Arbeitergewerkschaften in Frankreich. Ich habe den Eindruck, dass einige französische Genossen diese Sache zu leicht nehmen. Ich kann mir denken, dass von Vertretern der Gewerkschaftskonföderation Fehler gemacht wurden, ich kann mir daher ebenfalls denken, dass auch vom ZK der französischen Kommunistischen Partei gegenüber der Konföderation Fehler gemacht wurden. Es ist ganz natürlich, dass Genosse Monmousseau weniger Bevormundung von Seiten der Partei wünscht. Das liegt in der Natur der Dinge, da zwei Organisationen parallel nebeneinander bestehen: die Partei und die Gewerkschaftskonföderation, zwischen denen es bisweilen zu gewissen Reibungen kommen muss. Das ist sowohl bei uns Russen als auch in allen kommunistischen Parteien der Fall - so etwas ist unvermeidlich. Aber es wird umso weniger Reibungen geben, je weniger sich das ZK der französischen Kommunistischen Partei in alle möglichen Kleinigkeiten der Gewerkschaften einmischt. Die Führung der Gewerkschaften lässt sich nur mit Hilfe der Kommunisten ausüben, die ständig in den Gewerkschaften arbeiten, nicht aber, wenn man sie umgeht. Bei uns, in der russischen Partei, gab es Fälle von Hypertrophie in Bezug auf die Führung der Gewerkschaften. Im Archiv unserer Partei könnten Sie eine ganze Reihe von Resolutionen unserer Parteitage finden, in denen gesagt wird, dass die Partei die Gewerkschaften nicht bevormunden, dass sie diese führen, nicht aber bevormunden soll. Ich fürchte, die französische Partei - mögen mir die Genossen das nicht übel nehmen - hat sich in dieser Beziehung ebenfalls ein wenig gegen die Gewerkschaften versündigt. Ich bin der Ansicht, dass die Partei die höchste Form der Organisation der Arbeiterklasse ist und dass man gerade deshalb größere Anforderungen an sie stellen muss. Deshalb müssen in erster Linie die Fehler des ZK beseitigt werden, damit das Verhältnis zu den Gewerkschaften besser und fester wird und Genosse Monmousseau und die anderen Gewerkschaftsfunktionäre in der Richtung arbeiten können, die vom Standpunkt der Kommunistischen Partei notwendig ist.

Die Partei kann sich, besonders unter den im Westen obwaltenden Verhältnissen nicht weiterentwickeln, die Partei kann sich nicht festigen, wenn sie nicht in den Gewerkschaften und ihren Führern eine starke Stütze hat. Nur die Partei, die es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Führern weitestgehend Verbindung zu halten, und die es versteht, auf wirklich proletarische Art Kontakt mit ihnen herzustellen, nur eine solche Partei kann die Mehrheit der Arbeiterklasse im Westen gewinnen. Sie wissen selbst, dass es ohne Gewinnung der Mehrheit der Arbeiter-klasse unmöglich ist, auf den Sieg zu rechnen.

Welches sind also die Schlussfolgerungen?

Die Schlussfolgerungen sind:

a) Frankreich geht einer Krise entgegen;

b) die rechten Elemente, die diese Krise wittern und sie fürchten, erheben das Haupt und sind bemüht, die Partei zurückzuzerren;

c) die nächste Aufgabe der Partei ist, die rechte Gefahr zu beseitigen, die Rechten zu isolieren;

d) um die Rechten zu isolieren, ist eine Konzentration aller wirklich kommunistischen Führer in der Parteiführung notwendig, die fähig sind, den Kampf gegen die Rechten bis zu Ende auszutragen;

e) damit die Konzentration der Kräfte im Kampf gegen die Rechten und bei der Vorbereitung der Arbeiter auf die revolutionäre Krise die gewünschten Resultate zeitigt, ist es erforderlich, dass sich die führende Gruppe auf die Gewerkschaften stützt und es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Funktionären auf wirklich proletarische Art Kontakt zu halten;

f) in der praktischen Arbeit darf man sich nicht zur Methode des Absägens, zur Methode der Repressalien gegenüber einzelnen Genossen hinreißen lassen, sondern muss hauptsächlich von der Methode der Überzeugung Gebrauch machen.

 

 

Zum Internationalen Kommunistischen Frauentag

 

Rede in der deutschen Kommission des VI. erweiterten Plenums des EKKI

Genosse Thälmann! Nehmen Sie diese Intellektuellen in Dienst, wenn sie in der Tat der Arbeitersache dienen wollen, oder Sie können sie zum Teufel jagen, wenn sie um jeden Preis kommandieren wollen... Die Tatsache, dass im jetzigen ZK Arbeiter überwiegen, ist ein großer Vorzug der deutschen Kommunistischen Partei.

Worin besteht die Aufgabe der Kommunistischen Partei Deutschlands?

Sie besteht darin, sich den Weg zu den sozialdemokratisch eingestellten Arbeitermassen, die sich in dem Labyrinth der sozialdemokratischen Wirrnis verirrt haben, zu bahnen und auf diese Weise die Mehrheit der Arbeiterklasse für die Kommunistische Partei zu gewinnen. Ihre Aufgabe besteht darin, ihren auf Irrwege geratenen Brüdern zu helfen, den richtigen Weg zu finden und mit der Kommunistischen Partei in Verbindung zu treten. Hierbei sind zwei Methoden des Herangehens an die Arbeitermassen möglich. Die eine ist eine spezifisch intelligenzlerische Methode, die Methode des Anpeitschens der Arbeiter, die Methode der „Gewinnung“ der Arbeiter sozusagen mit der Peitsche in der Hand Es bedarf wohl nicht erst des Nachweises, dass diese Methode mit der kommunistischen Methode nichts gemein hat, da sie die Arbeiter nicht anzieht, sondern nur abstößt. Die andere Methode besteht darin, mit den verirrten, ins Lager der Sozialdemokraten geratenen Brüdern eine gemeinsame Sprache zu finden, ihnen zu helfen, aus dem Labyrinth des Sozialdemokratismus herauszukommen, ihnen den Übergang auf die Seite des Kommunismus zu erleichtern. Diese Methode ist die einzig kommunistische Arbeitsmethode. Die Tatsache, dass das gegenwärtige ZK seiner Zusammensetzung nach proletarisch ist, diese Tatsache erleichtert erheblich die Anwendung dieser zweiten Methode in Deutschland. Daraus sind auch die Erfolge zu erklären, die das jetzige ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands bei der Herstellung der Einheitsfront zweifellos zu verzeichnen hat.

 

Über die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion und die Politik der Partei

VI
DIE AKTIVITÄT DER ARBEITERKLASSE MUSS
GEHOBEN WERDEN  

Das sind die nächsten Aufgaben, vor denen wir im Zusammenhang mit dem Kurs auf die Industrialisierung unseres Landes stehen. Lassen sich diese Aufgaben ohne die direkte Unterstützung, ohne die direkte Hilfe der Arbeiterklasse verwirklichen? Nein, keineswegs. Unsere Industrie vorwärts zubringen, ihre Produktivität zu steigern, neue Kader von Baumeistern der Industrie heranzubilden, die sozialistische Akkumulation richtig zu betreiben, die akkumulierten Mittel vernünftig für die Bedürfnisse der Industrie zu verwenden, ein strenges Sparsamkeitsregime einzuführen, den Staatsapparat zu disziplinieren, ihn zu verbilligen und zu einem ehrlich arbeitenden Apparat zu machen, ihn von dem Unrat und Schmutz zu säubern, der ihm in der Periode unseres Aufbaus anzuhaften begann, einen systematischen Kampf gegen Diebe und Verschwender von Staatsvermögen zu führen - all das sind Aufgaben, die keine Partei ohne die direkte und systematische Unterstützung durch die Millionenmassen der Arbeiterklasse zu bewältigen vermag. Darum besteht die Aufgabe darin, die Millionenmassen der parteilosen Arbeiter allerorts in unsere Aufbauarbeit einzubeziehen. Jeder Arbeiter, jeder ehrliche Bauer muss der Partei und der Regierung helfen, das Sparsamkeitsregime durchzuführen, gegen die Veruntreuung und Verzettelung von staatlichen Reserven zu kämpfen, Diebe und Gauner hinwegzujagen, unter welcher Maske sie auch immer auftreten mögen, unseren Staatsapparat zu verbessern und zu verbilligen. In dieser Beziehung könnten die Produktionsberatungen unschätzbare Dienste leisten. Eine Zeitlang waren die Produktionsberatungen bei uns in Schwung. Jetzt ist es um sie recht still geworden. Das ist ein großer Fehler, Genossen. Die Produktionsberatungen müssen um jeden Preis belebt werden. In den Produktionsberatungen dürfen nicht nur kleine Fragen, sagen wir, Fragen der sanitären Einrichtungen behandelt werden. Das Programm der Produktionsberatungen muss umfassender und reichhaltiger gestaltet werden. In den Produktionsberatungen müssen die grundlegenden Fragen des Aufbaus der Industrie behandelt werden. Nur auf diesem Wege wird es möglich sein, die Aktivität der Millionenmassen der Arbeiterklasse zu heben und sie zu bewussten Teilnehmern am Aufbau der Industrie zu machen.

 

Referat in der
Versammlung der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis
8. Juni 1926

WARUM KAM ES IN ENGLAND ZUM STREIK? 

Die erste Frage ist die Frage nach den Ursachen des Streiks in England. Wie konnte es geschehen, dass England, dieses Land kapitalistischer Macht und beispielloser Kompromisse, sich in letzter Zeit in einen Schauplatz gewaltiger sozialer Konflikte verwandelt hat? Wie konnte es geschehen, dass das „große England”, der „Beherrscher der Meere”, sich in ein Land des Generalstreiks verwandelt hat?

Ich möchte eine Reihe von Umständen hervorheben, die für die Unvermeidlichkeit des Generalstreiks in England bestimmend waren. Die Zeit ist noch nicht gekommen, um diese Frage erschöpfend beantworten zu können. Aber einige entscheidende Ereignisse, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks bestimmend waren, können und müssen wir hervorheben. Von diesen Umständen könnten vier Umstände als die wichtigsten hervorgehoben werden.

Erstens. Früher hatte England unter den kapitalistischen Staaten eine Monopolstellung inne. Als Herr über eine ganze Reihe riesiger Kolonien und im Besitz einer für die damalige Zeit vorbildlichen Industrie, hatte England die Möglichkeit, als „Werkstätte der Welt” aufzutreten und ungeheure Extraprofite einzustecken. Das war die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” in England. Das Kapital steckte Extraprofite ein, Brosamen dieses Extraprofits fielen der Oberschicht der englischen Arbeiterbewegung zu; die Führer der englischen Arbeiterbewegung wurden allmählich vom Kapital gefügig gemacht, und Konflikte zwischen Arbeit und Kapital wurden gewöhnlich durch Kompromisse beigelegt.

Die weitere Entwicklung des internationalen Kapitalismus, besonders aber die Entwicklung Deutschlands, Amerikas und zum Teil Japans, die als Konkurrenten Englands auf dem Weltmarkt auftraten, haben jedoch die ehemalige Monopolstellung Englands von Grund aus untergraben. Der Krieg und die Nachkriegskrise haben der Monopolstellung Englands einen weiteren entscheidenden Schlag versetzt. Die Extraprofite wurden geringer, die den Arbeiterführern Englands zufallenden Brosamen begannen zu schwinden. Immer häufiger wurden Stimmen laut über den sinkenden Lebensstandard der Arbeiterklasse in England. Die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” wurde von einer Periode der Konflikte, Aussperrungen und Streiks abgelöst. Der englische Arbeiter begann eine Linksentwicklung durchzumachen und wandte immer häufiger die Methode des direkten Kampfes gegen das Kapital an.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass bei diesem Stand der Dinge die grobe Drohung der Grubenbesitzer, die Arbeiter auszusperren, von den Bergarbeitern nicht unbeantwortet gelassen werden konnte.

Zweitens. Der zweite Umstand - das ist die Wiederherstellung der internationalen Marktverbindungen und die damit zusammenhängende Verschärfung des Kampfes der kapitalistischen Gruppen um die Märkte. Für die Nachkriegskrise ist charakteristisch, dass sie fast alle Verbindungen der kapitalistischen Staaten zum Weltmarkt unterbrochen und an die Stelle dieser Verbindungen ein Chaos in den Beziehungen gesetzt hat. Jetzt tritt dieses Chaos im Zusammenhang mit der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitals in den Hintergrund, und die alten Verbindungen auf dem Weltmarkt werden allmählich wiederhergestellt. Wenn es vor einigen Jahren darum ging, Fabriken und Werke wiederherzustellen und die Arbeiter für das Kapital arbeiten zu lassen, so handelt es sich jetzt darum, Märkte und Rohstoffe für die wiederhergestellten Fabriken und Werke zu sichern. Im Zusammenhang damit ist der Kampf um die Märkte mit neuer Kraft entbrannt, wobei den Sieg in diesem Kampf die Kapitalistengruppe und der kapitalistische Staat davontragen, deren Waren am billigsten und deren Technik am weitesten entwickelt sind. Auf dem Markt treten aber neue Kräfte auf: Amerika, Frankreich, Japan, Deutschland, die Dominien Englands, die Kolonien Englands, die ihre Industrie während des Krieges entwickelt haben und jetzt um Märkte kämpfen. Aus all dem ergibt sich naturgemäß, dass es jetzt unmöglich geworden ist, aus den ausländischen Märkten mühelos Profit zu ziehen, was England von jeher getan hat. Die alte Kolonialmethode der monopolistischen Ausplünderung der Märkte und Rohstoffquellen musste einer neuen Methode weichen, der Eroberung der Märkte mit Hilfe billiger Waren. Daher das Bestreben des englischen Kapitals, die Produktion zu drosseln oder sie jedenfalls nicht wahllos zu erweitern. Daher die gewaltige Arbeitslosenarmee in England als ständige Erscheinung der letzten Jahre. Daher die Gefahr weiterer Arbeitslosigkeit, die die Arbeiter Englands aufbringt und in Kampfesstimmung versetzt. Daher die blitzartige Wirkung, die die Androhung der Aussperrung auf die Arbeiter überhaupt und auf die Bergarbeiter im Besonderen ausgeübt hat.

Drittens. Der dritte Umstand - das ist das Bestreben des englischen Kapitals, die Selbstkosten der englischen Industrieerzeugnisse zu senken und die Waren auf Kosten der Interessen der englischen Arbeiterklasse zu verbilligen. Die Tatsache, dass der Hauptschlag im gegebenen Fall gegen die Bergarbeiter geführt wurde - diese Tatsache kann nicht als Zufall bezeichnet werden. Das englische Kapital ist nicht nur deshalb über die Bergarbeiter hergefallen, weil die Kohlenindustrie technisch schlecht ausgerüstet ist und der „Rationalisierung” bedarf, sondern vor allem deshalb, weil die Bergarbeiter stets den Vortrupp des englischen Proletariats bildeten und bis auf den heutigen Tag bilden. Diesem Vortrupp den Zaum anzulegen, den Arbeitslohn herabzudrücken und den Arbeitstag zu verlängern, um sich nach Abrechnung mit diesem ausschlaggebenden Trupp auch die anderen Trupps der Arbeiterklasse vorzunehmen - das war die Strategie des englischen Kapitals. Daher der Heldenmut, mit dem die englischen Bergarbeiter ihren Streik führen. Daher die beispiellose Hilfsbereitschaft, die die englischen Arbeiter durch ihren Generalstreik den Bergarbeitern gegenüber bewiesen haben.

Viertens. Der vierte Umstand - das ist die Herrschaft der Konservativen Partei in England, einer Partei, die der schlimmste Feind der Arbeiterklasse ist. Zweifellos hätte jede andere bürgerliche Regierung zur Unterdrückung der Arbeiterklasse im Wesentlichen das gleiche getan wie die konservative Regierung. Es unterliegt jedoch ebenfalls keinem Zweifel, dass nur solch geschworene Feinde der Arbeiterklasse wie die Konservativen so skrupellos und zynisch zu einer so beispiellosen Herausforderung der gesamten Arbeiterklasse Englands greifen konnten, wie es die Konservativen getan haben, als sie mit der Aussperrungsdrohung auftraten. Es muss heute als völlig erwiesen gelten, dass die englische Konservative Partei die Aussperrung und den Streik nicht nur gewollt, sondern sich fast ein Jahr lang darauf vorbereitet hat. Im Juli vorigen Jahres schob sie den Überfall auf die Bergarbeiter hinaus, da sie den Augenblick für „ungeeignet” hielt. Aber während dieser ganzen Periode hat sie sich darauf vorbereitet, hat Kohlenvorräte angelegt, Streikbrecher organisiert und die öffentliche Meinung entsprechend bearbeitet, um im April dieses Jahres gegen die Bergarbeiter loszuschlagen. Nur die Partei der Konservativen konnte sich zu einem solch hinterhältigen Schritt entschließen.

Die Partei der Konservativen hat sich auf Grund von gefälschten Dokumenten und Provokationen die Regierungsmacht erschlichen. Gleich einen Tag nach ihrem Machtantritt überfiel sie Ägypten unter Ausnutzung aller Mittel der Provokation. Schon ein Jahr lang führt sie mit den bewährten Methoden kolonialer Ausplünderung und Unterdrückung direkt Krieg gegen das chinesische Volk. Sie spart keine Mittel, um eine Annäherung zwischen den Völkern der Sowjetunion und den Völkern Großbritanniens zu verhindern, und trifft nach und nach alle Vorbereitungen für eine mögliche Intervention. Jetzt überfällt sie die Arbeiterklasse ihres eigenen Landes, nachdem sie diesen Überfall ein ganzes Jahr lang mit einem Eifer vorbereitet hat, der einer besseren Sache wert wäre. Die Partei der Konservativen kann ohne Konflikte, sowohl innerhalb als auch außerhalb Englands, nicht leben. Kann man sich nach all dem wundern, dass die englischen Arbeiter den Schlag mit einem Gegenschlag beantwortet haben?

Das sind im Wesentlichen die Umstände, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks in England bestimmend waren. 

WARUM SCHEITERTE DER GENERALSTREIK
IN ENGLAND?  

Der englische Generalstreik scheiterte infolge einer ganzen Reihe von Umständen, von denen zumindest folgende hervorgehoben werden müssten:

Erstens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen haben sich, wie der Verlauf des Streiks gezeigt hat, im allgemeinen als erfahrener, organisierter, entschlossener und daher stärker erwiesen als die englischen Arbeiter und ihre Führer in Gestalt des Generalrats und der so genannten Arbeiterpartei. Es hat sich gezeigt, dass die Führer der Arbeiterklasse den vor der Arbeiterklasse stehenden Aufgaben nicht gewachsen waren.

Zweitens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen sind dem gewaltigen sozialen Konflikt wohl gerüstet und in voller und unbestreitbarer Bereitschaft begegnet, während die Führer der englischen Arbeiterbewegung von der Aussperrung der Bergarbeiter durch die Grubenbesitzer überrascht wurden und keine oder fast keine Vorbereitungsarbeit geleistet hatten. Dabei muss festgestellt werden, dass die Führer der Arbeiterklasse noch eine Woche vor dem Konflikt ihrer Überzeugung Ausdruck gaben, dass es zu keinem Konflikt kommen werde.

Drittens. Der Stab der Kapitalisten, die Partei der Konservativen, führte den Kampf geschlossen und organisiert und richtete die Schläge gegen die entscheidenden Punkte des Kampfes, während sich der Stab der Arbeiterbewegung, der Generalrat der Gewerkschaften und seine „politische Kommission”, die Arbeiterpartei, als innerlich demoralisiert und zersetzt erwiesen haben. Bekanntlich haben sich die Hauptpersonen dieses Stabes entweder als direkte Verräter der Bergarbeiter und der Arbeiterklasse Englands überhaupt erwiesen (Thomas, Henderson, MacDonald und Konsorten) oder als charakterlose Mitläufer dieser Verräter, die den Kampf der Arbeiterklasse und noch mehr ihren Sieg fürchten (Purcell, Hicks und andere).

Man mag fragen: Wie konnte es geschehen, dass das machtvolle Proletariat Englands, das mit beispiellosem Heldenmut gekämpft hat, sich entweder käuflichen oder feigen oder einfach charakterlosen Führern anvertraut hat? Das ist eine Frage von großer Bedeutung. Solche Führer haben sich nicht mit einem Male herausgebildet. Sie sind aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, sie sind durch eine bestimmte Schule gegangen, die Schule der Erziehung von Arbeiterführern in England, die Schule zu einer Zeit, da das englische Kapital, das die Extraprofite einstrich, den Arbeiterführern Wohltaten erweisen und sie zu Kompromissen mit der englischen Arbeiterklasse ausnützen konnte; während sich diese Führer der Arbeiterklasse ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Lage nach der Bourgeoisie näherten, entfremdeten sie sich den Arbeitermassen, kehrten ihnen den Rücken und hörten schließlich auf, sie zu verstehen. Das sind Führer der Arbeiterklasse, die der Glanz des Kapitalismus geblendet hat, die sich der Macht des Kapitals unterworfen haben und die davon träumen, „es zu etwas zu bringen” und in den Kreis der „Wohlhabenden” aufgenommen zu werden. Zweifellos sind diese, mit Verlaub zu sagen, Führer ein Nachhall der Vergangenheit, die den neuen Verhältnissen bereits nicht mehr entsprechen. Zweifellos werden sie mit der Zeit gezwungen sein, neuen Führern das Feld zu räumen, die dem Kampfgeist und dem Heldenmut des englischen Proletariats gerecht werden. Engels hatte Recht, als er solche Führer verbürgerte Führer der Arbeiterklasse [56] nannte.

Viertens. Der Stab des englischen Kapitalismus, die Partei der Konservativen, hatte begriffen, dass der großartige Streik der englischen Arbeiter eine Tatsache von gewaltiger politischer Bedeutung ist, dass gegen einen derartigen Streik ein ernstlicher Kampf nur mit Mitteln politischer Art geführt werden kann, dass zur Unterdrückung des Streiks sowohl die Autorität des Königs als auch die Autorität des Unterhauses und der Verfassung ins Feld geführt werden müssen, dass der Streik nicht ohne Mobilmachung von Truppen und Verhängung des Ausnahmezustands unterdrückt werden kann. Der Stab der Arbeiterbewegung Englands dagegen, der Generalrat, hatte diese einfache Sache nicht begriffen oder wollte sie nicht begreifen, oder er fürchtete sich, sie zuzugeben, denn er versicherte aller Welt, der Generalstreik sei ein Mittel ausschließlich ökonomischen Charakters, er wünsche und beabsichtige nicht, den Kampf auf das Geleise des politischen Kampfes überzuleiten, er denke nicht daran, den Schlag gegen den Generalstab des englischen Kapitals, die Partei der Konservativen, zu führen, er, der Generalrat, habe nicht die Absicht, die Frage der Macht auf die Tagesordnung zu stellen.

Dadurch hat der Generalrat den Streik unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Denn die Geschichte zeigt, dass ein Generalstreik, der nicht auf das Geleis des politischen Kampfes übergeleitet wird, unvermeidlich scheitern muss.

Fünftens. Der Stab der englischen Kapitalisten hatte begriffen, dass die dem englischen Streik angebotene internationale Hilfe eine tödliche Gefahr für die Bourgeoisie darstellt, während der Generalrat nicht begriff oder so tat, als begreife er nicht, dass der Streik der englischen Arbeiter nur mit Hilfe der internationalen proletarischen Solidarität gewonnen werden konnte. Daher die Weigerung des Generalrats, von den Arbeitern der Sowjetunion [57] und anderer Staaten finanzielle Hilfe anzunehmen.

Ein so gewaltiger Streik wie der Generalstreik in England konnte nur unter mindestens zwei Grundvoraussetzungen greifbare Ergebnisse zeitigen: wenn der Streik auf politische Geleise gelenkt und wenn er in eine Kampfaktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder gegen das Kapital verwandelt worden wäre. Aber der englische Generalrat setzte sich mit der ihm eigenen „Weisheit” über beide Voraussetzungen hinweg und verurteilte damit von vornherein den Generalstreik zum Scheitern.

Sechstens. Es steht außer Zweifel, dass das mehr als zweideutige Verhalten der II. Internationale und der Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung in bezug auf die Unterstützung des englischen Generalstreiks eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Die ihrem Wesen nach platonischen Beschlüsse dieser Organisationen von Sozialdemokraten, den Streikenden Hilfe zu leisten, liefen faktisch darauf hinaus, jegliche finanzielle Hilfe zu verweigern, denn durch nichts anderes als durch das zweideutige Verhalten der sozialdemokratischen Internationale lässt sich die Tatsache erklären, dass die Gewerkschaften Europas und Amerikas zusammengenommen für die finanzielle Hilfe nur den achten Teil der Mittel aufbrachten, die die Gewerkschaften der Sowjetunion zur Unterstützung ihrer englischen Brüder aufzubringen vermochten. Ich spreche schon gar nicht von einer Hilfe anderer Art, von einer Hilfe, die darin besteht, dass die Kohlenzufuhr unterbunden wird, wo die Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung buchstäblich nach Streikbrecherart handelt.

Siebentens. Es steht gleichfalls außer Zweifel, dass eine nicht unbedeutende Rolle beim Scheitern des Generalstreiks die Schwäche der englischen Kommunistischen Partei gespielt hat. Es muss gesagt werden, dass die englische Kommunistische Partei eine der besten Sektionen der Kommunistischen Internationale ist. Es muss bemerkt werden, dass sie während der ganzen Zeit des Streiks in England eine absolut richtige Position einnahm. Es muss aber auch zugegeben werden, dass ihre Autorität unter den englischen Arbeitern immer noch gering ist. Und dieser Umstand musste für den Verlauf des Generalstreiks eine verhängnisvolle Rolle spielen.

Dies sind die Umstände, zumindest die wichtigsten von ihnen, die wir gegenwärtig auf Grund unserer Beobachtung klar sehen können und die für den unerwünschten Ausgang des Generalstreiks in England bestimmend waren. 

DIE LEHREN DES GENERALSTREIKS 

Welches sind die Lehren des Generalstreiks in England, zumindest die wichtigsten von ihnen? Diese Lehren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Erstens. Die Krise in der Kohlenindustrie in England und der damit zusammenhängende Generalstreik stellen die Frage der Sozialisierung der Produktionsinstrumente und -mittel in der Kohlenindustrie bei gleichzeitiger Errichtung der Arbeiterkontrolle auf die Tagesordnung. Das ist die Frage des Kampfes um den Sozialismus. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass es keinen anderen Weg zur restlosen Überwindung der Krise in der Kohlenindustrie gibt noch geben kann als den von der englischen Kommunistischen Partei vorgeschlagenen Weg. Die Krise in der Kohlenindustrie und der Generalstreik führen die englische Arbeiterklasse unmittelbar an die Frage der praktischen Verwirklichung des Sozialismus heran.

Zweitens. Die englische Arbeiterklasse musste am eigenen Leibe erfahren, dass das Haupthindernis auf dem Wege zum Ziel die politische Macht der Kapitalisten ist, im gegebenen Fall die Partei der Konservativen und ihre Regierung. Wenn der Generalrat der Gewerkschaften wie die Pest fürchtete, den unlöslichen Zusammenhang zwischen ökonomischem Kampf und politischem Kampf zuzugeben, so müssen die englischen Arbeiter jetzt begreifen, dass in ihrem schweren Kampf gegen das organisierte Kapital die Machtfrage jetzt die Hauptfrage ist, dass ohne die Lösung der Machtfrage weder die Krise in der Kohlenindustrie noch überhaupt die Krise in der gesamten Industrie Englands überwunden werden kann.

Drittens. Der Verlauf und der Ausgang des Generalstreiks müssen die Arbeiterklasse Englands davon überzeugen, dass das Parlament, die Verfassung, der König und die übrigen Attribute der bürgerlichen Macht nichts anderes sind als ein Schirm und Schutz der Kapitalistenklasse gegen das Proletariat. Der Streik hat sowohl von dem Parlament als auch von der Verfassung die Hüllen heruntergerissen, die sie als Fetisch und unantastbares Heiligtum erscheinen ließen. Die Arbeiter werden begreifen, dass die gegenwärtige Verfassung eine Waffe der Bourgeoisie gegen die Arbeiter ist. Die Arbeiter müssen begreifen, dass sie gleichfalls eine eigene Arbeiterverfassung als Waffe gegen die Bourgeoisie brauchen. Ich glaube, dass die Erkenntnis dieser Wahrheit für die Arbeiterklasse Englands die größte Errungenschaft sein wird.

Viertens. Der Verlauf und der Ausgang des Streiks müssen die Arbeitermassen Englands von der Untauglichkeit der alten Führer überzeugen, von der Untauglichkeit der alten Führer, die in der Schule der alten englischen Kompromisspolitik herangewachsen sind. Sie müssen begreifen, dass die alten Führer durch neue, revolutionäre Führer ersetzt werden müssen.

Fünftens. Die englischen Arbeiter müssen jetzt begreifen, dass die Bergarbeiter Englands der Vortrupp der Arbeiterklasse Englands sind, dass es somit Sache der gesamten Arbeiterklasse Englands ist, den Streik der Bergarbeiter zu unterstützen und seinen Sieg zu gewährleisten. Der ganze Verlauf des Streiks beweist der Arbeiterklasse Englands eindringlich die absolute Unbestreitbarkeit dieser Lehre.

Sechstens. Die englischen Arbeiter mussten sich in den schwierigen Tagen des Generalstreiks, als die Plattformen und Programme der verschiedenen Parteien durch die Praxis überprüft wurden, davon überzeugen, dass die einzige Partei, die die Interessen der Arbeiterklasse konsequent, kühn und entschlossen vertreten kann, die Partei der Kommunisten ist.

Das sind im Allgemeinen die Hauptlehren des Generalstreiks in England. 

EINIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN 

Ich komme zu einigen Schlussfolgerungen, die von praktischer Bedeutung sind.

Die erste Frage ist die Frage der Stabilisierung des Kapitalismus. Der Streik in England hat gezeigt, dass die Entschließung der Kommunistischen Internationale über den zeitweiligen und unbeständigen Charakter der Stabilisierung völlig richtig ist [58]. Der Überfall des englischen Kapitals auf die Bergleute Englands ist ein Versuch, die zeitweilige, unbeständige Stabilisierung in eine dauerhafte und ständige Stabilisierung zu verwandeln. Dieser Versuch war nicht von Erfolg gekrönt und konnte es auch nicht sein. Die englischen Arbeiter, die diesen Versuch mit einem gewaltigen Streik beantworteten, haben der ganzen kapitalistischen Welt gezeigt, dass eine dauerhafte Stabilisierung des Kapitalismus unter den Verhältnissen der Nachkriegszeit unmöglich ist, dass Experimente in der Art des englischen die Grundlagen des Kapitalismus zu zerstören drohen. Wenn aber die Behauptung, dass die kapitalistische Stabilisierung dauerhaft sei, falsch ist, so ist die entgegengesetzte Behauptung, dass die Stabilisierung vorüber sei, dass sie nicht mehr bestehe und dass wir jetzt in eine Periode größter revolutionärer Stürme eingetreten seien, nicht minder falsch. Die Stabilisierung des Kapitalismus, die zeitweilig, unbeständig, aber dennoch eine Stabilisierung ist, bleibt einstweilen bestehen.

Ferner. Gerade weil die jetzige zeitweilige und unbeständige Stabilisierung dennoch bestehen bleibt, gerade deshalb wird das Kapital auch in Zukunft versuchen, die Arbeiterklasse zu überfallen. Natürlich muss die Lehre des englischen Streiks der gesamten kapitalistischen Welt zeigen, wie gefährlich für das Leben und die Existenz des Kapitals ein Experiment ist, wie es die Konservative Partei in England angestellt hat. Dass das Experiment für die Partei der Konservativen nicht ohne Folgen bleiben wird, lässt sich kaum bezweifeln. Es lässt sich auch nicht bezweifeln, dass die Kapitalisten aller Länder diese Lehre in Rechnung ziehen werden. Dennoch wird das Kapital bemüht sein, die Arbeiterklasse erneut zu überfallen, denn es fühlt sich unsicher und hat das Bedürfnis, seine Lage zu sichern. Die Aufgabe der Arbeiterklasse und der kommunistischen Parteien besteht darin, ihre Kräfte für die Abwehr eines solchen Überfalls auf die Arbeiterklasse vorzubereiten. Die Aufgabe der kommunistischen Parteien besteht darin, auch in Zukunft die Organisierung der Einheitsfront der Arbeiter fortzusetzen und dabei alle Kräfte aufzubieten, um die Angriffe der Kapitalisten in einen Gegenangriff der Arbeiterklasse zu verwandeln, in eine revolutionäre Offensive der Arbeiterklasse, in einen Kampf der Arbeiterklasse um die Errichtung der Diktatur des Proletariats und um die Beseitigung des Kapitalismus.

Schließlich muss sich die Arbeiterklasse Englands, um diese dringenden Aufgaben erfüllen zu können, vor allem von ihren jetzigen Führern frei machen. Man kann nicht gegen die Kapitalisten zu Felde ziehen, wenn man solche Führer hat wie die Thomas und MacDonald. Man kann nicht auf einen Sieg hoffen, wenn man solche Verräter im Rücken hat wie Henderson und Clynes. Die Arbeiterklasse Englands muss lernen, solche Führer durch bessere zu ersetzen, denn eins von beiden: Entweder die Arbeiterklasse Englands lernt es, die Thomas und MacDonald ihrer Posten zu entheben, oder sie bekommt ihren Sieg ebensowenig zu sehen, wie man seine eigenen Ohren zu sehen bekommt.

Das, Genossen, sind einige Schlussfolgerungen, die sich von selbst aufdrängen.

Jetzt gestatten Sie mir, zur Frage der Ereignisse in Polen überzugehen.

 

 

Antwort auf die Begrüssungsansprachen der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis

 

 

Über das Englisch-Russische Einheitskomitee

* * *

Über das Englisch-Russische Komitee

 

Über den Oppositionsblock in der KPdSU(B)

Da der Oppositionsblock nicht an die inneren Kräfte unserer Revolution glaubt und angesichts der Verzögerung der Weltrevolution in Verzweiflung gerät, gleitet er vorn Boden der marxistischen Analyse der Klassenkräfte der Revolution auf den Boden des „ultralinken” Selbstbetrugs und des „revolutionären” Abenteurertums hinab, stellt das Vorhandensein einer teilweisen kapitalistischen Stabilisierung in Abrede und gerät somit auf den Weg des Putschismus.

Daher die Forderung der Opposition, die Taktik der Einheitsfront zu revidieren und das Englisch-Russische Komitee aufzulösen, daher das Nichtverstehen der Rolle der Gewerkschaften und die Losung, die Gewerkschaften durch neue, ausgeklügelte „revolutionäre” Organisationen des Proletariats zu ersetzen.

Daher die Unterstützung der „ultralinken” Schreihälse und Opportunisten in der Kommunistischen Internationale (zum Beispiel in der deutschen Partei) durch den Oppositionsblock.

Die Konferenz ist der Ansicht, dass die Politik des Oppositionsblocks auf internationalem Gebiet den Interessen der internationalen revolutionären Bewegung nicht entspricht.

Die Opposition kritisiert mit viel Geschrei die Partei und die Komintern von „links” und schlägt zugleich eine Revision der Taktik der Einheitsfront, die Auflösung des Englisch-Russischen Komitees, die Abkehr von den Gewerkschaften, ihre Ersetzung durch neue „revolutionäre” Organisationen vor, wohl in dem Glauben, mit all dem die Revolution voranzutreiben, in Wirklichkeit aber ergibt sich daraus eine Hilfe für Thomas und Oudegeest, die Loslösung der kommunistischen Parteien von den Gewerkschaften, die Schwächung der Positionen des Weltkommunismus, folglich - die Verlangsamung der revolutionären Bewegung. In Worten - „Revolutionäre”, in der Tat aber - Helfershelfer der Thomas und Oudegeest.

 

Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei

War die Position der englischen Kommunistischen Partei während des Streiks in England richtig? Ja, sie war im Wesentlichen richtig. Warum ist es ihr dann nicht gelungen, die Millionenmassen der englischen Arbeiter sofort für sich zu gewinnen? Weil es ihr in der kurzen Zeit nicht gelungen ist und auch nicht gelingen konnte, die Massen von der Richtigkeit ihrer Linie zu überzeugen. Weil zwischen der Herausarbeitung der richtigen Linie der Partei und der Gewinnung der Millionenmassen für die Partei eine Zeitspanne, eine mehr oder minder lange Zeitspanne liegt, während der die Partei unermüdlich am Werke sein muss, um die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen. Diese Zeitspanne lässt sich nicht überspringen. Es ist eine Dummheit zu glauben, dass man sie überspringen könne. Nur durch geduldige politische Aufklärungsarbeit unter den Massen kann man über sie hinwegkommen und sie überwinden.

Dieses ABC der Leninschen Lehre von der Führung der Massen begreift der Oppositionsblock nicht, und hier ist eine der Quellen seiner politischen Fehler zu suchen.

Welches ist das entscheidende Minus der kapitalistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt dazu, dass die Interessen der Industrialisierung den Interessen der werktätigen Massen zuwiderlaufen, dass sich die inneren Widersprüche im Lande verschärfen, dass die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern verelenden, dass die Profite nicht für die Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der breitesten Massen innerhalb des Landes verwandt werden, sondern für die Kapitalausfuhr und für die Erweiterung der Basis der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb und außerhalb des Landes.

Welches ist das entscheidende Plus der sozialistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt zur Einheit der Interessen der Industrialisierung und der Interessen der Hauptmassen der werktätigen Bevölkerungsschichten, sie führt nicht zur Verelendung der Millionenmassen, sondern zur Verbesserung der materiellen Lage dieser Massen, nicht zur Verschärfung der inneren Widersprüche, sondern zu ihrer Abschwächung und Überwindung, sie führt zur ständigen Erweiterung des inneren Marktes und zur Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit dieses Marktes, wodurch eine solide innere Basis für die Entfaltung der Industrialisierung geschaffen wird.

 

Schlusswort zu dem Referat "Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei"

I
ÜBER EINIGE ALLGEMEINE FRAGEN

„5. Gleicher Arbeitszwang für alle Mitglieder der Gesellschaft bis zur vollständigen Aufhebung des Privateigentums. Bildung industrieller Armeen besonders für die Agrikultur.” 

Sie wissen, dass wir in der Periode des Kriegskommunismus durch Organisierung von Arbeitsarmeen versucht haben, diesen Weg zu gehen. Doch haben wir auf diesem Wege keine bedeutenden Ergebnisse erzielt. Wir haben dann versucht, dieses Ziel auf Umwegen zu erreichen, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass wir auf diesem Gebiet entscheidende Erfolge erzielen werden.

 

Dezember 1926 - Juli 1927

Band 9

 

An die Lena-Arbeiter

 

 

Rede in der Versammlung der Arbeiter der Stalin-Eisenbahnwerkstätten der Oktober-Eisenbahn

 

 

 

1927 August - Dezember

Band 10

Vereinigtes Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU (B)

I
Die Ausfälle der Opposition gegen die Sektionen der Komintern

Der Ausfall gegen die englische Kommunistische Partei. 

Sinowjew hat behauptet, die englische Kommunistische Partei habe bei dem Generalstreik und dem Bergarbeiterstreik [5] nichts gewonnen, sie sei sogar geschwächt aus dem Kampf hervorgegangen. Das ist falsch. Es ist deshalb falsch, weil das Gewicht der Kommunistischen Partei Englands von Tag zu Tag zunimmt. Das können nur Blinde leugnen. Das ist schon daraus zu ersehen, dass die englische Bourgeoisie, die der Kommunistischen Partei Englands früher keine ernsthafte Beachtung schenkte, sie jetzt hingegen wütend verfolgt und dass nicht nur die englische Bourgeoisie, sondern auch der Generalrat [6], auch die Labourpartei Englands einen wütenden Feldzug gegen „ihre“ Kommunisten organisieren. Warum wurden die englischen Kommunisten bisher mehr oder weniger geduldet? Weil sie schwach waren, weil ihr Einfluss unter den Massen schwach war. Warum hat man aufgehört, sie zu dulden, warum greift man sie jetzt wütend an? Weil man die Kommunistische Partei fürchtet als eine Macht, weil die Führer der englischen Labourpartei und des Generalrats sie fürchten als ihren Totengräber. Das vergisst Sinowjew.

Ich stelle nicht in Abrede, dass die westlichen Sektionen der Komintern überhaupt immer noch mehr oder weniger schwach sind. Das kann man nicht in Abrede stellen. Aber wo liegen die Ursachen hierfür? Die Hauptursachen sind:

erstens das Fehlen jener tiefen revolutionären Krise, die die Massen revolutioniert, sie auf die Beine bringt und sie eine jähe Wendung zum Kommunismus machen lässt;

zweitens der Umstand, dass in allen Ländern Westeuropas die vorherrschende Kraft unter den Arbeitern vorläufig noch die sozialdemokratischen Parteien sind, die älter sind als die kommunistischen Parteien, welche noch nicht lange bestehen und von denen man nicht verlangen kann, dass sie die sozialdemokratischen Parteien mit einem Schlage zertrümmern.

Und ist es etwa nicht Tatsache, dass die kommunistischen Parteien im Westen trotz dieser Umstände wachsen, dass ihre Popularität unter den Arbeitermassen zunimmt, dass einige von ihnen schon zu wirklichen Massenparteien des Proletariats geworden sind, während andere im Begriff sind, es zu werden?

Aber es gibt noch eine weitere Ursache, die das schnelle Wachstum der kommunistischen Parteien im Westen hindert. Das ist die Spalterarbeit der Opposition, eben jener Opposition, die hier in diesem Saale sitzt. Was ist erforderlich, damit die kommunistischen Parteien in schnellem Tempo wachsen? Eherne Einheit der Komintern, keine Spaltung innerhalb ihrer Sektionen. Was aber tut die Opposition? Sie hat eine zweite Partei in Deutschland geschaffen, die Partei Maslows und Ruth Fischers. Sie trachtet danach, ebensolche Spaltergruppen in den anderen Ländern Europas zu schaffen. Sie, unsere Opposition, hat eine zweite Partei in Deutschland geschaffen mit einem Zentralkomitee, einem Zentralorgan und einer Parlamentsfraktion, sie hat die Spaltung in der Komintern organisiert, wohl wissend, dass die Spaltung im gegebenen Fall das Wachstum der kommunistischen Parteien zwangsläufig hemmen muss - und jetzt schreit gerade sie, der Komintern die Schuld zuschiebend, dass die kommunistischen Parteien im Westen langsam wachsen! Das ist wirklich schon eine bodenlose Frechheit...

III
Über das Englisch-Sowjetische Einheitskomitee

[20]

 

Die Frage des Englisch-Sowjetischen Komitees. Die Opposition behauptet, wir hätten auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt. Das stimmt nicht, Genossen. Das ist eine der Verleumdungen, zu denen die bankrotte Opposition so häufig greift. Die ganze Welt weiß, und folglich muss es auch die Opposition wissen, dass wir nicht auf das Englisch-Sowjetische Komitee, sondern auf die internationale revolutionäre Bewegung und auf die Erfolge unseres sozialistischen Aufbaus setzen. Die Opposition betrügt die Partei, wenn sie sagt, dass wir auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt haben oder setzen.

Was stellt nun das Englisch-Sowjetische Komitee dar? Das Englisch-Sowjetische Komitee ist eine der Formen der Verbindung unserer Gewerkschaften mit den englischen Gewerkschaften, mit reformistischen Gewerkschaften, mit reaktionären Gewerkschaften. Unsere Arbeit zur Revolutionierung der Arbeiterklasse in Europa verläuft gegenwärtig durch drei Kanäle:

a) durch den Kanal der Komintern, über die kommunistischen Sektionen, deren nächste Aufgabe die Beseitigung der reformistischen politischen Führung in der Arbeiterbewegung ist;

b) durch den Kanal der Roten Gewerkschaftsinternationale, über die revolutionären Minderheiten in den Gewerkschaften, deren nächste Aufgabe die Überwindung der reaktionären Arbeiteraristokratie in den Gewerkschaften ist;

c) über das Englisch-Sowjetische Einheitskomitee als eins der Mittel, die der Roten Gewerkschaftsinternationale und ihren Sektionen den Kampf für die Isolierung der Arbeiteraristokratie in den Gewerkschaften erleichtern können.

Die ersten beiden sind die hauptsächlichen und ständigen Kanäle, die für die Kommunisten unentbehrlich sind, solange es Klassen und eine Klassengesellschaft gibt. Der dritte Kanal ist nur ein zeitweiliger, behelfsmäßiger, episodischer und deshalb nicht stabiler, nicht immer zuverlässiger und bisweilen sogar ganz und gar unzuverlässiger Kanal. Den dritten Kanal den beiden ersten Kanälen gleichsetzen hieße den Interessen der Arbeiterklasse, dem Kommunismus zuwiderhandeln. Wie kann man nach alledem faseln, wir hätten auf das Englisch-Sowjetische Komitee gesetzt?

Mit der Bildung des Englisch-Sowjetischen Komitees verfolgten wir das Ziel, offene Verbindungen mit den gewerkschaftlich organisierten Arbeitermassen Englands herzustellen.

Wozu?

Erstens, um die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiter gegen das Kapital zu erleichtern oder zumindest den Kampf der reaktionären Führer der Gewerkschaftsbewegung gegen die Schaffung einer solchen Front zu erschweren.

Zweitens, um die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiter gegen die Gefahren eines imperialistischen Krieges überhaupt, gegen die Gefahren einer Intervention im Besonderen zu erleichtern oder zumindest den Kampf der reaktionären Gewerkschaftsführer gegen die Bildung einer solchen Front zu erschweren.

Ist die Arbeit der Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften überhaupt zulässig?

Sie ist nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich, denn in den reaktionären Gewerkschaften gibt es Millionen von Arbeitern, und die Kommunisten haben kein Recht, es abzulehnen, in diese Gewerkschaften hineinzugehen, sich den Weg zu den Massen zu bahnen und sie für den Kommunismus zu gewinnen.

Lesen Sie Lenins Buch „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ [21], und Sie werden sehen, dass die Leninsche Taktik die Kommunisten verpflichtet, die Arbeit in den reaktionären Gewerkschaften nicht abzulehnen.

Sind zeitweilige Übereinkommen mit reaktionären Gewerkschaften, Abkommen auf der Gewerkschaftslinie oder Elbereinkommen auf der politischen Linie überhaupt zulässig?

Sie sind nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich. Dass die Gewerkschaften im Westen in der Mehrzahl der Fälle reaktionär sind, ist jedermann bekannt. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass diese Gewerkschaften Massengewerkschaften sind. Es geht darum, dass man durch diese Gewerkschaften Zugang zu den Massen finden kann. Es kommt darauf an, dass solche Übereinkommen die Freiheit der revolutionären Agitation und Propaganda der Kommunisten nicht einengen, nicht beschränken, dass solche Übereinkommen die Zersetzung der Reformisten und die Revolutionierung der Arbeitermassen, die vor-läufig noch den reaktionären Führern folgen, erleichtern. Unter diesen Bedingungen sind zeitweilige Übereinkommen mit reaktionären Massengewerkschaften nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu unerlässlich.

Lenin sagt hierzu folgendes:

„Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das ‚reine’ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern(und kleinen Handwerker, Heimarbeiter, kleinen Eigentümer überhaupt), vorn Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht eine Teilung in mehr oder minder entwickelte Schichten, eine Teilung nach Landsleuten, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen u. dgl. m. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die Kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen, Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der kleinen Besitzer zu schließend Es kommt nur darauf an, zu verstehen, diese Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit, beiträgt.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 55/56 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.719/720].)

Und weiter:

„Dass die Henderson, Clynes, MacDonald und Snowden hoffnungslos reaktionär sind, stimmt. Ebenso stimmt es, dass sie in den Besitz der Macht kommen wollen (dabei aber, nebenbei bemerkt, eine Koalition mit der Bourgeoisie vorziehen), dass sie nach denselben althergebrachten bürgerlichen Regeln ,regieren’ wollen, dass sie, einmal zur Macht gelangt, sich unvermeidlich ebenso verhalten werden wie die Scheidemann und Noske. Das alles stimmt. Aber daraus folgt keineswegs, dass eine Unterstützung dieser Leute Verrat an der Revolution sei, vielmehr folgt daraus, dass die Revolutionäre aus der Arbeiterklasse im Interesse der Revolution diesen Heerschaften eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewähren müssen.“ (Ebenda, S. 62, russ. [S. 726, deutsch].)

Das ist ja gerade das Unglück der Opposition, dass sie diese Weisungen Lenins nicht begreift und nicht anerkennt und der Leninschen Politik das „ultralinke“ Geschwätz über den reaktionären Charakter der Gewerkschaften vorzieht.

Engt das Englisch-Sowjetische Komitee unsere Agitation und Propaganda ein, kann es sie einengen? Nein, es kann sie nicht einengen. Wir haben das reaktionäre Wesen der Führer der englischen Arbeiterbewegung stets kritisiert und werden es stets kritisieren, wobei wir den Verrat dieser Führer vor den Massen der englischen Arbeiterklasse aufgedeckt haben und aufdecken werden. Die Opposition möge versuchen, die Tatsache zu widerlegen, dass wir die reaktionäre Tätigkeit des Generalrats stets offen und schonungslos kritisiert haben.

Man sagt uns, diese Kritik könne dazu führen, dass die Engländer das Englisch-Sowjetische Komitee sprengen. Nun, mögen sie es sprengen. Es gellt gar nicht darum, ob es zum Bruch kommen wird oder nicht. Es geht darum, über welche Frage es zum Bruch kommen, welche Idee durch den Bruch demonstriert werden wird. Jetzt geht es um die Kriegsgefahr überhaupt, um die Intervention im Besonderen. Wenn die Engländer den Bruch herbeiführen, wird die Arbeiterklasse wissen, dass die reaktionären Führer der englischen Arbeiterbewegung den Bruch deshalb herbeigeführt haben, weil sie nicht gewillt sind, ihrer imperialistischen Regierung bei der Organisierung des Krieges Widerstand entgegenzusetzen. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, dass ein unter diesen Bedingungen von den Engländern herbeigeführter Bruch die Arbeit der Kommunisten zur Entlarvung des Generalrats erleichtern wird, denn die Frage des Krieges ist jetzt die grundlegende Frage unserer Zeit.

Möglicherweise werden sie sich nicht zum Bruch entschließen. Was aber würde das bedeuten? Das würde bedeuten, dass wir uns die Freiheit der Kritik gesichert haben, die Freiheit, die Kritik an den reaktionären Führern der englischen Arbeiterbewegung fortzusetzen, ihren Verrat und ihren Sozialimperialismus vor den breiten Massen zu entlarven. Wäre das gut für die Arbeiterbewegung? Ich bin der Meinung, es wäre nicht schlecht.

Das also, Genossen, ist unsere Stellung zur Frage des Englisch-Sowjetischen Komitees.

 

Unterredung mit der ersten amerikanischen Arbeiterdeligation

Ein Delegierter. Leitet die Partei die Gewerkschaften nach denselben Grundsätzen?

Stalin. Im Wesentlichen ja. Formell kann die Partei den Gewerkschaften keine Direktiven erteilen. Aber die Partei erteilt den Kommunisten Direktiven, die in den Gewerkschaften arbeiten. Bekanntlich gibt es in den Gewerkschaften ebenso wie in den Sowjets, den Genossenschaften usw. Fraktionen von Kommunisten. Pflicht dieser kommunistischen Fraktionen ist es, in den Organen der Gewerkschaften, der Sowjets, der Genossenschaften usw. durch Überzeugung die Annahme von Beschlüssen zu erwirken, die den Direktiven der Partei entsprechen. Und in den allermeisten Fällen gelingt ihnen das, weil der Einfluss der Partei unter den Massen gewaltig ist und sie bei ihnen großes Vertrauen genießt. Auf diese Weise wird die Einheitlichkeit im Handeln der verschiedensten Organisationen des Proletariats erreicht. Ohne das würden wir ein Durcheinander und Nebeneinander in der Arbeit dieser Organisationen der Arbeiterklasse haben.

Sechste Frage.

In den kapitalistischen rändern liegt der Hauptantrieb für die Entwicklung der Produktion in der Hoffnung auf Erzielung von Profit. Dieser Antrieb fehlt, natürlich relativ, in der UdSSR. Wodurch wird er ersetzt, und inwieweit ist Ihrer Ansicht nach dieser Ersatz wirksam? Kann er beständig sein?

 

Antwort. Es ist richtig, dass die Haupttriebkraft der kapitalistischen Wirtschaft die Erzielung von Profit ist. Richtig ist auch, dass die Erzielung von Profit weder das Ziel noch die Triebkraft unserer sozialistischen Industrie ist. Was ist dann die Triebkraft unserer Industrie?

Vor allem der Umstand, dass die Fabriken und Werke bei uns dem gesamten Volk und nicht den Kapitalisten gehören, dass die Fabriken und Werke nicht von Sachwaltern der Kapitalisten, sondern von Vertretern der Arbeiterklasse geleitet werden. Das Bewusstsein, dass die Arbeiter nicht für den Kapitalisten, sondern für ihren eigenen Staat, für ihre eigene Klasse arbeiten - dieses Bewusstsein ist eine gewaltige Triebkraft für die Entwicklung und Vervollkommnung unserer Industrie.

Hervorzuheben ist, dass die gewaltige Mehrheit der Fabrikdirektoren bei uns aus Arbeitern besteht, die vom Obersten Volkswirtschaftsrat im Einvernehmen mit den Gewerkschaften ernannt werden, wobei kein einziger Direktor gegen den Willen der Arbeiter oder der betreffenden Gewerkschaften auf seinem Posten bleiben kann.

Ferner ist hervorzuheben, dass jedes Werk, jede Fabrik ein Betriebskomitee hat, das von den Arbeitern gewählt wird und die Tätigkeit der Betriebsleitung kontrolliert.

Schließlich ist hervorzuheben, dass in jedem Industriebetrieb Produktionsberatungen der Arbeiter stattfinden, an denen alle Arbeiter des betreffenden Betriebs teilnehmen und in denen die Arbeiter die gesamte Arbeit des Betriebsdirektors überprüfen, den Arbeitsplan der Betriebsleitung erörtern, die Fehler und Mängel aufzeigen und die Möglichkeit haben, diese Mängel durch die Gewerkschaften, durch die Partei, durch die Organe der Sowjetmacht abzustellen.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass alle diese Umstände sowohl die Stellung der Arbeiter als auch die ganze Betriebsordnung von Grund aus verändern. Ist für den Arbeiter im Kapitalismus die Fabrik nur fremdes Eigentum oder sogar Gefängnis, so sieht er unter dem Sowjetsystem in der Fabrik kein Gefängnis mehr, sondern etwas, was ihm nahe steht, was sein eigen ist, etwas, an dessen Entwicklung und Verbesserung er zutiefst interessiert ist.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass dieses neue Verhältnis der Arbeiter zum Werk, zum Betrieb, dieses Gefühl des Verwachsenseins der Arbeiter mit dem Betrieb eine gewaltige Triebkraft unserer ganzen Industrie ist.

Aus diesem Umstand ist die Tatsache zu erklären, dass die Zahl der Erfinder auf dem Gebiet der Produktionstechnik und der Organisatoren der Industrie, die aus den Reihen der Arbeiter kommen, von Tag zu Tag wächst.

Zweitens der Umstand, dass die Einkünfte aus der Industrie bei uns nicht zur Bereicherung einzelner Personen dienen, sondern zur weiteren Ausdehnung der Industrie, zur Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiterklasse, zur Verbilligung der Industriewaren, die sowohl die Arbeiter als auch die Bauern brauchen, das heißt wiederum zur Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen verwendet werden.

Der Kapitalist kann seine Einkünfte nicht zur Hebung des Wohlstands der Arbeiterklasse verwenden. Er lebt für den Profit. Sonst wäre er kein Kapitalist. Er macht Profit, um zusätzliches Kapital zu erhalten und in weniger entwickelte Länder auszuführen mit dem Zweck, dort neue, noch größere Profite zu erzielen. So fließt Kapital aus Nordamerika nach China, nach Indonesien, nach Südamerika, nach Europa ab, aus Frankreich nach den französischen Kolonien, aus England nach den englischen Kolonien.

Bei uns ist die Sache anders, denn wir treiben keine Kolonialpolitik und erkennen sie auch nicht an. Bei uns bleiben die Einkünfte aus der Industrie im Lande und dienen zur weiteren Entfaltung der Industrie, zur Verbesserung der Lage der Arbeiter, zur Steigerung der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes, darunter des bäuerlichen Marktes, durch Verbilligung der Industriewaren. Annähernd 10 Prozent des Gewinns der Industrie werden bei uns für die Verbesserung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse verwendet. Die Versicherung der Arbeiterklasse auf Staatskosten macht bei uns, gemessen am Geldlohn der Arbeiter, 13 Prozent desselben aus. Ein bestimmter Teil der Einkünfte (ich kann im Moment nicht sagen, wieviel) wird für kulturelle Bedürfnisse, für die Berufsausbildung der Lehrlinge in den Fabriken und für den Urlaub der Arbeiter verwendet. Ein ziemlich bedeutender Teil dieser Einkünfte (ich kann im Moment wiederum nicht sagen, wieviel) wird für die Erhöhung des Geldlohnes der Arbeiter verwendet. Der übrige Teil der Einkünfte aus der Industrie wird für die weitere Entfaltung der Industrie, für die Renovierung der alten Werke, für die Errichtung neuer Werke, schließlich für die Verbilligung der Industriewaren verwendet.

Die gewaltige Bedeutung dieser Umstände für unsere ganze Industrie besteht darin,

a) dass sie die Annäherung der Landwirtschaft an die Industrie und die Ausgleichung der Gegensätze zwischen Stadt und Land erleichtern;

b) dass sie das Wachstum der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes, des städtischen wie des ländlichen, fördern und dadurch eine ständig wachsende Basis für die weitere Entfaltung der Industrie schaffen.

Drittens der Umstand, dass die Nationalisierung der Industrie die planmäßige Leitung der gesamten Industriewirtschaft erleichtert.

Sind diese Antriebe und Triebkräfte unserer Industrie ständige Faktoren? Können sie ständig wirkende Faktoren sein? Ja, sie sind unbedingt ständig wirkende Antriebe und Triebkräfte. Und je mehr sich unsere Industrie entwickeln wird, desto mehr werden diese Faktoren an Kraft und Bedeutung gewinnen.

 

Neunte Frage.

Die amerikanischen Arbeiterführer suchen ihren Kampf gegen die Kommunisten mit zwei gründen zu rechtfertigen:

1. Die Kommunisten richten die Arbeiterbewegung durch ihren Fraktionskampf innerhalb der Gewerkschaften und durch ihre Angriffe gegen die nichtradikalen Gewerkschaftsfunktionäre zugrunde,

2. die amerikanischen Kommunisten erhalten Anweisungen aus Moskau und können daher keine guten Gewerkschaftler sein, weil ihre Loyalität gegenüber einer ausländischen Organisation größer ist als ihre Loyalität gegenüber der eigenen Gewerkschaft.

Wie kann diese Schwierigkeit beseitigt und wie kann erreicht werden, dass die amerikanischen Kommunisten mit den anderen Zellen der amerikanischen Arbeiterbewegung zusammenarbeiten können?

 

Antwort. Ich glaube, dass die Versuche der amerikanischen Arbeiterführer, ihren Kampf gegen die Kommunisten zu rechtfertigen, keiner Kritik standhalten. Noch niemand hat bewiesen und niemand wird beweisen, dass die Kommunisten die Arbeiterbewegung zugrunde richten. Dafür aber muss als durchaus erwiesen gelten, dass die Kommunisten in der ganzen Welt, darunter auch in Amerika, die ergebensten und kühnsten Kämpfer der Arbeiterbewegung sind.

Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Kommunisten während der Streiks und Demonstrationen der Arbeiter in den ersten Reihen der Arbeiterklasse marschieren und die ersten Schläge der Kapitalisten auffangen, wohingegen sich die reformistischen Arbeiterführer währenddessen in den Hinterhöfen der Kapitalisten verstecken? Wie sollen da die Kommunisten die Feigheit und die reaktionäre Einstellung der reformistischen Arbeiterführer nicht kritisieren? Ist es etwa nicht klar, dass eine solche Kritik die Arbeiterbewegung nur beleben und stärken kann?

Allerdings richtet eine solche Kritik die Autorität der reaktionären Arbeiterführer zugrunde. Was ist aber daran Besonderes? Mögen die reaktionären Arbeiterführer mit einer Gegenkritik antworten, nicht aber damit, dass sie die Kommunisten aus den Gewerkschaften hinauswerfen.

Ich glaube, die Arbeiterbewegung Amerikas kann, wenn sie leben und sich weiterentwickeln will, nicht ohne Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften auskommen. Ich glaube, der Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften, die Kritik an den reaktionären Führern usw. werden sich immer mehr verstärken, wie sehr sich auch die reformistischen Arbeiterführer dem entgegenstemmen mögen. Die Arbeiterklasse Amerikas aber braucht unbedingt einen solchen Meinungskampf und eine solche Kritik, um zwischen den verschiedenen Strömungen die Wahl treffen und sich schließlich als selbständige organisierte Kraft innerhalb der amerikanischen Gesellschaft konstituieren zu können.

Wenn sich die amerikanischen reformistischen Führer über die Kommunisten beschweren, so beweist das nur, dass sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache nicht überzeugt sind, dass sie sich nicht sicher fühlen. Eben deswegen fürchten sie die Kritik wie die Pest. Es ist bemerkenswert, dass die amerikanischen Arbeiterführer, wie man sieht, entschiedenere Gegner der elementaren Demokratie sind als viele Bourgeois in demselben Amerika.

Völlig falsch ist die Behauptung, die amerikanischen Kommunisten arbeiteten „auf Anweisung aus Moskau“. Sie werden in der Welt keine Kommunisten finden, die bereit wären, „auf Anweisungen“ von außen, gegen ihre Überzeugung, gegen ihren Willen, gegen das Gebot der Situation zu handeln. Ja selbst wenn es irgendwo solche Kommunisten gäbe, so wären sie keinen Groschen wert.

Die Kommunisten sind die mutigsten und kühnsten Menschen, sie führen den Kampf gegen eine Unzahl von Feinden. Die Kommunisten sind unter anderem gerade deswegen so hochzuschätzen, weil sie es verstehen, für ihre Überzeugung einzutreten. Daher mutet es seltsam an, wenn von den amerikanischen Kommunisten als von Leuten gesprochen wird, die keine eigene Überzeugung haben und nur „auf Anweisung“ von außen zu handeln imstande sind.

An der Behauptung der Arbeiterführer ist nur eins richtig, nämlich, dass die amerikanischen Kommunisten der internationalen Organisation der Kommunisten angehören und sich von Zeit zu Zeit mit der Zentrale dieser Organisation über diese oder jene Fragen beraten. Was ist denn Übles dabei? Sind etwa die amerikanischen Arbeiterführer gegen die Organisierung eines internationalen Arbeiterzentrums? Zwar gehören sie der Amsterdamer Internationale [39] nicht an. Aber sie gehören ihr nicht deswegen nicht an, weil sie gegen ein internationales Arbeiterzentrum sind, sondern weil sie Amsterdam für eine zu linke Organisation halten. (Heiterkeit.)

Warum können die Kapitalisten sich im internationalen Maßstab organisieren, während die Arbeiterklasse oder ein Teil der Arbeiterklasse keine eigene internationale Organisation haben soll?

Ist es nicht klar, dass Green und seine Freunde aus der Amerikanischen Arbeitsföderation [40] die amerikanischen Kommunisten verleumden, wenn sie die Legenden der Kapitalisten über „Anweisungen aus Moskau“ sklavisch wiederholen?

Es gibt Leute, die meinen, dass die Mitglieder der Kommunistischen Internationale in Moskau nichts weiter tun als in einem fort Direktiven für alle Länder schreiben. Da der Komintern mehr als 60 Länder angeschlossen sind, so können Sie sich die Lage der Mitglieder der Komintern vorstellen, die weder schlafen noch essen, sondern nichts weiter tun als in einem fort, Tag und Nacht Direktiven für diese Länder schreiben. (Heiterkeit.) Und mit dieser lächerlichen Legende glauben die amerikanischen Arbeiterführer ihre Angst vor den Kommunisten verbergen und die Tatsache vertuschen zu können, dass die Kommunisten die kühnsten und ergebensten Führer der Arbeiterklasse Amerikas sind!

Die Delegation fragt, wo der Ausweg aus dieser Situation liege. Ich glaube, es gibt hier nur einen Ausweg: den Kampf der Meinungen und Strömungen innerhalb der Gewerkschaften Amerikas zuzulassen, mit der reaktionären Politik des Hinauswerfens der Kommunisten aus den Gewerkschaften Schluss zu machen und der Arbeiterklasse Amerikas die Möglichkeit zu geben, eine freie Wahl zwischen diesen Strömungen zu treffen, denn Amerika hat noch nicht seine Oktoberrevolution gehabt, und die Arbeiter haben dort noch keine Möglichkeit gehabt, eine endgültige Wahl zwischen den verschiedenen Strömungen in den Gewerkschaften zu treffen.

 

II
FRAGEN DES GENOSSEN STALIN
UND ANTWORTEN DER DELEGIERTEN

 

Stalin.

Wenn die Delegation nicht zu sehr ermüdet ist, so möchte ich bitten, mir zu gestatten, ihr meinerseits einige Fragen zu stellen. (Die Delegation drückt ihr Einverständnis aus.)

 

Erste Frage.

Wodurch erklärt sich der geringe Prozentsatz der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in Amerika?

Bei Ihnen gibt es, glaube ich, ungefähr 17 Millionen Industriearbeiter. (Die Delegierten geben die Auskunft, dass es in Amerika 18 bis 19 Millionen Industriearbeiter gibt.) Organisiert sind, glaube ich, ungefähr 3 Millionen. (Die Delegierten geben die Auskunft, dass in der Amerikanischen Arbeitsföderation annähernd 3 Millionen Arbeiter organisiert sind und dass außerdem in anderen Verbänden eine halbe Million Arbeiter organisiert sind, so dass es also insgesamt 3,5 Millionen organisierter Arbeiter gibt.) Ich persönlich bin der Auffassung, dass das ein sehr geringer Prozentsatz gewerkschaftlich organisierter Arbeiter ist. Bei uns in der UdSSR sind 90 Prozent aller Proletarier des Landes gewerkschaftlich organisiert. Ich möchte die Delegation fragen, ob sie diese Tatsache der relativ geringen gewerkschaftlichen Organisiertheit der Arbeiter für eine positive Tatsache hält. Glaubt die Delegation nicht, dass diese Tatsache von der Schwäche des amerikanischen Proletariats zeugt, von der Schwäche seiner Kampfmittel, die es gegen die Kapitalisten auf wirtschaftlichem Gebiet anwendet?

 

Brophy.

Die geringe Mitgliederzahl der Gewerkschaften ist nicht dadurch zu erklären, dass die von den Gewerkschaftsorganisationen angewandte Taktik etwa nicht die richtige wäre, sondern durch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande, die nicht die ganze Masse der Arbeiter zur Organisierung drängen und die, eben weil sie, diese wirtschaftlichen Verhältnisse, günstig sind, die Notwendigkeit des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Kapitalisten einengen. Diese Verhältnisse werden sich natürlich ändern, und parallel mit der Änderung dieser Verhältnisse werden die Gewerkschaften wachsen, und die gesamte Gewerkschaftsbewegung wird einen anderen Weg einschlagen.

Douglas.

Ich bin mit der Erklärung, die der Vorredner gegeben hat, einverstanden. Ich möchte noch hinzufügen, dass man erstens berücksichtigen muss, dass der Arbeitslohn in den Vereinigten Staaten in der letzten Zeit von den Kapitalisten selbst sehr stark erhöht wird. Dieser Prozess der Erhöhung des Arbeitslohnes war im Jahre 1917, im Jahre 1919 und später zu beobachten. Wenn man den heutigen Reallohn mit dem Lohn von 1911 vergleicht, so stellt sich heraus, dass er bedeutend höher ist.

Die Gewerkschaftsbewegung gliederte sich im Prozess ihrer Entwicklung anfangs nach Branchen, nach Berufen und gliedert sich auch jetzt noch so, und die Gewerkschaften wurden vorwiegend für qualifizierte Arbeiter geschaffen. An der Spitze dieser Verbände standen bestimmte Führer, die eine in sich abgekapselte Organisation repräsentierten und für ihre Mitglieder gute Bedingungen durchzusetzen versuchten. Sie hatten keine Beweggründe, den Rahmen der Gewerkschaftsverbände zu er-weitern und unqualifizierte Arbeiter in den Gewerkschaften aufzunehmen.

Außerdem muss die amerikanische Gewerkschaftsbewegung mit einem sehr gut organisierten Kapitalismus rechnen, der über alle Mittel verfügt, um der gewerkschaftlichen Organisierung aller Arbeiter entgegenzuwirken. Wenn zum Beispiel ein vertrusteter Produktionszweig in einem seiner Betriebe auf zu starken Widerstand der Gewerkschaft stößt, so geht er sogar so weit, dass er diesen Betrieb schließt und die Arbeit in einen anderen seiner Betriebe verlegt. Auf diese Weise wird der Widerstand der Gewerkschaft gebrochen.

Der amerikanische Kapitalismus erhöht von sich aus den Arbeitslohn der Arbeiter, räumt ihnen aber dabei keinerlei wirtschaftliche Macht ein, gibt ihnen keine Möglichkeit, für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage zu kämpfen.

Ferner ist ein sehr wichtiger Umstand in Amerika, dass die Kapitalisten zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten Zwietracht säen. In den meisten Fällen sind die unqualifizierten Arbeiter aus Europa eingewanderte Arbeiter oder, in der letzten Zeit, Neger. Die Kapitalisten sind bestrebt, Zwietracht zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten zu säen. Diese Teilung nach Nationalitäten geht auch nach dem Merkmal qualifizierter und unqualifizierter Arbeit vor sich. Die Kapitalisten züchten systematisch einen Antagonismus zwischen den Arbeitern der verschiedenen Nationalitäten, unabhängig von der Qualifiziertheit ihrer Arbeit.

In den letzten 10 Jahren treibt der amerikanische Kapitalismus eine aufgeklärtere Politik in der Hinsicht, dass er seine eigenen Gewerkschaften schafft, die so genannten Company Unions. Er zieht die Arbeiter zur Arbeit ihres Betriebs heran, interessiert die Arbeiter am Profit dieses Betriebs usw. Der amerikanische Kapitalismus hat die Tendenz, die horizontale Teilung durch eine vertikale Teilung zu ersetzen, das heißt, die Arbeiterklasse zu spalten, sie für die Interessen des Kapitalismus zu gewinnen und zu interessieren.

Coyle.

Ich will die Frage nicht vom Standpunkt der Theorie, sondern vom Standpunkt der Praxis betrachten. Zwar kann man die Arbeiter in guten Zeiten am leichtesten organisieren, aber die Sache ist die, dass die Statistik der Bewegung der Mitgliederzahl der Amerikanischen Arbeitsföderation zeigt, dass die Amerikanische Arbeitsföderation die unqualifizierten Arbeiter allmählich verliert und die Mitgliederzahl an qualifizierten Arbeitern erhöht. Die Amerikanische Arbeitsföderation will also eine Organisation sein und wird allmählich eine Organisation, die hauptsächlich qualifizierte Arbeiter in ihren Reihen hat.

Die Gewerkschaftsbewegung in Amerika erfasst die unqualifizierten Arbeiter fast gar nicht. Die großen Industriezweige werden von den Gewerkschaften nicht erfasst. Von diesen großen Industriezweigen sind nur die Arbeiter des Kohlenbergbaus und der Eisenbahn bis zu einem gewissen Grade organisiert, aber auch im Kohlenbergbau haben wir 65 Prozent nicht organisierter Arbeiter. Die Arbeiter solcher Industriezweige, wie Stahl-, Kautschuk- und Automobilindustrie, sind gewerkschaftlich fast überhaupt nicht organisiert. Man kann sagen, dass die Gewerkschaften die unqualifizierten Arbeiter nicht erfassen.

Es gibt eine Reihe nicht zur Amerikanischen Arbeitsföderation gehörender Gewerkschaftsorganisationen, die die unqualifizierten und wenig qualifizierten Arbeiter zu organisieren suchen. Was den Standpunkt der Führer der Amerikanischen Arbeitsföderation betrifft, so hat zum Beispiel einer ihrer Führer, der Vorsitzende des Metallarbeiterverbands, ganz offen erklärt, dass er in seinem Verband keine unqualifizierten Arbeiter haben will. Mit den Gewerkschaftsführern steht es so, dass sich eine Kaste von Führern herausgebildet hat, bestehend aus einigen Dutzend Leuten, die gewaltige Gehälter beziehen - jährlich 10000 Dollar und mehr - eine Kaste, in die einzudringen außerordentlich schwer ist.

Dunn.

Die Frage des Genossen Stalin ist nicht gerecht gestellt, denn wenn in seinem Lande 90 Prozent aller Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, so gehört hier die Macht der Arbeiterklasse, während in den kapitalistischen Ländern die Arbeiter die unterdrückte Klasse sind und die Bourgeoisie alle Maßnahmen ergreift, um es den Arbeitern unmöglich zu machen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Außerdem bestehen dort reaktionäre Gewerkschaften mit reaktionären Führern an der Spitze. Unter den Verhältnissen, die wir in Amerika haben, ist es sehr schwer, die Arbeiter selbst für die Idee der gewerkschaftlichen Organisierung einzunehmen. Das ist die Ursache dafür, dass in Amerika die Gewerkschaften so wenig verbreitet sind.

Stalin.

Ist der letzte Redner mit dem Vorredner darin einverstanden, dass gewisse Führer der Arbeiterbewegung Amerikas selbst bestrebt sind, die Gewerkschaftsbewegung einzuengen?

Dunn. Ja, ich bin einverstanden.

Stalin. Ich wollte niemand verletzen. Ich wollte mir nur den Unterschied in der Lage der Dinge in Amerika und in der UdSSR klarmachen. Wenn ich jemand verletzt habe, so bitte ich um Entschuldigung. (Heiterkeit bei den Delegierten.)

Dunn. Ich fühle mich keineswegs verletzt.

Stalin.

Gibt es in Amerika ein System der staatlichen Versicherung der Arbeiter?

Ein Delegierter. Ein staatliches Versicherungssystem der Arbeiter gibt es in Amerika nicht.

Coyle.

In der Mehrzahl der Staaten wird bei Unglücksfällen, die sich im Produktionsprozess ereignen, eine Entschädigung von maximal 30 Prozent des Verlustes der Arbeitsfähigkeit ausgezahlt. Das ist in der Mehrzahl der Staaten der Fall. Die Bezahlung erfolgt durch die privaten Firmen, in deren Betrieben die Arbeitsfähigkeit eingebüßt wurde, aber das Gesetz fordert eine solche Bezahlung.

Stalin.

Gibt es eine staatliche Arbeitslosenversicherung in Amerika?

Ein Delegierter. Nein. Der Fonds, der für die Arbeitslosenversicherung geschaffen wird, mag in allen Staaten zusammen für 80000 bis 100000 Arbeitslose ausreichen.

Coyle.

Eine Versicherung (nichtstaatlichen Charakters) gibt es gegen Unglücksfälle in der Industrie, das heißt gegen Unglücksfälle, die sich im Produktionsprozess ereignen. Aber für Invalidität infolge von Krankheit oder Alter gibt es überhaupt keine Versicherung. Der Versicherungsfonds setzt sich aus Beiträgen der Arbeiter zusammen. Im Grunde genommen läuft die Sache darauf hinaus, dass die gesamte Summe des Versicherungsfonds von den Arbeitern selbst bezahlt wird, denn die Arbeiter würden, wenn sie diesen Fonds nicht bildeten, einen höheren Betrag bekommen, da aber dieser Fonds auf Grund eines Übereinkommens zwischen den Arbeitern und den Unternehmern gebildet wird, so bekommen die Arbeiter einen kleineren Betrag. Daraus setzt sich fast die ganze Summe des Fonds zusammen. Die Unternehmer tragen faktisch einen ganz geringen Teil zu diesem Fonds bei, ungefähr 10 Prozent.

Stalin.

Ich glaube, dass es die Genossen interessieren wird, wenn ich mitteile, dass bei uns in der UdSSR für die Versicherung der Arbeiter auf Staatskosten mehr als 800 Millionen Rubel jährlich aufgewandt werden.

Es dürfte wohl auch nicht überflüssig sein, Ihnen mitzuteilen, dass die Arbeiter bei uns in allen Industriezweigen außer dem üblichen Geldlohn zusätzlich noch ungefähr ein Drittel des Arbeitslohnes für Versicherungen, für Verbesserung der Lebenshaltung, für kulturelle Bedürfnisse usw. erhalten.

 

Der XV. Parteitag der KPdSU(B)

Was die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse in Europa betrifft, so haben wir auch hier, auch auf diesem Gebiet, unverkennbare Anzeichen einer Linksentwicklung der Massen der einfachen Arbeiter und einer revolutionären Belebung. Solche Tatsachen wie der Generalstreik und der Bergarbeiterstreik in England, die revolutionäre Erhebung der Arbeiter in Wien, die revolutionären Demonstrationen in Frankreich und Deutschland aus Anlass der Ermordung Saccos und Vanzettis, die Wahlerfolge der deutschen und der polnischen Kommunistischen Partei, die unverkennbare Differenzierung der Arbeiterbewegung in England, kraft deren die Arbeiter nach links gehen, die Führer aber nach rechts, in den Schoß des offenen Sozialimperialismus, wie die Entartung der II. Internationale zu einem direkten Anhängsel des imperialistischen Völkerbunds, das Sinken der Autorität der sozialdemokratischen Parteien unter den breiten Massen der Arbeiterklasse, das überall zu beobachtende Wachstum des Einflusses und der Autorität der Komintern und ihrer Sektionen unter den Proletariern aller Länder, das Wachstum der Autorität der UdSSR unter den unterdrückten Klassen der ganzen Welt, der „Kongress der Freunde der Sowjetunion“usw.

ANMERKUNG:

Der Weltkongress der Freunde der Sowjetunion tagte in Moskau vom 10. bis zum 12. November 1927. Einberufen wurde der Kongress auf Initiative ausländischer Arbeiterdelegationen, die anlässlich der 10. Jahresfeier der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution die Sowjetunion besuchten. Dem Kongress wohnten 947 Delegierte aus 43 Ländern bei. Es wurden Referate gehalten über die Ergebnisse des zehnjährigen sozialistischen Aufbaus in der UdSSR und über die Verteidigung des ersten proletarischen Staates der Welt gegen die Kriegsgefahr. Ein von dem Kongress beschlossener Aufruf endete mit dem folgenden Appell an die Werktätigen der ganzen Welt: „Kämpft, schützt und verteidigt mit allen Mitteln, mit allen Methoden die Sowjetunion, das Vaterland der Werktätigen, das Bollwerk des Friedens, die Heimstätte der Befreiung, die Festung des Sozialismus!“

- alle diese Tatsachen sprechen unzweifelhaft dafür, dass Europa in eine neue Phase revolutionären Aufschwungs eintritt.

Wenn eine Tatsache wie die Ermordung Saccos und Vanzettis Demonstrationen der Arbeiterklasse auszulösen vermochte, so ist das zweifellos ein Beweis dafür, dass sich in den Tiefen der Arbeiterklasse eine revolutionäre Energie angesammelt hat, die nach einem Anlass, einer Gelegenheit, mitunter sogar nach einer anscheinend ganz unbedeutenden Gelegenheit sucht und suchen wird, um zum Durchbruch zu kommen und sich gegen das kapitalistische Regime zu entladen.

Wir leben am Vorabend eines neuen revolutionären Aufschwungs sowohl in den Kolonien als auch in den Metropolen.

Aus der Stabilisierung erwächst ein neuer revolutionärer Aufschwung.

* * *

4. Die Klassen, der Staatsapparat,
die kulturelle Entwicklung des Landes

Kommen wir nun von den Fragen der Wirtschaftslage des Landes zu den Fragen der politischen Lage.

a) Die Arbeiterklasse. Das zahlenmäßige Anwachsen der Arbeiterklasse und der Lohn- und Gehaltsempfänger überhaupt geht aus folgenden Zahlen hervor: 1924/25 gab es 8215000 Lohn- und Gehaltsempfänger (ohne Arbeitslose), 1926/27 10346000. Ein Zuwachs um 25 Prozent. Von diesen waren Handarbeiter, landwirtschaftliche und Saisonarbeiter eingeschlossen, im Jahre 1924/25 5448000, im Jahre 1926/27 7060000. Ein Zuwachs um 29,6 Prozent. Von diesen waren Arbeiter der Großindustrie im Jahre 1924/25 1794000, im Jahre 1926127 2388000. Ein Zu-wachs um 33 Prozent.

Die materielle Lage der Arbeiterklasse. Auf die Lohn- und Gehaltsempfänger entfielen 1924/25 24,1 Prozent des Nationaleinkommens, im Jahre 1926127 stieg dieser Anteil auf 29,4 Prozent, was den Vorkriegsanteil der Lohn- und Gehaltsempfänger am Nationaleinkommen um 30 Prozent überschreitet, während der Anteil der anderen sozialen Gruppen am Nationaleinkommen, darunter auch der Bourgeoisie, in dieser Periode zurückgegangen ist (zum Beispiel fiel der Anteil der Bourgeoisie von 5,5 auf 4,8 Prozent). Der Reallohn der Arbeiter in der gesamten Staatsindustrie belief sich 1924/25 ohne die Zuschläge auf 25,18 Moskauer Indexrubel monatlich, im Jahre 1926/27 auf 32,14 Rubel, was eine Erhöhung in zwei Jahren um 27,6 Prozent bedeutet und das Vorkriegsniveau um 5,4 Prozent überschreitet. Mit den Zuschlägen (für Sozialversicherung, kulturelle Bedürfnisse, kommunale Dienste usw.) war der Arbeitslohn 1924/25 gleich 101,5 Prozent, im Jahre 1926/27 dagegen gleich 128,4 Prozent des Vorkriegslohns. Die Sozialversicherungsfonds stiegen von 461 Millionen Rubel im Jahre 1924/25 auf 852 Millionen Rubel im Jahre 1926/27, das heißt um 85 Prozent, was die Möglichkeit bot, 513000 Personen in Erholungsheimen und Sanatorien unterzubringen, 460000 Arbeitslose und 700000 Rentner (Arbeits- und Bürgerkriegsinvaliden) zu unterstützen und kranken Arbeitern während ihrer Krankheit den vollen Arbeitslohn weiterzuzahlen.

Die Ausgaben, das heißt die Aufwendungen für den Bau von Arbeiterwohnungen betrugen vor zwei Jahren, im Jahre 1924/25, über 132 Millionen Rubel, im Jahre 1925/26 über 230 Millionen, im Jahre 1926127 282 Millionen und im Jahre 1927128 werden sie über 391 Millionen betragen, einschließlich der 50 Millionen, die auf Grund des Manifests des Zentralexekutivkomitees für diesen Zweck ausgeworfen worden sind. Insgesamt wurden in den verflossenen drei Jahren für den Bau von Arbeiterwohnungen, ohne den Bau von Eigenheimen, von der Industrie, dem Verkehrswesen, den Exekutivkomitees der Sowjets und den Genossenschaften 644,7 Millionen Rubel ausgegeben, zusammen mit den für 1927/28 bewilligten Summen aber 1036 Millionen Rubel. Diese Bewilligungen machten es möglich, in den letzten drei Jahren Wohnungen mit 4594000 Quadratmeter Wohnfläche fertig zu stellen und 257000 Arbeiter unterzubringen, zusammen mit den Familien ungefähr 900000 Personen.

Die Frage der Arbeitslosigkeit. Ich muss feststellen, dass hier eine Differenz zwischen dem Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion und dem Volkskommissariat für Arbeit besteht. Ich nehme die Zahlen des Volkskommissariats für Arbeit, weil sie das wirklich arbeitslose Element erfassen, das bei den Arbeitsnachweisen gemeldet ist. Nach den Angaben des Volkskommissariats für Arbeit ist die Zahl der Arbeitslosen in den letzten zwei Jahren von 950000 auf 1048000 gestiegen. Davon sind 16,5 Prozent Industriearbeiter, dagegen 74 Prozent geistige Arbeiter und nicht qualifizierte Arbeiter. Die Hauptquelle unserer Arbeitslosigkeit ist also in der Übervölkerung des Dorfes zu suchen, und nur eine Nebenquelle liegt in dem Umstand, dass ein bestimmtes minimales Kontingent von Industriearbeitern noch nicht in unserer Industrie untergekommen ist.

Das Fazit: eine unzweifelhafte Hebung des materiellen Niveaus der gesamten Arbeiterklasse.

* * *

Schließlich die Tatsache der „Rückbeförderten“. Es stellt sich heraus, dass wir außer den beförderten Arbeitern, die auf verantwortliche Posten gestellt wurden, auch noch „Rückbeförderte“ haben, die von ihren eigenen Kollegen in den Hintergrund gedrängt werden, nicht weil sie unfähig wären oder nicht zu arbeiten verstünden, sondern wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit in der Arbeit.

Da haben wir einen Arbeiter, einen Werkzeugschlosser, der auf einen bestimmten Posten im Betrieb befördert wurde, weil er ein fähiger und unbestechlicher Mensch ist. Er arbeitet ein, zwei Jahre, arbeitet ehrlich, schafft Ordnung, beseitigt Misswirtschaft und Verschwendung. Aber dieses sein Wirken berührt die Interessen einer bestimmten trauten Kumpanei von „Kommunisten“, es stört ihre Ruhe. Und was geschieht? Die traute Kumpanei von „Kommunisten“ wirft ihm Knüppel zwischen die Beine und zwingt ihn auf diese Weise zur „Rückbeförderung“. „Du wolltest klüger sein als wir, wolltest nicht, dass wir in Ruhe leben und unser Schäfchen ins trockne bringen - zurück mit dir, mein Lieber!“

Da haben wir einen anderen Arbeiter, ebenfalls Werkzeugschlosser, Einrichter von Bolzenschneidemaschinen, der auf einen bestimmten Posten im Betrieb befördert worden ist. Er arbeitet eifrig und ehrlich. Aber durch diese Arbeit stört er manchen in seiner Ruhe. Und was geschah? Man fand einen Anlass, den „unruhigen“ Genossen loszuwerden. Wie ist nun diesem, auf verantwortliche Arbeit beförderten Genossen beim Abgang zumute, welches Gefühl erfüllt ihn? Das folgende: „überall, wo man mich hingestellt hat, war ich bemüht, das mir erwiesene Vertrauen zu rechtfertigen. Aber diese Beförderung hier, die mir so übel mitgespielt hat, die werde ich nie vergessen. Man hat mich mit Schmutz beworfen. Mein Wunsch, alles ans Tageslicht zu bringen, ist ein frommer Wunsch geblieben. Weder das Betriebskomitee noch die Werkverwaltung, noch die Zelle wollten mich auch nur anhören. Für eine Beförderung bin ich nicht mehr zu haben, und wenn man mich mit Gold überschüttete - ich gehe nirgends mehr hin.“ („Trud“Nr. 128 vom 9. Juni 1927.)

* * *

Sechstens. Die Frage der Einheitsfronttaktik in der internationalen Arbeiterbewegung. Der Sündenfall der Opposition besteht hier darin, dass sie mit der Leninschen Taktik in der Frage der allmählichen Gewinnung der Millionenmassen der Arbeiterklasse für den Kommunismus bricht. Damit die Millionenmassen der Arbeiterklasse für den Kommunismus gewonnen werden, ist es nicht nur notwendig, dass die Politik der Partei richtig ist. Eine richtige Politik der Partei ist eine große Sache, aber bei weitem noch nicht alles. Damit die Millionenmassen der Arbeiterklasse auf die Seite des Kommunismus übergehen, ist es notwendig, dass sich die Massen selbst an Hand eigener Erfahrungen von der Richtigkeit der Politik des Kommunismus überzeugen. Damit sich aber die Massen davon überzeugen, dazu bedarf es Zeit, dazu ist es notwendig, dass die Partei kundig und geschickt daran arbeite, die Massen an ihre Positionen heranzubringen, dass die Partei kundig und geschickt daran arbeite, die Millionenmassen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen.

 

1928 - März 1929

BAND 11

 

Über die Arbeiten des Vereinigten Aprilplenums des ZK und der ZKK

III
DIE SCHACHTY-AFFÄRE

 

Welches sind die klassenmäßigen Hintergründe der Schachty-Affäre, worin liegen die Wurzeln der Schachty-Affäre, und auf welcher klassenmäßigen Grundlage konnte diese ökonomische Konterrevolution entstehen?

Es gibt Genossen, die die Schachty-Affäre für einen Zufall halten. Sie sagen gewöhnlich: Wir haben hier tüchtig geschlafen, wir haben nicht aufgepasst, aber wenn wir nicht geschlafen hätten, so hätte es bei uns überhaupt keine Schachty-Affäre gegeben. Dass hier geschlafen wurde und tüchtig geschlafen wurde - darüber kann es keinen Zweifel geben. Aber alles damit erklären wollen bedeutet das Wesen der Sache nicht verstehen.

Was besagen die Tatsachen, die Materialien über die Schachty-Affäre?

Die Tatsachen besagen, dass die Schachty-Affäre eine ökonomische Konterrevolution ist, angezettelt von einem Teil der bürgerlichen Spezialisten, die die Kohlenindustrie früher beherrschten.

Die Tatsachen besagen ferner, dass diese in einer geheimen Gruppe organisierten Spezialisten von den früheren Besitzern, die sich heute in der Emigration befinden, sowie von konterrevolutionären sowjetfeindlichen kapitalistischen Organisationen des Westens Gelder für ihre Schädlingsarbeit erhielten.

Die Tatsachen besagen schließlich, dass diese Gruppe bürgerlicher Spezialisten auf Anweisungen kapitalistischer Organisationen des Westens handelte und unsere Industrie zu zerstören suchte.

Wovon zeugt nun das alles?

Das zeugt davon, dass wir es hier mit einer ökonomischen Intervention westeuropäischer sowjetfeindlicher kapitalistischer Organisationen in die Angelegenheiten unserer Industrie zu tun haben. Es gab seinerzeit eine militärisch-politische Intervention, die wir durch unseren Sieg im Bürgerkrieg zu liquidieren vermochten. Jetzt stehen wir dem Versuch einer ökonomischen Intervention gegenüber, zu deren Liquidierung wir keines Bürgerkriegs bedürfen, die wir aber trotzdem liquidieren müssen und die wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln liquidieren werden.

Es wäre töricht, anzunehmen, das internationale Kapital werde uns in Ruhe lassen. Nein, Genossen, so ist es nicht. Es existieren Klassen, es existiert das internationale Kapital, und dieses kann der Entwicklung des Landes, das den Sozialismus aufbaut, nicht ruhig zusehen. Früher glaubte das internationale Kapital, die Sowjetmacht durch eine direkte militärische Intervention stürzen zu können. Der Versuch ist misslungen. Heute ist es bestrebt und wird auch in Zukunft bestrebt sein, unsere wirtschaftliche Macht durch eine nicht sichtbare, nicht immer zu bemerkende, aber ziemlich nachhaltige ökonomische Intervention zu schwächen, indem es Schädlingsarbeit organisiert, allerlei „Krisen“ in diesem oder jenem Industriezweig vorbereitet und dadurch die Möglichkeit einer künftigen militärischen Intervention erleichtert. Hier ist alles zu einem Knoten geschürzt, zum Knoten des Klassenkampfes des internationalen Kapitals gegen die Sowjetmacht, und von irgendwelchen Zufällen kann gar keine Rede sein.

Eins von beiden:

Entweder wir werden auch in Zukunft eine revolutionäre Politik betreiben und die Proletarier und Unterdrückten aller Länder um die Arbeiterklasse der Sowjetunion scharen - und dann wird uns das internationale Kapital mit allen Mitteln in unserem Vormarsch zu stören suchen;

oder wir verzichten auf unsere revolutionäre Politik, machen dem internationalen Kapital eine Reihe prinzipieller Zugeständnisse - und dann dürfte das internationale Kapital wohl nicht abgeneigt sein, uns bei der Umwandlung unseres sozialistischen Landes in eine „gute“ bürgerliche Republik zu „helfen“.

Es gibt Leute, die glauben, wir könnten auf auswärtigem Gebiet eine Befreiungspolitik betreiben und zugleich erreichen, dass die Kapitalisten Europas und Amerikas uns dafür loben. Ich brauche nicht den Beweis zu erbringen, dass solche naiven Leute mit unserer Partei nichts gemein haben noch haben können.

England zum Beispiel verlangt von uns, dass wir zusammen mit ihm zu Raubzwecken Einflusssphären irgendwo, sagen wir in Persien, in Afghanistan oder in der Türkei, festlegen, wobei es seine Bereitschaft beteuert, mit uns „Freundschaft“ zu schließen, wenn wir auf dies Zugeständnis eingehen. Nun, vielleicht sollten wir auf dieses Zugeständnis eingehen, Genossen?

Allgemeiner Zuruf. Nein !

Stalin. Amerika verlangt, dass wir grundsätzlich auf die Politik der Unterstützung der Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse anderer Länder verzichten, und versichert, dass alles gut sein würde, wenn wir auf ein solches Zugeständnis eingingen. Nun, Genossen, vielleicht sollten wir auf ein solches Zugeständnis eingehen?

Allgemeiner Zuruf. Nein!

Stalin. Wir könnten „freundschaftliche“ Beziehungen zu Japan herstellen, wenn wir einverstanden wären, zusammen mit ihm die Mandschurei aufzuteilen. Können wir auf dieses Zugeständnis eingehen?

Allgemeiner Zuruf. Nein!

Stalin. Oder man verlangt zum Beispiel von uns, dass wir das Außenhandelsmonopol „lockern“ und uns einverstanden erklären, alle Kriegs- und Vorkriegsschulden zu bezahlen. Vielleicht sollten wir darauf eingehen, Genossen?

Allgemeiner Zuruf. Nein!

Stalin. Aber gerade weil wir nicht auf diese und ähnliche Zugeständnisse eingehen können, ohne uns selbst aufzugeben - gerade darum müssen wir darauf gefasst sein, dass das internationale Kapital gegen uns auch in Zukunft allerlei Gemeinheiten begehen wird, ganz gleich, ob in der Art der Schachty-Affäre oder in einer anderen, ähnlichen Art.

Darin liegen die Klassenwurzeln der Schachty-Affäre.

Weshalb konnte bei uns eine militärische Intervention des internationalen Kapitals gelingen? Weil es in unserem Lande ganze Gruppen militärischer Spezialisten gab, Generale und Offiziere, Söhne von Bourgeois und Gutsbesitzern, die stets bereit waren, die Grundlagen der Sowjetmacht zu untergraben. Hätten diese Offiziere und Generale einen ernsthaften Krieg gegen die Sowjetmacht organisieren können ohne finanzielle, militärische und jegliche andere Unterstützung durch das internationale Kapital? Natürlich nicht. Hätte das internationale Kapital ohne die Hilfe dieser Gruppe weißgardistischer Offiziere und Generale eine ernsthafte Intervention organisieren können? Ich glaube nicht.

Es gab bei uns damals Genossen, die glaubten, dass die militärische Intervention ein Zufall gewesen sei, dass es, wenn wir Krasnow, Mamontow usw. nicht aus dem Gefängnis gelassen hätten, auch keine Intervention gegeben hätte. Das stimmt natürlich nicht. Dass die Freilassung Mamontows, Krasnows und anderer weißgardistischer Generale bei der Entwicklung des Bürgerkriegs eine Rolle gespielt hat - darüber kann es keinen Zweifel geben. Dass aber die Wurzeln der militärischen Intervention nicht darin, sondern in den Klassengegensätzen zwischen der Sowjetmacht einerseits und dem internationalen Kapital nebst seinen Spießgesellen, den Generalen in Rußland, anderseits liegen - darüber kann es ebenfalls keinen Zweifel geben.

Hätten einige bürgerliche Spezialisten, hätten die ehemaligen Grubenbesitzer bei uns die Schachty-Affäre organisieren können ohne finanzielle und moralische Unterstützung durch das internationale Kapital, ohne die Perspektive, dass das internationale Kapital ihnen beim Sturz der Sowjetmacht helfen würde? Natürlich nicht. Hätte das internationale Kapital bei uns eine ökonomische Intervention in der Art der Schachty-Affäre organisieren können, wenn es bei uns im Lande nicht eine Bourgeoisie und darunter eine bestimmte Gruppe bürgerlicher Spezialisten gäbe, die bereit sind, die Sowjetmacht auf jede nur erdenkliche Art zugrunde zu richten? Es ist klar, dass sie das nicht gekonnt hätten. Gibt es bei uns überhaupt Gruppen bürgerlicher Spezialisten, die sich zu einer ökonomischen Intervention, zur Untergrabung der Sowjetmacht bereit finden? Ich glaube, es gibt sie. Ich glaube nicht, dass es viele sein können. Dass es aber bei uns einige unbedeutende Gruppen konterrevolutionärer bürgerlicher Spezialisten gibt, deren Zahl viel geringer ist als während der militärischen Intervention - darüber kann es keinen Zweifel geben.

Die Vereinigung dieser beiden Kräfte gibt gerade den Boden ab für die ökonomische Intervention in der UdSSR.

Das eben sind die klassenmäßigen Hintergründe der Schachty-Affäre. Nun über die praktischen Schlussfolgerungen, die sich aus der Schachty-Affäre ergeben.

Ich möchte auf vier praktische Schlussfolgerungen eingehen, die uns die Schachty-Affäre signalisiert.

Lenin sagte, dass die Frage der Auswahl der Menschen eine der Grundfragen des Aufbaus des Sozialismus ist. Die Schachty-Affäre zeigt, dass wir unsere Wirtschaftskader schlecht ausgewählt haben und nicht nur schlecht ausgewählt, sondern diese selben Kader noch dazu in eine Lage versetzt haben, die ihr Wachstum erschwert. Man spricht von der Verordnung Nr. 33 und besonders von den sie ergänzenden „Musterrichtlinien“ [14]. Die charakteristische Besonderheit dieser Musterrichtlinien besteht darin, dass sie den technischen Direktor mit fast allen Rechten ausstatten, während sie dem Betriebsleiter nur das Recht einräumen, Konflikte zu schlichten, „zu repräsentieren“ und Balalaika zu spielen. Es ist klar, dass sich unsere Wirtschaftskader unter solchen Verhältnissen nicht in genügendem Maße entwickeln konnten.

Seinerzeit war diese Verordnung absolut notwendig, denn sie wurde zu einem Zeitpunkt erlassen, als wir überhaupt keine eigenen Wirtschaftskader hatten, als wir die Industrie noch nicht zu leiten verstanden und notgedrungen die wichtigsten Rechte dem technischen Direktor einräumen mussten. Jetzt aber ist diese Verordnung zu einer Fessel geworden. Jetzt haben wir unsere eigenen Wirtschaftskader, die über Erfahrungen verfügen und sich zu wirklichen Leitern unserer Industrie entwickeln können. Und eben deshalb ist es an der Zeit, die veralteten Musterrichtlinien aufzuheben und sie durch neue zu ersetzen.

Man sagt, es sei den Kommunisten, besonders aber den kommunistischen Wirtschaftlern, die aus den Reihen der Arbeiter kommen, unmöglich, chemische Formeln zu bewältigen und überhaupt sich technische Kenntnisse anzueignen. Das ist nicht richtig, Genossen. Es gibt keine Festung auf der Welt, die die Werktätigen, die Bolschewiki nicht nehmen könnten. (Beifall.) Wir haben in unserm Kampf gegen die Bourgeoisie schon ganz andere Festungen genommen. Alles kommt darauf an, dass man den Wunsch hat, sich technische Kenntnisse anzueignen, und dass man sich mit Beharrlichkeit und bolschewistischer Geduld wappnet. Um aber die Arbeitsbedingungen unserer Wirtschaftskader zu ändern und ihnen zu helfen, wirkliche und vollberechtigte Meister ihres Fachs zu werden, ist es notwendig, die alten Musterrichtlinien aufzuheben und sie durch neue zu ersetzen. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass unsere Kader verkümmern.

Waren etwa manche unserer Wirtschaftler, die jetzt heruntergekommen sind, früher schlechter als irgendjemand von uns? Wodurch ist es zu erklären, dass solche und ähnliche Genossen auf die schiefe Ebene kamen und sich zu zersetzen begannen, dass sie die Lebensweise der bürgerlichen Spezialisten annahmen? Das erklärt sich aus unserer falschen Wirtschaftspraxis, das erklärt sich aus der Art der Auswahl unserer Wirtschaftsfunktionäre und aus den Bedingungen ihrer Arbeit, die ihre Entwicklung erschweren, die sie in ein Anhängsel der bürgerlichen Spezialisten verwandeln. Mit einer solchen Praxis muss Schluss gemacht werden, Genossen.

Die zweite Schlussfolgerung, die uns die Schachty-Affäre signalisiert, besteht darin, dass wir die Kader in unseren technischen Hochschulen schlecht unterrichten, dass wir unsere roten Spezialisten schlecht ausbilden. Das ist eine Schlussfolgerung, um die wir auf keinen Fall herumkommen. Warum sind zum Beispiel viele unserer jungen Spezialisten ihren Aufgaben nicht gewachsen, warum taugen sie nicht für die Industrie? Weil sie nur aus Büchern gelernt haben, weil sie Spezialisten nur mit Bücherweisheiten sind, weil sie keine praktischen Erfahrungen haben, weil sie von der Produktion losgelöst sind und daher natürlich Schiffbruch erleiden. Brauchen wir aber etwa solche Spezialisten? Nein, nicht solche Spezialisten brauchen wir, mögen sie zehnmal junge Spezialisten sein. Wir brauchen Spezialisten - ganz gleich, ob Kommunisten oder nicht Kommunisten -, die nicht nur in der Theorie stark sind, sondern auch praktische Erfahrung haben und mit der Produktion verbunden sind.

Der junge Spezialist, der noch keine Grube gesehen hat und in keine Grube hinuntersteigen will, der junge Spezialist, der noch keine Fabrik gesehen hat und sich in keiner Fabrik schmutzig machen will, ein solcher Spezialist wird nie mit den alten, in der praktischen Erfahrung gestählten, aber unserer Sache feindlich gegenüberstehenden Spezialisten fertig werden. Es ist darum leicht zu erklären, dass nicht nur die alten Spezialisten und nicht nur unsere Wirtschaftler, sondern auch die Arbeiter solchen jungen Spezialisten nicht selten feindlich begegnen. Damit es aber solche Überraschungen mit den jungen Spezialisten nicht mehr gibt, muss ihre Ausbildung geändert werden, und zwar so geändert werden, dass die jungen Spezialisten gleich von ihren ersten Studienjahren in den technischen Hochschulen an mit der Produktion, mit der Fabrik, mit der Grube usw. unlöslich verbunden sind.

Die dritte Schlussfolgerung betrifft die Frage der Heranziehung der breiten Arbeitermassen zur Leitung der Industrie. Wie steht es hiermit, wenn man sich die Schachty-Materialien betrachtet? Sehr schlecht. Unerhört schlecht, Genossen. Es ist erwiesen, dass der Kodex für Arbeitsrecht verletzt, der Sechsstundentag bei Arbeiten unter Tage nicht immer eingehalten wird, dass die Arbeitsschutzbestimmungen missachtet werden. Und die Arbeiter dulden das. Die Gewerkschaften schweigen. Und die Parteiorganisationen ergreifen keine Maßnahmen, um mit diesem unerhörten Zustand Schluss zu machen.

Ein Genosse, der unlängst das Donezbecken besuchte, kroch dort in den Gruben herum und fragte die Bergarbeiter nach ihren Arbeitsbedingungen. Es ist bezeichnend, dass nicht einer der Bergarbeiter es für notwendig hielt, sich über die Bedingungen zu beklagen. „Wie geht es Ihnen, Genossen?“ fragt sie dieser Genosse. „Ganz gut, Genosse, es geht uns nicht schlecht“, antworten ihm die Bergarbeiter. „Ich fahre nach Moskau, sagen Sie mir, was soll ich dem Zentrum ausrichten?“ fragt er. „Sagen Sie dort, dass es uns nicht schlecht geht“, antworten ihm die Bergarbeiter. „Hören Sie, Genossen, ich bin doch kein Ausländer, ich bin Russe und bin hierher gekommen, um von Ihnen die Wahrheit zu erfahren“, sagt ihnen der Genosse. „Das ist uns ganz gleich, Genosse, wir sagen nur die Wahrheit sowohl den Ausländern als auch den Unsrigen“, antworten ihm die Bergarbeiter.

Da haben Sie die Physiognomie unserer Bergleute. Das sind nicht einfach Arbeiter, sondern Helden. Darin eben besteht auch der Reichtum des moralischen Kapitals, das wir in den Herzen der Arbeiter zu erwerben vermochten. Und man stelle sich nur vor, dass wir dieses unschätzbare moralische Kapital so gewissenlos und verbrecherisch vergeuden wie schlechte und untaugliche Sachwalter des großen Erbes der Oktoberrevolution! Aber, Genossen, von altem moralischem Kapital lange zehren und es so unbesonnen vergeuden - das geht nicht. Es ist Zeit, damit Schluss zu machen. Höchste Zeit!

Schließlich die vierte Schlussfolgerung, die die Kontrolle der Durchführung betrifft. Die Schachty-Affäre hat gezeigt, dass es um die Kontrolle der Durchführung bei uns auf allen Gebieten der Verwaltung unter aller Kritik schlecht bestellt ist, sowohl in der Partei als auch in der Industrie und in den Gewerkschaften. Es werden Resolutionen geschrieben, Direktiven versandt, aber niemand fühlt sich bemüßigt, zu fragen: Wie ist es aber um die Durchführung dieser Resolutionen und Direktiven bestellt, werden sie tatsächlich durchgeführt, oder werden sie zu den Akten gelegt?

Iljitsch sagte, dass eine der ernstesten Fragen bei der Verwaltung des Landes die Frage der Kontrolle der Durchführung ist. Aber gerade um diese Frage ist es bei uns unter aller Kritik schlecht bestellt. Resolutionen schreiben und Direktiven verschicken heißt noch nicht führen. Führen heißt die Durchführung der Direktiven kontrollieren und nicht nur ihre Durchführung, sondern auch die Direktiven selbst, heißt kontrollieren, ob sie vom Standpunkt der lebendigen praktischen Arbeit richtig oder falsch sind. Es wäre lächerlich, zu glauben, dass alle unsere Direktiven hundertprozentig richtig seien. So etwas gibt es nicht und kann es nicht geben, Genossen. Die Kontrolle der Durchführung besteht ja gerade darin, dass unsere Funktionäre im Feuer der praktischen Erfahrung nicht nur die Durchführung unserer Direktiven, sondern auch die Richtigkeit der Direktiven selbst überprüfen müssen. Deshalb bedeuten Mängel auf diesem Gebiet Mängel in unserer gesamten Führung.

Nehmen wir zum Beispiel die Kontrolle der Durchführung auf der reinen Parteilinie. Wir lassen gewöhnlich die Sekretäre der Bezirks- und Gouvernementskomitees zur Berichterstattung in das ZK kommen und kontrollieren die Durchführung der Direktiven des ZK. Die Sekretäre erstatten Bericht, stellen die Mängel in ihrer Arbeit fest. Das ZK kritisiert sie und fasst schablonenhafte Resolutionen mit den Weisungen, die Arbeit zu vertiefen und zu verbreitern, das und das in den Vordergrund zu rücken, dem und dem ernste Aufmerksamkeit zu schenken usw. Die Sekretäre fahren mit diesen Resolutionen zurück. Dann lassen wir sie wieder kommen, und es wiederholt sich dasselbe: Vertiefung, Verbreiterung usw., usw. Ich sage nicht, dass diese ganze Arbeit nutzlos ist. Nein, Genossen, diese Sache hat ihre guten Seiten im Sinne der Erziehung und Straffung der Organisationen. Man muss aber gestehen, dass diese Methode der Kontrolle der Durchführung bereits unzureichend ist. Man muss anerkennen, dass diese Methode durch eine andere Methode ergänzt werden muss, und zwar durch die Methode der Entsendung von führenden Partei- und Sowjetfunktionären zur Arbeit draußen im Lande. (Zuruf: „Das ist eine gute Sache!“) Ich spreche von einer Entsendung unserer führenden Genossen zu zeitweiliger Arbeit draußen im Lande, von ihrer Entsendung nicht als Kommandierende, sondern als gewöhnliche Funktionäre, die den Ortsorganisationen zur Verfügung gestellt werden. Ich denke, dass diese Sache eine große Zukunft hat und die Kontrolle der Durchführung verbessern kann, wenn sie ehrlich und gewissenhaft durchgeführt wird.

Wenn die Mitglieder des ZK, die Mitglieder des Präsidiums der ZKK, die Volkskommissare und ihre Stellvertreter, die Mitglieder des Präsidiums des Zentralrats der Gewerkschaften, die Mitglieder der Präsidien der Zentralkomitees der Gewerkschaften, wenn sie systematisch ins Land hinausfahren und an Ort und Stelle arbeiten, um einen Einblick in die Arbeit zu gewinnen, um alle Schwierigkeiten, alle negativen und positiven Seiten kennen zu lernen - dann wird dies, das versichere ich Ihnen, die wirksamste und effektivste Kontrolle der Durchführung sein. Das wird das beste Mittel sein, die Erfahrungen unserer geschätzten Führer zu bereichern. Und wenn das zum System geworden ist - und es muss unbedingt zum System werden -, dann werden, das versichere ich Ihnen, die Gesetze, die wir hier schreiben, und die Direktiven, die wir ausarbeiten, bei weitem lebensnäher und richtiger sein, als es gegenwärtig der Fall ist.

So, Genossen, ist es um die Schachty-Affäre bestellt.

 

 

Begrüssungsschreiben an die Arbeiter von Kostroma

 

Rede auf dem VIII. Kongress des Leninschen Kommunistischen Jugendverbands der Sowjetunion

Einer der schlimmsten Feinde unseres Vormarsches ist der Bürokratismus. Er lebt in allen unseren Organisationen - sowohl in den Parteiorganisationen als auch in den Organisationen des Kommunistischen Jugendverbands, sowohl in den Gewerkschaftsorganisationen als auch in den Wirtschaftsorganisationen. Wenn man von Bürokraten spricht, so weist man in der Regel mit dem Finger auf die alten parteilosen Beamten, die in unseren Karikaturen gewöhnlich als Leute mit einer Brille dargestellt werden. (Heiterkeit.) Das ist nicht ganz richtig, Genossen. Wenn es sich nur um die alten Bürokraten handelte, so wäre der Kampf gegen den Bürokratismus die leichteste Sache der Welt. Das Schlimme ist, dass es sich nicht um die alten Bürokraten handelt. Es handelt sich um die neuen Bürokraten, Genossen, es handelt sich um Bürokraten, die mit der Sowjetmacht sympathisieren, es handelt sich schließlich um Bürokraten aus den Reihen der Kommunisten. Der kommunistische Bürokrat ist der gefährlichste Typ des Bürokraten. Warum? Weil er seinen Bürokratismus mit seiner Parteimitgliedschaft maskiert. Und solche kommunistischen Bürokraten gibt es bei uns leider nicht wenig.

Und die Gewerkschaften? Wer wird leugnen, dass es Bürokratismus in den Gewerkschaften mehr als genug gibt? Wir haben Produktionsberatungen in den Betrieben. Wir haben zeitweilige Kontrollkommissionen bei den Gewerkschaften. Die Aufgabe dieser Organisationen besteht darin, die Massen zu wecken, unsere Mängel aufzudecken und Wege zur Verbesserung unseres Aufbaus aufzuzeigen. Warum entwickeln sich diese Organisationen bei uns nicht? Warum sind sie nicht von pulsierendem Leben erfüllt? Ist es nicht klar, dass der Bürokratismus in den Gewerkschaften zuzüglich des Bürokratismus in den Parteiorganisationen diese wichtigen Organisationen der Arbeiterklasse daran hindern, sich zu entwickeln?

 

 

An die Arbeiter der "Katuschka", an die Arbeiter der Jarzewoer Fabrik im Gouvernement Smolensk

* * *

An die Arbeiter des Werks "Krasny Profintern"

 

Über die rechte Gefahr in der deutschen Kommunistischen Partei

II
DAS PROBLEM DER KLASSENKÄMPFE
DES PROLETARIATS  

Ebenso fehlerhaft ist die Stellung, die Humbert-Droz zur Frage der Klassenkämpfe des Proletariats in den kapitalistischen Ländern, zur Frage ihres Charakters und ihrer Bedeutung einnimmt. Aus der von Humbert-Droz in der Sitzung des Politsekretariats gehaltenen Rede ergibt sich, dass der Kampf der Arbeiterklasse, ihre spontanen Zusammenstöße mit den Kapitalisten im wesentlichen nur defensiven Charakter trügen, dass die kommunistischen Parteien sich bei der Leitung dieses Kampfes lediglich auf den Rahmen der bestehenden reformistischen Gewerkschaften beschränken müssten.

Ist das richtig? Nein, das ist nicht richtig. Das behaupten heißt hinter den Ereignissen einher trotten. Humbert-Droz vergisst, dass der Kampf der Arbeiterklasse sich jetzt auf dem Boden der wankenden Stabilisierung abspielt, dass die Kämpfe der Arbeiterklasse nicht selten den Charakter eines Begegnungsgefechtes, eines Gegenangriffes, ja einer direkten Offensive gegen die Kapitalisten tragen. Humbert-Droz erblickt in den Kämpfen, die die Arbeiterklasse in der letzten Periode geführt hat, nichts Neues. Er übersieht solche Tatsachen wie den Lodzer Generalstreik, die wirtschaftlichen Streiks um Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Frankreich, in der Tschechoslowakei, in Deutschland, die gewaltige Mobilisierung der proletarischen Kräfte in Deutschland bei den Kämpfen gegen die Aussperrung der Metallarbeiter usw. usf.

Was besagen diese und ähnliche Tatsachen, was signalisieren sie? Sie besagen, dass im Schoße der kapitalistischen Länder die Voraussetzungen für einen neuen revolutionären Aufschwung der Arbeiterbewegung heranreifen. Das ist eben das Neue, was Humbert-Droz und Serra nicht sehen, nicht bemerken und was jene Genossen überhaupt niemals bemerken werden, die gewohnt sind, nicht vorwärts, sondern rückwärts zu schauen.

Was bedeutet aber, rückwärts und nicht vorwärts zu schauen? Das bedeutet, hinter den Ereignissen einher zu trotten, das Neue an den Ereignissen nicht zu sehen und sich von ihnen überrumpeln zu lassen. Das bedeutet, auf die führende Rolle der kommunistischen Parteien in der Arbeiterbewegung zu verzichten. Das war es ja gerade, weshalb die Führung der deutschen Kommunistischen Partei während der Revolution 1923 versagt hat. Wer daher die Fehler von 1923 nicht wiederholen will, der muss die Kommunisten zu bewusstem Denken erziehen und sie vorwärts führen, der muss die Massen auf die kommenden Kämpfe vorbereiten, muss alle Maßnahmen treffen, damit die kommunistischen Parteien nicht hinter den Ereignissen zurückbleiben und die Arbeiterklasse nicht überrumpelt wird.

Es ist höchst sonderbar, dass Humbert-Droz und Serra das vergessen.

Die deutschen Kommunisten stellten in der Periode der Ruhrkämpfe die bekannte Tatsache fest, dass unorganisierte Arbeiter sich als revolutionärer erwiesen als die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. Humbert-Droz ist darüber aufgebracht und behauptet, dass das unmöglich der Fall sein konnte. Sonderbar! Warum sollte das nicht möglich sein? Im Ruhrgebiet gibt es etwa eine Million Arbeiter. Davon sind etwa 200000 gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaften werden von bürokratischen Reformisten geführt, die durch tausend Fäden an die Kapitalistenklasse gebunden sind. Was kann denn daran wundernehmen, dass unorganisierte Arbeiter sich als revolutionärer erwiesen haben als die organisierten? Konnte es denn überhaupt anders sein?

Ich könnte Ihnen Tatsachen aus der Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland anführen, die weit mehr „wundernehmen“ könnten. Es kam bei uns des Öfteren vor, dass die Massen sich als revolutionärer erwiesen als ihre (als manche) kommunistischen Führer. Das ist allen russischen Bolschewiki wohlbekannt. Gerade davon ging auch Lenin aus, als er sagte, dass man die Massen nicht nur lehren, sondern auch von den Massen lernen muss. Nicht über diese Tatsachen muss man sich wundern, sondern darüber, dass Humbert-Droz diese einfachen Dinge aus dem Gebiet der revolutionären Praxis nicht begreift.

Das gleiche ist auch von Serra zu sagen. Er billigt es nicht, dass die deutschen Kommunisten im Kampf um die Organisierung der ausgesperrten Metallarbeiter über den Rahmen der bestehenden Gewerkschaften hinausgegangen sind und diesen Rahmen gesprengt haben. Er erblickt darin eine Verletzung der Beschlüsse des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale [61]. Er versichert, die Rote Gewerkschaftsinternationale habe die Kommunisten angewiesen, nur innerhalb der Gewerkschaftsverbände zu arbeiten. Das ist Unsinn, Genossen! Die Rote Gewerkschaftsinternationale hat keinerlei derartige Anweisungen gegeben. Dies zu sagen, bedeutet, die kommunistische Partei zur Rolle eines passiven Zuschauers bei den Klassenkämpfen des Proletariats zu verurteilen. Dies zu sagen, bedeutet, die Idee der führenden Rolle der kommunistischen Partei in der Arbeiterbewegung zu Grabe zu tragen.

Das Verdienst der deutschen Kommunisten besteht ja gerade darin, dass sie sich durch das Geschwätz vom „Gewerkschaftsrahmen“ nicht haben schrecken lassen und über diesen Rahmen hinausgegangen sind, indem sie entgegen dem Willen der Gewerkschaftsbürokraten den Kampf der unorganisierten Arbeiter organisiert haben. Das Verdienst der deutschen Kommunisten besteht ja gerade darin, dass sie neue Formen des Kampfes und der Organisation der unorganisierten Arbeiter gesucht und herausgefunden haben. Möglicherweise haben sie dabei eine Reihe unwesentlicher Fehler begangen. Aber eine neue Sache geht niemals ohne Fehler ab. Aus der Feststellung, dass wir in den reformistischen Gewerkschaften arbeiten müssen - vorausgesetzt, dass diese Gewerkschaften Massenorganisationen sind -, folgt jedoch keineswegs, dass wir unsere Massenarbeit auf die Tätigkeit in den reformistischen Gewerkschaften beschränken, dass wir zu Sklaven der Normen und Forderungen dieser Verbände werden sollen. Wenn die reformistische Führung mit dem Kapitalismus verwächst (siehe die Resolution des VI. Kongresses der Komintern und des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale), die Arbeiterklasse aber gegen den Kapitalismus kämpft, kann man da behaupten, die Arbeiterklasse, mit der kommunistischen Partei an der Spitze, könne den Kampf führen, ohne den bestehenden reformistischen Rahmen der Gewerkschaften bis zu einem gewissen Grade zu sprengen? Es ist klar, dass man das nicht behaupten kann, ohne in Opportunismus zu verfallen. Man könnte sich daher durchaus eine Situation vorstellen, die es erforderlich macht, entgegen dem Willen der Gewerkschaftsbonzen, die sich den Kapitalisten verkauft haben, parallele Massenvereinigungen der Arbeiterklasse zu schaffen. Eine solche Situation haben wir bereits in Amerika. Es ist durchaus möglich, dass auch in Deutschland die Entwicklung in dieser Richtung verlaufen wird.

* * *

Unsere Partei ist gewachsen und erstarkt in den härtesten Kämpfen gegen die Menschewiki, wobei diese Kämpfe mehrere Jahre lang die Form eines direkten Bürgerkriegs gegen sie annahmen. Vergessen Sie nicht, dass wir Bolschewiki im Oktober die Menschewiki und Sozialrevolutionäre als den linken Flügel der konterrevolutionären imperialistischen Bourgeoisie niedergeworfen haben. Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die Traditionen des Kampfes gegen den offenen Opportunismus nirgends, in keiner kommunistischen Partei der Welt derart stark sind wie in der KPdSU(B). Man braucht sich nur an die Moskauer Organisation, besonders an das Moskauer Komitee, zu erinnern, wo gewisse versöhnlerische Schwankungen auftraten, man braucht sich nur daran zu erinnern, wie die kommunistischen Arbeiter Moskaus die Linie des Moskauer Komitees mit einem Schlag, in knapp zwei Monaten korrigierten - man braucht sich nur an all das zu erinnern, um zu verstehen, wie stark in unserer Partei die Traditionen des Kampfes gegen den offenen Opportunismus sind.

Kann man von der deutschen Kommunistischen Partei das gleiche sagen? Sie werden mir sicherlich beipflichten, dass man das leider nicht sagen kann. Mehr noch, wir können nicht leugnen, dass die Kommunistische Partei in Deutschland sich von den sozialdemokratischen Traditionen, die die rechte Gefahr in der KPD nähren, noch lange nicht befreit hat.

 

1929

 

An die Arbeiter und Arbeiterinnen des "Krasny Treugolink"

 

 

April 1929 - Juni 1930

Band 12

Über die rechte Abweichung in der KPdSU(B)

Aufhebung der Klassen auf dem Wege des erbitterten Klassenkampfes des Proletariats - das ist die Formel Lenins.

Aufhebung der Klassen auf dem Wege des Erlöschens des Klassenkampfes und des Hineinwachsens der Kapitalisten in den Sozialismus - das ist die Formel Bucharins.

Was kann es Gemeinsames geben zwischen diesen beiden Formeln?

Es ist so, dass wir nach der Formel Lenins „Wer - wen?“ leben: Werden wir sie, die Kapitalisten, auf die Schultern legen und ihnen, wie Lenin sich ausdrückte, die letzte entscheidende Schlacht liefern, oder werden sie uns auf die Schultern legen?

Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass sterbende Klassen freiwillig vom Schauplatz abgetreten wären. Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass die sterbende Bourgeoisie nicht all ihre noch verbliebene Kraft erprobt hätte, um ihre Existenz zu behaupten. Ob nun unser unterer Sowjetapparat gut oder schlecht ist, unser Vormarsch, unsere Offensive wird die kapitalistischen Elemente dezimieren und verdrängen, die sterbenden Klassen aber werden trotz allem Widerstand leisten.

Das ist die Grundlage der Verschärfung des Klassenkampfes in unserem Lande. Die untergehenden Klassen leisten nicht deshalb Widerstand, weil sie stärker geworden sind als wir, sondern weil der Sozialismus schneller wächst als sie und sie schwächer werden als wir. Und gerade weil sie schwächer werden, wittern sie, dass ihre letzte Stunde naht, und sind gezwungen, mit allen Kräften, mit allen Mitteln Widerstand zu leisten.

Darin liegt die Mechanik der Verschärfung des Klassenkampfes und des Widerstands der Kapitalisten im gegenwärtigen historischen Augenblick. Die marxistisch-leninistische Theorie des Klassenkampfes zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die Feinde der Diktatur des Proletariats erleichtert.

 

 

Rostow. Werk für Landmaschinenbau

* * *

Stalingrad. Traktorenwerke

 

Politischer Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B)

d) Entblößt und verschärft haben sich die Gegensätze zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat in den kapitalistischen Ländern. Die Krise hat bereits zu verstärktem Druck der Kapitalisten auf die Arbeiterklasse geführt. Die Krise hat bereits eine neue Welle kapitalistischer Rationalisierung, eine neue Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse, Zunahme der Arbeitslosigkeit, Vermehrung des ständigen Arbeitslosenheeres und Lohnabbau ausgelöst. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Umstände die Situation revolutionieren, den Kampf der Klassen verschärfen und die Arbeiter zu neuen Klassenschlachten drängen.

Im Zusammenhang damit werden die sozialdemokratischen Illusionen in den Arbeitermassen zerstört und beseitigt. Nach den Erfahrungen mit den Regierungen der Sozialdemokraten, die Streiks abwürgen, Aussperrungen organisieren und Arbeiter niederschießen, klingen die lügnerischen Versprechungen einer „Wirtschaftsdemokratie“, eines „Industriefriedens“ und „friedlicher Methoden“ des Kampfes in den Ohren der Arbeiter wie ein böser Hohn. Ob man jetzt noch viele Arbeiter finden wird, die willens sind, den verlogenen Predigten der Sozialfaschisten zu glauben? Die bekannten Arbeiterdemonstrationen am 1. August 1929 (gegen die Kriegsgefahr) und am 6. März 1930 (gegen die Arbeitslosigkeit) [40] zeigen, dass die besten Elemente der Arbeiterklasse sich bereits von den Sozialfaschisten abgewandt haben. Die Wirtschaftskrise wird den sozialdemokratischen Illusionen unter den Arbeitern einen neuen Schlag versetzen. Es werden sich jetzt wenig Arbeiter finden, die nach den durch die Krise ausgelösten Wellen von Bankrott und Ruin gewillt sein werden, an die Möglichkeit der Bereicherung „jedes Arbeiters“ durch Beteiligung an „demokratisierten“ Aktiengesellschaften zu glauben. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Krise allen diesen und ähnlichen Illusionen einen vernichtenden Schlag versetzen wird.

Aber die Abkehr der Arbeitermassen von der Sozialdemokratie bedeutet, dass sie sich dem Kommunismus zuwenden. So geschieht es auch tatsächlich. Das Anwachsen der der kommunistischen Partei nahe stehenden Gewerkschaftsbewegung; die Wahlerfolge der kommunistischen Parteien; die Welle von Streiks unter führender Beteiligung der Kommunisten; das Umschlagen wirtschaftlicher Streiks in politische, von den Kommunisten organisierte Protestaktionen; die Massendemonstrationen der mit dem Kommunismus sympathisierenden Arbeiter, die in der Arbeiterklasse den lebhaftesten Widerhall finden - alles das zeugt davon, dass die Arbeitermassen in der kommunistischen Partei die einzige Partei sehen, die fähig ist, den Kapitalismus zu bekämpfen, die einzige Partei, die des Vertrauens der Arbeiter würdig ist, die einzige Partei, der man im Kampf für die Befreiung vom Kapitalismus folgen kann, die es wert ist, dass man ihr folgt. Das ist eine Schwenkung der Massen zum Kommunismus. Es ist die Gewähr dafür, dass unsere kommunistischen Bruderparteien zu großen Massenparteien der Arbeiterklasse werden. Notwendig ist nur, dass die Kommunisten es verstehen, die Lage richtig zu bewerten, und sie in entsprechender Weise ausnutzen. Durch die Entfaltung ihres unversöhnlichen Kampfes gegen die Sozialdemokratie, diese Agentur des Kapitals in der Arbeiterklasse, durch die Zerschlagung aller und jeglicher Abweichungen vom Leninismus, die Wasser auf die Mühle der Sozialdemokratie sind, haben die kommunistischen Parteien gezeigt, dass sie auf dem richtigen Wege sind. Es ist notwendig, dass sie auf diesem Wege endgültig festen Fuß fassen. Können sie doch nur unter dieser Bedingung darauf rechnen, die Mehrheit der Arbeiterklasse zu erobern und das Proletariat erfolgreich auf die kommenden Klassenschlachten vorzubereiten. Kann doch nur unter dieser Bedingung auf ein weiteres Steigen des Einflusses und Ansehens der Kommunistischen Internationale gerechnet werden.

So steht es mit den grundlegenden Gegensätzen des Weltkapitalismus, die sich infolge der Weltwirtschaftskrise aufs äußerste verschärft haben. Wovon zeugen alle diese Tatsachen?

Davon, dass die Stabilisierung des Kapitalismus ihrem Ende entgegengeht.

Davon, dass der Aufschwung der revolutionären Massenbewegung mit neuer Kraft weitergehen wird.

* * *

6. Die Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage
der Arbeiter und Bauern

Es ergibt sich demnach, dass das fortschreitende Wachstum des sozialistischen Sektors sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft eine Tatsache ist, die keinerlei Zweifel unterliegt.

Was kann dies vom Standpunkt der materiellen Lage der Werktätigen bedeuten?

Das bedeutet, dass damit bereits die Grundlagen für eine radikale Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiter und Bauern geschaffen sind.

Warum, auf welche Weise?

Erstens darum, weil das Wachstum des sozialistischen Sektors vor allem eine Verminderung der Ausbeuterelemente in Stadt und Land, eine Abnahme ihres Gewichts in der Volkswirtschaft bedeutet. Dies aber bedeutet, dass der Anteil der Arbeiter und Bauern am Volkseinkommen des Landes unvermeidlich wachsen muss auf Kosten des Anteils der Ausbeuterklassen.

Zweitens darum, weil bei einem Wachstum des vergesellschafteten (sozialistischen) Sektors derjenige Teil des Volkseinkommens, der bisher die Pfründe der Ausbeuterklassen und ihres Gesindes bildete, von jetzt an in der Produktion selbst bleiben muss zur Erweiterung der Produktion, zum Bau neuer Industriebetriebe, zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Werktätigen. Dies aber bedeutet, dass die Arbeiterklasse an Zahl und Kraft wachsen, die Erwerbslosigkeit dagegen zurückgehen und versickern muss.

Schließlich darum, weil das Wachstum des vergesellschafteten Sektors, da es zur Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiterklasse führt, ein fortschreitendes Wachstum der Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes bedeutet, vergrößerte Nachfrage der Arbeiter und Bauern nach Industrieprodukten. Dies aber bedeutet, dass das Wachstum des inneren Marktes dem Wachstum der Industrie vorauseilen und diese vorwärts treiben wird, zu unaufhörlicher Erweiterung.

Alle diese und ähnliche Umstände bewirken, dass sich die materielle und kulturelle Lage der Arbeiter und Bauern ununterbrochen verbessert.

a) Beginnen wir mit der Frage des zahlenmäßigen Wachstums der Arbeiterklasse und des Rückgangs der Erwerbslosigkeit.

Betrug die Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger (ohne Erwerbslose) im Jahre 1926/27 10990000, so hatten wir im Jahre 1927/28 11456000, im Jahre 1928/29 11997000, und im Jahre 1929/30 wird sie voraussichtlich mindestens 13129000 erreichen. Davon waren Arbeiter (Landarbeiter und Saisonarbeiter inbegriffen) im Jahre 1926/27 7069000, im Jahre 1927/28 7404000, im Jahre 1928/29 7758000, im Jahre 1929/30 8533000. Arbeiter der Großindustrie (ohne Angestellte) waren davon im Jahre 1926/27 2439000, im Jahre 1927/28 2632000, im Jahre 1928/29 2858000 und im Jahre 1929/30 3029000.

Dies bedeutet, dass wir das Bild eines stetigen Ansteigens der zahlenmäßigen Stärke der Arbeiterklasse haben, wobei, wenn die Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger in drei Jahren um 19,5 Prozent und die der Arbeiter um 20,7 Prozent gestiegen ist, die Zahl der Industriearbeiter sich um 24,2 Prozent erhöht hat.

Gehen wir zur Frage der Arbeitslosigkeit über. Auf diesem Gebiet herrscht, das muss man sagen, sowohl beim Volkskommissariat für Arbeit als auch beim Zentralrat der Gewerkschaften ein großes Durcheinander.

Einerseits geht aus den Angaben dieser Institutionen hervor, dass wir ungefähr 1 Million Arbeitslose haben, von denen die mit minimaler Qualifikation nur 14,3 Prozent ausmachen, während etwa 73 Prozent aus Leuten so genannter intellektueller Arbeit und aus Ungelernten bestehen, wobei die gewaltige Mehrheit der letzteren Frauen und Jugendliche sind, die noch nichts mit industrieller Produktion zu tun gehabt haben.

Anderseits leiden wir nach denselben Angaben einen schrecklichen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, die Arbeitsnachweise können die Nachfrage unserer Betriebe nach Arbeitskräften zu 80 Prozent nicht befriedigen, und wir sind daher gezwungen, schnellstens, buchstäblich von heut auf morgen ganz unqualifizierte Leute zu schulen und zu qualifizierten Facharbeitern zu machen, um die Bedürfnisse unserer Betriebe auch nur minimal befriedigen zu können.

Man versuche da, sich in diesem Durcheinander zurechtzufinden. Klar ist jedenfalls, dass diese Arbeitslosen keine Reservearmee unserer Industrie und noch weniger eine ständige Arbeitslosenarmee bilden. Und was ergibt sich? Selbst aus den Angaben des Volkskommissariats für Arbeit geht hervor, dass in der letzten Zeit die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 700000 zurückgegangen ist. Dies bedeutet einen Rückgang der Zahl der Arbeitslosen bis zum 1. Mai dieses Jahres um mehr als 42 Prozent.

Hier haben Sie ein weiteres Ergebnis des Wachstums des sozialistischen Sektors in unserer Volkswirtschaft.

b) Zu einem noch erstaunlicheren Ergebnis kommt man, wenn man die Sache vom Gesichtspunkt der Verteilung des Volkseinkommens auf die Klassen betrachtet. Die Frage der Verteilung des Volkseinkommens auf die Klassen ist die Schlüsselfrage vom Gesichtspunkt der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiter und Bauern. Nicht umsonst bemühen sich die bürgerlichen Ökonomen in Deutschland, England, den USA, diese Frage zugunsten der Bourgeoisie zu verwirren, indem sie immer wieder ihre „völlig objektiven“ Untersuchungen darüber veröffentlichen.

Nach den Angaben des deutschen Statistischen Reichsamts betrug der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen Deutschlands im Jahre 1929 70 Prozent, der Anteil der Bourgeoisie aber 30 Prozent. Nach den Angaben der Federal Trade Commission [Föderale Handelskommission] und des National Bureau of Economic Research [Nationales Büro für ökonomische Untersuchungen] betrug der Anteil der Arbeiter am Volkseinkommen der USA im Jahre 1923 über 54 Prozent, der Anteil der Kapitalisten aber etwas über 45 Prozent. Schließlich betrug nach den Angaben der Ökonomen Bowley und Stamp der Anteil der Arbeiterklasse am Volkseinkommen Englands im Jahre 1924 etwas weniger als 50 Prozent, der Anteil der Kapitalisten aber etwas mehr als 50 Prozent des Volkseinkommens Englands.Es ist klar, dass man die Ergebnisse dieser Erhebungen nicht unbesehen hinnehmen darf. Man darf das nicht, da es bei diesen Untersuchungen außer Verfehlungen rein ökonomischer Art noch Verfehlungen einer anderen Art gibt, die zum Ziele haben, teilweise das Einkommen der Kapitalisten zu verschleiern und es geringer hinzustellen, als es ist, teilweise aber die Einkünfte der Arbeiterklasse aufzubauschen und größer hinzustellen, als sie sind, indem man zu den Arbeitern Beamte hinzuzählt, die kolossale Gehälter beziehen. Ich rede schon gar nicht davon, dass bei diesen Untersuchungen die Einkünfte der Farmer und überhaupt der ländlichen Kapitalisten häufig nicht berücksichtigt werden.

Genosse Varga hat diese Angaben einer kritischen Analyse unterzogen. Und er kam zu folgendem Ergebnis: Es zeigt sich, dass der Anteil der Arbeiter und der übrigen Werktätigen in Stadt und Land, die keine fremde Arbeit ausbeuten, in Deutschland 55 Prozent des Volkseinkommens betrug, in den USA 54 Prozent, in England 45 Prozent; der Anteil der Kapitalisten aber in Deutschland 45 Prozent, in den USA 46 Prozent, in England 55 Prozent.

So liegen die Dinge in den größten kapitalistischen Ländern. Wie aber liegen die Dinge in der UdSSR?

Hier sind die Angaben der Staatlichen Plankommission. Es zeigt sich folgendes:

a) Der Anteil der Arbeiter und der werktätigen Bauern, die keine fremde Arbeit ausbeuten, betrug bei uns im Jahre 1927/28 75,2 Prozent des gesamten Volkseinkommens (darunter der Anteil der städtischen und ländlichen Arbeiter 33,3 Prozent), im Jahre 1928/29 76,5 Prozent (darunter der Anteil der städtischen und ländlichen Arbeiter 33,2 Prozent), im Jahre 1929/30 77,1 Prozent (darunter der Anteil der städtischen und ländlichen Arbeiter 33,5 Prozent).

b) Der Anteil der Kulaken und der städtischen Kapitalisten betrug im Jahre 1927/28 8,1 Prozent, im Jahre 1928/29 6,5 Prozent, im Jahre 1929/30 1,8 Prozent.

c) Der Anteil der Kleingewerbetreibenden, deren Mehrheit ein werktätiges Element darstellt, betrug im Jahre 1927/28 6,5 Prozent, im Jahre 1928129 5,4 Prozent, im Jahre 1929/30 4,4 Prozent.

d) Der Anteil des staatlichen Sektors, dessen Einkünfte Einkünfte der Arbeiterklasse und überhaupt der werktätigen Massen sind, betrug im Jahre 1927/28 8,4 Prozent, im Jahre 1928/29 10 Prozent, im Jahre 1929/30 15,2 Prozent.

e) Schließlich betrug der Anteil der so genannten Sonstigen (gemeint sind Pensionsempfänger) im Jahre 1927/28 1,8 Prozent, im Jahre 1928/29 1,6 Prozent, im Jahre 1929/30 1,5 Prozent.

Es ergibt sich also, dass, während in den führenden kapitalistischen Ländern der Anteil der Ausbeuterklassen am Volkseinkommen ungefähr 50 Prozent, manchmal aber auch mehr beträgt, bei uns, in der UdSSR, der Anteil der Ausbeuterklassen nicht mehr als 2 Prozent des Volkseinkommens beträgt.

Hierdurch erklärt sich denn auch die frappierende Tatsache, dass in den USA im Jahre 1922, wie der amerikanische bürgerliche Schriftsteller Denny mitteilt, „ein Prozent der Eigentümer 59 Prozent des gesamten Nationalreichtums besaßen“, in England aber im Jahre 1920/21, wie der gleiche Denny angibt, „weniger als zwei Prozent der Eigentümer 64 Prozent des gesamten Nationalreichtums besaßen“. (Siehe das Büchlein Dennys „Amerika erobert Britannien“.)

Können derartige Tatsachen bei uns, in der UdSSR, im Lande der Sowjets, vorkommen? Natürlich nicht. In der UdSSR gibt es schon längst keine derartigen „Eigentümer“ mehr und kann es sie auch nicht geben.

Wenn aber in der UdSSR im Jahre 1929/30 insgesamt nur ungefähr 2 Prozent des Volkseinkommens für die Ausbeuterklassen abfallen, wohin gelangt dann die übrige Masse des Volkseinkommens?

Es ist klar, dass sie in den Händen der Arbeiter und der werktätigen Bauern verbleibt.

Hier ist die Quelle der Kraft und des Ansehens der Sowjetmacht bei den Millionenmassen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Hier ist die Grundlage für das systematische Anwachsen des materiellen Wohlstands der Arbeiter und der Bauern in der UdSSR.

f) Im Lichte dieser entscheidenden Tatsachen begreift man vollauf das systematische Steigen des Reallohnes der Arbeiter, die Vergrößerung des Haushalts der Sozialversicherung für Arbeiter, die verstärkte Hilfeleistung an die Wirtschaften der armen und Mittelbauern, die vermehrten Bewilligungen für den Bau von Arbeiterwohnungen, für die Verbesserung der Lebenshaltung der Arbeiter, für Mutter- und Säuglingsschutz und im Zusammenhang damit die fortschreitende Bevölkerungszunahme in der UdSSR bei gleichzeitigem Rückgang der Sterblichkeit, besonders der Kindersterblichkeit.

Bekannt ist zum Beispiel, dass der Reallohn der Arbeiter, wenn man die Sozialversicherung und die Gewinnüberweisungen an den Fonds zur Verbesserung der Lebenshaltung der Arbeiter berücksichtigt, gegenüber dem Vorkriegsstand auf 167 Prozent gestiegen ist. Allein der Haushalt der Sozialversicherung für Arbeiter ist in den letzten drei Jahren von 980 Millionen Rubel im Jahre 1927/28 auf 1400 Millionen Rubel im Jahre 1929/30 angewachsen. Für Mutter- und Säuglingsschutz wurden in den letzten drei Jahren (1927/28-1929/30) 494 Millionen Rubel verausgabt. Für Vorschulerziehung (Kindergärten, Spielplätze usw.) wurden im gleichen Zeitraum 204 Millionen Rubel ausgegeben, für den Bau von Arbeiterwohnungen 1880 Millionen Rubel.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass schon alles Notwendige für eine ernstliche Erhöhung des Reallohnes getan worden wäre, dass es unmöglich gewesen wäre, den Reallohn auf eine höhere Stufe zu bringen. Und wenn dies nicht getan wurde, so ist daran der Bürokratismus unseres Versorgungsapparates im Allgemeinen, der Bürokratismus der Konsumgenossenschaften vor allem und im Besonderen schuld. Nach den Angaben der Staatlichen Plankommission erfasst der vergesellschaftete Sektor im Binnenhandel 1929/30 beim Großhandel mehr als 99 Prozent und beim Einzelhandel mehr als 89 Prozent. Dies bedeutet, dass das Genossenschaftswesen den privaten Sektor systematisch verdrängt und auf dem Gebiet des Handels zum Monopolisten wird. Das ist natürlich gut. Schlecht aber ist, dass dieses Monopol in einer Reihe von Fällen den Verbrauchern Schaden bringt. Es zeigt sich, dass die Genossenschaften, trotz ihrer fast uneingeschränkten Monopolstellung im Handel, es vorziehen, die Arbeiter mit „einträglicheren“ Waren zu versorgen, die größere Gewinne abwerfen (Galanteriewaren usw.), und davon absehen, sie mit weniger „einträglichen“ Waren zu beliefern, auch wenn die Arbeiter diese notwendiger brauchen (landwirtschaftliche Produkte). Infolgedessen sind die Arbeiter genötigt, etwa 25 Prozent ihres Bedarfs an landwirtschaftlichen Produkten auf dem Privatmarkt zu decken, wo sie überhöhte Preise zahlen. Ich will schon gar nicht davon reden, dass der Genossenschaftsapparat sich in erster Linie um die Bilanz kümmert und infolgedessen allzu widerstrebend an die Herabsetzung der Einzelhandelspreise herangeht, ungeachtet der kategorischen Weisungen seitens der leitenden Zentralen. Es ergibt sich, dass das Genossenschaftswesen in diesem Falle nicht als sozialistischer Sektor handelt, sondern als ein eigenartiger Sektor, der von einer Art NÖPmanngeist angesteckt ist. Es fragt sich, wer ein derartiges Genossenschaftswesen braucht und welchen Nutzen die Arbeiter von seinem Monopol haben, wenn es die Aufgabe, den Reallohn der Arbeiter ernstlich zu verbessern, nicht erfüllt?

Und wenn trotzdem der Reallohn bei uns unausgesetzt von Jahr zu Jahr steigt, so bedeutet dies, dass unsere Gesellschaftsordnung, das System der Verteilung des Volkseinkommens und die gesamte Einstellung in Lohnfragen derart sind, dass sie die Möglichkeit haben, alle und jedwede Minusfaktoren, die von den Genossenschaften ausgehen, zu paralysieren und mehr als wettzumachen.

Fügt man diesem Umstand noch eine Reihe anderer Faktoren bei wie die zunehmende Bedeutung des Speisehallenwesens, die Verbilligung der Arbeiterwohnungen, die gewaltige Anzahl von Stipendien für Arbeiter und für Arbeiterkinder, die kulturelle Betreuung usw., so kann man ohne weiteres sagen, dass die Erhöhung der Arbeiterlöhne prozentual viel größer ist, als das in der Statistik mancher unserer Institutionen ausgewiesen wird.

All das zusammengenommen plus Überführung von mehr als 830000 Industriearbeitern (33,5 Prozent) auf den Siebenstundentag plus Überführung von mehr als 1,5 Millionen Industriearbeitern (63,4 Prozent) auf die Fünftagewoche plus Vorhandensein eines weit ausgedehnten Netzes von Erholungsheimen, Sanatorien und Kurorten für Arbeiter, in denen in den letzten drei Jahren mehr als 1,7 Millionen Arbeiter weilten - all das schafft der Arbeiterklasse Arbeits- und Lebensverhältnisse, die uns die Möglichkeit bieten, eine neue Generation von Arbeitern heranzubilden, die gesund und lebensfroh sind, die imstande sind, die Macht des Sowjetlandes auf die gebührende Höhe zu bringen und es unter Einsatz ihres Lebens gegen Anschläge der Feinde zu schützen. (Beifall.)

Was die Hilfeleistung an die Bauern, Einzelbauern wie Kollektivbauern, betrifft, so betrug sie in den letzten drei Jahren (1927/28-1929/30), die Unterstützung der Dorfarmut mitgerechnet, nicht weniger als 4 Milliarden Rubel, die ihnen als Kredite gewährt wurden oder im Rahmen des Staatshaushalts zugeflossen sind. Es ist bekannt, dass allein als Saatguthilfe den Bauern in diesen drei Jahren nicht weniger als 154 Millionen Pud Getreide geliefert worden sind.

Kein Wunder, dass die Arbeiter und Bauern bei uns im allgemeinen nicht schlecht leben, dass sich die Sterblichkeit der Bevölkerung im Vergleich zur Vorkriegszeit um 36 Prozent überhaupt und um 42,5 Prozent bei den Kindern vermindert hat, während der jährliche Zuwachs der Bevölkerung bei uns rund 3 Millionen ausmacht. (Beifall.)

Was die kulturelle Lage der Arbeiter und Bauern betrifft, so haben wir auch auf diesem Gebiet gewisse Errungenschaften, die uns jedoch angesichts ihrer Geringfügigkeit keinesfalls zufrieden stellen können. Sieht man ab von den Arbeiterklubs jeder Art, den Lesehallen, den Büchereien und den Stellen zur Liquidierung des Analphabetentums, die in diesem Jahr 10,5 Millionen Menschen erfassten, so stellt sich die Lage des Kultur- und Bildungswesens folgendermaßen dar: Die Grundschulen erfassen im laufenden Jahr 11638000 Schüler, die Schulen zweiter Stufe 1945000, die industriell-technischen, Transport- und Landwirtschaftsschulen sowie die Produktionskurse für Massenschulung 333100, die Techniken und ihnen gleichgestellte Berufsschulen 238700, die allgemeinen Hochschulen und technischen Hochschulen 190400. All das hat es ermöglicht, den Prozentsatz der des Lesens und Schreibens Kundigen in der UdSSR von 33 Prozent in der Vorkriegszeit auf 62,6 Prozent zu erhöhen.

Die Hauptsache ist jetzt, zur allgemeinen Grundschulpflicht überzugehen. Ich sage „die Hauptsache“, weil ein derartiger Übergang einen entscheidenden Schritt in der Kulturrevolution bedeuten würde. Dazu überzugehen, ist aber schon längst Zeit, denn wir haben jetzt alles, was notwendig ist für die Einführung der allgemeinen Grundschulpflicht in allen Gebieten der UdSSR.

Bisher waren wir gezwungen, „an allem zu sparen, sogar an den Schulen“, um „die Schwerindustrie zu retten, sie wiederherzustellen“ (Lenin). In letzter Zeit jedoch haben wir die Schwerindustrie bereits wiederhergestellt und bringen sie weiter vorwärts. Folglich ist die Zeit gekommen, in der wir die restlose Einführung der allgemeinen Grundschulpflicht in Angriff nehmen müssen.

Ich glaube, dass der Parteitag recht daran tun wird, wenn er in dieser Hinsicht einen bestimmten und absolut kategorischen Beschluss fasst. (Beifall.)

8. Kapitalistisches oder sozialistisches Wirtschaftssystem

Wir haben somit ein Bild von der inneren Lage der UdSSR.

Wir haben gleichzeitig damit ein Bild von der inneren Lage in den wichtigsten kapitalistischen Ländern.

Unwillkürlich ersteht die Frage: Welcher Art sind die Ergebnisse, wenn man die beiden Bilder gegeneinander hält, sie miteinander vergleicht?

Diese Frage ist um so interessanter, als die bürgerlichen Politiker aller Länder, die bürgerliche Presse aller Stufen und Ränge, von den ausgesprochen kapitalistischen bis zu den menschewistisch-trotzkistischen, wie aus einem Munde schreien und von „Prosperität“ der kapitalistischen Länder, von „Untergang“ der UdSSR, von „finanziellem und wirtschaftlichem Zusammenbruch“ der UdSSR usw. reden.

Welches sind also die Ergebnisse einer Analyse der Lage bei uns, in der UdSSR, und bei ihnen, in den kapitalistischen Ländern?

Vermerken wir die wichtigsten, allgemein bekannten Tatsachen.

Bei ihnen, den Kapitalisten, herrschen Wirtschaftskrise und Niedergang der Produktion sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft.

Bei uns, in der UdSSR, wirtschaftlicher Aufstieg und Wachstum der Produktion in allen Zweigen der Volkswirtschaft.

Bei ihnen, den Kapitalisten, Verschlechterung der materiellen Lage der Werktätigen, Abbau der Arbeiterlöhne und Wachstum der Arbeitslosigkeit.

Bei uns, in der UdSSR, Hebung der materiellen Lage der Werktätigen, Erhöhung der Arbeiterlöhne und Rückgang der Arbeitslosigkeit.

Bei ihnen, den Kapitalisten, Zunahme der Streiks und Demonstrationen, die den Verlust von Millionen Arbeitstagen zur Folge hat.

Bei uns, in der UdSSR, keinerlei Streiks und ein zunehmender Arbeitsenthusiasmus der Arbeiter und Bauern, der unserer Gesellschaftsordnung Millionen zusätzlicher Arbeitstage gibt.

Bei ihnen, den Kapitalisten, Verschärfung der inneren Lage und Anwachsen der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse gegen das kapitalistische Regime.

Bei uns, in der UdSSR, Festigung der inneren Lage und Zusammenschluss der Millionenmassen der Arbeiterklasse um die Sowjetmacht.

Bei ihnen, den Kapitalisten, Zuspitzung der nationalen Frage und ein Anwachsen der nationalen Befreiungsbewegung in Indien, Indochina, Indonesien, auf den Philippinen usw., das in den nationalen Krieg übergeht.

Bei uns, in der UdSSR, Festigung der Grundlagen der nationalen Brüderlichkeit, gesicherter nationaler Frieden und Zusammenschluss der Millionenmassen der Völker der UdSSR um die Sowjetmacht.

Bei ihnen, den Kapitalisten, Verwirrung und die Perspektive einer weiteren Verschlechterung der Lage.

Bei uns, in der UdSSR, glauben an die eigenen Kräfte und die Perspektive einer weiteren Verbesserung der Lage.

Man schwätzt von „Untergang“ der UdSSR, von „Prosperität“ der kapitalistischen Länder und dergleichen mehr. Wäre es nicht richtiger, von dem unvermeidlichen Untergang derjenigen zu sprechen, die so „unerwartet“ in den Strudel der Wirtschaftskrise geraten sind und sich noch immer nicht aus dem Morast des Niedergangs herausarbeiten können?

Wo liegen die Ursachen eines so ernsten Fiaskos bei ihnen, den Kapitalisten, und so ernster Erfolge bei uns, in der UdSSR?

Man sagt, der Zustand der Volkswirtschaft hänge in vielem vom Überfluss oder Mangel an Kapital ab. Das stimmt natürlich! Erklären sich nun vielleicht die Krise in den kapitalistischen Ländern und der Aufstieg in der UdSSR aus unserem Überfluss und ihrem Mangel an Kapital? Nein, natürlich nicht! Jedermann weiß, dass die UdSSR viel weniger Kapital besitzt als die kapitalistischen Länder. Wäre im gegebenen Fall der Stand der Akkumulation entscheidend, so hätten wir eine Krise und die kapitalistischen Länder einen Aufstieg.

Man sagt, der Zustand der Wirtschaft hänge in vielem von der technischen und organisatorischen Geschultheit der wirtschaftlichen Kader ab. Das ist natürlich richtig. Erklärt sich nun vielleicht die Krise in den kapitalistischen Ländern und der Aufstieg in der UdSSR aus ihrem Mangel und unserem Überfluss an technischen Kadern? Nein, natürlich nicht! Jedermann weiß, dass die kapitalistischen Länder weitaus mehr technisch erprobte Kader besitzen als wir in der UdSSR. Wir haben nie verheimlicht und tragen uns auch nicht mit der Absicht, es zu verheimlichen, dass wir auf dem Gebiet der Technik Schüler der Deutschen, Engländer, Franzosen, Italiener und vor allem und hauptsächlich der Amerikaner sind. Nein, entscheidend ist hier nicht der Überfluss oder Mangel an technischen Kadern, wenn auch das Problem der Kader für die Entwicklung der Volkswirtschaft von ernster Bedeutung ist.

Vielleicht findet man des Rätsels Lösung darin, dass das Kulturniveau bei uns höher ist als in den kapitalistischen Ländern? Wiederum nein. Jedermann weiß, dass das allgemeine Kulturniveau der Massen bei uns niedriger ist als in den USA, in England, in Deutschland. Nein, es handelt sich hier nicht um die Kultiviertheit der Massen, obgleich auch sie für die Entwicklung der Volkswirtschaft von gewaltiger Bedeutung ist.

Vielleicht liegt die Ursache hier in den persönlichen Eigenschaften der führenden Männer in den kapitalistischen Ländern? Wiederum nein. Die Krisen wurden gleichzeitig mit dem Anbruch der Herrschaft des Kapitalismus geboren. Schon seit mehr als hundert Jahren kommt es zu periodischen Wirtschaftskrisen des Kapitalismus, die sich alle zwölf, zehn, acht oder weniger Jahre wiederholen. Alle Parteien des Kapitalismus, alle einigermaßen namhaften Vertreter des Kapitalismus, von den „genialsten“ bis zu den mittelmäßigsten, haben ihre Kräfte an der „Verhütung“ oder „Beseitigung“ der Krisen erprobt. Sie haben aber alle eine Niederlage erlitten. Was ist also Erstaunliches daran, dass Hoover samt seiner Gruppe ebenfalls eine Niederlage erlitten hat? Nein, hier handelt es sich nicht um die Führer oder die Parteien des Kapitalismus, obgleich auch die Führer und die Parteien des Kapitalismus dabei von nicht geringer Bedeutung sind.

Worum handelt es sich also?

Was ist die Ursache dafür, dass die UdSSR trotz ihrer kulturellen Rückständigkeit, trotz des Mangels an Kapital, trotz des Mangels an technisch erfahrenen Wirtschaftskadern sich in einem wachsenden wirtschaftlichen Aufstieg befindet und an der Front des Wirtschaftsaufbaus entscheidende Erfolge aufzuweisen hat, während die führenden kapitalistischen Länder trotz des Überflusses an Kapitalien, trotz des Überflusses an technischen Kadern und trotz eines höheren Kulturniveaus sich im Zustand einer wachsenden Wirtschaftskrise befinden und auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Entwicklung Niederlage auf Niederlage erleiden?

Die Ursache liegt im Unterschied der Wirtschaftssysteme bei uns und bei den Kapitalisten.

Die Ursache liegt in der Unhaltbarkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Die Ursache liegt in den Vorzügen des sowjetischen Wirtschaftssystems gegenüber dem kapitalistischen System.

Was ist das sowjetische Wirtschaftssystem?

Sowjetisches Wirtschaftssystem bedeutet:

1. Die Klassenmacht der Kapitalisten und der Gutsherren ist gestürzt und durch die Macht der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft ersetzt;

2. die Produktionsinstrumente und -mittel, der Boden, die Industriebetriebe usw. sind den Kapitalisten genommen und der Arbeiterklasse und den werktätigen Bauernmassen übereignet;

3. die Entwicklung der Produktion ist nicht dem Prinzip der Konkurrenz und der Sicherung kapitalistischen Profits untergeordnet, sondern dem Prinzip planmäßiger Leitung und systematischer Hebung des materiellen und kulturellen Niveaus der Werktätigen;

4. das Volkseinkommen wird nicht im Interesse der Bereicherung der Ausbeuterklassen und ihres zahlreichen parasitären Anhangs verteilt, sondern im Interesse systematischer Hebung der materiellen Lage der Arbeiter und Bauern und der Erweiterung der sozialistischen Produktion in Stadt und Land;

5. die systematische Verbesserung der materiellen Lage der Werktätigen und die ununterbrochene Steigerung ihrer Bedürfnisse (der Kaufkraft), die die ständig wachsende Quelle der Produktionserweiterung sind, sind für die Werktätigen eine Garantie gegen Überproduktionskrisen, gegen eine Zunahme der Arbeitslosigkeit und des Elends;

6. die Arbeiterklasse und die werktätige Bauernschaft sind Herren des Landes, sie arbeiten nicht für die Kapitalisten, sondern für ihr eigenes werktätiges Volk.

Was ist kapitalistisches Wirtschaftssystem?

Kapitalistisches Wirtschaftssystem bedeutet:

1. Die Macht im Lande gehört den Kapitalisten;

2. die Produktionsinstrumente und -mittel sind in den Händen der Ausbeuter konzentriert;

3. die Produktion ist nicht dein Prinzip der Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen, sondern dem Prinzip der Sicherung eines hohen kapitalistischen Profits untergeordnet;

4. das Volkseinkommen wird nicht im Interesse einer Verbesserung der materiellen Lage der Werktätigen verteilt, sondern im Interesse der Sicherung maximaler Profite der Ausbeuter;

5. die kapitalistische Rationalisierung und das rasche Wachstum der Produktion, die das Ziel verfolgen, den Kapitalisten hohe Profite zu sichern, stoßen auf die Schranke der Verelendung und der materiellen Schlechterstellung der werktätigen Millionenmassen, die nicht immer die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse auch nur im Rahmen des äußersten Minimums zu befriedigen, was unvermeidlich den Boden vorbereitet für Überproduktionskrisen, für das Wachstum der Arbeitslosigkeit und des Massenelends;

6. die Arbeiterklasse und die werktätigen Bauern sind Ausgebeutete, die nicht für sich selbst, sondern für eine fremde Klasse, für die Klasse der Ausbeuter arbeiten.

Das sind die Vorzüge des sowjetischen Wirtschaftssystems gegenüber dem kapitalistischen Wirtschaftssystem.

Das sind die Vorzüge der sozialistischen Wirtschaftsorganisation gegenüber der kapitalistischen Organisation.

Das ist die Ursache dafür, dass es bei uns, in der UdSSR, einen wachsenden Wirtschaftsaufstieg und bei ihnen, den Kapitalisten, eine wachsende Wirtschaftskrise gibt.

Das ist die Ursache dafür, dass bei uns, in der UdSSR, das Wachstum des Verbrauchs (der Kaufkraft) der Massen dauernd das Wachstum der Produktion überholt und damit die Produktion vorwärts treibt, während umgekehrt bei ihnen, den Kapitalisten, das Wachstum des Verbrauchs der Massen (der Kaufkraft) nie Schritt hält mit dem Wachstum der Produktion, sondern ständig hinter ihm zurückbleibt und die Produktion immer wieder zu Krisen verdammt.

Das ist die Ursache dafür, dass es bei ihnen, den Kapitalisten, als durchaus normal gilt, wenn während der Krisen der „Überfluss“ an Industriewaren vernichtet und der „Überschuss“ an landwirtschaftlichen Produkten verbrannt wird, damit die hohen Preise gehalten und hohe Profite gesichert werden können, während man bei uns, in der UdSSR, die solcher Verbrechen Schuldigen ins Irrenhaus stecken würde. (Beifall.)

Das ist die Ursache dafür, dass dort, bei den Kapitalisten, die Arbeiter streiken und demonstrieren und den revolutionären Kampf gegen die bestehende kapitalistische Macht organisieren, während wir bei uns, in der UdSSR, ein Bild des großen Arbeitswettbewerbs von Millionen Arbeitern und Bauern vor uns haben, die bereit sind, für den Schutz der Sowjetmacht ihr Leben einzusetzen.

Das ist die Ursache für die Stabilität und Festigkeit der inneren Lage der UdSSR, für die Labilität und die Brüchigkeit der inneren Situation in den kapitalistischen Ländern.

Man muss schon sagen, dass ein Wirtschaftssystem, das nicht weiß, was es mit dem „Überschuss“ seiner Produktion anfangen soll, und gezwungen ist, ihn zu verbrennen, während unter den Massen Not und Arbeitslosigkeit, Hunger und Ruin herrschen - dass ein solches Wirtschaftssystem über sich selbst das Todesurteil fällt.

Die letzten Jahre waren eine Periode der praktischen Prüfung, eine Periode des Examens der beiden einander entgegen gesetzten Wirtschaftssysteme, des sowjetischen und des kapitalistischen Systems. In diesen Jahren wurden immer wieder der „Untergang“ und der „Zusammenbruch“ des Sowjetsystems prophezeit. Noch mehr redete und sang man Lobeshymnen von der „Prosperität“ des Kapitalismus. Und die Wirklichkeit? Diese Jahre haben noch einmal gezeigt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem ein unhaltbares System ist, dass das sowjetische Wirtschaftssystem über Vorzüge verfügt, von denen kein einziger bürgerlicher Staat, und sei er auch der „demokratischste“, der „volksumfassendste“ usw., auch nur zu träumen wagt.

In seiner Rede auf der Konferenz der KPR(B) im Mai 1921 sagte Lenin:

„Jetzt wirken wir auf die internationale Revolution hauptsächlich durch unsere Wirtschaftspolitik ein. Auf die Russische Sowjetrepublik sind die Augen aller gerichtet, aller Werktätigen in allen Ländern der Welt ohne jede Ausnahme und ohne jede Übertreibung. Das ist erreicht. Die Kapitalisten können jetzt nichts mehr verschweigen, nichts mehr verbergen, sie suchen daher vor allem nach unseren wirtschaftlichen Fehlern und unseren Schwächen. Der Kampf ist im Weltmaßstab auf dieses Gebiet übertragen. Lösen wir diese Aufgabe, dann haben wir im internationalen Maßstab bestimmt und endgültig gewonnen.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 413, russ.)

Es muss festgestellt werden, dass unsere Partei die ihr von Lenin gestellte Aufgabe erfolgreich erfüllt.

 

Juli 1930 - Januar 1934

Band 13

 

Über die Aufgaben der Wirtschaftler

 

 

Begrüssungsschreiben an die Arbeiter der Erdöltruste von Aserbaidschan und Grosny

An den "Elektrosawod"

Magnitogorsk. An den Magnitogorsker Großbau

An den Vorsitzenden der Verwaltung der Traktorenzentrale  An alle Maschinen- und Traktorenstationen

An den Vorsitzenden der Verwaltung des Getreidetrusts   An alle Getreidesowjetwirtschaften

Neue Verhältnisse - Neue Aufgaben des wirtschaftlichen Aufbaus

An die Arbeiter, Techniker und das Verwaltungspersonal der "AMO"-Werke

An die Arbeiter, Techniker und das Verwaltungspersonal des Baus der Charkower Traktorenwerke

Nishni-Nowgorod Autowerke

Nishni-Nowgorod. An den Bauleiter und an den Direktor der Molotow-Autowerke

Saratow. An den Bauleiter und an den Direktor der Mähdrescherwerke

Magnitogorsk. Magnitogorsker Hüttenwerke

Den Erbauern der Dnjepr-Kraftwerke

 

 

Vereinigtes Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B)

 

 

Rede auf dem ersten Unionskongress der Stossarbeiter der Kollektivwirtschaften

 

 

Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag über die Arbeit des ZK der KPdSU(B)

 

Februar 1934 - April 1945

Band 14

 

Rede auf der ersten Unionsberatung der Stachanowleute

* * *

Rede auf der Beratung der besten Mähdrescherführer und -führerinnen

 

 

Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR